Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-06-24 · Heft 50 (24.6.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 50 (24.6.1932)
Date
1932-06-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653400--23034-2681342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 238 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 50, 24. VI. 1932 Wohnkomfort Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl.' Tel-Awiw, 14. Juni 1932. Auf der Levante-Messe konnte man in dem gut herge• stellten Pavillon der Munizipalität Tel-Awiw eine Reihe von kleinen und kunstlosen Photographien sehen, die trotz ihrer Primitivität eine eindrucksvolle Sprache redeten. Neben den freien Sanddünen, die noch vor wenigen Jahrzehnten die Stelle der Stadt Tel-Awiw bildeten, sah man die ersten, sich um das Gymnasium gruppierenden Straßen, dann wieder eine Uebersicfit über die Gesamtstadt, die sich nach wenigen Jahren nach allen Seiten zu strecken begonnen hat; daneben die noch kahlen Flächen für das geplante Handelszentrum, das heute dicht bebaut und bewohnt ist, und schließlich einen Blick aus der Vogelperspektive auf die immer weiter ausgreifende Stadt von heute, die sich von Jaffa bis an den Jarkon dehnt, mit Häusern, Straßen, Plätzen, Bäumen, mit einem überlebendigen Straßenverkehr und mannigfachen Auto« buslinien. Diese Photographien zeigten das Wachstum der Stadt in die Breite, ihr äußerliches Werden, das immer mehr Platz überdeckt. In den letzten Jahren hat sich Tel-Awiw aber nicht nur vergrößert, sondern auch in seinem Stil, seinen Ansprüchen und vor allem in seinem Standard gewaltig verändert. Eine immer stärkere Modernisierung ist eingetreten, die sieh äußert in einem Wandel des Hausbaus, in neuen Stilformen und in einer zur Bequemlichkeit, Sachlichkeit und Moderne hinstrebenden Inneneinrichtung. Wir sprechen insbesondere von Tel-Awiw, weil diese Stadt im In- und Auslande oft übel beredet wurde wegen geschmackloser Häuser, der durcheinandergewürfelten Straßenbbcks, des Mangels eines Gesamtstils. Jerusalem und Haifa nahmen einen anderen Weg, weil sie sich langsamer entwickelten, weil sie nicht wie die jüdische Schwesterstadt gewissermaßen im Handumdrehen und auf Bestellung aus dem Sand gestampft wtirden, weil sie anspruchsvolleres und schöneres Steinmaterial zur Verfügung hatten. Aber auch in Haifa und Jerusalem baut man heute ganz anders als vor zehn Jahren. Sowohl das Primitive wie das Romantische muß dem Praktischen und dem Bequemen weichen, der Beton verdrängt auch in den Stein- Städten immer mehr das einheimische Material der benachbarten Berge und auch die Steinverkleidung der Fassaden hält sich nicht mehr überall, fn den Kolonien ist ebenfalls ein gewaltiger Umschwung eingetreten. In den nationalen Siedfungen des Emek und der Jordansenke, auch an vielen Stellen im Galil geht der Weg eines Jahrzehnts, der vom Zelt zur Baracke und von der Baracke zu einem soliden, den besonderen Bedürfnissen entsprechend ausgestalteten Wohnhause führte, seinem Ziel entgegen. Und in den Pflanzungskolonien baut man heute oft so, wie man in Tel-Awiw vor einigen Jahren baute: Ein- und Zweifamilienhäuser, oft sehr angreifbar im Stil, die manchmal den Siedlungen eher den Anstrich einer Kleinstadt, als eines Dorfes geben. Nehmen wir Tel-Awiw als das Beispiel einer Entwicklung, so treten uns drei auffallende Züge neuer Art entgegen: eine Wandlung Im Stil, ein Ausbau der Innen einriehtung, sowohl bei Einzelwie auch bei Mietsbauten und eine Bewegung zur Schaffung von Eigenhäusern. Besonders im letzten Jahre hat die Stadt eine betrachtliehe Baubewegung gesehen, die zu einem Teil mit der Tendenz zusammenhing, nach dem Pfundsturz Kapital in Sachwerten anzulegen, zum Teil mit dem Wunsche, sich durch