Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Verwirrung der Gefühle Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienatag u•Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Ausk13dsah<mo@m<mts werden in der Wahrung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis: 8 Reep. Nanpareillezefl» 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Pomcheck• Konten: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 39433, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Frag 59410, Riga 4155, Stragfeburg 16430, Warschau 190708, Wien 156030 Bank ׳־Konten; Darmatädterand Nadonalhank, Depositen- Kasse Berlin, KuHürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Gernauti (Rumänien); Angl© Pale*mne Co. in Haila, Jerusalem, Tel Aviv Nummer 48 | Berlin, 17. VI. 1932 Redaktionsschiu& Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ג כיון חרצ״ב | xxxvii. Jahrg. P«r Zionismus ■nlubt H>r da■ JUdlsche Volk die Schaffung •Inar öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Der French-Bericht übergeben In Jerusalem und London High Commissioner Wauchope hat am 13. Juni der Jewish Agency und der Arabischen Exekutive je ein Exemplar des Berichts des Landentwicklungsdirektors French über die landwirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina übergeben und sie aufgefordert, sich zu demselben von ihrem Standpunkt aus zu äußern. Gleichzeitig hat das Londoner Kolonialamt ein Exemplar des Berichtes der Jewish Agency in London übergeben. Die Jewish Agency setzte eine Sachverständigen- Kommission zur Prüfung des French-Berichtes ein. Der Kommission gehören u. a. an: Dr. Arthur Ruppin, Granowsky, Wilkansky, Smilansky und der Geschäftsführer der Pica, Victor Cohn. Die Arabische Exekutive wurde für die nächste Woche zu einer Tagung einberufen, bei der zu dem Bericht Stellung genommen werden soll. * Wie schon früher mitgeteilt wurde, muß der French-Berieht, solange er nicht von der Regierung offiziell veröffentlicht wird, streng geheim behandelt werden. Es ist allerdings fraglich, ob das Geheimnis streng zu wahren sein wird, wenn in der Folge die beiden Körperschaften, die sich zu dem Bericht äußern sollen, über ihre Antworten zu beraten haben werden. Denn dadurch wird automatisch der Inhalt des Berichtes zur Kenntnis einer relativ großen Zahl von Personen auf beiden Seiten gelangen, da man!nnehmeri muß, daß die beiden Exekutiven einen so verantwortlichen Schritt nicht ohne Heranziehung der Vertreter der Bewegung werden machen werden. Es wäre aber höchst bedauerlich, wenn durch unkontrollierte Gerüchte über den Inhalt des French- Berichtes die Oeffentlichkeit wieder beunruhigt würde. Denn maßgebend für die künftige Politik i st keineswegs der Bericht als solcher, sondern <L* s -JUsf r a.auh.. d.« Regi-ST♦»•#>. 4׳« •aAefe-tn»4t dem Bericht identisch iu sein braucht. Es muß daran erinnert werden, daß die englische Regierung sehr häufig unter Aufwand von großen Kosten und großen Mühen über wichtige Fragen Kommissionsberichte und Sachverständigen-Berichte hersteilen läßt und auch publiziert, ohne daß Jedoch die Empfehlungen der betreffenden Berichte von der Regierung akzeptiert werden. So verhielt es sich, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen, mit dem Bericht der Hilton Young-Kommission für Ostafrika und der Simon-Kommission für Indien. Sir John Simon, der gegenwärtige Außenminister, ehemals Präsident der Indien-Kommission, wurde nicht einmal als Vertreter zur indischen Round Table-Konferenz in London zugelassen, weil man nicht den Eindruck erwecken wollte, daß die englische Regierung durch seinen Bericht voreingenommen ist. Man muß also auch im Falle des French-Berichtes abwarten, welche konkreten Absichten die Fakta über die Arbeit des Keren Hafessod Von unserem palästinensischen Korrespondenten. Tel-Awiw, 7. Juni 1932. In M a g d i e 1 fand heute eine große vom Keren Hajessod einberufene Konferenz von Journalisten und prominenten .Persönlichkeiten aus verschiedenen Kreisen des Landes statt, der ein Besuch in mehreren Kolonien des Scharon voranging. Der Weg führte über Ramatajim, Kfar Saba, Raananah, Herzliah nach Magdiel, wo Herr S tt c h o w i t z k y die Gäste empfing una bewirtete. Es war reizvoll, gerade inmitten dieses aufblühenden, sich stetig erweiternden Pflanzungsgebietes, einer rein jüdischen Schöpfung von großem Ausmaß, über die Bedürfnisse und Notwendigkeiten des Aufbauwerkes zu sprechen. Unter den Anwesenden waren unter anderen Leo Motzkin, Dr. Senator und verschiedene Besucher aus Südafrika und Amerika. Neben den Reden von Motzkin und Suchowitzky ist besonders die von Leib Jaffe zu erwähnen, der eine umfassende Uebersicht über die Tätigkeit des Keren Hajessod in Palästina auf den verschiedensten Gebieten gab. Das Referat enthielt eine Reihe von interessanten Tatsachen über den Anteil des Keren Hajessod an der Siedlungsarbeit im Lande, von uer Landwirtschaft über Sanität und Erziehung bis zu Ein- Wanderung, Arbeitsbeschaffung und Anteilnahme an privaten una halbprivaten Unternehmungen, die durch den Keren Hajessod mit gegründet bzw. gestützt wurden und werden. Gerade in der heutigen Lage, wo sich das Hauptinteresse der Zionisten und Palästinafahrcr auf die private Initiative, ihre Leistungen und Möglichkeiten im Lande konzentriert und die Tendenz besteht, den Anteil und die Aufgaben des nationalen Kapitals am Aufbau des Landes in Vergangenheit und Zukunft zu bagatellisieren, verdienen die mitgeteilten Zahlen und Tatsachen besondere Aufmerksamkeit. Aus ihnen geht hervor, daß ohne Keren Hajessod das Jüdische Nationalheim in Palästina undenkbar wäre, auch fast alle Fortschritte der privaten Wirtschaft beruhen direkt oder indirekt auf seinen Pioniertaten; und auch in Zukunft geht es nicht ohne Keren Hajessod, er ist das bleibende Rückgrat des ganzen jüdischen Werkes im Lande, Unerkannt gebliebene Täter haben in der Nacht mehr als 1000 Bäume in jüdischen Orangenhainen im Distrikt von Jaffa entwurzelt. Mehrere verdächtige Araber wurden verhaftet. Regierung ankündigt. Bevor die Regierung entscheidende Beschlüsse faßt, wird sie die Aeußerungen der Jewish Agency und der Arabischen Exekutive in Betracht ziehen müssen. Da diese Antworten bei der Schwierigkeit des Gegenstandes nicht so schnell erfolgen dürften, so ist zweifellos noch mit einer erheblichen Zeitdauer zu rechnen, ehe der French- Bericht und das Programm der Regierung der Oeffentlichkeit bekannt wird. Man muß annehmen, daß die Londoner Regierung sich selbst mit dieser für Palästina so eminent wichtigen Frage befassen wird, und da die Sommerferien bevorstehen und die wichtigsten Persönlichkeiten der Regierung bei der Empire-Konferenz in Ottawa sein werden, dürfte die Entscheidüng kaum vor Herbst fallen. Die Jewish Agency hat ihren Standpunkt bereits vor einem Jahre in grundlegenden Denkschriften im Anschluß an den Simpson-Bericht der Regierung mitgeteilt. Die Riehtlinien dieser Denkschriften werden zweifellos auch jetzt unverändert bleiben. Der entscheidende Unterschied der Mission von French gegenüber der Mission von Simpson lag Ursprunglieh darin, daß bei der Entsendung von French eine grundlegende Empfehlung des Simpson-Berichtes, nämlich die Forderung einer aktiven kons truktiven Wirtschaftliehen Aufbaupolitik der Regierung, erfüllt worden war: Die Regierung hatte einen Landen tw icklungsplan ins Auge gefaßt, der durch eine Anleihe von 21,4 Millionen Pfund finanziert werden sollte. Durch die späteren Ereignisse, die nichts mit Palästina zu tun haben, vor allem durch die Finanzkrise in England, wurde gerade dieser wichtigste Teil des Regierungsprogramms zunichte, so daß die Mission von French beinahe sinnlos geworden ist, und aus dieser Tatsache erklärt sich auch die ganze Kalamität, da man nunmehr vermuten muß, daß sein Bericht nur ein Neuaufguß des Simpson-Berichtes sein wird, ohne jenes ursprünglich vorgesehene auf der 21/2-Millionen-Anleihe fußende konstruktive Programm. 