Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 38 (18.5.1932)
- Date
- 1932-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 182 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38, 13. V. 1932 Professor üotihold WcU 50 Jahre Am 13. Mai wird unser Gesinnungsgenosse, Professor Dr. Gotthold Weit, ordentlicher Professor für semitische Sprachwissenschaft an der Universität Frankfurt a, M., 50 Jahre alt. Fachgelehrte werden und mögen an diesem Tage würdigen, was Gotthold Weil in mehr als fünfundzwanzig Jahren wissenschaftlicher Arbeit auf seinem engeren Fachgebiet geleistet hat. Wir Zionisten wollen an diesem Tage den Freund und Mitkämpfer begrüßen und beglückwünschen, der neben seiner umfangreichen Tätigkeit al* Universitätsdozent und Bibliothekar — Weil hat 1920 die Orientalische Abteilung der Berliner Preußischen Staatsbibliothek gegründet und bis 1931 geleitet — immer die Zeit gefunden und den inneren Drang gespürt hat, sich zionistischen Aufgaben zu widmen. Aus der zweiten Generation des ״Vereins jüdischer Studenten an der Universität Berlin" hervorgegangen, hatte Weil, der seine jüdisch-wissenschaftlichen Studien an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums betrieb, an dieser Gelegenheit, *eine zionistische Gesinnung im Kampfe zu bewähren. Zusammen mit Männern wie Magnes, Biratn, Schlössinger und Emil Cohn war er Mitglied der ״Aguda leumit", eines nationaijüdischen Hörervereins, der von dem damals fast völlig assimilatorisch eingestellten Dozentcnkoliegium und Kuratorium der Lehranstalt aufs heftigste bekämpft und sogar aufgelöst wurde. Es mag fast wie eine Ironie des Schicksals erscheinen, daß Weil zwei Jahrzehnte später selbst in das Kuratorium der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gewählt wurde und sich hier, obwohl er aus seiner zionistischen Gesinnung nie ein Hehl machte, durch seine hervorragende Sachkunde und seine unermüdliche Mitarbeit eine angesehene Stellung errang. Die gleichen Vorzüge waren es auch, die seine Wahl in den Vorstand der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“, in die sprachwissenschaftliche Kommission der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und endlich —- und hier trat zu dem sachlichen Interesse und der fachlichen Eignung auch noch die besondere innere Verbundenheit — in den Akademischen Rat der Universität Jerusalem veranlaöten. Aut dem Felde der zionistischen Politik ist Gotthold Weil nur hervorgetreten, als er 1920 mit einigen Freunden im Rahmen der Zionistischen Vereinigung eine seinen Namen tragende oppositionelle Gruppe gründete, aus der später die innerdeutsche zionistische Fraktion ״Binjan Haarez“ hervorging. Sein Interesse aber führte ihn bald wieder von der Politik zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe, der wissenschaftlichen Arbeit, zurück. Wir wünschen ihm herzlich, daß es ihm in seinem jetzigen Wirkungskreise, in dem er sich seit 1931 zum ersten Male ganz der Forschung und der Lehre widmen kann, noch viele Jahre vergönnt sein möge, der semitischen Sprachwissenschaft mit ganzer Kraft zu dienen, Georg Herlitz. Zur Lage in der Berliner Gemeinde Die Erklärung des Gemeindevorstandes Wir haben in Nr. 36 der ״Jüdischen Rundschau״ die Erkllrung de# Gemeindevorstandes aus der Mai-Nummer des Berliner jüd. Gemeindeblattes veröffentlicht und darauf hingewiesen, daß die Erklärung durch ihre einseitige Stellungnähme zu den in der Gemeinde strittigen Fragen eine überaus bedauerliche Erschwerung der Situation gebracht hat. Wenn von einem ״Verzicht auf politische Auseinander- Setzung“ gesprochen wind, so muß bemerkt werden, daß das Wort ״politisch“ in diesem Zusammenhänge zu vieldeutig Ist, als daß man seine Grenzen bestimmen könnte, und daß es unmöglich in die Entscheidung einer Majorität gelegt werden kann, zu bestimmen, was als politische Auseinandersetzung gelten soll. Es ist ausgeschlossen, daß eine Partei jemals darauf