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Jüdische Rundschau · 1932-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1932)
Date
1932-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 186 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39/40, 20. V. 1932 dort Wanderungen etnsetzen, deren Ziel natürlicherweise das Kulturland der Wüstenränder ist. Es gehen Gerüchte, daß die englische Regierung in West- und Ostpalästina seit langem ein wachsames Auge auf diese von der Dürre diktierten Bewegungen halt, um für unvorhergesehene Vorfälle gerüstet zu sein. Auch wird vermutlich die Mandatarmacht den Stimmen innerhalb Palästinas, wie schon bet früheren ähnlichen Gelegenheiten, eine gewisse Hilfe zu leisten versuchen, um der äußersten Not abzuhelfen. In früheren Jahrhunderten waren solche Jahre der Dürre und des damit verbundenen Hungerdruckes Zeiten der großen Wanderungen. Bei solchen Gelegenheiten bekamen die Küstengebiete einerseits und Mesopotamien andererseits den verstärkten Druck der Wüste zu spüren, die ihre Bewohner nicht mehr ernährte und sie in das lockende Kulturland an ihren Rändern trieb. Heute haben sich die Dinge etwas verschoben. Auch im Innern der arabischen Halbinsel, vor allem in den Territorien, die unter der Herrschaft I b n Sauds stehen, ist der Prozeß der Seßhaftmachung vorwärtsgeschritten, und eine Wanderung ganzer Stämme, mit Zelten, Frauen, Kindern, Vieh und allem Hausrat kommt nicht mehr ganz so leicht in Gang wie noch vor einigen Jahrzehnten. Auch sind die Wege sehr viel stärker verbarrikadiert, durch moderne Waffen, geschützte Grenzen, durch Flugzeuge und Automobile. So werden die Orts- Veränderungen wohl auf kleine Wanderungen unter der wachsamen Beobachtung der Behörden beschränkt bleiben, besonders wenn diese noch darauf bedacht sind, wenigstens der schwersten Not abzuhelfen. Wir haben innerhalb der engen Grenzen Palästinas einen Beweis dafür, daß bei dem heutigen Stande der Wissenschaft, der Betriebsmethoden — eine einigermaßen vernünftige Sozialpolitik vorausgesetzt! — eine Dürre keine Hungersnot mehr nach sich zu ziehen brauchte. Während die Fellachen- und Beduinenwirtschaft schwer getroffen ist, liegen die jüdischen Betriebe zum Teil in voller Blüte — siehe die Zitruspflanzungen, aber auch Gemüse- und Milchbetriebe —, zum Teil sind sie außerhalb der ernsten Gefahrenzone, weil sie eben mit modernen Mitteln gerüstet, sich im Falle der Not durchhelfen können. Die Erträge der Felder sind geringer, aber es besteht — selbst wenn man den so viel höheren jüdischen Standard in Betracht zieht — keine drückende Sorge. Die Gegenüber- Stellung der jüdischen und der arabischen Wirtschaft in diesem Moment zeigt, was durch eine Modernisierung, Kapitalisierung und Intensivierung der Landwirtschaft in Palästina geleistet werden kann. So wird die Idee des ״Development“, der Landeserschließung durch Intensivierung, wieder aufs äußerste aktuell. Die Notwendigkeit, die gesamte Landeswirtschaft und nicht nur einen Teil auf ein besseres Niveau zu heben, wird immer dringender, und sie liegt im Interesse des ganzen Landes, nicht nur des Teiles, der eine Modernisierung heute am nötigsten hat. So wie sich der Fortschritt der jüdischen Betriebe auch auf die arabischen auswirkte durch Beispiel und Anregung, durch neue Verdienst- und Absatzmöglichkeiten, freilich nur relativ langsam und in beschränktem Maße, so muß auch die Not und Rückständigkeit der arabischen Landwirte bei den Juden fühlbar werden. Man denke nur daran, zu welcher Unterbietung der Löhne sich ein Fellache bereit finden muß, der aus seiner Scholle nicht mehr das bescheidenste Existenzminimum herausbekommt und was das für den Kampf um jüdische und organisierte Arbeit bedeutet. Daß sich wirtschaftliche Nöte dieser Art auch auf