Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 45-46 (8.6.1932)
- Date
- 1932-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 216 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45/46, 8. VI. 1932 Nationaljudentum und Liberalismus Eine Auseinandersetzung mit Gustav Krojanker von Arthur Prinz. Wenn alles Lebendige sich nur durch immerwährende Anpassung a!1 die wechselnde Umgebung erhält und jede Erstarrung den Tod bringen kann, so ist es eines der schönsten Zeichen für die Lebenskraft des deutschen Zionismus, daß er die gewaltigen Wandlungen seiner Umwelt nicht, wie andere Richtungen, mit alten, kraftlosen Zauberformeln zu beschwören sucht, sondern imstande ist, sie zu verstehen, ihnen gerecht zu werden und sich auf sie einzustellen. Und je mehr auch in Zukunft die nationaljüdische Bewegung bereit sein wird, im Vollgefühl ihrer unversiegbaren Vitalität auf liebgewordene Vorstellungen zu verzichten und in vielem umzulernen, desto stärker wird sie aus der Feuerprobe dieser Jahre her- Vorgehen; denn ״keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Der Mut zur Nachprüfung und Erneuerung der zionistischeu Ideologie, der Wille zur Gerechtigkeit gegenüber der meistens von Juden nur mit Furcht und Abscheu betrachteten nationalistischen Bewegung in Deutschland, das sind die Hauptkennzeichen und -Vorzüge der Schrift, die Dr. Gustav Krojanker im Verlage <Jer ״Jüdischen Rundschau“ erscheinen läßt, und die sich durch einen großen Reichtum an Gedanken und eine teilweise geradezu hinreißende Diktion auszeichnet*). Aber gerade wegen des hohen Niveaus und der aktuellen Bedeutung der Schrift scheint uns scharfe Kritik an manchen Ausführungen geboten; denn wenn der deutsche Zionismus keiner der Vereine ״zum gegenseitigen Heben und Tragen“ ist, von denen Goethe einmal spricht, sondern eine Bewegung im harten Kampf — dann ist zwar dringend zu wünschen, daß jeder Zionist, der geistig mit arbeiten will, sich bald und gründlich mit Krojankers Schrift vertraut machen möge, aber es wäre verhängnisvoll, wenn dabei auch gewisse, wie uns scheint, schwerwiegende Irrtümer des Verfassers allgemeine Annahme fänden. Krojanker sucht den historischen Wendepunkt, an dem vielleicht die ganze zivilisierte Welt, jedenfalls aber Deutschland steht, zu erfassen, um daraus die Konsequenzen für unser jüdisches Verhalten zu ziehen. Wenn dieser notwendige Versuch — über dessen Problematik sich der Verfasser übrigens ganz klar ist — nur teilweise als gelungen bezeichnet werden kann, so erblicken wir die entscheidende Ursache darin, daß sien Krojanker allzu willig und unkritisch die Anschauungen des ״Tat“-Kreises zu eigen gemacht hat. Gewiß ist der Führer dieses Kreises, Hans Zehrer, auf den sich Krojanker häufig beruft, ein ungewöhnlich begabter und von seiner Sache überzeugter Publizist, und gerade das Streben, dem deutschen Nationalismus voll gerecht zu werden, mochte es Krojanker nahelegen, sich vor allem an diese hochkultivierten und bisher mit judenfeindlichen Aeußerungen nicht belasteten Vertreter zu halten, — aber wenn überhaupt ein Kreis in Deutschland ״mit der gebundenen Marschroute einer bestimmten Wunsch- Vorstellung an die Ereignisse herantritt“ und die Entwicklung deshalb nicht objektiv sieht, so der Kreis um Zehrer, der wohl die künftige Führerelite des deutschen Nationalismus bilden will. Von dort aber übernimmt Krojanker nicht nur mancherlei fragwürdige oder falsche Anschauungen, sondern vor allem eine ganz bestimmte P e r sp e k t i v e, die für jenen Kreis sinnvoll sein mag, aber schwerlich für uns. Wenn Krojanker das Kennzeichen unserer Zeit in der Krise des Liberalismus sieht, so ist ihm gerade vom jüdischen Standpunkte aus zurustimmen, und seine Ausführun- |en über die historische Bedeutung des Liberalismus für die Juden wiaen wont aen wertvoifsten* ‘ 1‘eff'ÄneF^Sflft.'"