Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-07-15 · Heft 56 (15.7.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 56 (15.7.1932)
Date
1932-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653406--23069-2681383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 56,15. VII. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 267 LandwirfschaffsproMeine Eine notwendige Aufklärung Von Dr. Arthur Ruppin. Die erfreuliche Entwicklung der jüdischen Privatinitiative in Palästina bringt auch eine gewisse Gefahr einer Einseitigkeit der Beurteilung mit sich, auf die in der ,,Jüdischen Bundschau'‘ bereits wiederholt hingewiesen wurde. Wir haben vor einiger Zeit den Artikel von A. Bawly veröffentlicht, der bereits versuchte, der Bagatellisierung der von der Jewish Agency seil zwölf Jahren geführten Sicdlungsarbeit entgegenzuwirken. Besonders in einer solchen Zeit, wo die Verzweiflung an ihrer bisherigen Position viele Juden veranlaßt, in Palästina eine neue Existenz zu suchen, ist es höchste Pflicht, die Situation objektiv zu prüfen. Wir begrüßen es daher außerordentlich, daß Dr. Ruppin, der selbst für die Siedlungsarbeit der ersten Jahre verantwortlich ist, sich entschlossen hat, in einer zusammenfassenden Darlegung einen Rückblick auf die Motive und die Entstehung der von der Jewish Agency geleisteten landwirtschaflliehen Siedlungsarbeit tu geben. Red. In der zionistischen Oeffentlichkeit wird jetzt im Zusammenhang mit dem Aufschwung der Privatinitiative und insbesondere der Ausdehnung des Orangenanbaues vielfach die Auffassung vertreten, daß die Siedlungstätigkeit der Zionistischen Organisation viel bessere Resultate erzielt hätte, wenn sie von Anfang an nicht die ״gemischte Wirtschaft“, wie sie im Emek Jesreel eingeführt wurde, sondern die Pflanzung von Orangen in der Küstenzone zum Ziel gehabt hätte. Unter diesem Oesichtspunkt wird an unserer Siedlungstätigkeit heftige Kritik geübt. Da über diese Fragen eine größere zionistische Oeffentlichkeit nur unzureichende Einzelkenntnisse hat, scheint es uns angebracht, die Siedlungstätigkeit, die vor zwölf Jahren begönnen wurde, einmal systematisch im Lichte der geschiehtliehen und wirtschaftlichen Tatsachen zu untersuchen. Als ein Beispiel einer derartigen Kritik bietet sich ein Artikel von Dr. A. Granowsky, einem leitenden Beamten des KKL, dar, der in Nr. 4/5 der Zeitschrift ״Palestine and Near East“ veröffentlicht wurde. Da er die weitverbreiteten Einwendungen zusammenfassend formuliert, soll seine Darlegung weiter unten mehrfach als Anknüpfungspunkt benützt werden. I. Mißverständliche Auffassung vom Wesen der gemischten Wirtschaft ,,^an sPr<cht häufig von den zionistischen Nachkriegs- Siedlungen als von Siedlungen die ״auf der Basis des Getreidebaus“ errichtet sind, und wundert sich darüber, daß man den Getreidebau zur Grundlage der Kolonisation machte, obwohl doch bereits früher in den untergaliläischen Kolonien der Ica der Beweis erbracht worden sei, daß der Getreidebau den Siedler nicht ernähren könne. Es ist schwer verständlich, wie selbst sonst informierte Zionisten diese irrtümliche Auffassung haben können. Die zionistischen Sied- Jungen sind ja gerade in bewußter Ablehnung des Getreidebaus der untergaliläischen Kolonien entstanden. Im Gegensatz zu den untergaliläischen Kolonien produzieren sie Getreide nicht für den Verkauf, sondern für den Selbstverbrauch oder als Futter für Vieh und Genügei. Nicht der Getreidebau, sondern Milchwirtschaft und Hühnerzucht stehen im Zentrum der Wirtschaft, und außerdem werden Gemüse, Weintrauben