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Jüdische Rundschau · 1932-07-22 · Heft 58 (22.7.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 58 (22.7.1932)
Date
1932-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 276 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58, 22. VII. 1932 tiven) Aufgaben der Baseler Bank für Internationale Zahlungen gehört. Warum sollte man es für a priori unmöglich halten, daß eine derartige Stelle die ״Erschließung neuer Absatzgebiete“ durch — jüdische Einwanderer finanzieren helfen würde? Es liegt auf der Hand, daß die vorstehenden Sätze nur erste Anregungen geben können, und daß es leicht ist, alle derartigen Gedanken als utopisch zu belächeln. Aber von den Neunmalweisen ist ja selbst der Zionismus lange genug als Utopie verhöhnt worden, und die unerträgliche Judennot verlangt jedenfalls mehr als bloße unfruchtbare Skepsis — nämlieh den Mut, neue konstruktive Lösungen zu suchen. # tfew York, 19. Juli. (J. T. A.) Ke Leitung des American Jewish Congress hat beschlossen, die für den 14. August d. J. nach Genf cinberufene jüdische Weltkonferenz in Zürich mit dem gleichen Datum stattfinden zu lassen. Für diese Verlegung war der Wunsch bestimmend, die Konferenz in einer Stadt abzuhalten, die eine größere jüdische Bevölkerung besitzt und in der schon öfters größere internationale jüdische Konferenzen stattgefunden haben. Man rechnet mit etwa 100 Delegierten. Die Delegation aus Amerika besteht aus 30 Mitgliedern. * L o n d o n , 18• Juli. (J. T. A.) Die Frage der Teilnahme an der Jüdischen Weltkonferenz bildete den Hauptpunkt der Beratung des Board of Deputies in seiner letzten Sitzung. Es lag ein Bericht des Joint Foreign Committee vor, in welehern gegen die Teilnahme an der Weltkonferenz Stellung genommen wurde. Zur Besprechung der Motive für diese ablehnende Stellungnahme des Joint Foreign Committee wurde die Beratung für vertraulich erklärt. Es verlautet, daß zu der Meinungsverschiedenheit hauptsächlich die Frage Anlaß gab, ob die Weltkonferenz den von Entrechtung bedrohten deutschen Juden helfen oder aber schaden könnte. Leonard G. Montefiore, der Präsident des Board of Deputies, vertrat die Ansicht, daß eine Einmischung quswärtiger jüdischer Führer den Interessen der deutschen Judenheit schaden könnte. Dieser Ansicht trat Dr. Samuel Daiches entgegen, der darauf hinwies, daß Teile der deutschen Juden selbst auf der Weltkonferenz vertreten sein werden. Schließlieh nahm der Jewish Board of Deputies mit 36 gegen 32 Stimmen den Beschluß an, der Einladung keine Folge zu leisten. Die Jernsalemer Wasserversorgung London, 6. Juli. (J.T.A.) In der Sitzung des Unterhauses richtete David Grenfell (Labaur Party) an den Kolonienminister die Frage, wie viele Häuser in Jerusalem einer Wasserleitung nicht angeschlossen sind, und was die Palästinaregierung zu tun gedenkt, um der gegenwärtig in Jerusalem herrschenden Wasserknappheit sofort abzuhelfen; wann endlich die Jerusalemer Stadtverwaltung eine entsprechende Wasserversorgung der Stadt in die Wege leiten wird. Der Minister für die Kolonien, Sir Philip Cunliffe-Lister, erwiderte, er habe keine Informationen über die Zahl der einer Wasserleitung nicht angeschlossenen Häuser in Jerusalem. Seines Wissens würden im Hinblick auf die jetzt herrschende Wasserknappheit von Regierung und Stadtverwaltung gemeinsam Schritte unternommen, um eine ausreichende Wasserversorgung Jerusalems aus einer neuen Quelle in die Wege zu leiten. Gegenwärtig würden die