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Jüdische Rundschau · 1932-07-19 · Heft 57 (19.7.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 57 (19.7.1932)
Date
1932-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 57, 19. VII. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 273 der Tat versucht, die bestimmten Neigungen und Fähigkeiten der Siedler als einen Aktivposten in den Dienst der Kolonisation zu stellen. Die Siedler kamen nach Palästina nicht nur mit bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Ideen, sondern auch mit einem großen Enthusiasmus für landwirtschaftliche Arbeit. Hätte man mit rauher Hand an ihre Ideen gerührt, so hätte man damit auch ihren Enthusiasmus zerschlagen. Es kann aber gar nicht oft genug betont werden, welch gewaltigen Wert gerade der Enthusiasmus der Siedler für unsere Kolonisation hat. Dieses Out zu hüten, ist eine der wichtigsten Aufgaben jeder Kolonisationsinstanz. Es scheint mir, daß es gerade der größte Ruhmestitel der kolonisierenden Instanzen in Palästina gewesen ist, daß sie es im Gegensatz zu so vielen früheren Versuchen jüdischer Kolonisation verstanden haben, mit dem Menschenmaterial schonend umzugehen und die Ideen und Neigungen der Siedler langsam mit den Erfordernissen des landwirtschaftlichen Lebens in Palästina in Einklang zu bringen. Auf diese Weise ist den Siedlern der Enthusiasmus erhalten geblieben, der ihnen in den ersten schweren Jahren, als im Etnek noch die Malaria wütete, die Ueberwindung aller Schwierigkeiten erleichterte, und der bis zum heutigen Tage ein charakteristisches und von allen Beobachtern bewundertes Merkmal der Siedlungen im Emek geblieben ist. Trotzdem die Siedler im Emek noch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, findet sich bei ihnen nirgends ein Gefühl der Schwäche oder Verlust des Zutrauens in ihre Zukunft. Im Gegenteil, überall zeigt sich das feste Vertrauen, durch alle Schwierigkeiten hindurch die gemischte Wirtschaft zum Ziete zu führen und zu einer ausreichenden Existenzquelle für den Siedler zu machen. Sie fühlen sich dabei als Pioniere nicht nur für den Emek, sondern für ganz Palästina, denn die Erfahrungen im Emek haben ihren Wert für alle schweren Böden in Palästina und außerhalb eines kleinen Teils der Küstenebene haben wir überall in Palästina mit schweren Böden zu tun. Der Siedler, der seine Wirtschaft nur vom Standpunkt der Rentabilität ansieht, kann leicht in die Versuchung kommen, seine Wirtschaft zu verkaufen, wenn eine Krise die Rentabilität zerstört oder herabsetzt. Damit gehen die wertvollen landwirtschaftlichen Erfahrungen des bisherigen Siedlers und seiner Kinder verloren, und es kommt nicht zur Bildung eines mit dem Boden verwachsenen Bauernstandes. Bei den Siedlern im Emek hingegen, die ihre Wirtschaft nicht nur vom Standpunkt der Rentabilität, sondern als Teil ihres Lebens und als zukünftiges Lebenswerk ihrer Kinder betrachten, besteht die obige Gefahr nicht. Die neue Generation, die in den Siedlungen des Emek heranwächst und die von Kindesbeinen an mit allen landwirtschaftlichen Dingen vertraut ist, verspricht nicht mir, es ihren Eltern gleich zu tun, sondern sie in der Liebe zur Landwirtschaft und in landwirtschaftliehen Kenntnissen zu übertreffen. Das ist für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims wahrscheinlich keine geringere Gewähr als die bloße Rentabilität. 