9'׳bwohl*«li0 die Ueb«rg»!jer’de# Fftmch-letlAfe#'#811«וי® keineswegs einen definitiven Zustand schafft, sondern die Verhandlungen und Beratungen sich noch bis zum Herbst hinziehen dürften, ist zu befürchten, daß in dieser oder jener Form der Inhalt des French-Berichtes jetzt schon zu P r o p a - ga 11 dazweck en benutzt werden wird. Schon aus den bisherigen Andeutungen ist zu entnehmen, daß der Bericht, ebenso wie der Simpson-Bericht, den Arabern Material für ihre Behauptung, daß eine Einschränkung der zionistischen Siedlung in Palästina notwendig sei, liefern wird. Insofern aber ist auch der French-Bericht nur eine Etappe in der Auseinandersetzung über ein größeres Problem, das unabhängig von Berichten und Gutachten besteht und in umfassendem Rahmen gelöst werden muß, wozu die Initiative von jüdischer Seite ausgehen müßte, da die Juden es sind, die das vitale Interesse an einer Schaffung geregelter Voraus- Setzungen für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims haben. | Professor Simonsen j Am 15. Juni starb in Kopenhagen im 80. Lebensjahr Professor David Jacob Simonsen, der Führer der dänisehen Juden und eine der populärsten Persönlichkeiten des heutigen Dänemark. Simonsen wurde 1853 in Kopenhagen geboren, wurde 1832 Oberrabbiner in Kopenhagen und von der gesamten dänischen Judenheit als ihr geistiger Führer anerkannt. Ende 1902 legte er das Amt als Öherrabbiner nieder, um sich fortan vollständig der Wissenschaft und der Philanthropie zu widmen. Seine philanthropische Tätigkeit blieb nicht auf Dänemark beschränkt, sondern er arbeitete von je an vielen interterritorialen jüdischen Wohlfahrtswerken mit. Auch auf politischem Wege griff er oft zugunsten verfolgter und entrechteter Juden ein. Während des Weltkrieges war er der Vermittler zwischen den jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen in Amerika und den notleidenden Juden in Osteuropa und half auf diese Weise viel Leid mildern. Mit Leo Motzkin und anderen hat er die jüdische Welthilfskonferenz begründet und war Vorsitzender des Zentralrates dieser Konferenz. Gerade vor einigen Tagen, als Simonsen noch lebte, erhielten wir die Nachricht, daß die weltberühmte Büchersammlung Simonsens, welche etwa 45 000 Bände umfaßt, darunter Handschriften von Maimonides, an die Königliche Bibliothek in Kopenhagen übergegangen ist. Es ist die größte Fr- Werbung, welche die Kgl. Bibliothek seit 100 Jahren machte und welche nur unter Mithilfe verschiedener Stiftungen und unter Beihilfe der jüdischen Gemeinde durchgeführt werden konnte. Innerhalb der Kgl. Bibliothek wird die Simonscnschc Sammlung mit einem besonderen Ex libris ״Bibliotheca Simonseniana“ ein geschlossenes Ganzes bleiben. So wird hier ein dauerndes Denkmal des nunmehr Verewigten in der Stadt seines Wirkens für ihn zeugen. Am 12. d. M. traf Sokolow, von seiner Amerikareise zurückkehrend, in Paris ein. Am 16. Juni fand im Hotel Majestic ein Empfang zu Ehren Sokolows statt, bei dem der i1" Imster für Volksgesundheit im neuen Kabinett Herriot, Justin G o d a rt, Präsident des Komitees France-Palestine, den Vorsitz führte. Deutscher Nationalismus und ״Jüdischer Intellektualismus" Wir befinden uns in Deutschland am Vorabend einer großen Wahlschlacht. Zum vierten Male während des ׳ kurzen Zeitraumes von kaum einem halben Jahre wird der Kampf um die Führung im Deutschen Reiche und um die künftige politische Gestalt Deutschlands mit aller Heftigkeit entbrennen. Schon dies ist ein Zeichen dafür, daß wir uns im Kulminationspunkt einer Umw a n d 1 u n g befinden, die eine geistige und politische Entwicklung der Nachkriegszeit zum Abschluß zu bringen scheint. Wir leben jetzt in der Zeit, wo die Nachkriegsgeneration herangewachsen ist und zur Führung drängt, und demgemäß hat sich das geistige Bild der gesamten Nation verändert. Ueberflüssig zu sagen, daß Momente der verschiedensten Art dabei eine wichtige