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Jüdische Rundschau · 1932-06-03 · Heft 44 (3.6.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 44 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 44, 3. VI1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 209 Eres Israel siegt in Beyrouih Von Walter Frankl, Tel-Awiw. Nach der Makkabiah ist nun auch der Sport in Palästina heimischer geworden. Das fnteresse für Wettkämpfe ist gestiegen und die Lust für den olympischen Hauptsport, die Leichtathletik, hat sich von den Makkabim auch auf die Nicht- Juden übertragen. Bald nach den unvergeßlichen Tagen von Tel-Awiw wurde in Jerusalem ein palästinensischer Leichtathletik-Verband gegründet, dem alle Nationen angehören. Dieser Verband nahm sofort die Beziehungen zu den umliegenden Völkern auf, und es gelang ihm, an dem traditionel! alljährlich stattfindenden Länderkampf Libanon—Syrien als drittes Land teilzunehmen. Nun wurde in Tel-Awiw, Haifa und Jerusalem je ein Auswahlmeeting der betreffenden Stadt und Umgebung veransfaltet, um die Besten in jedem leichtathletischen Sportzweig zu ermitteln. Diese Besten aller drei Städte kamen im Stadion zu Tel-Awiw zur endgültigen Ausscheidung zusammen. Friedlieh und einträchtig maßen Juden, Araber, Armenier und Engländer ihre Kräfte. Nach den Ergebnissen von Tel-Awiw wurde das Team aufgestellt, das aus folgenden Leuten bestand: Marranz, Scheffi, Ginsburg, Reyne, Rabinowitsch, Auerbach, Frankl (Makkabi Tel-Awiw), Bar-Nun (Makk. Jerusalem), Chwoinik (Hapoel Mikweh Israel), Belaus (Hapoel Jerusalem), Bruce, Jefferie, Mac Lauth, Flanagan (Engl. Polizei Jerusalem), Achmed Ybrahim, Jalauk, Gbanisjan (Y. M. C. A. Jerusalem) und Jelanisjan (Arm. S. C. Haifa). Im ganzen bildeten also zehn Juden und acht Nichtjuden die erste Repräsentanz von Erez Israel. Die Führung des Teams hatten die Makkabim Aluf, Arazi (Jerusalem), Amstein (Ness Ziona) und Mr. Oborn von der Y. M. C. A. inne. Am 13. Mai um 6 Uhr früh fuhr die ganze Gesellschaft per Autocar von Tel-Awiw nach Jerusalem. Dort vernehmen wir die erste Freudenbotschaft: Alle Chawerim, die zur Makkabiah als aktive Sportler ins Land kamen und ihren Sport auch weiter ausüben wollen, bekamen von der Regierung Aufenthaltszertifikate zugesichert. Die ganze Gesellschaft kam bald in beste Stimmung, und fröhliche Lieder ertönten durch die Vorstädte Jerusalems. Nachum Arnstein, der den tschechoslowakischen Makkabim nicht unbekannt ist, spielte unausgesetzt auf seiner Harmonika, und P o I a n i, der jüdische Chauffeur, übertönte mit seiner klangvollen Naturstimme den ganzen Chor. Noch nie sah ich so einen wunderbaren, unerschrockenen Chauffeur am Volant! Die Straßen Palästinas sind nicht gerade leicht zu fahren. Es wechseln QOgradige S-Kurven mit gefährlichen Haaraadelserpentinen ab. Polani Ist ein ״Zabreh“ (Kaktusableger, so bezeichnet man scherzweise die im Lande geborenen Juden). Er spricht sechs Sprachen, und wer noch nicht mit ihm gefahren ist, der kann gar nicht dieses •Temperament, diese Lebendigkeit nachfühlen, die diesem Menschen zueigen sind. Arabische Lehmhütten und schwarze Beduinenzelte, die hier immer häufiger wurden, kündeten uns das rein arabische Gebiet. Kahle, steinige Bergrücken — hie und da ein Olivenbäum oder ein schmaler Streifen schütter aufgegangener Gerste, die einzigen Merkmale, die darauf hindeuteten, daß hier bereits Menschen siedeln. Allmählich wurden die Oelbäume dichter, die grünen Gerstenfelder häufiger, die Zelte zu Häusern und die Steinfelder zu