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Jüdische Rundschau · 1932-07-12 · Heft 55 (12.7.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 55 (12.7.1932)
Date
1932-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 55,12. VH, 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 263 Zum jüdUd&cn Berufsproblem Von Israel Tunis. Die allgemeine jüdische Not mit Ihren tiglich wachsenden Dimensionen hat auch einen großen Teil der jüdischen ßevßl* kerung Deutschlands in einen dauernden Angriff genommen. Diese Tatsache, deren Grund wie bekannt nicht in der allgemeinen wirtschaftlichen Krise allein, sondern auch in den besonderen Umständen der jüdischen Wirtschaft, wie in der eigenartigen Lage des jüdischen Volkes überhaupt zu suchen ist, hat die wachsameren jüdischen Elemente zur Einsicht geführt, daß es ein Gebot der Stunde sei, das Los der verarmenden und dem Ruin ausgesetzten jüdischen Schichten der Hirte des Schicksals nicht ganz preiszugeben. Dieser Einsicht sind verschiedenartige Anregungen ent- Sprüngen, darunter auch solche, die nicht nur auf die Linderung der gegenwärtigen Not ausgehen, sondern auf das Erfassen des ganzen Problems in seinem breiteren Ausmaße hinzielen. Zu den beachtenswertesten unter diesen Anregungen gehört zweifellos jene, durch welche die Umschich* tungsfrage zu einer Grundangelegenheit des deutschen Judentums erhoben wird. Aber auch in den Kreisen, die sich für Umschichtung erklären, sind die Auffassungen über dieselbe nicht selten ganz verschieden. Angesichts der Schwierigkeit des Problems können diese Meinungsverschiedenheiten nicht verwundern, zumal da die Krise im deutschen Judentum nicht vor ihrem Abschluß, sondem eher Im Anfangsstadium ihrer Kurve sich befindet Denn wenn der Eintritt einer jeweiligen Besserung im Lebens- Standard der deutschen Juden auch im Rahmen ihrer bisherigen wirtschaftlich sozialen Struktur nicht ausgeschlossen wäre, so ist aber die Wurzel des jüdischen Lebens in allen Ländern der Golah und somit auch in Deutschland erkrankt. Diese Erkenntnis wurde in Zeiten eines jeweiligen Lebensaufstiegs bei Juden (eine* Aufstiegs, der eigentlich Immer nur in bestimmten Schichten aufzutreten pflegte) von vielen als eine Uebertreibung oder gar als eine lebensfremde theoretische Ueberspitzung empfunden. Heute kann sich keiner : angesichts des erschütternden Bildes der jüdischen Wirklichkeit — dieser Erkenntnis verschließen. Die wachsende Schar der wirtschaftlich zusammengebrochenen jüdischen Existenzen In Deutschland ist mehr als in einer Hinsicht beunruhigend und sorgeerweckend. Auf drei Hauptmomente sei vor allem hingewiesen, welche die jüdische Lage hier bedingen. Das sind: 1. die allgemeine Notläge ln Deutschland, 2. der spezifische Charakter der jüdisehen wirtschaftlich-sozialen Struktur, die infolge der fortschreitenden Konzentration des Kapitals unhaltbar geworden ist, und schließlich der Antisemitismus. Da das erste der genannten Momente jenseits der Einwirkung unserer tatsichliehen, wie auch potentiellen Kräfte Hegt, so wollen wir es hier außer acht lassen. Angesichts des spontanen und beinahe verwirrenden Prolefarisierungsprozesses ganzer Schichten des jüdischen Mittel- Standes müßte der Gedanke einer organisierten und systematisch durchgeführten Umschichtung als der einzige Ausweg erscheinen. Unter Umschichtung versteht man hier im