Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1932)
- Date
- 1932-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653396--23010-2681314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 218 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45/46, 8. VI. 1932 /'S 4|ä; Bei den kurdischen Juden im Irak Von Dr. Walter F i s c 11 e I (Jerusalem). Der Eintritt Iraks in den Völkerbund, die immer enger werdende wirtschaftliche Verknüpfung Iraks und Palästinas durch Hafenbau in Haifa, Bagdad-Haifa-Bahn, Oelpipe-Linie «sw. macht es zu einer dringenden Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit mehr als bisher auf die im Königreich Irak!ebenden Juden zu lenken. Die britischen Okkupationsbehörden in Bagdad veranstatteten im Jahre 1920 eine Bevölkerungsschätzung, die bis heute die statistische Grundlage des neuen Staats geblieben ist Danach ergab sich eine Gesamtbevölkerung von 2 850 000, von denen 2,64 Mill. Mohammedaner (Sunniten und Schiiten je etwa die Hälfte), 88 000 Juden, 79 (MX) Christen und 43 000 andere Religionsangehörige (Jeziden, Mandäer usw.) waren. Diese Schätzungen sind heute (1932) keineswegs mehr richtig und die Bevölkerung dürfte sich in den elf Jahren im Zusammenhang mit der Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Königreich Irak bedeutend vermehrt haben. Die Zahl der jüdischen Bevölkerungsclemente, die uns hier interessiert, dürfte nach zuverlässigen Aussagen mehr als 100 000 betragen, die sich auf die drei Haupt- Provinzen, Bagdad mit ca. 80 000, Basra mit ca. 12 000 und Mossul mit ca. IS000, verteilen. Irak ist also mit seinen 100 000 Juden das Land im Vorderen Orient (ohne Palästina) mit der größten jüdischen Bevölkerungszahl und Bagdad allein die größte Judengemeinde im ganzen Orient überhaupt. Die staatsrechtliche Steifung dieser Juden ist im Grunde die einer mit allen Rechten ausgestatteten religiös-nationalen Minorität. Gleich den anderen Minoritäten im Irak, wie Kurden, Assyrer usw., entsenden auch die Juden ihre Abgeordneten (vier) ins Parlament und genießen in kultureller und religiöser Beziehung fast völlige Autonomie. Das erst vor kurzem im irakischen Parlament genehmigte Gemeindeverfassungsgesetz (Law of the Jewish Community) gibt genauere Richtlinien an bezüglich des Aufbaus der jüdischen Gemeindeorganisation, der Wahl und Zusammen- Setzung ihrer verschiedenen Behörden (Präsident, Oberrabbiner und div. Councils) und gewährt den Juden eigene Gerichtsbarkeit in allen Fragen religionsgesetzlicher, ehe- und vermögensrechtlicher Art, auch die Möglichkeit autonomer Oestaitung ihres Schulwesens usw. Diese staats- und gemeinderechtliche Regelung faßt naturgemäß die irakischen Juden als eine Einheit auf, ohne die weitgehenden Unterschiede zu berücksichtigen, die zwischen den Juden in Bagdad und Basra einerseits und den Juden in Mossul und Umgebung andererseits bestehen. Den in Bagdad und Basra lebenden sogenannten babylonischen Juden stehen die im Bezirk Mossul und in dem nordöstlich davon sich hinstreckenden Kurdistan lebenden sogenannten k u r d i - sehen Juden gegenüber, die sich fast in jeder Beziehung voneinander unterscheiden und geradezu zwei Judenheiten darstellen. Von diesen kurdischen Juden ist bisher nur sehr wenig bekannt. Das liegt in erster Linie daran, daß dieses rauhe Oebirgsland Kurdistan, mit seinen gewaltigen Schluchten, Gebirgsketten und reißenden Strömen geradezu eine natürliehe und unbezwingbare Festung ist, und die Natur das Dunkel, das über diesem Land und seiner Bevölkerung liegt, geradezu begünstigt. Aber der Schleier lüftet sich für den, der es wagt, die Strapazen nicht scheuend, in diese von der