Gärten. Braungebrannte Araberkinder verscheuchte unsere Autosirene von ihrem Spiele in der Straßenmitte. Wir hatten Nablus erreicht! Eine rein arabische Stadt! Man kann dieser Stadt eine gevyfese Schönheit nicht absprechen. Sie hat zwar nicht das Romantische des arabischen Haifa, Jaffa oder der Jerusalemer Altstadt, aber sie hat auch nicht jenen Schmutz und Gestank, der diese vorgenannten historischen Stätten auszeichnet. Nablus ist eine Gartenstadt mit schönen Villen und vielen farbenprächtigen Blumen. Emek! Wie ein wunderbarer Zauberteppich löste sich das jüdische Siedlungsgebiet von den kahlen Steinfeldern der Grenzberge ab. Wir hatten einen klaren Tag und konnten alle Siedlungen im hellen Sonnenschein betrachten. Siedlung auf Siedlung — Pflanzungen — Bäume — schmucke Landhäuschen mit roten Ziegeldächern, Blumenranken, violett und und purpurrot — hohe Wassertürme in der Mittagssonne gleißend — wie gerne hätten wir doch hier länger verweilt — aber Polani eilt weiter. Wir verlassen auf eine Weile den Emek und folgen der Landstraße, die sich in unzähligen steilen Windungen den Berg hinaufschlängelt. Wieder Steine und Felshänge auf der einen Seite und ganz tief Unter uns die letzten Spuren der Jesreel-Ebene. Da — auf einmal mitten in einer öden Felsmulde — Leben — Siedlung! Mächtige Steinbauten — Pinien und Olivenhaine — Nazareth! Französische Mönche mit kahlrasierten Tonsuren, in braunen Kapuzinerkutten spazieren auf den Feldwegen; sie erwidern freundlich den Gruß unseres Chauffeurs, der uns durch ein zerfallenes arabisches Hirtendorf ״Jaffo“ wieder dem westlichen Emek zuführt. Große Weideplätze mit Schaf- und Rinderherden, schwarze Milchziegen zu Hunderten weidend und viele weiße amerikanische Leghornhühner zeugen von der Intensität der Meschakim (Wirtschaften). Fast bis nach Haifa reicht das jüdische Gebiet. Unweit der Haifastraße liegt ein wunderschöner Laubwald. Vor mehreren Jahrzehnten haben dort deutsche Protestanten die Siedlung ״Waldheim“ gegründet, die heute noch ihre eigene evangelische Pfarrgemeinde beherbergt. In Haifa hatten sich Chawerim des Makkabi und Hapoel Haifa zur Begrüßung eingefunden. Da die Straße Haifa— Akko noch im Bau ist, mußten wir am Meeresstrand fahren. Polani fuhr direkt im Wasser, da der Sand landeinwärts zu weich gewesen wäre. 20 km mit dem Autocar im Meere! Ein unvergeßliches — herrliches Erlebnis. Auch Akko ließen wir bald hinter uns. Unsere Straße ist uralt! Immer wieder stoßen wir auf Spuren, die noch von den Kreuzfahrern stammen. Noch ein paar Gehöfte — ein paar beladene Kameelkarawanen und dann ging es bergauf der Grenzstation von Nakoura zu. ״Hoj Erez moledet“ — O geliebte Heimat — stimmte Polani sein Lied an und wir fielen in die Worte ein. Auch die Araber sangen mit — bloß die Engländer blieben kalt und zündeten sich neue Zigaretten an... Grenzzeremonien sind überall unangenehm — so auch im Orient, wo sie gewöhnlich noch viel länger dauern. Mit Wehmut gedenke ich alter Sportreisen in Europa, wo das Wort ״Sport“ schon allein genügte, um den betreffenden Zoll- oder Paßkontrollbeamten grüßend weitergehen zu lassen. Wann wird Sport auch hier etwas bedeuten? Nun, es ist nicht gar so gefährlich, denn als wir wieder heimfuhren, waren alle Grenzoffiziere und Beamten sichtlich an unserem Resultate interessiert und arbeiteten mit wahrem Feuereifer, um unsere Pässe so schnell als möglich zu stempeln. Unser Gepäck wurde nun überhaupt nicht mehr untersucht und das will in Nakoura etwas heißen! Das amerikanische Studentencollege in Beyrouth