Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1932)
- Date
- 1932-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0£5 Goldmark Naiionalfudenium und Liberalismus JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Diens tag u.Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Aud»nd»»bonnem#m« wardst! in dar Währung der einrelnen Linder berechnet Anzeigenpreis: 8 gesp, Nonparefllezeii« 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG.tn.b.H.,Berlin W15, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. I’ostucheck - Konten: Berlin 17392, Basel V 9155, Belgrad 6-8032 Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 340 470, Frag 59410, Rica 4155, Stras&hurg 16430, Warschau 190708, Wien 156030, Bank »Konten: Dartnstädter- und Ntmoixalbank, Depositen - Kasse Berlin, Kuriürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Falesüne Co, in Haifa, ferusalem, Tel -Aviv Nummer 47 | Berlin, 14. VI. 1932 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״א כיון תרצ״ב I xxxvii. Jahrg. Per Ilonlsmu» «ntubl für das!lldlwht Volk die Schaffung einer dffentllch - rechtlich gesicherten HelmstStte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Ruthenbergs Kraftwerk eröffnet 1 Jerusalem, 11. Juni. (J. T. A.) Das von Pinchas Rufhenberg geschaffene elektrische Großkraftwerk In Abadieh, am Zusammenfluß des Jarmuk mit dem Jordan, dessen Errichtung 41/2 Jahre in Anspruch nahm, wurde am 10. Juni vom High Commissioner Sir Arthur Wauchope bei Anwesenheit des Emirs Abdullah von Trans Jordanien, des britischen Residenten in Transjordanien Colonel Cox, zahlreicher hoher Regierungsbeamter und Vertreter der großen jüdischen Körperschaften des Landes eröffnet. Der High Commissioner würdigte in seiner Ansprache die Persönlichkeit Ruthenbeigs der sich durch keine Schwierigkeiten habe abhalten lassen, das Werk, das Palästina und seinen unmittelbaren Nachbarländern zum Segen gereichen wird, zu vollenden. Er betonte den hohen Nutzen von Kraft und Licht sowohl für die Städte wie für die Landwirtschaft Palästinas. Am Schluß seiner Ansprache setzte der High Commlssioner.persönlich durch Druck auf einen elektrischen Knopf die. Turbinen in Bewegung, die die Hochspannungsleitungen speisen, welche das ganze Land rnit elektrischer Kraft und mit Licht versorgen. Die jetzig^ Betriebsanlage ist vorläufig zur Erzeugung von jährlich 12 Millionen Einheiten eingerichtet, es kann aber im Bedarfsfälle seine Leistung Ws auf 65 Millionen Einheiten steigern. ״Manchester Guardia n" veröffentlicht unter der Ueberschrift: ״Die VolWmIwg eines grollen Werkes“ einen Artikel über die Elektrifizierung Palästinas, worin er die Fertig- Stellung des Kraftwerkes der Ruthenberg-Ge- Seilschaft am Jodan-jarmuk schildert und die tiefgehenden Veränderungen beschreibt, die dieses große Unternehmen im ganzen Lande herbcigcftilirt hat. Durch die Elektrifizierung, die gleichzeitig das Wasser tur eine Befruchtung des einstmals blühenden Jordantals treiiuacht, kann Palästina wieder werden, was es einstmals war, der Garten der antiken Welt. ln aller Kürze: Die Einweihung ״w Hafens von Haifa soll im Frühjahr. 