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Jüdische Rundschau · 1932-07-19 · Heft 57 (19.7.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 57 (19.7.1932)
Date
1932-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 272 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57. 19. VII. 1932 Landwirtschaftsprobieme ln Palästina Anfang August noch vor der Oenfer Konferenz eine Beratung aller polnischen Konferenzdelegierten in Warschau zusammentreten zu lassen, um eine einheitliche Stellungnahme des poljiischcn Judentums auf der Weltkonferenz herbeizuführen. Der Londoner ״Jewish Chronicl e“, die führende englisch-jüdische Zeitung, weist darauf hin, daß sich der Board of Deputies der englischen Juden am kommenden Sonntag mit der an ihn seitens des American Jewish Congress ergangenen Einladung, an der Jüdischen Weltkonferenz in Oenf teil/.unehmen, befassen wird, und versucht, die Führer des englischen Judentums davon zu überzeugen, daß eine offizielle Teilnahme der englischen Judenheit an der Oenfer Konferenz n i c h t r a t - sam wäre, da diese nicht die Wcltjudcnheit vertreten wird und es ihr auch nicht gelingen kann, die Autorität einer jüdischen Vertretung zu erlangen; was sie bis jetzt erreicht hat, ist, eine Kontroverse hervorzurufen, die die tiefe Kluft zwischen den beiden gegnerischen Lagern im Judentum wieder aufgerichtet hat. Die Konferenz wird, schreibt ,,Jewish Chronicle“ weiter, nichts anderes sein als ein ״Wise’scher Debattierkiub“. Der Unabhängige Orden Bnei Brith in London beschloß in einer stark besuchten Konferenz einmütig, an der Weltkonferenz in Oenf teilzunehmen. Zionistischer Wahlsieg in Estland Kürzlich fanden in Estland die Wahlen zum dritten jüdisehen Kulturrat statt. Trotz der Kleinheit Estlands verdient dieses Ereignis auch außerhalb des Landes Aufmerksamkeit, weil Estland der einzige Staat in der Welt ist, wo die jüdische Minderheit die volle nationalkulturelle Autonomie und dementsprechend ein anerkanntes Selbstverwaltungsorgan besitzt. Der Ausgang der Wahlen ist ein Beweis für den starken Stimmungsumschwung zugunsten des Zionismus. Es beteiligten sich diesmal, wie auch bei den Wahlen zum zweiten Jüdischen Kulturrat (im Frühling 1929), drei Parteien: 1. der Zionistische Block ״für nationale Kultur und Erziehung“, 2. die Jiddischisten und 3. die sogenannten ״Sozialisten“ (ein Teil der zum Kornmunismus neigenden Arbeiterjugend). Der Zionistische Block hat einen überwältigenden Sieg errungen und beinahe drei Viertel aller Mandate erobert. Als Illustration diene eine Vergleichstabelle des Bestandes des zweiten und dritten Jüdischen Kulturrates: 1929 Zu- 1932 Za. Zionisten 6 aamrnea 9 15 8 12 20 Jiddischisten 3 6 9 1 3 4 ״Sozialisten“ 2 1 3 2 1 3 Zusammen 11 16 27 11 16 27 An den Wahlen beteiligten sich über 75 0/0' aller Wahlberechtigten. Der glänzende Erfolg des Zionistischen Blocks ist der regen Tätigkeit des Herrn Prof. Laserson, Riga, Herrn Ber Jacobson, Frau Jizkowitsch, der Zionistischen Frauen-Organisation ״Wizo“ und der stark herangewachsenen zionistischen Jugend zu verdanken. Auch die allgemeine günstige Palästina- Stimmung, sowie die Weltkrise und der Radauantisemitismus in Deutschland (der seine starke Wirkung auf die assimilierten Kreise nicht verfehlt hat) haben viel dazu beigetragen. Reval, im Juli 1932. Raphael Gurewitsch. Die nacht aas Biro Bidschan Moskau, 15. Juli. (J. T. A.) Die Flucht der jüdischen Einwanderer