Zivilisation fast unberührte Landschaft einzudringen. Auf Grund mündlicher Daten und eigener Schätzung dürften 15—18000 Juden in Kurdistan leben, die sich auf Hunderte von kleinen Dörfern und Städtchen verteilen. Es gibt kaum ein Dorf in dieser schroffen Gebirgswelt, das ״nicht ״seine“ Juden hat, häufig nicht mehr als fünf bis zehn Familien, die völlig isoliert, ohne Zusammenhang mit einer anderen Gemeinde, ganz auf sich angewiesen, leben. Eine solche atomis'ierte, in dieser wilden alpinen Landschaft verstreute Dorfjudenheit hat ein ihr adäquates Judentum ausgebildet, das sich grundsätzlich von dem Judentum Bagdads und Basras und dem Europas überhaupt unterscheidet. In den meisten dieser Dörfer ist keine Synagoge, keine Talmud- Tora, kein Minjam, und nur in Abständen kommt ein Schochet, Mohel oder Dajan, also eine Art ״Wanderrabbi““, in diese verlassenen Gegenden. Der kurdische Jude ist völlig ungebildet und sein Judentum besteht neben dem Schabbat, der streng gehalten wird, meist nur noch aus abergläubischen Vorstellungen. Der Aberglaube dieser kurdischen Judenheit ist unbeschreiblich. Ihre Vorstellungswelt wird völlig vom Glauben an Dämonen, Schejdim, bösen Blick usw. beherrscht, die als reale, wirksame Mächte im tagtäglichen Leben betrachtet werden. Traumdeutung, Talismane, Goraloth, Amulette, praktische Kabbalah — das ist die Beschäftigung ihrer Aeltesten. Sie haben sich auch in Tracht, Sitte und Gewohnheit an die Kurden angeglichen, und die jüdischen Frauen gehen dort ganz kurdisch gekleidet, mit einem Turban als Kopfbedeckung, mit Nasen- und Ohrringen, Arm- und Fußbändern und sogar mit in das Gesicht eintätowierten Zeichen. Mit diesem religiösen Phänomen verbindet sich auch ein sprachliches. Zwar sprechen diese Juden die Landessprachen, d. h. kurdisch, türkisch, arabisch, persisch usw., aber sie sind auch zugleich die einzigen unter den Juden überhaupt, die sich bis heute des als ״Targun.sprach e“ bekannten aramäischen Dialekts bedienen, die sie auch ״Laschon Hagaluth“ nennen, und führen also auch ein originelles sprach- Ikhes Eigenleben, das sie von den anderen" Juden unterscheidet. Aber auch in sozialer Beziehung sind diese kurdisehen Juden bemerkenswert. Während die Juden in Bagdad und Basra immerhin doch mit einem Minister, mehreren Millionären, einflußreichen Aerzten und Anwälten und sehr wohlhabenden Kaufleuten aufwarten können und der Einfluß gewisser jüdischer Kreise Bagdads auf das öffentliche Leben sehr sichtbar zum Ausdruck kommt, geht den kurdischen Juden jede ökonomische oder soziale Bedeutung ab. Sie sind vielmehr die wahrsten Parias, und wenn sie auch nicht mehr, wie zuweilen in der Türkenzeit, Sklaven und Eigentum der kurdischen Feudalherren und Stammeshäupter sind, so stehen sie doch in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht auf der untersten Stufe. Diese Pariastellung ist soziologisch bedingt durch die noch immer stark betonte Stammes- Organisation der Kurden. Umgeben von Menschen, die sich als Angehörige eines Stammes fühlen, muß sich der nach Rasse, Sprache und Religion andersgeartete und deshalb außerhalb eines solchen Stammesverbandes stehende Jude als geächtet und verachtet empfinden. In der Tat werden ihm auch nur die niedrigsten und von den Kurden verachtetsten Berufe zugewiesen. So sehen wir die kurdischen Juden neben dem Klein- und Althandel die schwersten und niedrigsten Arbeiten verrichten: Lastträger, Färber, Gerber, Weber usw., Berufe, die die Juden übrigens schon zur Zeit von Benjamin von Tudela innehatten. Auch die Zubereitung von Arak ist ihr Monopol, wie auch der Verkauf von Gewürzen, Drogen und Heilkräutern ihnen überlassen