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Jüdische Rundschau · 1932-06-14 · Heft 47 (14.6.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 47 (14.6.1932)
Date
1932-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 222 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47, 14. VI. 1932 Ls bereitet sieh jetzt auch eine weitere Ausnutzung des Areals vor. Der fast leere gelbe Halbkreis, den die Dünen zwischen Haifa und Akko um die blaue Bucht bildeten, beginnt bereits sein_ Aussehen zu verändern. An einer zentralen Stelle hat die Regierung ihre Werkstätten für die Eisenbahnen gebaut und in der Nahe geht ein beachtliches jüdisches Arbeiterviertel (Schchunath Owdiin) seiner Vollendung entgegen. Verschie* dene Projekte zur Besiedlung bestimmter Teile sind in Bearbeitung und die Zeit ist nicht fern, wo auch hier unter dem Antrieb der allgemeinen Entwicklung der Stadt eine neue Aktion größeren Umfanges einsetzen muß. Jedoch ist es heute schon klar, daß nicht die jüdische Sicdlungsarbeit allein in dieser Gegend in und um Haifa das Feld beherrschen wird, sondern daß es sich hier um internationale Unternehmungen großen Stils handelt. Das ist die entscheidende Differenz zwischen dieser und anderen Städten des Landes. Eine skizzenhafte Uebersicht über die wirtschaftlichen Aktiva und Tendenzen Haifas wiese eine große Lücke auf, wenn sie nicht zugleich auch die arabische Wirtschaft dieser Stadt umfaßte. Wie überhaupt Haifa sich durch für palästinensische Verhältnisse umfangreiche Unternehmungen auszeielmet, ist hier auch die arabische ökonomische Aktivitat seit längerem weitergreifend gewesen als anderswo. Die Zigarettcninclustrie hat hier eine relativ breitere Basis und die Handels- und Handwerksbetriebe zeigen einen größeren Stil. In den letzten Jahren hat einer der amerikanischen Rück- Wanderer unter den Haifaer Arabern mit einer großzügigen wirtschaftlichen Tätigkeit in Haifa begonnen. Neben der Er- Werbung von recht großen Bodenkomplexen in der Stadt und auf dem Karmel ging eine bedeutende Bautätigkeit, die verschiedencn Institutionen (Banken usw.) moderne Behausungen lieferte. Die vielleicht bedeutendste Unternehmung dieses Mannes bildet jedoch der Bau des ersten großen Strandbades im Lande. In technischer Hinsicht läßt ja der Strand von Tel-Awiw, der sich gerade durch einen ungewöhnlichen schönen Anblick auszeichnet, sehr viel zu wünschen übrig. Er bietet keinerlei Schatten, ist nicht gut gehalten, hat nur primitive und ungenügende Auskleideräume. ln Haifa ist nun ein langgestrecktes Stück des Meeresufers zwischen Bath-Galim und Athlith ausgewählt worden, das einen hervorragenden Meereszugang bietet und alle Vorteile der Bequemlichkeit hat. Hier sind Schattendächer und eine Straße gebaut worden, ein Restaurant wurde eingerichtet und einigermaßen komfortable Badekabinen mit Duschen und Zubehör. Dieser Platz wird nach und nach zum Treffpunkt der Haifaer Welt. Ein großer Mangel ist, daß der Fleck weit außerhalb der Stadt liegt, daß man ziemlich lange fahren muß und für die außenliegenden Viertel sich dadurch das Baden verteuert. Trotzdem bedeutet die Anlage eine großzügige Neuerung lind das Publikum — sowohl Araber wie Juden und Engländer — beweisen durch ihren Besuch, daß sie die Einrichtung wohl zu schätzen wissen. Alles in allem genommen zeigt die Wirtschaft wie das gesamte Leben Haifas durchweg einen anderen Zug als Jerusalem oder Tel-Awiw: es ist schwieriger zu übersehen, wird von viel verschiedeneren, vielfarbigeren