Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 226 jüdische Rundschau Nr. 48, 17. VI. 1932 gebnis der Wahlen sein wird, wie immer sich die Regierungsbildung parlamentstechnisch vollziehen wird, unabhängig davon besteht die Tatsache, daß eine Umwandlung des deutschen Lebens durch die inzwischen mächtig gewordenen Kräfte des Nationalismus vor sich geht. Die deutschen Juden müssen mit dieser Tatsache rechnen. In gebildeten Kreisen ist die gebräuchlichste Begründung für den Antisemitismus der Hinweis auf den zersetzende״ ״jüdischen Intellektuellen״. Als ein Produkt dieses weltfremden Intellekts betrachtet man auch den ״Marxismus״, auf der anderen Seite sieht man eine Bedrohung der deutschen Volksintcrcssen durch das ״jüdische Kapital״. Es war recht lehrreich, in der — im übrigen recht gemäßigten — Rundfunkrede Gregor Strassers am 14. Juni gerade diese Hinweise wiederzufinden, während im übrigen seine Rede vieles enthielt, das als Gedankengut dieses jüdischen Marxismus angesprachen werden kann, andererseits jede Erläuterung darüber fehlte, wie man einen Unterschied zwischen jüdischem und nichtjüdischem Kapital machen will, Daß das Kapital das Bestreben hat, auf das politische Leben und somit auch auf die Parteien Einfluß zu gewinnen, ist keine neue Entdeckung, gewiß haben auch die Nationalsozialisten auf diesem Gebiet ihre Erfahrungen, aber welche ״jüdischen“ Interessen dadurch gewahrt werden sollen, ist schleierhaft. Die Herren haben alle eine etwas krause Vorstellung von ״jüdischen Interessen״. Sie machen sich niemals Gedanken darüber, daß es nicht angeht, einzelne jüdische Individuen, die sehr häufig in ihrem Leben und Denken recht entjudet sind und deren Interessen weit mehr mit ihren nichtjüdischen Klassen- und Standesgenossen als mit der jüdischen Gemein- Schaft Zusammenhängen, als ״das Judentum“ anzusprechen. Die Juden, die hierbei vielleicht eine Rolle spielen, sind ebenso wie die entsprechenden Nichtjuden Exponenten einer allgemeinen Entwicklung, die das 19. Jahrhundert heraufgeführt hat. Man hat übrigens aus der Rede Strassers* den Eindruck, daß wenigstens in manchen Kreisen der Nationalsozialisten die Erkenntnis zu reifen beginnt, daß man mit antisemitischen Schlag- Worten allein nicht auskommt. Abgesehen von manchen Wendungen gegen die ״volksfremden“ Einflüsse, womit wohl das Judentum gemeint ist, finden wir in der (im ״Volk. Beob.״ vom 16. d. M. abgedruckten) Rede nur folgenden Passus, der vielleicht auch eine beruhigende Wirkung nach inhen und außen haben sollte: ״Wir wollen keine Judenverfolgung, aber wir fordern eine deutsche Führung ohne jüdischen und fremden Geist, ohne jüdische Hintermänner und jüdische Kapitalinteressen, denen heute nahezu die gesamte Parteiwelt erlegen ist.“ Es ist nicht klar zu ersehen, ob die Regierung Brünlng oder gar die Regierung Papen nicht als ״deutsche Führung ohne jüdischen und fremden Geist“ anerkannt Mird. Vor allem aber vermissen wir, wenn schon ״Juden- Verfolgungen“ abgelehnt werden, ein klares Wort der Verurteilung der von den eigenen Parteigenossen verübten Gewalttaten, eine Abkehr von Methoden, die, um in Strassers Terminologie zu bleiben, im ״revolutionären“ Stadium der Bewegung zum täglichen Handwerk gehörten. Und wenn sich Strasser das von einem Juden, dem edlen Humanitäts-Philosophen Josef Popper geprägte Worte von der ״Allgemeinen Nährpflicht“ zu eigen macht, sollte er nicht durch die zweideutige Be- Schränkung auf ״Volksgenossen“ den Anschein wecken, daß Juden hiervon ausgeschlossen und zum Verhungern verurteilt sein werden. Niemand wird leugnen, daß einzelne jüdische Individuen an dieser oder jener Stelle im deutschen Leben eine führende Rolle gespielt haben und mit allem