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Jüdische Rundschau · 1932-07-01 · Heft 52 (1.7.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 52 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 52,1. Vn. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 247 Das Echo der preußischen Landtags-Beschlüsse Die antisemitischen Beschlüsse des Preußischen Landtages in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni haben im In- und Auslande ein starkes Echo gefunden. Der Beschluß aut Nichtanstellung jüdischer Künstler an den Staatstheatern hat einzelne Künstlerverbände auf den Plan gerufen, die gegen die Kulturfeindlichkeit derartiger Beschlüsse energisch Protest einlegen. Der Beschluß auf Enteignung der Ostjuden hat, offenbar weil er zunächst gar keine praktische Bedeutung hat und vielleicht auch aus technisch-berichterstatterischen Gründen, in der liberalen Presse Deutschlands nur geringe Aufmerksamkeit erregt. Hingegen fühlte sich die ״Deutsche Allgemeine Zeitung“, die sonst mit den Nationalsozialisten sympathisiert, zu der Bemerkung veranlaßt, daß der Beschluß, das Vermögen der Ostjuden sofort zu beschlagnahmen und das der Parteibeamten sicherzustellen, dem Spitzelwesen Tür und •Tor öffnet, ohne daß finanziell etwas dabei herauskommt. Die! ״D. A. Z.“ schließt ihre Bemerkungen mit den Worten: ״Wenn der innerpolitische Kampf in den Formen der letzten Woche weitergeht, so geraten wir auch wirtschaftlich in Zustände, die unausdenkbar sind.“ Es ist interessant, daß man im bürgerlich-nationalen Lager von dieser Entwicklung überrascht ist. Die gemeinsame Gegnerschaft gegen links hat diese Kreise früher dagegen blind gemacht, daß die Methoden der Nationalsozialisten zu ״unausdenkbaren Zuständen“ in jeder Hinsicht führen müssen. In diesem Zusammenhänge verdient Erwähnung, daß Hugenberg auf einer Tagung der Deutschnationalen am 26. d. M., einen Tag nach der Annähme des Enteignungsgesetzes gegen die Ostjuden mit Hilfe der deutschnationalen Abgeordneten, in einer großen Rede einen Grenzstrich zwischen sich und den Nationalsozialisten zog. Hugenberg erklärte, er sei einig mit den Nationalsozialisten in. der harten Unduldsamkeit gegenüber allen Behinderungen eines einigen nationalen Deutschlands, hingegen bestünde zwischen seiner Richtung und den wirtschaftlichen Ansichten der Natiomlsozialisten ein kaum geringerer Gegensatz als gegenüber den Marxisten. Zu deutsch gesagt: Sofern die Nationalsozialisten sich darauf beschränken, antisemitische Gesetze vorzuschlagen und zu beschließen, so werden die Deutschnationalen mit sich reden lassen. Hingegen lehnen sie jedes sozialistische Beginnen der Nationalsozialisten ab. In der ausländischen jüdischen Presse haben die Beschlüsse selbstverständlich das größte Aufsehen erregt. Es wird in diesen Zeitungen u. a. darauf hingewiesen, daß der Enteignungsantrag mit Hilfe der kommunistischen Stimmen zum Beschluß erhoben wurde. Die Kommunisten ihrerseits erklären ihr Verhalten in der Frage des gegen die Ostjuden gerichteten Enteignungsgesetzes mit einem Mißverständnis; sie haben sogar im Zentrum Berlins, wo viele Juden wohnen, Flugzettel verteilt, in denen sie ihr Verhalten־ zu entschuldigen versuchen. Die nichtjüdische Presse in Polen veröffentlichte zunächst nur eine Mitteilung der amtliehen polnischen Telegraphen-Agentur über die Annahme des Enteignungsgesetzes ohne Kommentare. Als erste polnische Zeitung äußerte sich zu diesem