Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 38 (18.5.1932)
- Date
- 1932-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 180 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38, 13. V. 1932 wurde, weiter existieren, wohin sollen diese Menschen sich wenden? Hier ist ein ungeheures Problem im Werden, das wie eine Lawine über uns hereinbrechen kann. Jeder erlebt es heute schon im eigenen Kreise. Als B i a 1 i k von seiner Reise durch Osteuropa An* fang dieses Jahi'es nach Berlin kam, berichtete er in einem Freundeskreis über die jüdische Jugend, die er in Osteuropa gesehen hat, prachtvolle, willige und idealistische Jungen und Mädchen, die keinen Weg vor sich sehen. Man müßte, so meinte er, eine Petition an den Völkerbund machen, die das entstehende neue Luftmenschentum und die sich vorbereitende Verzweiflung schildert. Größere Arbeitsmöglichkeiten in Palästina durch internationale Hilfe — das müßte die Losung sein. Wir wissen nicht, ob diese Anregung — es war wohl mehr ein hingeworfener Gedanke als ein wohl* überlegter Plan — ausführbar oder erfolgversprechend ist, aber das Eine wissen wir: daß zumindest von jüdischer Seite alles geschehen müßte, um die Arbeits* mögllchkeiten und Lebertsmöglichkeiten dieser jüdischen Jugend an dem einzigen Orte, der ihr heute offen steht, zu vergrößern. Die Zahl der Zertifikate ist keine Angelegenheit der Palästina-Regierung; sie ist eine Funktion der in Palästina angelegten Energie, die neues schöpferisches Leben hervorbringt und immer mehr Menschen in den Schaffensprozeß eingliedern kann. Zweitausend Zertifikate sind wenig, gewiß, aber wenn die zweitausend untergebracht und absorbiert sind, werden neue kommen; und daneben geht der Strom derer, die kein Zertifikat benötigen, weil sie noch etwas Geld gerettet haben (solche kommen vorwiegend aus Amerika und Polen). Durch Zähigkeit, Ausdauer, Fleiß und Entbehrungen schaffen sie sich einen Platz; sie haben es nicht leicht, vielleicht werden manche versagen; aber wichtiger als die materielle Existenz ist die Möglichkeit, sich ganz einzusetzen, das Bewußtsein einer sinnvollen Zukunft. Palästina ist heute ein Lichtblick in der umdüsterten jüdischen Welt. Zweitausend Menschen, die neu hingehen können, schlagen zweitausend Brücken. Sie haben in dieser Zeit noch mehr Bedeutung als sonst. PaiasttDa-Berichtersfatfoog Es ist oft überaus befremdend, zu sehen, wie sorglos auch von seriösen und offiziellen Agenturen der Nachrichtendienst über etwas abseitige Dinge betrieben wird, fm allgemeinen kann man die Unzuverlässigkeit von Nachrichten nur bei solchen Angelegenheiten kontrollieren, über die man selbst orientiert ist, aber es ergibt sich daraus ein naheliegender Rückschluß (und entsprechendes Mißtrauen!) auch für andere Gebiete. In bezug auf Palästina gelangen die absonderlichsten Dinge in die Tagespresse und werden von unkritischen Lesern ohne weiteres als richtig hingenommen. Als ״Eingeweihter“ kann man häufig auch beobachten, wie Berichterstatter Tatsachen tendenziös darstellen oder tendenziöse Berichte von dritter Hand entgegennehmen und weitergeben. Die Palästina-Berichtcratattung mancher großen Berliner Zeitung bietet für solche Betrachtungen reichlich Stoff. Als eine Illustration der seltsamen Wege mancher Berichte sei ein uns gerade vorliegender Fall erwähnt. Bekanntlich fand Ende April in Palästina eine Konferenz der palästinensischen