Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-06-17 · Heft 48 (17.6.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 48 (17.6.1932)
Date
1932-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653398--23021-2681327
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 48, 17. VI. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 227 Zwei Wohnviertel I Von unserem palästinensischen Korrespondenten I Der nachfolgende Artikel ist der dritte in der Artikelserie unseres I >rretpondenten Uber die Entwicklung Haifas. Die ersten zwei Artikel I ■rsehienen in Ar. 45/46 und 47 der ״Jüd. RundschauRed. I gl. Haifa, im Mai 1932 I Eingesessene Palästinenser sind meist in allem, was land- I schaftliche Schönheit anbetrifft, reichlich blasiert. Die unge- I wohnliche Vielgestaltigkeit des Landes gibt reichste Abwechs- I lung im Klima, in Höhe, in Ausblick und Farben. Für jeman- I den, der die herbe und immer wieder überraschende Umgegend I Jerusalems kennt und die Karsthügel um das Tote Meer, der I die Weite der Ebene Jesreel liebt und den tiefen Einschnitt des Jordantales, wer in den wilden und zugleich lieblichen Bergen Galiläas umhergestiegen ist, zwischen denen immer wieder überraschend der dunkelblaue Spiegel des Tiberiassees sich öffnet, wird an seine landschaftliche Umgebung grofie Ansprüche stellen. Aber auch für einen solchen hartgesottenen Palästinenser ist Haifa und seine Bucht, seine Hügel, an die es sich schmiegt, immer wieder eine bezaubernde Freude, Diese bunte Stadt am Meere mit dem Ausblick auf Akko und den Hermon wird nicht umsonst oft mit Neapel verglichen. Sie ähnelt dieser Stadt in Lage und Farben, nur daß hier a'les I noch leuchtender und satter und — bisher! — noch unver- | fälschter ist als in Italien. Wenn man jedoch in einer Stadt leben soll, so ist mit der Landschaft allein noch nicht viel getan. Besonders für den europäischen Einwanderer, der lange Jahre hindurch einen schweren Kampf um seine Akklimatisierung führt, der es lernen muß, sich auf Perioden der Hitze und der Feuchtigkeit, auf starke Temperaturunterschiede und hygienische Forderungen neuer Art umzustellen, verliert auch die schönste Landschaft schon nach wenigen Wochen ihren Reiz, wenn er nicht ein Minimum vernünftigen Komforts erlangen kann, das ihn vor den verbreiteten subtropischen Krankheiten sichert und seine Arbeitskraft erhält. Am dringendsten ist die Frage für den Arbeiter und kleinen Mann, der wenig für Unterkunft ausgeben kann und dennoch dafür sorgen muß, sich und seiner Familie eine menschenwürdige Wohnung zu beschaffen. In der Regel bildet der Wohnungsetat des jüdischen Arbeiters im Lande einen sehr beträchtlichen Prozentsatz seines Lohnes und eine vernünftige Sozialpolitik muß darauf hinstreben, ihn zu verringern. In Haifa wird diese überall im Lande aktuelle Frage in den nächsten Jahren besonders ernst werden. Die einsetzende Hafen- und Oelentwicklung wird neue Arbeitermassen in die Stadt ziehen, die Nachfrage nach Wohnungen wird steigen, wichtige Grundstückskomplexe müssen dem Hafen und seinen Erfordernissen dienstbar gemacht werden, eine Bodenspekulation ist unter diesen Umständen kaum zu vermeiden — kurz, es sind alle Bedingungen gegeben, die in ״normalen“ Verhältnissen zur Bildung von Slums zu führen pflegen. Die Lage wird noch dadurch kompliziert, daß wir mit einer starken Konkurrenz billiger arabischer Arbeit zu rechnen haben, die hier in Haifa wahrscheinlich in großen Zahlen auftreten