Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1932)
- Date
- 1932-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 252 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 5. VE 1932 zur Befriedung der Menschheit und zur Verhinderung des Vulkanausbruches des Hasses bei. Motzkins Ausführungen wurden vom gesamten Kongreß mit großem Beifall aufgenommen. Die zweite Sitzung war dem Problem der ״Kirche und nationale Minderheiten“ gewidmet, In der Vertreter aller kirchlichen Konfessionen einmütig der Meinung Ausdruck verliehen, daß im Gegensatz zur Tradition der Kirche, Ihr Wirken auf dem Volkstum aufzubauen, in verschiedenen Oebieten Europas Versuche unternommen werden, die Tätigkeit der Kirche zuungunsten einzelner Nationalitäten zu beeinflüssen und den völkerverbindenden Einfluß der Kirchen zu untergraben, somit dem aggressiven Nationalismus Tür und Tor zu öffnen, was vom Kongreß als äußerst verderblich verurteilt wird. Alle Referenten, Lord Dickinson, Professor Dr. Ehrlich, Dekan der theologischen Fakultät in Laibach, der evangcl. Professor Dr. Adolf Keller (Genf), Domherr Hornykewicz (ukrainisch unierte Kirche) und der Sprecher der römisch-katholischen Kirche Abg. Eh־. Drechsler riehteten in ihren Referaten an die Kirche den Appell, die natiirliehen Rechte der Minderheiten sowohl in ihrem eigenen Wirkungskreise als auch überall dort, wo es in ihrer Machjt liege, zu stützen und tatkräftigst zu fördern. Namens der jüdischen Delegation verlas Abg. Dr. Nurok nachstehende Erklärung: ״Die jüdische Konfession hat sich an der Aussprache über dieses, die Nationalitäten berührendes Thema vom Standpunkt der Kirchen, die hier soeben stattgefunden hat, nicht beteiligt. Nicht darum, als ob dieses Problem für uns Juden nicht bestünde; aber die unzertrennliche Verbindung zwischen jüdischer Religion und jüdischem Volk gibt dem Problem von unserem Standpunkt aus einen anderen Inhalt und macht andere Seiten dieses Problems für uns akut, als die hier behandelten. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß die Flucht aus unserem Volk über den Weg des Austrittes aus unserer Religion gesucht wird. Auch bei uns bedienen sich die von außen kommenden Entnationalisierungstendenzen gern zu diesen ihren Zwecken der Einrichtungen unserer Religion als Werkzeug, und es gibt Staaten, wo der jüdischen Minderheit die Anerkennung nur als religiöse gewährt und durch Verweigerung der Anerkennung als nationale Minderheit eine zwangsweise Angliederung an das Mehrheitsvolk, sei es auch nur zu statistisehen Zwecken, unternommen wird. Wir Vertreter des jüdischen Volkes wollen daher nicht unterlassen, im Anschluß an die Referate, die wir hier vom Standpunkt der christlichen Kirchen aus gehört haben, auszusprechen, daß auch wir mit der Gesinnung, von welcher die verschiedenen Referate erfüllt sind, und mit den Forderung«), in die sie übereinstimmend ausklingen, von unserem religiösen Standpunkt aus uns in Uebereinstimmung befinden.