allgemeinen: die Notwendigkeit eines Ueberganges der Juden von ihren bisherigen sogenannten Kopfarbeiten zu manuellen Berufen. Man muß sich aber dabei vergegenwärtigen, daß dieser Uebergang nicht automatisch vor sich gehen kann, Die physische Arbeit des Menschen Ist nicht das Ergebnis seiner Muskelanstrengungen allein, sondern auch das Ergehnis der seelischen Kräfte, die ihn bewegen. Der Jüdische Mensch (in Westeuropa noch mehr als im Oden) steht der physischen Arbeit nicht nur mit Bedenken, sondern auch mit unbewußten seelischen Hemmungen gegenüber. Dies ist nicht etwa so zu verstehen, als ob der Jude nicht fähig wäre, auch physische Arbeit mit Freude auszuführen. Wer Juden bei schwerster physischer Arbeit gesehen hat, konnte sich davon überzeugen, daß es wenig Menschen gibt, die imstande wären, mit so viel bewußtem Glücksgefühl solche Arbeit zu verrichten, wie eben der Jude. Das Problem liegt offenbar auf einem anderen Gebiete. Ke jüdische Arbeiterschaft Deutschlands ist noch kein deutliches Gebilde, noch keine klar herauskristallisierte soziale Schicht. Sie ist erst am Beginn ihres Werdens. Als solche hat sie keine selbständige Psyche, noch kein eigenes Gesicht. Ihre Mehrung und ihr Wachstum ist durch die Reserven, die der wirtschaftlich entgleisende jüdische Mittelstand ihr täglich zuführt, bedingt. Diese Reserven, die das Objekt des Proletarisierungsprozesses und zugleich die Träger der Umschichtung sind, bringen verschiedenartige psychische Eigenschaften und Potenzen mit sich, die für die Gestaltung wie für das Ergebnis *der Umschichtung von entscheidender Bedeutung sein müßten. Der jüdische Mensch von heute wird von Hause aus (schon während seiner Jugendjahre) von einem seelischen Zwiespalt zermürbt. Aus dieser Not suchte er stets eine Zuflucht in intensiver geistiger Tätigkeit, um auf diese Weise einen Ausgleich für seine Inneren Konflikte zu finden. Der Durchschnitt der Juden stellt also einen geistigen Menschentypus dar. Das wesentliche aber im geistigen Menschen ist sein Hang zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die berüchtigte ״Oeldsucht“ der Juden, ihr Streben nach Reichtümern, nicht aus einer tiefen Bindung an materielle Güter alt solche (was dem wahren Geiste des Judentums überhaupt fremd ist) abzuleiten, sondern auf das Bedürfnis einer Kompensation der verlorenen Freiheit zurückzuführen ist. Der Hang zur Selbständigkeit und die Liebe zur Freiheit ist in der jüdischen Natur eben tief verankert. Die berufliche Umschichtung muß als eine Aktion betrachtet werden, deren Ziel ein radikaler Umbau der wirtschaftlich-sozialen Struktur der Juden ist Ein so tiefgreifender Umbau im jüdischen Organismus bedeutet nicht nur eine Veränderung des objektiven Charakters des jüdischen Volkes, sondern darüber hinaus eine psychische Umwandlung der jüdischen Massen. Die beruflich^ Umschichtung kann nur dann von historischer Bedeutung' sein, wenn der einzelne jüdische Mensch mit seinem neuen Beruf und der damit zusammenhängenden Lebensweise nicht nur eine äußert, sondern vor allem eine innere yerbundenheit fühlt. Hier liegt der Schlüssel zu den nicht gelungenen früheren philanthropischen Umschichtungsversuchen bei uns. Man wollte junge jüdische Menschen als Handwerker, Landwirte, Arbeiter erziehen und gleichzeitig hat man bei ihnen unbewußt eine Gering- Schätzung für diese Betätigung und Lebensweise