Revisionisten statt. Jabotinsky hat aus Paris einen Brief an diese Konferenz gerichtet, in dem er sein politisches Programm vertrat, wobei er u. a. die Ansicht verfocht, daß statt England einer anderen Macht das Palästinamandat übertragen werden solle. Ueber diese Sache berichtet nun die offizielle französische ״Agence Havas“ in folgender Form (wir finden den deutschen Text in der ״Neuen Züricher Zeitung“): ״Aus Tel-Awiw wird gemeldet, daß rund 100 Delegierte der panpalästincnsischen Konferenz beiwohnten, deren Präsident, Jabotinsky, ein Schreiben an den Völkerbund verlas, in dem er diesen ersucht, das Mandat über Palästina einer anderen Macht als Großbritannien anzuvertrauen.“ Vielleicht halten manche Stellen die Verbreitung solcher Nachrichten sogar iür politische Handlungen. Jedenfalls ist es bedauerlich, daß palästinensische Dinge in der Presse in einer Form behandelt werden, die bei Informierten nur Lächeln hervorrufen kann. Ein Zwischenfall Im Gefängnis. Die arabische Presse Pa- Iästinas protestierte heftig dagegen, daß ein jüdischer Polizist, Wärter im Jerusalemer Gefängnis, einen .den Koran lesenden moslemischen Sträfling schlug und den Koran zu Boden warf. Ein von der Polizei herausgegebenes Communique erklärt hierzu: Nach gründlicher Untersuchung der Angelegenheit wurde festgestellt: Der Gefangenenwärter verlor infolge Provokation durch den Gefangenen die Geduld. Er schlug den Gefangenen, als dieser sich beharrlich weigerte, eine ihm übertragene Aj־- beit zu tun. Dabei fiel das Koran-Exemplar zu Boden. Der Wärter wußte gar nicht, daß es sich um einen Koran handelt. Trotzdem wurde sein Vorgehen als unangemessen angesehen, er wurde streng bestraft und wird versetzt werden. Sport und Völkerverständigung. Bei der Würdigung der Makkabiah in Tel-Awiw wurde wiederholt hervorgehoben, daß dieses Sportfest keineswegs eine nationalistische Demonstration und auch nicht als Provokation der Araber Palästinas gedacht war, sondern im Gegenteil u. a. auch den Zweck ver- Folgte, durch das internationale Band des Sportes ein Eiement der Völkerverständigung und der Gemeinsamkeit nach Palästina hineinzutragen. Diese Bestrebungen werden, wie uns mitgeteilt wird, auch weiterhin verfolgt, in diesem Zusammenhang ist es von Interesse, daß bei dem Länderwettkampf Palästina gegen Syrien, der demnächst in Beirut stattfindet, Palästina durch ein gemischtes Team vertreten ist, dem neben Juden auch Engländer und Araber angehören. Den Hauptteif bilden freilich Juden, was eine natürliche Folge des intensiven jüdischen Sportlebens Pa- Iästinas ist. Näheres finden unsere Leser in der Makkabispalte unserer heutigen Nummer. Auch mit Mannschaften der arabischen Nachbarländer finden häufig Wettspiele jüdischer Sportkiubs statt. Hoffentlich wird es bald gelingen, auch innerhalb Palästinas das Mißtrauen zwischen jüdischen und arabischen Sportklubs zu überbrücken und zu einer gemeinsamen sportliehen Betätigung zu gelangen. ..