“ In der dritten Sitzung folgte die Aussprache über die Minderheitenpolitik des Völkerbundes, an der fast alle jüdisehen Delegierten teilnahmen. Dr. Emil Margulies wies auf die besonders schwierige Lage der jüdischen Minderheiten hin, die im Gegensatz zu den anderen Minderheiten kein Heimatland besitzen, das für ihre Rechte eintreten könnte. In Palästina wird wohl erst der Anfang gemacht. Abg. Wittenberg stellt fest, daß die chauvinistischen Uebergriffe gegen die Minderheiten in den nordosteuropäisehen Staaten auch die orthodoxe Judenheit, die bisher den europäischen Nationalitäten-Kongressen fernstand, zur aktiven Mitarbeit veranlaßt haben. Als Vertreter der Orthodoxie bekenne er sich voll und ganz zum Minderheiten-Kongreß, der geeignet ist, der völkerverbindenden Idee zu dienen. Der jüdische Abgeordnete im polnischen Sejm, Dr. Rottenstreich, unterstrich die traurige Lage der polnischen Judenheit, die nicht nur vom Majoritätsvolk, sondern auch von einzelnen Minderheiten wirtschaftlich hart bedrängt werde. Es sei daher notwendig, daß Minderheitsvölker, die den Juden gegenüber eine antisemitische Politik führen, ihre Intoleranz aufgeben. Denn wer Gerechtigkeit von anderen fordert, muß damit beginnen, sie bei sich selbst einzuführen. Abgeordneter Dr. N u r o c k erörterte in seiner Rede die gleichgültige Handhabung der Minderheitenbeschwerden beim Völkerbund. Durch das enttäuschte Vertrauen auf den Völkerbund sind besonders die jüdischen Minderheiten betroffen, da sie kein Stamm- und Mutterland besitzen, das im Völkerbund vertreten sei. Die Juden sind um so enttäuschter, als gerade sie auf dem Pariser Friedenskongreß das Problem des Minderheitsschutzes aufgerollt haben. Die jüdischen Minderheiten sind neuerdings in vielen Ländern einfach mittelalterlichen Verfolgungen ausgesetzt, weleher Tatsache der Kongreß mehr Aufmerksamkeit schenken müßte. Die jüdische Delegation nahm auch regen Anteil an den Arbeiten der Kommissionen. Auf Antrag des Abg. Dr. Rottenstreich wurde auch eine spezielle Resolution gefaßt, in der der Kongreß gegen die Verdrängung der Minderheitsvölker aus ihren wirtschaftlichen Positionen, wie auch gegen die unverhüllte Enteignung Stellung nimmt. Wenn auch der Kongreß praktisch nicht viel erwirken kann, so darf doch nicht vergessen werden, daß es für uns Juden dennoch wertvoll ist, an solchen Tagungen vertreten zu sein. Denn abgesehen davon, daß wir von dieser internationalen Tribüne die Welt auf unsere Lage aufmerksam machen können, dürfen wir nicht vergessen, daß dank unserer Teilnahme auch direkte Beziehungen zu den anderen Völkern angeknüpft und ausgebaut werden, die sich dann im Alltagskampfe um unsere Rechte in den einzelnen Staaten zu unserem Vorteil auswirken. 1. Juli 1932. Dr. N. M. Gelber. Die Eingänge des Jüdischen Nationalfonds. In den ersten sieben Monaten des laufenden jüdischen Jahres (etwa Oktober bis April) gingen beim Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem 98063 Pfund an Spenden ein. In der gleichen Periode des Vorjahres waren 117 026 Pfund eingegangen. Die Abnahme der Eingänge in diesem Jahre ist zum Teil auf die für eine Anzahl europäischer Länder bestehende Unmöglichkeit, Geld nach dem Ausland zu senden (so konnte ein Betrag von etwa 6000 Pfund nicht nach Palästina gesandt werden), ferner auf den Rückgang der Spenden in den Vereinigten Staaten von Amerika (von 29 000 Pfund auf 22 000 Pfund) zurückzuführen. Ferner ist zu bedenken, daß die für das vergangene Jahr genannte Summe einen Vorschuß aus Südafrika in Höhe von 5750 Pfund einschloß. Eine Zunahme der Eingänge war in Belgien, Holland und der Schweiz zu verzeichnen, dagegen ein Rückgang in Deutschland, England, Rumänien und Palästina. Fatalismus oder Selbstschutz? Das ״Jüdische Echo“, München, schreibt unter obigem Titel zur gegenwärtigen Situation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland u. ä. folgendes: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland durchlebt gegenwärtig