Nachdruck muß dagegen protestiert werden, daß man diesem Wirken in Bausch und Bogen eine verderbliche Wirkung zuschreibt. Sogar eine starke nationale Bewegung, die weiß, was sie will, brauchte sich durch die kleine Anzahl von Juden im deutschen Leben nicht irritieren zu lassen. Das seiner selbst bewußte Judentum verlangt nicht nach der ״Führung“ des Deutschtums, hat niemals seine Hand nach ihr ausgestreckt. Niemand weiß besser als wir, daß die jüdische Assimilation ihre schweren Schattensei־ ten hatte, daß durch den Zwang des VerstecKenspielens charakterliche Mängel entstanden sind und daß viele Juden, die von ihrem jüdischen Mutterboden gelöst wurden, einem hemmungslosen Individualismus verfielen, wobei sie darauf bedacht sein mußten, ihre von allen Seiten angefochtene Stellung in der Gesellschaft durch wirtschaftliche und soziale Sicherungen zu untermauern. Die Wirtschaftskrise wird hier automatisch gewisse Veränderungen schaffen, es wäre falsch, in der heutigen Zeit diese Einflüsse noch zu überschätzen. Aber die Frage, um die es eigentlich geht und über die bei den deutschen Nationalisten recht unklare Anschauungen zu bestehen scheinen, ist die, wie denn die Gestaltung des Lebens der Juden erfolgen soll, um sie in ihrem jüdischen Volkstum und in der deutschen Staatsgemeinschaft, der sie — ohne auf ״Führung“ im deutschen Leben zu aspirieren — schicksalhaft zugehörig sind, einzuordnen. In diesem Zusammenhang ist die Aeußerung eines Mannes interessant, der, ohne eine offizielle Stellung zu bekleiden, im heutigen deutsehen Leben einen großen Einfluß hat. Der Herausgeber der Zeitschrift ״Der Ring“, Gründer des ״Herren-KIubs“, Heinrich von Gleichen, ein Urenkel Friedrich Schillers, dem allgemein die Initiative bei der Bildung der Regierung Papen zugeschrieben wird, äußert sich auf eine Rundfrage des ״Montagmorgen״, was unter ״Kulturbolschewismus“ zu verstehen sei, jenem bisher nur aus der Vulgärpropaganda bekannten Schlagwort, das durch die Erklärung der Regierung Papen sozusagen ״ministeriell“ geworden ist. Herr von Gleichen hält den Begriff ״Kulturbolschewismus“ für gerechtfertigt, denn es soll durch ihn die Bedrohung der seelischen Werte des Abendlandes ausgedrückt werden. In diesem Zusammenhang sagt Herr von Gleichen unter deutlichem Hinweis auf den National- Sozialismus, der nicht beim Namen genannt wird: ״Wenn eine Regierung, die sich auf das Autoritätsprinzip stützt und sich damit absetzt von einer formal-demokratischen Begründung, in ihrer Proklamation diesen berechtigten Volksetnpfindungen Ausdruck gibt und gegen die weitere Auflösung und Zersetzung des Volkstums Stellung nimmt, entspricht sie nicht nur der christlichen und nationalen Bindung, zu der sich ihre Vertreter bekennen, sondern stützt sich zugleich auf eine Volksbewegung, über deren Ausdrucksformen und Stil man verschiedener Meinung sein kann, deren natürliches Recht und deren natürliche Kraft nicht mehr bestritten werden können. Ich will nicht auf die antisemitischen Tendenzen der völkischen Bewegung eingehen, die ihre politische Ursache haben und sich vor allem gegen den provozierenden Einfluß jüdischer Intellektueller in der nachrevolutionären Zeit richten. Ihr Kampf gegen den jüdischen Glauben und gegen die jüdische Kirche wird von mir mit Entschiedenheit abgelehnt; aber die völkische Reaktion wendet sich in der Hauptsache gegen das kulturpolitische Vorherrschen eines radikalen Intellektualismus und hat sich dabei auch irrtümlicherweise wiederholt gegen neue künstlerische Ausdrucksformen der Gegenwart gerichtet." Ueber diese Aeußerung eines geistigen Führers des deutschen Nationalismus wäre viel zu sagen. Wir finden hier bei aller ״Ablehnung“ Verständnis und