politischem Gebiete auswirken müssen, ist selbstverständlich. Die Situation in der Politik ist gegenwärtig durch eine gewisse Ruhe und ein Abwarten ausgezeichnet. Große Aktionen sind auf keiner Seite im Gange und die Regierung gibt sehr deutlich zu erkennen, daß sie gesonnen ist, keinerlei Uebergriffe zu dulden. Freilich läßt es sich auch keinen Moment übersehen, daß es unter dieser ruhigen Oberfläche weiterglimmt. Wer geneigt ist, sich in der Hoffnung zu wiegen, daß die heutige Ruhe eine wahrhafte ist, der wird von Zeit zu Zeit dadurch aufgestört, daß einzelne Gewaltakte Vorkommen. Ist es doch heute schon geradezu zu einer Sitte geworden, in erleuchtete Fenster zu schießen, und es ist bezeichnend, daß die jetzt gerade sehr wachsame Polizei unter ihrem regsamen Kommandanten bisher noch keinen einzigen dieser Fälle hat klären können, wahrscheilich, weil es sich um eine geschickte und gut organisierte Gruppe handelt, die diese Dinge plant und durchführt. Es ist durchaus unwahrscheinlich, daß diese einzelnen Akte sich in nächster Zeit bedrohlich vermehren könnten, aber es ist einleuchtend, daß wirtschaftlicheNotzusammenmiteiner ungelösten und dauernd genährten politischen Spannung einen guten Nährboden bildet für gefährliche Agitation. In diese Zeit fallen erneut Gerüchte über die Veröffentlichung des French-Berichtes über ״Development“. In den nächsten Tagen soll dieser Bericht mit Vorschlägen über die Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft der Jewish Agency und der Arabischen Exekutive vorgelegt werden, die ihre Anmerkungen dazu liefern sollen. Erst danach, wenn diese Bemerkungen von der Regierung verwertet sind — also vermutlich nach einigen Monaten — soll die Veröffentlichung des lang erwarteten und von sensationellen Gerüchten umwehten Werkes stattfinden. Es wäre wichtig, sowohl für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wie auch für die Bereinigung mancher schwebenden politischen Fragen, wenn die Stellungnahme der beiden Seiten zu der vorgeschlagenen Politik von einer gesamtpalästinensisehen Warte aus vorgenommen würde. Damit würde eine einseitige Betrachtung und eine einseitige Parteinähme vermieden werden. Auf die Dauer werden die beiden Wirtschaftsgebiete sich doch nicht trennen lassen und die Hebung der gesamten Landeswirtschaft, die nur durch einen Kompromiß beider Seiten zu erzielen ist, wird sich auch zugunsten beider Seiten auswirken. Was bringt der Frendi- Bericht? Die hebräische Arbeiter-Tageszeitung ״Dawar“ vom 11. Mai bringt ihr zugegangene Informationen aus ״sehr verläßlicher Quelle“ Ober den voraussichtlichen Inhalt de« Berichtes des palästinensischen Landentwicklungsdirektors French, der, wie verlautet, ln diesen Tagen fertiggestellt und der Regierung bereits unterbreitet worden ist. French schlägt laut ״Dawar“ der Regierung vor, vier Gebiete Palästinas als Landentwicklungs-Gebiete zu erklären: Beersheba, Befsan. Jordan-Tal und Hulch-See- Distrikt. Zuerst sollen die depossedierten Araber In diesen Gebieten angesiedelt werden; wenn dann noch freie Bilden Übrig bleiben und aus der palästinensischen Landentwlcklungs- Anleihe (Palestine Development Loan) noch Gelder verfügbar sind, sollen auch Juden in diesen Gebieten angesiedelt werden. Ein anderer Vorschlag Frenchs Ist laut ״Dawar" der Erlaß eines Verbots freier Bodenübertragungen. Solche Uebertragungen sollen nur unter ausdrücklicher Billigung der Regierung vor sich gehen können. Die Regierung toll Optionsrecht auf gewisse zum Verkauf angebotene Böden haben. Schließlich schlägt French die Gründung eines Palestine Development Board vor. Wie ״Dawar“ weiter berichtet, erklärt French in seinem Bericht an die Regierung, daß die Juden über genügend Böden in der Küstenebene verfügen und daß die arabischen Fellachen