tragische Stunden. Der Kampf tim die menschliche und wirtschaftliche Existenz, geschweige denn um die Gleichbcrechtigung und Gleichgeltung in Staat und Gesellschaft, ist in das entscheidende Stadium getreten. Allmählich hat man sich daran gewöhnt, täglich in Hunderten von Zeitungen und Publikationen bei jeder Gelegenheit und zuletzt auch in den Vertretungskörpern der Gemeinden und der Staaten von berufsmäßigen Antisemiten verdächtigt, verhöhnt, angepöbelt und bedroht zu werden. Man ist in einen Zustand hineingeschliddert, in welchem man sich bereits an die grauenhafte Situation gewohnt hat, wie ein Wilder unter zivilisierten Menschen betrachtet und leider auch behaucleit zu werden. Noch sind die Einrichtungen im Reiche und in den einzelnen Ländern entweder überhaupt nicht oder nicht ganz den unerbittlichen Judenfeinden ausgeliefert. Aber kein Mensch vermag vorauszusehen, wann auf gesetzlichem oder ungesetzlichem Wege der berufsmäßige Judenhaß alle Machtmittel der Gesetzgebung und Verwaltung beherrschen und mit ihnen den seit Jahren gepredigten Ausrottungskampf gegen die jüdische Gemeinschaft in die Wirklichkeit umsetzen wird. Aut jüdischer Seite herrscht eine Stimmung, als ob all diese Dinge, deren Zeitgenossen und Opfer die Juden sind, noch nicht den Gipfelpunkt der Prüfungen und des Unglücks darstellen würden. Vor einigen Jahren war in einer Berliner Wochenschrift ein satirischer Aufsatz zu lesen, ״Herr Wendriner richtet sich ein“. Dort wurde in krasser und outrierter Form gezeigt, wie der typische Herr Wendriner sich auf den ״Boden der Tat- Sachen“ ohne inneren Protest gestellt hat und wie sich Herr Wendriner der Hoffnung hingibt, daß man auch unter den veränderten Bedingungen des ״Dritten Reiches“ existieren und unter Umständen auch Geschäfte zu machen vermag. Wir sind weit entfernt davon, zu behaupten, daß die Juden in Deutschlana oder auch nur ein geringer Teil der jüdischen Gemeinschaff in ihrer faktischen oder seelischen Haltung Herrn Wendriner gleichen. Aber wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, so herrscht auf jüdischer Seite die Ueberzeugung, man solle die Dinge an sich herankommen lassen und dann werde man schon sehen, was unter den gegebenen Umständen getan werden kann. Diese Haltung ist unbegreiflich und unverzeihlich. Am unsympathischen Herrn Wendriner ist nur eine einzige Eigenschaff zu bejahen, nämlich sein Optimismus. Alles andere aber, auch seine Kalkulation, man werde sich schon irgendwie einrichten und vielleicht Geschäfte machen können, ist durchaus irrig. Auch wir sind der Ansicht, daß noch nicht aller Tage Abend ist und daß die Vernichtungspläne der Judenhasser noch weit von ihrer restlosen Verwirklichung entfernt sind und überhaupt nicht verwirklicht werden können. Aber andererseits geben wir uns nicht der Selbsttäuschung hin, daß man im ״Dritten Reiche“, sollte es einmal aufgerichtet werden, noch irgendwie als aufrechter und anständiger Mensch, als bewußter Jude wird ruhig atmen können. Es ist wahr, daß wir Juden in Deutschland leider nicht über genügend Machtmittel und Einfluß verfügen, um den Ablauf der Dinge bestimmend zu beeinflussen. Es ist ferner richtig, daß der konzentrische Angriff der Judenfeinde in der gegenwärtigen Lage eine jüdische Gemeinschaft trifft, welche in jeder Beziehung geschwächt ist. Noch vor wenigen Jahren konnten die Judenfeinde mit einem gewissen Recht behaupten und wir Juden andererseits mit einer gewissen Beruhigung feststellen, daß das jüdische Element in Deutschland in Positionen stand und über Machtmittel verfügte, .