Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-07-12 · Heft 55 (12.7.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 55 (12.7.1932)
Date
1932-07-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653405--23063-2681376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 262 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 55, 12. Vn. 1932 Lipsky und Morris Rothenberg stehende Gruppe gtstürzt und die Führung im amerikanischen Zionismus ging an die sogenannte Brandeis-Gruppe über, die zehn Jahre vorher aus der Führung verdrängt worden war. Diese Brandfis-Gruppe hatte freilich ein anderes Gesicht ab 1920, vor allem fehlte ihr die überragende Persönlichkeit von Brandeis, der schon wegen seines Alters im Hintergründe blieb. Die Hoffnungen, die viele an die Wendung von Cleve-!and setzten, wurden nicht erfüllt. Eines der prominentesten Mitglieder der Brandeis-Gruppe und Gegner von Lipsky, Stephen Wise, hat in Cleveland vor zwei Jahren eine Anklagerede gehalten, in der er sagte, der amerikanische Zionismus sei ״in einem Zustand moralischen und geistigen Bankrotts“. Man konnte daher erwarten, daß die Freunde des Herrn Wise, die die Führung übernahmen, alles tun werden, um diesen unbefriedigenden Zustand zu beseitigen. Leider muß jedoch gesagt werden, daß in den letzten zwei Jahren die Zionistische Organisation Amerikas wohl den Tiefstand ihres Verfalls erreicht hat. Nicht einmal äußerlich gelang es den neuen Männern, Ordnung zu stiften. Die organisatorische Basis wurde nicht konsolidiert, das Defizit wurde nicht verringert, die offizielle Presse hörte auf zu erscheinen und die finanziellen Leistungen für Palästina sind auf eine Stufe gefallen, die allein durch die wirtschaftliche Depression in Amerika, die natürlich gerechterweise in Betracht gezogen werden muß, nicht erklärt werden kann. Die Versprechungen, die von den amerikanischen Zionisten beim Kongreß gemacht wurden und auf die das Palästina-Budget der Jewish Agency aufgebaut war, sind nicht eingehalten worden, während die übrigen Länder, die zum Teil ebenso hart durch Wirtschaftskrisen betroffen sind, nicht wesentlich hinter dem Voranschlag zurückblieben. Der Kurswechsel im amerikanischen Zionismus vor zwei Jahren hat jedoch für die Weltorganisation beträchtliche Folgen gehabt. Er war die entscheidende Tatsache, die zum Sturz Dr. Weizmanns auf dem Baseler Kongreß 1931 führte. Die neuen Führer des amerikanischen Zionismus waren poiitische und zum Teil auch persönliche Gegner Weizmanns. Um so auffallender ist es, daß die Convention in Philadelphia vor einer Woche eine speziell an Dr. Weiz* mann gerichtete überaus herzliche Resolution angenommen hat, obwohl Welzmann dieses Jahr nicht in Amerika, sondern in Südafrika gearbeitet hat und auch keine offizielle Stellung in der Weltorganisation innehat, die ein spezielles Vertrauensvotum zwanglos erklären würde. Man muß nicht geradezu annehmen, daß in dieser Resolution ein beabsichtigter Affront gegen irgend jemand anderen enthalten ist, zumal da wir bisher gar nicht wissen, ob nicht noch andere Resolutionen, die nicht durch den Draht übermittelt wurden, gefaßt worden sind. Aber wenn nach diesem Winter die offizielle Tagung der Vertreter des amerikanischen Zionismus eine so dringende Aufforderung an den Privatmann Weizmann richtet, wieder nach Amerika zu kommen, so ist dies gewiß — gemessen an der Haltung der amerikanisehen Delegierten in Basel — als ein Stimmungs- Umschwung zu bewerten. Dieser Umschwung kommt aber auch in der Wahl des neuen