^®!*''' wenn er, den Anschauungen der ״Tat“ folgend, die Ursachen dieser Krise vor allem in den Wandlungen der Wirtschaft — in der Selbstaufhebung der freien Konlairrenz durch die Ent- Wicklung der großen Monopole und den Zug zur nationalen Planwirtschaft — erblickt, so scheint uns sowohl dieser enge Zusammenhang, den Krojanker (vgl. bes. Seite 27) annimmt, nicht zu bestehen, wie auch die Entwicklung des Kapitalismus selbst verzeichnet zu sein. So liest man mit Erstaunen, das kapitalistische System der freien Konkurrenz habe ״in Wirklichkeit zu einem Vernichtungskampf aller gegen alle, zu einer hoffnungslosen Scheidung zwischen Besitz und Nichtbesitz geführt; aus der erwarteten Harmonie der Interessen ist in Wahrheit eine Klassengruppierung von erbittertster Gegensatzlichkeit geworden“. Aber wo ist denn diese Entwicklung in so kapitalistischen Ländern wie England, Frankreich, Holland, Belgien und selbst Amerika geblieben? Alle diese Staaten haben noch heute einen mächtigen breiten Mittelstand, den der Kapitalismus — was auch Marxisten wie Bernstein, Sternberg u. a. längst erkannt haben — zum großen Teil erst geschaffen hat! Und wenn in Deutschland heute der bis zum Kriege auch hier blühende Mittelstand depossediert und damit politisch revolutioniert ist, so liegt dies viel weniger an der Entwicklung ״des“ Kapitalismus (der übrigens in anderen Ländem nicht im entferntesten so sehr von Monopokirganisationen durchsetzt ist wie bei uns) als am verlorenen Krieg und vor allem an der Inflation; nicht Karl Marx, sondern auch Vilfredo Pareto hat eine derartige Entwicklung vorausgesehen. Diese Frage ist für uns aber deshalb wichtig, weil den Juden der westlichen Länder offenbar eine wesentlich günstigere Prognose zu stel'en ist, wenn Mittelstandsbewegungen wie der Nationalsozialismus vorwiegend durch besondere Ereignisse, wie die deutsche Inflation, ausgelöst worden sind, als wenn sie das Ergebnis der überall wirksamen ״ehernen Gesetze“ des Kapitalismus wären. Daß in Deutschland ein starker Zug zum Monopolkapital^- mus und zu immer stärkeren Eingriffen des Staates in die Wirtschaft zutage tritt, ist natürlich unbestreitbar, und zweifeilos trägt auch diese Entwicklung wesentlich zur Krise des Liberalismus bei. Aber es bleibt völlig unverständlich, wie Krojanker (S. 27) schreiben kann: ״Der Umbau der Wirtschaft bedeutet politisch das Ende der Demokratie und des Parlamentarismus.“ Daß der Parlamentarismus in einem höchst kritischen Zustand ist, stimmt zweifellos. Aber die parlamentarische Demokratie ist, wie vor allem Carl Schmitt dargelegt hat, eine Mischung heterogener, ja gegensätzlicher Elemente, nämlich liberaler und demokratischer, von denen sich jene, entsprechend der Krise des gesamten Liberalismus, als nicht mehr lebensfähig erweisen, während die Demokratie anderen Formen zustrebt. Was uns bevorsteht — was uns Juden droht! — ist nicht das Ende der Demokratie, sondern vielmehr die Herrschaft der aller liberalen Bestandteile, d. h. aber: aller liberalen Hemmungen, entledig ten despotischen Demokratie, von der schon Jakob Burckhardt sagte, daß ihr ״die Macht des Staates über den 1 ׳:in,■einen nie groß genug sein“ könne, und von der ähnlich Wilhelm Windclband schrieb, es gebe ״nur zwei Formen des Despotismus: die absolute Monarchie und die demokratische Republik“. Was eine solche Demokratie, welche den ״totalen Staat“ verwirklichen, den ganzen Menschen erfassen, kurz: keine anderen Götter neben sich dulden will, für uns Juden bedeutet, ist leicht zu verstehen. Aber wegen der *) Dr. Gustav Krojanker: ״Zum Problem des neuen deutsehen Nationalismus. Eine zionistische Orientierung gegenüber den nationalistischen Strömungen unserer Zeit.