aus Biro Bidschan dauert an. Wie der femöstliehe Zweig des Komzet an die Komzet-Zentrale in Moskau telegraphiert, sind aus manchen Orten mehr als 50 °/0, aus anderen mehr als 20 °/0 der Einwanderer wieder fortgezogen. Jn dem Telegramm wird darauf hingewiesen, daß angesichts dieser Flucht der Beschluß des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, Biro Bidschan bis spätestens Ende 1933 zu einem jüdischen autonomen Rayon auszugestalten, vielleicht nicht wird durchgeführt werden können. Kornzet in Moskau wird um ״dringende wirkliche Hilfe“ ersucht. Es wird mitgeteilt, daß die Bautätigkeit infolge Mangels an Bauholz und anderem Material vollkommen stillsteht und die Nahrungsmittelversorgung infolge schlechter Leitung nicht funktioniert. ״Emess“ teilt mit, daß ein Küken 15 Rubel, ein Ei 2 Rubel kostet. Im Hinblick auf den infolge Massenabwancfer u n g entstandenen Mangel an Arbeiterhänden in den j ü - dischen Kolonien der Ukraine schlägt die Zeitung ״Emess“ vor, Juden in den Kleinstädten zwangsweiseauszuheben und zu Zwangs-Feldarbeit in die Kolonien zu schicken. ״Emess“ erklärt, daß viel? in den kooperativen Artels der Städte organisierten Juden während der Sommerzeit wenig Arbeit haben, sie sollten darum zeitweilig in die Felder gebracht werden, wo sie sich übrigens auch mit Nahrungsmitteln versorgen können. * Die Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Siedlung«- Werkes in der U. S. S. R. ״G e s e r d“ in Berlin sendet uns zu der in Nr. 53 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichten Notiz ״Die Propaganda für Biro Bidschan“ eine ״Berichtigung“, worin u. a. behauptet wird, daß sich die Geserd nicht an Assimilanten und an ihre Organisationen und auch nicht an die Bne Brith-Logen um Geld gewandt hat. Nach den uns neuerlich zugegangenen Informationen steht diese Berichtigung jedoch mit den Tatsachen im Widerspruch, da tatsächlich die Propagandisten der Geserd sich an Assimilanten gewandt haben und dort vielfach Entgegenkommen finden, weil man hofft, auf diese Weise eine Anzahl Ostjuden aus Deutschland wegbringen zu können. Es ist uns auch bekannt, daß die Geserd auf ihr Gesuch z. B. von einer Bne Brith-Loge in einer großen Stadt des Rheinlands eine Zuwendung erhalten hat. Geserd ״berichtigt״ ferner unsere Nachricht, daß den angeworbenen Auswanderern später gesagt wurde, sie könnten nicht weggesandt werden; in Wahrheit seien 50 Auswanderer am 25. Juni 1932 aus Deutschland nach Biro Bidschan geschickt worden. Obwohl diese Feststellung nichts besagt, da es sehr wohl möglich ist, daß außer den erwähnten 50 Personen noch andere Anwärter vorhanden waren, die man später — wie unser Gewährsmann behauptet — wieder zurückgestellt hat, haben wir keineswegs die Absicht, die Absendung von 50 Aus- Wanderern zfi verheimlichen. Wir haben sogar in der ״Jüdisehen Rundschau“ Nr. 55 darüber berichtet, daß diese aus Deutschland gekommenen Auswanderer gemäß Meldung des kommunistischen ״Emess“ in Moskau eine kleine Meuterei veranstaltet haben und sich weigerten, wegen der furchtbaren Unterkunfts- und Verpflegungsbedingungen die Reise nach Biro Bidschan fortzusetzen. Weiter wird ״berichtigt“, daß das gesammelte Geld nicht für kommunistische Propaganda verwendet werde; wer einmal einer Versammlung vom Geserd beigewohnt hat, wird schwerlich diese ״Berichtigung“ ernst nehmen können. Denn jeder unbefangene Teilnehmer muß das, was dort geschieht, kommunistische Propaganda