Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 198 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 27. V. 1932 soeben erschienenen Diskussionsbüchern über die Judenfrage (״Klärung׳‘, Verlag Tradition Berlin, und ״Der Jude ist schuld?“, Zinnen-Verlag, Wien) erwähnt und hinzugefügt, . er sehe in diesen Aufsitzen einen ersten — freilich nach seiner Meinung nicht ganz gelungenen — Versuch objektiver Betrachtungsweise des Antisemitismus-Problems von jüdischer Seite. Ich kann freilich dieses Verdienst nicht für mich persönlich in Anspruch nehmen: Der Versuch, die Judenfrage objektiv und ohne Ressentiment zu sehen, ist eines der Orundelemente des Zionismus seit seiner Geburtsstunde, und andere haben vor mir die Sache viel besser gemacht. Der Zionismus geht davon aus, daß nur dann etwas zur Lösung des Problems geschehen kann, wenn man es in seinem wahren Wesen erkannt hat und auf Selbsttäuschung verzichtet. Nur ehrliche Einsicht auf beiden Seiten kann uns weiterbringen. Dazu gehört vor allem die Anerkennung der Tatsache, daß ein Problem vorliegt, das aus der jüdischen Existenz entsteht, und daß die bloße Feststellung des Andersseins der Juden, das auch wir als Tatsache betrachten, noch nicht als feindlicher Akt oder Schmälerung der jüdischen Würde aufzufassen ist. Stapel sagte kluge Worte über die Peinlichkeit der diese Tatsache ignorierenden Grenzüberschreitung, Worte, denen auch einsichtige Juden (und vor allem zionistische Juden) zu stimmen. ״Die Grenzüberschreitungen von einem Volk ins andere hinüber — dies ist der Punkt, wo der Antisemitismus entsteht.“ Natürlich ergibt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist, und das wird nicht immer ganz leicht zu entscheiden sein; es läßt sich wohl abstrakt gar nicht formulieren, sondern ist eine Frage des Lebens, und als solche auch abhängig von Zeitumständen und wechselnden Bedingungen, so daß man sich vorstellen kann, daß zu verschiedenen Zeiten diese Grenze verschieden verläuft. Wenn aber Stapel hinzufügt: ״Ich fühle mich rein von jedem Haß, doch lehne ich das andere Volkstum nicht in seiner Geltung, aber in seiner Grenz- Überschreitung ab“ — so erweckt diese Aeußerung den Anschein, daß er seinerseits dem Phänomen des Antisemitismus nicht objektiv gegenübersteht. Wer den Antisemitismus so sieht, wie er tatsächlich ist, und auch Stapels eigene antisemitische Theorien bilden hier kaum eine Ausnahme, der müßte zugeben, daß hier von Anerkennung der ״Geltung“, also eines wertfreien Nebeneinanders, nicht die Rede sein kann. Antisemitismus ist eben nicht bloß die sachlich berechtigte Konstatierung der Verschiedenheit, sondern verbunden mit ausgesprochener Minderbewertung, Herabsetzung des Judentums, angefangen von den materialistischen Rassentheorien bis hinauf zu einer gewissen Art Theologie. Die Antisemiten sagen nicht: die Juden sind anders als wir, sie sagen: die Juden sind verworfen. Darum sind auch diejenigen Juden, die um die gegebenen ״Grenzen“ postuliert, könne bei Bedrohung der Würde eines Volkes ein Krieg auch nach jüdischer Meinung unvermeidlich werden. Darauf Stapel: Wer bestimmt aber darüber, was Würde sei? Wer bestimmt darüber, ob z. B. der Vertrag von Versailles mit unserer Würde vereinbar ist oder nicht? ״Würde“ wird von Juden anders verstanden als von Deutschen. Jedes Volk kann nach seinen Begriffen von Würde leben, aber sobald wir Deutschen unsere Auffassung von Würde von der Zustimmung der Juden abhängig machen sollen, da entsteht in uns jene Abwehr, die den Antisemitismus erzeugt. Hollaender: Es gibt keinen ״jüdischen“ Begriff von Würde. Der Begriff ״Würde“ ist ein allgemeiner. Wenn etwa heute die Frage Krieg oder Frieden im deutschen Volke entschieden werden sollte, so hat darüber der Wille der Gesamtheit der Deutschen zu entscheiden. Dabei sind die jüdischen Deutschen ebenso zu bewerten