“ Schriftenreihe der ״Jüdischen Rundschau“, Nr. 6, 43 Seiten; 0,80 M ungeheuren Bedrohlichkeit dieser Entwicklung ist es notwendig, auch die ursächlichen Zusammenhänge zu erkennen. Daß in einer Demokratie, in der die Staatsgewalt vom Volke ausgeht, der Artung, Haltung und Gesinnung jedes einzelnen Staatsbürgers eine höhere Bedeutung zukommt, als etwa in einer konstitutionellen Monarchie, liegt auf der Hand. Wenn trotzdem in Ländern wie England und Frankreich bis heute die Demokratie glücklicherweise mit starken liberalen Elementen durchsetzt ist, ja vielleicht kein Staat der Welt seinen Bürgern mehr wirkliche Freiheit bietet als England, so ist dies vor allem auf drei glückliche Umstände zurückzuführen: einmal handelt es sich hier um alte, längst fertige und gefestigte Staaten; sodann ist in beiden Ländern eine weitgehende Homogenität der Bevölkerung vorhanden, die bezeichnenderweise in den englischen Dominions durch sinnreiche Einwanderung^- beschränkungen aufrecht erhalten, in Frankreich durch forcierte ASsimilierung der neu Eingewanderten ständig wiederhergestellt wird; und last not least: beide Staaten verfügen über gewaltige Macht, ja sind fast unangreifbar. Aber in den jungen, 1019 geschaffenen Nationalitätenstaaten, wie Polen, ist keine dieser Bedingungen erfüllt, und deshalb sucht hier der Staat sich aller liberalen Fesseln — auch wenn sie in Inter- *national garantierten Minderheitenrechten bestehen! — zu entledigen und die ganze Bevölkerung zwangsweise zu einem einheitlichen, im Sinne der Regierung ״patriotischen“, Staatsvolk zusammenzuschweißen. Daß die Minderheitenrechte — die schon an sich in einem gewissen, nur unter günstigen Umständen überbrückbaren Gegensatz zur Demokratie stehen — fast nirgends wirklich eingehalten werden, hängt vor allem damit zusammen, daß diese jungen Staaten sieh fast durchweg von außen bedroht glauben und deshalb im Innern alles dem Ziel staatlicher Selbsterhaltung und Größe unterordnen. Was aber Deutschland angeht, 90 liegt der Zusammenhang zwischen der außenpolitischen Ohnmacht und Bedrückung des Landes und dem Niedergang sowohl des Liberalismus wie der tatsächlichen Freiheitsrechte auf der Hand. Es ist eine merkwürdige Umkehrung der wirklichen Kausalität, wenn Krojanker schreibt: ״Der Antiliberalismus stellt auch die Beziehungen zwischen den Völkern auf eine neue Basis.“ In Wahrheit tragen die zum großen Teil aus den Friedensverträgen stammenden außenpolitischen Spannungen entscheidend zur Vernichtung der liberalen Strömungen und Einrichtungen bei und erzeugen erst den ״Antiliberausmus“! (Um es kraß auszudrücken: Der Abbau der Pressefreiheit usw. geht in Deutschland vor allem vom Reichswehrministerium aus ...) Mit nrophetischem Blick rief Max Weber, als er den Versailler vertrag gelesen hatte, aus: ״In zehn Jahren sind wir alle Nationalisten!“ Es ist ernste zionistische Pflicht, sich über diese Zusammenhänge klar zu werden, nachdem bisher, wie auch Blumenfelds letzter Berliner Vortrag zeigte, vor allem der entscheidende Einfluß der Außenpolitik nicht genügend erkannt worden ist. In einem befriedeten Europa wird es dem Einzelnen und den verschiedenen Gruppen möglich sein, dem grenzenlosen Machtanspruch des demokratischen Staates eine gewisse Sphäre jndividueller Freiheit abzutrotzen. Heute wäre es sinnlos, die Augen davor zu verschließen, daß hundertprozentiges Staatsbürgertum verlangt wird. Vor noch nicht zwei Jahren schrieb Gerhard Holdheim in den ״Süddeutschen Monatsheften“: ״Ein Staat, der Gesinnungen verordnete und das Bekenntnis zur Staatsnation verlangte, würde sich einer Ueberschreifung seiner Befugnisse schuldig machen. In einer Zeit, wo auch das deutsche Volk innerhalb anderer Staaten um die Anerkennung seiner nationalen Rechte kämpfen muß, ist diese These unanfechtbar geworden.