Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1932)
- Date
- 1932-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53, 5. Vn. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 253 ise ntu r n er Soko- Bürger Verder meiner luß des;er an wällunter über- Gebote iftreter! Staaten heitenonders ätschen 1er den cht mit bleibt, bewert nur e in 1 daß r der , daß . In europa ts und che jüvurden, ftlichen nachdamals ״d sich gießen, fortd es iließun- 1er Be- Juden, ■warten ka auf- '1t g״־ Entngetan, Isjuden mzlage (nschte, Juden responramme waren %«R0־ andene Aden fahrentina Polizei e nicht laß am Juden itzeitig er Fall I mfähig I zehn rhaftet wurden rbannt. fmerkten zu würde, Lonnähme die Be- Zensur d eine Aden erzählt, xzedieoslems kannte ch verndung Aden cheren Born- :11 ohne ren geise Bii- Juden vorbei ie Merfrecht- 1, nach Es eriber es 90 der wurden en Beter der nstifter August anstatt Haag >ch bemm ist n einer es mit r tatud e a« Wer ist ״kleinmütig?" In der ״C.-V.-Zeitung“ vom 1. Juli veröffentlicht eine Beamtin des C.-V., Frau Dr. Eva Reichmann-Jungmann, einen Aufsatz unter der Ueberschrift: ״Wider die Nörgler und Kleinmütige n״“, worin sie den C.-V. gegen den Vorwurf der Wertlosigkeit seiner Tätigkeit verteidigt. Der Aufsatz ist aus dem Grunde interessant, weil sich indirekt daraus schließen läßt, daß in weiten Kreisen des C.-V. heute ernste Zweifel über Sinn und Wert der C.-V.-Arbeit und über die Richtigkeit der alten sogenannten Abwehrmethoden bestehen. Diesen ״Nörglern und Kleinmütigen“ in den ei gen en Reihen soll offenbar der Aufsatz der Frau Reichmann durch eine Aufzählung der verschiedenen Aktionen (Rechtsschütz, Versendung von Flugblättern, Anschwellen der C.-V.- Mappen usw.) wieder das Gefühl geben, daß sie in der Fürsorge des C.-V. gut aufgehoben sind, auch wenn im großen Endeffekt von einem Erfolg der Abwehrarbeit, einem Abschwellen des Antisemitismus, nicht die Rede sein könne. In sofern es sich also um eine interne Vereinsangelegenheit des C.-V. handelt, ginge uns die Sache nichts an, wenn nicht Frau Reichmann zu Beginn ihres Artikels auch auf den Zionismus zu sprechen käme und offenbar auch die Zionisten unter diese ״Nörgler“ einreihen will. Der Zionismus, so sagt sie, brauchte die ״Verelendungs-Theorie“ schon zu einer Zeit, ״als die Tatsachen noch eine andere Sprache redeten“, und darum ״frohlocken“ jetzt die Zionisten über die ״scheinbare Bestätigung ihrer Lehren“ und sagen ״mit Genugtuung und noch Schlimmerem“: ״Wir haben es immer gesagt.“ — Hier liegt eine Kennzeichnung der zionistischen Anschauung vor, die wir, ohne wie Frau Reichmann gleich von ״kleinlicher, unwürdiger“ Haltung zu sprechen, bedauerlieh finden. Wir haben alles Verständnis dafür, daß man Vereinsinteressen verteidigt, aber hier geht es denn doch um etwas größere Zusammenhänge. Es gibt keinen Zionisten, der über die furchtbare Wendung des Schicksals der deutschen Juden ״Genugtuung“ empfindet; die Zionisten empfinden diese neue furchtbare Manifestation der Judennot mit ihren moralischen und materiellen Konsequenzen als schwere Heimsuchung und sind gewiß nicht weniger betroffen als irgendwelche anderen Juden; aber was sie ablehnen, ist der frevelhafte Optimismus, mit dem man auch über diese Erfahrungen zur Tagesordnung der üblichen Betriebmacherei übergehen möchte. So primitiv, wie die Schreiberin es darstellen möchte, ist das ״Wir haben es immer gesagt“ denn doch nicht; es ist, wenn es überhaupt gesprochen wird, mit blutendem Herzen gesprochen, denn unabweislich drängt sich der Gedanke auf: Wenn das ganze jüdische Volk, die 15 Millionen, unter denen zweifellos gerade das deutsche Judentum eine ausschlaggebende, alle anderen Teile beeinflussende Führerposition hatte, den Mahnungen und Prophezeiungen Theodor Herzls geglaubt und seinem leidenschaftliehen Appell zu aktiver Selbsthilfe gefolgt wäre, so stünde es heute anders um Juden und Judentum. Gegen die Kleinarbeit des Tages, die Frau Reichmann für den C.