nennen. Es ist also schwer zu verstehen, was diese Art von ״Berichtigung“ für einen Sinn haben soll. Eine notwendige Aufklärung Von Dr. Arthur Rup p i n. (Schluß) Die erfreuliche Entwicklung der jüdischen Privatinitiative in Palästina bringt auch eine gewisse Gefahr einer Einseitigkeit der Beurteilung mit sich, auf die in der ״Jüdischen Bundschau“ bereits wiederholt hingewiesen wurde. U'ir haben vor einiger Zeit den Artikel von A. Bawly veröffentlicht, der bereits versuchte, der Bagatellisierung der von der Jewish Agency seit zwölf Jahren geführten Siedlungsarbeit entgegenzuwirken. Besonders in einer solchen Zeit, wo die Verzweiflung an ihrer bisherigen Position viele Juden veranlaßt, in Palästina eine neue Existenz zu suchen, ist es höchste Pflicht, die Situation objektiv zu prüfen. Wir begrüßen es daher außerordentlich, daß Dr. Buppin, der selbst für die Siedlungsarbeit der ersten Jahre verantwortlich ist, sich entschlossen hat, in einer zusammen fassenden Darlegung einen Rückblick auf die Motive und die Entstehung der von der Jewish Agency geleisteten landwirtschaft liehen Sieillungsarbeit zu geben. Den Anfang dieses Artikels veröffentlichten wir in der ״./, B." vom 15. d. M. Red. 8. Die beiden parallelen Tendenzen ln der Kolonisation Die Zionistische Organisation hat übrigens keineswegs ausschließlich die Kolonisation auf Basis der gemischten Wirt- Schaft begünstigt und die Kolonisation auf Basis der Orangcnpflanzungen ganz vernachlässigt. Es gab von vornherein zwei parallele Tendenzen. Die eine war auf An- Siedlung von unbemittelten jungen Leuten mit landwirtschaftlicher Vorbildung in Siedlungen mit gemischter Wirtschaft gerichtet, die andere strebte dahin, bemittelten Juden, auch solchen älterer Jahresklassen und ohne Vorbildüng, die Ansiedlung auf der Basis von Pflanzungen zu erleichtern. Schon vor 25 Jahren war es klar, daß das ״nationale“ Kapital nicht alle Erfordernisse des Palästina-Aufbaus erfüllen kann. Es durfte und sollte dort eingesetzt werden, wo das private Kapital infolge ungenügenden Profits nicht hinströmt. Als im Jahre 1908 das Palästina-Amt gegründet wurde, war neben der mit nationalem Kapital erfolgten Gründung der Farmen Kinereth und Ben Schemen seine erste Tat die Veröffentlichung einer Broschüre ״über die Anlage von Pflanzungen“ durch Privatkapital. Die Entdeckung, die manche im Jahre 1932 machen, daß die Pflanzungswirtschaft für den Juden leichter und passender ist, findet sich schon ausführlich in dieser Schrift vom Jahre 1908. Auf Grund dieser und einer zweiten Broschüre ״Geber den Bodenkauf in Palästina“ bemühte sich das Palästina- Amt, im Auslande Gesellschaften von kleinen Kapitalisten (״Aehusot“) zu gründen zwecks Anlage von Pflanzungen in Palästina. Freilich war damals in Palästina die Mandelkultur mehr en vogue als die Orangenkultur, und die Begeisterung, die heute in Palästina der Orange gilt, galt damals der Mandel, die sich wie die Orange durch ihre Qualität auszeichnete und viele Jahre hindurch große Einkünfte gebracht hatte. Für diese privaten Kapitalisten wurden vor dem Weltkrieg durch die Palestine Land Development Company ziemlich große Bodenflächen in der Küstenzone erworben, so z. B. Kerkur, Chederah Seta, Kfar Malal usw. Nach dem Kriege änderten sich die Verhältnisse Insofern, als — abgesehen von der Stagnation im Orangenabsatz und vom Ausscheiden der Juden Sowjetrußlands die Inflation in den Ländern Mittel- und