Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-05-24 · Heft 41 (24.5.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 41 (24.5.1932)
Date
1932-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653392--22982-2681282
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 194 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 21 V. 1932 der ihr nicht sympathisch, Ihrem Gatten aber beinahe verhaßt ist: als einer jener ״elenden Schreihälse, die Jedem vater״!indisch denkenden Israeliten das Leben verleiden — durch ihre zersetzende Kritik, ihre ewig offene Schnauze, den mangeln• den Willen zur bürgerlichen Einordnung“. Dieser stumm gedachte Satz bezeichnet Herrn Hugo Wahl* politischen Standort und dessen seelischen Unterbau, freilich etwas vergröbernd und karikierend, denn das Wort ״Israelit" hat noch niemals ein Jude Im geheimen Gedankenaustausch mit sich selbst verwandt, so oft er es auch nach außen wenden und, vor allem, von außen hören mag. Aber sonst stimmt es schon: dieses ״Wahl“preußentum, diese neupreußisch-jüdische Tüchtigkeit der damals mittleren, heute alten Generation, die vor dem Kriege auf der Konjunkturwelle schwamm und heute mit uns allen im Ebbesand der Krise sich abzappelt, die war nicht national-liberal aus deutschpolitischer Ueberzeugung oder aus massivem Klasseninteresse, sondern aus eingeklemmten Judenkomplexen. Zweig bringt diesen Hugo Wahl zwar nicht recht auf seine korpulenten Beine, dazu ist er selbst noch viel zu viel, wieder wie wir alle, sentimentaler Sohn dieses Geschlechtes; es fehlt ihm die unerbittliche Schärfe, die der geniale Zeichner George Oroß für diese Typen hat; Zweig sieht ihn noch mit dem menschlich sympathischen, künstlerisch schwächenden Erbarmen des jüdischen Sohnes für seinen Vater gleichsam ur.d macht ihm die Umkehr allzu leicht: zu Schieffenzahn-Ludendorff befohlen, fährt er stolzgeschwellt, mit noch zwei anderen, übrigens würdigen, jüdischen Begleitern, nach Ober-Ost, und man weiß nicht recht, was ihn mehr von seinem Preußentum abbringt: das unmenschliche, aber schließlich nicht ausgeführte Projekt, die Juden des okkupierten Rußlands auf Schiffe ״nach Amerika“ im Minenmeer — beinahe: — auszusetzen, oder die Nichteinladung zum Abendbrot, der Mangel einer freundlichen Geste nach der ergebnislos verlaufenen Besprechung. Schade, daß der seine prachtvolle Exzellenz Lychow — im ״Grischa“ — so unbarmherzig auf die Gewissensfolter spannende Dichter nicht auch ״unseren“ Hugo Wahl auf eine etwas härtere (und auch spannungsreichere!) Probe gestellt hat! Ueberfließende Liebenswürdigkeit, Titel und Orden hätten auf der einen Waagschale liegen sollen — und auf der anderen nur das Schicksal dieser paar Ostjuden: diesen Konflikt hätten wir miterleben mögen! Vielleicht hätte Hugo Wahl auch in i h m gesiegt — wir nehmen es zu seiner und zu unserer jüdischen Ehre an! aber das wäre dann wenigstens ein etwas schwererer Sieg gewesen. Doch wer gibt einem Dichter Ratschläge, und noch dazu nachträglich! * Hugo und Mathilde Wahl stehen eingekeilt zwischen zwei Generationen, die sehr anders als sie sind: der Großvater Mar• kus hält mit seinen Enkelkindern Leonore und David zusammen, obwohl auch er von ihrem wirklichen Leben mehr ahnt als weiß: aber die eigenen Eltern sind gänzlich ahnungslos! David freilich, der hochmusikalische, offenbar künstlerisch bedeutende Obersekundaner, dann Primaner, der frühwissende, männlich handelnde, aber