Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653406--23070-2681384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 268 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 56, 15. Vn. 1932 Dattaln sind, im Jahre 1030 infolge der wirtschaftlichen Deprcseion weniger kaufkräftig waren. Aber diese Abhängigkeit von wirtschaftlichen Schwankungen in fremden Lindern trifft natürlich auch für die Orange zu. Wenn die wirtschaftliche Depression in den Hauptexportländern der Pallitlna-Ofange ln den letzten zwei Jahren für deren Absatz noch keine schädliehen Folgen gehabt hat, so liegt es daran, daß der Orangenevport Palästinas von 3'4 Millionen Kisten im Verhältnis zu dem Gesamtkonsum an Orangen relativ klein ist und die Nachfrage nach erstklassigen Orangen noch nicht überschritten hat. Es ist nach Ansicht der besten Sachverständigen sehr wahrscheinlich, daß die Palästina-Orange ihren Markt in den nächsten Jahren noch wird erheblich vergroßem können. Aber trotz alledem wird es irgendwo einmal eine Grenze geben. In Palästina sind zurzeit außer den fruchttragenden 40 000 Dunam noch weitere 00 000 Dunam mit Orangen bepflanzt (davon etwa die Hälfte durch Juden). Nach 5 bis 6 Jahren werden auch diese 90 000 Dunam Früchte gehen. Statt der bisher exportierten 31,4 Mil* lionen Kisten werden dann 10 bis 12 Millionen Kisten zum Export gelangen müssen. Da ist die Frage nicht unberechtigt, ob damit die in Zukunft erhoffte größere Aufnahmefähigkeit der Märkte nicht bereits über das erlaubte Maß hinaus diskontiert ist. Mit mathematischer Sicherheit läßt sich diese Frage nicht beantworten. Sie hängt von außerordent'ivh vielen Faktoren ab, die ganz außerhalb des Rahmens der palästinensischen Wirtschatt liegen, nämlich von der Wirtschaftliehen Entwicklung in den Exportländern, von der Zollpolitik der Regierungen dieser Länder, von finanzpolitischen Maßnahmen usw. usw, Deshalb kann die Möglichkeit, daß in dem einen oder anderen Jahre das Angebot die Nachfrage übersteigt und dadurch der Markt für eine Reihe von Jahren erschüttert wird, nicht ohne weiteres abgewiesen werden. Die Juden besitzen, wie erwähnt, nur etwa die Hälfte der Orangenpflanzungen in Palästina. Die andere Hälfte gehört Arabern. Ebenso wie die Juden alljährlich weitere neue Orangenpflanzungen anlegen, tun es auch die Araber. Die Kontrolle der Produktion und des Marktes liegt also nicht allein in der Hand der Juden. Elm einem zukünftigen Ueberangebot zu steuern, müßten Juden und Araber zu einem Uebereinkommen über die Fläche neuer Anpflanzungen (ebenso wie über Verschiffungszeiten, Verpackungsart usw.) gelangen. Von einer solchen ״Kontingentierung" der Neupflanzungen sind aber beide Seiten zurzeit noch weit entfernt. Alan bepflanzt jedes Jahr neue Flächen und untergräbt dadurch den Monopolcharakter der Orange In der Zukunft. Abgesehen davon ist auch die Frage, wie die gewaltige Menge 1rangen junger Pflanzungen, die in der Qualität hinter den Orangen aus älteren Pflanzungen Zurückbleiben, ohne Schädigung des guten Rufes der Jaffa-Orange verkauft werden können, ein ernstes Problem. 7. Die Gefahren der Monokultur Die Gefahren einer Landwirtschaft, die sich auf ein einziges Produkt beschränkt und noch dazu auf ein Produkt, das seinen Absatz in fremden Ländern hat, sind bekannt genug. Es ist nicht nötig, hier im einzelnen auf die trüben Erfaßrungen einzugehen, die Brasilien mit seinen Kaffee-Plantagen, die malayischcn Länder mit Kautschuk, Aegypten mit Baumwolle, Kuba mit Zucker gemacht haben. Ueberal! waren diese Kulturen im Anfänge für die Landwirte eine Quelle des Reichtums. Aber die daraufhin vorgenommene Produktionssteigerung hat