Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 39-40 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39/40, 20. V. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 187 Diskussion der Judenfrage Klärung? Von Dr. Arthur Prinz. Im September 1930 gaben die ״Süddeutschen Monatshefte" eine Sondernummer über ״Die Judenfrage" heraus, in der neben den Vertretern aller bedeutenderen jüdischen Richtungen auch christliche Autoren verschiedenster Anschauung zum Worte kamen, so daß der Leser wirklich eine leidlich vollständige Uebersicht über den Stand der Diskussion erhielt. Aber da sich seitdem, neben manchem anderen, auch die Judenfrage so reißend schnell entwickelt hat, daß ״nicht zwei Jahre, sondern eine Welt“ vergangen zu sein scheinen, so würden gewiß alle die Juden, die von einer ehrlichen Ausspräche Gutes erwarten, jeden neuen derartigen Versuch dankbar begrüßen, dessen Methode fair und vertrauenswürdig wäre. Aber der äußerlich recht erfreuliche Band, in dem ein rechts gerichteter Verlag zwölf Autoren sich zur Judenfrage äußern läßt,1) zeigt schon in der Anlage schwere Mängel, die den Wert des Buches in Frage stellen. Von den zwölf lebenden Autoren sind vier Juden, und zwar ein ״nationaldeutscher“, zwei Kommunisten und ein Zionist — basta! Weder die Orthodoxie noch die zahlenmäßig immer noch stärkste Gruppe, die Liberalen, kommen zu Worte, — ohne daß klar wird, wie weit hierbei eine Absicht des Herausgebers oder ein bloßer Zufall am Werk gewesen ist. Nun ist sachlich allerdings das Fehlen des CV-Standpunkts kein Schade; zeigt doch der gesamte Inhalt dieses Bandes, daß die Diskussion der Judenfrage über die um dreißig Jahre rückständige Ideologie der Liberalen einfach hinweggeht, — jedoch es entsteht ein falsches Bild von der politischen Verteilung der deutschen Juden. Warum aber andererseits der kommunistische Standpunkt doppelt vertreten ist, obwohl beide Autoren sich durchaus einig sind, bleibt vollends unverständlich; oder sollte vielleicht der Eindruck erweckt werden, als ob ein besonders großer Teil der deutschen Juden kommunistisch sei? — Ebenso seltsam ist die Auswahl der nichtjüdischen Autoren. Sieben meistens recht junge deutsche Nationalisten, ein vielleicht als liberal zu bezeichnender Autor, — und dazu, als Dreizehnter und als einziger Verstorbener, Friedrich Nietzsche! Von die‘ sem sind aber ganz einseitig bestimmte Stellen aus den Schriften ״Zur Genealogie der Moral“ und ״Der Anti- Christ“ herausgesucht, die Nietzsche als Antisemiten erscheinen lassen. Daß neben diesen gewaltigen Anklagen Aeußerungen ganz anderer Art stehen, — Ausdrücke nicht mir höchster Bewunderung, sondern selbst tiefer Dankbarkeit für die Juden, das weiß jeder Nietzsche-Kenner;*) sollte es wirklich Herr E. J., der als Herausgeber dieser peinlichen Nietzsche-Anthologie zeichnet, nicht gewußt haben? (Trotz der Initialen und gewisser anderer Gründe möchten wir nicht glauben, daß dieser Nietzsche-Jünger ohne Ernst Ernst Jünger heißt!) Wir wären auf diese Zitate nicht näher eingegangen, bestände hier nicht eine tiefere Beziehung zu dem Geist des Buches. Damit meinen wir nicht nur die Tatsache, daß mehrere Autoren sich auf Nietzsche berufen, als wäre er — der .#ch auch wieder musrief; ״Welch׳ eine Wohltat ist ein Jude unter Deutschen!“ — ein Antisemit, sondern viel wesentlicher erscheint uns der ungeheure allgemeine Einfluß Nietzsches, der in den meisten nichtjüdischen Beiträgen spürbar ist — am meisten wohl bei Ernst Johannsen und Hans Blüher — und der jedenfalls eine der Hauptursachen für das erschreckende geistige Chaos ist, das vor dem Leser dieses Buches aufsteigt. Vergleicht man die Beiträge der sieben deutschen Nationalisten, so hat man den Eindruck, als ob es hier überhaupt keine gemeinsamen geistigen Grundlagen mehr gebe. War Nietzsches ״Umwertung aller Werte“ ein ungeheures Wagnis, fast ein