nahm uns gastfreundlichst auf. Ausgezeichnete reine Schlafstellen und hygienisch einwandfreie Badeeinrichtungen ließen uns die nötige Erholung nach der langen Autoreise zuteil werden. Zeitlich morgens hatten sich die vielen jüdischen Hörer der Universität und des Gymnasiums in unserem Schlafsaal eingefunden und begrüßten uns mit einem schönet! hebräischen Lied. Die amerikanische Universität von Beyrouth mit englischer Unterrichtssprache beherbergt eine große Zahl von Palästinensern, die darüber Klage führten, daß die Jerusalemer Universität eigentlich bloß ein Forschungsinstitut sei und daß die Studenten Erez Israels bis Syrien reisen müssen, wenn sie ein Doktorat erwerben wollen. Tn Beyrouth befindet sich übrigens die beste Klinik des Orients mit ganz ausgezeichneten Spezialisten für orientalische Krankheiten und Seuchen, Von hier bekämpft man mit bestem Erfolg Trachom, Malaria und Biharzie. Die Studenten führen hier ein herrliches Leben. Sie besitzen ein Stadion mit ausgezeichneter Laufbahn und Fußballfeld, ein Schwimmbad, eine Ruder- und Segelflottille, reichhaltige Bibliotheken und Lesezirkel. Außerdem hat Beyrouth so eine herrliche Umgebung durch das Meer einerseits und durch den schneebedeckten Libanon andererseits, daß das Studium in einer solchen Stadt zu einem wirklichen Vergnügen werden kann. Der Vormittag wurde zu einem Runtigang durch die Stadt verwendet. Inmitten des Hauptplatzes steht ein ganz neues Monument: Eine verschleierte Frau reicht einer modern gekleideten die Hand. So ist das ganze Wesen dieser alten Hafenstadt. Orient und Abendland wechseln einander auf allen Gebieten ab. Es gibt alte echt-orientalische Bazarstraßen mit bunten BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Öffentlicher Vortrag nanum eoidmann Wandlungen im amerikanischen Judentum Dienstag, den 7. Juni, abends 81 Uhr, itn Lehrervereinshaus, Alexanderplatz Karten a RM. 0,50 im Büro der B, Z. V. und an der Abendkasse. Mitglieder zionistischer Jugendverbände RM. 0,20 (nur im Vorverkauf durch die zionistischen Jugendverblode). Tüchern, Ringen, Fächern, Münzen und Perlen — es gibt aber auch ganz moderne Kaufhäuser, die Tennisrakets und Golfhosen führen. Ein buntes Durcheinander in Trachten, Häusern, Fahrzeugen und Geschäften. Nachmittags um 3 Uhr fand im Universitäts-stadion der Dreiländerkampf zwischen Syrien, Libanon und Erez Israel statt. Eine verhältnismäßig große Zuschauermenge umsäumte die Arena. Auffallend waren die vielen arabischen Frauen, die ihre schwarzen Schleier zurückgeworfen hatten — was bei den strenggläubigen Muselmanen als verpönt gilt. Erez Israel startete in einem weißen Dreß mit blauem Querstreifen über der Brust. Ueber diesen blauen Streifen war viel debattiert und beraten worden, bevor man darin endgültig einwilligte. Der Sport der Libanonier steht dank der Arbeit der amerikanischen Hochschule auf schöner Höhe. Ebenso ist die syrische Mannschaft, wo es wieder französische Schulen gibt, durchaus gut vorbereitet in den Kampf gegangen. Wenn die Mannschaft von Erez Israel dennoch siegte, so ist dies auf ihren ausgezeichneten Kampfgeist und vor allem auf die gegenseitige Unterstützung und Hilfe zwischen Engländern, Juden und Arabern im Team zurückzuführen. Das Publikum verhielt sich ganz objektiv und applaudierte unsere Leistungen ebenso wie die der eigenen Leute. Die Organisation war direkt mustergültig, was wohl wieder auf den amerikanischen Einfluß zurückzuführen sein dürfte. Ueber die einzelnen technischen Ergebnisse, die in der Sportrubrik