Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 44 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 208 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44, 3. VI. 1932 2. Die Anbaufläche in Spanien und Italien, den wichtigaten Orangen-Produktionsländern, hat sich nicht wesentlich vermehrt. 3. Die Jaffa-Orange ist qualitativ allen anderen Orangensorten überlegen und konnte bisher trotz aller Versuche außerhalb Palästinas nicht in gleichwertiger Qualität erzeugt werden. Es ist darum nicht verwunderlich, daß die Jaffa-Orange auf den europäischen Märkten beträchtlich höher bezahlt wird als die spanischen oder italienischen Orangen. Außerdem hat Palästina klimatisch optimale Bedingungen für den Orangenbau. Die großen Ertragschäden durch Frost, die in Spanien und Italien häufig auftreten, fallen in Palästina weg. Die Schädigungen durch Krankheit sind geringer als in anderen Lindern. Daher kommt es, daß die Erträge pro Fläche in Palästina die höchsten der Weit sind, 30—50 «0־׳ höher als in Kalifornien, dem höchstentwickelten Orangenlande. Die Anbaumethoden sind bei den jüdischen Pflanzern in moderner Weise ausgebildet und durch wissenschaftliche Institute kontrolliert. Schließlich erlaubt die hervorragende Verschiffungsqualität der Jaffa-Orange den Transport auch zu weit entfernteren Märkten; im letzten Jahr ist zum Beispiel der Verkauf von Jaffa-Orangen in Kanada gut gelungen und lohnend ausgefallen. Es ist bekannt, daß im letzten Jahrfünft große neue Pflanzungen vorgenommen wurden. Die Propaganda hierfür begann ich im Jahre 1925, und gründete zusammen mit Dr. Ludwig Pinner im Jahre 1926 die ״Jaffa Plantations Limited". Es dauerte fast ein Jahr, ehe die Gesellschaft geeigneten Boden erwerben konnte und 11,4 Jahre bis das Kapital zusammenkam. Die Gesellschaft wurde 1927 ins palästinensische Register eingetragen und hat ein Kapital von £P 50 000, auf welches am 31. März eingezahlt waren £P 46 700, Die Gesellschaft besitzt nördlich der Bahnstation Hedera, 2 km entfernt, 1000 Dunam Boden, wovon 550 Dunam mit Orangen bepflanzt sind. Außerdem legt sie für fremde Rechnung noch 250 Dunam an. Die Gesellschaft ist unverschuldet, hat während ihres Bestehens keine Kredite aufgenommen, rückständige Einzahlungen belaufen sich auf insgesamt £P 150. Die ״Jaffa Plantations Limited“ war seinerzeit gegründet worden als Modellgesellschaft, d. h. sie sollte zeigen, daß man in Palästina aucli rein kapitalistische Investitionen vornehmen und gleichzeitig den Aufbau des Landes dadurch fördern könne. Der Beweis ist voll erbracht worden. Im Anschluß an unsere Gesellschaft haben sich eine ganze Anzahl neuer Oe- Seilschaften gegründet, die teilweise erheblich größer sind als unsere Gesellschaft. Daneben haben Privatleute in betrachtlichem Umfang neue Pflanzungen angelegt, so daß die Privatinitiative in den letzten 4—5 Jahren der hauptsächlichste Träger des landwirtschaftlichen Aufbaus gewesen ist. Indessen gewährt uns die günstige Situation in Palästina doch keine vollkommene Befriedigung, da der Niedergang des jüdischen Mittelstandes im Galuth uns große Sorgen verursacht. Wir wissen, daß wir von dem Menschen- und Kapitaizustrom aus dem Galuth abhängen, und es ist einstweilen undenkbar, daß Palästina auf eigenen Füßen steht, es sei denn, daß wir es bei dem heutigen Zustand unseres Besitztums und unserer Wirtschaft belassen wollten. In allen Ländern Europas und Amerikas haben