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Jüdische Rundschau · 1932-06-08 · Heft 45-46 (8.6.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 45-46 (8.6.1932)
Date
1932-06-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45/46, 8. VT. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 217 Palästina-Stimmung in Polen (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, Anfang Juni. Die in diesem Jahre so zahlreich unternommenen Palästinareisen beginnen ihre Früchte zu tragen. Viele Touristen, die dan Land besuchten, haben es nicht mehr verlassen, und die nach Polen zurückgekehrt sind, wurden zu enthusiastischen Emissären des Palästina-Oedankens. Die Delegation der wirtschaftlichen Fachleute, entsendet von der polnisch-palästinensischen Handelskammer und der polnischen Jewish-Agency- Repräsentanz, hat bereits öffentlichen Bericht erstattet. Ihre Ziffern und Pläne, umfassend mehrere Industriebranchen und verschiedene Handelsmöglichkeiten in Palästina und dem Nahen Osten, sollen nunmehr ein Ausgangspunkt werden für komkrete Aktionen, die im Interesse der polnischen Juden und Palästinas die beiden obengenannten Institutionen in der nachsten Zukunft unternehmen werden. Daß gerade in Warschau ein solch praktisches Interesse für Palästina, und namentlich in nichtzionistischen Kreisen, sich kundtut, ist auch eine Frucht der mehrmonatigen intensiven Tätigkeit des Delegierten des Keren-Hajessod-Direktoriums Dr. Michael Traub, welcher in Warschau allein 23 Propagandavorträge hielt. Ein Novum in Polen sind Kundgebungen polnischer Persönlichkeiten für Palästina. Es traten letztens in Warschau einige bekannte polnische Persönlichkeiten, so der gewesene Minister Pruchnik der berühmte ReiseschriftstellerOsse ndowski und der Geistliche Kneblewski mit öffentlichen Vorträgen auf, in denen sie ihre Palästina-Eindrücke schilderten und ohne die Schwierigkeiten des Aufbaues zu verkennen, die ungeheuren Leistungen und künftigen Möglichkeiten der Juden in Palästina eindringlich und voll Sympathie darstellten. Diese soeben in Warschau unter Vorsitz des verdienstvollen Leiters der Jewish Agency, Dr. G o ld f 1 a m m , mit Beteiligung der obengenannten und der Redakteure Appenschlag und Wagman veranstaltete Kundgebung hat sicherlich viel dazu beigetragen, unser Werk in der polnischen Oeffentlichkeit ins rechte Licht zu setzen. Es soll auch festgestellt werden, daß solche Nichtzionisten, die bisher unerbittliche Gegner des Zionismus waren, nach ihrem letzten Besuch in Palästina nicht umhin konnten, die enthusiastische Wahrheit zu sagen. Die Reihe solcher Kundfebungen begann noch vor Peßach J. M. Lewin, der ührer der Agudah in Polen, welcher den Gerer Rebbe nach Palästina begleitete. Ihm gesellte sich soeben der im entgegengesetzten Lager stehende Dr. Schabad aus Wilna, einer der prominentesten Führer der ״Folkisten“ und Jiddischisten in Polen, ln einem öffentlichen, mehrstündigen Vortrage in Wilna, der dort große Sensation hervorrief, bezeugte er, daß der Zionismus viel, sehr viel in Palästina geleitet und erreicht hat. Ich erkläre dies — fügte Dr. Schabad hinzu — trotzdem ich ein Gegner des Zionismus bin. Während meines Aufenthaltes in Palästina — fuhr Dr. Sch. fort — hatte ich die Möglichkeit festzustellen, daß das im Qolus gesammelte Geld für die zionistischen Fonds in Palästina in höchst produktiver Weise verwendet wurde. Wenn auch solche und ähnliche Kundgebungen nicht überschätzt werden sollen, haben sie aber bei den spezifischen parteipolitischen Verhältnissen in Polen ihre Bedeutung. Dr. Schabad hat auch schon prompt von seinen verknöcherten bisherigen Parteigenossen ganz unangenehme Worte ob seiner Offenherzigkeit zu hören