wird. Schon heute ist daher eine weitschauende Wohnungspolitik von großer Wichtigkeit. Man hat unter der Arbeiterschaft das Problem städtischer Arbeiterviertel (״Schchunath Owdim“) schon seit Jahren diskutiert und bearbeitet. Als der Gedanke zuerst auftauchte, hatte er nicht die heutige Form, nämlich der Be- Schaffung billiger Wohnstätten, sondern war mit der Idee der gartenstädtischen Siedlung verquickt. Man hoffte, eine Form zu finden, in der der städtische Arbeiter zu einer kleinen Haus- Wirtschaft gelangen könnte, in der er Möglichkeiten gemeinsamen Lebens und gemeinsamer Kindererziehung fände. Man versuchte für die städtische Arbeiterschaft gewisse Vorteile ländlichen Lebens zu erreichen. Nach einer langen Entwick- Jung, vielen Diskussionen und einigen Experimenten erhielt dann die Idee eine andere Form und kam an verschiedenen Stellen in kleinerem Rahmen zur Ausführung. Ueberall handelte es sich um relativ kleine Ansätze, die sich erst nach und nach entwickelten. In Haifa ging man anders vor. Hier ist ein ganz großzügiger Plan eines Arbeiterviertels (Schchunath Owdim) ausgearbeitet worden, von dem heute bereits ein Teil ausgeführt wurde. Das Werk ist in mancher Beziehung interessant. Obwohl bereits mehrere Jahre seit der Erwerbung der Böden der Haifa,er Bucht durch die Haifa-Bay-Geseilschaft vergangen sind und obwohl auch bereits etliche Zeit seit der Uebernahme eines großen Teils dieser Ländereien durch den Keren Kajemeth verstrichen ist, erscheint dieser Küstenbogen auch heute noch fast unbesiedelt. Ein paar einsame Wirtschaften sind da, sonst kann von einer Siedlung noch nicht die Rede sein. Aber die Drainage und der Wegebau sind be• reits durchgeführt, also die Vorarbeiten für eine Erschließung bereits geleistet worden. Mitten in diese Ebene hat die Regierung ihre Zentralwerkstatt für die Eisenbahn gebaut und einen Kilometer davon entfernt sieht man lange weiße Häuserreihen sich aus dem Sand heben. Das ist das neue Arbeiterviertel. Mit dem Zug hat man eine bequeme Verbindung, für das Auto wird jetzt eine Straße gebaut, aber vorläufig muß man von ihr aus noch ein mühevolles Stück durch den gelben rieselnden Flugsand waten. Der Anblick des Viertels — man mochte fast sagen, des Städtchens — ist auf den ersten Blick überraschend. Die Häuser, in vier Reihen hintereinander geschichtet, sind fertig bis auf Holz und Inneneinrichtung. Diese Reihen, noch unbewohnt, mitten hineingestellt zwischen Sand und Meer, sehen aus wie aus dem Boden gestampft. Ringsum ist nichts als der gelbe Sand, den der Wind durcheinanderwirbelt, man sieht das Meer und in der Ferne Berge und Stadt. Früher war hier menschenmordende Malaria, wahrscheinlich Jahrhunderte hindurch. Jetzt nach der Drainage ist das Gebiet gesund und wird in kurzem bewohnt sein. Auf den Sandstreifen zwischen den Häusern werden Gärten angelegt, Installation ist da, Kanalisierung und elektrischer Strom. Das Viertel ist ein klassisches Beispiel für die Zivilisierung eines bisher kaum bewohnten Striches, der plötzlich in einem Sprung über Jahrhunderte hinweg europäisehen Lebensformen erschlossen wird. Es ist eigentlich zum ersten Male hier, daß ein solches Werk nach vorher genau durchdachten Plänen und in so großem Maßstabe auf einmal hingestellt w׳ird. Es stehen im ganzen 3000 Dunam Boden des Keren Kajemeth zur Verfügung, so daß — wenn 1000 Dunam für Wege, öffentliche Gebäude und ähnliches abgerechnet werden, Platz für 2000 Familien ist, von denen