sie später zu einer Quelle des Elends gemacht. Granovsky gibt auch selbst die Gefahren der Monokultur zu, wie sie eine ausschließlich auf Orangenbau basierte Wirtschaft mit sich bringt. Er tröstet sich damit, ״daß es möglich sein sollte, andere hochwertige, exportfähige Monopol- Produkte in Palästina einzufithren, für welche Palästina natürliehe Vorteile bietet, und die Bemühungen der landwirtschaftliehen Forschungsinstitute und Kolonisationsbehörden spliten in dieser Richtung gehen“. Aber dieser fromme Wunsch besagt noch nicht im geringsten, ob und wann diese Bemühungen einen Erfolg haben werden. Bisher sind jedenfalls noch keine anderen exportfähigen Monopolprodukte efunden worden. Bis sie gefunden worden sind, bleibt desalb jede Siedlungstätigkeit, die nur auf Orangenbau basiert ist, allen Gefahren der Monokultur unterworfen. Das Schicksal unserer Arbeit darf nicht allein vom goldenen Apfel der Hesperiden abhängen. Auch aus diesem Gesichtspunkte ist die gemischte Wirtschaft für uns notwendig. Wenn die Orangenkultur in der Küstenebene ihr Gegenstück in anderen landwirtschaftlichen Zweigen in den übrigen Teilen Palästinas hat, werden die Gefahren der Monokultur verringert. Zwar kann der einzelne Orangenpflanzer in Jahren schlechten Absatzes seine Einnahmen ganz oder teilweise verlieren, aber die jüdische Landwirtschaft als Ganzes wird auch in Jahren schlechten Orangenabsatzes durch ihre anderen Zweige imstände sein, ein gewisses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. (Schluß folgt.) Taufe nfiizi nicht!. Die nationalsozialistische Landtagsfraktion im Preußischen Landtag erklärt in einer Großen Anfrage, von den sieben Kammervorsitzenden des Landegarbeit«- gerichtes Berlin seien gleich zu Beginn vier ״teils getaufte Juden, teils Disside-Semiten“ gewesen, Die Nationalsozialisten fragen das Staatsministerium, wie das Justizministerium die von ihm geförderte völlige Verjudung des Berliner Landesarbeitsgerichts rechtfertige. Sie verlangen, daß das Staatsministerium sofort die Säuberung des Landesarbeitsgerichts Berlin von jüdischen Richtern einleite. Zu den Angriffen der Nationalsozialisten gegen den Polizei- Vizepräsidenten Weiß äußert sich auch der Berliner Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“ in ausführlicher Weise. Bei dieser Gelegenheit schreibt er wörtlich: ״Ob Cs andererseits richtig ist, in dieser Zeit, wo die P 0 1 i z e i täglich politisch dreinschlagen muß, einen beim Gegner besonders verhaßten jüdischen Vizepräsidenten zu haben, ist eine andere Frage, die man sich längst hätte überlegen müssen." Die ״Frankfurter Zeitung“ rührt hier wieder an das in der jüdischen Oeffentlichkeit oft behandelte Problem der jüdischen Beamten in repräsentativer Stellung. Wie man sich auch zu dieser Frage stellen mag, sicher ist eines, daß man unter dem Druck des Gegners dessen in jeder Hinsicht ungerechtfertigten Forderungen auf Eliminierung eines jüdischen Beamten nicht nachgehen soll. Ein derartiger Akt wäre unseres Erachtens nicht nur prinzipiell, sondern auch taktisch ein schwerer Fehler. In unserer Notiz ״Die Gleichberechtigung der Juden" in der Nummer vom 12. d. M. haben wir auf eine im ״Berliner Tageblatt“ unter der Üeberschrift ״Ein seltsames Schweigegebot" abgedruckte Nachricht Bezug genommen. Hierzu meldet die ״Frankfurter Zeitung“ vom 12. d. M., daß der in Frage kommende Brief des Staatssekretärs Planck, dessen Veröffentlichung angeblich vom Schreiber verboten worden sei, an den Legationsrat im Auswärtigen Amte, Prof. Dr. Moritz Sobernheim, gerichtet wurde. Der Briefinhalt deckt sich mit den von uns gemachten Angaben. Wasser für Jerusalem Von unserem