Beschlüsse der dem Pilsudski- Kreise nahestehende ״Kurjer Polski“, der schrieb: ״Im 20. Jahrhundert ist der Enteignungsbeschluß gegen die Ost- Juden eine Provokation der ganzen Kulturwelt. Diese Kampfansage müssen alle freiheitlichen Kreise zur Kenntnis nehmen, Blum in Paris, MacDonald in London und Borah in Washington. Der Versuch zur Verübung offener Gewalttaten gegen Menschen, weil sie den Hitlerischen Reaktionären 3i,cto gefallen, erfordert eine kategprije^p, Verurteilung durch!e zivilisierte Welt , . . Das Unrecht das gegenüber dei! Juden in Preußen verübt wird, bleibt ein Unrecht.' Der vonschlag der Nationalsozialisten muß als Schande des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.“ Die JTA. weiß unter dem 27. aus Warschau zu melden, daß die polnische Regierung sich mit dem vom Preußischen Landtag angenommenen Gesetz befassen müsse, wenn bei der evtl. Durchführung eines derartigen Gesetzes auch Juden polnischer Staats angehörigkeit in Mitleidenschaft gezogen werden sollten. Die polnische Regierung werde alle aus der Durchführung eines derartigen Gesetzes sich ergebenden Konsequenzen ziehen. Sie wird In keiner Weise zugeben, daß polnischen Bürgern in Deutschland eine andere Behandlung zuteil wird als Bürgern anderer Staaten. Sie wird nicht zulassen, daß gegen Bürger ihres Landes, die in Deutschland wohnen, Ausnahmegesetze zur Anwendung kommen. In einer Unterredung mit jüd.-polnischen Abgeordneten erklärte der polnische Ministerpräsident Oberst Prystor, daß er bereits dem polnischen Gesandten in Berlin Weisung erteilt habe, die Entwicklung in1 bezug auf polnische Staatsbürger in Deutschland genau zu verfolgen und gegebenenfalls alles zum Schutze dieser polnisehen Staatsbürger zu veranlassen. Es ist kein Zweifel, daß auch andere Staaten sich nicht tatenlos damit abfinden werden, daß ihre Staatsangehörigen in Deutschland unter Ausnahme■ gesetze gestellt werden, die sich speziell gegen eine be■ stimmte Kategorie von Ausländern in Deutschland richten. Das kahle Palästina Die landschaftliche Schönheit Palästinas, deren Zauber sich niemand entziehen kann, wird durch den Mangel an Wäldern beeinträchtigt. Nicht immer war Palästina ein kahles Land. Das bestätigen nicht nur die Geschichtsschreiber, sondern auch die Tatsache, daß die Ueberreste früherer Wälder sich auf nahezu 700000 Dunam erstrecken. Diese Ueberreste sind eines der traurigen Denkmäler Jahrhunderte alter türkischer Miß- Wirtschaft. Die englische Mandatarmacht hat es, gleich nach Besetzung des Landes, als eine ihrer ersten Pflichten betrachtet, durch Verordnungen die vorhandenen spärlichen Ueberreste an Wald- Pflanzungen vor der Vernichtung zu bewahren. Gleichzeitig wurde in bescheidenem Umfang mit einer planmäßigen Aufforstung begonnen, die sich sowohl auf die Wiederherstellung der vorhandenen Wälder wie auf Neuanpflanzung erstreckte. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß fast 10 °/0, rund 2 500 000 Dunam der gesamten Bodenfläche Palästinas, nur für Aufforstung geeignet ist, davon der größte Teil in Judäa und im Süden. Abgesehen von den älteren Waldresten, sind bisher im ganzen erst 26 OM Dunam aufgeforstet worden, wovon auf die Juden 20 000 Dunam entfallen, der Rest von 6000 Dunam wurde von der Regierung bepflanzt In den letzten zehn Jahren hat nur der Keren Kajemeth eine Aufforstung im größeren Stil durchgeführt, deren günstige Resultate von allen Seiten anerkannt werden. Es mag daran erinnert