jede einen Dunam bekommt. Die Häuser, nach einem Schema hergestellt, sind sehr billig und durchaus genügend. Ein langfristiges Kreditsystem ermöglicht es dem Arbeiter, sein Haus im Laufe von 18 Jahren abzuzahlcn, so daß er dort weniger Ausgaben für eine Wohnung hat als in einer schlechten Mietswohnung in der Stadt. Die Mittel für das Werk, das auf Boden des Keren Kajemeth erbaut ist, stammen aus verschiedenen Quellen; es sind daran beteiligt: die Hypothekenbank, der Emcrgency Fund, die Siedler selbst und die Versicherungsgesellschaft der Arbeiter ״Sne“. Bei der Lage des Viertels, neben den Eisenbahnwerkstatten, nahe am ״Petroleumviertei“ und den Indusfriewerken, an Straße und Eisenbahn, hat es gute wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeitcn. Es ist ein weiterer Vorteil, daß der Arbeiter nicht nur eine gute und billige Wohnung, sondern auch ein Stück Boden erhält, aus dem er eine Beihilfe für den Haushalt gewinnen kann. Mit diesem Viertel beginnt die Bebauung der Haifa-Bay- Böden und damit die Einbeziehung eines neuen Gürtels in die jüdische Siedlung. Noch ein zweites Wohnviertel ganz anderer Art steht in Haifa vor der Entwicklung, das ist d e r K a r m e 1. Wir haben am Anfang unserer Skizze von der ungewöhnlichen Landschaft der Stadt gesprochen. Oben auf dem Berge kommt sie zu ihrer höchsten Geltung und sie bewirkt es zu einem großen Teile, daß sich hier oben mehr und mehr die Gutsituierten der Stadt ansicdeln. Es entsteht hier ein gemischtes, von Engländern, Arabern und Juden benutztes Wohnviertel, das für Palästina ungewöhnliche Vorteile bietet. Es liegt hoch, ist kühl, hat große Nadelpflanzungen und dadurch Grün und Schatten und liegt weit ab von dem Geschäftstreiben der Stadt, das mit dem Wachstum des Hafens immer stärker und anstrengender werden muß. Freilich ist die Siedlung oben heute noch sehr dünn. Was eine schnelle Verdichtung hindert, ist vor allem die Frage der billigen und schnellen Verbindung mit der Stadt. Es dauert immer noch eine erhebliche Zeit, bis man hinunter zu seiner Arbeitsstelle kommt, und die Autobuslinie verkehrt nicht oft genug und ist auch nicht billig genug, um die Entfernungsschwierigkeiten bequem zu überwinden. So kommt es, daß dort oben' nicht Massenhäuser, sondern hauptsächlich Villen entstehen und daß viele, die oben wohnen, ihre eigenen Autos benutzen. Mit einer Verstärkung der Siedlung wird sich die Frage der guten Verbindung mit der Stadt leichter lösen lassen. Sie wird häufiger und vor allem billiger werden und es wird dann vielleicht auch den Minderbemittelten möglich sein, sich aus dem Staub und der Hitze der Stadt in die Kühle und das Grün der Höhe zurückzuziehen. Es wurde hier von einer Schilderung der bereits ״alten“ jüdischen Wohnviertel Haifas, vor allem des sich stetig entwickelnden Stadtteiles ״Hadar Hakarmel“ mit dem Technikum und Realschule in der Mitte, sowie der Vorstädte wie Bath Galim, Newe Schaanan u. a. abgesehen. Die Absicht dieses Berichtes besteht darin, von der neuen Erweiterung der Stadt und ihrer jüdischen Siedlung zu berichten. Haifa steht vor der Entwicklung zu einer modernen Großstadt. Dabei werden mit Notwendigkeit auch die Probleme einer solchen auftreten. Zu ihren schwierigsten wird die Wohnungsfrage gehören. Damit sie nicht allzu akute Formen annehme, wird eine weitausschauende Wohnungs- Politik für gesunde und erschwingliche Unterkunft, mögliehst weit von der Hafengegend entfernt, sorgen müssen. Die Schchunath