verzichten kann, ihre Weltanschauung auch innerhalb der Gemeinde dann zu betonen, wenn sie sachliche Forderungen stellt, die eine Konsequenz ihrer Weltanschauung sind. Wann und wie oft das erforderlich sein wird, hängt von der jeweils zur Ver* handiung stehenden Materie ab. Die Auffassung der Jüdischen Volkspartei über das Wesen der Einheitsgemeinde und über die Möglichkeit einer praktisehen Zusammmenarbcit wurde in der Repräsentantenversammlung vom 7. April durch Dr. Kollenscher formuliert. Diese Erklärung, die unseren Lesern aus der ״Jüdischen Rund* schau“, Nr. 29, bekannt ist, ist auf Seite 122 des Gemeinde* blattes vom Mai abgedruckt. Da, wie wir hören, Versuche gemacht werden, durch direkte Verhandlungen der Parteien zu einer Klärung der Sachlage und einem Modus vivendi in der Gemeinde zu gelangen, wollen wir es uns versagen, in diesem Augenblick zur Erklärung des Gemeindevorstandes und zu den Vorgängen in der Oemeinde in ausführlicherer Weise kritisch Stellung zu nehmen. Staatspartei and Judenfraga. Zu den verschiedenen Veröffentlichungen über die Politik der Staatspartei in Württemberg und innerparteiliche Diskussionen hinsichtlich der bisherigen jüdischen Wähler der Staatspartei veröffentlicht der Landtaglabgeordnet* Otto N us chk e f Leiter der Reichsgeschäftsstclle der Staatspartei, eine längere Erklärung, in welcher er mit Entschiedenheit bestreitet, daß innerhalb der Staatspartei irgendwelche Acnderung in der Haltung zur Judenfrage eingetreten wäre. Wir haben schon in der vorigen Nummer betont, daß nicht behauptet werden soll, die Staatspartei sei antisemitisch infiziert. Was wir aber zum Ausdruck bringen wollten, war, daß die politischen Verhältnisse es mit sich gebracht haben, daß die Staatspartei über die Interessen ihrer jüdischen Wähler unter Umständen zur Tagesordnung überzugehen bereit ist. Diese Sachlage ist ein Symptom der tragischen Situation der Juden. Im übrigen muß man abwarten, wie sich die Dinge in Württemberg und in anderen Lindern, in denen, ähnlich wie in Württemberg, Verbandlangen zwischen Nationalsozialisten und Staatsparteilern an* gebahnt wurden, entwickeln werden. — Zum Thema ״Jüdische Wähler und Zentrum“ verdient eine Aeußerung eines führenden Zentrumsblattes in Dortmund Erwähnung. Das betreffende Organ, ״Tremonäa“, schreibt: ״DieZentrumspartei bleibt, was sie ist, eine christliche Volkspartei, auch wenn jüdische Wähler ihr ihre Stimme geben . . . Wenn sie (die jüdischen Wähler) , .. trotz des betont christlichen Charakter® des Zentrums, zu diesem bei der Preußenwahl sich gewandt haben, so kann man ruhig mit Dank ihre Wahlhme ... zur Kenntnis nehmen. Dies sd als unsere Meinung . .. ausgesprochen.“ Zionistische Songs. Soeben erschien im Verlag der Z. V. f. D. das Songheft ״Die einzige Lösung“, 8 Songs und Sprech* chÖre für Klavier und Gesang am dem gleichnamigen Stück des ״Barak". Text von Salty Lewin, Musik von Daniel Sam* bursky. Folioformat, 16 Seiten. Preis 1,80 M. Erhältlich in der Buchhandlung Rosenbaum, Meinekeitr, 10» Gesellschaftsordnung und Juden Von Rabb. Emil Bernhard Cohn. Kürzlich hielt Rabbiner Emil Bernhard Cohn im Rahmen!einer ,Jüdiichen Gegenwarttabende und Zeitauiiprachen"!einen letzten Wintervortrag über die Geielltchafliordnung, denen Inhalt wir im folgenden kure ■wiedergeben. Der Vortrag lötte eine leidenschaftliche Diskutiion am, die fmt dm ruhigen Ablauf der Vermmmlmg tu gefährien drohte, da die Vertreter der kommunistiichen Antchamtng antcheinend mit der vorgefaßten Absicht erschienen waren, keine gegenteilige Meinung aufkommen zu lasten, Da! Komitee hat daher hmchlonen, daß bei den kommenden Sommervorträgen die Diskutiion in den fettgelegten Gramm bestimmter Thesen erfolgen soll. Soweit die Wirtschaftsordnungen der Vergangenheit durch die Jahrhunderte hindurch umkämpft und umstritten waren, gleich ob im Sklaven Staat des Altertums oder im feudalistisehen Ständestaat des Mittelalters, immer ist der strittige Punkt das Privateigentum gewesen. Wie nun immer die Wirtschaftsordnung der Zukunft aussehen wird, ob man mit Sombarfs Worten ,,fortwursteln“, d. h. mit konservierenden Not- Verordnungen Weiterarbeiten wird, oder ob die reaktionären Bestrebungen, die alles auf das freie Spie! der Kräfte zurück- BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Öffentlicher Vortrag Kurt Blumenleid ״Politische Orientierung“ (Ntudcutachur Nationalismus — Kommunismus — Jüdischer Liberalismus und C.