trotz aller Frechheit noch jünglingshaft strenge David — seine Wange fühlt sich noch sammetweich an, obwohl er der Schwester bei der Abtreibung ihrer von Werner Bertin ein wenig gewaltsam empfangenen Frucht heimliche und sachverständige Ratschläge zuzuleiten und Hilfe zu verschaffen imstände ist — dieser David also gibt seinen Eltern Gelegenheit, ..die wenigen lel4üs!1■ «1 y&rk&11!B£ri£9 jü^ssfeea -kutiakte~ zu üben, die sie sich bewahrt haben: dem Vater, wenn die Aussicht, ״der Junge werde einmal dem Namen Wahl den Glanz eines künstlerischen Ruhmes zufügen“, sein Herz höher schlagen läßt; der Mutter, wenn sie so fordernd, so präzis, so unverschämt zu Gott betet, wie es wohl nur der Jude fertig bringt: ״Diesen Jungen zurückstellen, Gott, verstanden“. Freilich — ungetrübt können sich solche Instinkte in diesen Menschen nicht mehr auswirken: nicht des Vaters Ehrfurcht vor dem Geiste, die in früheren Zeiten den besten Bachur — ״ein jüdischer Jüngling, der noch lernt“, definiert Hugo Wahl gehässig dieses einzige jüdische Wort seines Sprachgebrauchs —■ und heute den Privatdozenten zum erkorenen Schwiegersohn des reichen jüdischen Kaufmanns macht, noch der Mutter Lebensangst um den Sohn, die so fern von aller Gracchenhaltung ist. Denn der Vater will eben, wenigstens zunächst, den Geistigen nur als Sohn, nicht aber als Schwiegersohn, und findet sich mit diesem nur ab, damit auch er jemand aus der Familie im Felde habe, wenn der Herr Ministerialrat nach einer Aufsichtsratssitzung danach fragt, und die Mutter könnte hier ihr jüdisches Gebet überall beten: ״in jeder Kirche, in jedem Tempel, gleichviel“. Immerhin: soweit noch jüdische Gefühlstradition vorhanden ist, geht sie, wie immer in jüdischen Familien, selbst den verwurzeltesten, stärker auf und über den Sohn. Jüdische Töchter sind immer ein wenig Stiefkinder. Lenore ist, von den Eltern her, sehr allein, sie trägt ihr ganz außerbürgerliches, ganz außerjüdisches Schicksal in absonderlicher Einsamkeit. Und auch der alte Großvater hilft ihr gleichsam anonym: sein Erinnerungs- und Slolzjudentum dürfte diese Schande auch nicht wissen: es reicht ihm zu politisch linken Ansichten aus Solidarität der Unterdrückten, zu früheren Einsichten über Dauer und Ausgang des Krieges, zu moralisch echten Aufwallungen, zum Spott über das assimilierte Preußentum Hugo Wahls, zu jüdischen Ausdrücken, um den Sohn zu ärgern, und zur borgweis fiktiven Hingabe von 5000 Mark für den frechen Werner Bertin, der ihm als Schwiegerenkel gefällt. Zu mehr reicht es wohl nicht. Auch hier wird die ernst e Probe nicht gemacht; wieder erspart sie der Dichter seiner Gestalt. * Wie weit reicht dieses Judentum bei Werner Bertin selber? Die hebräisch-deutsche Bibel seines Besitzes, die er ebensowenig wie eines seiner anderen vertrauten Bücher mit ins Feld nimmt, die Tatsache, daß er ״in seinem Leben und Schreiben weit davon entfernt ist, sich seines Judentums zu schämen“, die blitzschnell überschlagende jüdische Solidarität schließlich, die von seinem — damals in Mazedonien — schwarz bebarteten Gesicht auf einen jüdisch-intellektuellen Küchenunteroffizier ausgeht und den an sich zieht, obwohl sie beide gegen Schwelnernes keinerlei Vorurteile zu haben scheinen — das ist beinahe alles, was wir von Bertins offenbar daliegendera Judentum erfahren, und es ist nicht ganz leicht, zu entscheiden, inwieweit es mehr als Erbgut seines noch provinziell-kleinbürgerliehen, beinahe