sowieso erscheinen, will ich hier nicht sprechen. Wir haben bei diesem unserem ersten internationalen Auftreten unser Bestes hergegeben. Wir haben mit allen Kräften um den Ertolg unseres Landes gekämpft und unser Sieg war uns der schönste Lohn hierfür, wenngleich die Veranstalter uns am Schluß der Kämpfe wertvolle Medaillen überreichten. Als uns der Abend im Hause Abdel Sijan's bei einem prunkvollen Bankett mit unseren Gegnern vereinigte, da waren wir alle glücklich, unsere Sache so gut gemacht zu haben und dachten der vielen Brüder in allen Ländern und über ihre Freude, wenn sie von unserem Siege lesen werden. Abdel Sijan ist Präsident der Federation Sportive de Libanon und auch Mitglied des Parlaments der libanonischen Republik. Sein Haus ist das kostbarste und auserwählteste, was ich bis nun an orientalischer Verschwendungspracht sah. Wenn man — müde wie wir waren — auf goldgestickten Brokatpolstern saß und von livrierten Dienern die köstlichsten Gerichte kredenzt bekommt, da wähnt man sich eher in einem Märchen von ״Tausend und eine Nacht", als auf einer Sporttournee. Arabische Volksweisen und Tänzergruppen ״würzten“ unsere Mahlzeit. Es wurden Reden gehalten — Reden der Freundschaft — Reden der Begrüßung und Gastlichkeit. Der nächste Kampf soll in Tef-Awiw sfattfinden — auch unsere Stadt versteht gastlich zu sein! Nach dem Bankett leisteten wir einer Einladung in das Heim des Makkabi Beyrouth Folge. Ein jüdischer Sportler ist nirgends allein! Diese Erkenntnis, die ich in Antwerpen, in Amsterdam, in Ungarn, in der Schweiz und überall, wohin mich meine Sporfreisen verschlugen, erwarb — sie täuschte mich auch hier nicht Auch hier Makkabim — auch hier Brüder — die den Bruder grüßen. Im Heim des Makkabi grüßten uns zwei stramme Kwuzoth in Uniform und eine Rede des Vorsitzenden in hebräischer Sprache. Arazi und Alut antworteten. Es ist ein wunderschönes Zeichen und spricht für den Friedensgeist, den der Sport und nur der Sport zu verbreiten imstande ist, daß auch die Araber unseres Teams an diesem Empfange Anteil nahmen. Nach fröhlich im Kreise unserer Beyrouther Freunde verbrachtem Abend fuhren wir am nächsten Morgen wieder heimwärts. Als wir die Stadt verließen, sangen die jüdischen Studenten ״Schalom alechem“ und wir antworteten mit einem kräftigen ״Ha Gawia hu schelanu“, der Pokal gehört uns! Auf demselben Wege, wie wir hinfuhren, kamen wir wieder heim. Ueberall ertönte unser ״Hagawia“ und brachte dem Jischuw Kunde von unserem ersten Sieg. Wir jüdischen Sportler haben hier den Weg der Verständigung bereits gefunden, ohne auch nur ein Jota von unserem Prestige preiszugeben. Mögen ihn doch unsere Politiker auch bald zu finden wissen. Die nächste Nummer der Jüdischen Rundschau erscheint wegen der Feiertage ant 8. Juni 1932 Um den Nationalsozialismus Und was geschieht mit den Juden? Die Literatur über Deutschland und insbesondere über den Nationalsozialismus ist in letzter Zeit stark angewachsen und findet um so größeres Interesse, je näher die Möglichkeit grundlegender Äendcrutigen der politischen und sozialen Struktur rückt. Was wird aus Deutschland? — eine Frage, die begreiflicherweise auch eine spezifisch ״jüdische“ Seite hat. ״D e ut s c h 1 a n d so (Hakenkreuz) oder so (Sowjet- Stern)?