weite bürgerliche Schichten und unter ihnen besonders die Juden, den größten Teil ihres Vermögens ein- . gebüßt und fürchten, in kurzer Zeit vollständig zu verarmen. J%;:t wenige drängen mit dem Rest ihres Kapitals nach Palästina und suchen eine rentable Anlage ihres Geldes und gleichzeitig eine zusagende Beschäftigung. Weil die Orangenpflanzungen sich gut rentieren, wird eine Anlage in Pardessim besonders gewünscht, aber der starken Nachfrage steht so gut wie kaum ein Angebot gegenüber. Die alten Pardessim werden von ihren Besitzern festgehalten und nur ganz selten kommt ein Pardess zum Verkauf. Palästina ist auf den Anstrom des Mittelstandes nicht vorbereitet. Ware er 2—3 Jahre später gekommen, so hätten die neuen Gesellschaften mit ihren großen Pflanzungen einen erhebliehen Teil der kapitalistischen Einwanderer versorgen können. Wir haben uns nunmehr seit ungefähr einem Jahre bemüht, den dringenden Bedürfnissen des Mittelstandes Rechnung zu tragen und Verhandlungen mit der Anglo Palestine Bank eingeleitet, um die unter ihrer Verwaltung stehenden Liegenschaften in Chedera (Chefziba und Atta) einer mittelständischen Siedlung zugänglich zu machen. Und schließlich sind unsere Verhandlungen von Erfolg gewesen. Wir sind jetzt bevollmächtigt worden, den ganzen Komplex zum Verkauf zu stellen unter Bedingungen, die wir bei den heutigen Preisen in Palästina als günstig bezeichnen müssen. Der Besitz besteht aus ca. 370 Dunam 22 Jahre alten Pardessim, ca. 150 Dunam jungem Pardess, ca. 510 Dunam Mandel- und Oliven-Pflanzungen, ca. 770 Dunam Ackerboden, Orangen- und Pflanzungsboden, ca. 370 Dunam Eukalvptuspflanzung, ca. 2300 Dunam Boden in der Nähe des Meeres, zum großen Teil Dünen, davon 500 Dunam Orangenboden. Für diesen Komplex einschließlich lotem Inventar, Gebäuden, Packhäusern, Feldbahnen usw. sind zu zahlen £P 68 300, und zwar £P 30 000 bei Abschluß des Kaufes, der Rest in fünf Jahresraten mit 6 ״/c.iger Verzinsung. Die Böden liegen zum Teil in dem Bezirk Atta, ungefähr 2—3 km von der Kolonie Chedera entfernt, teils in Chefziba, in 4 km Entfernung von der Kolonie. Die Pflanzungen in beiden Gebieten sind über 20 Jahre alt, von guter, gesunder Beschaffenheit. Die Frucht wurde im letzten Jahre an die Jaffa Fruit Company verkauft und unter den bekannten Marken ,,Lord“ und ״Perfect Bite“ vertrieben. Im , Bezirk Atta wurden 95,87 «ö der Frucht gepackt und versandt, in Chefziba 97,11 »■'0. Zur Uebernahme des Komplexes sind außer der Kaufsumme erforderlich £ 2000—3000 Ucberschreibungskosten und Gründungskosten der geplanten Gesellschaft, von der weiter unten die Rede sein wird, £ 3000—4000 Betriebskapital, so daß insgesamt zum Kaufabschluß des Komplexes, der nicht geteilt, sondern nur im ganzen abgegeben wird, zirka £P 74 000—75 000 aufzubringen sind. Das Kapital soll in folgender Weise beschafft werden: Es ist eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von £P 65 000, gestückelt zu je £P 10,—, geplant, in welche der gesamte Besitz eingebracht werden soll. Die Gesellschaft soll die alten und die jungen Pardessim weiter bewirtschaften und soll außerdem neue Pflanzungen im Auftrag übernehmen, um die Administrationsspesen zu verbilligen. Mit Ausnahme von zirka 350 Dunam, welche für die Bewirtschaftung der Pardessim notwendig sind (240 Dunam Ackerboden und 100 Dunam Eukalyptuspflanzungen) sollen alle übrigen Terrains verkauft werden. Die Terrains gliedern sich