bleibt. Allzuleicht entlädt sich der Zorn des Kurden auf ״seine“ Juden, die in ihrer verachteten Stellung als die gegebenen Blitzableiter so mancher Unwetter (Blutbeschuldigung, Stammesfehden) erscheinen. Wie gefährdet seihst beute de Lage der kurdischen Juden ist, die als Minorität unter der Minorität der Kurden leben, trotz Irakregierung und englischem Mandat, erfuhr ich in Rowandus, — übrigens landschaftlich einer der schönsten Plätze dieser Gebirgsgegend. Als die Nachrichten von den Unruhen ln Palästina 1929 nach Kurdistan kamen, die natürlich in der arabischen Presse als ein Ueberfall der Juden auf Araber dargestellt wurden, wollten sich auch die Kurden, die sonst in den Arabern ihre Feinde sehen, — an den Juden rächen, und es bedurfte der ganzen Anstrengung der Polizei und der englischen Truppen, um die Kurden zu verhindern, in die jüdischen Häuser einzudringen. Die Gefahr einer großen Judenmetzelei wurde nur in letzter Minute durch das Eingreifen englisch-irakischer Truppen verhütet. Durch den bevorstehenden Eintritt Iraks in den Völkerbund und den damit verbundenen Rückzug Englands aus dem Irak wird die Frage akut, inwieweit genügende Garantien gegeben sind, um die Minoritäten in Mesopotamien, von denen die Juden einen zahlenmäßig besonders wichtigen Faktor darstellen, zu schützen. Daß die kurdischen Juden angesichts dieser Verhältnisse und ihrer abhängigen Stellung überhaupt auch nicht einen Tag länger in Kurdistan leben würden, wenn sie nach Paläs t i n a auswandern könnten, wurde mir von fast allen Seiten zum Ausdruck gebracht. Schwer lastet auf ihnen das doppelte Galuth, ״üaluth Ischmael und Galuth Kurd“, wie sie sagten, und kein Wunder, daß sich bereits seit Jahrzehnten ein dauernder Strom von Auswanderern nach Palästina ergießt und Tausende auf die Gelegenheit warten, in das Land ihrer Sehnsucht zu kommen. Meine Fahrt durch Kurdistan, die bloße Tatsache, daß ein ״Jehudi“ aus ״Zion“ in diese abgelegenen wilden Gegenden überhaupt sich hineinwagte, hat sie in ihrer Absicht nur bestärkt und schien ihnen ein Vorzeichen ihrer baldigen Um- Siedlung zu sein. Die kurdische Judenfrage ist in der Tat eine Umschichtungsfrage, und da die Kurden infolge ihrer körperlichen Tüchtigkeit, Anspruchslosigkeit und zähen Natur neben den jemenitischen Juden mit die geeignetsten Elemente für die Aufbauarbeit Palästinas darstellen, sollte man an eine Lösung ihrer traurigen Lage in diesem Sinne herangehen. Verteilung der Zertifikate Die Exekutive der Jewish Agency hat die von der Regierung für das laufende Halbjahr auf Grund der Arbeiter- Schedule zur Verfügung gestellten 2100 Zertifikate für Palästina- Einwanderer auf die einzelnen Länder wie folgt verteilt: für Polen wurden 980, für Rumänien 131, für Litauen 70, für Rußland 60, für die jemenitischen Flüchtlinge ln Aden 70, für Deutschland 48, für Lettland 40, für Oesterreich 21, für Amerika 26, für die Tschechoslowakei 35, für Griechenland 15, für die Türkei 24 und für andere Länder je 10 oder weniger Zertifikate reserviert. Der Rest wird auf bereits eingewanderte Touristen, die sich zum dauernden Aufenthalt fn Palästina entschlossen haben, verrechnet. Israel Majofls ״Humoristische Erzählungen“ (jiddisch), Verlag Rubin M a a ß, Berlin-Charlottenburg. — Im Leben des im Alter von 33 Jahren im Jahre 1930 verstorbenen Israel Maiofis haben vier Momente eine entscheidende Rolle gespielt: das Kriegserlebnis, der Zionismus, jahrelange Krankheit und die große Liebe zu einer Frau. Wenn man in Betracht zieht, daß dieser hochbegabte, für wissenschaftliche und denkerische Arbeit prädestinierte, durch Schale lltaatoch-jüdischer Er- Ziehung gegangene