und sonstige unbewässerte Pflanzungen angebaut. Der Unterschied zwischen diesen beiden Wirtschaftstypen ist sehr groß. Die gemischte Wirtschaft im Emek ist eine intensive, den Siedler das ganze Jahr hindurch beschäftigende Wirtschaft; sie produziert frische Milch, Butter, Käse, Eier, Geflügel, Gemüse, Weintrauben für den lokalen Markt und ist vom Weltmarkt fast unabhängig. Die alte untergaliläische Wirtschaft ist eine extensive Getreidewirtschaft, die den Siedler während eines großen Teiles des Jahres unbeschäftigt läßt; sie muß das über den Selbstverbrauch hinausgehende Quantum Getreide im Inlande oder Auslande verkaufen und bekommt die Preise vom Weltmarkt diktiert. 2. Die Lage der palästinensischen Landwirtschaft im Jahre 1921 Wer im Jahre 1921, als die Zionistische Organisation gleichzeitig mit der Gründung des Keren Hajessod die neue Periode ihrer Kolonisationstäfigkeit begann, die Frage studiert hätte, welche landwirtschaftlichen Produkte am ehesten Aussicht auf sicheren Absatz haben, hätte niemals die Orange nennen können. Zu dieser Zeit war der Absatz der palästinensischen Orange so schlecht, daß von einer Rentabilität der Orangenpflanzungen keine Rede sein konnte. Kein Jude wollte eine Orangenpflanzung neu anlcgen. Im Gegenteil verkauften viele Juden ihre Orangerien zu Schleuderpreisen, zum Teil sogar an Araber. — Erstklassiger Orangenboden in der Nähe von Petach Tikwa, den die Palestine Land Development Company damals zu dem niedrigen Preis von drei Pfund pro Dunam ausbot, blieb jahrelang unverkäuflich. Die Juden erinnerten sich noch zu gut daran, daß während der vier Kriegsjahre und der zwei Naclikriegsiahre die Orangenpflanzungen infolge der Unmöglichkeit des Exportes überhaupt keine Einnahme gegeben, aber zu ihrer Erhaltung jährlich große Ausgaben erfordert und daß die Heuschrecken im Jahre 1915 viele Orangengärten gänzlich vernichtet hatten. Die Anpflanzung von Orangen galt damals als der riskanteste Zweig der Landwirtschaft. Heute ist das alles vergessen. Nun kann man in der Tat hoffen, daß eine Situation, wie sie durch den Weltkrieg geschaffen wurde, sich nie mehr wiederholen wird. Aber man darf nicht ganz außer acht lassen, daß auch jede geringere kriegerische Verwicklung, die den Schiffsverkehr im Mittelmeer stört oder wichtige Einfuhrländer der Orange versperrt, die Orangenpflanzer ihrer Einnahmen berauben und katastrophale Folgen haben würde. Gegenüber den Orangenpflanzungen waren während des Weltkrieges und einige Jahre danach die wenigen gemischten Wirtschaften der Zionistischen Organisation in Palästina geradezu Oasen des Wohlstandes in der Wüste der allgemeinen Not. Die Siedler prosperierten und konnten einen Teil der hungernden städtischen Juden mit Nahrungsmitteln versorgen. Auch in den deutschen Kolonien (Sarona, Wilhelma), die als erste die Milchwirtschaft nach modernen Grundsätzen eingeführt hatten, erwies sie sich als sehr rentabel. In Palästina war Milch ebenso wie Kuhkäse und Butter zu jener Zeit außerordentlich selten und teuer. Die Araber hatten und haben, da sie keine Stallfütterung kennen, nur während einiger Monate im Jahre Kuhmilch zu verkaufen. In der übrigen Zeit haben sie fast nichts. Die jüdischen Kolonien hatten sieh bis dahin noch nicht mit der Milchproduktion befaßt (wenn man von den Anfängen in den zionistischen Vorkriegs- Siedlungen Kinereth, Daganiah, Merchaviah und Ben Schemen absieht). Es kam vor, daß man in einer seit Jahrzehnten bestehenden jüdischen Kolonie nicht ein Glas eigener Milch, geschweige Butter oder Käse bekommen