Anlage eines eigenen Hauses den hohen Mietspreisen zu entziehen. Diese letzte Baubewegung hat auf den Erfahrungen eines Jahrzehnts fußen können. Die oft übertriebene Kritik am Stil, an der schlechten Bauart,, dem, P»«bel«nder der Te1-Ä#fwet Bafifen *fiat z!i einem feil bereits Früchte getragen. Einige gute Hausmodelle, meistens Wohnbauten, taten ihre Wirkung. Das sehr wandlungsfähige Publikum der Stadt, das durch tausend Kanäle mit verschiedenen Ländern Europas und den neuen Errungenschaften der Wohnbaukultur und -technik in Verbindung steht, begann sich umzustellen und seine Ansprüche hinaufzuschrauben. Die Zeit geht vorbei, wo man sich auch In den Städten als ״Pionier“ betrachtete. Man wird bequemer, will es leichter haben, hat die verschiedenartigen Schutzvorrichtungen gegen die Nachteile des Klimas schätzen gelernt, die Hausfrau verlangt gute Bedingungen für ihre Arbeit und die Kinderaufzucht. Zuerst begannen vereinzelte Begüterte mit der Herstellung von Wohnsitzen, die sich im Stil den neuen Auffassungen Europas anpaßten, zugleich aber den besonderen Verhältnissen des Landes, seiner Beieuchtung, seinen Wind- und Hitzeverhältnissen Rechnung trugen. Niedrige lange Fenster ersetzten die schmalen hohen Scheiben der früheren Zeit; Windstellung und Sonnenschutz wurden genau berechnet. Diese technischen Aenderungen ergeben zusammen mit Geschmackwandiungen einen neuen Stil, der sich immer mehr durchsetzt und bestimmten neuen Gegenden sein Gepräge zu geben beginnt. Hand in Hand mit dieser Wandlung des Stiles ging eine Umänderung und Ausgestaltung der Inneneinrichtung. Auch hierin lehnt man sich in die neuen Baumethoden Europas an, versucht so weit wie möglich Raum zu sparen, baut Schränke und besondere Gelasse in die Wände und sucht nach glatten fTaktischen Materialien. Badezimmer und Küche erhalten in inrichtung und Kachelung besondere Aufmerksamkeit und werden aus engen und oft ungemütlich-unpraktischen Gelassen zu komfortablen hellen Räumen. Die neuen Mietshäuser fangen an, sich dieser neuen Mode anzupassen und fahren fut dabei. Bei dem letzten ״Muharem“, dem Umzugstermin alästinas, sind viele aus den alten Wohnungen in die funkelnagelneuen bequemeren Häuser gezogen, auch wenn sie nicht soviel Raum boten und obwohl die Mieten erheblich hoch waren. Die vielfachen Neuerungen üben ihre Anzichungskraft aus. Neben den Vierteln mit den guten Fronten, den modernen Fassaden und dem steigenden Wohnkomfort stehen aber immer noch ganze Straßenzüge elender, aus Holz, Blech und Dachpappe zusammengeschlagener Baracken, in denen die arme Bevölkerung, zu einem großen Teile orientalische Juden, ihre Unterkunft findet. Es mutet wie eine Ironie an, daß ein großes derartiges Viertel gerade dem riesigen Gebäude des von Nathan Strauß gegründeten ״Oesundheitszentrums“ gegenüberliegt. Würde man dieses und ihm ähnliche Viertel durch billige und hygienisch genügende Straßenzüge ersetzen, so wäre das Bedürfnis nach einer solchen Institution wie dem Gesundheitszentrum sehr viel geringer. Man macht seit Jahren Pläne zur Abtragung dieser Viertel, aber die Resultate sind bis jetzt gering. Und gerade zurzeit, wo die Ansprüche der Mittelklasse an ihre Wohnungen im Steigen begriffen sind, wird der klaffende Gegensatz zwischen den neuen bequemen Häusern und den im Sommer glühenden, im Winter feuchten, übervölkerten Baracken um so krasser. Solange jedoch die Mieten in Tel-Awiw — und überhaupt im Lande — so hoch sind wie heute, müssen die Barackenbewohner froh sein, überhaupt ein Unterkommen zu haben. Daß sie in absehbarer Zeit den Mietzins einer normalen Wohnung erschwingen können, erscheint ausgeschlossen. Dieser hohe Mietszins ist zurzeit nicht der geringste Faktor in der Bewegung für den Bau von