Mensch den größten Teil seines Lebens in Sanatorien, Kurorten und auf dem Krankenlager verbracht hat, so ist man von Bewunderung erfüllt, daß er nicht bittersatirisch, sondern humorvoll gewesen ist. Krieg und Krankheit hätten vielleicht aus ihm einen mit Gott und der Welt hadernden Menschen gemacht; aber Zionismus und die Liebe einer Frau haben dieses leidensreiche Leben vergoldet und in Majofis eine Grundstimmung der Nachsicht und des Verstehens für Welt und Leben erzeugt. Die im vorliegenden Bande ausgewählten kleineren Arbeiten, erstmalig in verschiedenen jüdischen Zeitungen erschienen, lassen es tief bedauern, daß das Talent von Israel Majofis nicht vollständig zur Reife gelangen konnte. Majofis ist ein genauer Kenner des jüdischen Lebens, ein Beherrscher der Sprache wie wenige jiddische Dichter, trotz aller kritischen Begabung und Scharfblickes für menschliche Schwächen ein heiterer, wohlwollender Poet. Seine Reimkunst findet in der jiddischen Literatur nur wenige Analogien. Hat Scholem Alechem in seinen Humoresken und Erzählungen das jüdische Städtchen des Vorkrieges der Welt offenbart, so bieten die Er- Zahlungen von Majofis ein Bild des litauisch-jüdischen Lebens in der Nachkriegszeit. Freunden der jiddischen Literatur kann nur wärmstens geraten werden, dieses Buch zu lesen, die Bekanntschaft eines liebwerten Talents zu machen und neben der nicht ausbleibenden Ergötzung viel aus diesen humoristisehen Erzählungen zu lernen. m. w. Jungführerlager des Brith Haolim 1932. Die Bundesleitung des Brith Haolim veranstaltete vom 13. bis 22. Mai in Wurzen (in der Nähe von Leipzig) ein Jungführerlager, an dem sich 75 bis 90 Chawerim und Chaweroth aus allen Teilen des Reiches beteiligten. Das Lager sollte, wie schon die beiden Jungführerlager in den letzten zwei Jahren, unsere Jungführer und diejenigen Chawerim, die kurz vor der Führung stehen, in die erzieherische und ideologische Problematik des Bundes einführen. Trotz des herrlichen Wetters konnte die vorgesehene Arbeit unter reger Beteiligung und mit großer Konzentration durchgeführt werden. An jedem Tage fanden hebräische Kurse (morgens) und drei große Sichoth statt. Der Erfolg des Lagers war nicht zuletzt dem zu verdanken, daß Freunde, wie Dr. Landauer und Wilfried Israel, unserer Einladung nachkamen und am Lager teilnahmen. — Im ganzen fanden folgende Sichoth auf dem Jungführerlager statt: Ideologische: 1. Die Aussichten des Zionismus (Sereni); 2. Sozialismus und Judenfrage (Georg Pape); 3. Die Lage der deutschen Juden (Dr. Georg Landauer); 4. Das englische Imperium (Leo Leibmann); 5. Der Nahe Orient (Wilfried Israel). Erzieherische: 6. Bundesformen (Georg Pape); 7. Sexualerziehung (Leo Steinberg); 8. Wie wirkt die Umwelt auf den Jugendlichen? (Leo Steinberg); 9. Wie erzieht man Menschen verschiedener sozialer Schichten? (Leo Leibmann); 10. Wie lehrt und lernt man jüdische Geschichte? (Dr. Georg Landauer); 11. Systematische Erziehungsarbeit (Martin Seligmann); 12. Hagschamah Azmith als Er- Ziehungsmethode (Gerschon Ostrowski-Ejn Charod); 13. Selbsterziehung des Führers (Georg Pape). Sonstige: 14. Fragen des deutschen Hechaluz (Fritz Lichtenstein); 15. Aufbau einer Feier (Isi Reiß); 16. Fahrt und Lager (Martin Seligmann). — Ferner fanden ein Frageabend und ein Oneg Schabbath statt. Das Lager wurde durch die herrlichen Singstunden mit Jehuda Schertok um vieles bereichert. — Die Eindrücke, die die teilnehmenden Chawerim in ihre Agudoth mitgenommen haben, haben schon jetzt dazu beigetragen, der Arbeit einen neuen Auftrieb zu verleihen und werden es — wie uns die Berichte der Chawerim melden, wahrscheinlich auch weiterhin