Osteuropas in der Zeit bis 1924 jede Kapitalsanlage in Palästina außerordentlich erschwerte. Das Vermögen, das in polnischer Währung einen Juden noch als reich oder wohlhabend erscheinen ließ, schrumpfte, in palästinensische Währung umgewechselt, zu einem lächerlich kleinen Betrage zusammen. Erst als mit der Stabilisierung der Valuta in den osteuropäischen Ländern dieses Hindernis verschwand und zugleich der Orangenexport wieder in geregelte Bahnen kam und große Einnahmen brachte, begannen sich wieder Juden mit einigem Kapital als Reflektanten für eine Kolonisation auf der Basis des Orangenbaus zu melden. Aber wie gering im Anfänge diese Meldungen waren, geht daraus hervor, daß die PICA, die seit 1926 in Pardess Ghana Kandidaten für die Ansiedlung mit einem Eigenkapital von 500 Pfund suchte und ihnen dafür eine Siedlungsstelle mit Haus, 15 Dunam Orangen usw. im Werte von 1590 Pfund zur Verfügung stellte, mehrere Jahre brauchte, um die relativ geringe Anzahl von Siedlungsstellen zu besetzen. Als dann aber der Zustrom aus Osteuropa etwas größer wurde, hat auch die Zionistische Organisation diesen Siedlern ihre Unterstützung nicht versagt*). Aus einem Artikel von Bawly in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 6. Mai 1932 geht hervor, daß die Zionistische Organisation insgesamt bisher angesiedelt oder finanzielle Hilfe bei der Ansiedlung gewährt hat: im Emek Jesreel und im Jordantale 1100 Familien, in der Pflanzungszone (darunter Nachlath Yehuda, Kfar Malal, Kfar Saba, Magdiel, Herzlia, Beth Chanan, Gan Schmuei) 574 Familien, bei Jerusalem (Kirjath Anawim, Ataroth) 54 Familien, gesamt 1728 Familien. Es ist also ein Drittel aller mit Hilfe der Zionistischen Organisation angesiedelten Familien (und zwar hauptsächlich solche, die etwas eigenes Kapital besaßen) in der Pflanzungszone angesiedelt worden. Das alles wird in dem Artikel von Granovsky mit keinem Worte erwähnt. Es scheint dort so, als ob die Zionistische Organisation ihre Tätigkeit lediglich auf Siedlungen ״mit dem Getreidebau als Grundlage“ beschränkt hätte. Ebenso geht Oranovsky völlig an der Tatsache vorbei, daß die Palestine Land Development Company, die zionistisehe Bodenkaufsgesellschaft, in der Küstenzone große Flächen gekauft und zum großen Teile an private Orangenpflanzer und Orangengesellschaften weiterverkauft hat. Die Palestine Land Development Company kaufte in Dunam: 1910-1929 1930-1931 ^0-1931 In Jehuda und Samaria 135 000 14 000 149 000 lm Emek Jezreei und Galiläa 308 000 19 000 327 000 443 000 33 000 476 00) Auch aus diesen Ziffern geht hervor, daß die Küstenzone keineswegs beiseite gelassen worden ist. Sie wurde allerdings vorwiegend als die Domäne des Privatkapitals betrachtet — und das mit Recht, da das Privatkapital im Emek nicht die ihm zusagenden Bedingungen gefunden hätte. *) Mit Asher Pierce aus Montreal, der 1925 die erste große Orangenpflanzungsgesellschaft gründete, war ich als damaliger Leiter des Kolonisationsdepartements vom Jahre 1921 an dauernd in engster Fühlung und ermutigte ihn in jeder Weise in seinem Vorhaben, das zur Anpflanzung des Oan Chajim und später zur Gründung einer zweiten großen Orangengesellschaft durch Lord Melchett führte. Für beide Gesellschaften kaufte die Palestine Land Development Company den Boden, 9. Die Jetzige Lege der Siedlungen mit gemischter Wirtschaft Nach Granovsky ist ״die Erkenntnis jetzt allgemein, daß die gemischte Wirtschaft nicht einmal