konnte. Andererscits war nicht nur in der bereits im Lande befindlichen jiidisehen Bevölkerung ein großer Bedarf an Milch, Käse, Butter fühlbar, sondern es war vorauszusehen, daß mit einer zu erwartenden großen jüdischen Einwanderung dieser Bedarf noch viel stärker werden würde. Bei diesen jüdischen Konsumenten durften die Produkte der jüdischen Siedler auf einen sicheren Markt, vielleicht sogar auf eine Vorztigsbehandlung rechnen. Hätten wir damals nichts getan, um diese Entwicklung vorwegzunehmen und mit der Mildiprcxluktion zu beginnen, so hätten andere Produzenten diesen Markt für sich erobert. Die 100000 Pfund, die Tnuwah in den letzten Jahren alljährlich aus dem Verkauf der in den zionistischen Siedlungen erzeugten Milch, Käse und Butter erlöst hat, wären dann nicht in jüdischen Händen geblieben. Das für Milch Gesagte galt ebenso für Geflügel, Eier, Gemüse und Früchte (mit Ausnahme von Orangen). Auch diese Produkte kamen damals zu dem jüdischen Konsumenten nicht aus jüdischen Kolonien, sondern ausschließlich von nichtjüdischen Produzenten «1er aus dem Auslande. In gleicher Weise wie die 103000 Pfund für Milch wären auch die 50 000 Pfund, die Tnuwah aus dem Verkauf dieser anderen Produkte der jüdischen Siedlungen in dem letzten Jahre erzielte, ohne die damals von der Zionistischen Organisation gegründeten und vom Keren Hajessod finanzierten Siedlungen der jüdischen Wirtschaft verloren gegangen. Die Preise für Getreide in Palästina und dementsprechend auch für Milch, Eier, Geflügel, Gemüse waren nach dem Kriege außerordentlich hoch und hielten sich viele Jahre auf dieser Höhe. Sogar wenn man erheblich niedrigere Preise als die damals herrschenden in Rechnung stellte, ergab sich, daß die Siedler bei einer rechtzeitigen Ausstattung mit Inventar und bei normaler Ernte alle ihre Ausgaben würden decken und nach einem europäischen Standard würden leben können. Wer diese Zahlen im einzelnen kennenlernen will, findet sie in der im Jahre 1920 erschienenen Broschüre von Elieser Joffe über den ״Moschaw O w d i m“. Dort wird für jeden Siedler nach Abzug aller Ausgaben für Haushalt, Wirt- Schaft und Koloniespesen und nach Abzug von Zinsen für das Siedlungsdarlehen mit einem jährlichen Ueberschuß von zirka 200 Goldfrancs gerechnet. Der große Rückgang der Produkte der gemischten Wirtschaft trat erst seit 1925 und besonders stark seit 1929 ein. Ich glaube, daß niemand, der diese Dinge unparteiisch abwägt, darüber im Zweifel sein kann, daß im Jahre 1921 der Beschluß, die jüdischen Siedlungen auf Inlandsabsatz, d. h. auf Erzeugung von Milch und Milchprodukten, Eiern, Geflügel, Gemüse usw. einzustellen, durchaus berechtigt und das Gebot der Stunde war. Aber auch vom rückschauenden Standpunkte des Jahres 1932 bleibt die damalige Entscheidung richtig, sobald man nicht allein den größtmöglichen Ertrag, sondern das Gesamtresultat der Siedlungstätigkeit für den Aufbau der Jüdischen Nationalen Heimstätte zur Richtschnur nimmt. Hätte die Zionistische Organisation die Summe von einer Million Pfund, die sie aus den Mitteln des Keren Hajessod seit dem Weltkriege in die gemischten Wirtschaften investiert hat, statt dessen für Siedlungen auf der Grundlage der Orangenpflanzung aufg«wendet, so würden sich heute in der Küstenzone etwa 1000 jüdische Siedler und etwa 10000 Dunam Orangenpflanzimgen inehr befinden. Statt 65 000 Dunam Orangenpflanzungen, welche heute in jüdischen Händen sind, würden es 75 000 Dunam sein. Ist diese relativ geringfügige Vergrößerung in einem von Juden schon früher besiedelten Gebiete vergleichbar mit der Neuerwerbung und Neubesiedlung von 250 000 Dumam in dem damals von der jüdischen Kolonisation (abgesehen von Merch’awia) noch unberührten Emek? Würde unsere politische und wirtschaftliche Position im. Lande stärker sein, wenn wir statt des Emek und seiner Siedlungen heute 1000 Siedler und 10(WO Dunam Orangen mehr in der Küstenebene hätten? Ich glaube, niemand wird diese Frage bejahen. 