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Jüdische Rundschau · 1932-05-06 · Heft 36 (6.5.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 36 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 36, 6. V. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 171 Erfolg und Aufbruch Ein Nachwort zur Makkabfah Von Kurt Jacobowitz (Bar Kochba, Berlin). Die erste Makkabiah liegt hinter uns. Die Fanfaren schweigen. Blauweißbeflaggte Schiffe trugen tausend-e Makkabim wieder zurück in die Oaluth. 1029 ward die Makkabiah beschlossen in Mähr.-Ostrau. Die Leitung des Weltmakkabi hat allen Schwierigkeiten mm Trotz einen Plan durch geführt und eine jüdische Tat geboren. Im Anfang war das Wort, welches lautete: ״Der Makkabi-Weltverband erstrebt die Erziehung seiner Mitglieder durch körperliche und geistige Schulung zur verantwortungsbewußten Mitarbeit an allen nationalen Auffaben des jüdischen Volkes, insbesondere am Aufbau von rez Israel.“ Als dieses Wort entstand, sah sich das neugewählte Präsidium den Resten einer stolzen Bewegung gegenüber, die Krieg und Revolution zerschlagen batte, stand vor der riesengroßen Aufgabe, die versprengten Stämme der jüdisehen Turnerschaft zusammenzuschweißen zu einem neuen Ganzen und darüber hinaus die jüdischen Turner den gegebenen Tatsachen des Jahres 1929 anzupassen. Man gab sich für die Zukunft ein Programm, das zionistisch und nur das war, unpolitisch und prätentionslos: Eit! Arbeitsprogramm. Ein Mann erkläite: Dieses Programm ist keine Deklamation, gehen wir ans Werk! Es war Hermann Leiewer, der damalige Vorsitzende des Berliner Bar Kochba, der in Mähr.-Ostrau die Führung des Makkabi übernahm. Die erste Arbeitsetappe lautet: Im Jahre 1932 zur Makkabiah nach E re z Israel! Das hieß, Menschen schaffen, sie im Hinblick auf das erste jüdische Sportwelttreffen zu physischer Höchstleistung zu bringen und sie gleichzeitig geistig und seelisch vorzubereiten, hieß ein Neuland beackern, in das das Samenkörn des Zionismus gelegt werden sollte. Rings die zio- Tiistische Welt schwankte unter den Mordschlägen in Palästina, wurde geschüttelt von innerpolitischen Krisen, zerfiel fast zwischen Diskussionen. Inzwischen arbeitete der Makkabi. Er schuf aus der Papierorganisation einen wirklichen Verband. Er kettete durch Reisen und Sporttreffen in Antwerpen und London und durch eine einheitliche zionistische Erziehung die heterogenen Elemente zusammen. Die hebräische Sprache und die blaue KKL-Büchse begannen ständige Oäste in den Makkabivereinen zu werden. Monat für Monat zog der neue Kraftmittelpunkt magnetisch neue Länder heran: England, Bulgarien, die Vereinigten Staaten, Australien, Nordafrika. Und das letzte Training begann. War es eine Kleinigkeit, Tausende von Menschen nach Erez Israel zu bringen? Es bedeutete ein erstes jüdisches Massentreffen im Lande der Väter seit 1800 Fahren, es bedeutete eine friedliche Demonstration jüdischer Taft, jüdischer Leistung, eine Demonstration der Tat in zerrissenen und tatenlosen Tagen, ein neues Werk der Oaluth, neue Anstrengungen und Beweise von Energie und Organisationsfähigkeit. Nach dreijähriger ununterbrochener Arbeit gingen die Fahnen im Nationalstadion in Tel-Awiw hoch und 25 (XX) Menschen sahen den Gruß, den die Galuth ihrem Lande entbot in Form eines neuen Menschen, des