־die es den Judenfeinden nur sehr schwer machen konnten, im Handumdrehen den jüdischen Widerstand zu brechen und die jüdische Gemeinschaft völlig wehrlos zu machen. Heute sind der tatsächliche Einfluß und die Macht der jüdischen Gemeinschaft gebrochen. Die j ii - dischen Finanzmagnaten und Wirtschaftsführer sind bis auf ganz geringe Ausnahmen aus ihren Stellangen verdrängt und ein Opfer der allgemeinen Wirtschaftliehen Entwicklung geworden. Die Bedeutung der großen sögenannten ״j u d e n 1 i b e r a 1 e n Presse“ ist fast ganz verschwunden. Ihr Einfluß auf die öffentliche Meinung ist gleich Null. Nicht einmal die jüdisch-bürgerlichen Kreise, die als Abonnenten und Inserenten das Rückgrat dieser Presse darstellen, nehmen das noch ernst, was in jenen Gazetten gesagt und vertreten wird. Die großen jüdischen Theaterdirektoren und Künstler, die noch vor wenigen Jahren eine prominente Stellung in der Oeffentlichkeit eingenommen haben, sind heute entweder ein Opfer der Wirtschaftskrise, der geänderten seelischen und geistigen Struktur des deutschen Volkes oder des antijüdischen Boykotts geworden. Die große Angriffsfläche, welche die Juden noch vor wenigen Jahren der antisemitischen Kritik und Verhetzung geboten haben, ist heute sehr klein. Wenn man also auch zugeben muß, daß die jüdische Gemeinschaft gegenwärtig viel schwächer zur Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe geworden ist, so darf man andererseits aber nicht in den Glauben verfallen, als ob man unter allen Umständen ein wehrloses Opfer all der Bedrohungen und Gefährdungen sein muß, die sich vor der jüdischen Gemeinschaft erheben. Eine derartige Auffassung wäre dann berechtigt, wenn man von der Annahme ausginge, daß Deutschland allein in der Welt existiert und daß die jüdische Gemeinschaft in Deutschland unbedingt isoliert bleiben muß. Beides aber ist nicht der Fall. Ein familiärer Ausspruch lautet: ״Wir leben ja nicht im Wald“. Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß man nicht allein auf weiter Flur steht und allen Gefahren hilflos ausgeliefert ist. Deutschland ist kein verlassener, einsamer Wald und die Juden in Deutschland sind nicht Einzelgänger in diesem Walde. Wir geben uns keiner Täuschung über die Bedeutung der öffentliehen Meinung hin. Wenn man ihre Wichtigkeit auch nicht übertreiben soll, so darf man andererseits ihren Einfluß jedoch nicht restlos unterschätzen. Die Propaganda für Biro Bidschan Man schreibt uns: ״ln Deutschland hat die ,Ges erd‘ eine große Propaganda veranstaltet mit der Behauptung, die russische Regierung suche Juden aus allen Ländern in Biro Bidschan anzusiedeln. Von Deutschland sollten 50 Juden abgesandt werden. ,Geserd‘ sammelte dafür Geld und wandte sich vor allem an die Assimilanten und ihre Organisationen, augh an die Bne-Brith-Logen. Nachdem man viel Geld zusammenbekommen hat, wird jetzt gesagt, die Leute könnten nicht weggeschickt werde וו.