in leicht und schwerer realisierbare Objekte. Ungefähr die Hälfte ist in 1—2 Jahren zu verkaufen, während der Rest allmählich, vielleicht erst im Laufe von zehn Jahren, abgestoßen werden kann. Für die sofort verfügbaren Objekte dürften ca. £P 12 000 zu erzielen sein, während der Erlös aus den anderen auf £P 13 000 veranschlagt wird. Der Kapitalbedarf von £P 74 000—75 000 wird also gedeckt werden einerseits aus dem Verkauf von Aktien in Höhe von £P 65 000 und andererseits durch den Verkauf der Terrains der Sorte 1, die ca. £P 12000 bringen dürften. Wir haben schon heute für diese Terrains ernsthafte Reflektanten, sogar einen Verkauf bereits abgeschlossen. Die geplante Gesellschaft, die den Namen ״Pardesse Hedera Ltd“ erhalten 8011, 8011, wie erwähnt, die alten und jung angelegten Pflanzungen weiter bewirtschaften, auf eigene Rechnung keine neuen Pflanzungen anlegen, dagegen neue Pflanzungen im Auftrag übernehmen, ähnlich wie es die Jaffa Plantations Ltd. macht. Welche Chancen hat eine Zeichnung dieser Gesellschaft? Der Netto-Ueberschuß der alten Pflanzungen betrug im letzten Jahr ungefähr £P 7000. Der gegenwärtige Leiter der Wirtschaft, Herr Dr. Eichenberg, der auch in Zukunft für die Führung der Wirtschaft ausersehen ist, versichert, daß der Jahresertrag, der in der letzten Saison ca. 51000 Kisten ausmachte, noch gesteigert werden kann. Wenn wir also vorsichtig vorgehen und einer Kalkulation einen Jahresertrag von 50 000 Kisten zugrunde legen und mit einem Erlös von nur 5 Shilling am Baum rechnen, so kommen wir auf einen Bruttoertrag von £P 12500. Demgegenüber beträgt das Budget für das kommende Jahr £P 6000, und zwar für die Bewirtschaftung der alten Pflanzungen £P 4750, für die Pflege der jungen Pflanzungen £P 1000, für unvorhergesehene Kosten £P 250, so daß man mit einem jährlichen Ueberschuß von £P 6500 rechnen darf. Dieser Ueberschuß würde genügen, um bei dem geplanten Aktienkapital von vornherein 10 ״/# Dividende auszuschütten. Indessen halten wir es für angebracht, jährlich einen Betrag von £P 1000 zurückzustellen, teils zu Erneuerung*- und Ergänzungszwecken, teils als Reservefonds für unvorhergesehene Fälle. Infolgedessen wird sich die Anfangsdividende auf ca. 8(4 % stellen. In dem Maße, in dem die jungen Pflanzungen ins Tragen kommen, wird die Dividende steigen, so daß sie sich allmählich bei vorsichtiger Kalkulation auf 12—13 °/0 heben wird. Außerdem sollen die Erlöse aus den Tcrrainsverkaufen, soweit sie nicht zur Deckung des Kapitalbedarfs von £P 74 000—75 000 benötigt werden, den Aktionären als Bonus ausgeschüttet werden, und wenn man diese Ausschüttung auffaßt als Zurückvergütung des eingezahlten Kapitals, kommt man auf eine Rentabilität von 15—16«/», eine Verzinsung, die genügend hoch und reizvoll ist. Wer also Aktien der neuen Gesellschaft zeichnet, hat von vornherein mit einer Verzinsung von 8»/» 0/0 zu rechnen und wer nach Hedera übersiedeln will und kräftig genug ist, kann sofort Beschäftigung in den Pflanzungen der Gesellschaft finden und während der Erntezeit können auch Familienmitglieder bei der Verpackung nicht unerhebliche Nebenverdienste finden. Wir bieten also hiermit, was der heutige mittelständische Einwanderer braucht: sofortige Rente aus seinem Kapital und eine zusagende Beschäftigung. Für den Fall, daß er mindestens £P 1500 Aktien zeichnet, wird ihm die Gesellschaft einen langfristigen Kredit in Höhe von £P 300 gewähren zum