Eigenhäusern, die im Ansteigen begriffen ist. Schon immer hat die Miete einen hohen Prozentsatz des Arbeitslohnes verschlungen. Das gilt sowohl für den städtischen wie auch für den ländlichen Arbeiter. Bei diesem ist häufig die Beschaffung einer erschwinglichen und dabei doch menschenwürdigen .Unterkunft y äußerst schwierig und die Arbeiter bi den Siedlungen haben daher immer für eine entsprechende Baupolitik gekämpft. Wer in der Stadt nur irgendwie seiner Arbeit für die nächsten Jahre sicher zu sein glaubt, geht daran, sich ein eigenes Haus zu bauen, so daß er nach zehn oder fünfzehn Jahren mietefrei wohnen kann. Man organisiert sich zu diesem Zwecke in verschiedenen Gruppen, um leichter und billiger Boden zu bekommen und ausgiebige Kredite zu erhalten. Arbeiter und kleine Beamte siedeln sich in den ״Schchunoth Owdim“ (Arbeiterviertel) an und bauen sich mit einem geringen Anfangskapital und monatlichen Zahlungen kleine Häuser, um die sie Gärten anlegen. Andere tun sich zu ״Gemeinschaftshäusern“ zusammen, großen Gebäuden mit einer beträchtlichen Anzahl von Wohnungen, die am Anfang einen relativ kleinen Mietzins erfordern, der später noch'weiter sinkt. Kombinationen verschiedenster Art werden ersonnen, um das Anfangskapital und die nötigen Kredite aufzubringen. Meist sind an der Bildüng neuer Gemeinschaftshäuser oder neuer Viertel eine ganze Reihe von Gesellschaften beteiligt, Kredite werden aus allen möglichen Quellen beschafft. Der Bau von ״Rosch-Tel-Awiw“, einem neuen Viertel nahe am Zentrum der Stadt, wo hauptsachlich Beamte sich niedergelassen haben, zum Teil in ganz respektablen Gebäuden, kann als der Prototyp dieser Art von Baumethoden gelten. Die Entstehung dieser Stadtsiedlung, ihre Finanzierung und Kreditierung, ist ein wahrer Abenteurerroman von Anleihen, Bürgschaften, Wechseldiskont, Garantien und Garanten. Bei vielen dieser Bauten, die geradezu aus einem Nichts heraus entstanden sind, kommen vielen Zweifel, ob diese Art des ״Mietesparens“ nicht eine viel schwerere Belastung darstellt als eine normale Wohnung. Denn schließlieh handelt es sich bei vielen um eine Verpflichtung, «in oder anderthalb Jahrzehnte hindurch eine ganz beträchtliche Summe pro Monat aufzubringen. Aber das Baufieber ist in voller Höhe und täglich werden neue Pläne gemacht für neue Parzellierungen, neue Viertel, neue Bauten. Und für manchen fest angestellten Arbeiter ist das kleine Häuschen mit seinem Garten draußen in der Nähe des Jarkon oder in der Bucht bei Haifa eine große Hilfe, da er billigen Boden (oder Pacht beim Keren Kajemeth) und billige Kredite bekommt. Die Bedürftigsten freilich werden von dieser Baubewegung nicht erfaßt. Für sie sind auch die billigen Böden und die billigen Kredite völlig unerschwinglich. Ihnen kann nur durch eine weit großzügigere Boden- und Wohnungspolitik geholfen werden, die werteste Kreise der Bevölkerung umfaßt. Wir haben im letzten Jahre erlebt, daß trotz einer starken Bewegung zum Bau von Eigenhäusern und trotz der!nassenhaften Aufstellung von Mietshäusern die Wohnungspreise auf der gleichen Höhe blieben; ein Erfolg des engen Zusammenhaltens der Hausbesitzer. Infolgedessen ist gegenwärtig der Häuserbau noch immer ungewöhnlich, gewinnbringend Und liefert oftmals mehr als 10 °/0. Diese Rate ist fraglos übertrieben hoch. Mit einer Steigerung des Angebots werden die Preise fallen und dann wird für manche, die jetzt mit einem Zimmer vorlieb nehmen müssen, auch eine kleine Wohnung erreichbar sein. Aber trotz der beträchtlichen Hebung des Standards, die sowohl die Mittelklasse als auch einen Teil der gelernten Arbeiter auszeichnet und trotz der großen Bewegung zu Eigenhäusern ist das schwierigste Problem, die Beschaffung entsprechender Behausungen für die untersten