bekommen... * Um die für Polen festgesetzte Zahl der 980 Zertitik« te ist bereits der Kampf entbrannt Es ist wirklich tuigemein schwer, wenn Tausende aus allen Schichten zur Am- Wanderung bereit sind und ohne Mittel dastehen, eine solche Zahl gerecht zu verteilen. Der nach Warschau entsandte Chef des Immigrationsdepartements der Jewish Agency, Barlas, hat keine leichte Aufgabe, die Differenzen auszugleichen. Der Misrachi und die Revisionisten behaupten unzufrieden zu sein und gebärden sich als die einzigen Befürworter des Mittelstandes, ln Wahrheit sind sämtliche zionistischen Organisationen bemüht, alle Möglichkeiten und alle Kräfte auszunutzen, um dem Mittelstana die Einwanderung nach Palästina zu erleichtern. Die letzten Parteiratssitzunzen der Allgemeinen Zionisten in Warschau und in Krakau haben diesem Problem viel Aufmerksamkeit geschenkt und notwendige organisatorische Schritte beschlossen. Die jüdische Situation in Polen Ist chronisch katastrophal, in erster Linie wirtschaftlich. Politisch ist nichts Positives zu erreichen. Das einzige, was die Regierung letztens endlich den Juden darbot, waren Oeffentlichkeitsrechte für drei hebräische Gymnasien; ein Erfolg unserer pariamentarischen Repräsentanz, nicht ohne Bedeutung. Sonst aber ist die Regierung nicht zu bewegen, den Juden in irgendeinem Punkte die Lage zu erleichtern. Immerhin ist die Regierung wenigstens bestrebt, der jüdischen Bevölkerung Schutz und Ruhe zu gewährleisten. Als in der landwirtschaftlichen Hochschule in Dublany, die einen Teil des Polytechnikums in Lernborg bildet, von den antisemitischen Studenten der einzige dort studierende Jude bzw. Judenstämmling stark schikaniert wurde, sind die verantwortlichen Instanzen energisch eingeschritten, trotzdem die nationaldemokratische Studentenschaft an allen Universitäten mit neuen Krawallen begann. Die Ungewißheit aber und die Angst vor dem Morgen lasten schwer über dem polnischen Judentum. Die Lage in Oesterreich Die mit Vehemenz in Oesterreich sich äußernde antisemitische Radaubewegung hat die jüdische Bevölkerung im Nachbarstaate in stärkster Weise aus der bisherigen Lethargie aufgescheucht. Das unter Führung der deutschen Parteizentrale stehende österreichische Hakenkreuzlertum hat bei den letzten Gemeindewahlen in einzelnen österreichischen Städten große Erfolge zu verzeichnen gehabt. Kein Tag vergeht ohne Demonstrationen der Hakenkreuzler, und ihre Versammlungen erfreuen sich eines gewaltigen Zulaufs. Als Redner treten deutsche Nazi-Führer, wie General Epp und Reichstagsabgeordneter Göring, auf. Prompt erfolgt nach jedem Zusammenstoß mit gegnerischen Parteien, mag dieser in ganz judenreinen Gegenden wie in Steiermark, Tirol oder Vorarlberg erfolgt sein, eine Zusammenrottung von Hakenkreuzlem an einer Wiener Hochschule oder in der Wiener Judengasse. Die Polizei, weiche bei den Landtagswahlen in Wien, wie einwandfrei festgestellt wurde, bis zu 70 °/0 nationalsozialistisch gestimmt hat, zeigt wenig Neigung, mit der gebotenen Energie gegen die Exzesse einzuschreiten. Dies ist schon aus der Tat- Sache erklärlich, daß die Regierungsparteien, gegen welche die Nationalsozialisten in Oesterreich anrennen, Christlich-Soziale, Großdeutsche und die Heimwehr-Partei, auch antisemitisch sind und sich nun bemühen, in puncto Judenhaß es den National- Sozialisten gleich zu tun. In Wien fanden große jüdische Protestversammlungen statt und Bemühungen sind im Gange, eine jüdisch-politische Organisation unter zionistischer Führung zu schaffen, um sich geschlossen gegen die bedrohliche Entwick- Jung zur Wehr zu setzen. Zahlen — und was hinter ihnen sieht Von C h. H a 11 e r (Tel-Awiw). Auf der vor kurzem zu Ende gegangenen Tel-Awiwer