■II Presse« und Zeiisdiriftensdiau ln ״New York Time s“ vom 24. April ist ein großer Artikel von Na hum Sokofow über die Aussichten der künftigen Entwicklung Palästinas abgedmekt. Sokolow gibt einen kurzen Abriß der zionistischen Geschichte und der palästinensischen Entwicklung, legt die zionistische Ideologie dar und betont, daß die jüdische Aufbauarbeit von Enthusiasmus und Idealismus getragen ist. Als Ziel des Zionismus bezeichnet Sokolow die Möglichkeit eines freien Lebens und einer Entwicklung eigener jüdischer Kultur. Was die Araber betrifft, so wünschen die Zionisten, daß die Früchte ihrer Arbeit allen Elementen im Lande zugute kommt. * Der ״Manchester Guardian״ veröffentlicht einen ausführlichen Bericht seines palästinensischen Korrespondenten über die Entwicklung der Arbeiten der P a f e s t i n e Po t a s h Company, die die Ausbeutung der Mineralschätze des Toten Meeres unter Leitung von Ing. Novomeisky durchführt. Dabei wird geschildert, welche Belebung das durch Jahrhunderte verödete Gebiet des Toten Meeres nunmehr erfahren hat. Abgesehen von den Fabriksbauten, Arbeiterhäusern usw. plant man die Errichtung eines Kurhotels am Toten Meer, von dessen Bädern man sich Heilwirkung verspricht, auch wird alle Art Wassersport getrieben werden; schon jetzt vermag ein Eilboot In wenigen Stunden das ganze Tote Meer zu umfahren, während bisher nur ein altmodisches Motorboot zur Verfügung stand, das drei Tage und Nächte benötigte, um die Runde um das Meer zu machen. Die Stätte des Todes verwandelt sich in eine Stätte des Lebens, die alles abtötenden Salze werden in lebenspendende Düngemittel umgewandelt. Es gibt wenige Orte in der Welt, so schließt der Bericht, wo so augenfällige Wandlungen vor sich gehen können. * Die ״Frankfurter Zeitung״ bringt einen Bericht über die Lage Palästinas, worin darauf hingewiesen wird, daß es in Palästina .,keine Krise gibt“. Nach einer Schilderung der jüdischen Expansion, der Feste in Tel-Awiw und der Folgen des Regenmangels fährt der Artikel fort: ״Palästina ist ein armes und kleines Land und der Regierungsaufgaben auf den Qebleten der Erziehung, des Gesundheitswesens, der sozialen Fürsorge, der Förderung der Land- Wirtschaft wären viel. Aber dafür gibt es kein Geld, ln diesen Zeiten der allgemeinen Krise hat man überall die Gehälter der Beamten stark herabgesetzt. Auch Palästina wurde von einer von London aus gesandten Ersparniskommission besucht, aber die Regierung war so vorsorglich, den Bericht dieser Kommission geheim zu halten und nicht den Untertanen bekannt zu geben. Beinahe die Hälfte des palästinensischen Budgets geht für Beamtengehälter, alle irgendwie höheren oder einflußreichen Posten sind ausschließlich durch englische Beamte besetzt, Paläsfinenser, Araber wie Juden, werden nicht zugelassen, obwohl doch die palästinensische Bevölkerung zur Selbstverwaltung erzogen werden soll. Die Gehälter der hohen Beamten sind nicht nur relativ für ein so kleines Land, sie sind auch absolut ebenso sehr hoch wie die Zahl dieser englischen Beamten, etwa verglichen mit dem so vielfach größeren Indien, so daß auch die Beamten Palästinas nichts von der Krise spüren.“ * Im ״Menorah Journal“, dem Organ der jüdischakademischen Vereinigung Menorah in Amerika, das —■ ein Zeichen der schweren amerikanischen Krise — monatelang aus finanziellen Gründen nicht erscheinen konnte und nunmehr ein Vierteljahresheft herausgebracht hat, nimmt an leitender Stelle der Redakteur der Zeitschrift, Henry Hurwitz, zur gegenwärtigen jüdischen Situation Stellung. Seine Ausführungen seien hier wiedergegeben, weil sich darin die Anschauung einer parteimäßig nicht eng gebundenen jüdischen intellektuellen Schicht Amerikas spiegelt. Der Verfasser schlldert zuerst die Lage der amerikanischen Juden in der Wirtschaftskrise und wendet sich gegen die Auffassung, daß