werden, daß bei den ersten Pflanzungen in Ben-Schemen, Hulda, Kinereth, Daganiah und Merchawjah auch die ersten Arbeiterpioniere, die die zweite Alijah vor 25 Jahren ins Land brachte, ihre erste landwirtschaftliche Ausbildung erhielten. Aus diesen ersten Anpflanzungen sind inzwischen schon einige sehr schöne und schattige Wälder geworden, auf die die Chaluzim der zweiten Alijah, die es ermöglicht haben, daß ihre Genossen der dritten und vierten Alijah den Emek Jesreel erschließen konnten, mit Stolz blicken. Judenprozesse — Skandalprozesse Die Beendigung des Sklarek-Prozesses In Berlin, der mit harten Strafen für Leo und Willi Sklarek und im Vergleich dazu mit milden für die mitangeklagten nichtjüdischen Stadtfunktionäre schloß (ist die Härte der gegen die Juden Leo und Willi Sklarek verhängten Strafen vielleicht, nach einem merkwürdig politisch-physikalischen Gesetz, eine Funktion des ״Schwerefeldes“ der herrschenden antisemitischen Volksstimmung?), gibt Veranlassung, sich an die vielen Judenproze s s e der letzten Jahre und an die Skandal- Prozesse, an denen Juden beteiligt waren, zu erinnern. Unter ״Judenprozessen“ sind Prozesse zu verstehen, in denen ein jüdischer Angeklagter hauptsächlich darum vor den Sch ranken des Gerichts steht, weil er ein Jude äst und weil seine Tat direkt oder indirekt als eine Folge jüdischen Wesens angesehen wird. Um einen Judenprozeß handelte es sich im Falle Dreyfus, beim Ritualmordprozeß Beilis, im Prozeß des Studenten Steiger in Lemberg, im Schwarzbartprozeß in Paris und auch im Falle des Fabrikanten Haas in Magdebürg, ln all diesen Fällen sollte neben anderen querlaufenden Absichten das Ziel erreicht werden, in einem Juden die gesamte jüdische Gemeinschaft zu treffen. Schon die Prozesse Barmat und Kutisker waren keine reinen Judenprozesse, sondern eine Mischung von Skandal- und Judenprozeß. Sie wurden weidlich zu antisemitischer Propaganda ausgenutzt. Die jüdischen Figuren, um die es sich hier handelte, waren sicherlich keine repräsentativen Juden, sondern Entartung?- erscheinungen, die aus der Zersetzung der jüdischen Gemeinschaft, aus jüdischer Entwurzelung und hemmungsloser assimilatorischer ״Aufstiegs“־tendenz zu erklären sind. Der Fall Sklarek ist in erster Linie Skandalprozeß und hat mit Judentum und jüdischer Gemeinschaft nur sehr wenig zu schaffen. Natürlich verzichten die berufsmäßigen Judenhetzer auch diesmal nicht darauf, wieder einmal die Juden als das Urprinzip des Bösen und die Quelle aller Schlechtigkeit in der Welt darzustellen. Schon im Jahre 1925 haben wir anläßlich des damaligen Barmat-Prozesses darauf hingewiesen, daß neben jüdischen Bestechern und Schiebern, deren persönliches Schicksal uns sehr wenig am Herzen liegt, eine große Zahl aus den besten nichtjüdischen Kreisen stammender Bestochener in jener Affäre eine wenig rühmliehe Rolle gespielt hat. Wir versagen uns die Analyse, wer in höherem Grade schuldig ist, der entwurzelte, innerlich hemmungslose Geldverdiener oder der alteingesessene, in Würden und strengen Traditionen erzogene Vertreter der Amtsinteressen. Was die Sklareks anbelangt, so haben wir im Jahre 1929, als die Skandalaffäre aufkam, unter dem Eindrucke der ersten sensationell aufgemachten Nachrichten über die drei Brüder nachstehendes geschrieben: ״Diese drei Brüder, die sich aus kleinen Anfängen im Wirbel ,moderner‘ Geschäftigkeit zu Villenbesitzern emporgearbeitet und sich Rcnnställe zugelegt hatten, sind, im