“ Hi«־ tritt uns jene bezeichnende Verbindung des (sonst doch betont anti-liberalen) Zionismus mit dem liberalen Staatsbegriff entgegen, deren widerspruchsvollen Charakter Krojanker sehr gut kennzeichnet. Vom Standpunkt der Bequemlichkeit und der Taktik mochte sich dieses merk- ־i11it[!1fefn11tf-Qc^811l(tn ״ empfehlen, nach dem man, unbeschadet seiner zionistischen Gesinnung, jede politische Stellung in Deutschland an nehmen durfte. Aber wir verstehen nicht, wie Krojanker die verhängnisvolle Inkonsequenz, die der deutsche Zionismus in Theorie und Praxis begangen hat, teils bagatellisieren, teils rechtfertigen kann (S. 22 und 32). Wären wir heute nicht als Verhandlungspartner des deutschen Nationalismus in einer ganz anderen Position, wenn wir von uns aus auf größere Zurückhaitung in Dingen der deutschen Politik gedrungen hätten? Für die Zukunft scheint freilich nur noch die Gefahr des anderen Extrems zu bestehen! Wir dürfen den unbedingten Machtanspruch des nationalistisch-demokratischen Staates keinesfalls anerkennen, sondern es als eine der wichtigsten Aufgaben betrachten, die rechte Grenze zwischen Staatsgewalt und individueller Freiheit abzustecken, — eine Frage, der nicht wir und die nationalen Minderheiten allein gegenüberstehen, sondern zu der vor allem das katholische Denken seit langem wichtige Beiträge geliefert hat. Wenn hier vorwiegend von solchen Fragen die Rede war, in denen wir von Krojankers Anschauungen abweichen, so ist daraus nicht etwa zu schließen, daß wir diese Schrift überhaupt abiehnten. Vielmehr wurde eine bestimmte Problemreihe herausgegriffen, die weiterer Klärung bedürftig erschien, während wir Krojankers Ausführungen sonst vielfach durchaus z u - stimmen, ja sie teilweise für ganz ausgezeichnet halten. So 7. B. die Polemik gegen jene Vergötzung der bloßen Gewalt, die von Spengler, Grabowsky u. a. vertreten wird und vielleicht als spezifisch deutsches Laster bezeichnet werden muß; überzeugend zeigt Krojanker demgegenüber das Janusgesicht jeder echten?dacht, ihre gleichzeitig physische und geistige Natur. Vor allem aber verdient Krojanker größte Anerkennung, wenn er unterscheidet zwischen dem Allerweltsliberalismus und der ״Humanitätsduselei“ auf der einen Seite, und dem für alle Zeiten notwendigen Glauben an den Wert des Einzelnen und seiner Freiheit und an die Würde der Menschheit. Gerade hier, wo Krojanker nichts von anderen übernimmt, sondern sein Eigenstes gibt, da vermittelt seine Schrift außerordentlich starke Impulse, die hoffentlich lange und weithin nachwirken werden. Auf alle Fälle hat sich Gustav Krojanker durch den Mut und die Kraft, mit der er die Erneüerung der zionistischen Ideologie in Angriff nahm, ein bedeutendes Verdienst erworben. Der Bodenkonflikt In Kuskus Tabun. In dem Konflikt wegen der dem Nationalfonds gehörenden Böden in Kuskus Tabun (im Emek Jesreel), die bekanntlich teilweise von Arabern besetzt wurden, hat der Gouverneur des Norddistrikts, Keith Roach, eine provisorische Entscheidung gefällt, wonach 500 Dunam zunächst im Besitz der Araber verbleiben sollen, bis das Gericht eine Entscheidung über die Eigentumsverhältnisse fällt. Bis zur Entscheidung des Gerichtes ist es beiden Teilen verboten, irgendwelche Veränderungen am Boden vorzunehmen, sie dürfen also