wie alle anderen. Stapel: Was Würde sei, wird nicht entschieden vom Willen der Gesamtheit der Deutschen, sondern vom deutschen Geist, das ist etwas ganz anderes. Wir wollen nicht gegen die gefährliche Vermischung von Politik und Metaphysik rechten, die uns hier begegnet Aber es gibt vielleicht für die jüdische ״Kriegsichtung“ einfachere Erklärungen. Die Juden sind das klassische Volk des geschiehtliehen Gedächtnisses. An allen entscheidenden Momenten ihres Volkslebens steht die geschichtliche Erinnerung, die geradezu für das Volkstum konstitutiv ist. Die Juden leben in der zeitliehen Kontinuität weit mehr als in der räumlich naturhaften. Dies ist kein unbedingter Vorzug; man denke nur an Nietzsches ״Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Belastung mit Tradition ist ein konservierendes, aber auch oft ein hemmendes Moment, für den einzelnen Juden ebenso wie für die Gesamtheit. Aber ein solches geschichtszugewandtes Volk vergißt nicht so schnell, und es hat den letzten Krieg nicht vergessen. 1914 waren die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit kriegsbegeistert. Inzwischen ist man um eine Erfahrung reicher geworden. Ich kann natürlich in einer solchen Frage nicht für ״die“ Juden sprechen, aber viele Juden, und wohl gerade diese wollte Stapel treffen, sind eingedenk des unsägliehen Menschenleides und Jammers, die der Krieg über alle bringt. Es handelt sich doch, Herr Dr. Stapel, nach Ihren eigenen Worten um eine sehr ״diesseitige“ Frage, und da gilt es, die realen Momente der Diesseitswelt in Betracht zu ziehen. Die moderne Technik läßt heute ״Krieg“ als eine ganz neue Kategorie erscheinen, auf die sich die Denkweise vieler noch nicht umgestellt hatte. Alle Vorstellungen von ״Heldentum“ verlieren ihren Sinn. Die jüdische Legende kennt die Gestalt des ״Golem“, der entfesselten Materie, des tollgewordenen, seelenlosen Geschöpfes von Menschenhand, über das der Mensch die Gewalt verloren hat. Nur der Geist kann diese Katastrophe bannen. Es ist nicht Humanitätsduselei, wenn man dem Krieg skeptisch gegenübersteht, es besagt auch nichts über den persönlichen Mut. Kriegsgegnerschaft kann echtem Patriotismus entspringen und unter Umständen das Land retten. Aber das soll beileibe keine ״Grenzüberschreitung“ sein, sondern nur zeigen, daß die Theorie der ״Querverbindungen“ weit hergeholt ist. Vielleicht wird der Leser meinen, daß diese Erörterung nicht zur Sache gehört, aber für Stapel ist die Frage des Pazifismus in der Stellung zur Judenfrage entscheidend, und sie hat auch in dem Rundfunkgespräch einen breiten Raum eingenommen. Zum Schluß faßte Stapel das Ergebnis des Gesprächs wie folgt zusammen: ״Pas, was uns trennt, ist, da 8 ג wir vo» Wesen der Gegischen Zwangslage. Es geht nicht darum, die Eigen• tümlichkeit des eigenen Wesens in aller Offenheit zu bejähen, wobei man sich sogar gegenseitige Hilfe und Befruchtung vorstellen könnte, weil man oft die eigene Art erst richtig beurteilt, wenn man sie auch durch die Brille eines Außenstehenden sehen lernt, sondern wir finden uns meist in einer Atmosphäre der Schmähung und Bedrohung, die jede sachliche Aussprache unmöglich machen. Wir stehen immer allzu selbstgerechten Gegnern gegenüber. Ganz abgesehen von dem brutalen Vulgär- Antisemitismus, der sich heute in Deutschland austobt und über den Dr. Stapel sich gern ausschweigt. So stark auch innerhalb des Judentums die grundsätzlichen Differenzen in der Auffassung der Judenfrage sein mögen, einer solchen Feindschaft gegenüber bilden sie aktuell eine Einheit. Ich habe schon gesagt, daß die jüdische Eigenart des Denkens und Fühlens von uns nicht geleugnet wird. Aber man geht oft fehl, wenn man diese in ihrer Existenz deutlich empfundenen sekundären Volkseigentümlichkeiten (im Gegensatz zu den primären Verschiedenheiten des Staates, der Sprache usw.) in konkreten