das magere Einkornmen bringen kann, um die allernotwendigsten Bedürfnisse des Siedlers zu decken“. Zum Beweis für diese Behauptung führt er an, daß in einer Emek-Siedlung die Siedler im Jahre 1930 ein durchschnittliches Defizit von 40 Pfund hatten (Name der Siedlung und Quelle ist nicht genannt, anscheinend ist Nahalal gemeint), in einer anderen Emek-Siedlung (Tel Adaschim) im Jahre 1929 ein durchschnittliches Defizit von 20 Pfund. Aber ist Granovsky nicht bekannt, daß in den Jahren 1929 und 1930 die Siedlungen im Emek, die jüdischen sowohl wie die arabischen, von einer Mäuseplagc heimgesucht wurden, wie sie in diesem Umfange noch nie beobachtet wurde? Die Schäden, die durch die Mäuse angerichtet wurden, waren im Jahre 1929 so groß, daß die Regierung gezwungen war, den Siedlungen durch Darlehen zu Hilfe zu kommen. An manchen Orten hatten die Mäuse drei Viertel des Getreides auf dem Felde vernichtet. Im Jahre 1930 war der Schaden, den die Mäuse anrichteten, geringer als 1929, aber immer noch erheblich genug. Ein Defizit von 40 Pfund oder 20 Pfund in diesen beiden Jahren ist ganz oder zum größten Teil durch diese Schäden begründet. Im Falle Tel Adaschim kommt noch hinzu, daß diese Siedlung im Jahre 1929 noch nicht mit allen erforderlichen Produktionsmitteln (Kühen, Hühnerställen) ausgestattet war, sondern diese erst 1930 und 1931 erhielt. Von einer noch nicht voll ausgestatteten Wirtschaft kann man aber natürlich nicht volle Einnahmen erwarten. Die Rechnung ist im Falle Tel Adaschim auch insofern lückenhaft, als sie nur die Ba reinnahmen und Bar ausgaben in Betracht zieht, ohne zu bedenken, daß der Siedler am Ende des Wirtschaftsjahres vielleicht in einem vergrößerten Viehbestand usw. einen Gegenposten für das sogenannte Defizit besitzt. In dem laufenden Jahre 1931/32 werden die erwähnten Siedlungen, wie mir aus den Kreisen der Siedler berichtet wird, nicht nur kein Defizit, sondern einen Ueberschuß haben. Wenn man also nicht die beiden ״Mäusejahre“, sondern das normale Jahr 1931/32 zugrunde legt, so fällt die ganze Argumentation in sich zusammen. Mit alledem soll nicht gesagt sein, daß die gemischten Wirtschaften schon über alle Sorgen hinaus sind. Aber sie machen von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte. M. Smeliansky hat dies in einem Artikel im ״Bustenai“ vom Mai 1932 mit Enthusiasmus anerkannt und sieht den Beweis erbracht, daß die gemischten Wirtschaften lebensfähig sind. Dabei muß man in Betracht ziehen, daß die Landwirtschaft sich jetzt in der ganzen Welt in einem Zustande außerordentlicher Depression befindet und daß die Preise für Milch, Eier, Geflügel in den letzten Jahren sehr stark gesunken sind. Aber die gemischte Wirtschaft hat den Vorteil, daß, wenn ein Zweig der Wirtschaft leidet, ein anderer über das normale Maß hinaus ertragreich sein kann. In diesem Frühjahr schickten die Siedlungen im Jordantal jeden Tag Lastautos mit frischem Blumenkohl nach Damaskus und erzielten dafür außerordentlich lohnende Preise. Die Lastautos verließen am frühen Morgen Damaskus, trafen kurz vor Mittag direkt auf den Feldern von Dagania ein und waren spät am Nachmittag bereits mit dem Blumenkohl wieder in Damaskus zurück. Die Banane, deren Anbau in der Küsteirebene wegen Frostgefahr nicht unbedenklich ist, hat sich Im Jordantal sehr gut entwickelt, wenn auch ihr Export infolge von valutarischen Beschränkungen in manchen Absatz-Ländern, z. B. in Griechenland, zurzeit