tun. Kurorte-Arbeit! Von Dr. Fritz Ullmann, Karlsbad. Auch in diesem Jahre will ich es nicht unterlassen, zu Beginn der Saison trotz schwerer wirtschaftlicher Krise und trotz starker Beschränkung der Reisemöglichkeiten unsere Gesinnungsgenossen in allen Ländern auf die Möglichkeiten zionistischer Kurorte-Arbeit hinzuweisen. Vielleicht ist es gerade in diesem Jahre nötiger als sonst. Die Zionistische Ortsgruppe fn Karlsbad, die, wie alljährlich, ihre Vereinsabende auch in diesem Jahre im Hotel ״Glattauer“ an jedem Donnerstag abhält, ist bereits seit einigen Jahrzehnten im Sommer vielfach der Sammelpunkt der Zionisten aus aller Welt. Die Karlsbader Zionistische Ortsgruppe leistet eine vorbildliche Arbeit. Doch ist es notwendig, daß alle Zionisten, die nach Karlsbad zur Kur kommen, tatsächlich die Abende besuchen und wirklich während ihrer Kurzeit zionistisch mitarbeiten. Viele Gesinnungsgenossen haben aus Karlsbad Anregungen für ihre künftige Arbeit mitgenommen. Aber nicht nur die Abende, sondern auch das gesellige Zusammensein beim Frühstückstisch und bei den Nachmittagen der Wizo im Cafe Freundschaftssaal bieten unseren Gesinnungsgenossen immer viel Anregungen. Selbstverständlich sollen bei den übrigen Veranstaltungen, wie Blumentage, Meetings usw., sich die Gesinnungsgenossen in den Dienst der Sache stellen. Nicht nur in Karlsbad, sondern auch in Marienbad hat sich seit einer Reihe von Jahren die Ortsgruppe bemüht, ihre Vereinsabende an jedem Montag im Hotel ״Walhalla“ zu einem Treffpunkt der Zionisten aus allen Ländern der Welt zu machen. Die Wizo-Ortsgruppe in Eger macht dieses Jahr zum ersten Male den Versuch, jeden Mittwoch im Cafi ״Deutzer“ in Franzensbad gesellige Zusammenkünfte zu veranstalten. Die Gesinnungsgenossen in den Kurorten sind gerne bereit, mit Rat und Tat unseren zionistischen Kurgästen zur Seite zu stehen. Hoffentlich wird auch in dieser Saison in allen Kurorten ein ähnlich zionistisches Leben und Treiben herrschen wie in der Karlsbader Ortsgruppe. Maurice Schwariz. Großer Abend im ״Babylon“ am Bülowplatz. Jüdisch-amerikanisch. Die Regie ist gut. Zuerst Boris K o g a n , ein vorzüglicher Pianist (auf einem elenden Flügel), dann die Primadonna Viola Philo, die mit Herz und Kultur jüdische Lieder singt und weit, weit besser das nicht ganz passende ״Fiakerlied“. (Dieses Stückchen macht ihr wirklich niemand nach.) Und dann — kommt er. Nervös, mit geröteten Augen, fremd im Frack und fremd in der Naziluft da draußen. Immer vor dem Publikum lebend, scharf, die Pointe klar berechnend, lechzend nach Beifall, — Direktor, Regisseur, Akteur, Meschorrer und — nur und nur Ostjud, ein Prachttyp, wie man ihn selten erlebt. Feine Kabinettkunst, Kammermusik aus der ״Wilner Gail“ und aus der Grenadierstraße. Besonders schöne Nummern: ״Sein letzter Benefiz“, ״Wachlachlakes“ und der genügeno bekannte ״A Chasen a schiker“. Auch ״Die drei Politiker“. Der jüdische kleine nörgelnde, entzückend chuzpedike Politiker: unvergeßlich! Und wie alle drei beim Minche-Dawnen mit dem Schammes einig sind, das ist ganz wunderbar. Mit Schwartz lebt und stirbt ein ganzes Geschlecht: der Badchen der Marschallik, der mittelaiterliche Clown und Musikant, der noch von Nürnberg und Fürth seine Tradition mitschleppt (um 1500 her), der Batten, alles ganz anders, herzlicher und echter als die anspruchsvollen Granowsky-Juden, — bald vereinsamt und alt in einer nagelneuen schwindligen Welt. Dieser Mann muß den aller echtesten und besten jüdischen Künstler, Scholem Aleichem, spielen! Das möchte man gesehen haben. Man sollte ihn und die Chasomm Rjntsqhlk, Berele Chaggi und Glanz und G oll an in und ein paar Leute, die