Messe gab es Objekte zu sehen, die aus dem Rahmen einer ntir auf Kauf lind Verkauf berechneten Ausstellung menschlieber Bedarfsartikel herausfielen, die nicht den gegenständliehen Sinn der Menschen reizten, sondern ein besonderes Interesse voraussetzten, die ihren Gehalt nicht dem ersten Blick darboten, sondern dem besinnlichen Betrachten vorbehielten. Ihre Gegenständlichkeit mußte man sich erst erarbeiten. Es waren keine Automobile und Brunnenpumpen, keine Radio- und Photoapparate, keine Möbelstücke, Strümpfe und aus Zündholzschachteln kunstvoll errichtete Fassaden, sondern Ziffern. Tabellen mit Ziffern und wieder Ziffern. Wände und Stände voller Ziffern, diagrammatische Linien, Gleichungen, Land- und Reliefkarten. Eine gesellschafts-wissenschaftüche Buchhaltung auf Wänden. Es waren die Pavillons der Regierang, der Stadt Tel-Awiw, der beiden nationalen Fonds und auch der Histadruth Haowdim, Und da die Erbauer dieser Pavillons wußten, daß Ziffern nicht jedermanns Sache sind, so suchten sie dieses Ziffernmaterial durch allerhand sinnfällige Mittel genießbarer und anziehend zu machen: durch möglichst viele Bilder und Figuren, durch Kombinationen von lebenden Farben und wechselnden Lichtern, und womöglich durch kleine Gruppen von landwirtschaftlichen Naturerzeugnissen. Der Pavillon des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth stellte einen solchen Saal dar, dessen Wände ausschließlich mit Ziffern-Tabellen, Landkarten und Bildern geziert waren. Er hatte zwei sich geradeaus gegenüberliegende Ein- bzw. Ausgangstüren. Und der größte Teil der durch diese beiden Türen hindurchströmenden Menge war mit dem hier Gebotenen sehr rasch fertig. Aber aus ihrer Mitte lösten sich immer wieder einzelne heraus, die vor diesen Ziffernwänden stehen blieben und sich von ihnen anscheinend nicht trennen konnten. Sie hatten nicht unrecht. Da stand auf einer Tafel unter der Ueberschrift: Landwirtschaften, die von der Jewish Agency gegründet und unterstützt wurden. Aufgenommen 1930: Keren Hajessod Investierungen 1013 900 Pfund. Eine Ziffer. Aber hinter ihr stehen 57 jüdische Siedlungen — Kwuzoth, Arbeitersiedlungen, unterstützte Mittelstandssiedlungen, Mädchenfarmen, jemenitische Wohnsiedlungen — mit 7543 jüdischen Städtern, aus denen der Keren Hajessod Landwirte gemacht hat. Eine ungeheure physische und seelische Wandlung und eine grundlegende, entwicklungsträchtige Tat. Im Jahre 1921 waren es bloß 404 Menschen, die auf einem Areal von: 15 300 Dunam saßen. Halte ist das bearbeitete Gebiet 139 400 Dunam groß. Auf diesem früher zum weitaus größten Teile wüsten Boden schuf der Keren Hajessod Leben oder griff er befruchtend und aufbauend ein. Es befinden sich auf dem Boden 11 770 Dunam Pflanzungen. Das lebende Inventar beträgt 4400 Stück. (Im Jahre 1921 betrug es wohl in der Hauptsache nur unzählige — Schakale.) Der Wert der jährlichen Produktion dieser mit rund einer Million Pfund geschaffenen Wirtschaften betrug 190 482 Pfund. Die Wertung dieser Ziffer muß man den Nationalökonomen und den tätigen jüdischen sozialen Gesellschäften überlassen. Die Wirtschaften haben noch lange nicht ihre maximale Kapazität erreicht. Aber das Gesetz der Assoziation ruft dabei andere Ziffern ins Bewußtsein: di« ungeheuren Summen, die in diesen zehn Jahren im jüdisehen Osteuropa von der jüdischen Weltgemeinschaft für soziale Hilfszwecke investiert wurden und ihren Effekt in diesem Augenblick. — Hier die Versenkung eines Vergleichsweisen Minimums in einen mit schöpferischer Arbeit getränkten Boden, und 4יי Rfs«lt|f ist etn..!nächtiger Bannt jnjt jyeita»- greifenden Zweigen und in die Zukunft weisenden, «tiaosehbaren Möglichkeiten. Und dort — mancher, der vor den Wänden des Pavillons steht, mag sinnend berechnen, was heute das Resultat wäre, wenn die jüdische Welt in diesem kurzen Zeitraum die zehnfache Summe dem Keren Hajessod zur Verfügung gestellt hätte..