“ fragt H. R. Knickerbocker, der bekannte amerikanische Journalist und Reporter. Sein Buch (Verlag Rowohlt, Berlin W 50), läßt aber keinen Zweifel darüber, daß eine kommunistische Revolution nicht in Betracht kommt, und daß Deutschland im Zeichen der ״Aera Hitler“ steht Diese Berichte aus den wichtigsten deutschen Zentren sind durch kühle Objektivität, gute Beobachtung und exaktes Material ausgezeichnet; er stützt sich auf Daten, Ziffern, wirtschädliche und politische Gegebenheiten, und läßt führende Persönlichkeiten selbst zu Worte kommen, mit Verständnis für ihre Position, aber auch mit einer Dosis Skepsis, die den Gegenstandpunkt stets vor Augen hat. Dabei spielt für den Verfasser das Interesse der amerikanischen Gläubiger, die in Deutschland Geld investiert haben, eine große Rolle. _Dieses Interesse Amerikas an Deutschland stellt auch Hitler in sein Kalkül ein, der Knickerbocker gegenüber sein außenpolitisches Programm entwickelt. Aus den Acußerungen der von K. interviewten Führer der Nationalsozialisten ergeben sich höchst bemerkenswerte Aspekte für Deutschlands und Europas nächste Zukunft. Die Judenfrage wird bei all diesen Erörterungen überhaupt nicht erwähnt. Ke Persönlichkeiten, die heute schon durch die stärkste Partei indirekt den Kurs Deutschlands beeinflussen, werden uns vorgeführt in dem Buch ״Ke Manner um Hitler“, von Edgar von Schmidt-Pauli (Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1932, 4,50 RM.). Es ist die Schilderung eines Enthusiasten, der nur Rühmliches über die führenden Nationalsozialisten aussagt; es ist für jüdische. Leser ganz interessant, die Knge und Menschen einmal in dieser Beleuchtung zu sehen und Einblick in den nationalsozialistisehen ״Betrieb“ zu gewinnen. Der Verfasser klagt darüber, daß sich bei Beurteilung des N. S. viele ״Mißverständnisse“ eingeschlichen haben. Was die Judenfrage betrifft, 90 sagt er, wenn überängstliche Kreise von Pogromen u. ä. reden, ״so kann man diese Ausgeburten der Phantasie.ernsthaft nicht beachten“. Aber er fährt gleich fort: ״Daß die Abwehrmaßnahmen, wenn es notwendig ist, scharfe Formen annehmen werden, damit ist allerdings zu rechnen.“ Im Gegensatz zu Rosenberg hält der Autor ״es für unchristlich, eine ganze Rasse mit Haß zu verfolgen“. Aber er meint, die Abwehr der ״Ueberfremdung“ des Deutschtums sei sachlich berechtigt. Man merkt deutlich, wie schwer die Tatsache der antisemitischen Barbarei Schmidt-Pauli in seinen Panegyricus hineinpaßt, aber auch dies wird verteidigt, wie überhaupt das Buch etwas apologetischen Charakter hat. Aber wer sich über die maßgebenden Figuren des N. S. informieren will, der findet hier die biographischen Daten. Der Aufstieg des Nationalsozialismus ist für viele ernste Deutsche ein aufwühlendes Phänomen, das tief in alle Bezirke der Weltanschauung und der Lebensgestaltung eingreift. Man hat das Empfinden, daß in der kommenden Periode der Nationalsozialismus nicht nur politisch, sondern auch geistig das Schicksal der Nation bestimmen wird. Wir sehen in zahf reichen Schriften und Aufsätzen ein wachsendes Bestreben, die Elemente der neuen Bewegung zu erkennen, zu klären, von Schlafen zu reinigen .und für den Aufbau eines neuen Lebens fruchtbar zu machen. In dieser Hinsicht verdient ein Budi erhöhte Beachtung, das unter dem Titel ״Was wir vom Nationalsozialismus erwarten“ im Verlag Eugen Salzer, Heilbronn, erschienen ist. Es ist eine Sammlung von 20 Antworten, herausgegeben von Albrecht Erich Günther, dem Schriftleiter der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“. Riehtunggebend ist der Aufsatz des ehemaligen Sozialdemokraten August W i n n i g , der seine eigene Bekehrung m einer ״na• tionalen Arbeiterbewegung“ darstellt. Von den sonstigen Beiträgen des Buches interessieren uns vor allem die Auseinandersetzungen