die Fürsorge für jüdische Arbeitslose eine spezifisch jüdische Angelegenheit sei. Hier liege eine gesamtamerikanische Sache vor, bei der Juden und Nichtjuden der Gesamtheit gegenüber in der gleichen Position sind. Hingegen müsse das amerikanische Judentum energischer als bisher die wirklich spezifischen jüdischen Interessen in Angriff nehmen. Nicht Wohlfahrtsarbcit, sondern Erzieh ungsarbeit müsse an erster Stelle stehen. Der Verfasser ist aber der Meinung, daß aus gesamtiüdischem Solidaritätsempfinden die Wohlfahrtsarbeit der amerikanischen Juden für das osteuropäische Judentum nicht ohne weiteres abgebrochen werden dürfe, obwohl in einem absehbaren Zeitpunkt diese Fragen in den betreffenden Ländern selbst gelöst werden müssen. Was die Palästinafrage betrifft, so unterscheidet Hurwitz drei Arten von Zionismus, und zwar ״messianisehen“ Zionismus, der jahrhundertelang das Volk beseelte, dann den aus jenem mcssianischen Empfinden sich nährenden ״politisehen“ Zionismus, der einen Judenstaat im vollen politischen Sinne anstrebt, und schließlich den ״Kulturzionismus“, der die jüdische Siedlung in Palästina als nationales Zentrum und Energiequelle für das ganze Volk betrachtet. Was die Judenstaats-Zionisten betrifft, die allerdings die Hoffnung einer buchstäblichen Lösung der ganzen Judenfrage aufgegeben haben, betrachtet Hurwitz ihr Ziel als unerreichbar. Dagegen hält er die von ihm Kulturzionismus genannte Strömung, die ein volles kulturelles Ausleben der Juden in Palästina anstrebt, ohne darum Anspruch auf alleinige politische Herr- Schaft zu erheben, für ein großes und erstrebenswertes Ideal, die einzige große Renaissancebewegung unserer Tage, die alle jüdischen Kräfte einzusetzen wert ist. Um diese Entwicklung zu sichern, sei jedoch vor allem ein Modus vivendi mit den Arabern nötig, und dieser könne nur durch unzweideutigen Verzicht aut Judenstaat und jüdische Majorität in Palästina erreicht werden. Ein solcher Verzicht, so schreibt Hurwitz, würde keinen realen jüdischen Verlust bedeuten, da diese Ziele ohnedies nach seiner Meinung unerreichbar sind, andererseits ihre Aufrechterhaltung zu neuen schweren Unruhen führen müßte. Die Rückkehr zum Wortlaut des Basler Programms werde den Weg zu einer Verständigung mit den Arabern eröffnen. Ferner fordert der Autor eine gründliche Umgestaltung der Beziehung zwischen Palästina und Diaspora und einen Umbau der Zionistischen Organisation, deren Kongresse in ihren heutigen Formen ihrer Aufgabe nicht mehr entsprechen. Schließlich betont der Verfasser, daß ein in dieser weise innerlich erneuter Zionismus das ganze Judentum beleben und z. B. für das jüdische Leben in Amerika eine ungeheure Bedeutung haben könnte. * In der englischen ״Political Quarterly“ April/ e veröffentlicht Leonard Woolf (der Gatte der beten Dichterin Virginia Woolf) eine längere Besprechung des (in der ״J. R.“ ausführlich gewürdigten) Buches von Norman Bentwich ״England in Palästina . Der Rezensent hebt hervor, daß Bentwich, der als Jude sicherlich von vielen für voreingenommen gehalten werde, in seinen Bemühungen um völlige Objektivität so weit gegangen sei, daß er tatsächlich der jüdischen Seite meistens nicht voll gerecht werde. Man müsse dem Verfasser darin zustimmen, daß viel bewundernswerte Vcrwaltungsarbeit geleistet worden *ei, und daß mit etwas mehr Ehrlichkeit und Zielbewußtheit die britische Politik und die