entwickelt, indem man in Ihre Herzen bürgerliche Ideale und Einstellungen so erfolgreich pflanzte, Das darf in Zukunft nicht mein־ ge- «chehen. Wir müssen uns über die ungeheure Tragweite der vor uns stehenden Aufgabe voll bewußt werden. Wir müssen verstehen, daß wir uns in einem historischen Augenblick befinden, in dem das Dasein des jüdischen Volkes wieder einmal aufs Spiel gesetzt ist. Es handelt steh nicht um mrnnentane Maßnahmen gegenüber einer etwa nur zeitweiligen Not. Um auf die hiesigen Verhältnisse zurückzukommen: es geht nicht um die Rettung so und so vieler zusanimengebrochener jüdischen Existenzen in Deutschland, sondern es handelt sich um das ganze deutsche Judentum, welches, wenn nicht quantitativ, so aber qualitativ ein bedeutendes Glied im jüdischen Organismus ist. Es geht um die Erhaltung unserer Art. Das ist im jetzigen Moment identisch mit der Notwendigkeit einer Regeneration unseres Volkes. Wir brauchen Stärkung unseres Volkes. Wir brauchen Stärkung, um den sich ballenden Widerständen Trotz leisten zu können. Wir haben uns bis jetzt zu einseitig entwickelt und gelebt. Am westeuropäischen und somit auch am deutschen Judentum kann man das am deutlichsten sehen. Und deshalb, wenn wir berufliche Umschichtung sagen, müssen wir begreifen, was wir wollen. Wir wollen die Gesundung und Steigerung unserer Art. Wir wollen die bisher erreichten objektiven und subjektiven Werte weiter erhalten und vielfache andere Potenzen und Energien der jüdisehen Natur frei machen. Das können wir mit einer berufliehen Umschichtung schlechtweg nicht erzielen. Wir müssen dem jüdischen Menschen״ der zur manuellen Arbeit übergeht, ein breites Betätigungsfeld anweisen, auf dem er sich allseifig ausleben könnte: seine Werte und Möglichkeiten unbehindert entfalten. Wir müssen ihm Perspektiven eröffnen. Nur so können wir den jüdischen Menschen, der zur manuellen Arbeit übergeht, an diese Arbeit und an die damit zusammenhängende Lebensweise organisch binden. Nur unter dieser Bedingung kann die berufliche Umschichtung erfolgreich werden und zu einer Steigerung des Lebensgefühls und Lebensniveaus unseres Volkes führen. Im anderen Falle müßte die besprochene Umschichtung die in mehreren Kreisen des deutschen Judentums eingetretene Zersetzung eher begünstigen als aufhalten. Durch den Zwang der ökonomischen Entwicklung aus seinen bisherigen wirtschaftlichen Positionen, in denen er sich meistens selbständig betätigen konnte, herausgestoßen, sucht der Jude — nicht selten auf dem Wege vielfacher Irrungen — eine Zuflucht in manueller Arbeit. Auch hier aber stößt er bald auf heftige Widerstände. Nicht nur die herrschende Arbeitslosigkeit, sondern vor allem der sich immer mehr zuspitzende Antisemitismus in fast sittlichen Arbeitsstätten steht dem Arbeitsuchenden und um seine neue Existenz ringenden Juden unliebsam entgegen. Nicht weniger bedrückend sind die Feindseligkeiten, die den Juden, im Falle er schon Arbeit gefunden hat, seitens seiner antisemitischen Kollegen und Vorgesetzten verfolgen. In jüdisehen Betrieben, wenn auch in anderer Hinsicht, liegt die Sache nicht viel besser. Hier verhält man sich zum jüdischen Arbeitnehmer wie zu einem Gnadenkinde und daß auch in Fällen, wo der Jude sich ebenso leistungsfähig erweist wie der nichtjüdische Kollege und sogar in Fällen, wo seine Leistungsfähigkeit die Norm übersteigt. Daß