eine Art Rechtfertigung des Antisemitismus. Aber es hat keinen Zweck, hier eine Polemik zu führen. Vielmehr ist für das jüdische Publikum von Interesse, daß von dieser einflußreichen Gruppe des deutschen Nationalismus, die auch mit der heutigen Regierung engen Kontakt hat, die Ursachen des Antisemitismus gerade so und nicht anders definiert werden. Und hier ist der Punkt, wo eine Aussprache einsetzen müßte. Denn daß losgelöster, spielerischer Intellektualismus für das Volks- und Gemeinschaftsleben unfruchtbar bleibt, daß ohne eine Verankerung in tieferen Verantwortlichkeiten auch der schärfste Intellekt nicht konstruktiv werden kann, das sind Einsichten, die gerade im jüdischen Lager, im Lager des neuen Judentums, schon vor Jahrzehnten offenbar gewordensind. Das Problem des sogenannten ״jüdischen Intellektuellen“ ist viel komplizierter als die meisten deutschen Ankläger erkennen, denn seine Wurzel liegt nicht im Judentum, sondern in der Negationdes Judentums, in der Assimilation, es ist der Ausdruck einer spezifischen Situation, die in höherem Maße durch die U m w e 11 als durch das Judentum geschaffen wurde, w׳eil die Intoleranz gegenüber dem Jude-Sein der Juden eine Entw icklung förderte, die schließlich zu Wurzellosigkeit führen mußte und gerade Menschen, denen ein ethisches Pathos in der Seele brannte, oft in den luftleeren Raum verstieß. Das jüdische Problem la Deutschland ist in erster Linie ein jüdisches und dann erst ein deutsches Problem. Auch die Deutschen, denen es ernst um die Sache ist, müßten mithelfen, es auf jüdischem Boden zu, lösen. WelzmaoD Ober Joseph Cowen London 13. Juni (J.T.A.) Dr. Weizmann hielt am 12. Juni in einer von der English Zionist. Federation veranstalteten Gedenkversammlung für Joseph Cowen eine Gedenkrede auf den vor kurzem verstorbenen zionistischen Führer, in der er u. a. ausführte: Joseph Cowen war ein Kind der heroischen Zeit des Zionismus. Er war uns allen Kamerad, Mitarbeiter und ergebener Freund. Seitdem Herzl den jüdischen Aspirationen auf Palästina die Form gab, die heute als die zionistische Organisation bekannt ist, war Cowen mit der zionistischen Bewegung in jeder ihrer Phasen verbunden. Er war so sehr mit Herzls Arbeit verknüpft, daß Herzl, als er seine Pläne ausfrbeitete von deren baldiger Verwirklichung er träumte, ihm einen zentralen Platz in seiner Vision einräumte. Ich hatte den Vorzug, mit Ccjwen seit meiner Ankunft in London eng zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit w'ar von besonderem Werte während des Krieges, als die zionistische Organisation auseinandergerissen wurde. Cowen war ein großer Diener der Bewegung und seines Volkes. Als ich in Südafrika weilte, erhielt ich von ihm, der damals auf seiner letzten Palästina-Reise war, ein Telegramm, in dem er seiner Bewunderung für alles, was er in Palästina sah, Ausdruck gab, und die Hoffnung aussprach, sich bald in Palastina niederiassen zu können. Wir trösten uns in dem Oedanken, daß Cow׳en in den letzten Wochen seines Lebens glücklich war darüber, daß das, wofür er so viele Jahre gelebt und gearbeitet hatte, lebendig und schön vor ihm stand. Das ist die einzige Genugtuung, die ein zionistischer Arbeiter als Frucht seiner Arbeit erwarten kann, und das Höchste, was er sich wünschen kann. ii11)11!1i111111'ii'ii1111111111111111111111H111111111111111i11111l1i1111111111111111m111111111111111111u11111111111111111111111111111111111111111111111111 DieSchekelsamm(ung5692 Eine große Anzahl von Gruppen und Schekelvertrauensleuten hat unseren wiederholten Appellen um Ablieferung der bisher eingesammelten Sshekalim nicht entsprochen. Wir fordern daher alle Gruppen und Schekelvertrauensleute dringend dazu auf, In den kommenden