1933 in Gegenwart des Prince of Wales, der sein Erscheinen zugesagt hat, der arabischen Herrscher und der etiropäischen Kommissare der Nachbarstaaten vor sich gehen. I Mit der Einweihung des Hafens wird eine große Handels- «Miastelluag vahii^Gj•■,*;;/!. ״ ' ׳ ltn Prozeß ge|,«Jh die Mörder der zwei jungen Juden Johartnan Stahl und Salia Zohar {Goldstein) wurde der ältere der beiden Angeklagten, der 20jährige Raschid Abu Sulman, wegen Teilnahme am Doppelmord zu 15 Jahren Gefängnis und zur Zahlung einer Entschädigung in Höhe von 50 Pfund an die Familie Zohar (Goldstein) verurteilt. Die Familie Stahl, die in Deutschland wohnt, erhob keinen Anspruch auf Entschädigung. Der zweite Angeklagte, der erst 17jährige Salib Abu Sulman, wurde wegen Minderjährigkeit bei Begehung der Tat freigesprochen. Dieser Tage wurde in New York ein Wirtschaftskomitee für Palästina (Economic Committee Pro Palestine) gegründet, dessen Aufgabe es ist, Finanzkreise und individuelle Kapitalbesitzer zu ermutigen, Investitionen in Palästina zu machen. Richter Julian W. Mack wurde zum Ehrenpräsidenten, I. B. Brodie zum Präsidenten und Aba Roway zum Sekretär gewählt. Auf dem Keren Kajemeth-Boden bei Wadi Chaw!frith fand die Gründungsfeier der ersten Kolonie e h e m a I ig e r j ü d i s c!1 e r Legionäre des Weltkrieges statt. Die Pflanzung des ersten Baumes nahm Frau Archibald Silverman, eine Fi'threrin der amerikanischen Hadassah, vor. Zwischen Tel Mond und Natania in Schomron wurde eine neue Kolonie der Bne Benjamin, der Organisation von Söhnen der ersten jüdischen Palästina-Kolonisten, unter dem Namen Jehudia zum Andenken an Elieser Ben Jehuda gegründet. Das Bodenausmaß beträgt 3000 Dunam, worauf vorläufig hundert Kolonisten angesiedelt werden. Dieser Tage wurde in Dagania (Palästina) die Urne mit der Asche des verstorbenen zionistischen Führers L. J. Greenberg beigesetzt. Der von den Schuhmachern Palästinas — freilieh zuletzt nur von den arabischen — geführte Kampf um Zollschutz gegen den Import ausländischer Schuhe (Bata) hat zu einem Erfolg geführt, indem die Regierung durch eine Sonderausgabe der ״Official Gazette“ die Einführung eines Zolles ankündigt. In einer Höhle in der Nähe des arabischen Dorfes Beth Salier wurde der Leichnam des seit 14 Tagen vermißten jüdisch en.Hausierers Joseph I.cvy. eines Sepharden, aufgefunden. Eine im Dorfe Beth Sahär wohnhafte vierköpfige Beduinenfamilie wurde unter dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, verhaftet. An der Universität Jerusalem haben sich für das akademische Jahr 5602 bisher 181 Studenten inskribieren lassen. Davon entfallen auf die Fakultät der Geisteswissenschäften 148, auf das mathematische Institut 11, und auf die neugegründete Sektion für biologische Wissenschaften 22. Fast genau die Hälfte der Studenten, 91, haben ihre Schul- Bildung in Palästina erworben, während die übrigen aus 16 verschiedenen Ländern stammen. Vor einigen Tagen wurde in Haifa Ernst To Ilers wirkungsvolles Drama ״Masse Mensch“ in hebräischer Sprache aufgeführt. Stück und Darstellung fanden stürmische Aufnahme. Anläßlich der bevorstehenden Neuwahlen in Rumänien werden von den jüdischen Parteien eifrige Wahl- Vorbereitungen getroffen. Im allgemeinen erwartet man bei den Wahlen eine Stärkung der antisemitischen Truppen, denen sich auch der bisherige Ministerpräsident Jorgas angeschlosser! j hat. Die neue Regierung, der man Verständnis für Minori- I tätenfragen nachrühmt, hat auch das Unterstaatssekretariat für Minoritäten, das von dem Deutschen Dr. Brandsch verwaltet f wird, beibehalten. Worte und Wirididtkett Das innerpolitische Programm des neuen Kabinetts Das neue Kabinett hat bisher zweimal durch den Mund des Reichsinnenministers Freiherr!! von (i a y 1, einmal in einem Interview, das zweitemal in einer großen Rede, Erklärungen zur Beruhigung der öffentlichen Meinung abgeben lassen. In der ersten Auslassung betonte Gay!, daß das neue Kabinett nicht so empfindsam und zimperlich sein werde wie die vorangegangenen Regierungen und darum ״kleine Anrempelungen“ verzeihend übersehen wolle. Nur ernste Angriffe, besonders gegen das Staatsoberhaupt, würden mit der Schwere des Gesetzes geahndet werde!!. Die Regierung werde für Ruhe und Ordnung sorgen und das Recht jedes Staatsbürgers schützen. In der großen Rede vor dem Reichsrat sagte Freiherr v. Gayl u. a.: ״Wichtig und notwendig scheint mir auf dem Gebiete des gesamten kulturellen Lebens unseres Volkes insbesondere auch im Rundfunk- und Lichtspielwesen die Betonung und Pflege deutschen Geistes und die Ausmerzung aller undeutschen, fremden Einflüsse, die zeitweilig weite Teile des deutschen Volkes befremdet haben.