Schichten, noch weit von seiner Lösung entfernt. Das Lehrerseminar des Hebrew Union College In New York geschlossen. Dr. Julian Morgenstern, Präsident des Hebrew Union College in New York, teilte bei der Diplomverteüuag des Lehrerseminars des College, die im Cfemefncfehatise des Tempels Emanuel stattfand, mit, daß das Lehrerseminar nunmehr wegen Mangels an finanziellen Mitteln geschlossen wird. An dem Seminar studierten während seines neunjährigen Bestandes 2000 Hörer, 176 erhielten bei demselben den akademischen Grad. — Eine wahrhaft erschütternde Illustration der Krise des amerikanischen Judentums! Chag Habikkurim In Berlin. Am 19. Juni kamen von allen Seiten Gruppen der zionistischen Jugend Berlins zum Jugendgelände in Brieselang. Der Wettergott hatte es nicht sehr gut gemeint. Zwei Tage vorher hatte es ständig geregnet, und auch am Sonntag früh standen drohend die Wolken am Himmel. Das schöne große Gelände mit freien Wiesen, kleinen Wäldern und einem See konnte trotz dieser Unsicherheit der Witterung über 1000 Jugendliche empfangen. In netter gleichmäßiger Kleidung, mit Wimpeln, erschienen die Blinde und bauten eine Zeltstadt. Bald stellte es sich heraus, daß diese Zeltstadt nicht nur zur Freude aufgestellt worden ist, sondern strömender Regen ließ die Jugendlichen in den Zelten verschwinden. So wurde das fröhlich begonnene Wettspielen jäh unterbrochen und konnte infolge Zeitverlustes auch nicht vollkommen zu Ende geführt werden. Handballspiel, Völkerballspiel, Wagenrennen, Hindernisstaffel und viele neue Scoutspiele wurden zum Austrag gebracht. Es war ein frohes Durcheinander. Fieberhaft wurde an den Kochplätzen gearbeitet. Die Kochkunst sollte durch einen Preis belohnt werden, und so sah man um die Hordentöpfe rote aufgeregte Backen und lebhaftes Hantieren mit Kartoffeln, Eiern, Ge* miise, Reis, Stachelbeeren usw. usw. Um V34 Uhr sammelten sich die einzelnen Bünde zur Aufstellung für den großen Aufmarsch. Der Wettergott hatte ein Einsehen, und die Sonne kam langsam hervor. Es war ein prachtvolles Bild, als der Aufmarsch begann und über 1000 jugendliche Zionisten ein Karree bildeten, um zum erstenmal in der Golah Chag Habikkurim zu feiern. Ein Fifttenorchester spielte das Lied ״Sälenu al Kiefenu“. Nachum Lewin gab in einer kurzen Ansprache die Bedeutung des Festes wieder und die Gruppenführer der zionistischen Jugend übergaben dem Keren Kajemeth die Leistungen der Gruppe für den KKL. im Rahmen der Feier fand dann das Wettsingen statt, die Preisverteilung, eine Ansprache von Kurt Blumenfeld an die zionistische Jugend, und mit dem Singen der Techesaknah schloß die Feier. Nach dem Abmarsch zur Zeltstadt waren die Bünde noch eine Zeitlang mit Singen und Spielen beisammen. Die zionistische Jugend Berlins zeigte sich in quantitativer Stärke und bewies, daß die zionistische Bewegung in Deutschland auf einen Nachwuchs blicken kann, der gewillt ist, die zionistische Fahne hochzuhalten. Persönliches. Aus Breslau wird uns geschrieben: ״Die Jungen in Israel“, 90 nannten wir uns einst. Allmählich sind wir älter geworden. In unseren Vereinen und Zeitungen feierten wir erst die 50sten Geburtstage der ersten zionistischen Generation, — jetzt fangen wir an, zu den 60sten überzugehen. Ein unvermeidliches Geschehen. Doch wenn die 60er sich so jung an Oeist und Kraft und Arbeitswillen erhalten wie unser Freund Isaak Plessner in Breslau, können wir noch ganz zufrieden sein. Er wird am 26. Juni 60 Jahre, wirkt und schafft aber wie ein ganz Junger. Erfüllt von Jüdischkeit in jeder Beziehung, begeistert für die Ziele des Zionismus und hingegeben aller jüdischen Arbeit, — das charakterisiert den Mann. Möge ihm seine Aktivität um! seine Arbeitsfähigkeit noch recht lange erhalten bleiben und