Wochen vor Einsetzen der Hauptrelsezelt die Schekelsammlung Intensiv durchzuführen und mögliehst zum Abschluß zu bringen. Alle schon bei den Gruppen und Schekelvertrauensleuten eingegangenen Schekalim müssen jetzt unverzüglich an uns abgeführt werden. Die Schekelvertrauensleute werden auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß alle diejenigen Gesinnungsgenossen, die sich an den W a h -!en zum bevorstehenden Delegiertentag der Z.V.f.D. beteiligen wollen, den diesjährigen Schekel rechtzeitig gezahlt haben müssen. Die Landestcnekemommlssion Postscheckkonto: Berlin 8091, Z.V.f.D. Volksbank Iwria, Berlin N 54, Rosenthaler Str. 55. Arabischer Antizionismus in Tunis Die französischen Behörden verbleien Keren Hafessod - Kundgebung T u n i s, 12. Juni. (J. T. A.) Die französischen Behörden von Tunis haben den in Tunis weilenden Keren Hajessod- Delegierten, Nathan Halpern, aufgefordert, die von ihm einberufene und von der Behörde bereits genehmigte Versammlung von Keren Hajessod-Zahlcrn zu verschieben. Als Grund für dieses Ersuchen wurde angegeben, daß die Abhaltung der Versammlung zu Unruhen führen könnte. Die Jüdische Gemeinde von Tunis hat energischen Protest erhoben und erklärt, die Behörden geben allzu leicht dem Druck der arabischen Nationalisten nach, die jede zionistische Tätigkeit zum Anlaß einer antisemitischen Hetze nehmen. So habe schon früher der französische Gouverneur von Tunis der Forderung nationalistischer Araber, Jabo'onsky die Einreise nach Tunis zu verbieten, nachgegeben. Der Protest der Gemeinde blieb ohne Wirkung. Die Behörde hat in der Folge die Versammlung mit dem Hinweis auf die wachsende Gegnerschaft der Araber von Tunis gegen jede öffentliche zionistische Tätigkeit endgültig verboten. Die liier erwähnte Protestbewegung unter den Arabern in Tunis ist ein Symptom, das man nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen sollte. Erst vor einigen Wochen wurden antijüdische Unruhen in Damaskus gemeldet, die mit Demonstrationen gegen die Baifour-Deklaration verbunden waren. Es zeigt sich, daß es den palästinensischen Arabern §. winnen. Vielleicht haben auch die islamische Konferenz im Dezember vorigen Jahres und die Aufbauschung der Klagemauer- Affäre dazu beigetragen. Es ist vom zionistischen Standpunkt aus und zur Beurteilung der politischen Hauptfragen nicht gleichgültig, daß sich diese antizionistische Tendenz, gerade in solchen arabischen Ländern, die unter französischer Herrschaft stehen, kundgibt und daß die französischen Behörden offenbar nichts Durchgreifendes tun, um dem entgegenzuwirken. Schon anläßlich der Verweigerung des Einreisevisums nach Tunis für Jabatinsky hat der ״Dawar" darauf aufmerksam gemacht, daß gerade Jabotinsky Frankreich an Stelle Englands als Mandatarmacht für Palästina empfiehlt, weil er sich von Frankreich eine energischere Unterstützung des Zionismus gegen die Araber verspricht. Wenn aber, so schrieb damals ״Dawar“, die Franzosen sogar in Tunis, wo doch die zionistische Frage kein lebenswichtiges Interesse darstellt, so nachgiebig gegenüber arabischem Druck sind, so müsse man ernsthaft bezweifeln, ob sie in Palästina in höherem Maße als England den Arabern eine von diesen abgelehnte Politik aufzwingen würden. — In der Tat sind die kleinen Episoden in Damaskus und in Tunis auch nach unserer Meinung sehr beachtenswert. Denn noch heute wird nicht von allen Zionisten erkannt, daß die Araber der ausschlaggebende Faktor für jedes palästinensisch-politische Kalkül sind. Mit der arabischen Welt in Palästina und außerhalb Palästinas zu einer Verständigung zu kommen, die einen Weg zur Eingliederung des Jüdischen Nationalheims in diese arabische Welt, in der rein geographisch