darum vor dem von den Immigranten ausgehenden Druck geschützt werden sollten. Zu diesem Zweck fordert er ein Generalverbot für Bodenverkäufe, die den Verkäufer landlos machen. Nur wenn der Bodenbesitzer für sich selbst ein gewisses Minimalgebiet zurückbehält, darf er Boden verkaufen. Die Durchführung der Landentwicklung und damit auch die Geltung der einschlägigen Gesetze wird nach Frenchs Meinung mehrere Jahrzehnte erfordern. In dem Kapitel, das sich mit den arabischen Großgrundbesitzern beschäftigt, 8011 French auch den Jüdischen Nationalfonds als einen der Großgrundbesitzer angreifen. Zur Lage in Palästina Erklärungen Brodetsky* Aus Leeds wird uns berichtet: Bei einem Empfang, den die Jewish Agency in Leeds aus Anlaß von Brodetskys Rückkehr aus Palästina veranstaltete, sprach Professor Brodetsky über die Eindrücke seiner Palästinareise. Der Redner schilderte zunächst eine Fülle von Einzelheiten. Er erwähnte die natürlichen Schönheiten des Landes, die natürlichen Bedingungen, die jedem Ort einen besonderen Charakter und einen besonderen Reiz verleihen, die Sauberkeit und Ordentlichkeit jeder jüdischen Arbeit. Man muß aber, wenn man die Bedeutung Palästinas richtig einschätzen will, die Lage der Juden in der Welt und besonders die der jungen Juden in Betracht, riehen«. Sie stehen vor 8em Nichts, iro Osten und in Deutschland. Vor drei Jahren, als es den Leuten im Osten auch schon schlecht fing, sagte man, Amerika wäre die Rettung, wenn seine öre offen wären. Heute wünscht niemand, daß die Tore Amerikas offen seien. Die vier Millionen Juden Amerikas stehen genau so vor dem Nichts wie überall und sie wären vielfach froh, Amerika verlassen zu können. Nach diesen Ueberlegungen muß man Palästina einschätzen. Es ist eine Erlösung für jüdische Verzweigung und jüdisches Eiend, die einzige Möglichkeit der Rettung. In Palästina merkt man, daß jüdisches Leben anders sein kann als innerlich verzweifelt, wie es überall in der Diaspora ist, man kommt, wenn man Palästina verläßt, aus einer warmen geistigen Atmosphäre in eine gefrorene. Uebergehend zu den Wirtschaftsfragen, erklärte der Redner, daß Palästina nach Investierung von Kapital verlange. Wenn das in genügendem Maße geschieht, sind unbegrenzte Entwicklungsmöghchkeiten da. Wir wenden uns nie gegen eine Kritik unserer Arbeit, wir wenden uns nur gegen Prognosen über den Fassungsraum Palästinas, die ״Sachverständige“ auf Orund ihrer Beobachtungen stellen wollen. Solche Prognosen sind immer falsch, da man jetzt nichts über den Fassungsraum, den das Land bei entsprechender Entwicklung seiner Möglichkeiten in zehn Jahren haben wird, sagen kann. Kein Sachverständiger hätte 1907 esagt, daß sich auf den Dünen nördlich von Jaffa eine tadt entwickeln werde, und heute hat Tel-Awiw 50 000 Einwohner. Ohne Sachverständige wurde Griechenland als Markt für Bananen und Syrien als Markt für Zement erschlossen. Der Hafen in Haifa wird in einem Jahr fertig sein und mit der Fabrikation der Rohre für die Oelleitung wird in Eng-!and schon begonnen. Ein russischer Jude, der es durchgesetzt hat, in England die Seemannsprüfungen machen zu können, bildet in Haifa jüdische Matrosen aus. Haifa hat ein unbegrenztes Hinterland. Nur eines ist notwendig: man darf nicht in Palästina so Kapital investieren wollen, daß man ruhig und bequem in seinem Wohnort in der Galuth bleibt und das Kapital allein arbeiten läßt und auf die Ertragrisse wartet. Man muß selbst dort sein und die Möglichkeiten finden, man muß selbst dort arbeiten. Und trotz der Not- Wendigkeit von großen Investitionen darf darunter die Arbeit für die Fonds nicht leiden. In Palästina ist viel getan worden, was nur nationale Arbeit und nationales Kapital reisten konnte, und es ist noch viel derartiges zu tun. Zum Schluß kam Prof. Brodetsky auf