ihm vergönnt sein, sich weiter wie bisher an dem Streben und Wirken seiner gleichgerichteten Kinder zu erfreuen. Hugo SchachteL V erfassimgsänderung? nliuiibfirder kann nur sein, wer Volksgenosse ist“ Von Rechtsanwalt Dr. Lewkowitz, Breslau. Wenn man in der letzten Zeit das Anschwelleit der nationalsozialisiischen Bewegung in Deutschland beobachtet, 80 drängt sich dem Verfassungsjuristen die Frage auf, inwieweit die Programmpunkte der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bezüglich der Juden frage die geltende Weimarer Verfassung berühren und wieweit sie der Grundlage der Reichsverfassung, insbesondere den Grundrechten, widersprechen, im Rahmen dieser Zeilen soll nur auf einige wenige Punkte Wert gelegt werden. In Ziffer 4 des Programms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei heißt es: ״Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenösse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rucksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenösse sein.“ In Ziffer 5 heißt es: ״Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremdengesetzgebung stehen.“ Damit setzt sich die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei über die gesamte moderne Kulturentwicklung, wie sie sich vor allen Dingen im letzten Jahrhundert auf dem Gebiete des Staatsrechts üurchgesctzt hatte, hinweg. Hier galt der Satz, daß Staatsbürgertum unabhängig sei von irgendeiner völkischen, rassenmäßigen oder religiösen Bindung. Jeder, der im Staate lebte und der durch Geburt oder durch Einbürgerung das Staatsbürgerrecht erworben hatte, war rechtlich ״Volksgenosse.“ Der einzelne Staatsbürger war genau so Rechtssubjekt wie der Staat als solcher, und die Zugehörigkeit des einzelnen zum Staatsganzen äußerte sich in dem Dasein einer vom Staat anerkannten Sphäre des öffentlichen Rechts. Mitglieder des Staates, d. h. Volksgenossen, war die Gesamtheit der Staatsgenossen, die ihrerseits rechtliche Ansprüche an die Staatsgewalt hatten. Man war sich auch darüber völlig klar, daß im Gegensatz zum politisch-juristischen Volks- und Staatsbürgerbegriff es nebenbei «neu Begriff der Nation gab, der auf einer ganz anderen Ebene lag. ln dem Begriff der Nation verkörperte sich blutmäßige Bindung, hier äußerten sich geschichtliche Erlebnisse, hier spielten Fragen wie Kultur, Religion und Sprache eine entscheidende Rolle. Diese ge- Samte Entwicklung will die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gewissermaßen rückgängig machen. Es fragt sich nun, ob diese Programmpunkte nicht nur dem Geiste der Reichsverfassung, sondern auch dem Buchstaben der Reichsverfassung widersprechen. Nach Art. 109 Abs. 1 der Reichsverfassung sind ״alle Deutschen Vor dem Gesetz gleich.“ Diese Bestimmung gehört zu den lapidaren Grundrechtsformulierungen, die bereits in anderer Form und Fassung in den Grundrechten der amerikanischen Verfassung, der französisehen, der belgischen und der alten preußischen Verfassung vom 31. Januar 1850 verankert sind. Die Reichsverfassung hat in dem Katalog der Grundrechte keineswegs eindeutig ausgesprochen, ob der einzelne Grundrechtssatz nur als programmatische Erklärung oder als unmittelbar geltendes Recht aufzufassen sei. Es ist auch keinesfalls klar, ob der einzelne Grundrechtssatz subjektiv-öffentliche Rechte darstellt, oder ob er gegenüber Rechtsprechung und Verwaltung auch gegenüber der Legislative bindende Kraft ausübt. Gerade bezüglich der Frage des Normadressaten ist Art. 109 der Reichs- Verfassung bestritten. Meines Erachtens bleibt für eine Auffassung kein Raum übrig, daß diese Norm nur eine Bindung der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit darstellen soll. Rechtsgeschichtlich gesehen stellt sich Art. 1(W R.V. als ein schon in