palästinensischen Korrespoadenten. gl, Tei-Awiw, 5. Juli 1932. in einer für die Öffentlichkeit bestimmten größeren Rede vor der Wasserkommission der Stadt Jerusalem hat der High Commissioner den Bau einer modernen großzügigen Wasserleitung in Aussicht gestellt, die die unerträglichen Wasserverhäftnisse in der Hauptstadt endlich für dauernd in Ordnung bringen 8011. Die Konzession der Regierung an den Griechen Mawromatis für eine Wasserversorgung Jerusalems, die noch aus der Türkenzeit datiert Und bisher jede großzügige Lösung dieses lebenswichtigen Problems der Hauptstadt aufhielt, ist endlich kassiert worden und der Weg für eine neue Konzession und damit zur Ausführung der Leitung ist frei. Mit der Kassierung der Mawromatis-Konzession Schließt eines der dramatischen, aber auch wenig rühmlichen Kapitel der englischen Administration ab. Daß die Wasserverhältnisse in Jerusalem unhaltbar waren, stand schon seit vielen Jahren fest, noch bevor die Engländer das Regime in Palästina übernahmen. Einer der Beweise dafür ist eben jene berühmte, heute berüchtigte Konzession, die Jerusalem aus den Nöten der Dürre erretten sollte. Die Konzession ist Jahre lang auf dem Papier geblieben und wurde dann von den Engländern erneuert; die Verhältnisse lagen einigermaßen unübersichtlich und der Gerichtshof im Haag wurde seinerzeit zur Schlichtung angerufen. Das Schicksal der verunglückten Konzession durchlief dann noch mehrere Stadien; sie gelangte von den Händen einer Gesellschaft in die der anderen, aber das Re-?ultat b'ieb gleich Null. Jerusalem blieb ohne eine ausreichende Wasserversorgung und die Not stieg im Laufe der Jahre anstatt abzunehmen. Da die große Arbeit nicht in Angriff genommen wurde, die Verhältnisse in der Stadt aber völlig unhaltbar zu werden drohten, wurden verschiedene Teillösungen versucht. Aus Quellen der Umgebung wurde Wasser in die Stadt geleitet, hier und da ein neues Reservoir gebaut, die Salomonisehen Teiche in der Nähe von Bethlehem gereinigt und ihre Zuführung zur Stadt restauriert. Ali das zusammen kostete wohl viele Mühe und gewaltige Summen Geldes, aber die Gefahr des Durstes für Jerusalem bestand weiter. In normalen Jahren konnte man sich einigermaßen durchschlagen, wenn der Regen die Zisternen wohlgefüllt zurückließ. Aber auch in dem ״inoilernen“ Jerusalem war die Regenfrage immer von höchster Bedeutung und manch einer, der nicht von Jugend auf an diese Verhältnisse gewöhnt war, wurde durch den drohenden Wassermangel abgesclireekt, in Jerusalem Wohnung zu nehmen. Waren doch auch Europäer, in bescheidenen Verhältnissen an den Luxus des ausreichenden Badens gewöhnt, gegen Ende des Sommers gezwungen, aufs genaueste mit dem Wasser hatis/uhalten, den Inhalt ihrer Zisterne für die Sommermonate zu berechnen und gegen den Herbst zu an dem allgemeinen Wettlauf um ein paar Liter Wasser teilzunehmen, der sich an den Ausgabestellen Morgen für Morgen abspielte. Je mehr Zeit verfloß, desto größer wurde die Opposition der Bevölkerung gegen die dilatorische Behandlung der Wasserfrage durch die Behörden. Die Munizipalität Jerusalem, seit Jahren berühmt für eine leichtherzige und nicht immer einwandfreie Behandlung der Stadtgeschäfte, versagte gründlich. Und die Zentralregierung, mitverantwortlich für das Wohl und die Entwicklung der Hauptstadt, stolperte immer wieder über jenen Stein des Anstoßes, genannt die Mawromatis-Konzession. Unter diesen Umständen ist die Erklärung des Oberkommissars über die Kassierung dpr Konzession und die Ausführung des großen Wasserprojektes ein wichtiger Markstein in der Geschichte der Hauptstadt. Wenn, wie versprochen, das Werk sofort einer Gesellschaft