Interessen dominiert. Während an anderen Punkten trotz dem auch allgemein spürbaren Fortschritt des Landes die Juden den entscheidenden treibenden Faktor darstellen, sind sie in Haifa zur Zeit einer von mehreren. Darin ist durchaus keine Verkleinerung der jüdischen Leistung an diesem Punkt zu erblicken. Die Situation deutet nicht auf einen Mangel an jüdischer Initiative. Die objektiven Bedingungen, die hier Interessen verschiedenster Art anz’ehen, bedingen in hohem Maße, daß Haifas Entwicklung weit mehr in die Richtung einer internationalen als einer arabischjüdischen, geschweige denn rein jüdischen Stadt hinweist. '"'“*X '*rk »e?! - .,J.— , s.— Vom amerikanischen Judentum. Am 7. d. M. fand im Lehrervereinshaus, Berlin (Alexanderplatz), ein öffentlicher Vortrag des aus Amerika zurückgekehrten Dr. Nah um Goldmann über ״Die Wandlungenim amerikanischen Judentum“ statt. Die Versammlung war gut besucht und folgte den Ausführungen des Redners mit gespanntem Interesse. Obwohl aus Zeitungen und privaten Nachrichten allgemein bekannt ist, wie schwer die allgemeine Weltwirtschaftskrise auf Amerika und insbesondere auf dem amerikanischen Judentum lastet, vermittelten die Ausführungen Dr. Goldmanns ein lebendiges und packendes Bild von der grundsätzlichen Wandlung in der wirtschaftlichen Stellung und auch im geistigen Habitus der amerikanischen Juden. Dr. Goldmann führte den Zuhörern packend vor Augen, wie innerlich revolutionierend — und in vieler Hinsicht positiv — die letzten Erfahrungen auf die amerikanischen Juden gewirkt haben. Die Erkenntnis von der Labilitat ihrer wirtschaftlichen und sozialen Position hat viele amerikanische Juden, und nicht gerade die schlechtesten, zur Selbstbesinnung geführt. Neben den allgemeinen Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die in ihren Erscheinungsformen bei der jüdisehen Gemeinschaft in Amerika noch viel krasser empfunden wird als die Krisenwirkungen auf die Judenheit in Deutschland, wird die Lage der amerikanischen Juden auch durch soziale Bewegungen beeinflußt, welche in abgewandelter Form den Erscheinungen in Europa gleichen. Gesellschaftlicher Antisemitismus, antijüdischer Boykott, Nichtzulassung jüdischer Hörer an vielen Universitäten — lauter Merkmale des Judenhasses, die uns aus eigenen Erfahrungen nur zu gut bekannt sind. Die Ausführungen des Redners ließen die Erkenntnis sinnfällig werden, wie ähnlich und prinzipiell gleich die Ent- Wicklung der jüdischen Diasporagemeinschaften überall ist. Von großem Interesse waren die von Dr. Goldmann gezeichneten Perspektiven einer in der Zukunft möglichen Entwicklung der amerikanischen Judenheit. Der Redner vertrat die Ansicht, daß große Teile der amerikanischen Judenheit durch die Erlebnisse der Krise der letzten zwei Jahre reif geworden sind für eine weltanschauliche Beeinflussung in der Richtung der jüdischen Volksrenaissa n c e und für eine innerlich beteiligte Interessennahme an dem Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina. Die Ansicht von der Einheit des jüdischen Schicksals in der ganzen Welt, die Ueberzeugung, daß die historische Aufgabe der Gegenwart in der Zusammenfassung für das gemeinsame Ziel der Schaffung eines nationalen Zentrums in Palästina liegt, brechen sich auch im amerikanischen Judentum allmählich Bahn, und es wird die Aufgabe der Zionistisehen Organisation sein, diese günstige geistige Disposition der amerikanischen Juden zu nützen, die ungeahnte Möglichkeiten zionistischer Arbeit und der Nutzbarmachung