der alten preußischen Verfassung verankertes Fundament des geltenden deutschen Staatsrechts dar. Auch die Stellung in der Reichsverfassung bekräftigt seine Bedeutung. So gesehen wäre es nicht verständlich, diese Grundnorm nicht als eine Schranke gesetzgeberischer Gewalt aufzufassen. Wer dem Art. 109 Abs. 1 der R.V. die verbindende Kraft der Gesetzgebung gegenüber versagen will, stellt jeden Akt der Gesetzgebung über das Staatsgrundgesetz. Auch im Hinblick auf die praktischen Folgen ist diese Auffassung abzulehnen, wonach sich die Orund norm nur an die Rechtsprechung und Verwaltung wendet. Der Satz, alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich, würde zu papierenem Recht herabsinken, wenn es der Legislative im Wege der einfachen Gesetzgebung freistände, diesen Verfassungsgrundsatz auszuhöhlen. Es würde beispielsweise die Zugehörigkeit zur jüdischen Sonderart, mag man sie bezeichnen wie man will, zu einer völlig verschiedenen Behandlung der Juden auf dem Gebiete des öffentlichen wie des zivilen Rechts führen. Man würde z. B. auf das Schutzjudentum zurückkehren können, man würde auch auf dem, Gebiete des Zivilrechts die allerschärfsten Beschränkungen (jus commercii et connubii) einführen können. Man kann heute bereits sagen, daß die herrschende Meinung in der Literatur den Standpunkt vertritt, daß die Gleichheit vor dem Gesetz auch Gleichheit des Gesetzes bedeutet. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Verhandlungen der Vereinigung der deutschen Staatsrechtslehrer, bei denen besondere Referate von Kaufmann und Nawiasky gehalten wurden. Die von dem Verfasser vertretene Meinung ist auch von diesen Staatsrechtslehrern auf das schärfste herausgearbeitet worden. Geht man von dieser Erwägung aus so wäre eine Sonder- Stellung der Juden nur im Wege verfassungsändernder Gesetzgebung möglich. Jüdische Selbsterniedrigung. Aus Gladbeck wird uns mitgeteilt, daß dort ein jüdischer Rechtsanwalt in einer Rechtssache, in der sein Gegner ein Ostjude war, in einer Eingabe an das Gericht wörtlich folgendes schrieb: ״. > . doch möchte ich mir den Hinweis erlauben, daß der Beklagte aus dem Osten (Polen) stammt und daß be) diesen Ostleuten die Moral leider vielfach sehr löcherig. Ausnahmen gibt es, wie ich gern zugebe, aber der Beklagte ist eben keine.“ —־ Es ist wirklich beschämend, daß es Juden gibt, die um kleiner Vorteile willen sich die Phraseologie der schlimmsten Judenfeinde zu eigen machen. Der Abend des Jüdischen Studentenvereins. Zum Besten der Stipendienkasse hatten sich Künstler und Publikum am 16. Juni im Renaissance-Theater getroffen. Nach den einführenden Worten des Herrn Grünberg trat der heute wie immer schon prachtvolle Sänger Leo G o 11 a n i n mit Konzert und Volksliedern auf die kleine Bühne, dann kam der bis in! allen Fasern von echtem Künstlertum erfüllte Andreas W e i s s - gerb er, der aus seiner Geige überirdische Töne zauberte. Max Ehrlich unterhielt das Publikum gut mit einer Szene, in der er allein 3 Personen plastisch und glaubhaft spielte. Die kleine temperamentvolle Dora Bertonowa, aus Kaftan, Simche und Auftritten im Beth-Am rühmlich bekannt, tanzte ihre gut beobachteten Studien: ״a Chossid’l“ und den ״Bettlertanz“. Sonja Wronkows jiddische Lieder rissen das Publikum zu wiederholten Beifallssalven hin. Lotte Goslar zeigte in ihren grotesken Tänzen, daß auch diese Kunstrichtung in der Jungen Generation eine hervorragende Vertreterin besitzt Willy R 0s en , In allen Sätteln der leichten Muse gerecht, war gut und erfolgreich wie immer. Das ganze Programm wurde zusammengehalten durch die amüsante Conference Siegfrieo Schapiras. — Hier scheint ein gutes Kabarettalent im ,Werden zu sein, Ami.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.