11. Schlußfolgerungen Es ist ein Irrtum zu glauben, daß mit der Orangenpflanzung nun für immer der einzig passende Typ für die jüdische Kolonisation in Palästina gefunden ist. In dem ewigen Kampf des Menschen mit der Natur, der rationelle Landwirtschaft heißt, gibt es kein System, das ewigen Bestand hat. Jedes Wirtschaftssystem unterliegt fortgesetzt gewissen Wandlungen, die durch die Wandlungen im Geschmack der Konsumenten, in den Verkehrsverhältnissen, in der Konkurrenz anderer Länder begründet sind. Das gilt für die Landwirtschaft in den kalten ebenso wie in den warmen Ländern. Fruchtbarer Boden, Sonne und Wasser sind nicht nur in Palästina, sondern im ganzen Mittehneergebiet und weit darüber hinaus in gleicher Weise vorhanden. Es ist keine Gewähr gegeben, daß die jetzige gute Konjunktur für Orangen im allgemeinen und für Palästina- Orangen im besonderen eine ewige ist. Deshalb steht eine Konjunktur-Kolonisation auf tönernen Füßen. Wir können nicht alle paar Jahre unsere Kolonisation je nach der Konjunktur von Grund auf ändern. Es ist leider eine jüdische Eigentümlichkeit, immer von einem Extrem ins andere zu fallen. Statt Adaptierung wenden wir uns nur zu schnell zur Revolutionierung. Das ungeheure Maß von Energie, Opfern und Geld, das wir bisher in unsere Kolonisation hineingesteckt haben, kann erhalten werden, wenn wir uns nicht von den post factum-Propheten leiten lassen, die bei jeder neu auftauchenden Konjunktur sich darüber ereifern, daß man nicht schon früher diese Konjunktur in Rechnung gestellt hat. Wenn wir uns vor Augen halten, daß unsere Kolonisation nicht nur ein Mittel zur Erzielung von Profiten ist, sondern gleichzeitig auch ein Mittel zur Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina sein soll, so muß sie sich auf alle wirtschaftlich für jüdische Kolonisation irgendwie geeigneten Gebiete in Palästina erstrecken. Die gemischten Wirtschaften haben in der relativ kurzen Zeit ihres Bestehens bereits bewiesen, daß sie es verstehen, sich in hohem Maße an die wechselnden Bedingungen des Marktes anzupassen und selbsterhaltend zu werden. Wenn wir weiter diesen Weg ruhiger Entwicklung und Anpassung beschreiten, und wenn wir den vom Keren Hajessoa noch nicht voll ausgestatteten Siedlungen im Emek in kürzester Zeit die ihnen noch fehlenden Produktionsmittel und Gebäude geben, dann ist meiner festen Ueberzeugung nach diese Kolonisation berufen, einer der festesten Pfeiler im Bau der Nationalen Jüdischen Heimstätte zu werden. Agudah and Minderheilen-Kongreß Auf dem Kongreß der nationalen Minderheiten war die jüdische Minderheit aus Lettland durch den Misrachisten, Sejmabgeordneten Dr. N u r o k , Und den agudistischen Sejmabgeordneten S. Wittenberg vertreten. Die Teilnahme eines Agudisten am Minoritätenkongreß veranlaßte den Geschäftsführenden Ausschuß der Agudas Jisroel, eine Sitzung abzuhalten, in der man sich mit der Stellung der Agudas zum Problem der nationalen Minderheiten beschäftigte. Die Teilnähme Wittenbergs konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Man einigte sich also auf eine gewundene Erklärung, in der die Aguda zum Ausdruck bringt, daß sie prinzipiell die Wahrnehmung der Rechte der jüdisehen Bevölkerung im Rahmen der einzelnen Staaten gehandhabt sehen möchte, daß man aber andererseits in gewissen Ausnahmefällen es als nützlich erachten könne, zu informativen Zwecken an einem internationalen Kongreß der Minderheiten teiizunehmen. D. h. die Aguda hat dem Sejmdeputierten Wittenberg einen Rüffel erteilt und bewegt sich nach wie vor im alten assimilatorischen Fahrwasser. Der palästinensische Vertreter des Geschäftsführenden Aus- Schusses, Rabbi Mosche Blau, berichtete über den p r e - kären finanziellen Zustand des Aguda-Scnul- Werkes in Palästina. Durch