* In der gleichen Periode investierte der Keren Hajessod in Industrie und Kapital 270 700 Pfund. Davon entfallen 100000 Pfund aut Kapitalanteil am Ruthenbergschen Elektrizitätswerk — nur 10 Prozent des Gesellschaftskapitals, aber mit diesem Betrag wurde das Werk erst ermöglicht, konnte es der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung des Landes einen entscheidenden Anstoß geben. Davon entfallen weitere 56 400 Pfund auf die erste palästinensische Hyjwthekenbank — immer die erste, darauf liegt der Schwerpunkt. Die anderen folgen von selbst. Und 13 000 Pfund — sicher waren es auch wieder die ersten! — investierte der Keren Hajessod in die Kali- und Potaschwerke am Toten Meer. Oeffentliche Arbeiten: 524300 Pfund. Auch so eine trockene Ziffer. Was steckt dahinter? Eine der Vorbedingungen der ganzen Kolonisationsarbeit selbst, — Einführung der Chaluzim in die Arbeit ihre Ansiedlung rings um die alten jüdischen Siedlungen, Verbindung abseitiger Gebiete mit den Städten, Straßenlegung in neuen jüdischen Vierteln, Erhaltung der jüdischen Position in Zeiten der Arbeitslosigkeit — alles Leistungen, durch die arbeiterwirtschaftliche und kitkturelle Probleme tastend und mit Opfern, aber doch auch mit Mut und Erfolg einer Lösung nähergeführt werden. Die Erziehung figuriert mit 1 655 700 Pfund mit an erster Stelle. Eine vergleichsweise sehr hohe Summe. Aber sie bedarf einer Erklärung. Der Keren Hajessod ist an ihr ..nur“ mit 1 139 400 Pfund beteiligt. Der Rest floß von der Regierung, der ״PICA“, dem Jischuw selbst und aus anderen Quellen. Die Regierung leistete in dieser Periode zusammen 110 530 Pfund — nur ein Bruchteil dessen, was beizutragen ihre Pflicht gewesen wäre, aber immerhin ein Fortschritt. Im Jahre 1931 betrug der Schulbeitrag der Regierung 19170 Pfund gegenüber bloll 2290 Pfund im Jahre 1921. Besonders hervorzuheben ist die steigende Leistung des Jischuw selbst für die Erziehungsausgaben. Sie betrag — allein für die Schulen der Jewish Agency — im Jahre 1931 bereits 30 880 Pfund, gegenüber 13 790 Pfund im Jahre 1923. Jedenfalls ein Zeichen wachsender Leistungskraft und als Vorstufe anzusehen für sein nicht mehr zu verschiebendes Hinaufrücken an die erste Leistungsstelle des Schulbudgets. Man hat das Schulsystem der Zionistischen Organisation immer wieder als ״Luxus“ hingestellt und im Vergleich zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten des im ersten Neuaufbau begriffenen Landes als unangemessen bezeichnet. Diese Frage soll hier unerörtert bleiben, und es soll bloß auf einen Punkt hingewiesen werden. Der jüdische Städter ist bereit, alle mit seiner Umstellung für das Land verbundenen Schwierigkeiten und Opfer aut sich zu nehmen, er ist aber weder für sich, noch weniger für seine Kinder bereit, geistig auf eine niedere Stufe herunterzusteigen. Die Schonung dieser Einstellung des jüdischen Pioniers aller sozialen Schichten war deshalb eine der Voraussetzungen für das Gelingen des großen Werkes. Der zweite entscheidende Gesichtspunkt war der nicht stark genug zu betonende Charakter der hebräischen Sprache als wichtigstes einigendes Band tür die aus so vielen Sprach- und Kulturrichtnngen stammenden Palästinawanderer. Die konstruktive Bedeutung der in dem großzügigen und umfassenden Schulsystem der Jewish Agency vom ersten Augenblick an gepflegten hebräischen Sprache bis ins rein wirtschaftliche Gebiet hinein ist kaum abzuschätzen und im einzelnen nachzuweisen, 3143(» Pfund Ad m in is t rat ion sk ost e n. Sicherlich