vermessener Frevel, weil hier ein Einzelner, von seinem Dämon getrieben, die allgemein anerkannten Werte in Frage zog und prüfte, so hat heute und hier jeder seine individuelle Werttafel, seine persönliehe Geschichtsauffassung, und es gibt nichts, was man nicht ohne Mut und Mühe jederzeit ״umwerten“ könnte! So sind etwa in diesem Buch die einen Antisemiten aus christlidhen Gründen, die anderen verwerfen das Christentum, weil es ihnen zu jüdisch ist . . . Dieses Chaos der Begründungen ist noch viel erschreckender, als die Heftigkeit des Judenhasses selbst, der uns entgegenschlägt. Die einzelnen Beiträge sind von ungleichem Rang. Ueber die jüdischen Autoren genügen einige Worte. Der unver• meidliche Max Naumann unterscheidet sich schon durch den spielerischen Unernst seiner Ueberschrift (״Grüne Fragen und gelbe Antworten“) und sein merkwürdiges Gemisch aus Witzelei und Pathos unvorteilhaft von allen übrigen Autoren, die wenigstens den Rang des Problems selbst begriffen haben. Interessant ist übrigens die biographische Notiz, daß Nau■ mann — neben dem Grafen Reventlow der einzige ältere Autor! — lange vor dem Krieg kgl. bayr. Leutnant d. Res. gewesen ist — uns scheint, daß er bis heute über diese Ehre nicht hinweggekommen ist! Auch über die beiden jüdischen Kommunisten Otto Heller und Alfred Kantorowicz ist wenig zu sagen, nachdem Hellers Schriften und Vorträge wiederholt in der ״Jüd. Rundschau“ besprochen wurden. An gesichts der unerträglichen Plattheit und Eingleisigkeit dieses Denkens, das alles streng ״materialistisch“ erklären will, und dabei von der jüdischen Religion etwa so viel begreift, wie eine physikalische Betrachtungsweise vom Wesen einer Beet• hovenschen Symphonie erfassen könnte, liest man nicht ohne schmerzliche Ueberraschung, daß Kantorowicz früher einmal Zionist war; welches sacrificium intellectus muß er beim Ein tritt in das Lager des rechtgläubigen Marxismus gebracht haben! Welche geradezu eschatologischen Vorstellungen in diesen ständig von Wissenschaft redenden Marxisten lebendig sind, zeigt etwa Hellers Satz, nach dem ״die Juden frage ein Teil der Vorgeschichte der Menschheit“ ist, der selbstverständlich nach Eröffnung der eigentlichen Geschichte durch den Sozialismus verschwinden wird! Wenn schließlich der zionistische Standpunkt von Dr. Robert 1) Klärung. Zwölf Autoren und Politiker über die Judenfrage. Verlag Tradition Wilhelm Kolk. Berlin SW 68. 205 Seiten. 2) Einen guten Aufsatz über Nietzsches Stellung zum Judentum hat K. W. Goldschmidt im Berl. Qemeindebiatt vom Februar 1931 veröffentlicht. Weltsch, dem Chefredakteur dieses Blattes, vertreten wird, so muß hier aus naheliegenden Gründen der bloße Hinweis auf diesen sehr ernsten, neben den meisten anderen Aeußerungen nüchtern und unliterarisch wirkenden Aufsatz genügen. Auch die Beiträge der nichtjüdischen Autoren müssen zum Teil als minderwertig bezeichnet werden — nicht etwa wegen ihrer Tendenz, die auch in würdigerer Form vertreten werden könnte, sondern wegen des erschreckenden Mangels an Selbstzucht und intellektueller Redlichkeit. Dies gilt u. E. vor allem von dem Aufsatz von F. W. Heinz, einem jungen deutschen Nationalisten, dessen politisches Bekenntnis in Hielschere ״Reich“ enthalten ist. Heinz, der mit Stolz Martin Luther und das Haus Bourbon-Condö zu seinen Vorfahren zählt, schreibt u. a. folgendes; ״Noch vor den edelsten Vertretern des Messianismus oder den opferfreudigsten Vorkämpfern eines jüdischen Nationalismus überfällt den Deutsehen die trostlose Traurigkeit, wie sie ihn sonst nur noch überkommt angesichts absterbender Bäume, deren Wurzel verdorrt ist, indessen die grünende Krone den Rest der aufgespeicherten Energie verbraucht . . .“ ״Im Zionismus offenbart sich immer wieder nur jene negative Dämonie verworfener Völker, die das Gute will und doch nur das schafft, was von den jungen und gesunden Völkern als Belästigung oder Hindernis auf ihrem eigenen Wege empfunden wird.