Einzelheiten formulieren will. Oft findet man geistreiche, aber gekünstelte Erklärungen, oft liegen die Unterschiede gar nicht da, wo man sie zu sehen meint. Es war für uns recht instruktiv, daß Stapel zwei merkwürdige Beispiele wählte, die wir nicht als charakteristisch empfinden. Stapel sagte, der Unterschied deutscher und jüdischer Ethik zeige sich darin, daß die Juden Gegner der Todesstrafe sind, während die Deutschen sie als ein unentbehrliches Attribut der Majestät des Staates betrachten. Zunächst ist hier zu sagen, daß zwar viele jüdische Publizisten gegen die Todesstrafe auftraten, aber auch zahlreiche und nicht zu bagatellisierende arische Deutsche. Auf der anderen Seite gibt es zweifellos viele jüdische Anhänger der Todesstrafe. In diesen Blättern wurde vor zwei Jahren aus einem bestimmten Anlaß eine Polemik über dieses Thema geführt, wobei die Gegner der Todesstrafe (zu denen Schreiber dieser Zeilen gehörte) keineswegs in der Mehrheit waren. Das Beispiel ist, wie so viele, mehr spekulativ als empirisch gefunden. Irgendwie ahnt Stapel, was auch wir glauben, daß die Todesstrafe dem heutigen jüdischen Empfinden (im Gegensatz zum biblischen Judentum, wo die Todesstrafe eine gelfende Institution ist) nicht gemäß ist. Aber für die praktische Politik, auf die Stapel Bezug nahm, dürfte sich das wenig auswirken, da doch hierfür nur die wirkliche Haltung der deutschen Juden wichtig ist, die ebenso differenziert ist wie die der Deutsehen. Soll es so sein, daß alle Juden für die Todesstrafe sein müssen und nur arische Deutsche dagegen sein dürfen? Das andere Beispiel, das Stapel besonders breit ausgespönnen hat, war die Frage der K r i e g s ä c h t u n g, d. h. der moralischen Verwerfung des Krieges als Mittel der Austragung von Streitigkeiten zwischen Völkern. Die Juden, so meint Stapel, lehnen wegen ihrer internationalen ״Quer-Verbindun- :n“ den Krieg ab und kommen dadurch in Konflikt mit den _ eutschen, die den Krieg als legitimes Mittel zur Verteidigung der Würde der Nation bejahen. Hollaender vermied sympathischerweise in seiner Antwort den sonst üblichen Hinweis auf die jüdischen Gefallenen usw. Er sagte: Die Juden sind Gegner des Krieges wegen ihrer messianischen Verheißungen — eine Antwort, die freilich unbewußt Stapels These von der metaphysisch bedingten Unterschiedlichkeit bestätigt Doch, so führte Hollaender weiter aus, da die messianische Welt keine Unterdrückung zuläßt Und die Würde jedes einzelnen Volkes B alles aufgelöst in einzelne Gruppen und Individuen und messen dem Willen einen Bereich zu, den ich dem Willen nicht zuerkennen kann. Meine Volksauffassung ist die, daß Volk eine überindividuelle Gemeinschaft ist, unabhängig von dem Wollen des Einzelnen. Durch das Volk-Sein ist der Einzelne und jede einzelne Gruppe innerhalb des Volkes prädestiniert, vorausbestimmt. Alle Mannigfaltigkeit der Einzelnen gibt doch zusammen ein Ganzes. Die Substanz ist die gleiche, nur funktionell sind die Individuen verschieden. Und wenn der Jude meint, er sei nun auch in der Substanz dem Deutschen gleich und er empfinde und handele wie ein Deutscher, so ist das eine Augentäuschung. Denn er sieht auf seine jüdische Weise das Deutsche jüdisch und sieht nicht den Unterschied. Uns Deutschen muß Vorbehalten bleiben, darüber zu urteilen, was deutsch sei und was nicht.“ Hollaenders Schlußwort war: ״Was deutsch ist, kann nie nach starren objektiven Begriffen festgestellt werden, sondern richtet sich nach dem großen Empfinden der Masse, die auf Einzelheiten des gemeinschaftlichen Wollens und der gemeinschaftlichen Zukunft, des gemeinsamen Leides und der gemeinsamen Freude abgestellt ist. Darum kann ich eine Judenfrage in dem Sinne nicht anerkennen, daß hier eine Einteilung erfolgt in Menschen, die von Geburt an das Moment der Fremdheit dem deutschen Volke gegenüber tragen, sondern ich meine, es kommt auf die innere Notwendigkeit an, die wir empfinden, deutsch zu sein. Und wir hoffen auf das eine, daß allmählich unsere deutsche Umwelt sieht, es kommt auf das Gewordene an, auf das, was der Jude im Laufe der Zeiten sich erworben hat.