eine ״trockene“ Ziffer und bezeichnenderweise eine Ziffer, auf die sich die Augen vieler Besucher heften. Hat man doch in der zionistischen Bewegung und in Palästina von anderen Völkern und Staaten auch das eine gelernt, in Administration und Bürokratie sozusagen den natürlichen Feind des freien Bürgers, des normalen gesellschaftlichen Lebens, das Instrument der Zwangsgewalt und des polizeilichen Geistes zu erblicken. Man hat sich auch in unserem Lager daran gewölmt, die Administration als den Feind der Bewegung, den Hort der Reaktion oder, nach Bedarf, auch als die Quelle und Stütze revolutionärer und sozialistischer Umtriebe, gegen die sich der arme Mittelstand zu wehren hat, zu betrachten. Und aus Gewohnheit und Sinn für taktischen Vorteil hat man in der Gasse auch den Glauben genährt, daß die Administration nicht nur gewisse Prozentsätze des allgemeinen Budgets in Anspruch nimmt, sondern geradezu den Großteil, wenn nicht das Ganze des Budgets verschlingt. Der Vergleich der runden Ziffern, die die stummen, aber eindrucksvollen Diagramme ins Auge prägen, läßt erkennen, wie trügend solche Legenden waren. Und wer hier im Lande, der die Augen offen hält, wußte nicht, daß unsere Administration etwas ganz anderes bedeutet als das Schreckgespenst, das man an die Wand gemalt hat? Gerade hier ist sie die Grundläge und Bedingung eines geordneten Aufbaus. Man hat die Administration, wie bekannt, in den letzten Jahren außerordentlich verkleinert, wenigstens die Administration in der Zentrale der Zionistischen Organisation, bzw. der Jewisli Agency. Aber gleichzeitig entwickeln sich Kerne neuer Administrationen an anderen Stellen, die Teile der Aufgabe übernehmen wollen oder sollen, die bisher die Agency getragen hat. Es ist zu fragen, ob es letzten Endes nicht billiger ist, eine Administration unter einer Autorität zu erhalten, als mehrere Verwaltungen nebeneinander, die die Autorität der Zentralbewegung nicht oder nur widerstrebend anerkennen. So ergibt sich aus diesen Ziffern nicht nur das quantitative Ausmaß des Keren Hajessod-Werkes, sondern die innere gegenseifige Bedingtheit seiner einzelnen Teile. Es sind Glieder eines Ganzen und das Ganze das pionierhafte Werk eines staatswirtschaftlichen und kulturellen Grundbaues für ein neu entstehendes gesellschaftliches Leben. Das Wirt־! schaftswerk des Keren Hajessod bildet nur den fünften Teil der jüdischen Landwirtschaft in Palästina, aber es gab den entscheidenden Antrieb tür das Entstehen und Gedeihen der übrigen Teile. Es gibt kaum einen Winkel, in den er nicht helfend und befrachtend eingriff. Das zeigte eine geradezu faszinierende Karte Palästinas, aut der in besonderer Leuchtfärbe jeder Punkt glänzte, wo der Keren Hajessod im Laufe von 11 Jahren gearbeitet hat. Kein Wunder, daß sich vor dieser Karte wochenlang zehntausende Gäste drängten, vor allem Besucher aus Palästina selbst, aus den Städten und Dörfern. Viele erfuhren offenbar erst hier zu ihrem Erstaunen, was ihre Stadt und ihr Dorf dem Keren Hajessod zu danken hat. Der Durchschnitt der Menschen verlangt Erfolgsgarantien, ehe er selbst auf neuen Wegen mitgeht. Sie sind in dem grundlegenden Wirken des Keren Hajessod, wie es in diesen langen Ziftemreihen enthalten ist, gegeben. Als ein Wegbereiter geht er auf allen Gebieten der neu_ entstehenden jüdischen Heimstätte voran, nimmt er die größten Risiken und Schwierigkeiten auf sich, den hinter ihm Folgenden ein vorbereitetes Feld zum Abschluß und Weiterarbeiten bietend. Wenn man auf dieser Messe in Tel-Awiw in Dutzenden von Pavillons die heutigen Ergebnisse und die Fortschritte des jüdischen Schaffens im Lande würdigte — zu allen von ihnen führte eine direkte oder indirekte