finanziellen Aspekte dieses Planes erwogen, dessen Durchführung etwa zwei Jahre beanspruchen würde. __________ Antisemitische Unrnhen Io Polen Während die polnische Regierung erklären läßt, daß sie sich der in Preußen von den Nationalsozialisten heftig angegriffenen polnisch-jüdischen Staatsbürger mit aller Energie annehmen werde, sind in Polen, vor allem in der Hauptstadt Warschau, Exzesse gegen die Juden an der Tagesordnung. Die nationalsozialistische Presse hetzt weiter zum Boykott und nationalsozialistische Parteigänger überfallen jüdische Passanten in den Straßen. Im ehemaligen preußischen Teile Polens, Posen und Pommerellen, bestätigen die Gerichte auf Grund des alten hakatistischen Preußengesetzes von Juden getätigte Immobilienkäufe nicht, so daß die Juden in jenen Provinzen praktisch vom Immobilienerwerb ausgeschlossen sind. * Warschau, 19. Juli. (J. T. A.) Der Warschauer jüdische Arbeitersportverein veranstaltete einen Ausflug nach dem Mloczyn-Wäldchen, dessen Reinertrag zugunsten der politischen Häftlinge verwendet werden sollte. Am Vorabend wurde das Wäldchen von einer großen Abteilung Polizei umzingelt. Samtliehe an der Festlichkeit teilnehmenden etwa 400 jüdischen Arbeiter wurden verhaftet. Wie es heißt, ging bei der Polizei eine Anzeige ein, daß es sich bei der Veranstaltung um eine kommunistische Aktion handelt. Jerusalem, 18. Juli. (J. T. A.) Die Konferenz Allgemeiner Zionisten Palästinas beschloß, das Aktions-Comite der Zionistischen Organisation dringend aufzufordern, die im Berieht des Landentwicklungsdirektors Lewis French gemachten Vorschläge a priori zurückzuweisen und sich auf Versprechungen möglicher Verbesserungen nicht einzulassen. Arbeiterseminar in Palästina. Im Mai wurde in Dagania ein Seminar der palästinensischen Arbeiterpartei eröffnet. 50 Hörer aus den benachbarten Siedlungspunkten und Jugendgruppen aus verschiedenen Teilen des Landes beteiligten sieh. Das Seminar hat einen Arbeitsplan, der sich auf eine Zeit von drei Monaten erstreckt. Der erste Monat wird für die Siedlungen im Jordantal in Dagania, der zweite für den östliehen Emek in En Charod, der dritte in Nahalal veranstaltet Das Seminar wurde von J. Sprinzak eröffnet, weiter sprachen Ben Gurion, Dr. Ruppin, Dr. Arlosoroff, Benzion Jisraeli und Josef Baratz. Die Referenten waren: Dr. Ruppin: Die Lage der Juden in der Gegenwart; B. Dinaburg: Einleitung in die Geschichte des Zionismus; J. Wilkansky: Die Landwirtschaft in Palästina; M. Assaf: über die Araber; Ben Gurion: Die politische Verfassung Palästinas; Ben Zwi: Die Bevölkerung des Landes in Vergangenheit und Gegenwart; Baratz: Dagania: Budnik: Grundlagen der Arbeitererziehung; Berl Kaznelson: Die jüdische Arbeiterbewegung; Arlosoroff: Kolonialpolitik im Orient; E. Liebenstein: Sozialismus; Benzion Jisraeli: Kinereth. Der Dagania-Monat des Seminars wurde durch Referate von Baratz und Jisraeli über die Grundlagen der Kwuzah und durch eine Erörterung über die Zeitung der Partei, ״Dawar“, abgeschlossen. Im Juni wurde das Seminar in En Charod fortgeführt. An der Eröffnung daselbst beteiligte sich der Präsident des Aktions-Comites, Leo Motzkin, Die Referate fanden in den Morgenstunden statt, die Teilnehmet arbeiten nachmittags in der ,Wirtschaft Theodor Herzl Zun M. Todestag Von Albert Lon d r es, Der vor einigen Woehen auf tragische Art bei der Schiffskatastrophe des ״Georges Philippar“ bei Aden verunglückte Albert L andres ließ vor einigen Jahren ein Buch über seine Wanderungen in alle Ghetti der Welt