die politische Lage zu sprechen. Die schlechte politische Lage ist eine bequeme Ausrede, nicht Keren Hajessod zu zahlen, und es wird als Zeichen großer politischer Weisheit aufefaßt, herumzugehen und England zu verdammen. Was at es für einen Sinn, wie Jabotinski es getan hat, Briefe nach Palästina zu schreiben, in denen er anregt, sich mit der Bitte an den Völkerbund zu wenden, England das Mandat zu entziehen und es irgendeiner anderen Macht zu übertragen! Wir müssen im Gegenteil Zusammenarbeit suchen, und England ist willig, uns entgegenzukommen. Niemand kann verkennen, daß sich in Englands Haltung eine Wandlung vollzogen hat. Der Oberkommissar sucht Kontakt mit uns und steht unserer Arbeit ausgesprochen sympathisch und verständnisvoll gegenüber. Auch im Kolonialmimsterium zeigt sich eine Wandlung zum Besseren. Die Arbeit in Palästina geht auf jeden Fall vorwärts, bis jetzt trotz der politischen Lage, und unsere Aufgabe ist es, die Sache so zu wenden, daß sie wegen der polnischen Lage vorwärtsgeht. Der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth Lejisrael) hat 2000 Dunam Boden in Wadi H a w a r i t h zur Ansiedlung von 10ü ehemaligen Soldaten der jüdischen Legion bewilligt. Do* ״jüdische Schwein״ Zur Problematik der ״Gleichberechtigung“ Als nach dem Ueberfall von nationalsozialistischen Abgeordneten im Reichstag auf den Journalisten Dr. Klotz auf Weisung des Reichstagspräsidenten Lobe der Berliner Polizei Vizepräsident Dr. Bernhard W e i s s mit einer Bereitschaff von Schutzpolizisten im Verhandlungssaal des Reichstages erschien, um die schuldigen Abgeordneten festzunehmen, wurde er mit höhnischen Zurufen: ״Isidor ist da!“ von den Nationalsozialisten empfangen. Dr. Goebbels rief: ״Da kommt das jüdische Schwein und provoziert.“ Der Berliner Polizeipräsident G rzesinski hat nach Zei-; tungsmekhingen gegen Dr. Goebbels wegen Beleidigung des1 Poüzeivlzepräsidenten während einer Amtshandlung Strafantrag gestellt. Soweit der Tatbestand. Von Interesse ist die Haltung eines großen Teiles der deutschen Presse zu diesem Vorkommnis. Daß die rechtsradikalen, deutschnationalen und die Organe der Volkspartei, Wirtschaftspartei big zu den demokratischen Zeitungen kein Wort des Tadels gegen die nationalsozialistisehen Prügeleien, gegen die Beschimpfungen des Dr. Weiss und gegen den beleidigenden Zuruf von Dr. Goebbels haben, daran ist nichts verwunderliches. Wir sind in Deutschland bereits daran gewöhnt, daß antisemitische Aeußerungen von dem größten Teile der öffentlichen Meinung entweder laut gebilligt, schmunzelnd zur Kenntnis genommen oder einfach mit Stillschweigen übergangen werden. Von größerem Interesse ist das Verhalten der sogenannten Linkspresse. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen verurteilen die antisemitischen Zurufe der nationalsozialistischen Abgeordneten und den beleidigenden Satz des Dr. Goebbels. Anders aber die demokratischen Blätter. Man merkt, daß ihnen dieser Vorfall und der Zwang, sich mit ihm zu beschäftigen, gleicherweise peinlich sind. Am deutlichsten ist in dieser Hinsicht der Berliner Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“, ein außerordentlich gewissenhafter, vorsichtiger und in der Beurteilung der Verhältnisse zuverlässiger Publizist. Er schreibt: ״Erst die üblichen Beschimpfungen gegen ihn (mußte übrigens Herr Weiss wirklich in eigener Person erscheinen, zumal er die Wirkung kennt?), dann Sprünge von gewandten Polizisten über die Regierungsbank, dann Verhaftungen.“ Die Frage der ״Frankf. Ztg.