weder pflügen oder sonst den Boden bearbeiten. Bezüglich 500 Dunam, die von den deutschen Kolonisten gepachtet worden sind, werden die Ansprüche der Araber sofort abgewiesen. (Im ganzen erheben die Araber Anspruch auf 3000 Dunam von dem 8000 Dunam betragenden Gesamtbesitz des ״Meschek“.) Der Halberstädter Rabbiner Dr. Isaak Auerbach starb in Frankfurt a. M. im Alter von 64 Jahren. Er war Vorsitzender des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands und des Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden, Eine lehrreiche Rektorswahl Getaufter Jude bleibt Jude Bel der Rektors wähl an der deutschen Universität in Prag sollte dieses Jahr die philosophische Fakultät den Rektor stellen. Von deren Kandidaten waren jedoch der Indologe Prof. Winternitz Jude und der Philosoph Prof. Oskar Kraus getaufter Jude; man hat beiden nahegelegt, zu verzichten, was Prof. Winternitz auch tat, Prof. Kraus aber nicht. Infolgedessen sah man von der Wahl eines Philosophen überhaupt ab und wählte den Rektor des Vorjahres Prof. San Nicolo wieder. Im Jahre 1922 hat der zum Rektorat berufene Jude Prof. S t e i n h e r z gleichfalls nicht verzichtet, wurde nach großen Schwierigkeiten auch gewählt, jedoch dann im Laufe des Jahres von der völkischen Studentenschaft zur Abdankung gezwungen, was mit antisemitischen Studentenunruhen verbunden war, die sich von hier auf andere europäische Universitäten fortpflanzten. Die Prager ״Selbstwehr“ knüpft an die Ablehnung des getauften Prof. Kraus folgende über den Einzelfall hinaus geltende Bemerkungen: ״Uns interessiert der Fall nur insoweit, als er Gelegenheit gibt, folgende Tatsachen festzustellen: erstens, daß die deutsche Universität offenbar auf dem Standpunkt steht, daß man nicht nur nicht durch Ueberzeugung, sondern auch nicht durch die Taufe ein vollgültiger Deutscher werden kann und zweitens, daß der Liberalismus in der Judenfrage — von dem jene deutschen Juden, welche auf ihr Deutschtum mehr Wert legen, als auf ihr Judentum, immer noch schwärmen, wirklich ausgcspielt hat; denn hier handelt es sich wohl nicht um eine Abneigung gegen eingewanderte Ostjuden, oder gegen den ,jüdischen Schachergeist' oder um eine religiöse Differenz oder eine Ablehnung des Juden im Namen des Christentums —in dieser ,harmlosen' Form suchen ja manche Juden den Antisemitismus zu ,entschuldigen‘, sondern einfach um jenes gruppenfeindliche Verhalten, als welches wir den Antisemitismus schon lange erkannt haben, mit einer positiven, erkennenden Komponente — der Feststellung der Differenz zwischen Juden und den anderen Völkern — und einer daran geknüpften emotionellen, wertenden, d. h. entwertenden Kompetente, der Tendenz des Hasses und der Herabwürdigung. Daß es bei der ersten, der feststellenden Tendenz des Antisemitismus, mit der wir übereinstimmen, nicht bleibt, sondern stets die entwertende, die Haß-Tendenz dazu kommt, das ist eben das Charakteristische des Antisemitismus, um dessentwillen wir ihn bekämpfen, und das hat sich hier wieder einmal in der Methode dieser Rektorswahl zur Evidenz gezeigt.“ Die materielle Judennot Von Dr. Erwin Hamburger, Gleiwitz. Der folgende Aufsatz ist als Beitrag zur ideologischen Diskussion des Zionismus anzusehen. Red. Es wird jetzt in revisionistischen Versammlungen viel von der ״Judennot“ geredet, als deren Lösung sich der revisionistisch geläuterte Zionismus darstelle. Dabei wird aut Herzl verwiesen, der die ״Judennot“ richtig erkannt habe, als er ein ״Becken konstruieren“ wollte, das die ״überschüssigen“ Juden der einzelnen Länder in sich aufnehmen sollte. Bekanntlich ging ja Theodor Herzl bei der Begründung seines Zionismus von dem