3. Die Wichtigkeit des Emek Jeireel Nicht nur Erwägungen über die besseren Chancen für den Absatz der Produkte waren es, welche zur Gründung von Siedlungen mit gemischter Wirtschaft führten. Die Kolonisation ist in Palästina aufs engste mit dem Bodenkauf verbunden. Nur dort, wo man Boden hat, kann man kolonisieren. Pa- Iästina ist nicht ein Kuchen, aus dem wir uns nach Belieben die Rosinen hcraussuchen können. Wir sind vielmehr davon abhängig, welche Bodenflächen in freiem Markte käuflich sind. Die Möglichkeit zur schnellen Erwerbung großer, zusammenhängender Bodenkomplexe war in der Zeit nach dem Kriege, als der Zionismus von allen Seiten zu sofortiger kolonisalorischer Tätigkeit a!!getrieben wurde, nur in Emek Jesreel gegeben. Fast der ganze Emek war in der Hand einiger Großgrundbesitzer, die bereit waren, den Kaufpreis nicht auf einmal zu verlangen (das hätte die finanziellen Kräfte des Jüdischen Nationalfonds überstiegen), sondern ihn in sechs Jahresraten zu empfangen. Diese Böden wurden von Pächtern bearbeitet, die größtenteils die Böden erst vor relativ kurzer Zeit gepachtet hatten und ohne besondere Schwierigkeiten von den Verkäufern anderweitig angesiedelt oder in sonstiger Weise abgefunden werden konnten. Auf diese Weise standen für die jüdische Kolonisation sofort 60 (XX) bis 70 000 Dunam und später — sobald das Geld zum Kauf vorhanden war —■ weitere 200000 Dunam zur Verfügung. Von den ersten 60 000 bis 70 000 Dunam war ein, allerdings nur kleiner Teil durch Quellen (wie in Nahalal) oder vom Jaludflusse (wie im Nurisbloek) bewässserbar. — Im Gegensatz zum Emek war es in der Küstenebene viel schwieriger, große Bodenkomplexe zu erwerben. Hier gab es weniger Großgrundbesitz, und die meisten Pächter des Großgrundbesitzes waren nicht erst seit kurzem auf diesen Boden übersiedelt, sondern waren in eigenen Dörfern seit langer Zeit ansässig. Wir wissen aus der Erfahrung der letzten Jahre zur Genüge, wie schwierig es ist, solche Böden zu erwerben und in Besitz zu nehmen. Noch schwieriger ist der Kauf aber in den Fällen, in welchen der Boden den Fellachen selbst gehört. Bekanntlich ist in der Mehrzahl der Fälle nicht ein bestimmtes Stück Boden Eigentum eines einzelnen Fellachen, sondern der ganze Boden eines Dorfes gehört allen Einwohnern gemeinsam und der Verkauf eines Teiles des Bodens verlangt deshalb die Zu- Stimmung aller Dorfbewohner oder ein sehr umständliches gerichtliches Teilungsverfahren. Kaufverhandlungen dieser Art ziehen sich im besten Falle Jahre, und in manchen Fällen Jahrzehnte (im Falle Wadi el Chawareth 40 Jahre!), hin. Wollte also die Zionistische Organisation mit einem Schlage große zusammenhängende Flächen erwerben und damit den Auftakt zu einem neuen Tempo in der Kolonisation geben, so wies die größere Leichtigkeit und Schnelligkeit des Landerwerbs auf den Emek hin. Eine Hinausschiebung des Kaufes hätte leicht dazu führen können, daß die jetzt in den Händen weniger Eigentümer befindlichen großen Flächen bei dem Tode der Eigentümer unter viele Erben zersplittert wurden und dann vielleicht gar nicht oder viel schwerer zu kaufen gewesen wären. War also aus all diesen Erwägungen der