öwdim gißt eine' Möglichkeit für die Unterbringung von Arbeitern. Der Karmel, heute ein Sitz der Bemittelten, kann vielleicht auch dem kleineren Mittelstände zugänglich werden. Und mit der Zeit wird man weitere Gelande für Wohnviertel eröffnen müssen, die den hygienischen und sozialen Ansprüchen des im Lande sich bildenden Standards entsprechen. Palästina-Wanderung 1931 Der Leiter des Einwanderungsamtes der Palästina-Regierung gibt einen Bericht über die Einwanderung in Palästina in den Jahren 1930 und 1931 heraus. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß im Jahre 1931 5533 Personen in Palästina eingewandert sind, unter diesen waren 4075 Juden (1604 Männer, 1863 Frauen und 608 Kinder). In der Gesamtzahl der Einwanderer sind 1580 Personen einbegriffen, die bereits vorher illegal eingewandert waren und im Verlauf des Jahres 1931 Daueraufenthaltserlaubnis erhielten; unter diesen waren 939 Juden, 502 Christen, 137 Moslems und 2 Drusen. Außer den erwähnten amtlich registrierten Einwanderern ist im Verlauf des Jahres eine Anzahl Personen als Touristen oder unter Umgehung der Paßkontrolle in das Land gekommen und ohne Aufenthaltserlaubnis im Lande verblieben. Im Jahre 1930 waren 6433 Personen (3386 Männer, 2116 Frauen und 931 Kinder) in das Land gekommen, unter diesen waren 4944 Juden (2550 Männer, 1700 Frauen und 694 Kinder). Von den im Jahre 1931 eingewanderten 5533 Personen kamen 2701 (49 0/0) aus dem östlichen Europa (wobei man hier die Linie zwischen Danzig und Triest zu ziehen hat) 1146 (21 0/0) aus Nordafrika und Westasien (einschließlich Irak, Persien und Afghanistan), 341 (6 0/0) aus Mitteleuropa 382 (7 0/0) aus den Vereinigten Staaten von Amerika und 546 (10 0/0) aus dem British Empire, unter ihnen 197 englische Polizisten. Aden ist nicht in der britischen Ziffer, sondern in der Ziffer betreffend Westasien einbegriffen. 401 Einwanderungswilligen, die den Einwandeningsbestimmungen nicht entsprachen, wurde im Jahre 1931 die Einreiseerlaubnis verweigert. Im Verlauf des Jahres 1931 haben 282 palästinensische Bürger (138 Juden, 88 Christen und 56 Moslems) und 1064 Aus- Binder (528 Juden, 485 Christen und 51 Moslems) Palästina für dauernd verlassen. Von diesen Auswanderern hatten sich 895, unter ihnen 443 Juden, unter der gegenwärtigen Administration in Palästina angesiedelt. 182 dieser Auswanderer waren nach England zurückkehrende Polizisten. Das Jahr 1931 zeigte die niedrigste Auswandererziffer seit Einrichtung der Wanderungs-Statistik auf. Schätzungsweise kamen i. J. 1931 9000 Touristen nach Palästina. 3698 trafen in 20 Mittelmeer-Reisegruppen und 979 in 19 anderen Touristengruppen ein. Im Jahre 1930 kamen 13 200 Touristen ins Land, davon 5817 zu Schiff und 1097 per Eisenbahn. Im Jahre 1929, dem letzten Jahre vor Beginn der wirtschaftlichen Weltdepression, kamen etwa 16 500 Touristen nach Palästina. Im Jahre 1931 wurden 54 764 Neueinreisende und 31617 in das Land zurückkehrende Palästinaeinwohner verzeichnet. Ferner wurden 52 790 Ausreisende und 31 726 vorübergehend ausreisende Palästinaeinwohner verzeichnet. Eine Anzahl nach Amerika ausgewanderter Palästinenser (Araber) sind infolge der wirtschaftlichen Depression in Amerika nach Palästina zurückgekehrt. Verwirrung der Gefühle Bei Nfchijuden und Juden Die Tatbestände: In einem westlichen Vorort Berlins werden z.wei friedliche Passanten vor! Hakenkreuzlern verdroschen. Ueberfallkommando erscheint. Die Verprügelten, Nichtjuden, welche von den Hakenkreuzlern für Juden gehalten wurden, erklären, an einer Strafverfolgung gegen die Exzedenten kein Interesse zu haben. Ueberfallkommando zieht unverrichteter Dinge ab. Eine obere Klasse eines Berliner Gymnasiums besiehtigt auf einem Tagesnusflug die Staßfurter Salzwerke. Nach getaner Arbeit findet abends eine solenne Kneipe statt. Unter den Teilnehmern vier jüdische Schüler. Bei Beda heißt es: ״Und der Jüngling, wenn er bierig, wird er gleich kulturkampfgierig.