-V. ln Anspruch nimmt, haben wir nichts einzuwenden und hatten wir nie etwas einzuwenden; wogegen wir uns aber wenden müssen, früher ebenso wie heute, ist, daß man das deutsche Judentum einlullt, es durch nichtssagende tönende Worte, die längst jedes Echo in der Wirklichkeit verloren haben, von dem eigentlich Wesentlichen, worauf es ankommt, ankam und ankommen wird, ablenkt: von der Selbstbesinnung und Selbsthilfe. Um zu einem radikalen Schritt reif und fähig zu sein, dazu bedarf es zunächst gründ- Hcher Einsicht und unbestechlicher Erkenntnis der wirklichen Sachlage. Heute brauchen wir keine ״Verelendungstheorie“ mehr, denn die Verelendung selbst ist schon da. Jeder Jude ringt um seine Existenz, und man soll ihm dabei helfen, wenn auch nicht nur mit den Methoden des C.-V. Aber darüber hinaus kommt es darauf an, das Judentum zu retten, es aus einer der größten Krisen seiner Geschichte in eine neue Zukunft hinüberzuführen; das kann man nur, wenn man an dieses Judentum glaubt, wenn etwas von dem Geist lebendig ist, den man in zionistischer Terminologie Chaluziuth nennt, und dies ist durch Beschwichtigungs-Traktätchen nicht zu erzielen. Der Jude braucht heute mehr als je seelischen Halt, den kann ihm nur die Gewißheit vom Sinn und der Ewigkeit des Judentums geben und das Bewußtsein, bei allen Opfern, die ihm persönlich auferlegt sind, an dem Zukunftswerk für das Volk mitzuarbeiten. Wir wissen nicht recht, wer hier die ״Kleinmütigen“ sind. Ob gerade die als kleinmütig zu gelten haben, die von den Methoden des C.-V. keine Erlösung erwarten, oder aber die, die dem jüdischen Volk nicht die Kraft zu einem entschiedenen Aufraffen, zu ehrlichem Eingeständnis auch bitterer Erkenntnisse und zu eigener schöpferischer Zukunftsleistung Zutrauen. Hicem-Tagung In Paris. Am 26. Juni fand in Paris, in den Räumen der Jewish Colonization Association, die Versammlung des Verwaltungsrates und des Exekutivkomitees der Emigrationsvereinigung ״Hias—Ica—Emigdirect“ (Hicem) statt. An der Sitzung nahmen teil: Dr. J. Blau (Frankfurt a. M.), A. Benjamin (New York), Dr. J. Brutzkus (Berlin), Sir Leonard Cohen (London), Dr. Oscar Cohn (Berlin), O. E. d’Avigdor Goldsmid (London), Direktor M. Joachimsohn (Breslau), Dr. A. Klee (Berlin), Dr. M. Kreinin (Paris), Prof. E. Mittwoch (Berlin), Leo Motzkin (Paris), Ed. Oungre (Paris), Dr. J. Stern (Berlin). Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Dr. Oscar Cohn, des schweren Verlustes, den die jüdische Welt und im besonderen die Hicem durch das Ableben von Dr. James Simon, des ersten Hicem-Präsidenten, erlitten hat. Dr. Cohn gedachte auch des vor kurzem verschiedenen Direktors des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, der den jüdischen Wanderern und den Wanderer- Schutzorganisationen stets seine Mithilfe zuteil werden ließ. Die Berichte über die Tätigkeit der Emigrationsvereinigung erstattete Ed. Oungre. Diesen Berichten ist zu entnehmen, daß die jüdische Auswanderung — abgesehen davon, daß sie von 45000 Auswanderern im Jahre 1929 auf 23 000 im Jahre 1931 gesunken ist und voraussichtlich auf eine noch viel geringere Zahl im laufenden Jahre sinken wird — im Vergleich mit der allgemeinen Auswanderung