Grunde genommen, völlig belanglose und armselige Menschen, die alles, was sie taten, immer mit einem Gefühl der Unsicherheit und mit einem Seitenblick auf die alteingesessenen Firmen der ״Branche“ übten. Mit dein Judentum sind die Sklareks nur in losem Grade verbunden. Es liegt die Vermutung nahe, daß es sich um Parvenüs handelt, die vor den von ihnen für mächtig Gehaltenen den Kotau machten, die jedermann umschmeicheln und jedermann Gefälligkeiten erweisen, um vor der Konkurrenz mit ihren Bekanntschaften großtun zu können und unter dem Paravent dieser Bekanntschaften Schiebungen zu verüben. Insofern die Sklareks durch ihre zufällige Abstammung von Juden einen Anlaß geben, daß Berufsjudenfeinde wieder einmal hetzen, werden sie leider den anderen Juden interessant — sonst aber verdienen sie keine besonderes Interesse, weder als Menschen noch als Juden. Sie sind nichts als kleine Schieber mit großen Summen und armselige Parvenüs mit hohen Bekanntschaften.“ Diese Worte gelten heute nach drei Jahren genau wie an dem Tage, da sie niedergeschrieben wurden. Der Prozeßverlauf hat zum Bilde der Sklareks nur noch hinzugefügt, daß sie sich dem Leben der Neureichen angepaßt und zu guten Trinkern und gerngesehenen Skatgenossen entwickelt hatten. Ihr Prozeß ist in einem nur ganz bescheidenen Grade als ״Judenprozeß“ anzusehen. Noch weniger als der Sklarek-Prozeß verdient die - natürlich in ein ganz anderes Kapitel gehörende — Fa milienaffäre Caro-Petschek, die jetzt vielfach die Oeffentlichkeit beschäftigt, die Bezeichnung eines Judenprozesses. Die ״Bedeutung“, welche die Austragung dieser ״Affäre“ erlangt hat, ist nur auf das Sensationsbedürfnis der Presse zurückzuführen. Eine jüdische Note gewann diese Familienaffäre bisher höchstens dadurch, daß die streitenden Parteien, nach uraltem Kleinkehillebrauch, einander den mangelnden ״Jichus“ vorwerfen. Das konnte ein rechter Parnaß zu keiner Zeit vertragen. Herr Geheimrat Caro wehrt sich also entschieden dagegen, ein ״zugereister Ostjude“ zu sein, und die Petschek-Partei in Kenntnis der eigenen und Caros Psy chologie, stichelt immer mit diesem Vorwurf, dessen Be eründung gebildeten und stolzen Menschen wirklich ״!eichgültig sein könnte. Man darf aber nicht vergessen, daß sowohl Caro wie Petschek eine bestimmte Abart jüdischer Assimilation darstellen. Ihre Affäre ist ein Symptom der Zustände in der großkapitalistisch-assimilatorisch-israelitischen Hautevolee, die völlig unzeitgemäß anmutet. Die Welt,_ auch die Juden, haben wahrhaftig andere Sorgen. Leider ist in der gegenwärtigen Stimmung auch diese Affäre ein Anlaß zu Judenhetze. Man glaubt, die internen Verhältnisse ״des“ Judentums hier enthüllt zu sehen. Das Judentum aber empfindet längst nicht mehr reiche Leute, nur um des Reichtums willen, als seine Repräsentanten. Hier sind Abfallsblüten einer Lebensform von vorgestern, eine Atmosphäre, aus der das junge, zukunftsbewußte Judentum hinausstrebte. Man fragt sich, wenn man den Maßstab altjüdischer Familientradition anlegt, vergeblich, wie es zu diesem Prozeß und seiner abstoßenden Publizität überhaupt kommen konnte. Sei dem wie es sei, leider wirkt sich auch diese Sache, mit der die jüdische Gemeinschaft nicht das geringste zu schaffen hat, als eine Belastung des gesamt-jüdischen Kontos aus. Der Mindertieitenkongreß Als jüdische Vertreter sind zu dem Kongreß det nationalen Minderheiten Europas in Wien bisher eingetroffen: Leo Moizkin, die