Präsidenten zum Ausdruck. In der Presse wurde die Wahl eines neuen Führers als die wesentlichste Aufgabe der Convention bezeichnet. Als Kandidat wurde vor allem Emanuel Neumann genannt, der auf dem Kongreß von den Amerikanern in die Exekutive der Weltorganisation entsandt wurde. Es hätte einer alten Tradition entsprochen, wenn Neumann nun auch Vorsitzender der amerikanischen Organisation geworden wäre, denn auch Lipsky vereinigte jahrelang diese beiden Aemter. Neumann hat aber mit einer großen Gegnerschaft zu rechnen. Gehörte er doch vor Jahren selbst zur Lipsky-Gruppe, war eine Zeitlang Leiter des amerikairischen Keren Hajessod, hat aber dann immer mehr Anschluß nach der anderen Seite gesucht und ist schließlich in scharfe Gegnerschaft zu Lipsky geraten, worauf er sich der Weizmanngegnerischen Front anschloß. Innerhalb der Brandeis-Mack- Gruppe soll aber, wie manche jüdische Zeitungen Amerikas durchblicken lassen, kein übermäßiger Enthusiasmus für Neumanns Kandidatur geherrscht haben, nur Stephen Wise setzte sieh für ihn ein. Dagegen hat das Organ der Lipsky-Gruppe ״The Zionist“ in einer ungewöhnlichen Schärfe gegen Neumanns Kandidatur Stellung genommen.־ Es scheint, daß Neumann selbst, der aus Palästina die lange Reise nach Philädelphia zur Convention gemacht hat, sich von der Aussichtslosigkeit einer Kandidatur überzeugte. Weiche Vorgänge dann zur Wahl von Morris Rothenberg geführt haben, ist noch nicht zu übersehen, aber diese Wahl kann nicht anders gewertet werden als eine Niederlage derjenigen Gruppe im amerikanischen Zionismus, die auf dem Baseler Kongreß 1931 als dessen Wortführerin aufgetreten ist. Die neue Leitung des amerikanischen Zionismus findet ein ungeheures Arbeitsfeld vor. Alle Berichte stimmen darin überein, daß noch niemals die zionistische Stimmung in Amerika so groß war wie jetzt, wo die jüngere Generation, die in den goldenen Jahren der Prosperity aufgewachsen ist, zum erstenmal erlebt, was Golus bedeutet. Eine Wiederauferstehung des amerikanischen Zionismus zu Vollkraft und Leistungsfähigkeit ist aber eine Angelegenheit, die weit über das lokale amerikanische Interesse hinaus unsere ganze Bewegung angeht und für die Entwicklung Palästinas mitentscheidend ist. Das Schwergewicht der jüdischen Welt hat sich nach den englischsprechenden Ländern verschoben und für die Zukunft des jüdischen Volkes hängt viel davon ab, daß die große Judenheit der Vereinigten Staaten das ihrige zur jüdischen Erneuerungsbewegung beiträgt. Eine Doktorarbeit über jüdische Kunst. An der Lehrkanzel Strzygowski der Wiener Universität ist soeben eine Doktorarbeit angenommen worden, die dem Problem der jüdischen Kunst, von einer neuen Seite aus, nahe kommt. Der Verfasser der Arbeit, der Prager Paul K o e s e r, hat an der Hand einer illustrierten hebräischen Haggadah-Handschrift, im Besitze des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, den Nachweis erbracht, daß das Judentum eine ursprüngliche Kunst- Übung von abstrakt-symbolischem Charakter kannte. Mit dieser Erkenntnis rückt die altjüdische Kunst in die unmittelbare Nachbarschaft der altiranischen und islamischen Kunst. Hofrat Strzygowski hat die Theorien seines Schülers in einer Vorlesung an der Wiener Universität eingehend gewürdigt und die Ergebnisse dieser ersten Doktorarbeit über jüdische Kunst als wesentliche Erweiterung des bisherigen Gesichtspunktes angesprechen. Dr, W. B. Ddegierienfag der ftsdiedioflowaUidieii Zionisten Von unserem Berichterstatter. hl, Mähr. Ostrau, 7. JulL In der Zeit vom 5.