“ Diese Erklärungen, sowie die erste große Programm-Deklaration des neuen Kabinetts, zeigen eine merkwürdige Mischung von Absichten und Redewendungen, die kaum den Eindruck der Einheitlichkeit zu erwecken vermögen. Auf der einen Seite mehrfache Betonung, daß man im Rahmen der Verfassung die Regierungsgeschäfte führen werde, auf der anderen Seite eine auffallende Wiederholung einer Phraseologie, die ihre Heimat in nationalsozialistischen Publikationen hat. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Kabinett das größte Interesse und auch den guten Willen hat, die in weiten Kreisen herrschende Beunruhigung wegen der Ungewißheit über die kommende politische Entwicklung zu bannen. Fraglieh ist allerdings, ob die Erklärungen des Kabinetts nach dieser Richtung ihren Zweck voll erreichen können. Die Verhältnisse in Deutschland sind leider so, daß man Auslassungen des ״Völkischen Beobachters“ und das Verhalten des Herrn Hitler fast als ebenso hedeiihingsvoll anzusehen geneigt, ist, wie offizielle Erklärungen der Regierung. Wenn der ״Völkische Beobachter“ triumphierend feststellt, daß die .bevorstehende.^-rri.cfrtusg .des ,,,Dritten Reiches“ fiele ,־•'־**׳י; veranlaß♦,' attlT* Oeiftstlfttad zu‘ fftcHleil"' tiifi '״'in ■:!> ff׳ äfft e 11 Zuflucht zu suchen (was vorläufig kaum ztrtreffen dürfte — A. d. R.) und daß diese Flucht der Juden in den kommenden Monaten ein viel größeres Ausmaß erlangen werde, wenn Adolf Hitler die Zeugenaussage vor Gericht mit der Begründung abiehnt, daß er auf Fragen eines jüdisehen Rechtsanwalts nicht antworte, dann wirken solche Tat- Sachen so befremdend, daß selbst die Worte des Reichsinnen-‘ rninisters davon übertönt werden. Die Regierung beabsichtigt offenbar, den extremen Formen des Nationalsozialismus und seiner ״sozialistischen“ Komponente dadurch entgegenzuarbeiten, daß sie selbst als ״nationales“ Regime sich durchsetzt. Für die Juden ist sicherlich die Aufrechterhaltung geordneter Zustände mit den Machtmitteln des Staates ein vitales Interesse, aber auch jetzt schon haben wir genug über die zahlreichen antisemitischen Exzesse gegenüber Juden in Deutschland zu berichten. Diese sind nicht die einzigen und auch nicht die gefährlichsten, wenn auch das größte Aufsollen erregenden, Arylierungen des antijüdischen Kurses im Alltagsleben. Viel einschneidender und wichtiger sind andere Symptome, welche sich weder in Schlagringen, noch in Rufen ״Juda verrecke“ manifestieren. Es ist eine alltägliche Erscheinung, daß man in vielen Acmtem als jüdischer Anwalt, Sachverständiger. Petent usw. zu hören bekommt, die ״bisherigen Verhältnisse würden sich ändern“ und die Juden täten schon heute gut daran, sich darauf einzurichten. Diese Beunruhigung ist so einschneidend, daß Gerüchte und Ansichten laut geworden sind, es werde eine innerdeutsche Flucht der Juden einsetzen. Wir meinen damit den von manchen Zeitungen bereits registrierten ״Zug nach Süddeutschland“, die Verlegung mancher Finnen nach München und das Bestreben vieler Juden, den Bezirken des uneingeschränkten Einflusses nationalsozialistischer Praxis zu entweichen. Das ist die jüdische Wirklichkeit in Deutschland. Und ihr gegenüber sind Beruhigungspillen unwirksam. Mit gutem Grunde bringt man Programmen und Worten wenig Vertrauen entgegen, wenn man merkt, daß die Atmosphäre, 1 ן aer diese Worte ausgesprochen werden, derartig er- .. uftet jst, daß bj»b ajtei» Anlaß , hat,^rnit { ifl ' «I1€ 'ittlltlill!!