von religiöser Seite, und zwar von katholischer ebenso wie von protestantischer, die im allgemeinen den Nationalsozialismus bejahen, aber ihm Grenzen setzen möchten. Sic wenden sich gegen eine absolute Vergottung der Nation, gegen die Usurpation der Rolle der Religion. Der katholische Autor Dr. Mirgeler bezeichnet den Sozialismus als ״verkappte jüdische Theologie“, während ein protestantischer Autor, Dr. Wilhelm Schreiber, es als ״Pratestantenpflicht“ bezeichnet, die verhängnisvolle Herrschaft nicht nur der ״Judenhörigen Fortschrittsparteien““, sondern auch der ״jesuitenhörigen Romparteien“ im deutschen Volksgebiet zu brechen. Einen Beitrag ״Versuch einer praktischen Lösung der Juden frage“ steuert Dr. Wilhelm Stapel bei. Stapel ist in dem Buch doppelt vertreten, und sein Aufsatz ״,Forderangen zur Kulturpolitik“ bestärkt die auch sonst erheblichen Zweifel, ob Stapel als repräsentativ für den Nationalsozialismus betrachtet werden kann. Da findet sich z. B. die Forderung, alle Typen der höheren Schulen zu beseitigen und nur das humanistische Gymnasium bestehen zu lassen — ein Gedanke, der gewiß vielen von uns sehr sympathisch ist, aber es erscheint doch paradox, gerade vom Nationalsozialismus ein solches Kulturprogramm zu fordern. Im übrigen soll in den Schulen pazifistischer Unterricht verboten, dagegen den Juden der Pazifismus erlaubt sein. ״Zeitungen dürfen pazifistische Ideen dann vertreten, wenn sie sich ausdrücklich als jüdische Zeitungen bekennen. Denn da das jüdische Volk ein internationales Volk ist, ist der Pazifismus ein Bestandteil seiner nationalen Gesinnimg, und es soll niemand in seiner nationalen Gesinnug bedrängt werden. Aber diese Freiheit der nationalen Gesinnung darf nicht dazu führen, daß die deutsche nationale Gesinnung diffamiert wird. Pazifisten können sich also ihre öffentliche Wirksamkeit durch Uebertritt zum Judentum (!) ermöglichen.“ Ist in diesem Zusammenhang auch bei der ״Kulturpolitik“ schon von der Juden frage die Rede, so gibt in dem speziell der Judenfrage gewidmeten Aufsatz Dr. Stapel eine Skizze von der Einordnung der Juden in den künftigen deutschen Staat. Die Juden, so heißt es da, seien ״intellektuelle Soldaten des französischen Imperiums in Deutschland“, da ihre Existenz mit den Ideen der französischen Revolution verbunden ist. Daher müßten die Juden streng von dem Deutschtum, das sein eigenes konservatives Volksideal hat, getrennt werden. Beide Gemeinschaften sollen unverwirrt bleiben. Denn das Gift der Zersetzung gehe nur von der Zwischen- Schicht des Assimilantentums aus. Ohne daß wir van unserem Standpunkt natürlich alle Einzelheiten des Stapelschen Programms akzeptieren können, muß doch gesagt werden, daß der Gedanke, durch eine achtungsvolle Distanz der beiden Gruppen als ״Stände“ würden alle Anlässe zur Diffamierung entfallen, einen richtigen Kern hat. Von den übrigen Vorschlägen Dr. Stapels erwähnen wir, daß die Juden von den Berufen des Richters und Erziehers für den Bereich des Deutschtums ausgeschlossen sein sollen, dagegen seien sie für Forschung una Lehre an der Universität, mit Ausnahme der Theologie una der deutschen Geschichte, zuzulassen. Bei Uebertritt zum Deutschtum — Stapel konstruiert auch hier stets eine Gegenseitigkeit — soll erst die dritte Generation wirklich von der anderen Gemeinschaft rezipiert werden, um opportunistische Scheinübertritte zu verhüten. Der gegenseitige Verkehr von Angehörigen der beiden Gemeinschaften ist natürlich frei, Dr.

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