Bau eines Hauses und eines Stalles und ihm auch einen Bauplatz zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellen. Auf diesem Platz kann er Obst und Gemüse für seinen eigenen Bedarf ziehen. Beabsichtigt der Einwanderer, einen eigenen Pardess an»-, legen oder ist er landwirtschaftlich vorgebildet und wünscht er Ackerbau zu treiben, so wird ihn die Gesellschaft, soweit Terrains vorhanden sind, bevorzugt behandeln und ihm wenn möglich, auch Wasser zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellen und ihm außerdem bei der Einrichtung und Führung seiner Wirtschaft beratend zur Seite stehen. Die vorstehenden weiten Vergünstigungen werden von uns geboten in dem Wunsche, mittelständischen Auswanderern zur Seßhaftmachung in Palästina zu verhelfen, besonders da für diese Kategorie zurzeit Schwierigkeiten seitens der Devisenbewirtschaftung nicht bestehen. Um auch den Bedürfnissen solcher Interessenten Rechnung zu tragen, welche noch nicht sofort übersiedeln wollen, gewährt die Gesellschaft folgende außerordentliche Vorteile, die natürlich auch die Einwanderer genießen können: 1. Bei Zeichnung von £P 1000 übernimmt die Pardesse Hedera Ltd. gegen Rückgabe der Aktien, soweit Boden vorhanden ist, 16 Dunam Pardess in Chefzibah und 14 Dunam Pardess in Chedera anzulegen und fünf Jahre zu pflegen. 2. Gegen Verzicht auf die Dividende für die Zeit von sieben Jahren legt die Gesellschaft 10 Dunam Pardess in Chefzibah an und pflegt sie fünf Jahre lang. Auf Wunsch kann diese Anlage auch in Atta erfolgen, sofern die Differenz im Bodenpreis von dem Auftraggeber getragen wird. 3. Solange Terrains frei sind, steht es den Zeichnern frei, statt der Dividende Boden zu den von der Gesellschaft festgesetzten Preisen zu verlangen, jedoch nicht Bauplätze, welche ausschließlich für die Siedler reserviert werden sollen. Die Jaffa Plantations Ltd. wird in den ersten Jahren die Kontrolle der Geschäftsführung bei der neuen Gesellschaft übernehmen, um die Erfüllung des hier vorgetragenen Projektes sicherzustellen. Die Jaffa Plantations Ltd. muß der Bank gegenüber für die ersten beiden Ratenzahlungen (nach erfolgter An- Zahlung von £P 30 000) Garantie leisten und sichert sich ihrerseits der neuen Gesellschaft gegenüber in Gestalt eines managment share, der auf drei Jahre befristet ist. Es liegt nicht in unserer Absicht, von den vorhandenen alten und jungen Pflanzungen etwas zu verkaufen, da der Gewinn aus der Bewirt- Schaltung dieser Pflanzungen ja die Basis für die Dividende abgeben soll. Sollte es sich heraussteilen, was wir von vomherein nicht übersehen können, daß ein erhebliches Bedürfnis vorhanden ist, gewisse Teile der alten bzw. der jungen Pardessim zu kaufen oder daß ohne einen solchen Verkauf ein Zustandekommen des gesamten Geschäfts nicht möglich wäre, so würden wir wahrscheinlich bereit sein, auch solche Verkäufe gegen Barzahlung vorzunehmen. Das Kapital der Gesellschaft würde dann entsprechend kleiner ausgestattet werden. Die Ver■ käufe würden natürlich nur unter Bedingungen erfolgen, die die Rentabilität der kleineren Gesellschaft keineswegs verschlechtem würden. Auf Grund unserer nunmehr sechsjährigen Tätigkeit und auf Grund der soliden und erfolgreichen Geschäftsführung der Jaffa Plantations Ltd. dürften Interessenten Vertrauen zu unserer Projektierung wie zu der Durchführung des neuen Planes haben; überdies sind wir in der Lage, auf Wunsch Sachverständigen-Gutachten vorzulegen. Interessenten können •ich an Herrn Dr. Wilhelm Brünn, zurzeit Berlin W ]5, Zionistisches Büro, Meinekestr. 