Makkabi. Hier hatten Juden ohne offizielle Hilfe, ohne nennenswerte Geldmittel, nur auf sich gestellt, eine neue Einheit geschaffen und einen neuen Begriff. Es hat sich gelohnt. Die Propaganda für die jüdischen olympischen Spiele in Tel-Awiw erfaßte die Welt. Kaum eine Zeitung entzog sich dem Eindruck des Projektes und der gelungenen Tatsache. Bis in die letzte Wohnstätte, wo Juden siedeln, drang der neue Gedanke der Makkabiah und warb neue Menschen für den Zionismus. Der J i s ch u w stand zunächst der Idee der Makkabiah mit feteilten Gefühlen gegenüber. Man maß da* Projekt mit er politischen Elle. Man kannte den Weltmakkabi noch nicht, man wußte nicht, was er wollte, und vermutete irgendwelche neuen parteipolitischen Tendenzen. Außerdem saß er ja überwiegend in der Galuth, zu der man in den letzten Jahren das Vertrauen verloren hatte. Die Einwanderung stand still, Schlag folgte auf Schlag. Der Makkabi Erez Israel war isoliert, man traute ihm nicht die Fähigkeit zu, ein solches Fest im Lande zu organisieren. Man glaubte überhaupt nicht mehr, bis der Makkabi in Tel-Awiw begann, den Spaten in die warme Erde zu setzen und das Stadion zu bauen. Man vertraute nicht eher, bis die Sendboten kamen und Quartiere schufen für die Kommenden, bis die führenden Männer Tel- Awiws und des Jischuw die Makkabiah in ihrer Bedeutung erkannten und sie als Realität zu behandeln begannen. Da griff man freudig mit an. Abseits standen wenige, stand bedauerlieherweise der Bruderverband ״Hapoel“, vielleicht im innersten betrübt darüber, daß er das Vertrauen nicht fassen konnte und nicht glauben wollte, daß hier keine irgendwie gefärbte politische Machtgruppe, sondern unpolitische, nur zionistische Jugend anrückte. Die Schiffe kamen. Nie zuvor hatte Palästina so gerüstet, nie zuvor hatten die dreitausend Makkabim des Landes solche Ausdauer und Energie bewiesen. Das jüdische Volk sah die neue Kraft der Galuth, sah, daß es nicht vergessen und verraten war, und erblickte die Leistung von Diasporajuden; konnte sich zehn Tage eins fühlen mit den amerikanischen Juden, die zum erstenmal sich in die Scharen der Makkabim in Masse einreihten, mit den dänischen und deutschen, mit den tschechischen und polnischen und den vielen andern. Der Jischuw spürte den sachlichen Geist der neuen Jugend, einer unpolitischen und nur zionistischen Jugend. In dieser einzigartigen Atmosphäre schlossen sich gelockerte Bande neu, kehrte das Vertrauen des Jischuw zu sich selbst und zur Galuth zurück. Und aus den Festen und Fahrten im frühlingshaften Lande wurde der Begriff der kommenden Aufgabe geboren. Es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß der Zionismus seit 1929 stagniert hat. Schuld daran mag die politischen Zwischenfälle, mag Englands Haltung, mag die Wirtschaftsnot, mag sonstweiche Faktoren treffen — sie trifft In erster Linie die Zionisten selbst. Politik — ein wesentlicher Faktor, Politik als Tummelplatz ungeläuterter Gruppenaffekte bedeutet Niedergang und Uebel. Mit Innenpolitik allein gewinnt man nichts, verbreitert man niemals die Basis, auf der man steht, sondern verliert man die Aussicht auf Neuland, und unser Neuland ist die Jugend. Der Zionismus kann sich nicht nur auf den Nachwuchs seiner Anhänger allein stützen, er darf sich nicht allein verlassen auf jenen tapferen und