handwerklichen Elternhauses zu gelten hat, und inwieweit es schon ganz eigener Persönlichkeitsbesitz dieses nur sehr langsam aus großem zerteiltem Reichtum zur Persönlichkeit zusammenwachsenden jungen Menschen ist. Aber wenn die Herkunft solcher positiven oder halbpositiven jüdischen Haltungen bei Bertin zweifelhaft bleiben mag: eine, negative, Stellungnahme ist ihm ganz eigen: auch er flieht in den Westen, vor dem Osten, gleich seinem künftigen Schwiegervater, und doch ihm ungleich, denn es geht nicht ln die Potsdamer Luxusvilla, sondern in das bei Lille schwieriger als im Osten ertragbare Leben eines ״Armierungsaoidaten“, zu Deutsch: Schippert. Bei dieser freiwilligen Meldung, seiner letzten im Leben, aus der Garnison nach dem Westen statt nach dem ausdrücklich wegen seiner Juden gefürchteten Oaten, steht auch Werner Bertin, wieder gleich seinem ihm so wesensfremden Schwiegervater, ausweichend dem östlichen Erlebnis, das jenen umwarf, eingekeilt zwischen zwei Typen und Möglichkeiten: zwischen dem Ingenieur Kröhling, der weder Jude noch Arbeiter, Sohn angesehener Eltern, sich unsentimental — man muß schon sagen: sehr unsentimental! — vom Frontdienst drückt, und seinem Schwager David, der zwar, unter der Last seiner patriotischen Schulatmosphäre, schließlich auch klein beigibt und sich freiwillig meldet, aber doch niemals, selbst wenn er genommen worden wäre, zu jener Ideologie des Dienstes, des Heeres, des in Deutschlands Krieg repräsentiertem Weltgeiste käme, die Bertin über alle tapfer ertragenen Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten des Soldatenlebens erhebt, ihn aber freilich auch, um ein Haar, durch die Uneigentilchkeit seiner das Konkrete und Augenblickliche immer wieder zugleich berichtenden und verschleiernden, doch stets egozentrisch erscheinenden Feldpostrhetorik um die ganz unrhetorische, sehr gegenständliche und augenblicksverhaftete Liebe Leonores gebracht hätte. Es ist ein besonders feiner und starker, wenn auch vielleicht allzu deutlich ״gesetzter“ Akzent dieses Buches, daß dieses Schippers Bertin Gang ins Feld als Flucht vor einem ebenfalls wahren, dem zivilen Heldentum seines ״verlassenen“ Mädchens erscheint, das nach der Abtreibung allein mit ihrer Qual und, allerdings, ihrem Bruder zurückbleibt. Ja, in der Tat, in Bertins ״Unterströmungen . . . scheint auch da nicht alles so zu fließen, wie seine Oberfläche es spiegelt . . Das Unbewußte ist ja eine jüdische Krankheit! * Arnold Zweigs künstlerische Gefahr ist die Ueberbelichtung, die zu starke Bewußtheit. Die Jupiterlampen dieses großen Verstandes brennen oft zu hell, sie zersetzen seine eigenen Gestalten in ihrem Uebertageslichte. Das war in den ״Novellen um Claudia“ so, das war überraschend anders im ״Grischa“, das ist hier wieder so. Also ein, zeitweiser, Rückschritt? Es geht uns nicht um Zensuren, sondern um Erkenntnis des hier im Dichter selbst vorliegenden jüdischen Problems. Arnold Zweig kommt, soweit wir sehen, nur dann zur runden, urgezeugten, nicht reflektierten Gestalt, wenn er nicht reflektierende Menschen schildert —■ also: Nichtjuden. Der Sergeant Grischa ist einfach da, Exzellenz Lychow ebenso; hier in diesem Buche, episodenhaft, der Schwimmlehrer Klietn. Die Juden sind eben nicht ״einfach da“, sondern ״kompliziert da“, das gehört zu ihnen. Und es gehört wohl zu Arnold Zweig, daß er diesen reflektierenden Juden immer wieder aufsuchen muß. Den schildert er