großer Energien für den Palästinaaufbau eröffnet. — Den Vorsitz in der Versammlung führte Dr. Schön, der einleitend Worte des Gedenkens für den verstorbenen englischen Zionistenführer und Kampfgenossen Herzls, Joseph Cowen, sprach. Anläßlich der Abreise von Emanuel Neumann aus Palästina wirft ״Da war“ die Frage auf, ob es wirklich so unerläßlich sei, daß Neumann nach wenigen Wochen Palästina-Aufenthalt schon wieder zur zionistischen Convention nach Amerika fährt. Das Blatt ist der Meinung, daß Neumann und Farbstein vom Kongreß gewählt wurden, um innerhalb der Exekutive die so überaus wichtige Mittelstands-Ein- Wanderung zu verwalten. Es sei zu bedauern, daß die zweifellos erforderliche Aufrüttelung der Bewegung in Amerika nicht durch andere Persönlichkeiten erfolgen könne. Ergebnisse der Sfadtratswahlen in Tel-Awiw Die Sfadtratswahlen in Tel-Awiw ergaben das folgende Resultat: Von den 15 Stadtratssitz.cn errangen die Arheiterpartei 5, die vom Bürgermeister Di zengolf geführte Bürgerliste 3, die Liste der polnischen Juden 2 Sitze, die Listen der Hausbesitzer, der Sephardim, des Misrachij der Revisionisten und der Kleinhändler errangen je einen Sitz. Etwa ein Dutzend Listen standen zur Wahl. Der Hauptkampf spielte sich zwischen der Arbeiterpartei und der Dizengoff-Partei ab. In den letzten Tagen vor der Wahl wurden etwa 100 Wahlversammlungen abgehalten. Gastvorlesungen in Jerusalem In den letzten Monaten sind an der Universität Jerusalem eine ganze Anzahl von Gastvorlesungen gehalten worden. S 0 hielt Prof. Franz. Oppenheimer einen Vortrag über die Theorie der Konkurrenz, Prof. L. L, Silvcrman vom Dorthmouth College (U. S. A.) und Herr C. E. Winn, Dozent der Mathematik der ägyptischen Universität in Kairo, sprachen über mathematische Themen. Ebenso behandelte ein Vortrag von Prof. Selig Brodetzkv (Leeds) die Bedeutung der Mathematik im modernen Denken. Der bekannte Schriftsteller Arnold Zweig sprach über den Geist der Erzählungskunst u nd Dr. George Sarton über mittelalterliche Wissenschaft und Kultur mit besonderer Berücksichtigung der arabischen Literatur. Ganz besonderes Interesse fand schließlich ein Vortrag von Prof. Ephraim Speiser über seine Ausgrabungen in Babylonien. Schließlich sei erwähnt, daß Prof. L. Roth, der den Achad Haam-Lehrstuhl für Philosophie innehat, am Todestage Achad Haains die alljährlich stattfindende Gedächtnisvorlesung hielt. Das Thema der Vorlesung war diesmal: ״Verstand und Wille als religiöse Faktoren“. Das Tortor-System io Beßarabien London, 11. Juni. (J.T.A.) Colonel Wedgwood richtete im Unterhaus an den Außenminister die Frage, ob er von dem englischen Gesandten in Bukarest oder vom Generalsekretariat des Völkerbundes Informationen über das in Beßarabien herrschende Tortur-System, insbesondere über die Marterung des Juden Samson Braunstein durch die Polizei in Jedinetz, einholen wollte. Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Captain Eden, erwiderte: Das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten hat eine offizielle Bestätigung der Behauptung betreffend Torturen in Beßarabien nicht erhalten, aber der Außenminister hat den Gesandten Seiner Majestät in Bukarest ersucht, ihm einen Bericht hierüber zuzustellen. Auf die Bemerkung des konservativen Unterhausmitglieds Bracken, daß es Geldverschwendung sei, Angelegenheiten betreffend Behandlung einzelner ausländischer Bürger zu untersuchen, erwiderte Captain Eden: Gemäß den Friedensverträgen tragen wir mit die Verantwortung für das Wohl