“ — Die ganze Biro Bidschan-Affäre ist ja, wie man längst erkannt haben sollte, ein Mittel der kommunistischen Propaganda. Die Leute, die dafür Geld geben, müssen wissen, daß sie die kommunistische Propaganda unter den deutschen Juden finanzieren. Die landwirtschaftliche Versuchsstation der Zionistischen Organisation hat Versuche mit der Kultivierung der Smyrna- Feige in Palästina gemacht, die sehr erfolgreich verliefen. Es wird nun mit der Züchtung der Smyrna-Feige in größerem Umfange begonnen. Das Echo der Landtagsbesdilüsse Erklärungen Sokolow« an die ״PAT״ Die amtliche Polnische Telegraphen-Agentur (P. A. T.) verbreitet ein Interview des Leiters ihres Londoner Büros mit Nahum Sokolow. In diesem Interview soll Sokolow, der bekanntlich selbst geborener polnischer Bürger ist, zu dem Beschluß des Preußischen Landtages, das Vermögen der seit 1914 eingewanderten Ostjuden zu bcschlagnahmen, ausgeführt haben: Meine Stellung in der jüdischen Welt und mein Amt als Vorsitzender des Komitees der jüdischen Delegationen berechtigen mich, meiner Meinung in dieser Sache Ausdruck zu geben. Den Beschluß des Preußischen Landtages betrachte ich als eine Barbarei, der an die schlimmsten Zeiten des Mittelalters erinnert und sogar während der Epoche des Martyriums der russischen Juden unter dem Regime der Zaren nicht seinesgleichen hat. Ich bin überzeugt, daß Juden in der ganzen Welt mit allen ihnen zu Gebote stehenden rechtlichen Mitteln gegen diesen Beschluß auftreten werden. Leider ist Deutschland nicht wie einige andere Staaten an die internationalen Verpflichtungen, betreffend Minderheitenschütz gebunden. Dieser Mangel wird jetzt spürbar, besonders auch im Hinblick darauf, daß das Hitlertum alle deutschen Juden, nicht allein die Ausländer, entrechten will. Ueber den Beschluß des Preußischen Landtages kann man darum nicht mit dem Völkerbund in Genf reden. Als einzige Hoffnung bleibt, daß der in Deutschland wohnenden Juden, deren Vermögen beschlagnahmt werden soll, sich jene Staaten annehmen werden, deren Bürger sie sind. Ich hoffe, daß nicht nur Polen und die anderen Staaten, deren Staatsangehörige in Preußen durch das Gesetz betroffen werden sollen, sondern daß auch die Regierungen Englands, der Dominien, ja sogar der Vereinigten Staaten von Amerika es nicht zulassen werden, daß der Beschluß des Preußischen Landtags Gesetz wird. In Preußen, namentlich in Berlin, leben Juden, die in Osteuropa geboren, aber Bürger Englands, Amerikas, Südafrikas und anderer Länder sind. Als vor dem Kriege amerikanische jüdische Bürger im zaristischen Rußland schikaniert wurden, drohte Amerika deswegen mit dem Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland. Rußland mußte schließlich nachgeben. Die Protestwelle gegen das Zarenrußland, die damals New York und die Vereinigten Staaten durchzog, wird sich jetzt gegen die Barbarei Hitlers über die ganze Welt ergießen. Sokolow sprach zum Schluß die Meinung aus, daß die fortschriftlichen Elemente in Deutschland es nicht zulassen werden, daß die Landtagsentschließungen Gesetz werden. Allein die Tatsache, daß ein solcher Be- Schluß gefaßt werden konnte, so fuhr er fort, zeigte den Juden, was sie von Hitler, wenn er zur Macht kommt, zu erwarten haben. Jetzt werden jene Kreise in England und Amerika aufhorchen müssen, die sich einreden lassen, daß Hitler nicht gar so fürchterlich ist. Sokolow schloß: Schon allein die Ent- Schließung, auch wenn sie nicht Gesetz wird, ist dazu angetan, eine Panik unter den in Preußen wohnenden Auslandsjuden hervorzurufen. Dadurch wird die Wirtschafts־ und Finanzlage der Wert noch komplizierter als sie es schon ist. Ich wünschte, daß meine Stimme des Protestes .von den polnischen Juden gehört und daß meinem Rufe gefolgt wird. Judenfludit aus Aden Die Jüd. Telegraphen-Agentur erhielt von ihrem Korrespondenten in Aden auf Umwegen — weil bisherige Telegramme des Korrespondenten an die JTA. beschlagnahmt worden waren — Mitteilungen, aus