die berufliche Um* Schichtung unter solchen Bedingungen nicht geeignet ist, den auch sonst zermürbten jüdischen Menschen seelisch aufzurichten und sein Selbstgefühl zu steigern, ist durchaus verstlndlich. Daß all.dies einem Jungen jüdischen Menschen» dessen Interessen und Lebensbestrebungen häufig auf einem mehr als billigen Niveau stehen, nicht sehr reizvoll erscheint und in ihm schwere Hemmungen gegenüber solcher Lebensweise entstehen läßt, darf nicht besonders Wunder nehmen. Hier liegt das Geheimnis der skeptischen Einsteilung des Juden zu manuellen Berufen. Nicht Mangel an Freude bei physischer Arbeit (wie viele annehmen) ist die Quelle jener Einstellung, sondern Mangel an menschenwürdige Bedingungen und Mangel an Perspektiven. Daneben droht dem deutschen Judentum, welches doch in diesem Lande als eine schwache Minderheit lebt, gerade in den manuellen Berufen mit ihrem nichtjüdischen Milieu eine vollkommene Entjudung oder, was ebenso schlimm ist, eine Verwässerung des jüdischen Selbstgefühls, eine Entfärbung des jüdisehen Empfindens, was letzten Endes zur Selbstentwertung und individuellen Charakterschädigung führt. Andererseits aber können wir infolge der bedrohlichen Lage des jüdischen Mittelstandes in Deutschland, der Erkenntnis, daß die Um- Schichtung ein Gebot der Stunde sei, nicht entweichen. Wo liegt der Weg? Es muß eine Linie gefunden werden, auf der jene Notwendigkeit mit den oben erwähnten Ueberlegungen in bezug auf die berufliche Umschichtung zu vereinbaren wäre. So ein synthetischer Weg wird durch die gegebene, objektive Sachlage wie auch durch die historischen Tendenzen des jüdischen Lebens (auch des jüdischen Lebens in Deutschland) vorgezeichnet, das ist: ״Ke jüdische Produktivgenossenschaft“. In diesem Zusammenhänge wäre das hier besprochene Problem nicht als Umschichtung, sondern eher als Neuschichtung zu benennen. Denn es geht um die Schaffung eines neuen Typus des produzierenden jüdischen Menschen, den Typus des jüdischen Produktivgenossen־ schafttcrs. * Die zivilisierte und zur Zivilisation erwachende Weit steht heute im Zeichen höchster Spannungen. Die Luft ist mit Elektrizität geladen. Die Erde ist wieder einmal — um mit Dostojewski zu sprechen — schwanger geworden. In dieser dramatischen Situation der Weltgeschichte ist Israels Erbe zweifach bedroht Denn nicht nur die Exponenten der flnsteren Mächte, die zu dieser Stunde mit vollem Eifer an ihrem Werke sind, trachten uns nach dem Leben, sondern auch vom hellen Morgen, den die Welt ersehnt, drohen uns schwere Gefahren. Wir kennen nicht das Gesicht des Kommenden; eines aber Ist sicher, das Kommende Ist nicht mehr weit von uns entfernt, wir vernehmen schon seine Schritte. Zu solcher Stunde gilt es, den Blick hemmungslos zu weiten und unaufhörlich auf der Wacht zu sein, denn mehr als jedes andere Volk schreiten wir am Rande des Zeitabgrundes. Vor altem müssen wir versuchen, in die Natur der über unserem Haupt schwebenden Mächte hineinzuleuchten. Was ist der Antisemitismus? Der Antisemitismus mit seinem ganzen ״wissenschaftlichen" Apparat ist in seinem Wesen nichts anderes als eine Rationalisierung dunkelster Triebe des nichtjüdischen Menschen, da־ mit sich selbst in dam inneren Konflikt gerat« ist, - sc Die moderne Psychologie unter der Aeglde Sigmund Freuds lehrt uns unter anderem das: der Vater, der dem Kinde die höchst gebieterische