ich gewiß Mer' nicht kenne, uta mich in einen Turm sperren, damit wir noch ganz rasch von dieser viel zu wenig bekannten alten Judenwelt, noch vor unserm letzten Benefiz, recht viel hier lassen. — Granach, breit, jovial, kollegial, mit edlem Pathos immer bei solchen Gelegenheiten zur Stelle, begrüßte den illustren Gast mit herzlichen Worten. Arno Nadel. Rundfunk in Tel-Awiw. Am 9. Mai sandte die Radio- Station Tel-Awiw, die für die Dauer der Messe in der Tarocha errichtet worden war, ein Unterhaltungsprogramm, das ausschließlich dem Schaffen Erich-Walter Sternbergs gewidmet war. Nachdem Werner R o s o 1 i o in einem einleitenden Vortrag eindrucksvoll Werk und Persönlichkeit des Komponisten beleuchtet hatte, erklang, von Frau Burstein-Arber interpretiert, die Klaviersonate. Sodann folgte eine Aufführung des I. Streichquartetts mit Gesangssolo, mit der das Tel-Awiwer Streichquartett (Glücksohn-Herz, Dreher, Edel, Saphir) eine auseglichene Ensembleleistung zeigte und einen starken Eindruck interließ. Der Sommer-Lehrgang für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung, ״Gegenwartsforderungen an die jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“ gewidmet, wurde in den Räumen der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Kantstr. 158, am 26. Mai eröffnet. In seinen Einleitungsworten erläuterte Rabbiner Dr. L. Baeck den Begriff der Krisis als des Erwachens des menschlichen Bewußtseins und seines Hinausschreitens aus dumpfer Selbstverständlichkeit, aus Unzufriedenheit zur Klarheit eines neu zu erarbeitenden Lebens. — Der Referent der ersten Veranstaltung, Rabbiner Dr. Wiener, sprach über ״Die Religion in der Krisis“. Er ging von dem Zusammentreffen des in der Religion herrschenden krisenhaften Zustandes mit der gegenwärtigen Weltlage aus, zeigte, wie die Abschneidung von den metaphysischen, den eigentlich religiösen Hintergründen des Lebens das Wesen des modernen Zeitalters, des auf sich selbst gestellten Menschen begründet habe. Grundlegender Wandel sei nur von einem Umschwung der allgemeinen Kulturlage zu erwarten, der der Persönlichkeit ihr Recht, ihr Recht an ihren Gott wiedergebe. — Am 30. Mai stellte Dr. Georg L u b i n s k i in der Einleitung zu der Arbeitsgemeinschaft über das Thema: ״Die jüdische Ge- Seilschaft in der Krisis“ zunächst die Umwandlung im Wirtschaftliehen Denken der jüdischen Gesellschaft dar, die durch den Zusammenbruch und den Niedergang vieler jüdischer Existenzen eingetreten ist. Seit der Emanzipation der Juden sind sie noch niemals so wenig Subjekt, so sehr Objekt von Wirtschaft und Politik gewesen. Bei dieser Sachlage besteht mehr denn je, auf fast allen Gebieten des jüdischen Lebens, die Notwendigkeit klarer Programme, die weithin fehlen. Eine Solidaritätsaktion mindestens in der Wohlfahrtspflege ist erforderlich. Mainz. (Jung-Zionistischer Kreis.) im November vorigen Jahres wurde in Mainz der J.-.Z K. gegründet. Als erste Aufgabe stellte er sich die Reorganisation des Keren Kajemeth Mainz. Außer der N.-F.-Arbeit wurden folgende Punkte auf unserem Programm aufgesfeilt: Vortragsabende, zionistische Werbearbeit, Werben neuer Abonnenten für die ״Jüdische Rundschau“, Hebräische Sprachkurse. Die Bereitschaft zur zionistisehen Tätigkeit erreichte vergangene Woche bei der Aufführung des zionistischen Werbestückes ihren Höhepunkt. Unser Spielkreis veranstaltete in Mainz und Wiesbaden einen Abend, an dem ״Die einzige Lösung“ aufgeführt wurde. Der Erfolg war ein unerwartet großer und die Veranstaltung wurde zum Tagesgespräch der Mainzer Judenheit. Nähere Auskunft über unsere Pliae werden erteilt von Erich Hirschmaan, Mainz, Schalste. 64,