Verbindung mit diesen, Ziffern im Pavillon des Keren Hajessod, denn zu ihnen allen! führt eine Haupt- oder Nebenader dieses Aufbaufonds, durch, die sein lebenspendendes Blut rollt. Leopold Krakauer, der ausgezeichnete palästinen-1 sische Maler, veranstaltete kürzlich eine Ausstellung seiner Werke im Haag. Aus diesem Anlaß schrieb über ihn eine! der größten Zeitungen Hollands, der ,,Nieuwe Rotterdamsehe Courant“, u. a.: ״Krakauer, von Hause Oesterreicher,_ ist durch und durch Künstler. Kein Zeichner nach Modell, keiner, der sich malerische Typen notiert, sondern einer, der in seinem Gedächtnis, in seinem Innern, in seinem ״Gewissen“ die Mensehen aufnimmt und mit sich trägt, um dann später die Motive auswendig in Linien auszudrücken... Krakauer gebraucht die gebrochene Linie, die eckige, nervöse, kräftige, kürzere! und längere, aber nie kontinmerte Linie. Keine Konturen,; keine umschreibende Linie; eine heilige Kunst der Linie von großer rhythmischer Kraft, mit verschiedenen Möglichkeiten,! zwischen zartem, still verträumtem, nebelhaftem Verschwinde»! und drohendem, scharfem, schwerem Zusammenziehen. Krakauer hat zwei Arten Motive: die Gebirgslandschaft in Paläs t i n a und die Menchen. Die Zeichnungen der Landschaft sind von einer herrlichen Kraft. Manchmal drückt er sie bloß in schwarz-weiß aus, manchmal in sanguinen Farben oder kaum nuanciert. Sie sind sehr verschieden und zielen gar nicht auf das Pittoreske ab. Es gibt seltsame schöne Bilder in dieser Serie. Auch die Zeichnungen der Oelbäume, die Tausende von Jahren alten Bäume aus dem Gethsemane- Garten, rechne ich zu den Landschaften, obgleich sie in Wirklichkeit einen Uebergang von Landschaft zur Gestalt bilden, durch die dramatische Expression, wozu er das Baummotiv immer wieder von neuem gesteigert hat. Schließlich die Gestalten. Die hockenden alten Männer, alte Frauen. Schweigende, feine Gesichter, fast ganz abgewendet von dem, was wir das tägliche Leben nennen; Gesichter, ganz erfüllt von einer großen Kraft der Gefühle, der Gedanken und des Wissens, über welche die Entbehrung schon fast keinen Halt mehr hat. Alte Weise, die bei Krakauer selbst zu biblischen Gestalten gewachsen sind. Auch seine schreitenden Gestalten sind oft zu symbolisierenden Figuren, wie die des Ahasverus, emporgewachsen. Immer wieder kehren dieselben Gestalten oder Motive zurück, solange er etwas anderes oder dasselbe in anderer Weise damit sagen will. Was als Grundzug aller dieser Gesichter auffällt, ist die unendliche Stille der Resignation, die man aber doch nicht als Verzicht bezeichnen darf. Ein Schmerz liegt darin, welcher an Stelle der Bitterkeit und des Grolles entstanden ist, und welcher ein sanfteres und stilleres Lächeln gewann, aber ohne daß der Schmerz ganz und gar verschwand. Darum fallen diese Köpfe in ihren heftigen Aeußerungen immer wieder in die Tragik eines nie zu Ende geklagten Leidens zurück. Krakauer hat aus diesen Gesichtern visionäre Erscheinungen gemacht. Diese palästinensischen Visionen sind zu einem großen Teil so heftig im Ausdruck der Linien und so vortrefflich ausgeführt in einem klaren Weiß-Schwarz, daß sie sich ausgezeichnet für die Lithographie eignen würden. Es wurde auch dazu beitragen, seine Arbeit in größerem Umfang unter dem Publikum bekanntzumachen.“ Soeben erschien im Verlag George Routledge & Sons/ London, die englische Ausgabe des Buches ״N a t i o n a 1 i s - raus und Imperialismus im Vorderen Orient“ von Hans K o h n, dessen deutsches Original im Vorjahr vom Frankfurter Sozietätsverlag herausgebracht wurde. Die Ueber- Setzung besorgte Margeret Green, englische Lektorin an der/ .Universität Qreifswald,

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