“ Angesichts dieser Sätze überfällt den Leser die ״trostlose Traurigkeit“, die ihn sonst nur beim Genüsse sehr schlechter Feuilletons überkommt! Welch sträflicher Mißbrauch großer Worte ohne gedankliche Zucht, ja wahrscheinlich ohne lebendige Empfindung! Herr Heinz versichert uns auch, es gebe auf der ganzen Welt eigentlich nur zwei Völker, die wirklich gehaßt würden, nämlich die Deutschen und die Juden; aber während die Deutschen schöpferisch und selbst ohne Haß seien, zwinge uns der jüdische Haß ständig, entscheidende Fehler zu begehen .. . Daß die Deutschen ohne Haß sind, Herr Heinz, das weiß heute jedes jüdische Schulkind! Nicht viel wertvoller erscheint uns Blühers äußerst spekulativer Aufsatz ״Die Erhebung Israels gegen die Christliehen Güter“, sowie auch Hielschers geistvolle, aber verstiegene Konstruktion ״Reich und Israel“. Weitaus am schlimmsten aber ist in Ton und Inhalt der Aufsatz des Grafen Reventlow — übrigens des Bruders der charmanten Gräfin Franziska Reventlow, die Christen und Juden in gleieher Weise in ihr Herz schloß. Daß R. im Juden eine ״Weltpest“ sieht, deren Ausrottung in Deutschland (aber ohne Pogrom!) ״das Signal zu einer Weltbefreiung“ geben soll, ist vielleicht noch nicht so erschreckend, als die ganze, von ״pseudomoralischen Zwirnsfäden“ unbehinderte Haltung dieses Mannes — eines typischen Vertreters jener bloßen Machtanbetung, die im Kriege Deutschland so ungeheuren Schaden gebracht hat! Aber neben solchen unerfreulichen Aufsätzen stehen einige Beiträge, deren Ernst, guter Wille und gedankliche Tiefe sie auch für denjenigen wertvoll machen, der ihre Tendenz oder einzelne Gedanken ablehnt Hans Job st wendet sich in einem kurzen Beitrag scharf gegen 4ie bewußte oder unbewußte Verhöhnung deutschen Volks- und Bürgertums durch große jüdische Kreise, und schließt mit folgenden Sätzen: ״Der Jude sollte, wie wir jungen Deutschen, den Mut aufbringen und sich erneuern. Der Jude ... sollte sich auf sein Volkstum besinnen. Dann braucht er gar nicht die schöne und edle Uebertreibung, die gläubige Utopie des Zionismus, dann könnte er als Einheit, als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz neben uns Deutschen, mit uns wirksam sein. Uns trennt nur Mimikry, Verleugnen .. . Verwischen . . . In-Abrede-Stellen.“ Richard Euringers Standpunkt — ein sehr merkwürdig begründeter und nuancierter, vorwiegend religiöser Antisemitismus — kann uns wohl schmerzlich berühren, darf uns aber nicht verleiten, an der Tiefe und Ehrlichkeit dieser Gesinnung oder dem geistigen Rang des Autors zu zweifeln — während der Beitrag Ernst Johannsens im Niveau sehr ungleichmäßig ist; neben Stellen von wirklichem Wert wirkt anderes, besonders gegen End« des Aufsatzes, flach und unbefriedigend Ein merkwürdiger Widerspruch ist es auch, daß Johannsen, der so scharfe Worte gegen den Stumpfsinn der materialisti■ sehen Geschichtsauffassung findet, andererseits ,gerade den bekannten Aeußerungen Marxens zur Judenfrage großes Gewicht beilegt! Für den weitaus wertvollsten nicht jüdischen Beitrag halten wir den Aufsatz Walther von Holländers, dessen Inhalt sich freilich nicht auf eine kurze Formel bringen läßt. Vor allem erkennt er klar die Ve rknüpf un g des heutigen Antisemitismus mit der allgemeinen Kulturkrise: ״Wo die Judenfrage (und die Christenfrage) aktuell wird, da ist es um die innere Einheit des Christen nicht gut bestellt Da müssen die geistigen Fundamente, die naturhaften Stützen der Ueberzeugung morsch geworden sein, da muß vor allem die eigene Lebensform nicht mehr überzeugen.