-6. Jul! fand in Mähr. Ostrau der X. tschechoslowakische Zionistentag statt, der diesmal infolge einer neuen Wahlordnung, die das Wahlrecht nicht an die Entrichtung des Schekels und des Beitrages für die Landesorganisation knüpft und derzufolge auch die Anzahl der Mandate, nach der der Zahler von Organisationsbeiträgen für die Landes- Organisation berechnet wird, nicht so zahlreich beschickt war, wie die bisherigen Delegiertentagungen. Namens der deutschen Zionisten wurde der Delegkrtentag durch Gg.Wiener (Beuthen) begrüßt Es nahmen aber immerhin 120 Delegierte an den Beratungen teil, davon 94 mit Stimmrecht. Nach Parteien verteilt, ergibt sich folgende Zusammensetzung: Allgemeine Zionisten 45, sozialistische Zionisten 31, Radikale 18. Die Revisionisten hatten sich, obgleich sie noch dem Landesverbände angehören, nicht an den Wahlen zum Delegiertentag beteiligt, waren aber durch ihre Sprecher dortselbst vertreten, die quasi als Oiste zu allen sie interessierenden Punkten der Tagesordnung Stellung nahmen. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage der Schaffung eines T erritoriaiverbandes — dem Landesverbände gehören weder Poale Zion noch Misrachi an — die infolge einer ziemlich engen Verkettung von zionistischer Organisation und jüdischnationaler Landespoütik hierzulande eine besondere Note erhält. Nach gründlicher Durchberatung in den Kommissionen konnte eine alle Gruppen befriedigende Lösung gefunden werden, die, den guten Willen der übrigen in Betracht kommenden Gruppen vorausgesetzt, zur baldigen Schaffung eines Territorialverbandes führen kann. Einen breiten Raum in den Verhandlungen des Plenums und der Palästinakommission nahm die Frage der Förderung der Privatinitiative für Palästina ein. Zu diesem Punkte hielt Julius Berger ein Referat, in dem er die privatwirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas darlegte, und der Delegierte der Histadruth, Ben Aharon, ein Korreferat, in welchem er sich insbesondere mit der Wechselbeziehung der Tätigkeit privaten und nationalen Kapitals i| Palästina auseinandersetzte. Unter anderen Resoiutionen üoer diese Frage empfahl der Delegiertentag den Zionisten nur eine solche Beteiligung an privatwirtschaftlichen Unternehmungen, die eine Verwendung jüdischer Arbeit verbürgt. Der Exekutive der zionistischen Weltorganisation wurde für ihre Täfigkeit die Anerkennung ausgesprochen. Für diesen Antrag stimmten alle Parteien, auch die Radikalen. Eingehend beschäftigte sich der Zionistentag mit dem lawinenartigen Anwachsen der antisemitischen Bewegung, die von Deutschland ausgehend, heute bereits Gebiete erreicht, die bisher davon so ziemlich freigeblieben sind. Der Vorsitzende der tschechoslowakischen zionistischen Organisation, Dr. Rufeisen, führte unter stürmischer Zustimmung der gesamten Tagung darüber in seiner Eröffnungsansprache u. a. folgendes aus: ״Es wird auch heute nicht gelingen, durch noch so große Unmenschlichkeiten das Faktum der jüdischen schöpferischen Mitarbeit auf allen Gebieten der Kultur und Wirtschaft zu widerlegen. Daran können auch nicht vandalische Verwüstungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland, die Ueberfälie und Grausamkeiten gegen wehrlose jüdische Bürger und überhaupt die angekündigte Absicht, die Juden außerhalb des Gesetzes zu stellen, ändern. Eingedenk dieser Tatsache protestieren wir gegen alles, was gegen die Juden in Deutschland geschieht und was noch gegen sie im Schilde geführt wird. Wir dürfen jedoch nicht übersehen, daß nach deutschem Muster sich auch in der öffentlichen Meinung der Tschechoslowakei jene antisemitische Lehre ausbreitet, durch die Vernunft verdrängt und das anständlge Gewissen abgestumpft %erden soll, wir sprechen aber die Hoffnung aus, daß es den verantwortungsvollen Führern der tschechoslowakischen Republik gelingen wird, die Rückkehr in ein antisemitisches Mittelalter zu verhindern.