unter dem Titel ״Ahasver am Ziel" erscheinen, das unter dem Titel ״Jude wohin?" im Phaidon•Verlag, Wien, vor einigen Monaten in neuer Auflage herauskam. Wir haben sowohl die Erstwie die Neuausgabe des Buches besprochen. Nachstehend reproduzieren wir einen Abschnitt aus dem Werke, der der Führerpersönlichkeit Theodor Hertls gewidmet ist. Diese begeisterte Schilderung ist Ehrung Theodor Herils und des Schriftstellers Albert Londres zugleich. Die 28, Wiederkehr des Sterbedatums Theodor Herzls fällt auf den 20. Tammus, den 2h. Juli. Red. In Wien, auf dem Döblinger Friedhof, befindet sich ein Grab. Der Mann, der darin Hegt, hatte ein außerordentliches Schicksal. Dreitausendzweihundertsiebenundvierzig Jahre nach Moses hat er die Nachfolge Moses’ angetreten. Er war mehr als ein König. Er hatte mehr als ein Zepter: er hatte Flügel. Seine Mission war größer als die eines Länderbeherrschers. Sein Ruf erschütterte die Welt. Er weckte ein Volk, das seit neunzehnhundert Jahren schlief. Er war Jude. Das Volk war Israel. Der Name des Mannes ist Theodor Herzf. Er wurde im Jahre 1850 in Budapest geboren. Man sagt, daß er ein Sepharde war, das heißt, daß er von Jenen spanischen Juden abstammte, denen die Inquisition so feurig ihre Liebe bewies. Dieser Abstammung verdankte er die Schönheit seiner Züge und die Majesfät seiner Haltung. ״So wie Saul“, schreibt Zangwill, ״überragte er an Größe seine Brüder; er hatte einen langen schwarzen Bart, leuchtende Augen und eine Gestalt wie die assyrischen Könige auf antiken Basreliefs. Seine Rede war faszinierend; er hatte eine zauberhafte Wirkung auf alle, mit denen er in Berührung kam, von Kaisern angefangen bis zu armen Juden, die stehen blieben, um den Saum seines Mantels zu küssen.“ Er war Journalist in Paris, Korrespondent der Wiener ״Neuen Freien Presse“. Dieser Tätigkeit hatte er sich im Jahre 1891 zugewandt. Er war Doktor der Rechte und hatte sich am Salzburger Gericht als Substitut im schwarzen Talar versucht. Aber der Instinkt seiner Rasse ließ ihn nicht in Ruhe. Er vertauschte den Talar mit der Reisetasche und wollte ein wenig sehen, wie die Welt beschaffen sei. Von der Reise berichtete er den Blättern seiner Heimat einige erstaunliche Dinge, die er sah, und der Ton, den er anschlug, ließ die ״Neue Freie Presse“ aufmerken. Sie spürte ihm nach, stöberte ihn in Spanien auf und schlug ihm die Sache mit Paris vor. Der unbekannte Reisende war einverstanden. Die alten französischen Parlamentsjournalisten dürften sich seiner wohl noch erinnern und unseren Mann vor sich sehen, wie er in der Abgeordnetenkammer unter der Treppe des Rotundensaals schreibt. Die auswärtigen Kollegen arbeiteten tatsächlich unter der Treppe. Seit einigen Jahren ist ein Lift an dieser Stelle. Der neue Moses unter der Treppe! Aber man kann vom Generalsekretär des Kammerpräsidenten schließlich nicht verlangen, das geheime Wissen eines Hexenmeisters zu haben! Herzl hatte Erfolg. Er brachte ein Buch, ״Das Palais Bourbon“, heraus, das man in Mitteleuropa mit Vergnügen las. ln Wien und Berlin spielte man seine Stücke. Die ״Neue Freie Presse“ machte ihn zum Leiter ihrer Feuilletonredaktion. Er war ein schöner Mann, und schön war sein Leben, als plötzlieh.... Als plötzlich die Dreyfus-Affäre ausbrach. In den Pariser Straßen hörte er schreien: ״Tod den Juden!" Bis dahin hatte Herzl als Dilettant gelebt. Man erzählt wohl, er habe als junger Bursch einmal zum Hausarzt gesagt: ״Für uns Juden gibt es nur ein Mittel, um ein geachtetes Volk zu werden: wir müssen nach Palästina gehen.