gehindert ist. In der von unserer landwirtschaftlichen Versuchsstation unterhaltenen Farm Djebatta im Emek werden seit mehreren Jahren erfolgversprechende Versuche mit der Anpflanzung von Feigen durchgeführt. Es hat sich gezeigt, daß Erdbeeren, Aepfei und Birnen sowie Kartoffeln, die bisher durchweg vom Auslande eingeführt wurden, im Emek gut gedeihen. Der Anbau von Leinsaat für Leinölerzeugung hat den Siedlern im Emek in den letzten Jahren gute Erträge gebracht. Auf der anderen Seite ist es möglich gewesen, in den letzten Jahren durch Einführung modernster Maschinen, wie z. B. der kombinierten Schneide- und Dreschmaschine, die Produktionskosten erheblich herabzusetzen. Sogar die Citrus-Früchte (Orangen und Grapefruit) sind den gemischten Wirtschaften nicht mehr fremd. In den vier zionistischen Siedlungen des Jordantales (Kinereth, Dagania A und B, Beth Sera) sind seit Jahren, zum Teil schon vor dem Kriege, Orangen und Grapefruits angepflanzt worden. Neuerdings haben es nach längeren Versuchen auch viele Siedlungen im Emek für möglich gefunden, aut gewissen Böden, die bis dahin für Citrus-Früchte nicht für geeignet galten, Grapefruits anzupflanzen. Die gemischte Wirtschaft hat eben den Vorteil, daß sie viel elastischer ist als die reine Orangenwirtschaft. Wo der Boden einmal mit Orangen bepflanzt ist, muß der Siedler bei dieser Kultur bleiben. In der gemischten Wirtschaft, in welcher der Siedler eine viel größere Fläche zur Verfügung und nicht so große Beträge für Pflanzungen in den Boden hineingesteckt hat, hat er eine viel größere Möglichkeit, seine Wirtschaft den wechselnden Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Die Orangenpflanzungen haben 50 Jahre und mehr gebraucht, um auf ihre heutige technische Höhe zu gelangen. Die Emek-Siedlungen haben erst eine etwa zehnjährige Erfahrung hinter sich. Es kann also nicht wundernehmen, wenn sie noch nicht die letzte Stufe der Entwicklung erreicht haben. Aber die Intelligenz und der Eifer der Siedler, die dabei von den Sachverständigen der zionistischen landwirtschaftlichen Versuchsstation in weitem Maße unterstützt werden, sind dauernd auf der Ausschau nach weiteren Verbesserungen und lassen eine weitere Anpassung der Wirtschaft an die Wirtschaftliehen Bedingungen erwarten. 10. Der psychologische Faktor Man macht häufig der zionistischen Kolonisation zum Vorwurf daß ihre Richtung nicht durch Erwägungen landwirtschaftlicher oder überhaupt ökonomischer Art., sondern durch Erwägungen psychologischer Natur bestimmt worden sei. Man hätte auf die Wünsche und Neigungen der Siedler, die aus Osteuropa kamen und von dort gewisse Ideen über Selbstversorgung aus der Wirtschaft mitbrachten, zu viel Rücksicht genommen. Aus dem früher Angeführten geht zur Genüge hervor, daß die gemischten Wirtschaften zwar durch die Erzeugung von Getreide, Milch, Gemüse, Geflügel usw. einen gewissen Teil des Eigenbedarfs des Siedlers decken, daß sie aber darüber hinaus einen viel größeren Teil der Produkte zu Markte bringen und daß von einer Beschränkung der Wirtschaft auf Selbstversorgung niemals die Rede war. Richtig Ist allerdings, daß hei der Planung der Kolonisation die Siedler und ihre Ideen und Neigungen nicht als eine miantite negligeable betra.'litet wurden. Sie galten picht als Ton in Töpfers Hand, aus dem der Töpfer alles nfachen kann, was ihm behebt. Es wurde vielmehr in

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