“ Es ist klar, daß Hollaender von seinem Standpunkt nicht anders antworten konnte, aber ebenso klar ist, daß dies kein Ausgangspunkt nicht nur für — was relativ unwichtig wäre — die Fortsetzung der Aussprache, sondern auch für eine nützliche und konstruktive Behandlung der Judenfrage ist. Der archimedische Punkt ist in der Tat die Erkenntnis des ״überindividuellen“ Charakters der Gemeinschaft, wenn man dies auch nicht schablonenhaft nehmen darf. Der jüdisches Volkstum bejahende Jude wird auch für jedes andere Volkstum und überhaupt für die ״überindi■ viduellen“ Wesenheiten ein echtes Empfinden haben. Was jüdische Volksbejahung von der jüdischen Seite be deutet, ist ein Problem für sich; aber von hier aus allein läßt sich auch eine Lösung des Problems der ״Grenz- Überschreitung“ finden. Nur soll die deutsche Welt ver• stehen, daß sie nicht durch Prämien auf Renegatentum und durch Zurücksetzung des jüdisch-treuen Juden diese Grenzüberschreitung geradezu provozieren darf. Die Möglichkeit, verdunkelte Grenzüberschreitung zu hüten, ist dann gegeben, wenn der Jude offen und kennt lieh als Jude leben kann. Daß bei der heutigen Sach׳ läge und nach einem Jahrhundert fortgesetzter psychologischer Verfehlungen viele Juden ihr Judentum Heber ver stecken und als möglichst laut betonte ״Deutsche“ (im Sinne deutschen Volkstums) auftreten, ist vom jüdischen Standpunkt zwar nicht zu billigen, aber naturgesetzlich zu verstehen. Hört die Bedrohung und die Herabsetzung des Judentums auf, wird dadurch {näth Ablauf einer g€- wissen Frist) die Unbefangenheit des Judeseins wieder hergestellt, dann ist die Frage zu drei Viertel gelöst. Denn was ein Jude als deutscher Bürger dann tut, kann keineswegs als ״Grenzüberschreitung5‘ in dem Sinne, daß er deutsches Wesen verkörpern und die deutsche Nation in Angelegenheiten des Deutschtums schulmeistern will, aufgefaßt werden. Und für den Staat wird dieser Jude ein wertvollerer Bürger, für den Deutschen ein respektablerer Mitbürger sein als die verängstigten, ״zersetzenden“ Ohetto-Figuren von gestern. In einem Punkte unterscheiden wir uns zutiefst von Stapel. Er erklärt, daß es keine einheitlichen ethischen Maßstäbe für die Menschheit geben kann. Jede Nation habe ihre eigene Ethik. Wenn aber keine allgemein gültigen Werte anerkannt werden, dann muß mythischer Fanatismus (im Zeitalter des Weltverkehrs und der tnodernen Technik!) die abendländische Kulturwelt vernichten. Das glauben wir Juden nicht. Wir glauben an die Einheit des Geistes. Nicht Einheitlichkeit der Mensehen und der Völker, wohl gemerkt, — solche Gleichmacherei und Negierung des Besonderen liegt uns nationalen Juden besonders fern — aber des G e i s t e s, der Einer ist über allen Differenzierungen und der i n s Leben kommen muß, auch dort, wo die Völker auf der Flucht vor ihm sind. Die Menschheitsgeschichte ist eine solche fortwährende Flucht, unterbrochen durch immer wieder versuchte Umkehr. Die jüdische Geschichte zeigt im kleinen diesen Prozeß deutlich. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich will nicht sagen, daß die Juden das Vorbild für andere Völker sind, auch Juden und vielleicht gerade die Juden sind vom Geist abgefallen, sind auf der Flucht, aber gerade in ihren Reihen wurde auch der Ruf zur Umkehr besonders eindrucksvoll laut, so eindrucksvoll, daß auch andere Völker diese Botschäften gehört haben (wenn sie sie auch ebenso wenig befolgten wie die Juden), weil sie empfanden, daß hier innerhalb einer nationalen Entität eine allgemeine, jeden Menschen und jedes Volk angehende Wahrheit verkündet wurde. Die Einheit