“ — ״Wer sollte uns hinbringen?“ — Er soll geantwortet haben: ״Ich.“ Nachher aber schien er seine Mission vergessen zu haben. Wie seine Stammesgenossen hatte er seine Barmizwah gefeiert und ln der Synagoge hebräisch einen Thoraabschnitt vorgetragen. Damit hatten seine Bekenntnisse zum Judentum ein Ende. Sicher hielt er sich für einen guten österreichischen Staatsbürger. Der Ruf ״Tod den Juden!“ war für seine Seele wie das Aufleuchten eines Blitzes. Er stellte sich um. ״Auch ich“, sagte er sich, ״bin Jude.“ Daß dieser Ruf in Frankreich erhoben wurde, das vor allem war es, was ihn umwarf. Frankreich hatte seit mehr als 100 Jahren den Juden uneingeschränkte Menschenrechte zuerkannt. Es stand von allen Völkern dem Herzen Israels am nächsten. Wenn die Juden jetzt plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen hatten, wenn man alle den Verdacht entgelten ließ, der auf einem Einzelnen lastete, so war das ein Beweis, daß der Jude selbst in dem Land, das ihn am meisten begünstigte, noch nicht zu Hause war. Und an diesem Tag fühlte Herzf, wozu er beruf( n war. Er warf sein früheres Leben mitsamt seinen Erfolgen über den Haufen, er war wie im Fieber. Zur ersten Tat seiner Reinkarnation nützte er sein Handwerk: er schrieb ein Buch. Ein Buch? ״Gesetzband“ wäre eine richtigere Bezeichnung. Den fünf Büchern Moses’ fügte er seines hinzu. Er öffnete seinem Volk die Augen und sprach zu ihm: ״Schau, wie weit du es in den 1900 Jahren gebracht hast, seit du auf den Straßen der Erde einherziehst.“ Und nachdem er den Juden ihre wirkliehe Lage gezeigt hatte, stellte er das Problem der Rückkehr nach Palästina auf, und wie auf einer großen schwarzen Tafel, für die ganze Welt sichtbar, zeigte er den 14 Millionen der auf horchenden zerstreuten Juden die Lösung. Dieses Buch hieß: ״Der Judenstaat“. ״ich hatte noch nie etwas in einem solchen Zustand der Erregung geschrieben“, sagte er später. ״Heine erzählt, daß er über seinem Haupt den Flügelschlag eines Adlers hörte, als er gewisse Verse schrieb. Ich hörte über mir etwas wie ein Beben.“ Dieses Buch aber war alles und nichts. Herzl hatte eine Grundlage gegeben: nun galt es, den Bau aufzuführen. Herzl begann seinen Kreuzzug. Es gibt keinen zweiten in moderner Zeit, der gleich erstaunlich wäre. Zuerst stürzte er zum Baron Maurice von Hirsch. Wenn man kein Geld hat und einen Staat gründen will, muß man bei den Kassenschränken anklopfen. Baron Hirsch hatte hunderte Millionen geopfert, um das elende Los seiner Leute zu erleichtern. Er hatte für fünfzig Millionen Boden in Argentinien für sie gekauft. Das war ein Mann, mit dem sich etwas anfangen ließ. In den Augen des Barons war Herzl ein Niemand. Ein junger Mann, der ein Buch publizieren wollte. Der aber in sein Zimmer trat, war kein Bittsteller, sondern der Botschafter der Zukunft. Als der Baron, auf den eine solche Haltung Eindruck machte, anfangen wollte, mit seinem Gast zu debattieren, wehrte Herzl ab: ״Wir verlieren unnütz Zeit!“ Er schlug mit der Hand auf die Druckbogen seines Buches: ״Da steht alles drin!“ — ״Und das Geld?“ fragte der Finanzier. — ״ich werde eine jüdische Nationalanleihe ,von .10 Milliarden Mark auilegen“! erwiderte der Journalist. Man behauptet, Hirsch habe erwidert: ״Rothschild wird fünf Francs geben und die anderen Juden überhaupt nichts.“ Infolge der Erwähnung dieser 10 Milliarden wurden die Verhandlungen rasch abgebrochen. Am nächsten Tag aber schrieb Herzl dem Baron: ״Ich hätte ihnen meine Banner gezeigt und wie ich sie zu entfalten gedenke. Und wenn Sie mich ironisch gefragt hätten: ,Eine Fahne, was ist das? Ein Stoffetzen am Ende eines Stockes!