Palästina-Verwaltung viele der verhängnisvollen und schandbaren Ereignisse vermieden hätten, Was man auch über die ursprüngliche Zweckmäßigkeit der Balfour-Deklaration denken möge, — nachdem sie einmal da sei sollte es über die richtige Palästina-Politik nur eine Meinung geben. England hatte entweder den Arabern und der übrigen Welt absolut klar machen müssen, daß es seinen Verpflichtungen gegen die Juden nachzukommen gedenke, ungeachtet aller arabischen Propaganda oder gar Gewalttätigkeiten, — oder aber es hätte offen und ehrlich erklären müssen, es sei zu dem Resultat gekommen, daß es unmöglich oder unzweckmäßig sei, das Mandat zu erfüllen. Obwohl Norman Bentwich sich äußerste Zurückhaltung auferlege, sei aus seinem Buch leicht zu ersehen, daß weder die englische Regierung noch die Palästina-Verwaltung jemals die Notwendigkeit einer solchen klaren Entscheidung ernstlieh ins Auge gefaßt hätte, und hierauf müsse man das Versagen der Verwaltung mit ihren teilweise furchtbaren Konsequenzen zurückführen, ln den letzten Jahren der Regierung Herbert Samuels sowie während der Regierungszeit Plumers habe es Momente gegeben, in denen ein Modus vivendi zwischen Arabern und Juden hätte zustande kommen können. Aber diese Möglichkeit sei zerstört worden durch die Ermutigung der extremen mohammedanischen Richtung seitens gewisscr Politiker und Journalisten in England und pro-arabischer Beamter der Palästina-Verwaltung. Noch verhängnisvoller seien die Konsequenzen der unaufrichtigen und schwankenden Haltung der englischen Regierung nach den Unruhen und Massakern von 1929 gewesen. V Im Maiheft der amerikanischen ״Current H i 61 o r y“ schreibt Professor Albert H. Ly byer über den ״Kampf um Land in Palästina": Ehe Lage sei in letzter Zeit verschlimmert worden durch eine anscheinend wohlarrangierte arabische Bewegung, die sowohl die Fellachen wie die Beduinen umfasse und darauf abziele, von Juden gekaufte Ländereien zu okkupieren. Es heiße, daß die Ländereien illegal und ohne Berücksichtigung der Rechte der Pächter gekauft worden seien, und daß jetzt die vertriebenen Pächter sich entschlossen hätten, zurückzukehren und ihre Ansprüche eigenmächtig durchzusetzen. Manche hätten sich vor die Pflüge der jüdischen Bauern geworfen, andere hätten selbst an gefangen, auf jüdischen Feldern zu pflügen, oder hätten aus Rachsucht den Juden Hecken eingerissen oder Bäume entwurzelt. Freunde der Araber behaupteten, landlose arabische Bauern hätten ausschließlich brachliegendes oder unbebautes Land in Besitz genommen; andere gäben zwar die Gültigkeit der jüdischen Besitztitel zu, behaupteten aber, daß die jüdisehen Käufer die Araber mit Gewalt vertrieben hätten, obwohl diese ein Recht hatten, darauf zu bleiben. Andererseits werde von jüdischer Seite behauptet, daß bei allen Landkaufen des N. F. die arabischen Pächter voll entschädigt worden seien und daß sie nur infolge der antizionistischen. Hetze zurückkehrten. Es sei auch höchst bezeichnend, daß die Araber nirgends in die Hunderttausende von acres unbebauten Landes eingedrungen seien, die christlichen Kirchen gehörten, sondern ausschließlich in Ländereien, die von Juden rechtmäßig gekauft und in Besitz genommen worden seien. — Lybyer, der sich in seinen regelmäßigen chronikartigen Uebersichten in der ״Current History“ stets großer Sachlichkeit befleißigt, geht dann noch aut die 1m März abgehaltene Konferenz der