opferbereiten Vortrupp in Erez Israel: Er muß werben! Sein Ziel muß die Zionisierung aller jüdischen Jugend sein. Man wirbt in einer Zeit der Tat nicht mit Worten und schönen Reden. Man kann auch nicht nur auf die ferne Leistung in Palästina hinweisen, sondern man muß der zu werbenden Jugend eigene Leistung vorschreiben können, ihr, der noch nicht zionistisch durchtränkten, eine greifbare Kampfaufgabe stellen: den Sport! ln einer Zeit, wo der Sport sich zu einem der stärksten beherrschenden Faktoren ausgebiklet hat, muß der Zionismus sich seiner bemächtigen. Ueber die Sportorganisation zur Zionistischen Organisation! Der Makkabi hat es sich zur Aufgabe gestellt, das Sammelbecken aller zu werden, die auf einem andern Wege nicht zum Zionismus gelangen. Er wird die Form, in der jüdische Jugend sich organisiert, aber nicht nur als Samntelmasse, sondern auch als bewußt zionistische Masse durch das Medium zionistischer Beeinflussung und Erziehung. Der Makkabi muß angesichts dieser Aufgabe die Anerkennung des Zionismus finden. Der neue Mensch, sportlich und geistig gleichwertig, arbeitet im Makkabi nicht für eine Partei oder eine politische Richtung. Der Makkabi schafft erst einmal Zionisten. Dem fertigen Menschen erst überläßt er und erleichtert er eine innerzionistische Stellungnahme, ohne ihn danach zu bemessen, wie diese Stellungnahme im einzelnen ausfällt. Nicht Fraktions- Soldaten zu schaffen kann die Aufgabe der Bewegung sein, sondern verantwortungsbewußte nationale Menschen. Der Makkabi wird damit zum Pfeiler der Galutharbeit. Er muß der ״Sokol“ werden des jüdischen Volkes! Danach ergibt sich sein Programm für die kommenden Monate: Sammlung der Außenstehenden, Erziehung der eigenen Scharen durch intensive Hebraisierung, denn nur diese vermittelt die Fühlung mit dein lebendigen Strom des Volkstums, beständige Verbindung mit dem Lande der Zukunft durch weitere Makkabioth, kleinere Treffahrten und eigene Makkabi-Siedlungen. Eine besondere Aufgabe erwächst dem Makkabi des Landes Erez Israel: Er muß der unpolitische Block werden im Auf und Ah des politischen Kampfes, er muß ferner die Sendboten aussenden in die Galuthländer zur Werbung und Erziehung der zionistischen Massen. Aber nicht nur für den Zionismus, nicht nur für den Jischuw׳, nicht nur für den Makkabi seihst, hat die Makkabiah zentrale Bedeutung — sondern auch für das Verhältnis zur Mandatarmacht. England bewundert jüdische Leistungen, es anerkennt das Ruthenberg-Wrrk, die Arbeit am Toten Meer, es wird abgestoßen durch eine politisierende, rückwärtsgerichtete Jugend, durch Gahithmassen, die sich in ewigen Protesten und politischen Programmen erschöpft. Verständigung setzt eine gemeinsame Basis voraus. Eine solche kann allein durch menschlich-soziale Leistung geschaffen werden, durch Loslösung von den Affekten und durch ein Wirken, der Zukunft zu gerichtet. Symptom ist es, daß der High Cornmissioner das Protektorat einer Makkabiati übernimmt, Symptom noch mehr, wenn ״Near East and India“ schreibt, daß der jüdischnationale Geist sich zum ersten Male von einer nur auf die Vergangenheit gerichteten Orientierung befreit habe und sich einem hauptsächlich in der Zukunft liegenden Ideal zuwende. ״Denn aus gesundem Körper kommt ein gesunder Geist“. Das Ziel, die Schaffung des normalen jüdischen