übergeben und in Angriff genommen wird, so ist nicht nur der gegenwärtigen Not abgeholfen, sondern auch der Weg zu einem Aufschwung der Hauptstadt bereitet. Denn wenn auch Jerusalem seiner Lage und Umgebung nach heute keineswegs die strategische und daher zentrale Bedeutung hat wie in alten Zeiten, 80 profitiert es doch als Hauptstadt eines in rascher Entwicklung begriffenen Landes von der initiative der Einwanderung. Und sein internationaler Klang und Reiz, die mannigfaltigen Interessen, die hier ihren Brennpunkt finden, tragen bei zu einem neuen Aufschwung der alten Stadt. Freilich, die Not ist zurzeit unerträglich geworden und die Erklärungen des Oberkommissariats sind wohl ein wichtiger Trost für die Zukunft, aber keine Hilfe für die Gegenwart. Denn selbst wenn es gelingen sollte, sofort mit einer Gesellschaft einig zu werden, was auch wahrscheinlich ist, so muß doch die Anlage einer Leitung vom Jarkon bis nach Jerusalem mehrere Monate, wahrscheinlich sogar ein volles Jahr in Anspruch nehmen, so daß die Stadt erst im nächsten Jahre Nutzen davon hat. Unterdessen wird die Lage nahezu verzweifelt. Unter den besitzenden Schichten schon wird die Unannehmlichkeit stark empfunden. Die Röhren füllen sich nur zweimal in der Woche, manchmal nur einmal in fünf Tagen, man speichert das Wasser, wenn es fließt, auf alle mögliche Weise, um in der ״trockenen“ Zeit irgendwie durchzukommen und die Badeziinmer, die in allen neuen Wohnungen heute schon zu finden sind, muten wie ein Hohn an. Wirklich bedenklich wird aber die Lage bei den ärmeren Volksschichten, den Bewohnern der alten Viertel, die zu einem großen Teile auf ihre Zisternen und die öffentlichen Wasserstationen angewiesen sind. Die Reservoirs lassen zum Teil schon jetzt, wo der Sommer eigentlich erst beginnt und die vier schwersten Monate gerade anfangen, den Grund durchsehen und viele sind schon völlig auf die städtische Wasserausgabe angewiesen. Diese arbeitet jedoch aus Ersparnisgründen nur einmal in fünf Tagen und an diesen Terminen staut man sich noch in der Nacht in langen Reihen mit den Wasserblechen in der Hand vor den öffentlichen Leitungen und wartet auf die Ausgabe. Es kommt bei diesen Gelegenheiten natürlich leicht zu Streitereien, besonders wenn nicht genügend Wasser für alle da ist, zudem bedeutet der Wasserkauf gerade für die armen Schichten eine drückende Mehrausgabe. Von ärztlicher Seite beurteilt man die hygienisehen Aussichten für diesen Sommer in der liauptstadt recht pessimistisch und von allen Seiten Wird die Regierung und die Munizipalität um sofortige Abhilfe bestürmt. Es wird vermut-!ich nichts übrig bleiben, als auf der Eisenbahn in Tanks Wasser heranzuschaffen. Das hat man schon in früheren trockenen Jahren getan und damit die schlimmsten Kalamitäten vermieden. Auch jetzt hat die Regierung, sobald sich der Ernst der Situation erwies, dasselbe Mittel benutzt, um die in Jerusalem stationierte Garnison zu versorgen. Es wurde ein spezielles Reservoir für das Camp gebaut und Wasser per Bahn herangeschafft. Der gleiche Ausweg wie für das Militär wird auch für die Gesamtbevölkerung ergriffen werden müssen. Denn so kann es unmöglich weitergehen. Im nächsten Jahre wird dann hoffentlich die Wasserversorgung Jerusalems bereits endgültig geregelt und die Not der trockenen Jahre ein Ding der Vergangenheit sein. In der Kwuza Mizra im Emek Jesreel versuchten zwei Wächter mehrere Beduinen, die ihr Vieh auf die Felder der Kwuza trieben, dazu zu bewegen, die Felder zu verlassen. Die Beduinen griffen die Wächter an, warfen Steine nach ihnen und versuchten, einem der Wächter das Qewehr zu entreißen. Bei diesem Ringen entlud sich