der Minderheiten in vielen Ländern. Fremdeoanswetsang aas Loxembarg Luxemburg 7. Juni (J. T. A.). Auf Grund eines von der Gesetzgebenden Versammlung Luxemburgs i. J. 1920 beschlossenen und im J. 1928 kundgegebenen, aber bisher faktisch nicht angewandten Gesetzes^ wonach alle Aus- NJäpder, die länger als sechs Monate 1m Lande zu bleiben '.»'aaaÄ»j"%el4״ea■״ zttstäa4if€a-:-Beted«׳eine- - Aufrathaltserlaubnis ansuchen müssen, wurden im April d. Js. die in Luxemburg lebenden Ausländer von der Polizei aufgefordert, soweit sie im Lande zu bleiben wünschen, Gesuche um Aufenthaltserlaubnis einzureichen. In den letzten Tagen haben 360 aus osteuropäischen Ländern stammende Juden die Mitteilung erhalten, daß ihre Gesuche zurückgewiesen wurden und daß sie das Territorium des Großherzogtums verlassen müssen. Die ausgewiesenen Juden haben ein Schutz-Komitee gebildet, das bei den zuständigen Behörden intervenieren wird. Presseschaa Ein Leser unseres Blattes übersendet uns ein Blatt der Zeitung ״Der Bauer“, Beilage zum Oeffentlichen Anzeiger für den Kreis Kreuznach, worin ein interessanter Leitartikel über das Rundfunkgespräch Stapel — Hollaender eilthalten ist. Der Verfasser dieses Artikels erklärt, an diesem Rundfunkgespräch sei einzig der Umstand interessant gewesen, daß der Vertreter eines Volkes, das einen Moses, Jesajah, Jesus und andere Namen, die jedem Schulkind in der ganzen Welt geläufig sind, hervorgebracht hat, sich mit Eifer bemühte, sein Volk zu verleugnen und sich zu dem fremden Volk bekannte. Das deutsche׳Volk, so heißt es weiter, hat mehr Achtung vor dem völkischen Juden als vor dem Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der jüdische Glaube ohne Glaube an das jüdische Volkstum sei hohl und unwahrhaftig. Durch den Antisemitismus werde das Judentum allmählich zur Selbstbesinnung gezwungen und dies könne nach Meinung des Verfassers für das jüdische Volk selbst die nachhaltigsten Folgen haben. Es sei nicht ausgeschlossen, daß die Juden wieder zu völkischem und später gar zu politischem Eigenleben gelangen. — Wir begnügen uns damit, diese nicht uninteressanten Randglossen eines stark rechts gerichteten Blattes, das aber mit großem Respekt und ohne Injurien über Judentum schreibt, kommentarlos wiederzugeben. DieSchekelsammlung5692 Eine große Anzahl von Gruppen und Schekelvertrauensleuten hat unseren wiederholten Appellen um Ablieferung der bisher eingesammelten Schekalim nicht entsprochen. Wir fordem daher alle Gruppen und Schekelvertrauensleute dringend dazu auf, ln den kommenden Wochen vor Einsetzen der Hauptreisezeit die Schekelsammlung intensiv durchzuführen und mögliehst zum Abschluß zu bringen. Alle schon bei den Gruppen und Schekelvertrauensleuten eingegangenen Schekalim müssen jetzt unverzüglich an uns abgeführt werden. Die Schekelvertrauensleute werden auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß alle diejenigen Gesinnungsgenossen, die sich an den W a h - Ien zum bevorstehenden Delegiertentag der Z.V.f.D. beteiligen wollen, den diesjährigen Schekel rechtzeitig gezahlt haben müssen. Die LandesschekelKommlsslon Postscheckkonto: Berlin 8091, Z. V.f.D. Volksbank Iwria, Berlin N 54, Rosenthaler Str. 55. Nationaljudenhim und Liberalismus Von Gustav Krojankcr. Es sei mir gestattet, mit einigen Worten auf die Kritik zu erwidern, die Arthur Prinz hier (in Nr. 45/46) an meiner Broschüre über den neudeutschen Nationalismus geübt hat. Es kann sich schon deshalb nur um eine kurze Erwiderung handein, weil eine