/ Zu ' ihidkCu. " ’ ‘“י■'■,״ wm1 KmiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiwmiiiiiiuiiiimiiiiiiHiHHiiiUimiiiMiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiimmiiiiiiiuuiiiiiimiiiiiiin'iiiiiiiHimiiiiiiiin Aus der Haiiaer Wirtschaft Von unserem palästinensischen Korrespondenten. IVir bringen nachfolgend den zweiten Artikel der Artikelserie unseres Korrespondenten über Haifa. Der erste erschien in Sr. 45 46, Red. gl. Tel-Awiw, 31. Mai 1032. Spricht man zur Zeit mit Haifaer Bewohnern über die Wirtschaftslage Palästinas im allgemeinen und Haifas im besonderen, so trifft man häufig eine Mischung von Kritik an dem, was ist, und einen starken Optimismus für das, was sein wird. Es wird stark empfunden, daß Haifa heute gewissermaßen seitab von der herrschenden Hausse ist, zugleich aber werden immer von neuem die großen Möglichkeiten für eine zukünftige Entwicklung aufgezählt und verschiedenste Projekte gemacht. Es ist ja etwas Sonderbares um Haifa: nach der Propaganda der letzten Jahre, die dieser Stadt eine sprunghafte und alles andere überschattende Entwicklung verhieß, hat sich das Rad gedreht, andere Wirtschaftsunternehmungen und damit andere Landesteile — wie vor allem die Küstenebene — rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Es ist charakteristisch, daß die letzte Touristensaison Haifa lange nicht soviel gebracht hat wie Tel-Awiw, daß auch keine nennenswerten Projekte ausländischer Besucher bekannt werden, die Haifa als ihre Basis nehmen. Die Stadt ist noch nicht so recht ״modern“, sie hat auch nicht die Anziehungskraft der lOOGigen Jüdisch heit wie Tel-Awiw. Der Aufstieg, den man schon für den Beginn des Hafenbaus prophezeit hatte, hat bisher nur bescheidenes Ausmaß angenommen. Freilich, der Bau absorbiert einige hundert Arbeiter, zum größeren Teil arabische, zum kleineren Teil jüdische. aber das Geschäftsleben der Stadt hat bisher nicht so viel profitiert, als man annahm. Die Regierung hat so gut wie alles Material, alle Maschinen direkt aus England importiert, so daß der lokale Handel wenig dabei gewann. Dennoch war die Prophezeiung, die sich im Datum irrte, kaum verfehlt in ihrem Inhalt. Auch wenn Haifa heute vielleicht von dem wachsenden Investitionsinteresse relativ wenig aufsaugt, so ist sein Aufstieg doch nur eine Frage einiger Jahre. Das Wort ,,die Stadt der Zukunft“ hat seinen Sinn behalten. Man kann heute bereits ein Bild darüber erhalten, in welchen Linien dieser Aufstieg vor sich gehen wird. Die Veränderungen. die sich in den letzten Jahren liier vollzogen haben, deuten sie bereits an. Bestimmte Entwicklungen sind nicht durch wirtschaftliche, sondern durch national-politische Erwägungen bestimmt worden. Zu ihnen gehört vor allem das W a c 11 s 111 m der jüdischen Viertel, insbesondere von Ha dar Hakarm el, die nach den Unruhen sich vergrößer! haben, weil in Haifa ebenso wie in anderen Städten nach den Unruhen von 1929 die Tendenz sich verstärkte, getrennte jüdische Wohnviertel zu bilden. Selbstverständlich ist die Baubewegung auch hier nicht rein aus diesen Gründe!!, sondern ms einer wirtschaftlichen Konsolidierung zu erklären. Eine Arbeitslosigkeit ist nicht vorhanden oder ganz gering, und die nuttelständischen Berufe haben sich im Laufe der Jahre so eingerichtet, daß sie höhere Ansprüche an Behaglichkeit und Einrichtung stellen. So haben sich größere jüdische Wohngegenden