den?n hervorgeht, daß die durch di.? Rogrome in Aden Ende Mai innerhalb der Judenschaft entstandene Panik andauert, daß jüdische Familien aus Aden flüchten und daß mit dem nächsten nach Palästina abfahrenden Dampfer massenhaft Juden aus Aden nach Palästina abwandern. Der Korrespondent erhebt gegen die Polizei in Aden offen die Beschuldigung, daß sie sich der Lage nicht gewachsen zeigte und parteiisch vorging. Er erzählt, daß am 27. Mai auf Französisch-Somaliland ein Angriff auf die Juden organisiert worden war, aber von den Behörden rechtzeitig verhindert werden konnte; das gleiche hätte in Aden der Fall sein können, wenn die dortigen Behörden sich nicht so unfähig und voreingenommen gezeigt hätten. ״Jewish Chronicle“ wird aus Aden berichtet, daß zehn Juden, die mit den Unruhen nichts zu tun hatten, verhaftet worden sind: vier von ihnen, die in Aden geboren sind, wurden freigelassen, die übrigen sechs aber nach Hodeidah verbannt. Als die jüdischen Repräsentanten die Behörden darauf aufmerksam machten, daß die Ankunft der jüdischen Verbannten zu antijüdischen Unruhen auch in Hodeidah Anlaß geben würde, wurden die sechs nach Lahaj deportiert. Auf einen von der Jüd. Telegraphen-Agentur beim Londoner Indien-Amt erhobenen Protest wegen der Beschlagnahme der Telegramme ihres Korrespondenten wurde erklärt, die Behörden in Aden hätten vorübergehend die Telegramm-Zensur eingeführt. In den beschlagnahmten Telegrammen wird eine eindrucksvolle Schilderung der Vorgänge in Aden während der Pogrom-Tage gegeben. Es wird u. a. erzählt, daß von Juden bewohnte Straßen lange Zeit ganz dem exzedierenden Mob ausgeliefert waren, ohne daß die aus Moslems bestehende Polizei eingriff. Die Familie Menahem, anerkannte Führerin der Jüdischen Gemeinde in Aden, bemühte sich vergebens, sich mit dem britischen Oberkommissar in Verbindung zu setzen. Wären nicht die meisten jüdischen Häuser in Aden festungsartig gebaut, so hätte es zu einem noch schrecklicheren Blutbad kommen können. So aber blieb das dauernde Bombardement jüdischer Häuser mit schweren Steinen ziemlich ohne Wirkung. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, die Waren geplündert, Synagogen demoliert, Thorarollen und religiöse Büeher zerrissen und auf die Straße geworfen, zahlreiche Juden niedergeschlagen und schwer verletzt. Erst als alles vorbei war, besuchte der britische Oberkommissar die Familie Menahem und versprach behördliche Maßnahmen zur Aufrecht« erhaltung der Ruhe, wenn die Juden sich verpflichten, nach se.hs Uhr abends die Wohnungen nicht zu verlassen. Es erschienen auch Tanks in den Straßen, so daß die Araber es nicht mehr wagten, die Ueberfälle zu wiederholen. 90 der Aufrührer, die nicht ständige Einwohner von Aden sind, wurden in das Innere Arabiens deportiert. Unter der jüdischen Bevölkerung besteht aber wenig Hoffnung, daß die unter der Einwohnerschaft von Aden zu suchenden wirklichen Anstifter und Führer der Pogrome bestraft werden würden. Tagung des liberalen Judentums. Vom 4. bis 8. August d. J. hält aer Weltverband für das liberale Judentum anstatt der fälligen Weltkonferenz eine Vorstandssitzung im Haag ab. Das vollständige Programm der Tagung wird noch bekanntgegeben werden. Aus dem provisorischen Programm ist folgender Punkt bemerkenswert: Am 7. August soll in einer Round Table-Besprechung des Weltverbands-Vorstandes mit Gästen das Thema ״Die Ueberwindung der tatsehen Assimilation durch das liberale Juden« tum“ behandelt werden.