“ Einstimmig wurde vom Delegiertentag die folgende Resolution angenommen: ״Mit Erschütterung und mit Entsetzen stellt der tschechoslowakische Zionistentag fest, daß sich in Mitteleuropa und speziell in Deutschland eine Welle hemmungsloser Feindschaft gegen alles Jüdische breitester Massen bemächtigt hat und daß von hier aus offen eingestandene Tendenzen aut Enteignung und Entrechtung der Juden nach Verwirklichung drängen. Derartige Bestrebungen, welche einen Bruch des in der zivilisierten Welt geltenden Grundsatzes des Rechtes und des Schutzes nationaler und religiöser Minderheiten darstellen, welche die Durchsetzung dieses Prinzips in ganz Europa gefährden und die Legitimation der Völker, die dieses Unrecht begehen, zur Verteidigung ihrer eigenen Minderheiten in Frag; stellen könnten, bedrohen nicht nur das Schicksal des jüdischen Volkes, sondern auch den Frieden Europas. Der Zionistentag stellt weiter fest, daß diese Entwicklung den Zusammenbruch der assimilatorischen Ideologie von dem Aufgehen der Juden in den anderen Völkern hat offenkundig werden lassen. Nur der Gedanke der nationalen Selbsthilfe des jüdischen Volkes und seiner Organisierung um die Idee der nationalen Wiederaufrichtung des Volkes in seiner Heimat in Erez Israel und in der Diaspora kann dem bedruckten jüdischen Volke die moralische Kraft und den Rückhalt in diesem schweren Kampfe geben.“ Der Davis-Cup. Fm allgemeinen liegt es außerhalb des Interessenkreises dieses Blattes, sich mit sportlich-geselischaftliehen Ereignissen zu befassen, auch in solchen Fällen, in denen Menschen jüdischer Abstammung bei derartigen Matches gewinnen oder verlieren. Wir lehnen es ab, im Wege der Heraus- Streichung einzelner jüdischer Leistungen die Vortrefflichkeit unserer Gemeinschaft hervorzukehren und auf diesem leider in manchen jüdischen Kreisen üblichen Wege Selbstbestätigung zu suchen. Wenn wir von unserer Regel abgehen und diesmal darauf hinweisen, daß im Kampf um den Davis-Cup Deutschlana gegen England nur durch die sportlich bravouröse Leistung Daniel Prenns gewonnen hat, so tun wir es, um an die Vorgänge von 1930 zu erinnern, als es um die Ein bürgerung des Ostjuden Daniel Prenn als deutscher Staatsbürger ging. Damals legten einige Länderregierungen Einspruch gegen die Einbürgerung Prenns in Preußen ein. Im Reichsrat gab es Debatten und nur der entschiedenen Haltung des preußischen Vertreters war es zuzuschreiben, daß Prenn, heute der beste Mann des deutschen Tennissports, naturalisiert wurde. Prenns großer sportlicher Erfolg wird von der rechtsgerichteten Presse natürlich mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Man windet sich in jenen Kreisen in Schmerzen, weil ein Jude, und überdies ein Ostjude, sich als der beste Tennisspieler Deutschlands erwiesen hat. Prenn ist bewußter Jude, nimmt auch am jüdischen Sportleben lebhaftes Interesse und darum freuen sich jüdisch sportliche Kreise aufrichtig über seine Leistung und seinen beispiellosen Erfolg. Unerkannt gebliebene Araber setzten in der jüdischen Koionie Kfar Cna ssidi m im Emek Jezree! eine Scheune in Brand, wodurch vier Tonnen Korn vernichtet wurden. Was geht in Biro Bidsdian