das Gewehr von selbst und einer der Araber wurde getötet. Der Wächter, dem das Gewehr gehörte, wurde verhaftet. JJTA.) Die literarische Form der Bibel Btae tt«a« Hypothese Da• Problem der literarischen Komposition des Alten Testaments hat in den letzten Jahrzehnten die Wissenschaft besehäftigt und eine Fülle von Theorien über Quellschriften, Redak* tionen, Konjekturen, das Alter der einzelnen Stücke, und daran anschließend Rückschlüsse auf die altjüdische Geschichte zutage gefördert. Diese sogenannte ״Bibelkritik" lag in der Hauptsache in der Hand der protestantischen Gelehrten, von jüdischer Seite wurde nur wenig dazu beigetragen. Wenn auch 1m einzelnen durch neue Forschungen, Ausgrabungen usw. sich Immer wieder Korrekturen bisher als sicher angenommener Erebnisse ergaben, so ist die Methode und die Grundmeinung er Bibelkritik doch mehr oder weniger als allgemeine Meinung der gebildeten Welt, soweit Sie nicht kirchlich Orthodox denkt, anerkannt. Um so größeres Interesse wird es bei allen Kennern der Bibel und der jüdischen Geschichte hervorrufen, wenn ein jüdischer Forscher, Dr. Harry T örczyner, Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, mit einer Hypothese hervoftritt, die auf das literarische Problem des Alten Testaments ein ganz neues Licht wirft. Die Abhandlung Dr. Torczyners, die den Titel führt ״Das Literarische Problem der Bibel", ist in der ״Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft“ (Neue Folge, Band 10, KornmissiottsvCrlag Brockhaus,Leipzig) erschienen. Torczvner glaubt, einen Weg gefunden zu haben, um die biblischen Schriften nach einem einheitlichen Maß zu messen und ein einheitliches Urteil über den literarischen Charakter zu finden, das, Wenn es sich bestätigt, zu weitgehender Nachprüfung der bisher unbestrittenen Resultate der Bibelwissenschaft zwingt. Angeregt durch Einzelbeobachtungen im Zusammenhang mit dem Hohen Lied (dessen Titel nach Torczyners Meinung nicht ״Scliir Haschirim“, Lied der Lieder, was auf einen Schreibfehler zurückzuführen sei, sondern ״Schir Hascharim“, Lied der Sänger Salomos, lauten müßte), ferner aus Psalm 90/91, der Hiob- Dichtung u. a. kam der Verfasser auf die Vermutung, daß die Rahmenerzählung in der Bibel eine Viel größere Rolle spielt als man bisher annahm. Allenthalben finden sich in verschiedenen biblischen Büchern Verse, die nur als Reste einer verlorengegangehen längeren Erzählung zu verstehen sind, in deren Rahmen dann offenbar die verschiedenen poetischen Texte hineingestellt worden sind. Auf diese Weise kam Torczyner zu dem Schluß, daß ״die Rahmenerzählung mit Ei n 1 a g e d i c 11 tungen und Einlagereden verscliiciienster Art die einheitliche Form des biblischen Schrifttums ist.“ Dies wird nun an einer Fülle von Beispielen, die sehr eindrucksvoll sind, dargetan. Zunächst löst sich unschwer das Problem verschiedener Psalmen. Das Psalmbucli, sagt T., ist keine Sammlung aus Gebetbüchern, sondern eine Sammlung von Füll-Liedern aus dem Komplex der Geschichtslegende, die sich an die großen Männer der Vorzeit knüpft. Noch viel einschneidender aber ist das Ergebnis in bezug auf die Pro p h e t c n bu c 11 e r. Nach Torczyners Theorie gibt es überhaupt keine ״schriftstellernden Propheten“, sondern die Propheten-Reden sind Dichtungen, die von verschiedenen Dichtern erfunden wurden, um die aus den überlieferten Erzählungen bekannten Prophetengestalten zu verherrlichen. So erklärt sich auch das sonst unverstündliche parallele Vorkommen des gleichen Textes an verschiedenen Stellen, ferner die Hinweise auf eine spätere Zeit, die Stilverwandtschaft verschiedener Prophetenpersönlichkeiten usw. ״So wird vieles zunächst literarhistorisch zu erklären sein, was man in zahlreichen Darstellungen des Prophetismus psvdialogisch oder pathologisch zu erklären suchte.