des Menschengeistes offenbart sich im Bereich der höchsten Werte, der Kunst, Philosophie, Wissenschaft. Die großen Schöpfungen sind wohl in ihren Voraussetzungen national bedingt, aber in ihrer Vollendung und Wirkung stehen sie über nationalen Schranken. Gäbe es nicht über dem Nationalen allgemein Gültiges und Verbindliches, dann wäre ja überhaupt jede Beziehung und Verständigung zwischen Menschen verschiedener Art unmöglich. Die Leugnung der Einheit des Geistes ist im Grunde ״Materialismus“. Und so sehr wir die Wichtigkeit der Pflege des Nationalen anerkennen, so sehr wir vor allem ein in sich gefestigtes, aus den Tiefen des eigenen Wesens und der Geschichte genährtes Nationalbewußtsein als den Mutterboden des produktiven Gemeinschaftslebens ansehen,, glauben,Mfe 49Gl4r-da^־^^-N0Fm .Ufti tetzter Maßstab für das Leben der Nationen nicht inr ihnen selbst liegt, sondern in einer Sphäre über ihnen. Dieses Wissen um den höheren Richterstuhl wachzuerhalten, erscheint uns als die besondere Aufgabe der Geistigen aller Nationen. Und von hier aus empfinden wir es besonders schmerzlich, daß einem Phänomen wie dem empirischen Antisemitismus gegenüber die geistigen Deutschen keine Hemmungen zu haben scheinen. Dadurch wird nicht nur eine erträgliche Regelung, sondern sogar die Aussprache trotz oft richtigem Ausgangspunkt maßlos erschwert, und wenn auch die Antisemiten heute glauben, durch einseitige Gewaltakte die Frage lösen zu können, wir glauben nicht daran, daß daraus Gutes kommen kann, und so sehen wir trübe in die Zukunft. Zun Plan eines indischen Weltkongresses Die englüchen Juden lehnen ab Wie kürzlich schon der ״Jewijh Chronicle“, hat sich nunmehr auch der ״Board of Deputies“, die Vertretung der englischen Juden, gegen den Plan eines jüdischen Weltkongresses ausgesprochen. Die Sitzung nahm folgenden Verlauf: Deputierter Bollaten brachte eine Resolution ein, in der der Board aufgefordert wird, ״unverzüglich Schritte zur Einberufung eines Internationalen Kongresses von Vertretern der jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt zu ergreifen; der Kongreß soll Berichte von den Delegierten aus den versebiedenen Gegenden entgegennehmen und sodann eine Aktion nach der Richtung ergreifen, daß unsern Brüdern und Schwestern in den betroffenen Gebieten Gerechtigkeit zuteil wird.“ Das ״Joint Foreign Committee“ (Komitee für Auswärtige Angelegenheiten) gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß ״unter den gegenwärtig■ herrschenden Verhältnissen es unzweckmäßig wäre, eine solche Aktion zu ergreifen“. Leonard G. Montefiore, Präsident der Anglo-Jewish Association und Vorsitzender des Joint Foreign Committee, führte aus: ״Die Ursachen des Antisemitismus liegen viel zu tief, als daß der Kongreß da helfen könnte. Sollte ein jüdischer Kongreß zusammentreten, so müßte er in vollem Sinne repräsentativ sein und das gesamte Judentum vertreten. Es gibt aber in jedem Lande jüdische Parteien, die einander bekämpfen; in Rumänien vielleicht sechs, in Polen 20. Was könnte ein solcher Kongreß anderes tun, als Resolutionen annehmen und die Regierungen der Reihe nach kritisieren? Glaubt nun jemand, daß auch nur eine Regierung Notiz von solchen Resolutionen nehmen oder sie zum Gegenstand einer legislativen oder exekutiven Aktion machen würde? Die Antisemiten ihrerseits hätten Stoff zur Erneuerung der Legende vom ,internationalen Juden“‘. Wimborne erklärte, die Ansichten des Vorsitzenden Montefiore seien die einer kleinen, wenn auch einflußreichen, Minderheit. Würden die Deputierten ihre Wähler befraf־־־ ־ ' '" ־־ ' י ־ יי "־' ־ suchte jedoch, daß die aus Amerika kommende Einladung zur Teilnahme an der Weltkonferenz ernstlich erwogen werde. Der Präsident des Board of Deputies d’Avigdor Goldsmid gab die Versicherung, daß die Einladung einer ernsten Erwlgung unterzogen werden ,wird.