Rolle spielen, vor allem der beispiellose Zusammenbruch auf wirtschaftlichem Gebiet, der Millionen arbeitslos machte und für die nächste Zukunft auch keine Hoffnung auf Arbeit gibt, die vor allem auf idealistische Kreise der Jugend wirkende Enttäuschung über die immer deutlicher hervorgetretenen sittlichen Mängel der bürgerlichen Welt, natürlich auch die außenpolitischen Probleme und das Schauspiel des Unvermögens, einen Ausweg aus deren Zauberkreis zu finden. Eine Jugend, die in solcher Zeit heranvvächst, kann leicht von politischer, sozialer und völkischer Romantik erfaßt werden. In etwas unklaren Umrissen steht vor ihr das Ideal eines Neuaufbaus von Grund auf, und der Wille zu einem neuen Gemeinschaftsleben verbindet sich mit der Ablehnung des Individualismus, vor dessen Auswüchsen man zurückschreckt. In diesem Sinne besteht eine psychologische Verwandtschaft zwischen den beiden Hauptmachten unserer Zeit, dem Sozialismus und dem Nationalismus: Beide zielen auf die Ueberwindung des Individualismus. Die Formulierung des nationalsozialistisehen Programm« - ״öe*nei1t»atz ׳geht vor Eigennutz1** ■irt zwar keineswegs originell, da dieser Gedanke lange vorher, und sogar von ״jüdischen“ Geistern, ausgesprochen wurde, aber sie gibt prägnant das Prinzip wieder, nach welchem viele Tausende heute die Gemeinschaft umgestalten möchten. In Deutschland steht heute im Vordergrund alles Denkens der Nationalismus. Jüngere deutsche Nationalisten bezeichnen als den Ausgangspunkt der inneren Gärung das ״Volkstums-Erlebnis“, das in der Kriegskameradschaft und in der hündischen Jugend entstanden, dann in verschiedenen Gestalten und Verbindüngen ins Leben eindrang. Es kann an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe sein, die einzelnen Verzweigungen dieses Vorgangs zu analysieren. Aber eines seiner wesentlichsten Elemente ist die ״Besinnung auf das Blut“, und als deren Bestandteil die A b 1 e h n u n g d e r Juden. Der Antisemitismus spielt eine äußerst wichtige Rolle in diesem deutschen Nationalismus. Er tritt uns in allen Schattierungen entgegen, angefangen von der bloßen Distanzierung bis zu den pöbelhaften Angriffen mit Stock und Schlagring. Während gewisse Teile und Gruppen des nationalen Lagers, die numerisch nicht sehr stark sind, einen etwas gemäßigteren Antisemitismus kultivieren, hat sich der Nationalsozialismus, der zur Massenpartei aufgewachsen ist, seine extremsten Formen zu eigen gemacht. Es braucht an dieser Stelle, wo von diesen Dingen häufig genug die Rede war, nicht aufgezählt zu werden, was von natianalsozialistischer Seite über Juden und Judentum im Laufe dieser leidensreichen Jahre gesagt worden ist, mit welchen vergifteten Waffen hier gekämpft wurde, wie brutale Schiagworte und Verhetzung in das Volk hineingetragen wurden. Die Chronik der nationalsozialistischen Gewalttaten, die zerstörten und beschmutzten jüdischen Friedhöfe, die hemmungslos fabrizierte Schmutz- und Traktätchen-Literatur bieten ein Kulturbild besonderer Art. Daß diese Agitation dem Volks- Instinkt weiter Schichten entgegenkam, beweist der Aufstieg der Partei. Es ist daher nichts verständlicher, als daß die deutschen Juden die Geschehnisse in Deutsch- Land mit größtem Mißtrauen betrachten, daß sie sich bedroht fühlen und befürchten, daß durch brutale Gewalt die Rechtsgrundlagen ihrer Existenz erschüttert werden. Die deutschen Juden sind natürlich entschlossen, gegen solche Entrechtung und Angriffe sich energisch zur Wehr zu setzen. Wahlzeiten sind nicht gerade ausgezeichnet durch ein Streben zur Besonnenheit, und aus Wahlkundgebungen wird man nur mit Einschränkung die wirklichen Tendenzen der ringenden Kräfte ablesen können. Taktische Interessen herrschen vor, und je nach Bedarf werden bestimmte Anschauungen besonders übertrieben oder stark moderiert. Wie immer das ziffernmäßige Er- ......um...iihiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiii.11111111111...:111111........... (