nun, von innen her, unheimlich echt und nuanciert, aber wohl ohne die Sicherheit des archimedischen Punktes außerhalb dieser seiner (immer höchst autobiographischen) Gestalten, von dem aus er den russischen Sergeanten und den preußischen General so unverlierbar und unvergeßiich hinbaute, und den z. B. Thomas Mann für seinen problematischen katholischen Juden und Selbstmörder Leo N aphta (im ,,Zauberberg“) innehat. ____ Woran liegt das? Die tiefste Assimilation der Juden ist nicht die der Kultur und nicht die der Gesellschaft, sondern die des Glaubens, genauer: die des Glaubens an den Unglauben. (Benjamin Disraeli war einer der ersten, der dies erkannt hat.) Einmal klingt dieser Ton auf, vor Lenores großem Entschluß: ״Hätte sie sich doch auf die Knie werfen dürfen, vor einem Kruzifix oder einer Mutter Gottes: Laß mich noch einmal, noch diesmal davonkommen! Aber keine Tröster gab es für sie, keinen Glauben, nur den leeren Himmel der großen astronomischen Gesetzmäßigkeit.“ Das wird ganz objektiv hingestellt, und es scheint, daß der Dichter mit ungeteilter, mit restloser Sympathie den tapferen Erdenweg dieses allein auf sich gestellten, glauben*- losen Menschenkindes verfolgt. Führt von hier, aus dieser säkularisierten Sphäre, ein Weg zurück zum Judentum? Und damit zu jenem archimedischen Punkte, von dem aus sich die Welt der assimilierten Juden aus den Angeln heben und plastisch wieder aufbauen läßt? Wird der Dichter gar seine jungen Menschen diesen Weg in die Objektivität des großen Judentums führen? Erst ״Erziehung vor Verdun“, die schon angekündigte Fort- Setzung der Tetralogie, muß es lehren, von welchem Buche wir den ersten großen jüdischen Erziehungsroman unserer Zeit erhoffen dürfen, denn der Jude Werner Bertin wird seine zentrale Figur sein. Aber ein, freilich deutungsbedürftiges, An- Zeichen haben wir vielleicht schon jetzt: es findet sich in einem kleinen Kunstfehler, der, wie oft bei Unkonsequenzen, das Eigentliche verschweigend aussagen mag. Der bewußte Jude Markus Wahl hat seinen Sohn Hugo genannt, und dieser Assimilant nennt — iq Potsdam! — seinen Sohn David, nicht nur für die Synagoge, die ja übrigens außer bei Bertins und Leonores endlicher Kriegstrauung, keinerlei Rolle spielt, sondern für den Alltag, für Schule, Haus und künftiges Leben. Die seelische Kausalität der Wahls kann dieses Faktum nicht hervorgebracht haben, aber vielleicht die, hier dem Stoff widerspenstige, des Autors. Vielleicht ״sollen“ dieser Markus und dieser David nebeneinander treten, substantiell aus ihren Funktionen gelöst, und nun wieder zwei unmittelbar nachbarliche Glieder einer Kette bilden, die freilich zurück hinter diesen Markus reicht und über diesem David hinauslangt. Jüdischen Zahnärzten zur Beachtung! Aus Zahnärztekreisen werden wir gebeten, die Aufmerksamkeit derjenigen jüdisehen Zahnärzte, die Leser unseres Blattes sind, darauf zu lenken, daß am 30. Mai in Berlin die Wahlen zum Landesverband Berlin des Reichsverbandes der Zahnärzte stattfindet. Es sind von seiten der N ationalsozialisten Bestrebungen im Gange, ihre Vertrauensleute in die leitenden Stellen dieser Organisation zu bringen und die jüdischen Kollegen aus dem Vorstand zu entfernen. Es braucht wohl kaum mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen zu werden, welche Gefahren in einem solchen Vorgang liegen und wie wichtig es für alle jüdischen Zahnärzte ist, durch Teilnahme an den Wahlen ihre Rechte