tiefergehende Betrachtung mit politischen und wirtschaftlichen Problemen ganz allgemeiner Art zu tun hätte, die unmöglich in diesem Rahmen abgehandelt werden könnten. Schon der erste grundsätzliche Einwand von Prinz, der gegen meine Auffassung von der Entwicklung des Kapitalismus geht, macht das deutlich. Bekanntlich herrscht über diese Frage ein unendlicher Meinungsstreit, und es ist wenig Aussicht, daß dieser Streit anders als durch die Entwicklung der Dinge selbst geklärt wird. Ich möchte aber hier sagen, daß ich zwar nicht in meiner Broschüre, die die natürlichen Quellen des N. S. nur kurz streifen konnte, wohl aber in einem Vortrag, den ich schon ein Jahr früher gehalten habe, die beiden Momente, die auch Prinz als die wesentlichsten nennt, nämlich den verlorenen Krieg und die Inflation ganz entscheidend in den Vordergrund geschoben habe. Nur sehe ich in der Betonung dieser Momente keinen Widerspruch zu meiner Auffassung von einer Struktur- Wandlung der Wirtschaft überhaupt. Die Inflation, so scheint mir wenigstens, hat lediglich in Deutschland eine Entwicklung verschärft und beschleunigt, die doch nicht auf Deutschland beschränkt geblieben ist. Der zweite Einwand von Prinz geht gegen die von mir vorgenommene Vermischung der Begriffe Liberalismus, Demokratie und Parlamentarismus. Mir ist bekannt, daß diese Dinge sowohl logisch wie auch für gewisse historische Perioden sorgfältig zu scheiden sind. Für die Zeit aber, die ich behandelt habe, nämlich für das 19. Jahrhundert und seinen Ausgang, den wir jetzt erleben, kann man, glaube ich, einer peniblen Unterscheidung gut entraten. Es war in dieser Zeit der liberale Gedanke, der die Demokratie und ihre repräsentative Vertretung durch das Parlament gefordert und schließlich auch durchgesetzt hat. Und mit dem Liberalismus ist gegenwärtig auch die Demokratie bedroht. Sie wird jetzt benutzt, um — wenn alles geht, wie es gehen soll — sich selbst ein Ende zu setzen. Der N. S. kommt vielleicht auf demokratischem Wege zur Macht; er kann mit demokratischen Methoden nicht an der Mach:■: bleiben. Ich bestreite auch, daß es — wieder konkret für unsere gegenwärtige Situation gesprochen — das geben kann, was Prinz eine ״aller liberalen Hemmungen entledigte despotische Demokratie“ nennt. Die liberalen Kräfte — von der S. P. D. bis zur Deutschen Volkspartei — sind selbst jetzt noch so stark im deutschen Volk, daß eine wirkliche Demokratie sich keineswegs dieser Hemmungen restlos entledigen könnte. Die Begriffsscheidungen, die Prinz vornimmt, und die Demokratie, die er sich ausmalt, scheinen mir rein theoretisch-logischer Art zu sein. Endlich wirft Prinz mir vor, daß ich die Vermischung der liberalen und antiliberalen Bestandteile im Zionismus unzulässig teils bagatellisiert, teils gerechtfertigt hätte. Aber ich glaube, ich habe weder das eine noch das andere getan: ich habe dargestellt, was ist. Es handelt sich nämlich um eine lebendige Bewegung, die man allerdings, wenn man ihr Wesen mit unseren sprachlichen Mitteln verdeutlichen will, in einen ״Ismus“ einreihen muß, die abfr keinem Ismus zuliebe entstanden ist und deshalb in mancherlei Begriffsgruppen Platz finden kann. Prinz spricht von Bagatellisierung und Rechtfertigung, weil er offenbar die Anklage vorgezogen hätte. Ich aber kann diese Anklage gegenüber einer natürlichen . Entwicklung nicht mitmach.cn; und seine Frage: ״Wären wir heute nicht als Verhandlungspartner des deutec’ien Nation'älisrpus jn einer ganz anderen Position, wefflFWirroh tok aus ״auf größere Zurückhaltung in Dingen der deutschen Politik gedrangen hätten?