vor? Moskau, 8. Juli. (J.T. A.) Die Tageszeitung ״Emess“, das Hauptorgan der jiddischen Kommunisten der Sowjetunion, teilt mit, daß unter den in Biro Bidschan eingewanderten Juden Hungersnot herrscht. Besonders in den Siedlungen Blra, icor, Birecan und Nicolajewka fehlt es gänzlich an Brot. ״Emess“ bringt ein Telegramm aus Biro Bidschan, in welchem mitgeteilt wird, daß die Verwaltung des staatlichen Getreidetrusts für Biro Bidschan definitiv erklärt hat, sie sei nicht in der Lage, die neuen jüdischen Einwand e« rer zu ernähren, und sie müsse davor warnen, noch Einwanderer in das Land zu bringen. In Stalinfeld wurden jüdische Kolonisten, die sich im Büro des lokalen Getreidetrusts wegen Brotzuteilung eingefunden hatten, aus dem Büro hinausgetrieben. Die gleiche Behandlung wurde dem Vertreter des Komzet zuteil, der in das Büro kam, um für die hungernden Siedler zu intervenieren. Dieser Komzet-Vertreter telegraphierte an die Komzet-Zentrale in Moskau, daß die in Biro Bidschan neu eintreffenden jüdischen Siedler von den lokalen Behörden, an die sie sich mit ihren Angelegenheiten wenden, einfach ausgclacht werden. Es fehlt an allem, viele Neusiedler schlafen unter freiem Himmel, weil die Regierungsbeamten keinerlei Anstalten treffen wollen, die Siedler unterzubringen. ״Emess“ enthält in einem weiteren Telegramm, daß nicht nur die neueingewanderten und noch nicht arbeitenden, sondern auch die arbeitenden Juden dauernd hungern müssen. Den jüdischen Arbeitern beim Bauholz-Trust in Nikoiajewka wird eine Nahrungsmittelration verabfolgt, die nicht einmal das Ernährungsminimum erreicht. In Bira werden nur die arbeitenden Männer in der Kantine verköstigt, ihren Frauen und Kindern wird nicht gestattet, die Kantinenküche zu betreten. Die Hungersnot und der Mangel an Unterkunft zwingen viele Juden, Biro Bidschan wieder zu verlassen. Nach einer Mitteilung des ״Emcs s“ haben zahlreiche jüdische Biro Bidschan-Wcnderer aus Deutschland und aus Argentinien bei ihrem Eintreffen auf dem Jaroslawer Bahnhof in Moskau sich geweigert, die Reise nach Biro Bidschan fortzusetzen, wenn nicht für eine bessere Unterkunft im Eisenbahnzuge und eine verbesserte Ernährung gesorgt würde. ״Emess“ bemerkt sarkastisch, die Neuankömmlinge hätten wahrscheinlich gedacht, sie würden in Rußland wie ״ausländische Touristen mit größtem Komfort“ reisen. ״Emess“ tadelt die ausländischen Organisationen, die nach Biro Bidschan Elemente entsenden, die, kaum daß sie in Rußland eingetroffen sind, sich als Unzufriedene gebärden. Komzet teilt mit, daß bis jetzt 36 ausländische jüdische Familien und 160 ausländische jüdische Einzelpersonen sich in Biro Bidschan niedergelassen haben; laut der vom Komzet aufgestellten Quote hätten es bis jetzt 900 Familien und 700 Einzelpersonen sein sollen. * Die in Charkow erscheinende jiddisch-kommunistische Tageszeitung ״Ster n“ bringt alarmierende Nachrichten über die steigende Kolonlsten-Flucht aus den jüdischen Kolonien in der Ukraine, die durch den Mangel an Nahrungsmitteln und Unterkunftsmöglichkeit hervorgerufeti worden ist. Die Zeitung erklärt, es bestünde keine Hoffnung mehr, daß die 1400 neuen jüdischen Kolonisten-Familien, die laut dem Plan des ukrainischen Komzet spätestens bis zum 15. Juli d. J. in den Kolonien eintreffen sollten, überhaupt ankommen werden. Der ukrainische Komzet, in dessen Plan es gelegen war, allein im Rayon Kalinindorf in diesem Jahre 1300 jüdische Familien neu anzusiedeln, erklärt heute, daß der Plan auf 600 Ansiedelnde reduziert worden ist. Die Zeitungen aber hegen Zweifel daran, ob es möglich sein wird, auch fttft diese reduzierte Zahl Neusiedler ln (He Kolonien zu bringen; denn — so argumentieren die Zeitungen - soschlimm die Lage in den Kleinstädten ist, in den Kolonien ist sie noch schlimmer. Die Moskauer jiddisch-kommunistische Tageszeitung ״Einess“ bringt die aufsehenerregende Mitteilung aus Stalindorf, daß 42 «/# aller neuen jüdischen Kolonisten in den letzten drei Monaten die Kolonien des jüdischen Rayons Stalindorf verlassen haben. 