noch eine relativ bedeutende ist; die jüdische Auswanderung aus Polen im Jahre 1931 im Vergleich mit dem Vorjahre ist um bloß 55 */o und bei den Nichtjuden um 75 °!0 gefallen. Wie den erstatteten Berichten zu entnehmen ist, ist ein besonderes Augenmerk auf Frankreich, das zurzeit die roßte Zufluchtsstätte der jüdischen europäischen Wanderung arstellt, gerichtet. Vor kurzem wurde eine Delegation nach Spanien entsandt. Es sind Schritte eingeleitet worden, um bei den Gemeinden in Barcelona und Madrid Komitees für Emigrantenschutz zu gründen. Pläne der Regierung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel-Awiw, 20. Juni, Der neue High Commission er läßt cs sich angelegen sein, das Land aus eigener Anschauung gründlich kennenzulernen. Reise schließt sich an Reise, Inspektion an Inspektion, Empfang an Empfang. Die Presseabteilung der Regierung, von der vorher nur sehr wenig zu spüren war, versucht jetzt, einen normalen Kontakt mit den Zeitungen aufrecht zu erhalten und über Schritte und Absichten der Regierung Informationen zu geben. Die Berichte über die Zustände der einheimischen Land- Wirtschaft haben — trotz aller ihrer Fehler — doch den Nutzen gebracht, daß die Notwendigkeit einer Modernisierung und Ent- Wicklung der Betriebsmethoden anerkannt wird. Es läßt sich erkennen, daß die ersten zaghaften Schritte zu einer Besserung versucht werden. Der High Commissioner kündigt die Gründüng einer landwirtschaftlichen Versuchsstation für den Süden in der Gegend von Beer-Shewa an, einer zweiten im Norden in Safed. Inwieweit diese neuen Anlagen ihrem Zwecke entsprechen werden, ob sie vor allem imstande sein werden, eine dauernde und enge Verbindung mit den Fellachen zu schaffen und Hilfe zu gewähren, die der schwersten gegenwärtigen Not steuert, bleibt abzuwarten. Die Pläne als solche jedoch sind für Palästina, das an eine wirtschaftliche Initiative der Regierung kaum gewöhnt ist, bereits von Interesse. Man soll sich freilich keiner Täuschung darüber hingeben, daß die eigentlichen Probleme der palästinensischen Landwirtschaft, nämlich eine Agrarreform und eine ausreichende und billige Krcditbeschaffung, auch heute noch völlig von der Administration ignoriert werden und daß es sich bei solchen Einzelmaßnahmen wie der Errichtung neuer Versuchs- und instruktionsstationen oder einem Nachlaß im Oscher um kleine und ungenügende Ansätze handelt. Als solche jedoch sind sie zu begrüßen. Auch in der Verwaltung werden neue Methoden aus- *probiert. Im Laufe des letzten Jahres ist nach und nach von einzelnen Departements der Versuch gemacht worden, Vertreter der Bevölkerung in die beratenden Kommissionen aufzunehmen. Dadurch wird die chinesische Mauer, die die palästinensische Bevölkerung von der englischen Regierung trennt, an einigen Stellen durchlöchert. Es besteht jetzt die Absicht, auch weitere Departements, die bisher noch nicht inoffizielle beratende Kommissionen besaßen, für die Mitarbeit nichtbeamteter Persönlichkeiten zu öffnen. Auch wird eine Reform des Munizipalitäten- Wesens geplant, die eine Anteilnahme der Bevölkerung an der Lokalverwaltung bezweckt. Die genauen Vorschläge sind noch in Bearbeitung, aber es gehen Gerüchte, daß Neuwahlen noch in diesem Jahre vorgenommen werden sollen. Die Heranziehung von Vertretern der Bevölkerung zur Arbeit der Departements und der Ausbau der Lokalverwaltung sind unleugbar Schritte zum Abbau des rein bürokratischen Systems und zu einer gewissen Demokratisierung der Administration. Es ist ja auch von verschiedenen Seiten des Jischuw diese Art der Entwicklung gefordert