“ Ja, auch die gesetzlichen Teile der Bibel wären dann als ״Ei nl äf e“ in die Erzählung, somit als sekundäres Element zu betrachten, und es wäre dann möglich, daß viele Ausgestaltungen, in denen die Bibelkritik Entwicklungsstufen des Gesetzes sehen wöllte, in Wahrheit nur Gesetzes e n t w ü r f e sind, zu deren Dar- Stellung die Moses-Geschichte verwendet ist, ganz in Analogie zu jenem Entwurf, det im Buche Ezechiel enthalten ist. Es ist ohne weiteres klar, daß sich auf einer solchen Auffassung weitgehende, ja geradezu revolutionierende Schlußfolgerungen ergeben. Auf der anderen Seite wäre damit im Gegensatz zur Analyse der Bibelkritik die literarische Einheitlichkeit der biblischen Schriften wiedergewonnen. Die ge- Samte Bibel wäre dann eine groß« Dichtung, ״ein einziger großer Midrasch, in dem zahlreiche Geschlechter die Geschichte Israels nicht nur nüchtern erzählen, sondern dichterisch ausgestalten wollten.“ Eine interessante kleinere Arbeit, die teilweise auf der vorstehend wiedergegebenen Konzeption aufbaut, veröffentlicht Torczyner Unter dem Titel ״Vom Urslnn der Bibel“ in dem 49. Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In dieser Abhandlung zeigt T. an mehreren Beispielen, wie der ursprüngliche Sinn verschiedener Bibelstellen durch kleine Irrtümer der Abschreiber bzw. Redaktoren verdunkelt wurde und weist Wege zur Wiederherstellung des Ursinns und damit zu ungezwungener Erklärung. Es kann nicht unsere Aufgäbe sein, zu Torczyners Behauptungen hier kritisch Stellung'zu nehmen. Sicherlich werden seine Hypothesen nicht nur von orthodoxer Seite, sondern auch aus den Kreisen der Wissenschaff angefochten werden. Worauf es uns hier a!1katt1, ist, Kenntnis zu geben von einer jüdischen Gelehrtenarbeit, die für weite Kreise auch des ״Laien“-Pub!ikums von großem Interesse sein muß und die zeigt, wie gewaltige und fruchtbare Aufgaben noch vor der modernen Bibel-Forschung stehen. Kleine Nachrichten London 14. Juli. (J. T. A.) In der Sitzung des 4nglischen Unterhauses vom 13. Juli wiederholte Col. Wedgwood seine vor etwa einer Woche an den Minister des Auswärtigen gerichtete Frage, wie sich die englische Regierung verhalten werde, wenn sich die bekannte Entschließung des P r 4 u ß i - sehen Landtags, betreffend Beschlagnahme des Vermögens der in Preußen eingewanderten Ost ju den, auch auf solche in Deutschland wohnenden Bürger auswirken werde, die die englische Staatsbürgerschaft besitzen. Der Minister des Auswärtigen, Sir John Simon, erwiderte: Ich glaube, es besteht wenig oder gar keine Chancen, daß die Entschließung noch in dieser Session Gesetzeskraft erlangt. Auf Initiative des interterritorialen Verbandes der jüdischen Jugend findet vom 31. Juli bis 4. August in Antwerpen eine dem Problem ״Israel und der Weltfriede“ gewidmete Konferenz statt. Es werden folgende Themen behandelt werden: ״Nationalismus und nationale Kultur“; ״Krieg und Frieden“; ״Organisation des inneren und des äußeren Friedens“; ״Das Judentum und der Friede“. Jugendverbände Deutschlands, Frankreichs, Hollands, der Schweiz, Italiens, Oesterreichs, Amerikas, Aegyptens, der Tschechoslowakei, Palästinas, Englands und Belgiens haben bereits ihre Teilnahme zugesagt. Ferner haben ihre Teilnahme zugesagt Rabb. Dr. Baeck, Berlin, Prof. Martin Bub er, Aime Pallifere, Wladimir Jabotinsky, Jizchak Grünbaum, als Vertreter des internationalen Arbeitsamtes in Genf Dr. Cohen, ferner Vertreter des Weltverbands Makkabi, des Weltverbands jüdischer Studenten und des Haschomer Hazair.