‘ so hätte ich Ihnen erwidert: ,Nein, Herr, eine Fahne ist viel mehr als das! Mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, ja, sogar ins Gelobte Land.‘ “ Baron Hirsch starb. ״Der Judenstaat“ erschien. Herzl begab sich zu Zadoc-Kahn. Ais Oberrabbiner von Frankreich hatte Zadoc-Kahn keineswegs Lust, nach Palästina zu gehen. Schließlich war Herzl ein Ausländer, ein Oesterreicher, und wagte sich da an ein sehr verfängliches Problem. Herzl soll ihm gesagt haben: ״Das alles geht Sie nichts an? Gut! Sie sind israelitischer Franzose? Gut! Bei meinem Projekt handelt es sich in der Tat um eine rein jüdische Angelegenheit. Leben Sie wohl!“ Er ging nach London. Er machte dort großen Eindruck und hielt auch einige Reden. Hier, wie in Paris, ging ihm auf, daß er in der Wüste predige, und daß die armen Juden das Kreuz der reichen Juden sind, und daß es selbst im Namen eines Ideals sehr schwer sei, Leute, die gut untergebracht sind, zu veranlassen, ihre Wohnung aufzugeben. Seine ersten Fischzüge brachten ihm nur einen einzigen Jünger: Max Nordau. Der zionistische Gedanke aber, der von Herzl ausstrahlte, drang doch über alle Grenzen. Herzl proklamierte einen Weltkongreß. Auf dieses Signal hatten die Juden, denen an Ort und Stelle wohl war, nur gewartet, um mit ihren Angriffen loszulegen. Rabbiner aus London und Wien begannen den Sturm. Die deutschen Rabbiner denunzierten im Chor den falsehen Messias. Um die Flut, die ihn ersäufen will, einzudämmen, gründet Herzl ein Blatt, ״Die Welt“, und brandmarkt jene mit dem Wort: ״Synagogendiener“. Die Rabbiner siegen. München, das zum Kongreßort bestimmt war, weigert sich, Herzl aufzunehmen. Er kehrt um und wählt Basel. O, diese Basler Tage! Welch ein Schauspiel! Zum erstenmal seit zwanzig Jahrhunderten vereinigte sich Israel. Polen, Ungarn, Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Holländer, Amerikaner, Aegypter, Mesopotamier und Jemeniten — das sind beinahe schwarze Juden, fast schon Neger. Glatzköpfe, vor allem aber Bärte und wieder Bärte. Und Löckchen, die um die Schläfen tanzen! Ali diese Brüder, die einander noch nie gesehen hatten, betrachteten verblüfft ihre Nasen! Herzl zitterte vor dieser lebenden Landkarte. Würde sein Atem diese Seelen verschmelzen können, um aus ihnen nur eine einzige zu machen. Er bestieg die Tribüne, und bevor er zu sprechen begann, sah er mit seinen wunderbaren Augen die Menge an. Da geschah etwas Uebernatürliches. Völlig bezaubert erhob sich die Versammlung nach einem Augenblick des Zögerns von ihren Sitzen. Der über die Erde verstreute Stamm erblickte plötzlich vor sich das Abbild seines Stammes. Nach einem viertelstündigen Taumel kleidete Ben-Ami das Empfinden aller in Worte, er trat Herzl gegenüber und brach in den alten hebräischen Ruf aus: Jechi Hamelech! Es lebe der König! Er fuhr nach Berlin zu Wilhelm II. Die Staatskanzleien hatten sich über die Basler Vorfälle aufgeregt. Der Kaiser war neugierig auf diesen sonderbaren Menschen. Er empfing ihn. Wilhelm bereitete gerade seine Palästinareise vor, bei der er sich in Konstantinopel aufhaiten wollte. Also ging auch Herzi nach Konstantinopel. Hatte er nicht die Absicht, sich vom Sultan für Geld Palästina abtreten zu lassen? Wer konnte seine Sache besser vor dem Großtürken vertreten als Wilhelm? Denn wenn man auch damals in Frankreich über den Einfluß Deutschlands