die schwere wirtschaftliche Lage in der Diaspora seien die Zuschüsse der Judenheiten sehr verringert, so daß man Schwierigkeiten habe, den Lehrern, trotz der vorgenommenen Reduktion, ihre Gehälter auszuzahlen. In Uzhorod wurde die Schaffung einer ״Orthodoxen Landeskanzlei für Karpathorußlan d“, eines Landesverbandes der jüdischen Gemeinden nach dem Muster der Preßburger Landeskanzlei, beschlossen. Zu den bevorstehenden zionistischen Tagungen Zwei Anregungen Von Dr. Hugo Schachtel (Breslau). I. An das Aktions-Comitd: Vor einiger Zeit verlautete etwas über eine von Bialik ausgehende Anregung, die jüdische Jugend in der ganzen Golah solle sich in einer Eingabe an den Völkerbund wenden und diesen ersuchen, Palästina mehr als bisher der jüdischen Jugend zu öffnen und zugänglich zu machen. Ich habe nichts davon gehört, daß man dieser Idee irgendwie nachgegangen wäre, daß etwa irgendeine jüdische Instanz die Durchführung einer umfassenden Aktion dieser Tendenz in die Hand genommen hätte. Die Anregung scheint mir doch aber so beachtenswert zu sein, daß man sie durchführen sollte. Die jüdische Jugend aller Länder ist heute in einer Lage, die immer aussichtsloser und trostloser wird, vielfach schon heute verzweifelt zu nennen ist, ohne daß irgendwo eine Aussicht auf Besserung wäre, als allenfalls in Palästina. Erfahren wir sogar, daß jetzt auch die jüdische Jugend in Amerika zu empfinden beginnt, was Galuth bedeutet. Die gesamte jüdische Jugend, weit über die zionistischen Kreise hinaus sucht nach einem Ausweg. Viele glauben ihn im Kommunismus, im Sowjetstaat zu erblicken. Sie glauben, Palästina komme nicht in Frage, weil es seine Tore ängstlich geschlossen hält und nur zeitweilig eine schmale Spalte öffnet. Das läßt sie zu kommunistischen Lösungsversuchen für ihr drängendes persönliches Problem kommen, zu vagen Hoffnungen auf Rußland. Aber sie alle und vor allem die, die sich noch nicht entschieden haben, werden sich gern an allen Aktionen beteiligen, von denen sie eine Erleichterung des Weges zu einer palästinensischer! Zukunft für sich erhoffen können. Es kann nicht schwer fallen, in kurzer Zeit bei einigermaßen organisierter Arbeit Hunderttausende von Unterschriften für eine solche Eingabe zu erhalten. Nur der Fordernde und Allgreifende vermag Schwung und Tatkraft aufzubringen und hat eine Chance zu gewinnen (wie das bei anderer Gelegenheit in der ״J. R.“ mit Recht gesagt wurde). Und der Völkerbund kann einer so dringlichen Vor- Stellung sich nicht verschließen. Es wäre Aufgabe unserer Exekutive bzw. der der Jewish Agency, dies zu organisieren Sie verfasse den Text und veranlasse die Ortsgruppen in aller Welt zur Sammlung der Unterschriften in einer möglichst kurz zu bemessenden Frist. Daß Petitionen an Instanzen des Völkerbundes nicht unbeachtet bleiben, sondern bedeutungsvoll werden können, zeigt ein Antwortschreiben Arthur Heudersons, des Präsidenten der Abrüstungskonferenz, auf eine ihm zugegangene Resolution. Es heißt in diesem Schreiben: ״Wir haben kürzlich hervorragende Manifestationen öffentlicher Meinung zur Unterstützung der Abrüstung erhalten, und ich bin überzeugt, daß der Erfolg der Konferenz zum großen Teil von solchen Kundgebungen der öffentlichen Meinung abhängen w i *d.