Kauf des Emek eine dringende Notwendigkeit, so konnte hier infolge der klimatischen Bedingungen nicht der Orangenbau die Grundlage der Kolonisation bilden, sondern nur die gemischte Wirtschaft. in Palästina Der Emek Jesreel bildet das einzige große Quert a I Palästinas, die Einfallstraße, welche das Mittelmeer ohne Gcbirgsbarren mit dem Jordantal, mit Transjordanien, Damaskus lind Mesopotamien verbindet. Durch den Emek wird die Bahn oder die Autostraße von Haifa nach Bagdad führen. Durch den Emek geht die Rohrleitung, die das Petroleum von Mossul nach Haifa bringt. Durch den Emek werden einmal die aus dem Toten Meer gewonnenen Salze ihren Weg nach Haifa nehmen. Erst der Emek bildet die Brücke zwischen der jiidisehen Kolonisation in Jtidaea und Samaria einerseits und im Jordantale und in Galiläa andererseits. Der Erwerb und die Besiedlung des Emek hatte deshalb für uns eine Wirtschaft— strategische Bedeutung ersten Ranges. Diese Bedeutung wird sich in Zukunft noch steigern, wenn einmal die großen Gebiete von Beisan und Hule, wo noch viel Platz für eine intensive Besiedlung ist, der jüdischen Kolonisation erschlossen werden. Man muß von dem goldenen Schimmer der Orange ganz geblendet sein, um nicht bei einem Blick auf die Karte Palästinas und die Lage der jüdischen Siedlungen diese außerordentliche Wichtigkeit des Emek sofort zu erkennen. 4. Da« Orangengebiet Ist nur ein winziger Teil Palästinas Von den gesamten 12 bis 13 Millionen Dunam kultivierbaren Bodens in Palästina sind die 2 Millionen Dunam im Negew infolge der geringen Regenmenge nur unter besonderen Bedingungen für jüdische Kolonisation geeignet. Vdn dein übrigen Boden sind 5—6 Millionen Dunam Bergland und nur 5 Millionen Dunam liegen in den Ebenen. Für das Bergland besitzen wir leider bis heute noch keine für Juden passenden Siedlungspläne. Die amerikanische Expertenkommission hat bekanntlich vor der Inangriffnahme irgendwelcher Ansied* lung im Berglande gewarnt. Für die Vergangenheit war diese Warnung überflüssig, denn die beiden einzigen vom Keren Hajessod finanzierten Siedlungen im Berglande, nämlich Kirjath Anawim und Ataroth, sind in erster Linie nicht Berg- Kolonien, sondern yorstädtische Siedlungen, die durch ihre Nähe zum Jerusalemer Markt ihre ungünstigen Produktionsbedingungen überkompensieren und deshalb zu den rentabelstell Siedlungen gehören. Aber überall dort, wo nicht solche außergewöhnlich günstigen Marktbedingungen vorhanden sind, ist es in der Tat zurzeit für neue jüdische Siedler kaum möglieh, durch Landwirtschaft im Berglande ihren Unterhalt zu verdienen. Die wenigen fruchtbaren Gebirgstäler sind stark bevölkert und deshalb nicht käuflich. Auf dem durchschnittliehen mageren Gehirgsboden kann aber der jüdische Siedler mittels Getreidebau keinen europäischen Lebensstandard erreichen, und die Anlage von unbewässerten Pflanzungen (die Orange gedeiht im Gebirge nicht) verlangt kostspielige Terrassierungen, sehr viel Handarbeit und die Mithilfe von Frauen und Kindern bei der Arbeit — Dinge, die einer Neusiedlung von Juden sehr große Hindernisse in den Weg stellen, via größere jedenfalls als in den Ebenen. Wenn wir außer dem Bergland auch noch alle Ebenen, mit Ausnahme des für Orangenkultur tauglichen schmalen Küstenstreifens, von unserem Besiedlungsprogramm absetzen wollten — was bleibt dann? Von den fünf Millionen Dunam in den Ebenen sind für Orangenbau nach Schätzung der Sachverständigen nur etwa 500 000 Dunam tauglich. Von diesen sind zurzeit bereits etwa 130 000 Dunam mit Orangen bepflanzt und von den übrigen 370000 