“ Die Jünglinge stimmen im bierigen Zustande Hitler- Lieder an. Drei jüdische Schüler verlassen die Kneipe, der vierte bleibt und grölt das schöne Lied mit: ״Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, geht’s uns nochmal so gut“. Beide Vorkommnisse sind an und für sich nicht besonders schwerwiegend. Der Vorfall im Berliner Westen ist noch für wert befunden worden, in den Zeitungen in kleiner Schrift erwähnt zu werden. Von der Staßfurter Affäre meldet weder Korrespondenz noch Zeitungsblatt. Trotzdem geben beide Vorkommnisse in höherem Maße ein Bild der tatsächlichen Verhältnisse, die jetzt in Deutschland herrschen, als es Vorgänge tun könnten, die sich in Parlamenten oder bei großen Demonstrationen abspielen würden. Man analysiere den Fall der irrtümlicherweise für Juden gehaltenen und von Hakenkreuzlern verprügelten Passanten im Orunewaki. Beide gehören dem gebildeten deutschen Mittelstände an. Sie befanden sich gerade auf dem Nachhausewege aus einem Lokal, das von ״besserem Publikum“ besucht wird. Sie gingen so vor sich hin, nichts zu suchen lag in ihrem Sinn, plötzlich aber werden ihnen Schläge und Püffe versetzt. Man müßte annehmen, daß die natürliche Reaktion auf einen derartigen heimtückischen, unerwarteten Ucberfall gerechte Ernpörung sein wird und daß die unschuldigen Opfer eines verhetzten Rowdytums aus rein subjektiven Gründen, aus spontaner Entrüstung und aus natürlichem Empfinden für Gerechtigkeit, den Organen des Staates behilflich sein werden, die Uebeltater zu fassen und der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Weit gefehlt. Die Ueberfallenen sind keine Juden, die Voraussetzung des Ueberfalls war also falsch, im übrigen aber entspricht es durchaus ihrer Gefühls- und Denkweise, daß man zu Recht verprügelt wird, wenn man ein Jude ist. Es ist zu vermuten, daß die einzige Gefühlsregung hei den Ueberfallenen eine gewisse Empörung darüber gewesen ist, daß sie für Juden angesehen wurden. Alles andere aber fanden sie in bester Ordnung. Ihr persönliches Mißgeschick war lediglich ein unangenehmer ״Betriebsunfall“, den man in Kauf nehmen muß im Interesse höherer Zwecke. Dieses Verhalten stellt eine Verwirrung der Gefühle dar, welche leider für weite Kreise der nichtjüdischen Bevölkerung in Deutschland charakteristisch ist. Der Vorfall in Staßfurt. Es ist nicht zu übersehen, daß sich das Ganze gelegentlich einer Kneiperei zugetragen hat. Mildernde Umstände sind also allen Beteiligten nicht abzusprechen. Trotzdem ist der Vorgang symptomatisch. Sobald die dünne Kruste der Hemmungen durch irgendeine Erregung zerstört ist, sei es durch Teilnahme an einer Versammlung, an einer Demonstration oder an einer Kneipe, bricht bei der gebildeten deutschen Jugend (oder zumindest bei der überwiegenden Mehrheit dieser Jugend) zunächst die antisemitische Grund- Stimmung durch. Man müßte doch meinen, daß an einem schönen Frühlingsabend junge Leute anläßlich einer Kneiperei das Lied von der ״Lore am Tore“ oder das