Instanz ist — durch seine Verbote, erzieherischen Maßnahmen, die daran* ausgehen, die Triebwünsche wie die Triebäußerungen beim «leinen Kinde zu beschränken und zu unterdrücken , der Vater also ruft gegen sich in dem Kinde nicht selten heftige Haßgefühle hervor. Wese in solchen Fällen meistens augenblicklichen Effektregungen, von Schuldgefühlen begleitet, werden vom Kinde verdrängt, ins Unbewußte abgeschoben. Es kommt oft vor, daß Im späteren Alter jene Verdrängungen als innere Erschütterungen sich auswirken und zu schweren seelischen Erkrankungen führen, die man als Neurosen bezeichnet. Wese und ähnliche krankhaften seelischen Vorgänge, die man im einzelnen so oft beobachten kann, treten Im Antisemitismus rls Massenerscheinung auf. Auch der sogenannte wirtschaftltehe Antisemitismus ist auf einen inneren seelischen Konflikt seiner Träger zurückzuführen. Es genügt, nur einen Blick in eine antisemitische Tageszeitung zu werfen, um zu erkennen, daß schon der Stil allein, also die sprachliche Ausdrucksweise dieser Menschen, auf infantile Bindüngen und schwere infantile Fixierungen schließen!Ißt. Der Antisemit ist —- wie jeder von uns — einem bestimmten Kulturmilieu entwachsen und trägt in steh wie jeder Kulturangehörige eine ״innere moralische Instanz“, ein Gewissen. Der Jude ist es, der durch die Bibel, durch seine religiöse Beeinflussung der Welt jenes Gewissen, also die moralische Instanz Im nichtjüdischen Menschen, aufrichtete. Da der Antisemit außerstande ist, sich von seinen infantilen Fixierungen zu befreien und seine übermäßige Triebhaftigkeit der inneren moralischen Instanz zu unterordnen, so gerät er in einen Konflikt mit steh selbst. Wes erweckt in ihm eine unbewußte Auflehnung gegen den Urheber des Konfliktes — folglich gegen den inneren Juden, gegen den Juden in sich. Wese unbewußte Aggression wendet er dann auf dem Wege einer Uebertragung gegen den äußeren, mithin gegen den wirklichen, den leibhaften Juden. Nun sehen wir, daß der Antisemitismus, der durch seine unmittelbare Auswirkung nicht selten so roh, so kulturlos be», rührt, seine Wurzel in den tiefsten Problemen der menschlichen Kultur und Ethik hat. Er ist einer der Orenzpunkte da Kultur, an welchem sie Ihre Auswüchse zeitigt, in Ihren eigenen Gegensatz übergeht, entartet. Demnach ist der Antisemitis» mus eine Angelegenheit der ganzen zivilisiert e n W e 11, und zwar eine höchst wichtige Angelegenheit. Der Kampf gegen ihn könnte nur dann aussichtsvoll erscheinen, wenn ihn die ganze zivilisierte Welt organisieren würde, genau wie es beispielsweise gegen die Tuberkulose heute geschieht. Der Kampf müßte schon im frühen Kindesalter einsetzen. Eine Aufgäbe, geeigneter für Seelenforscber und Seelenheilkundige als für Politiker oder Moralprediger. Das allgemeine Durchsetzen dieser Erkenntnis erfordert allerdings noch geraume Zelt. Unterdessen muß das jüdische Volk Wege finden, um rieh, in der Welt zu behaupten, trotz des Antisemitismus, der doch der typische Exponent aller echt reaktionären Strömungen ist.! We neue Zeit ist noch nicht endgültig herauskrUtaHislerfJ Sie bereitet sich erst vor. Eines aber ist schon jetzt deatHcH׳ erkennbar: Das Weltbild wird Tag um Tag immer mehr vorn Gepräge der A rbeit beherrscht We Arbeit, die während der Jahrtausende als erniedrigte Sklavin im Haushalte der Mensch* heit lebte, dringt heute mit einer unaufhaltsamen Macht und Elan zum Throne heran: »We Sklavin, wfaj..zur..,Köflfeit.fv* hoben.