gebildet, die sich von den alten Teilen der Stadt merklich abheben. Für die Zukunft ist diese Art der Entwicklung nur eine Teilerscheinung. Das große Phänomen, das sich vorbereitet, ist ein Einbruch des internationalen Kapitals. Man braucht ja die Grunde, die dazu führen müssen, heute nicht mehr ausführlich zu behandeln; sie sind in den letzten Jahren oft und eingehend genug beleuchtet worden. Haifa wird diejenige Stadt in Palästina werden, deren Bedeutung weit über die Landesgreazen hinausreicht. Hier bildet sich einer der wichtigsten Handelsplätze des Mittelmeeres heraus, dessen Verbindungen bis weit in den Nahen und Mittleren Osten hineinreichen werden. Und man sieht bereits heute, wie das internationale Kapital sich dieser Perspektive bewußt ist lind sich anschickt, sie auszunutzen. Schon früher gab es in Haifa mehr international-finanziertc Unternehmungen als in den anderen Städten. Von jetzt an werden sich diese Erscheinungen noch weiter vermehren. Es genügt ein Blick von den Bergen auf die Bucht, einige wenige Untersuchungen der im Gange befindliehen geschäftlichen Verhandlungen, um die Lage zu überscheu. Die riesige Mole, die ein großes Stück ruhigen Wassers aus der halbkreisförmigen Bucht herausschneidet, nähert sich der Vollendung. Schon heute benutzen große und kleine Schilfe ihren Schutz. Ein großes Stück seichten Wassers, das sich vor der deutschen Kolonie und dem jüdischen Viertel Bath-Galim entlangzieht, wird zugeschüttet und wertvoller Baugrund für die Hafenanlagen gewonnen. Bei dem Tempo, in dem die Arbeit in den Steinbrüchen von Athlith, die das Steinmaterial liefern, und an den Molen selbst gefördert wird, ist anzunehmen, daß die /.::gaben der Regierung, die von der vollen Aufnahme des Hafenbetriebes irn Jahre 1935 sprechen, begründet sind. Die Vorbereitung der Oelleitung ist weniger deutlich merkbar. Das erklärt sich schon dadurch, daß hier politische und Wirtschaftliehe Interessen, Marktfragen und Weltkrise, mit strategischen Gesichtspunkten sieh verflechten, so daß ein kompliziertes und verwirrtes Knäuel entsteht, das nicht so leicht zu lösen ist. (Beim Hafen, wo heute das strategische Moment noch über das wirtschaftliche dominiert, liegen die Dinge eindeutiger.) ln Haifa sit/t die Zentrale der Petroleum-Gesellschaft, die für Vermessungen, für Bearbeitung der Pläne, für Verhandlungen mit den verschiedenen Interessenten zuständig ist. ,,Irak Oil“ ist bereits heute ein Faktor im Haifaer Wirtschaftsleben, noch bevor auf den Mossulfeldern der erste Tropfen Oel gebohrt worden ist. Was der Bau der Röhrenleituug, die Anlage von Raffinerien, die Versendung an Unternehmungen nach sich ziehen wird, ist heute erst zu ahnen. Aber man rechnet bereits bei Bodendispositionen, bei der Bearbeitung neuer Projekte mit diesen Faktoren — und mit vollem Recht. Für die zionistische Bewegung ist es von besonderem Interesse und für die jüdische Wirtschaftspolitik von hohem Wert, daß gerade in dieser Ecke des Landes, die ökonomisch bedeutende Perspektiven hat, der jüdische Bodenbesitz eine zentrale Schlüsselposition innehat. Die Böden, die seinerzeit von der Haifa-Bay erworben wurden und dann zum großeren Teil in den Besitz des Nationalfonds übergingen, bedeuten ein großes Aktivum. Das Gelände hat, bevor es bebaut oder besiedelt werden konnte, große Ameliorationsarbeiten erfordert, vor allem eine durchgreifende Drainage der Sümpfe. War doch diese Gegend seit langem, wahrscheinlich seit Jahrhunderten, eine der schlimmsten Malariagegenden Palästinas, und es ist eine Großtat der zivilisatorischen Tätigkeit der Juden liier, daß ihre Sanierung in großem Stile in Angriff genommen ist.