“ Ein Mann wie Arthur Henderson sollte in solchen Dingen als sachverständig gelten. II. An den deutschen Delegiertentag: In der vorläufigen Tagesordnung vermisse ich einen Punkt, der mir gerade jetzt von besonderer Bedeutung erscheint: Organisierung der mittelständischen Alijah aus Deutschland. Die ״Jüdische Rundschau“ brachte zwar einige interessante und wertvolle Artikel zu dieser Frage, — das Palästina-Amt ist unter Leitung von Dr. Landauer bemüht, die Ortsgruppen mit Material zu versorgen und Interessenten zu informieren, — Dr. Brünn und Julius Berger haben in einzelnen Ortsgruppen mit einer Reihe von Alijah-Interessierten verhandelt. Es wäre aber vielleicht eine stärkere Zusammenfassung dieser Einzelarbeiten und vielleicht auch ein Zusammenschluß der Interessierten von Vorteil. Wenn manche Mittelständler mit dem Gedanken eines Hinübergehens spielen, aber doch zu keinem Entschluß kommen, so liegt dies vielleicht an der Vereinzelung dieser Mensehen und dem Nichtkennen der Gleichgestimmten und Gleichgerichteten. Die Genossen der Idee, die sich nicht kennen, müssen von einander erfahren und werden in Gemeinschaft eher zu Genossen der Tat werden. Man sollte diesen Dingen ein paar der allerdings kurzen Stunden des Delegiertentages widmen, wie es auch die tschechische Tagung getan hat. Vielleicht ist dann der eine oder der andere unserer oben genannten Palästina-Pioniere noch in Deutschland und könnte die Ausspräche mit einem Referat einleiten. Han* Goslars zweiter Rundfunk ־ Vortrag. Am 14. Juli hielt Ministerialrat Hans Goslar im Deutschen Rundfunk seinen zweiten Vortrag über ״Die Sozial- und Wirtschaftsethik des Alten Testaments״. Nachdem er im ersten Vortrag das Volkseigentum am Boden, die Institutionen des ״goel“, der ״schmita“, des ״jobal“, der ״peah“, der Darlehens- und ״Z’dokoh“-Pflicht, der Pflichten gegen den leichberechtigten Fremden, des Zinsenverbots und der Entapitalisierung des Geldes u. a. m. behandelt hatte, befaßte er sich in dem Schlußvortrag mit dem S a b b a t h und dem Arbeitsrecht. Die Ruhe des Sabbathtages, sagte Gosiar, ist als eine ganz absolute gedacht. Was sich hier offenbart, ist in stärkster Form die Unterordnung des Erwerbslebens unter den Geist, die Befreiung des Menschen aus seiner Arbeit, die sonst droht, zum Selbstzweck und damit zur Knechtschaft für ihn zu werden. Zwei Gefahren sollen vermieden werden: einmal die Entstehung des Menschentyps, der für nichts anderes mehr Sinn hat als für das Raffen von Geld und anderen Reichtürnern; und zum anderen der Typ desjenigen, der als abhängiger Lohnsklave sonst vom Joch einer eintönigen unbarmherzigen Arbeit zermürbt wird. Wie groß diese Sabbath-Idee ist, wird uns erst ganz klar, wenn man erwägt, welche gewaltige Zeitspanne seitdem verstrichen ist, bis die heutigen Kulturnationen im Versuch der Nachschaffung des Sabbathruhegedankens, zum Teil erst unter schweren sozialen Kämpfen, die gesetzliche Sonntagsruhe ganz oder teilweise eingesetzt haben. Nun zum Arbcitsrecht des Alten Testaments: Das alttestamentarische Recht und seine Praxis waren die einzigen der Kulturvölker des Altertums, die den Begriff des freien Arbeiters kannten und lückenlos ausgebaut hatten. Die großen Kulturstaaten Rom und Griechenland kannten nur Leibeigene und Sklaven, die ohne wesentliehen Rechtsschutz waren und den Herren auf Tod und Leben gehörten. Das Alte Testament aber gab dem jüdischen Volke ein Recht, das neben äußerst milden und menschlichen Bestimmungen über die Behandlung von Sklaven und Knechten auch alle Rechtsgrundsätze zum Schutze freier Arbeit enthielt. Die Hochschätzung der ehrlichen Arbeit und des Arbeiters kommt auch in der bürgerlichen Stellung des Arbeiters in Gesellschaft und Staat zum Ausdruck. Die Darlegungen wurden von Goslar mit zahlreichen Einzelheiten belegt, so daß der Hörer ein sehr eindrucksvolles Bild der Sozialgesetze des A. T. erhielt. Der Vortrag hat gewiß