Antisemitismus und der materiellen Judennot aus, und es gilt den Revisionisten als eine fort* zmi alten. Methode“ und zur alten Ideologie, wenn sie sich heute aüf Herzl berufen. Die Ent- Wicklung, die der Zionismus in seiner Ideologie genommen hat, wird bewußt ignoriert, als ob ein Stillstand in der Gedankenweit des Zionismus erwünscht wäre. Uns erscheint der zurückgelegte Weg als ein Zeichen von Leben, wie ja jede Entwicklung ein solches Zeichen ist. Stillstand in geistigen Fragen bedeutet aber geistigen Tod. Und Herzl, der geniale Organisator und der große hilfsbereite Mensch, war alles andere als ein Theoretiker des Judentums. Es bedeutet also keinen Fortschritt, wenn die Revisionisten jetzt wieder zur Gedankenwelt Herzls zurückgreifen und nur seine Lehre vom ״Judenstaat“ und mir seine Begründung des Zionismus gelten lassen wollen. Daß ein Achad Haam gelebt und gewirkt hat, läßt sich heute aber nicht mehr aus der Ideologie des Zionismus ausschalten. Mit Recht hat Achad Haam wiederholt (besonders in seinem Artikel ״Judenstaat und Judennot“) dargetan, daß sich die materielle Judennot durch den Zionismus gar nicht beseitigen läßt, da es unmöglich ist, in Palästina für vier Millionen Juden Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Der Umstand, daß wir die uns erteilten Zertifikate nicht ausnutzen konnten, beleuchtet grell die Tatsache, wie recht Achad Haams weitblickender Geist mit dieser Behauptung hatte. Soziale Not gibt es in jedem Volke (wenn auch zugegebenermaßen nicht in so großem Umfange wie bei uns Juden), ohne daß man diese Not als die Lebensfrage eines Volkes bezeichnen kann. Wir betonen ausdrücklich die Verpflichtung der Judenheit sowie der übrigen Nationen, hier helfend einzugreifen, aber das Problem ist eine soziale Frage, wie seine Lösung eine philanthropische ist und mit der nationalen Bewegung, die man bekanntlich Zionismus nennt, nichts zu tun hat. Schon die Tatsache, daß nur ein Bruchteil der Judenheit von der sozialen Judennot betroffen wird, sollte uns daran hindern, in ihr ״das“ Judenproblem zu sehen, das doch für alle Juden in gleicher Weise bestehen muß. Wenn wir daran denken, daß wir Ostern feiern statt Peßach, daß uns der Sabbat ganz verloren ging, daß unsere Kinder in den Schulen griechisch-römische Kultur schätzen lernen, ohne von jüdischen Werten etwas zu erfahren, kurz wenn wir daran denken, daß unsere Eigenart sich im Galuth nicht frei entfalten kann, dann haben wir die jüdische Not vor Augen. Sinn und Gehalt kann der Aufbau Palästinas nur durch jüdische Werte bekommen, deren Erhaltung und Vertiefung im Galuth in ernster Gefahr ist. Lediglich durch das Galuth wird der Zionismus bedingt, durch das Galuth, wo stärkere Kulturströmungen unsere alte jüdische Kultur in ihrem Bestände bedrohen. Daraus ergibt sich auch als Ziel des Zionismus, die Schaffung eines neuen jüdischen Lebensstils, der auf das Galuth befruchtend wirkt. Nur durch einen zentralen Ort, auf den sich die Blicke der gesamten Judenheit konzentrieren, kann der Zusammenhalt der in den einzelnen Ländern zerstreut lebenden Judenheit gewahrt werden. Ob sich dieser Lebensstil nur in einem ״Judenstaat“ entwickeln kann, ist eine untergeordnete Frage, deren Lösung wir ruhig der Entwicklung der Dinge überlassen können. Dagegen sollten wir uns davor hüten, um dieser Frage willen die zionistische Einheitsfront nach innen und nach außen zu zerschlagen. Es ist nicht wahr, daß weltanschauliehe Gegensätze den Revisionismus notwendig machen, es bleibt vielmehr das einigende Band des Basler Programms. Die Unterschiede der Anschauungen sind lediglich eine Frage des Tempos, eine Frage der Interpretation.