wahrzunehmen. Es liegen bereits eine Anzahl von Fällen vor, wo es Nationalsozialisten in der Provinz gelungen ist, jüdische Zahnärzte aus den Ehrenstellen der Organisation zu verdrängen. Darum muß dieser Angelegenheit erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt werden. Zur Europareise des Emir Feissal Der Emir Feissal, der dieser Tage auf seiner Tour durch die europäischen Hauptstädte auch Berlin besuchte, ist der zweite Sohn des wahabitischen Königs Ihn Saud von Hedschas und Nedschd. Er darf trotz des gleichlautenden Namens nicht verwechselt werden mit jener Figur, die unter der Bezeichnung ״Emir Feissal" einst ein hohes Interesse in zionistischen Kreisen gefunden hat und als Reprlsentant der gesamten arabischen Nation bei der Friedenskonferenz ln Versailles auftauchte. Jener Emir Feissal war der Sohn des damaligen Königs Hussein von Hedschas, der zu dem Hause Ibn Saud in scharfer Rivalität stand. Emir Feissal, Sohn Husseins, hat bekanntlich, nachdem er schon früher 1918 mit Dr. Weizmann eine Art Freundschaftsvertrag abgeschlossen hatte, dann in Paris während der Friedenskonferenz den bekannten Brief an den amerikanischen Zionisten Prof. Frankfurter geschrieben, worin er die Sympathien der Araber mit dem Zionismus zum Ausdruck bringt. Feissal, Sohn Husseins, der am Ende des Weltkrieges nach der Niederlage der Türkei zusammen mit Engländern und Franzosen siegreich in Damaskus einzog, ließ sich dann kurz darauf zum König von Syrien ausrufen, wurde aber von den Franzosen besiegt und vertrieben. Die Engländer haben diesen Feissal dann zum König von Irak gemacht, wo er noch heute regiert, so daß er jetzt nicht mehr ״Emir“ Feissal, sondern ״König“ Feissal heißt. Dieser König Feissal hat voriges Jahr gleichfalls Europa und auch Berlin besucht. Vor drei Tagen ist sein Königreich Irak in den Völkerbund aufgenommen worden, so daß er jetzt unabhängiger arabischer Souverän ist. Emir Feissal, Sohn Ibn Sauds, der jetzt in Berlin war, wird nach seiner Europareise, die ihn auch nach Moskau führt, auch Persien, die Türkei und schließlich seinen Namensvetter in Irak besuchen. Diesen Besuchen in den orientalischen Staaten kommt um so größere Bedeutung zu, als bekanntlich auch König Feissal von Irak vorigen Monat in Persien war und damals viel über ein Bundesverhältnis der drei Staaten Türkei, Persien und Irak gesprochen wurde. Ibn Saud als machtigster Fürst der arabischen Halbinsel stand, wie erwähnt, in scharfem Gegensatz gegen die Familie seines inzwischen verstorbenen Rivalen Hussein. Es kam auch wiederholt zu Grenzkämpfen zwischen Irak und Nedschd sowie zu Streifzügen der Wahabiten gegen Transjordanien. Doch haben die Engländer 1929 eine Versöhnung Ibn Sauds mit König Feissal von Irak zustande gebracht. Sollte die Reise des Emir Feissal eine weitere Annäherung zwischen den halbnomadischen Arabern der noch fast un erschlossenen riesigen Halbinsei und den seßhaften Arabern des kultivierten Fruchtlandes zustandebringen, so würde dies eine außerordentliche Vergrößerung der arabischen Macht bedeuten. Was den Zionismus betrifft, so ist leider zu sagen, daß seine Beziehungen zu den verschiedenen moslemischen Staaten in der Nachbarschaft Palästinas äußerst geringe sind. Es ist bisher nicht gelungen, eine politische Arbeit, wie sie im Westen geleistet wurde, auch im Osten Palästinas zu organisieren. Diese Dinge gewinnen aber immer mehr an Bedeutung, zumal wenn wir