worden, und während der Widerstand gegen das ״Parlament“, also irgendeine Form eines Gesetzgebenden Rates, unverändert unter den Juden fortbesteht, wird eine Demokratisierung ״von unten auf“, wie man es nannte, befürwortet. Die Haltung der Araber Der High Commissioner von Palästina empfing, wie wir palästinensischen Zeitungen entnehmen, die Führer der Araber einschließlich des Mufti, des Bürgermeisters von Jerusalem Naschaschibi und des geistigen Führers der arabischen nationalen Bewegung, Auni Bey Abdul Hadi und unterhielt sich mit ihnen über die bevorstehenden Neuwahlen in die verschiedenen palästinensischen Vertretungskörperschaften. Insbesondere handelt es sich dabei um den Obersten Moslemischen Rat, der in der nächsten Zeit neu gewählt werden soll, wobei die in letzter Zeit scharf hervorgetretenen Gegensätze im arabischen Lager zum Ausdruck kommen könnten. Die arabische Delegation erklärte dem Oberkommissär, es sei nicht erfOrderlieh, mit den Wahlen zum Obersten Moslemischen Rat die große Oeffentlichkeit zu beschäftigen. Es genüge, wenn die arabische Intelligenz sich um die Durchführung der Wahlen kümmerte. Der Oberkommissär besprach ferner mit den Arabern die beabsichtigte Neugestaltung der Stadtverwaltungen und die damit verbundenen Neuwahlen. Die arabischen Führer legten dem Oberkommissär die Frage vor, wie es mit der Einführung eines Gesetzgebenden Rates stehe, worauf der Oberkommissär erwidert haben soll, daß diese Frage noch geprüft werde. Hierzu bemerkt die arabische Presse, die Verfügung der Einsetzung eines Gesetzgebenden Rates sei der j ü d i - sehen Gegnerschaft gegen diesen Plan zuzuschreiben. Die Juden, so fügt die arabische Presse hinzu, verlangen, daß vor Einsetzung eines Gesetzgebenden Rates eine Round Table- Konferenz von Juden und Arabern Zusammentritt, bei welcher die Fragen der jüdischen Einwanderung, der Bodenkäufe und der Anerkennung der Balfour-Deklaration geregelt werden sollen. Schreckenstat eines Fellachen Jerusalem, 2. Juli. (J. T. A.) Große Aufregung rief in Jerusalem die Schreckenstat eines Fellachen hervor, der in das Haus des englischen Ingenieurs Thomas Miliar, eines hohen Regierungsbeamten im Departement für öffentliche Arbeiten, eindrang und ihn und seine Frau niederstach. Frau Miliar ist bereits gestorben, Millars Zustand ist äußerst ernst. Der Mörder konnte entkommen. Kurze Nachrichten in Sofia wurden Kalpaktschieff und zwei weitere antisemitische Terroristen, die einen jüdischen Arzt und einen jikiisehen Kaufmann verschleppt und gepeinigt haben, sowie einige Führer der bulgarischen Juden gewaltsam zu entführen planten, verurteilt, und zwar Kalpaktschieff zu sieben Jahren schweren Kerkers (Zuchthaus), der Beamte für ״spezielle Dienste“ der antisemitischen Organisation ״Rodna Zastita“ Radan Radeff zu sechs Monaten Gefängnis, der Helfershelfer Toma Stojanoff zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Das Gericht in Saloniki verurteilte den griechischen Nationalisten Pandeli Kiriakpoulos, der vor zwei Jahren den jüdischen Bürger Samuel Nefussi niederschoß, wegen fahrlässiger Tötung zu 15 Monaten Gefängnis, Die türkische Regierung hat die Statuten der jüdischen Sportorganisation Makkabi in der Türkei nicht genehraigt und die Eröffnung jüdischer Sportklubs unter der Aegide des Makkabi verboten. In diesem Sommer wurden bzw. werden 30 000 bis 35 000 jüdische Kinder in verschiedenen Ländern Osteuropas, von denen die meisten an Anämie leiden und tuberkuloseverdächtig sind, in Vollkolonien und Halbkolonien verschickt Hierzu trägt Joint 30000 Dollar, davon 20000 Dollar für Pole״ ■ad 55Q0 usflac fix Rumänien» bä. Pariser Ghetto-Zauber..