10, wenden. Der Pogrom ln Men London, 30. Mai. (J.T. A.) Der Staatssekretär für Indien, Sir Samuel Hosre, gab heute im Unterhaus in Beantwortung einer Anfrage von Colonel Wedgwood Auskunft über die Lage in Aden im Zusammenhang mit dem Judenpogrom in der vorigen Woche. Die Tumulte zwischen Arabern und Juden, sagte Sir Samuel Hoare, begannen am 23. Mai und erreichten am 25. Mai ihren Höhepunkt. An diesem Tage konnte die durch Panzerautos unterstützte Polizei die Ordnung herstellen. Gegenwärtig herrscht in Aden Ruhe, die Polizei beherrscht die Lage. Tote gab es nicht, die Zahl der Verletzten beträgt 60, sieben Schwerverletzte werden im Hospital gepflegt. Der frühere Unterstaatssekretär für Indien, Lord Winterton, fragte, ob Wedgwoods Version, daß Araber Juden angegriffen haben, richtig sei und was die Ur- Sache der Unruhen gewesen sei. Sir Samuel Hoare erwiderte, er besitze keine ausreichenden Informationen, aber er werde eine Untersuchung anstellen. Zar Lage der deutschen Jaden Von Amerika gesehen In einer im Hotel Statler zu Buffalo abgehaltenen Ver- Sammlung hielt Felix M. Warburg, Ehrenpräsident des Joint Distribution Committee, eine Ansprache, die in den Appell mündete, das Hilfs- und Aufbauwerk für die Juden in der Alten Welt auch weiterhin zu fördern. Dabei kam er auch auf die Lage der Juden in Deutschland zu sprechen und sagte, es sei nichts Neues, daß wo immer ein Land von einem Unglück betroffen wird, nach Sündenböcken gesucht wird, und gewöhnlich sind es die Juden, die für das Unglück verantwortlich gemacht werden. Diejenigen unter uns, die auf eine 40jährige Entwicklung zurückbficken können, wissen, daß der jetzige Haßausbruch der unglücklichen arbeitslosen Bevölkerung Deutschlands unter Adolf Hitler nur ein Olied in einer großen Kette ist. Das Schicksal der deutschen Juden zeigt, daß in jedem Lande, in dem die Juden viel dazu beigetragen haben, ihren Brüdern in anderen Ländern zu helfen, eine Lage eintreten kann, in der die früher Gebenden sich dann selbst nicht zu helfen wissen. Dürfen wir, schloß Warburg, nur weil wir im eigenen Hause mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die noch schwerer leidenden Menschen in anderen Ländern sich selbst überlassen? Presseschau Der junge Lord Melchett, Sohn von Sir Alfred Mond, der sich längere Zeit in Palästina aufgehalten hat, veröfffentücht anläßlich seiner Abreise einen Artikel im ״Palest ine Bulletin“, in welchem er seine Begeisterung über die jüdischen Leistungen in Palästina ausspricht und auf Grund seiner Erfahrungen seiner festen Zuversicht Ausdruck Ibt, daß das zionistische Werk gelingen wird und daß nur urch den Zionismus das Land Palästina aus einer bedeutungslosen, von religiösen Zwistigkeiten erfüllten Provinz zu einem aufblühenden, Kultur schaffenden Gebiet wird. Die ״Times“ vom 28. Mai veröffentlicht einen Artikel ihres Jerusalemer Korrespondenten über den palästinensischen Polizei-Kalender. In Palästina, so führt das Blatt aus, besteht die Hauptaufgabe der Polizei nicht in der Verhütung gemeiner Verbrechen, sondern in der Aufrechter Haltung des Friedens zwischen Jüdin, Arabern und Ghrfsten, einer Aufgabe, die besonders schwer ist, weil Palästina ein Herd des religiösen Fanatismus ist. Zur Belehrung des palästinensischen Polizisten ist nun ein Vademecum