Menschen, losgelöst von schlechten Erbschaften, mit dem Blick auf die Zukunft, bereit zu verantwortungsbewußter Mitarbeit, findet das Verständnis eines großen und praktischen Volkes, das gleiche Prinzipien seit Jahrhunderten pflegt. Die Makkabiah bedeutete ein Ziel. Es ist erreicht. Sie bedeutet eine Aufgabe für den Makkabi und den Zionismus. In diesen Tagen muß die Tatsache der ersten jüdischen Olympiade propagandistisch ausgewertet werden. In aller Welt sollten sich die Makkabigruppen und Zionistischen Vercinigungen zusammenfinden und in gemeinsamen Veranstaltungen werben, wie es augenblicklich bereits in Berlin geschieht. Der jüdische Mensch wird leben, der Zionismus wachsen, das Land und das Vertrauen des Mandatars und der arabischen Nation Euer sein, wenn Ihr es wollt. Gebt dem Makkabi Raum für die Arbeit! Er schwor im Stadion in Tel-Awiw nicht nur den ersten jüdischen Sportschwur — er gelobte zu gleicher Stunde sich und dem Zionismus, zu neuen Ufern zu gelangen. Seine bisherigen Leistungen und die Makkabiah sprechen für ihn. Reicht ihm die Hand zum Aufbruch! Steigen der Keren-Hajessod-Eingänge Das offizielle ״Jewish Agency Bulletin“ teilt mit: Die Einnahmen des Keren Hajessod betrugen in den ersten 5 Monaten des Jahres 5692 (Oktober 1931 bis Februar 1932) £ 94 572, davon £ 27 341 aus den Vereinigten Staaten Nordamerikas und £ 67 231 aus den übrigen Ländern. Iti den ersten 5 Monaten des Vorjahres beliefen sich die Einnahmen des KH auf mir £ 91 474, davon kamen £ 10 469 aus den Vereinigten Staaten und £ 81 005 aus den übrigen Ländern. In der letztgenannten Summe war die besondere Zu- Wendung des Barons Rothschild in Höhe von £ 10 000 eingeschlossen. Nachstehende Gegenüberstellung zeigt die Einnahmen aus den einzelnen Ländern in den beiden erwähnten Perioden: die ersten 5 Monate 5692 5691 Vereinigte Staaten ..... £ 27 341 £!0 469 ל*! י**!״***•*׳ •.. * Südafrika 15174 18 875 England *;u# «•2t•:®*■?• ל*■ *■*־ע 14 736 14916 Polen 6037 5 304 Holland * 4 646 2 747 Argentinien . . .... 2001 1040 Westgalizien . . .m»w . . 1 645 1 313 Erez Israel •י ־ **יל •**•*ד •ל 1612 1415 Litauen . . . . 1 167 S25 £ 74 359 £. 56 904 Die übrigen Länder. 20 213 24 570 £ 94 572 £ 91 474 Der Rückgang in Südafrika ist auf den verspäteten Beginn der Kampagne zurückzuführen. In den meisten übrigen Ländern sind die Einnahmen gestiegen, und nur in einigen wenigen Ländern sind sie in geringem Maße zurückgegangen. Aus einigen Ländern konnten die gesammelten Gelder infolge der Bestimmungen über Geldausfuhr noch nicht an das Hauptbüro überwiesen werden. * Trotz der drückenden wirtschaftlichen Lage, die in allen Ländern die Arbeit für den Keren Hajessod außerordentlich erschwert, ist also ein Steigen der Keren Hajessod- Einnahmen zu verzeichnen. Von der Tätigkeit des Keren Hajessod in Polen. Nach Ab- Schluß einer erfolgreichen Keren Hajessod-Tournee in Polen ist der Delegierte des Jerusalemer Keren Hajessod-Direktoriums, Dr. Michael Traub, vor einigen Tagen in Deutschland eingetroffen, wo er sich nunmehr an der Arbeit des Deutschen Keren Hajessod beteiligen wird. Wie uns aus Warschau gemeldet wird, fand dort anläßlich der Abreise von Dr. Traub unter Vorsitz von Prof. Schorr ein Abschiedsbankett statt, zu dem namhafte Vertreter der Zionistisehen Organisation, der Jewish Agency, des