amerikanischen Zionisten in Philadelphia ein, und verzeichnet ohne Kommentar den dort angemeldeten Anspruch auf freie Einwanderung nach Transjordanien. * Der bekannte englische Schriftsteller Owen Tweedy veröffentlicht in der amerikanischen ״Atlantic M 0 n t h f y“ eine schöne ausführliche Schilderung seiner jüngsten Eindrücke vom ״Goldenen Jerusalem“. Besonderes Interesse verdienen daran wohl nur die Betrachtungen, die an die Grab- Stätte Mohamed Alls geknüpft werden. Als der berühmte indische Moslem in London, wo er an der Round Table Conference teilnahm, plötzlich starb, habe man in Jerusalem nur zehn Tage Zeit zur Vorbereitung seines Begräbnisses gehabt. Aber in diesen wenigen Tagen vollbrachte der arabische Enthusiasmus Wunder. Das Grabmal, an dessen Stelle bis dahin nichts als ein unbenutztes Zimmer einer Pilgerherberge gestanden hatte, wurde mit Marmor gepflastert und getäfelt; man brach einen neuen Eingang zu den Klöstern, setzte eine wunderbare neue bronzene und mit Kupferbeschlagen versehene Tür ein und machte in die kahle wand zwei große Fenster, die in grünrote Scheiben mit Gitterwerk im besten arabischen Stil gesetzt wurden. Das Innere weise Teppiche und Hängelamppen von unschätzbarem Wert und herrliche neue Arbeiten der Steinmetzkunst auf. Die Araber hielten die Tatsache, daß der berühmte indische Führer hier begraben sei, für politisch sehr bedeutsam, denn Jerusalem werde dadurch zum allseitig begehrten Mausoleum der Moslems werden, während es bisher nur als jüdisches Mausoleum gegolten habe. Die Minerva -Zeitschrift (Zentralblatt für die gelehrte Welt, Verlag W. de Gruyter, Berlin) hat mit der Veröffentlichung von ״L ä n d e r b e r i c h t e n“ begonnen, die einen zusammenfassenden Ueberblick auf wissenschaftlich-organisatorischem Gebiete in den Ländern außerhalb des Deutsehen Reiches bieten sollen. Der erste Länderbericht ist der Tschechoslowakei und Palästina gewidmet. Hugo Bergmann berichtet über das wissenschaftliche Leben im heutigen Palästina. * Von der Palästinastimmung, die die Kreise der Agudas Jisroel erfaßt zu haben scheint und die sich auch in den Berichten der kürzlich aus Palästina zurückgekehrten Aguda- Delegation äußert, bekommt man eine Vorstellung aus dem letzten Leitartikel des ״Israelit“ von Dr. Nathan Birnbaum. Birnbaum erhebt seine warnende Stimme gegen die rauschhafte, übertriebene Palästina-Begeisterung und sagt den Agudisten einige unangenehme Wahrheiten, ihre jetzige Palastina-Begeisterung, so führt er aus, hat ihre Hauptstütze nicht in einer echten religiösen Palästinaliebe, sondern in einer besonderen Konjunktur, in gewissen materialistischen Wunschbildern. Bimbäum warnt vor diesen Hoffnungen. Die Aguda, so sagt er, unterliege dem zionistischen Einfluß. Aber während für die Zionisten ihre Vergangenheit spricht, ihre Leistungen in der heroischen Periode, haben die Agudisten ״mit starker Verspätung die Losung aufgenommen“, . . . ״ohne daß nur ein Funkchen Hoffnung vorhanden ist, daß gerade Ihr den Problemen beikommen werdet“. Birnbaum vertritt demgegenüber seine bekannten Forderungen einer jüdischen Umschichtung und Rückkehr zur Landarbeit in allen Ländern des Golus. Aber wenn er seine Anschauungsgenossen davor warnt, ״kein anderes Interesse als nur das für palästinensische Dinge“ zu kennen, so kann man daraus schließen, welchen Umfang die Palästina- Stimmung bei der Aguda angenommen hat,