“ Und Holländer, der die Judenfrage in keiner Weise nach dem Muster der liberalen Juden zu bagatellisieren sucht, sondern bis in alle Tiefen vorzudringen bemüht ist und besonders über die religiösen Fragen wesentliche Erkenntnisse bringt, kommt, ähnlich wie Johst, zu dem Resultat: ״Man soll sich um sich selbst kümmern. Jede Rasse und jedes Volk soll ^ich um sich selbst kümmern, das ist das Grundgesetz, von dem aus allein alle Rassenfragen und Volksfragen gelöst werden können. Das ist das Grundgesetz der Besinnung, welches seltsamerweise das konservative Prinzip der Verantwortung, wie das liberale Prinzip der Duldung in rieh schließt.“ So wird dieses Buch, das zur ״Klärung“ der Judenfrage wohl wenig beitragen wird, im Gesamtergebnis zur eindeutigen Bestätigung der Richtigkeit des nationaljüdischen Stand- Punktes. Kern einziger der Nichtjuden erwartet etwas Gutes von der Assimilation! — Aber dieses Buch hat für uns noch einen anderen Wert. Indem es uns das Chaos der Anschauim• gen im deutschen Nationalismus zeigt, verweist es uns eindeutig auf unser eigenes Gewissen und unsere eigene Einsicht als das einzige Richtmaß unseres Verhaltens. Es ist im deutschen Nationalismus kaum etwas vorhanden, woran sich der jüdische Nationalismus orientieren, geschweige denn assiradieren könnte! Die Lage in der Berliner Gemeinde Am £2. d. Mts. Beratung über Rcidisverbnnd Wir haben in den vorangegangenen Nummern der ״Jüdisehen Rundschau“ mitteilen können, daß anläßlich der bekannten Vorgänge in der Berliner Jüdischen Gemeinde zwisehen der Liberalen Fraktion und der Volkspartet direkte Verhandlungen zwecks Klärung der Sachlage geführt werden. Wie uns bekannt wird, haben die bisherigen Verhand- Jungen bereits in der Frage der Subventionierung des Heehaluz zu einer vorläufigen Einigung geführt. Man hat sich, wie die ״Jüd. Liberale Zeitung“ mitteilt, auf folgende Formel geeinigt: *י ״Der Organisation Heehaluz wird auf Ihren Antrag als Beitrag für die Berufsausbildung von Mitgliedern, für die ein Zuschuß erforderlich ist, ein jährlicher Beitrag von 2400 M. bewilligt.“ Es ist anzunehmen, daß dieses Abkommen für alle Gremien gilt, in denen die Frage der Hechaluz-Subventionicrung mm Anlaß der schweren prinzipiellen Erörterungen geworden ist. Es ist festzustcllen, daß auf liberaler Seite die Einsicht in immer stärkerem Maße Platz greift, daß trotz der bestehenden grundsätzlichcn Unterschiede, die offen anerkannt werden, ein Zusammenarbeiten angestrebt werden muß. Die Liberalen lehnen also ebenso wie die Volkspartei irgendwelche Regelungen ab, die geeignet sind, die vorhandenen weltanschaulichen Gegensätze zu vertuschen oder zu verwischen. Daß nur dies der Sinn der ״Einheitsgemeinde“ sein kann, wurde in Dr. Kolenschers Erklärung in der Repräsentantenversammlung am 7. April klar zum Ausdruck gebracht. Diese Erklärung, als ,Minderheitsvotum des Vorstandes“ formuliert, lautete: ״Die Berliner Jüdische Gemeinde stellt im Sinne des Gesetzes von 1847 die Zusammenfassung aller innerhalb ihres Bezirkes wohnenden Juden dar. Wie deshalb kein Jude sich der Gemeinde entziehen soll, so erkennt die Gemeinde die Verpflichtung an, um das jüdische Leben aller ihrer Mitglieder besorgt zu sein. Als Einheitsgemeinde setzt sie. sich aus Juden zusammen, die in ihrer religiösen Auffassung und Weltanschauung nicht einig sind. Sie alle sollen in der Einheitsgemeinde zusammengehalten werden, indem die Gemeinde jeder Richtung, die durch ihre historische Entwicklung und durch die Zahl ihrer Anhänger die Gewähr der Dauer bietet, Autorität leiht und Unterstützung gewährt, die ihr die Führung eines jüdischen Lebens in ihrem Sinne er- ' möglichen.