Parlamentsabgeordneten Dr. Rosmarin und J. Grünbaum (Warschau), Dr. Theodor Fischer (Bukarest), Dr. Vitenberg und Professor Laserson (Riga), Oberst Tadger als Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums in Sofia sowie Dr. Emil Margulies, Präsident der jüdischen Partei in der Tschechoslowakei. In der Eröffnungssitzung am 29. Juni hielt M 01 z k i n eine großangelegte Ansprache über die Lage der Juden in der Welt, wobei er betonte, daß die jüdische Frage die Minderheitenfrage kat exochen ist und daher alle Völker, nicht nur die Juden, angeht. Tagung der Juden Bulgariens Die Repräsentantenversammlung der Judenheit Bulgariens, die offiziell anerkannte Vertretung der bulgarischen Juden, hat folgenden Verfassungsbeschluß gefaßt: ״Die Organisafion des bulgarischen Judentums umfaßt alle jüdischen Gemeinden in Bulgarien als Bestandteile des gesamten jüdischen Volkes und hat zum Zweck die Befriedigung ihrer religiösen und national-kulturellen Bedürfnisse. Im vollen Umfange dieses Zweckes und in den Grenzen der Landesgrundgesetze ist. diese Organisation vollständig autonom.“ Nach Parteizugehörigkeit waren die Delegierten wie folgt verteilt: 35 Allgemeine Zionisten, 9 Ztonisten-Revisionisten, 4 Poale-Zionisten und 13 Nichtzionisten; es gab keinen einzigen antizionistischen Vertreter. Christlich-indische Grundlage Herr Max Naumann, Begründer des Verbandes Nationaldeutscher Juden, hält es für erforderlich, der christlichdeutschen Grundlage des neues Kurses auch seinerseits die Approbation zu geben. Er veröffentlicht in der ״Ber- 1 i n e r Börsen-Zeitung“ vom 25. Juni einen Artikel mit der Ueberschrift ״Christliche Grundlage“, worin er erklärt, die nationaldeutschen Juden seien sich darüber klar, daß das christliche Element aus der deutschen Kultur, dem ״Nährboden des deutschen Seelentums“, das Herr Naumann auch natürlich für sich in Anspruch nimmt, nicht herauszulösen ist. ״Und weil dieses deutsche Christentum die deutsche Kultur so völlig durchdrungen hat, ist sie auch für uns bodenständige deutsche Juden stets ein selbstverständliches Lebens- und Entwicklungselement gewesen.“ — Es ist immerhin etwas Neues, wenn die Anbiederung so weit getrieben wird, daß sogar die Unterschiede auf dem Gebiete des Glaubens und der Religion zwischen Juden Und Christen geleugnet werden. Die Deutsch-Völkischen haben es wirklich schwer. Sprechen sie von ״Volkstum“, um sich von den Juden abzugrenzen, sofort sind Juden zur Hand, die nachweisen, die Juden seien nur ein deutscher Stamm, 90 wie Bayern und Schwaben. Spricht man, um jedes Mißverstandnis auszuschließen, von christlich - deutscher Kultur, auch da erscheint ״der“ Jude, der diese für sich in Anspruch nimmt, und so die Identität, die von der anderen Seite eben nicht gewünscht wird, wieder herstellt (wenigstens nach seiner Meinung). Man kann begreifen, daß der Antisemitismus dadurch nicht vermindert wird. Es ist nur bedauerlieh, daß die durch derartige Erscheinungen hervorgerufene Verachtung dann das ganze Judentum trifft. Die unter der Führung von Dr. Wilhelm Fildermann stehende Union rumänischer Juden schloß für die bevorstehenden Parlamentswahlen ein Wahlkartell mit dem Verband der Kaufleute, welche der Union die Spitzenkandidaturen in 15 Wahlkreisen überließ. In Bukarest kandidiert Dr. Fi Id ermann an zweiter Stelle. Die von Dr. Mayer Ebner und Dr. Theodor Fischer geführte jüdisch-national orientierte ״Jüdische Reichspartei“ tritt in vielen Wahlkreisen sowohl in Alt-Rumänien als auch in den neuen Provinzen als selbständige Wahlpartei mit eigenen Listen auf. ״Sind Juden vogelfrel?