י Von H o 1 g er Ritter (Stockholm). Paris, im Juni 19921. Es war an einem Freitagnachmittag, als ich in eins der Pariser ״Quartier juif“ pilgert«, von denen es in der fraazösisehen Hauptstadt nicht weniger als vier gibt. Kurz hinter dem Place de la Bastille biegt man in kleine, enge Straßen ein, von denen die Rue des Roussiers den Hauptteil des Pariser Judenviertels ausmacht. An der Straßenkreuzung steht der obligatorische Schutzmann, der mir anzusehen scheint, wohin ich will, und in der sprichwörtlichen Iranzflsisehen Liebenswürdigkeit Auskunft erteilt. ״Ich bin froh, daß ich gerade in dieser Gegend Dienst habe“, sagte er mir im Laufe des Gespräches (denn als gewissenhafter Reporter interviewte ich ihn gleich!), ״da die Juden viel ruhiger und angenehmer als unsere Franzosen sind. — ״LesJuifs ils sont lus calmes“ wiederholt er, freundlich lächelnd, und unwillürlich denkt der Journalist an die Mentalität anderer Länder, denn Antisemitismus kennt man auch heute noch in Frankreich kaum. * Plötzlich stehe ich vor einer Schusterwerkstatt, die nach der Straße zu gelegen ist. Auf einem Schemel hockt ein alter Mann; auf seinem ergrauten Haupte sitzt das schwarze Käpp» eben. ״Scholaum alejehem“ grüßt er herüber und ich verweile einige Augenblicke bei dem Alten. Hier hämmert, flickt, schustert und repariert er schon über 40 Jahre. Er erzählt (auf Jiddisch) Interessantes von dem Leben unserer französischen Glaubensgenossen. Wie in allen europäischen Ländern, hat sieb auch in Frankreich die Einwanderung aus dem Osten stark bemerkbar gemacht. Die meisten führen einen harten Existenzkampf, denn durch den, Ausfall des französischen Zwischen* hanaels und der ungünstigen Wirtschaftsverhältnisse der Nach* kriegsjahre, verbunden mit der besonders in den letzten Monaten überhandnehmenden Arbeitslosigkeit (für die es bekanntlieh in Frankreich keine Organisationen gibt) müssen sich große Teile der ärmeren jüdischen Bevölkerung als kleine Handwerker ernähren. Ich erzähle dem Alten von der großen Not und der antisemitischen Welle in Deutschland, er winkt jedoch, bevor ich ausreden konnte, schon ab. ״Kol jisroel chawerim“ meint er gütig schmunzelnd und streicht eich dabei über seinen langen weißen Bart, ״ich bin genausten» Über alles unterrichtet“ und plötzlich holt er aus seiner Rocktasche die letzte Nummer — der ״Jüdischen Rundschau“ hervor . . , dessen Abonnent und eifriger Leser er schon seit Jahren ist. Gleichzeitig verweist er mich zur nächsten Buchhandlung, wo ich das erwähnte Blatt prompt ausliegen sehe und der Inhaber mir stolz versichert, daß es sich hier reger Nachfrage erfreue. Dir aber, lieber alter Schuster aus Paris, sei an dieser Stelle nochmals für Deine Aufklärungen herzlichst edankt. . . . Der Allmächtige möge Dich noch ungezählte ahre hier in Zufriedenheit hämmern lassen, abseits vom L&rtn der Weltstadt. . . . Ein anderes Bild zeigt die Heranwachsende Jugend, Ich trete in ein Obstgeschäft. Hinter dem Ladentisch ein bildschönes Mädchen, außerdem geschminkt, gepudert, parfümiert. Ist sie Französin oder Jüdin? Man wagt zunächst zu zweifeln. ״Vous desirez, Monsieur?“ empfängt mich der schwarze Lockenkopf. Sie ist Waise, ihre alten Eltern sind bei Pogromen in Rußland umgekommen. Eine Verwandte hat sie als Pflegetochter aufgenommen. Sie ist natürlich vollkommen ״franzßsi* siert“, wie überhaupt die Assimilation der jüdischen Jugend in Frankreich mit Riesenschritten vorwärtsgegangen ist. (ln dem Punkte entspringt diese nachteilige Entwicklung dem — 60 paradox es klinge» mag — fehlenden Antisemit ismus .Es mangelt dadurch in solchen Ländern — ich denke dabei auch an Skandinavien — der he ranwachsenden Jugend an inneren Zusammenhalt.) ״J’aime Paris, la plus belle ville du monde“ schwärmt sie am Schluß unserer Unterhaltung; und wer wagt zu widersprechen?! Bevor ich sie verlasse, entdecke ich an ihrer Bluse eine blau-weiße Nadel. ״Zionistin?