bedenken, daß der Irak jetzt Mitglied des Völkerbundes wird. Es ist* ־.nicht bekannt geworden, ob die Londoner״־ Exekutive ־der“jev»tsh־־ Agency״״ mit dem Emir Feissal, Sohn Ibn Sauds, während seines Londoner Aufenthaltes Fühlung gesucht hat. Die Vorgänge innerhalb der erwachenden und sich mit Hilfe der Großmächte neu organisierenden arabischen Welt finden leider im zionistischen Lager noch immer nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Die Reise des Emir Feissal gibt einen Anlaß, neuerlieh auf diese Verflechtung der Dinge hinzuweisen. Soelling - Seligsohn Bei der Besprechung des sensationellen Prozesses des Berliner Landgerichtspräsidenten Soelling in der linkserichteten Tagespresse ist leider der jüdische spekt dieser Angelegenheit etwas zu kurz gekommen. Herr Soelling hat bekanntlich gegen das 8״-Uhr-Abendblatt“ Beleidigungsklage erhoben, weil dieses ihn der Gesinnungskorruption bezichtigt hatte. Der an geklagte Chefredakteur Dr. Felix Hirsch, vertreten durch R.-A. Dr. Klee, hat bei der Verhandlung den Wahrheitsbeweis geführt, und das! Gericht kommt in seinem Urteil zu dem Ergebnis, daß Soelling tatsächlich die sozialdemokratische Partei verlassen hat und zu den Deutschnationalen übergegangen ist, weil seine Karrierewünsche nicht erfüllt wurden. Herr Soelling, Sohn des Kultusvorstehers Seligsohn aus Bromberg, hat ausgesagt, daß er seinen Glauben aus religiösen Motiven und seinen Namen um des Deutschtums wißen gewechselt hat. Er ist geradezu der klassische Typ des Assimilanten. Da wir Zionisten diesen Typus seit Herzls Aufsatz ״Mausehel“ genugsam kennen, ist darüber kaum ein Wort zu verlieren. Was uns interessiert, ist nicht Herr Soelling, sondern die Haltung der liberalen öffentlichen Meinung. Namenswechsel und Glaubenswechsel erscheinen dieser Oeffentlichkeit als Belanglosigkeit; erst wenn ein Mann auch die politische Partei wechselt, wirft man ihm Charakterlosigkeit vor. Als ob es nicht viel schlimmer wäre, seine Abstammung zu verleugnen und seine Religionsgemeinschaft aus opportunistischen Gründen zu verraten, mit Dingen des Glaubens ein Spiel zu treiben! Die liberale Welt hat den Juden gegenüber ein falsches Rezept angewandt. Sie hat jede Art Assimilation berüßt und geradezu begünstigt und sich keine Gedanken arüber gemacht, daß Renegatentum einen Charaktermangel darstellt und der Renegat keineswegs ein vollwertigerer Mitbürger sein kann als ein die Treue wahrender Jude. Erst wenn die natürliche Folge eintritt und das Renegatentum sich auch auf das neue Heiligtum, die politische Partei, erstreckt, dann entsteht Aufregung und Entrüstung. Der Fall Soelling-Seligsohn sollte über den relativ unwichtigen Anlaß hinaus der nichtjüdischen und jüdischen Oeffentlichkeit zu einer Revision ihrer Betrachtung der Judenfrage verhelfen. Wir haben freilich wenig Hoffnung, daß sich das Denken bis zu diesen Konsequenzen durchringen wird. Die Londoner ״Times“ berichtet, daß ein Londoner Kunsthändler, der einer Auktion in Chillingham Castle beiwohnte, bei Besichtigung dortiger Dienstbotenräume einen als Kleiderschrank benutzten, mit ungewöhnlich schönen Ornamenten verzierten Schrank entdeckt »habe, der Inschriften in hebräischer Sprache trägt. Es stellte sich heraus, daß es sich um eine Thoralade von einzigartiger Pracht im Barockstil handelt, die um etwa 1575 entstanden ist und aus einer venezianischen Synagoge stammt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.