“ So überschreifrf der ״VbhrÄrJs* * einen Gerichtssaal-Bericht über den von zwei jungen Hakenkreuzlern an dem jüdischen Fouragenhändler Meyerhardt verübten gemeinschaftlichen Totschlag in Tateinheit mit versuchten! schweren Raub. Die Angeklagten, 22- und 17jährig, wurden zu 12 Jahren Zuchthaus bzw. 6 Jahren Gefängnis verurteilt, ln der Verhandlung sagten die Angeklagten in Tränen aufgelöst: ״Wir dachten uns, Meyerhardt ist ein J u d e , er saugt die Arbeiter aus, ihm kann man Geld wegnehmen. Dem kann man es zeigen. Angesicht zu Angesicht mit dem Opfer verloren wir plötzlich den Mut und die Nerven, wir hatten uns gedacht, wir würden einen Mann mit einer Hakennase vor uns sehen, ein geiziges Gesicht. Statt dessen sahen wir ein gutes Gesicht.“ Deshalb rief der ältere Angeklagte: ״Das ist er nicht.“ Der ״Vorwärts“ schließt seinen Bericht mit den Worten: ״Die Angeklagten glaubten, daß Juden gegenüber alles erlaubt ist, selbst Raub und Totschlag. Von den Kurfürstendamm-Krawallen zu dieser Bluttat führt eine gerade Linie.“ Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt seine diesjährige Tagung in Dresden ab. Der Vorsitzende, Reichsminister a. D. Dr. Gathein, wies in der Einleitung^- rede auf die Gefahren des Antisemitismus in Deutschland für die Gleichberechtigung der Deutschen im Auslande hin. Der Leipziger Historiker, Prof. Walter Goetz, hielt ein Referat über die Geschichte des Antisemitismus, worauf Pfarrer Dietrich Graue (Berlin) über ״Christentum und Antisemitismus“ Sprach, ln die Ver- Sammlung hatten sich einige Nationalsozialisten eingeschlichen, die durch Zwischenrufe die Ausführungen Pfarrer Graues vergeblich zu stören versuchten. Internationale Konferenz für soziale Arbeit. Das vorläufige Programm für die jüdischen Teilnehmer an der Zweiten Internationalen Konferenz für soziale Arbeit, die in Frankfurt a. M. abgehalten wird, ist: 1. Sonntag, 10. Juli, vormittags 10 Uhr: Zusammenkunft (informal meeting) der jüdischen Teilnehmer im Saale Unterlindau 21. Die Besprechung soll am Nachmittag bis etwa gegen 5 Uhr fortgesetzt werden. 2. Montag, 11. Juli: Die jüdischen Teilnehmer werden auf den am Abend des Montag im Carlton-Hotel stattfindenden Empfang der Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe (Genf) aufmerksam gemacht, besonders auch mit Rücksicht darauf, daß die Internationale Vereinigung sich gegenwärtig in verstärktem Maße mit der Notlage der jüdischen Kinder in den Ostländern beschäftigt. 3. Mittwoch, 13. Juli: (Mit Rücksicht darauf, daß der Nachmittag und Abend von der allgemeinen Konferenz sitzungsfrei gelassen worden sind, werden die jüdischen Teilnehmer gebeten, sich diese Zeit für die Beendigung der Besprechung usw. freizuhalten.) Fortsetzung der Besprechung der jüdischen Teilnehmer nachmittags 33׳ä Uhr pünktlich im Saale Unterlindau 21. Die Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M., Langestr. 30, hat sich bereit erklärt, Führungen und Besichtigungen durch die jüdischen Einrichtungen in und um Frankfurt a. M. stattfinden zu lassen. Alle Auskünfte, auch schriftlich, durch die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin- Charlottenburg 2, Kantstr. 158, und deren in Frankfurt a. M. anwesende Mitarbeiter. Zahlt und sammelt den Schekel!

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