dazu beigetragen, die ethische Höhe des Judentums einem größeren Publikum, das von diesen Dingen nichts weiß, bekanntzumachen. Die belagerte Festung Zum 70. Geburtstag Ludwig Fuldas Von S. M e i s e 1 s. Am 15. Juli feierte der erfolgreiche deutsche Lustspieldichter Ludwig Fulda seinen siebzigsten Geburtstag. Fulda ist Jude, er hat jedoch im Laute seines langen schaffensreichen Lebens fast niemals zum Judentum und seinen Problemen Stellung genommen. Nur einmal, vor vielen Jahren, hat er in einem an den Direktor des Philanthropin in Frankfurt a. M. gerichteten Schreiben zu der Frage über das Verhältnis des Judentums zum Deutschtum frei und offen seine Meinung geäußert. Weniger der Geburtstag des Dichters, als die trübe bedrohliche Zeit, in die er fällt, läßt es uns für angebracht erscheinen, an jene freie Meinungsäußerung Fuldas heute zu erinnern. Ludwig Fulda schrieb: ״Ich bin ein Deutscher jüdischer Abstammung, und wenngleich ich der jüdischen Kirche ebenso fernstehe wie jeder andern, nenne ich mich mosaischer Konfession, weil man aus einer belagerten Festung nicht weicht. In der Realschule der israelitischen Gemeinde meiner Vaterstadt habe ich, bevor ich, elfjährig, ins Gvmnasium übersiedelte, die Grundlagen deutscher Bildung empfangen. Ich besitze keine andere. Goethe, Schiller und Lessing, so heißen meine Propheten; Kant und Schopenhauer, so heißen meine Evangelisten. Wer es bestreitet, daß ich ein Deutscher bin, den! lache ich ins Gesicht.“ Das ist ein persönliches Bekenntnis, und wir wollen es als geistiges Privateigentum des Dichters achten. Was aber diesem Bekenntnis besondere Bedeutung gibt, ist das Gleichnis von der belagerten Festung. Das Judentum gleicht einer belagerten Festung, die man nicht verläßt, weil sie sich eben im Belagerungszustand befindet. Dieser Gedanke hat übrigens schon seine Tradition, denn er ist durch Zeiten und Generationen gewandert. Und von jeher haben es viele Juden, die bedingungslos aufrechte Judcntumsmenschen waren mit seelischer Betrübnis wahrgenommen, daß wir einen Teil unserer Existenz denen zu verdanken haben, die unsere Existenz nicht wünschen. Der jüdische Schriftsteller Albert Klausner in Berlin soll sich einmal den blutig ernsten Scherz erlaubt haben, dem Hof- und Domprediger Stöcker seinen Dank auszusnreelien für die Dienste, die er, Stöcker, dem Judentum geleistet habe. Dies Geschichtchcn braucht an sich gar nicht wahr zu sein, aber es enthält in seinem innersten Kern eine Wahrheit, die jeden wahren Juden seelisch erschüttert. ln unseren Tagen hat das Fuldaische Gleichnis von der ״belagerten Festung“ leider eine ernstere und tiefere Bedeutung erhalten. Das deutsche Judentum gleicht heute wirklieh einer belagerten Festung. Nazibanden suchen sie im Zeichen des Hakenkreuzes zu berennen. Es ist für uns — im achadhaamistischen Sinne —■ ein ״halber Trost“, daß kein einziger Jude aus der belagerten Festung weichen wird; sie wird mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigt werden. Die Sturmangriffe der Nazi werden abgewiesen werden, weil sie abgewiesen werden müssen. Denn nicht nur das Judentum, die gesamte deutsche Kultur wird durch sie bedroht, jene deutsche Kultur, die durch Lessing, Goethe Kant und Schiller repräsentiert wird. In ihrem bei Rowohlt erschienenen vortrefflichen ״Beschwerdebuch“ weist Annette Kolb darauf hin, daß die Nazi, die ״Juda verrecke“ schreien, auch vor einem ״Goethe verrecke“ nicht zurückschrecken würden. Hier liegt in der Tat Juda und Goethe auf der gleichen Linie. Ja, mit dem wildwestmäßigen Ruf ״Juda verrecke!