“ — diese Frage kann ich nur kurz mit N ein beantworten: wir wären es nicht. Erstens haben wir Zionisten das getan; zweitens aber fragt der Antisemitismus, der ein deutsches Problem ist, das sich nur an uns auswirkt, nicht nach unserem Verhalten. Interessant war mir, dem bisher immer nur solche Kritiken zu Ohren und Augen gekommen waren, nach denen ich den Zionismus als zu antiliberal dargestellt hatte, jetzt einer Kritik zu begegnen, die aus der entgegengesetzten Richtung kommt. Aber gerade bei dieser Verschiedenheit der Stimmen habe ich den Eindruck, daß durch diesen Versuch der Einreihung des Zionismus zwischen Liberalismus und Antiliberalismus die Diskussion auf einen nicht unfruchtbaren Boden geführt wurde. ״ Das Paradies Diro-Didjan In der ״Nation“, gewissermaßen dem amerikanischen Gegenstück zur ״Weltbühne“, veröffentlicht ihr Moskauer Korrespondent Louis Fischer einen Aufsatz: ״Die Juden und der Fünf-Jahres-Plan“ der besonderes Interesse verdient, weil er trotz seiner durchaus sowjetfreundlichen Tendenz (die in der ״Nation“ selbstverständlich ist) höchst bezeichnende Geständnisse über den wahren Charakter Biro-Bidjans enthält, das in der gleichen Zeitschrift 14 Tage vorher von W, Zukermann verherrlicht worden war! (Vgl. ״J. R.“, Nr. 42.) Fischer schildert ausführlich, wie der Fünf-Jahres-Plan zum erstenmal jüdische Massen der Industrie zugeführt und dadurch sowohl alte Ursachen des Antisemitismus beseitigt wie vor allem Hunderttausenden von wirtschaftlich entwurzelten und politisch rechtlosen ״Luftmenschen“ festen Boden unter die Füße gegeben habe. Durch die Industrialisierung habe aber auch die Bedeutung der landwirtschaftlichen Kolonisation abgenommen, da die jüdischen Massen lieber in den Städten blieben teils aus Gewohnheit, teils wegen der größeren Verdienst- und Bildungsmöglichkeiten. Nach offiziellen Angaben seien von den 2 853 000 Juden der Sowjetunion 1 300 000, die im erwerbsfähigen Alter (15—50 Jahren) ständen, auch wirklich erwerbstätig, und zwar 480 (KM) als Arbeiter, 150000 als Angestellte, 200 000 als Handwerker, 170 000 als Landwirte und nur 15 000 als ״erwerbstätig, aber nicht produktiv“, d. h. als Kapitalisten. Unbeschäftigte Juden seien überhaupt nicht registrlert. — Zur Zeit zögen zwar noch Juden aus kleinen Städten auf das Land, aber andererseits viele frühere Siedler wieder in die Stadt; in einem Teil der nördlichen Krim seien 80 0/0 der Bewohner mancher jüdischen Kolonien über 50 oder unter 14 Jahren alt, da die mittleren Altersstufen in die Städte abgewandert seien. Eine Zeitlang habe man die jüdischen Kolonien in der Ukraine, der Krim und in Biro-Bidjan als Zellen eines künftigen jüdischen Staates betrachtet, ja man habe Biro-Bidjan als jüdisches Territorium ausgerufen. Trotzdem scheine ihm (Fischer) große Skepsis betreffs der Bildung eines unabhängigen Territoriums angebracht; denn Biro-Bidjan sei mehrere tausend Meilen von den Zentren der jüdischen Massensiedelung entfernt und sei außerdem wild, unbewohnt und unerschlossen. Man erzähle sich, daß ein sibirischer Tiger den einzigen Polizisten der Gegend an dem Tage verschlungen habe, an dem Biro-Bidjan zum jüdisehen Territorium proklamiert worden sei. Vielleicht habe man sich. Biro-Bidjan als Kolonie für litauische, rumänische und polnische Juden gedacht, aber die Verwirklichung des Planes liege jedenfalls in weiter Ferne.

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