erschienen, worin alle irgendwie belangvollen Tage des Kalenders, die für den palästinensischen Polizisten besondere Aufmerksamkeit verlangen, verzeichnet sind, darunter die Festtage aller Konfessionen und Sekten mit den dazugehörigen gesetzlich geregelten öffentlichen Zeremonien. Vermischt mit den Daten des religiösen Kalenders sind andere Ereignisse angeführt, angefangen vom Todestag Lenins, wo es heißt: ״Möglichkeit der Verteilung aufrührerischer Propagandaschriften“, bis zum Jahrestage der Balfour-Deklaration (״mögliche Versuche von Demonstrationen oder unerlaubten Versammlungen“) und zum Krönungstag von Ras Tafari. ״Der Jahrestag des Todes des Propheten Moses befindet sich in merkwürdiger Gegenüber- Stellung zu dem von Dr. HerzI, dem politischen Gründer des Zionismus“. Die Beschreibungen des Kalenders geben, so fährt das Blatt fort, einem phantasiebegabten Kopf ein lebendiges Bild des intensiven religiösen Lebens, das jahraus jahrein über die Heiligen Stätten sich ergießt. Der Verfasser führt dann noch eine Anzahl von Angaben, die ihm als besondere Kuriositäten erscheinen, an. Es mag, so schließt die Betrachtung, für den einfachen britischen Polizisten oft schwer sein, zwischen einer legalen religiösen Veranstaltung und einer illegalen Zusammenrottung die richtige Grenze zu entdecken. In der letzten Nummer der ״Weltbühne“ veröffentlicht Elis Lubrany (offenbar identisch mit dem früher in Berlin, jetzt in Palästina befindlichen jüdischen Journalisten Eleasar Lubrany) eine Glosse ״Hitler in Jerusalem“, die als zumindest höchst geschmacklos bezeichnet werden muß. Lubrany berichtet darin über die bedauerlichen Vorfälle bei der Antrittsvorlesung von Bentwich an der Hebräischen Universität und den anschließenden Prozeß gegen die revisionistischen Demonstranten. Bei der Verhandlung vor Gericht habe der Verteidiger der Revisionisten, Cohen II, den Lubrany mit dem Nationalsozialisten Frank II vergleicht, angeblich der Verehrung der Revisionisten für Hitler Ausdruck gegeben und erklärt, würde Hitler seinen Antisemitismus ablegen, würden die Revisionisten mit ihm gehen. *Wir können im Moment nicht nachprüfen, ob und m welchem Zusammenhang eine solche Aeußerung vor dem Jerusalemer Gericht, das sich ja für Hitler wenig interessieren dürfte, tatsächlich gefallen ist. Jedenfalls scheint uns die Art und Weise, wie Herr Lubrany diesen Unfug gerade vor dem Lesepublikum der ״Weltbühne“ ausbreitet und die Schlußbemerkung mit der Formel ״Zion erwache" wenig angebracht. Tragödie im Hause Dubnow. Seit einigen Tagen waren der 25janrige Philologe und Mathematiker Benzion Dubnow, ein Neffe des jüdischen Historikers Professor Simon Dubnow, und seine 21jährige Gattin Sara, geh. Erdstein, aus ihrer Wohnung in der Leonhardstraße in Charlottenburg verschwunden. Ihre Leichen wurden von der Wasserpolizei in der Nähe der Havel-Insel Lindwerder gefunden. Benzion Dubnow, der in Warschau geboren wurde, aber schon als Kind mit seinen Eltern nach Palästina kam und dort eine hebräische Erziehung genoß — die Umgangssprache des Ehepaare* war hebräisch ־—, war ein außerordentlich begabter Mathematiker; er war schwermütig veranlagt, und die Aussichtsiosigkeit für einen jungen Gelehrten, in dieser schweren Zeit in seinem Lebensberufe fortzukommen, verbunden mit wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit, hat wohl ihn und seine Gattin den Freitod wählen lassen. Das tragische Schicksal des