nofch schönere Liea vom ״Feinsliebchen“ singen würden. Das ist nicht der Fall gewesen. Ausflugsabende und Kneipen im Freien sind in der heutigen Zeit willkommene Gelegenheiten zur Absingung antisemitischer Hctzlieder. Wie reagieren die nicht freiwillig mitgekommenen, sozusagen mitgefangenen und mitgehangenen jüdischen Teilnehmer auf dieses Verhalten der erdrückenden nichtjüdischen Mehrheit? Dreierlei war möglich gewesen. Empört aufstehen und protestieren; dieses wäre eine natürliche, verständliche, wenn auch in ihrem Nutzeffekt wenig aussichtsreiche Handlung gewesen. Aufstehen und Weggehen; dies setzt geistige Ueberlegenheit und die Erkenntnis voraus, daß kein Weg zur Verständigung mit der affektbestimmten antisemitichen Mehrheit vorhanden ist. Bleiben und mit den Wölfen heulen; würdelos, pervertiert im Gefühl, periökenhaft. Die vier jüdischen Teilnehmer haben sich in zwei Gruppen gespalten, drei verließen die Kneipstätte. Man schmähe sie nicht, sie haben es nicht aus Feigheit getan, sondern aus Ekelempfindüng. Diese Reaktion war von den drei genannten Möglichkeiten die beste. (Vielleicht wäre noch ein Protest einzuschieben gewesen, um, wie die Chinesen sagen, das Gesicht zu wahren.) Der vierte jüdische Teilnehmer blieb und grölte in jüdischem Selbsthaß die Hakenkreuzlieder mit. An diesem vierten manifestierte sich die Wirkung des Radau-Antisemitisinus im heutigen Deutschland auf einen gewissen Teil der jüdisehen Gemeinschaft. Es wäre interessant festzustellen, wie die drei jüdischen Schüler auf das Verhalten ihres vierten Kämeraden reagiert haben. In allen Epochen hat es Männer gegeben, die sich zum Ausruf gedrängt fühlten: ״ln welchen Zeiten leben wir?“ Man kann angesichts der jetzt in Deutschland herrschenden Verhältnisse nichts anderes tun als diesen Ausruf wiederholen: ״In welchen Zeiten leben wir?“ s. n. Republik Syrien Am 11. Juni trat das neugewählte syrische Parlament zur Wahl eines ״Präsidenten der Republik“ zusammen. Gewählt wurde Achmed Ali Bey el Abed, ein syrischer Notabel, der früher im türkischen diplomatischen Dienst stand. Durch diese Wall! ist zunächst die früher viel erörterte Frage, ob Syrien eine Monarchie oder eine Republik werden soll, zugunsten der Republik entschieden. Bekanntlich wurden vor einiger Zeit verschiedene Kandidaten für den syrischen Königsthron genannt, darunter König Feisal von Irak und der Exkhedive Abbas Hilmi. Durch die Wahl des Präsidenten der Republik Syrien haben nunmehr alle A-Mandatsländer mit Ausnahme Palästinas (Irak, Syrien, Transjordanien) Staatsoberhäupter und gewählte Volks- Vertretungen. Nach Aufhebung des Irak-Mandates soll nunmehr gemäß den Erklärungen der französischen Vertreter in Genf auch die Aufhebung des Mandates in Syrien in die Wege geleitet werden. Palästina ist zwar bei der Klassifizierung der Mandate unter die A-Mandate eingereiht worden, seine tatsächliche Verwaltung aber entspricht seit dem gescheiterten Verfassungsversuch Herbert Samuels von 1922 inehr der eines B-Mandates oder einer britischen Kronkolonie. Zu dem Artikel in Nr. 38 der ״Jüdischen Rundschau“ anläßlich des 50. Geburtstages von Prof. Gotthold Weil werden wir aus Kreisen der Hebräischen Universität Jerusalem darauf aufmerksam gemacht, daß versehentlich der Hinweis unterblieben ist, daß Prof. Weil seit 1931 als Nachfeiger von Prof. Horowitz auch Direktor des Orientalischen Instituts der Universität Jerusalem ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.