Dunam kommt ein großer Teil, weil in kleinen Flächen in und zwischen arabischen Dörfern verstreut, für jüdische Kolonisation kaum in Betracht. Es bleiben dann vielleicht noch 200 000 Dunam übrig, die, wenn auch nicht sofort, ap doch im Laufe der Zeit käuflich sein werden. Vom Standpunkt der Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina kann es unmöglich unser Ziel sein, uns auf diese 200 000 Dunam in der Küstenebene zu beschränken und eine kleine Enklave in einem nichtjüdisehen Palästina zu bilden. Erez Israel ist nicht nur dort, wo die Orange gedeiht. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, überall in den Ebenen die Kolonisation aufzunehmen, selbst wenn sie vom Standpunkt der Rentabilität zurzeit weniger aussichtsreich ist als die Orangenkultur. S. Bodenpreis-Politik Zu derselben Forderung kommen wir auch vom Standpunkt der Preispolitik. Würden unsere nationalen Fonds, wie Granovsky es vorschlägt, ihre ganze Bodenkaufstätigkeit ausschließlich in die Küstenebene verlegt haben, so würde dies ohne jeden Zweifel von Anfang an eine sehr starke Steigerung der Bodenpreise zur Folge gehabt haben. Der Boden, der in der Küstenebene unter einigermaßen normalen Bedingungen zu kaufen war, ist nach Meinung von E. Hank in, der sein ganzes Leben dem Bodenkauf gewidmet hat, restlos von Juden gekauft worden, und zwar zum größten Teil von Privatleuten und Pflanzlingsgesellschaften, zum kleineren Teile vom Jüdisehen Nationalfonds. Darüber hinaus wären Erwerbungen nur möglich gewesen, wenn man auch an verwickeltere Käufe herangetreten wäre und Phantasiepreise gezahlt hätte. Es ist ein selbstverständliches kaufmännisches Gebot, nicht alle Bodenkäufe in einem bestimmten kleinen Teil Palästinas zu tätigen. Die Bodenpreise i!1 der Küstenzone haben sich ohnehin in den letzten Jahren infolge der jüdischen Käufe verdoppelt und verdreifacht. Hätte man die Bodenkäufe in der Küstenebene für• die zionistische Kolonisation noch mehr in den Vordergrund gestellt, so ist gar nicht abzusehen, wie weit die Preise noch darüber hfnaus gestiegen wären. 6. Der Monopol-Charakter der Orange Man spricht jetzt gewöhnlich von der Orange als von einem hochwertigen Monopolprodukt und schließt daraus, daß dieses Monopolprodukt auch immer Monopolpreise haben werde. Hier liegt der entscheidende Irrt u m. Es ist richtig, daß Palästina infolge seiner besonderen klimatischen Bedingungen eine Orange hervorbringt, deren Qualität bisher in keinem anderen Lande erreicht wird (wenn man von Cypern absieht, dessen Orangen anscheinend der pa״ lästincnsischen ähnlich sind). Aber ein Monopolprodukt hat nur solange die Möglichkeit, Monopolpreise zu erreichen, als das Angebot darin die Nachfrage nicht übersteigt. Sobald dies eintritt, fällt der Monopolcharakter in sich zusammen. Ein Beispiel hierfür bietet die Dattelkultur in Mesopotamien. Hier gedeiht bekanntlich die beste Dattel der Welt und mehr als 80 n,'o der gesamten Dattel- Produktion der Welt kommt von hier. Der Export von Datteln aus Mesopotamien betrug: 1928: 1140)0 t im Werte von £ 1,230,000, d. h. £ 10,8 p. T. 1929: 130 000 t im Werte von £ 1,450,000, d. h. £ 11,1 p. T. 1930: 152 000 t im Werte von £ 813,000, d. h. .£ 5,3 p. T. Diese Ziffern zeigen klar, daß eine relativ gar nicht so große Zunahme des Exportes im Jahre 1930 den Preis der!Datteln pro Tonne fast um die Hälfte reduzierte. Als verschärfender Faktor kam freilich hinzu, daß die Vereinigten Staaten von Amerika, die die Hauptabnehmer für die mesopotamischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.