-V. — Dis ztonlstlsche Haltung — Weltkrlss und pallstlnenslsohs Entwicklung Ponnerafas» den 19. Mai, abend» 8Vg Uh1»f Im Lofjanhaus, Kleiststraße 10 tCsTten h RM. 0,50 im Bßro B. Z. V. und m der A!>*ndk11fsc. Miijflkciar *ionigtjftclher Jugeodverbiiide RM. 0,20 (nur Im Vorverkauf durch die ziooistiscbea jiig-sttdbuftd•). führen wollen, noch einmal siegreich sein werden, oder ob drittens eine sozialistische Ordnung die kapitalistische ablösen, Oder letztlich und endlich, wie Sombart annimmt, eine gemischte Privat- und Kollektivwirtschaft das Schicksal unserer nächsten Zukunft sein wird, — gleich wie immer die Schicksalslose der Welt fallen werden, die Gesellschaftsordnung verlangt den Menschen und ist keine Frage allein der wirtschaftlichen Technologie. Aus diesem Grunde ist es für den Juden wesentlich, zu erkennen, wo und wie er als Jude steht. Die Gesellschaftsordnung der Thora wird vielfach als hierarchisch angesehen; sie ist es nicht, sondern sie ist tlieokratisch. Das Volk kannte Privateigentum nur als Gotteslehen. Dieses wurde zwar privateigentümlich verwaltet, aber die Erkenntnis, daß alles Unrecht, zum mindesten alle Ungleichheit, aus dem Privateigentum fließt, hat dem Gesetzgeber eingegeben, in bestimmten Zeitabschnitten dieses Quasi-Privateigentum zu regu- Heren und sogar zu revolutionieren, Zwei Grundrechte gab es in der jüdischen Antike: das Grundrecht am Boden, der Gottesboden war, und das Grundrecht der persönlichen Freiheit, die in der Gottgehörigkeit Israels begründet war. Man hatte also sein Eigentum in Gott, wie man seine Freiheit in Gott hatte, und die Gottbezogenheit aller Dinge, auch der materiellsten, erfuhr Ihre Krönung im Gottesbund der israelitischen Eidgenossenschaft. Es Ist klar, daß der auf dieser Grundlage beruhende jttdlsche Solidargeist nicht bloß völlig anders, sondern geradezu gegensätzlich ist dem Kollektivgeist des russischen Bolschewismus. Dieser beruht auf der Ausrottung menschlichen Individualgeistes. Der russische Maximalismus mit seiner harten Unbealngthelt geht über das Leben und Über den Menschen hinweg; die auf der Gottbezogenheit des jüdischen Menschen beruhende jüdische Solidarität geht durch den Menschen und durch da» Leben mitten hindurch. Während den neuen Wirt- Schafts- und Gesellschaftsordnem da drüben ln ihrer bolschewistischen Lehre nicht bloß Religion, Tradition, Freundschaft, Familie, Talent, Genie, soweit sie Irgendwie Oeitung für sich beanspruchen, sondern auch das Privateigentum als solches der auszutreibende Teufel ist, hat der jüdische Maximalismus, der die Heiligung des Lebens verlangt, im privaten Erwerbstrleb des Menschen zwar einen bösen Trieb gesehen, aber nie den Teufel selbst .So hat auch die Thora mit dem Privateigentum gerechnet, aber durch die Einrichtung des Sabbatjahres, der sog. Schemitta, für ein Jahr die Wirt- Schaftsordnung unterbrochen und das Privateigentum für eben dieses Jahr aufgehoben, sei es an Grund, sei es an Geld, das dem Schuldner geliehen war. Sie hat darüber hinaus durch das Jubeljahr die ganze Wirtschaftsordnung noch einmal revolutioniert, also gewissermaßen da», was wir heute Revolution nennen, in den Gottesstaat des heiligen Volkes eingebaut. Fragen wir nach der Zukunft, die für uns hier zunächst recht nationalistisch und reaktionär, für manche spätkapiialistiach und für viele sozialistisch aussehen mag, so wird sich der wahre Jude, der Volljude, zu dieser