“ wird der Geist Goethes schon geschändet. Ein Sieg der Nazi, wie sie ihn erhoffen, würde nicht nur d#3 deutsche Judentum, sondern die gesamte deutsche Kultur in den Abgrund reißen- So weit wird es nicht kommen. Wir aber suchen den Weg, der den Juden herausführt aus der belagerten Festung, wo das jüdische Leben dem Börscnspie! gleicht, wo es eine Hausse und Baisse gibt in jüdischer Gesinnung. Wir wollen ein Judentum in Unabhängigkeit. Der Jude soll in seinem Judesein unabhängig bleiben von jeglicher Witterung von außen, der Wille zujn Judentum soll innerlich freiwirkend in seiner ganzen Natürlichkeit lebendig bleiben. Es soll nicht geschehen, daß der Judenfeind den Juden am Judentum erhält, oder (wie Ludwig Fulda es umschreibt), daß der Jude im Judentum verharrt, weil es eine von vielen Feinden umlagerte Festung ist. Wir wollen im Sturm wie im Sonnenschein gleich aufrecht bleiben. BUcherschaa Axel Munthe: Das Buch von San Michele. Paul List Verlag, Leipzig. Wenn in einer Zeit, in der das ״Bücher-Schreiben“ für viele ״Buch-Verfasser“ sich zu einem Sport entwickelt hat, das Werk eines Mannes erscheint, der es mit Entschiedenheit ablehnt, für einen ״Professional“ gehalten zu werden, und wenn dieses Werk von einer solchen Reinheit und so hoher Ethik durchstrahlt wird wie ״Das Buch von San Michele“ des schwedischen Arztes Axel Munthe, dann soll auch der jüdische Leser daraut hingewiesen werden. Obwohl der Autor jüdische Probleme direkt nicht berührt — es sei denn, daß mqn die Anklagen Munthes gegen dje Verlogenheit der ״Gesellschaft“, die ihm mit am deutlichsten sichtbar zu werden scheint bei Anwendung des sogenannten ״Tierschutzes“, in Verbindung bringt mit dei Schcchita-Frage. Es empört ihn, daß man gegen die Anwendung der Vivisektion — dem sichersten Mittel zur unerläßlichen Erforschung neuer Heilmethoden — Sturm läuft, solange dieselben Kreise das Jagen, Vogelstellen, die Pferderennen und all die anderen Tiermarter und mutwilligen Tiermorde für selbstverständlich halten — von den Menschenmartern und -morden ganz zu schweigen. Die Herren der Tierschutzvereine können jedenfalls von ihm, der, wie vielleicht kein Zweiter, Beziehungen zürn Tiere hat, ja seine Sprache versteht, lernen, was wirkliche Tierliebe ist und welche dringenden Aufgaben sie zunächst hätten, um der stummen Kreatur Qualen zu ersparen. Aber dieses ׳Buch handelt nicht nur vom Tiere, sondern vor allem von den Menschen. Von den vielen Menschen, denen ein begehrter Arzt in seinem Leben begegnet. Und durch das ganze Buch geht das Erleben dieses ״San Michele“, dieses El Dorado, das sich Munthe aus eigener Kraft auf einem gesegneten Stück Erde schafft, auf dem einst schon der Kaiser Tiberius eine Zuflucht suchte. Unmöglich, aller schönen Kapitel Erwähnung zu tun. Stilistisch ist das Ganze von einer grandiosen^ Einfachheit. (Die ausgezeichnete Uebersetzung besorgte G. Uexküll-Schwerin.) Kein Buch ähnlicher Art, diesem gegenübergestellt, würde m. E. einen Vergleich aushalten. Man muß ״Das Buch von San Michele“ gelesen haben, wenn man überhaupt ״etwas gelesen haben muß“. Manfred Geis. Das Comite des Delegations Juives hat mit der Veröffent- Iichung einer Reihe von Abhandlungen über verschiedene jiidische Probleme begonnen. Als erstes Buch dieser Reihe erschien eine Schrift von Leo Motzkin ״Die antisemitische Kampagne in Polen“. Motzkin veröffentlicht in dem Buche zahlreiche Dokumente betreffend Ursprung und Verlauf der antisemitischen Bewegung in Polen und verweilt eingehend bei den antisemitischen Unruhen im Herbst 1931.

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