auf die Türkei nicht unterrichtet war — Herzl wußte Bescheid. Und Wilhelm empfing Herzl ein zweites Mai, im Yldis-Kiosk. Diesmal wohnte Reichskanzler Bülow der Unterredung bei. Herzi wurde schon wie ein Staatsoberhaupt behandelt. Ihm fehlte nur noch der Staat! Diese Unterredungen verliefen so, daß Herzl, den eine zionistische Abordnung begleitete, beschloß, Wilhelm nicht wieder auszulassen. Wilhelm wollte nach Jerusalem gehen? So wollte auch Herzl nach Jerusalem! Er schiffte sich ein. Und als beim feierlichen Einzug des Kaisers in die heilige Stadt Wilhelm, hoch zu Pferde, Herzl in der Menge erblickte, ritt er zu ihm hin und schüttelte dem König ohne Krone die Hand. Neuerliche Zusammenkunft in Jerusalem. Enthusiasmus der Juden. Rückkehr Herzls nach London. Zehntausend Juden drängen sich, um ihn sprechen zu hören. Herzi verkündet, daß man vor der Erfüllung stehe. Ganz Osteuropa zittert und streckt dem neuen Messias die Hände entgegen. Tage vergehen. Nichts Neues am jüdischen Himmel. Das Volk murrt. Herzl fährt wieder nach Konstantinopel, um den Sultan aufzusuchen. Er wollte ihm einen Charter vorlegen. Die tiiririschen Höflinge wehren ihm den Zutritt in den Palast. Sie wollen erst etwas von jenem Gold sehen, von dem Herzi gesprechen hat. Für die Türken war dieser Mann weniger als Prophet denn als Goldmacher interessant! Aber der Prophet siegte. Abdul Haimud lud Herzi zum Selamik. Herzi verließ ihn mit einigen Hoffnungen und dem Großkordon des Medjidjeordens. Es handelte sich nur noch darum, das Geld aufzutreiben. Paris lachte ihm ins Gesicht. London versprach ihm die nötigen Kapitalien, aber zuerst wollten die Engländer die Unterschrift des Sultans unter dem Charter sehen. Der Sultan dagegen wollte erst das Geld sehen, bevor er seine Unterschrift gab. Am Ziel angelangt, scheiterte Herzl, scheiterte daran, daß die jüdischen Bankiers ein Herz aus Gold hatten. Er machte sich an Carnegie heran, den Mann mit den kulturellen Interessen, an Cecii Rhodes, den Mann der Geschäfte. Der Geschäftsmann schien anzubeißen. Da starb er. Und wieder ging Herzl nach Konstantinopel... Der Sultan gab ihm in Therapia Wohngernächer wie einem Fürsten, mit Ordonnanzoffizier und Karosse. Herzl verlangte, der Sultan solle eine jüdische Kolonisation in Palästina zulassen. Der Sultan bot andere Länderstrecken in Kleinasien an, Palästina aber sollte nicht in Betracht kommen. Das war für Herzl so, als ob die letzte Mauer des Tempels fiele. Er reiste nach Rußland, suchte Plehwe auf, suchte Witte auf. Der Inhalt der Gespräche mit diesen Staatsmännern wurde dem Zaren unterbreitet. Herzl erhielt den Bescheid, Rußland würde keine Bewegung dulden, welche die russischen Juden aufsässig machen könnte, wenn es sich aber darum handeln sollte, ihre Zahl zu vermindern, so würde man Herzl unterstützen. Da wurde ihm Wilna zur Offenbarung. Bei seiner Rückfahrt machte er dort Halt. Wilna ist ein Jerusalem im Schnee. Zehntausende von Juden umringten das Hotei des neuen Messias und jubelten ihm zu. Der russische Gouverneur ließ seine Kosaken ausrücken. Die Nagaikas begannen ihren Tanz. ״Was geht denn vor?“ fragte Herzl. ״Warum werden diese Leute geschlagen?“ Man sah, er war noch nie in Rußland gewesen! Er wurde zur Bahn geführt, Kosaken umgaben seinen Wagen. Trotz der Schläge rotteten sich die Juden zusammen, um ihn zu segnen. Peitschenhiebe und Segensworte hielten einander die Waage, ״Das ist entsetzlich,“ sagte Herz!, ״entsetzlichi“

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