“ ist für die Situation der Juden in Deutschland und für die Stellung öffentlicher jüdischer Funktionäre, jüdischer Wortführer, und überhaupt mit allgemeinen Angelegenheiten beschäftigter Juden symptomatisch. Es ist so, daß unter den gegenwärtig herrschenden Verhältnissen in Deutschland die tatsächliche Inanspruchnahme der formal-gesetzlich garantierten Gleichberechtigung durch Juden auf einen großen Teil der nichtjüdischen Umwelt als ״Provokation“ wirkt. Auch im Nachkriegsdeutschland sind die Juden noch weit von der Gleichgeltung und Gleichbewertung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens entfernt. Aber schon die wenigen jüdischen Funktionäre in gehobener Stellung sind für die Judenfeinde Gegenstand des Abscheus, und für solche, die nicht gern als ״Judenschützer“ gelten möchten, eine pein- Jicbe Belastung, Sogar, die ״Frankf. Ztg“ verteidigt ,nicht den jüdischen Pö¥zdv!zeprärida1te1t ^|Tn Beleidigungen, die ihm nicht etwa wegen schlechter Amtsführung, sondern wegen seines Jude-Seins zuteil wurden. Die Judenfeinde verlangen eine restlose Eliminierung des jüdischen Elementes aus allen Aemtern. Der größte Teit der den sogenannten Mittelrichtungen angehörenden nichtjüdischen Politiker würde es gern sehen, wenn die Juden das einmal von Prof. Somhart empfohlene Rezept sich zu eigen machten, nämlieh, sich mit der formalen Gleichberechtigung zufrieden zu geben und ״taktvoll“ diese Gleichberechtigung nicht in An- Spruch zu nehmen. Und in Kenntnis dieses Sachverhaltes wünschen auch zahlreiche Juden und auf dem Standpunkt der Assimilation stehende Kreise, die ein Amt bekleidenden jüdisehen Persönlichkeiten mögen sich nicht exponieren und es zu solchen Episoden wie im Falle Weiss gar nicht kommen lassen. Es verschlägt wenig, daß man die Judenfrage als solche leugnet, daß man sich als ״Deutscher jüdischen Glaubens“ (Angehöriger eines der vielen ״deutschen Stämme“ mit einer der — neben Protestantismus und Katholizismus — im deutschen Volk verbreiteten Religionen) für völlig gleich allen andern Deutschen hält; im Unterbewußtsein bleibt doch ein Rest, zu tragen peinlich, eine Ahnung, daß es nicht so ist, und daß man daher besser daran tut, quicta non movere, Schlafendes nicht aufzurühren, — als ob die Dinge nicht schon in ״Bewegung“ wären und nicht künstlich zur Ruhe gebracht werden können. Es nützt aber nichts, die Dinge nicht sehen zu wollen. ״Die Judenfrage besteht, es ist zwecklos sie zu leugnen“ (Herzl). Manchmal entschlüpft diese Erkenntnis auch Kreisen, die sie nicht wahr haben wollen. Und vor allem die Juden selbst, die uns hier in erster Reibe interessieren, — wie lange werden sie noch glauben, sich selbst täuschen zu können, durch Fragen, wie die hier von der ״Frankf, Ztg.“ klassisch formulierte den Konflikten entgehen zu können, statt sich endlich zu der für viele bitteren Wahrheit aufzuraffen und auf die offene Judenfrage eine offene Antwort zu geben? Die Lage eines jüdischen Funktionärs ist, wie der Fall des Dr. Weiss neuerdings bewies, wenig beneidenswert. Denn was er auch tut, ist verkehrt. Drückt er sich von der Aus- Übung seiner Obliegenheiten, dann ist es eine ״feige Kapitulation vor der Volksstimmung“. Uebt er sie aus, dann wirkt das als ״Provokation“. Die alte Geschichte vom Stein und vom Krug — in beiden Fällen wehe dem Krug. Die Situatk>n ist unhaltbar, eine wenig tröstliche, aber zutreffende Erkenntnis. »• h. ־ Mittelstands - Kolonisation in Palästina Neue Werke der ״Jaffa Plantations“ Wie wir hören, hat die von Dr. B r tt n n gegründete Ge- Seilschaft Jaffa Plantations mit der Anglo Palestine Bank ein Abkommen getroffen, um einen größeren Komplex von alten tragenden und Jungen Pardesslm sowie mehrere Tausend Dunam Boden in Che dera und Umgegend für sofortige Mittelstandskolonisation aufzuschließen. Dr. Brünn hat sich nach Europa begehen, um Interessentengruppen in ver(chiedenen Ländern zu organisieren. Die Pflanzungen und "Böden können etwa 60 Familien eine Existenzmöglichkeit bieten.

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