“ Die Einheitsgemeinde soll also di« jüdische Heimat aller Juden sein, ohne daß sie in für sie prinzipiell wichtigen Weltanschauungsfragen majorisiert werden können. Die praktische Durchführung der einzelnen Postulate hingt natürlich von der jeweiligen Situation ab. In diesem Sinne wird, wie wir erfahren, nunmehr von den großen Parteien bei aller Anerkennung der grundsätzlich verschiedenen Einstellung in den Verhandlungen ein Weg zur Ermöglichung sachlicher Arbeit in der Gemeinde und im Landesverband gesucht. Am 22. Mai findet in Frankfurt a. M. eine Sitzung von Vertretern aller jüdischen Landesverbände statt, welche die Gründüng des Reichsverbandes jüdischer Landesverbände zum Ziele hat. Bei dieser Gelegenheit werden die in Frankfurt anwesenden volksparteilichen und liberalen Vertreter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeiüden die Stfhritte besprechen, welche sich 808 "der -ffcMti Situation ergeben und die ermöglichen sollen, die von der Jüdischen Volkspartei im Verbandstag abgelehnte Not-Umlage zu bewilligen. Ob dies im Wege des ständigen Ausschusses oder auf andere Weise geschehen kann, ist eine Sache technisch-juristischer Ueberlegung. In Anbetracht dieser im Zuge befindlichen Verhandlungen wollen wir dem in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ zum Ausdruck gebrachten Vorsatz treu bleiben und in diesem Augenblick darauf verzichten, zu dem gesamten Fragenkomplex von unserer Seite aus Stellung zu nehmen. ״Der Jüdische Student". Im Rahmen der von Rabbiner Dr. Max Wiener geleiteten Studentenseelsorge der Jüdischen Gemeinde Berlin sprach Prof. Georg Bernhard in einer stark besuchten Versammlung von Studenten aller Richtungen, die im Gemeindehaus, Fasanenstraße 79/80, stattfand, über das Thema: ״Der jüdische Student.“ Deutschland, so führte der Redner aus, war von je das Land des Antisemitismus. Dennoch waren Juden in Deutschland auf allen Gebieten des Lebens erfolgreich tätig. Dies war nur darum möglich, weil der Jude überall eine stärkere Potenz entwickelte und ein größeres Gewicht an Begabung, Fleiß und Lebenswillen in die ,Waagschale werfen konnte. So war es von je in der jüdischen Geschichte und das hat auch das Judentum durch die Jahrhunderte der Verfolgung erhalten. Heute hat sich das Problem der jüdischen Jugend verschärft. Die Errungenschäften der Nachkriegszeit waren nur von kurzer Dauer und sind durch die neue Entwicklung bereits zu einem großen Teil verlorengegangen. Di« heutige Jugend hat es schwerer als die frühere Generation. Denn früher war man im Stadium des Höffens, heute in dem des Verzichts. Heute wie je wird der Jude in allen Zweigen des geistigen und wirtschaftlichen Lebens viel mehr leisten müssen, um den gleichen Grad der Geltung wie sein nichtjüdischer Kommilitone zu erlangen. Dieser Zwang zu höherer Leistung ist ein Segen für das Judentum, er hat das jüdische Volk in Zucht gehalten durch die Jahrhunderte. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen befaßte sich der Redner mit dem wirtschaftlichen Antisemitismus. Kein jüdischer Angestellter kann heute zu einer Stellung kommen, um die sich gleichzeitig Nichtjuden bewerben. Die gleichen Zustände herrschen in den Häusern mit jüdischen Chefs. Zu dieser Hinausdrängung von Juden aus den abhängigen Berufen tritt nun auch der Konkurrenzkampf in den freien Berufen. Jetzt geht es auch gegen den jüdischen Arzt, gegen den jüdischen Rechtsanwalt. Was die Zukunftsaspekte betrifft, warnte Redner vor allzu großem Pessimismus. Wenn man nicht an die Vernunft der Menschen glauben will, so muß man an die ״Vernunft der Dinge“ glauben. Es kommt die Periode des ,.gebändigten Kapitalismus“. Freilich wird ein Teil der jüdischen studierenden Jugend in nichtakademische Berufe zurückgebracht werden müssen. Man wird lernen müssen, den Drang zu geistiger Beschäftigung mit ungeistiger Erwerbsarbeit zu vereinen. So wie unsere Vorväter — und noch heute unsere Glaubensbrüder im Osten — einen hohen geistigen Standard bei der Beschäftigung mit den kleinen Dingen des Lebens zu wahren wußten. — Der Leiter der Studentenseelsorge, Dr. Max Wiener, umriß in der Einleitung die Prinzipien der Studentenseelsorge und bat die Anwesenden, unter den etwa 1500 jüdischen Studenten Berlins für diese Institution zu werben. — An den Vortrag schloß sich eine lebhaft* Aussprache,