Zukunft folgendermaßen verhaften: er wird und muß erklären, daß feine nach Sachnotwendigkeiten organisierte, d. h. eine gemachte Wirtschaftsordnung, immer nur ein Golem sein kann, dem der heilige Sehern fehlt und der das Menschengesicht der Welt nicht ändern kann. Ob wir Juden drüben in Palästina unser Land aufbauen oder ob wir uns als bewußte Juden hüben in den Klassenkampf einordnen, unser Land wird nur jüdisch werden, wenn es nach Menschnotwendigkeiten gebaut wird. Und es ist die höchste Aufgabe des Juden, auch hier in der Well des Galuth dafür Sorge zu tragen, daß die Menschnot- Wendigkeiten zu ihrem Rechte kommen, daß der Golem seinen Schern bekommt und daß ein wahrer, höherer Solidaritätsgelst — und das kann nur ein religiöser sein — seinen Einzug hält in unsere schwererschütterte Weit und Zeit. Aas den Gemeinden Duisburg. Am 2. und 3. Mai fand die Etatsberatung der jüdischen Gemeinde statt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Rechtsanwalt Simon, wies auf die Gefährdung des jüdischen Gemeindelebens hin, die durch die Austrittsmöglichkeit gegeben sei. Die Gemeinde müsse den Willen zur jüdischen Zukunft zeigen. Er rühmte die Arbeit des Wohlfahrtsamts und der Toynbeehalle. Subventioniert wurden u. a. die hebräischen Kurse, die Jüdische Schule, der Jung-Jüdische Wanderbund, der Bar Kochba. Keren Hajessod, Hechaluz und Palästina-Arbeiterfonds. Jüdisches Erwachen in Italien Von Bertha Badt-Strauss Wem in diesen Tagen die seltene und unwahrscheinliche Gunst des Schicksals zuteil wurde, ״mit jüdischen Augen“ durch Italien streifen zu können, der hatte im Anfang seiner Reise wohl vollauf damit zu tun, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, daß... er hier sei, während die Freunde zu Haus bleiben mußten: gesegnet der Auftrag, der mich hierher führte — so sprach er wohl — und selbst einer Krankheit wurde — wie des Höflings Charbonah in der Megillah — ״zum Guten gedacht..War aber dieser Prolog«® erledigt und machte er die Augen auf, so mußte er spüren —! und viel stärker spüren als bei früheren Italien-Fahrten! —! daß Erscheinen und Leistung des italienischen Juden in Italien grundlegend sich unterscheidet von Lebensform und Anschaumig der heutigen Juden in Deutschland. Noch mehr: daß das italienische Judentum heute in einem Umwandlungsprozesse begriffen ist, der, wie es scheint, seine Höhe nodt nicht erreicht hat. ״Risorgimento“ mag wohl der italienische Jude diesen Vorgang nach dem Vorbild italienischer Geistesgeschichte nennen. Wir aber können fast von einer ״Auferstehung der Toten“ sprechen. Um es kurz zusammenzufassen: grundlegend anders war von jeher in Italien die Stellung der Juden zur Umwelt und die Stellung der Umwelt zu den Juden. Grundlegend anders wurde die Stellung der jüdischen Parteien zueinander; die Stellung der Jugend zum Zionismus; und die Stellung des Zionismus zur jüdischen Religion. Heute gibt es in ganz Italien kaum einen Rabbiner, der nicht Zionist ist; und kaum einen Zionisten, der sich nicht zur Einheit von Nation und Religion bekennt Wie ist das gekommen? Als unsere Väter nach Italien zogen, da wußten sie trotz aller Begeisterung für die italienischen Juden der Vergangenheit, die ״Oedaule“, von den Juden der italienischen Gegenwart nicht viel Erfreuliches zu berichten. Gewiß, sie standen in diesem vielgelobten ״Lande ohne Risches“ vielfach an wichtiger Stelle im staatlichen, wirtschaftlichen, Wissenschaftliehen Leben; aber waren sie noch Juden? Das blieb dunkel; wenn auch wenige das letzte Band durchschnitten, das sie an die alte Gemeinschaft knüpfte. Geburt und Tod fanden sie in jüdischem Bezirk. Aber das Leben des Tages und des Jahres ,hatte allen jüdischen Inhalt, religiösen so gut wie nationalen, verloren. Wie erklärt sich die merkwürdige Wandlung, die sich nun — in der elften Stunde, wie es schien, kurz vor völliger Aufsaugung durch das Wirtsvolk — innerhalb etwa eines Menschenalters an