“ ״Mais naturellement Monsieur“ erhalte ich kurz und bündig zur Antwort, und aus ihren schwarzen Augen funkelt ehrliche Begeisterung! Also doch! * Es ist inzwischen dunkel geworden. Letzte Vorbereitungen für den hereinbrechenden Schabbes werden getroffen. In einem Bäckerladen drängen sich aufgeregte Hausfrauen; es güt, noch schnell den frischen Barsches einzukaufen , . , Die ersten Schabbeskerzen leuchten auf . . , Aus einem Hause klingt Kidduschgesang . . . Lecho daudi . . . Ich wende mich zum Gehen und bin auf einmal wieder mitten im Getöse der Millionenstadt. . . . Autos, Omnibusse, Untergrund- und Straßenbahnen, zwischendurch eilende Großstadtmenschen, jagen vorüber und ganz leise vernehme ich eine heimliche Kiddusch-Melodie von vorhin . . . Likras kallo , . . Ich schaue mich um . , Das Pariser Ghetto mit seinem hereinbrechenden Sabbath- Zauber liegt ruhig und friedlich hinter mir , . . umgeben von ״la plus belle ville du monde“ , . . Brlth Iwrit Olamit in Oesterreich. Man berichtet uns: Vor kurzem proklamierte der Snif des Brith Iwrit Olamit in Oesterreich eine ״Hebräische Woche“, deren Ziel war: Werbung vort neuen Mitgliedern für den Snif, Verbreitung des Sela und Aktivierung sämtlicher zionistischen Gruppen und Jugendverbände für die hebräische Arbeit in Oesterreich. Den Auftakt bildete eine spezielle Konferenz, an der sich Vertreter aller zionistisehen Gruppen, die zionistischen Repräsentanten der Wiener Jüdischen Gemeinde, Vertreter der Wizo u. a. beteiligten. Die Konferenz setzte eine besondere ״Kommission für hebräische Kultur- und Erziehungsarbeit in Oesterreich“ ein, der die Herren Dr. Grünbaum, Dr. Al Friedmann, Prof. Roth (Gemeinde-Repräsentanten), Dr. Rosner, Bauminger (Misrachi), Dr. Samonski (Revisionisten) Dr. Ch. Tartakower (Poale Zion und Hitachduth), Raskin (Radikale Zionisten) und Frau Dr. H. Tartakower (Wizo) angehören. — Ferner fand eine von allen Jugendbünden beschickte Zusammenkunft der Jugendverbände statt. Einen besonders guten Verlauf nahm die spezielle Konferenz der Rabbiner und Religionslehrer und Lehrer der hebräischen Sprache. An ihr beteiligten sich etwa 70 Rabbiner, Religionslehrer und Lehrer der hebräischen Sprache, die insgesamt etwa 22OCX) jüdische Kinder in Wien unterrichten. Der Wiener Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang sprach ausführlich über die notwendigen Reformen des Religionsunterrichts in den Wiener jüdischen Schulen und stellte die Forderung der Einführung des hebräischen Sprachunterrichts an den Volksschulen, sowie der Erteilung des jüdischen Geschichtsunterrichts in hebräischer Sprache. Die Konferenz stellte an die Jüdische Gemeinde Wien die Forderung, den Unterricht der hebräischen Sprache in den Volksschulen einzuführen. Zum Schluß erklärte sich die Konferenz als ״Ständiger Rat der Rabbiner und Religionslehrer in Oesterreich“, der seine Tätigkeit im Einklang mit dem Snif des Brith Iwrit Olamit zu führen hat. ״Die Hebräische Woche“ fand ihren Abschluß in einer öffentlichen, zahlreich besuchten Versammlung, die beschloß, sofort die Durchführung der Aktion für den Keren Tarbuth (Hebräischer Kulturfonds des Brith tont Olamit) in Angrift zu nehme? יו M R fl'Ä fl I sj־ rr fl /