164 Familien und 109 Einzelpersonen kehrten in ihre früheren städtischen Wohnsitze zurück. Die Zeitungen stellen fest, daß in den jüdischen Siedlungsrayonen der Krim, wo keine Brotknappheit herrscht, jetzt 6500 Juden neu angesiedelt wurden. Aber auch in der Krim herrscht großer Mangel an Unterkünften; so z. B. teilt ״Emess“ mit, daß in einer Krim-Kolonie 47 Familien in 32 Räumen untergebracht sind. Wie haben die Kommunisten gestimmt? Der Streit, wie die Kommunisten in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni im Preußischen Landtag bei Verabschiedüng des nationalsozialistischen Antrages, die Ostjuden zu enteignen, gestimmt haben, will noch immer kein Ende nehmen. Wir haben unserer Meinung bereits dahin Ausdruck gegeben, daß die Vorgänge bei der Abstimmung wegen der Uebermüdung aller Abgeordneten und des Landtags-Büros trotz der Angaben des amtlichen Protokolls nicht feststciien und auch nicht genau festgestellt werden können. Es wäre abwegig anzunehmen, daß Sozialdemokraten und Kommunisten entgegen ihrer programmatischen Einstellung mit vollem Bewußtsein einem antisemitischen Antrag zugestimmt haben können. Es scheint jedoch, daß die kommunistische Fraktion aus propagandistischen Gründen, um nicht hinter dem Radikalismus der Nationalsozialisten zurückzustehen, für das Gesamtgesetz gestimmt haben, nachdem der kommunistische Abänderungsvorschlag abgelennt worden war. In dieser Haltung dokumentierte sich eine von den Juden längst bei vielen Angelegenheiten gemachte Erfahrung: daß man bei Wahrnehmung irgendwelcher allgemeiner parteipolitischer Interessen das jüdische Moment, welches hierbei mitspielt, einfach übensieht. Für uns Juden Ist irgendeine Bestimmung in einem Gesetze, die sich auf Juden bezieht, das Wesentliche an diesem Gesetze. Für die Umwelt ist es eben nur ein unvvesentlicher Teil, den man im Hinblick auf allgemeine Absichten und Ansichten ohne weiteres bereit ist zu vernachlässigen. Darin liegt keine bewußte Bosheit, sondern eine vom Standpunkt der anderen aus selbstverständliche Haltung. Gerade diese Erkenntnis veranlaßt uns immer wieder, darauf hinzuweisen, daß die Wahrnehmung unserer eigenen Interessen am besten bei uns selbst aufgehoben ist und daß der einzig sichere Faktor, mit dem wir zu rechnen vermögen, nur die eigene Anstrengung sein kann. Interessant ist, daß die kommunistische Fraktion des Preußischen Landtages und die kommunistische Presse in Angelegenheit dieser Abstimmung in ihren Angaben miteinander nicht konform gehen. Während kommunistische Landtagsabgeordnete den Sachverhalt so darstellen, wie er sich tatsächlieh abgespielt hat, versuchen kommunistische Organe, wie der ״Berliner Morgen“ und die ״Rote Fahne“, in Abrede zu stellen, daß die Annahme der Enteignungsentschließung nur mit Hilfe der Kommunisten möglich gewesen ist. Es wäre viel "klüger, wenn die kommunistischen Zeitungen in diesem Falle der Wahrheit die Ehre geben würden. Nicht nur klüger, sondern auch würdiger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.