Palästina mitten drin liegt, zeigt, ist immer noch eine ungelöste Aufgabe der zionistischen Politik. Solange dies nicht von jüdischer Seite in Angriff genommen ist und solange sich die Verhältnisse so entwickeln, daß die Spannung zwischen Juden und Arabern sich Vergrößert)1 werden־ wif1 stets* mit 'gewissen 'Schwankungen מד* rechnen haben und werden auch die europäischen Mächte, die über arabische Oebiete Protektorate besitzen, nicht eindeutig auf unserer Seite stehen, selbst wenn sie, wie die gegenwärtige französische Regierung, überzeugte Bewunderer des Zionismus in ihrer Mitte haben. S. A. und Amnestie in Preußen Die zwei wichtigsten innerpolitischen Ereignisse der letzten Tage sind die Aufhebung des S.A.-Verbots und die Annahme eines Amnestie-Antrages für Straftaten aus politischen Beweggründen im preußischen Landtag durch eine nationalsozialistisch-kommunistische Mehrheit. Während die Aufliebung des S. A.-Verbotes durch Notverordnung promulgiert ist und zu Recht besteht, ist das Schicksal des Ämnestie-Entwurfes noch nicht endgültig entschieden. Es soll nicht untersucht werden, ob die Beunruhigung in weiten Kreisen wegen der Wiederzulassung der S. A.- und S.S.-Formationen wirklich in dem Maße berechtigt ist, in welchem sie gehegt werden. Zweifellos wird das Selbstgefühl der S. A.-Truppen durch die Aufhebung des seinerzeit erlassenen Verbotes außerordentlich geschwellt sein. Leider haben wir Juden seit den Tagen der Kurfürstendamm-Krawalle vom 12. September 1931 ein gewisses Mißtrauen gegen die Ordnungsliebe und die unbedingte Disziplin der S. A.-Kohorten. Die neue Notverordnung sieht allerdings eine staatliche Ueberwachung der S. A.-Formationen vor und betont, daß von Staats wegen auf ein die Ordnung nicht gefährdendes Verhalten der S. A. geachtet werden wird. Der Amnestie-Entwurf des Preußischen Landtages fand besonders durch den Mund des geschäftsführenden preußischen Justizministers eine von schwersten Besorgnissen für die Möglichkeit straflosen Terrors getragene Kritik. Wiewohl kein Zweifel darüber besteht, daß das nationalsozialistisch-kommunistische Zusammengehen in dieser Frage in erster Linie im Hinblick auf rein politische Verfehlungen ihrer Parteianiiänger erfolgt ist, kann man doch nicht die Befürchtung unterdrücken, daß möglicherweise auch Terrorakte gegen politisch völlig neu• t r a 1 e , z. B. jüdische Menschen amnestiert und ungesühnt bleiben. Es ist vielleicht noch zu verstehen, daß der Staat in hoheitsvoller Nachsicht Ausschreitungen, verzeiht, die aus rein politischen Motiven im Laufe politischer Auseinandersetzungen vorgekommen sind. Wird man etwa in Zukunft in einem Falle, in dem ein harmloser jüdischer Passant, wie es schon so oft vorgekommen ist, ohne den geringsten Anlaß gegeben zu haben, überfallen wird, dieses Vorkommnis als eine Begleiterscheinung ,,politischer“ Auseinandersetzungen betrachten? Wird vielleicht eine jüdische Physiognomie an und für sich als ein politisches Faktum oder gar als eine politische Provokation betrachtet werden? Wir hoffen doch, daß die Einsicht aller beteiligten Faktoren eine Unterscheidung zwischen wirklich politischen Straftaten und Exzessen gegen Vermögen und Person von Menschen treffen wird, und daß man nicht von vornherein durch ein derartiges Gesetz, das im übrigen den Bestimmungen der Verfassung zuwiderläuft, nackten Rowdyterror legalisieren wird. Der High Commissioner Wauchope besuchte Anfang Juni in Begleitung von Dr. Arlosoroff im Flugzeug verschiedene jüdische Siedlungen im Emek. In Beth Alpha trugen ihm die Siedler verschiedene Wünsche vor, darunter die Forderung der Zollfreiheit für den zum Gebrauch der durch die Dürre geschädigten Siedler eingefuhrten ,Weizen«