den italienischen Juden vollzog? — Nicht ganz leicht ist’s, hier klar zu sehen. Sicherlich gebührt dem Zionismus rin gut Teil des Verdienstes an dieser Aufrüttelung der Gewissen. Zumal, da der Zionismus in Italien mehr als ein Menschen alter lang durch einen außergewöhnliehen Mann und Lehrer vertreten wurde, dessen Schüler sich heute die wertvollsten unter den jungen italienischen Juden mit Stolz nennen. Das war Schemuel Zewi Margulies, Oberrabbiner von Florenz, den man lange Zeit den ״Oberrabbiner von Italien“ zu nennen pflegte. Von der Geburt «stunde der zionistischen Bewegung an hat Margulies sich entschieden für sie erklärt, immer dabei den vollkommenen Zusammenhang zwischen Nationalität und Religion bewahrend. Seinem Einfluß ist es zuzuschreiben, daß heute Zionismus und Religion in Italien eine untrennbare Einheit bilden. (Auch der verstorbene Oberrabbiner von Wien, Z. P. Chajes, eine der stärksten und reinsten Persönlichkeiten unseres zeitgenössisehen Judentums, wirkte bekanntlich eine Zeitlang segensreich an dem Collegio Rabbinico in Florenz.) Kürzlich hat man in Florenz den zehnten Todestag dieses Mannes auf eine für den Weg dieser jüdischen Rückkehr höchst bezeichnende Weise feierlich begangen. Von allen Seiten Italiens waren seine Schüler und Freunde herbeigeströmt und hatten sich in dem altertümlichen Landhause am Fuße der Hügel von Fiesoie vereinigt, wo der Meister seine Muße zu verbringen pflegte. Hier im Garten mit dem Blick auf das großartige Panorama des antiken Florenz, wo er oft seine Schüler und Freunde um sich versammelt hatte, fand nun eine ״Settimana di Studio", eine Gedenkwoche statt, in der Vorträge und Diskussionen sich ausschließlich mit Themen jüdischer Vergangenheit, jüdischer Gegenwart, jüdischer Ewigkeit beschäftigten. Hier sprachen neben Rabbinen und jüdischen Wissenschaftlern wie Artom, Cassuto, Männer aus allen Bezirken des geistigen und Berufslebens: Juristen, Mediziner, Künstler. Denn gerade das ist bezeichnend für diese jüdische Renaissance: nicht nur auf die ״Juden von Beruf“, auf Kanzelredner und Theologen erstreckt sie sich, sondern unter dem Einflüsse dieses ausgezeichneten Mannes erwachten junge Juden aus allen Kreisen und Berufen. Die Mehrzahl kam aus Häusern, wo man seit langem alles Jüdische vergessen hatte; und nun tasteten sie langsam sich ihren Weg zurück zum alten Vatererbe. So entstanden allenthalben die ״Convegni“, deren es heute in den verschiedenen Städten Italiens etwa fünfzehn gibt: Gemeinschaften für die Pflege jüdischer Wissenschaft und jüdischen Lebens. So entstand aber auch in Florenz die Gemeinschaft der ״Integral-Juden“, die nach dem Vorbilde ihres Lehrers das Judentum in seiner Ganzheit in seiner Bindung von Gesetz und Sitte, Religion und Nation erfassen wollte. Im Namen und im Aufträge dieser neuen Jugend wurde jetzt in Florenz als Krönung der Gedenkfeier zu Ehren des verklärten Lehrers eine JeschiwaH gegründet, die seinen Namen tragen soll. Mit Recht mochte Alfonso Pacific!, den man auch bei uns (z. B. von den Zionistenkongressen) kennt und der zu den Lieblingsschülern des Rabbi gehörte, am Schlüsse der ״Sabbat-Woche“ nach altem Brauche das Schehechejonau aussprechen: den Dank, daß die erstorbenen und wiederbelebten Juden Italiens diesen Tag; erleben durften. Dr. S. G r fi n b e r g, der Präsident des Verbandes Schorn re Schabbath (Berlin), hielt in Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa Vorträge über die Bedeutung des Sabbat und das Problem der Sabbatheiligung im Galuth und in Erez Israel. Die Versammlangen waren stark besucht und die Vorträge hinteriießen einen starken Eindruck. Am 5. Mai wurde in der King George Street in Jerusalern bei Anwesenheit der beiden Oberrabbiner und anderer Rabbiner Palästinas, sowie Vertreter der Regierung der Grund-, stein zu einem neuen eigenen Gebäude der Jeschiwa ״C h a j e 01 a m“ gelegt, die die älteste Jerusalemer Je-! scliiwa ist