“ Es bereiten sich noch halb im Unsichtbaren neue Lebensformen vor, ein neuer Geist beginnt tätig zu werden. Mehr noch als jedes andere muß das jüdische Volk diesen!{ Prozeß Entgegenkommen, ihn begrüßen, will es nicht von dieser! historischen Entwicklung überstürzt werden und sein ganzes Dasein als Volk, als eigenartige Gemeinschaft aufs Spiel setzen. Das Wesentliche der nahenden Entwicklung besteht in der allmählichen Befreiung der Produktion und ihrer unmittelbaren Träger. We endgültige Befreiung des produzierenden Menschen bedeutet aber in diesem Zusammenhang die gemeinsame und direkte Uebemahme der vollen Verantwortung fürs Ganze. Der Vorposten dieser neuen Entwicklung ist die wachsende kooperative Bewegung in den fortschreitenden Ländern auf verschiedenen Gebieten der Produktion. Dem Juden kann die Anpassung an die steh neu bildenden Produktionsformen und der damit verbundenen neuen Lebens* weise nicht schwer fallen. Im Gegenteil! Mit der jüdischen Natur, in der — wie schon erwähnt — der Hang zur Selbständigkelt und die Liebe zur Freiheit tief verankert liegt, ist die kollektive Arbeits- und Lebensform in einem besonderen Sinne vereinbar. Denn unter dieser Lebensform kann da Einzelne, angesichts der modernen Technik, seine Fähigkeiten und Initiative am günstigsten entwickeln, wie auch sein rein Menschlieh es am würdigsten entfalten. Einen klassischen Beweis dafür erbringt die jüdische Kollektivbewegung in Palästina. We Juden haben nicht nur einmal bei Neuschaffungen auf dem Gebiete des Geistes- und Wirtschaftslebens entscheidend mitgewirkt. Sie haben es als Einzelne getan. Nun ist es ihre Bestimmung, bei der Erfüllung dieser neuen Aufgabe,.vor der die Welt steht, als geschlossene Gemeinschaft mitzuwirken. Es geht um die Veränderung der Lebensgrund läge, um die Neuorganisierung der menschlichen Arbeit wie um die sich daraus ergebenden entscheidenden Konsequenzen. We Erfüllung dieser Weltaufgabe ist zugleich die Erlösung aus unserer eigenen Not. Hier liegt auch die Linie unserer engen Zusammenarbeit mit der Welt für eine gemein« same Zukunft der Völker. Es gibt zwei Strömungen im heutigen Judentum, die auf eine Lösung der Judenfrage ausgehen. Die eine will die Lösung durch Auflösung des Judentums herbeiführen, die andere dagegen durch eine maximale Konzentrierung der jüdischen Kräfte und der jüdischen Massen durch eine Renaissance des Judentums. We jüdische Produktivgenossenschaft In Deutschland ist der einzige Weg, der dem deutschen Judentum die breitesten Perspektiven, eröffnet. Denn sie bedeutet nicht nur die Selbstbehaupteg des deutschen Judentums durch einen engen wirtschaftlichen Zusammenschluß, sondern darüber hinaus die PrädestinierUBg der jüdischen Masse in Deutschland für die Tendenzen der gegenwärtigen jüdischen Renaissance, deren synthetischer Ausdruck die territoriale Konzentrierung des jüdischen Volkes ist. Daß diese Konzentrierung in Palästina erfolgen muß, ist eine Behauptung, für die keine exakten Beweise zu erbringen sind. Doch der Zionismus ist auch keine exakte Wissenschaft. Der Zionismus ist eine schöpferische Inspiration des jüdischen Volkes, die ihm durch seine Geschichte wie durch seine Not schicksalhaft dugegeten w!mle. . ־־ v v ׳ -

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