Direktoriums des Keren Hajessod in Polen u. a. erschienen waren. Prof. Schorr schilderte in seiner Ansprache die Schwierigkeiten, die der Keren Hajessod angesichts der herrschenden Wirtschaftskrise bei der Durchführung der diesjährigen Winteraktion in Polen überwinden mußte und drückte Herrn Dr. Traub, der als Delegierter der Zentrale des Keren Hajessod in Jerusalem diesen Winter die Keren Hajessod-Arbeit in Warschau leitete, den herzlichsten Dank des Polnischen Keren Hajessod-Direktoriums für seine erfolgreiche Tätigkeit aus. Prof. Balaban berichtete über die zahlreichen Vorträge, die Dt. Traub im Laufe dieses Winters in der Bne Brith Loge und in anderen Gesellschaften in Warschau gehalten hat und betonte, daß es Dr. Traub durch diese Vortrage gelungen ist, neue Kreise für das Palästinawerk zu gewinnen. -- Weitere Ansprachen hielten die Herren Dr. Kl u mel, Dr. H i n d e s , L e v ite , Vertreter der Wizo, der Studenten u. a. Dr. Traub gab in seiner Schlußrede der Hoffnung Ausdruck, daß die Opferwilligkeit der polnischen Juden, die ungeachtet der Wirtschaftskrise in den vergangenen Wintermonaten das jüdische Aufbauwerk in Palästina nach besten Kräften unterstützten, auch in Zukunft nicht erlahmen und der (udenheit anderer Länder als Vorbild dienen wird. Jüdische Kindernoi in Berlin Einen erschreckenden Einblick in die wirtschaftliche Lage der Berliner Judenheit warfen Zahlen, welche anläßlich einer Pressekonferenz der Berliner Jüdischen Gemeinde am 3. d. M. zur Vorbereitung einer Aktion für Verschickung j ü - discher Kinder in den Sommermonaten 1932 vom Dezernenten des Wohlfahrtsamtes, Direktor Heinrich Stahl, und dem langjährigen Betreuer jüdischer Kinder, unserem Gesinnungsgenossen Dr. Stahl, genannt wurden. Insgesamt dürfte cs in Berlin ungefähr 15—16 000 jüdische Kinder im Alter bis zu 11 Jahren geben. Der jährliche Geburten- Zuwachs vermindert sich dauernd. Im Jahre 1925 betrugen die jüdischen Lebendgeburten noch 1956. Diese Zahl fiel stetig bis zum Jahre 1030 auf 1217. Im Jahre 1925 betrug der Ueberschuß der Todesfälle über die Geburten 553; er steigerte sich dauernd und erreichte im Jahre 1929 die Zahl von 1386. Die Gemeinde Berlin hat für Jugend- und Kinderfürsorge in den abgelaufenen Jahren aus eigenen Eingängen (hauptsächlich Steuern) jährlich Beträge von 473 000 bis 550 (’•(X) M. ausgegeben. Im Jahre 1932 sind in den Etat mit Rücksicht auf die verringerten Einnahmen mir noch 463 000 M. für diesen Zweck eingesetzt. Der Bedarf jedoch hat sich aber mindestens verdoppelt. Aus diesem Grunde' veranstaltet die Gemeinde mit Bewilligung des Polizeipräsidiums in den T a g e n v o m 5. b i s 11. M a i H a u s s a m m 1 u n g e n , für deren Durchführung sich 500 Mitglieder aller jüdischen Jugcndbiinde zur Verfügung gestellt haben. Dr. Stahl ergänzte die Ausführungen Direktor Stahls durch interessante Angaben auf Grund seiner Erfahrungen als ärztlicher Helfer. Die Zahl der Konsultationen ist vorn Jahre 1928 von 11 173 auf ca. 16 000 im Jahre 1931 gestiegen. Im Jahre 1928 nahmen 3000 Kinder die Institutionen der Kinderhilfe in Anspruch, im Jahre 1931 waren es bereits 5113 Kinder. Somit ist jedes dritte jüdische Kind in Berlin gezwungen, sich von Gemeinde-Institutionen betreuen zu lassen. Dr. Stahl erwähnte, daß in der letzten Zeit die Mehrheit der von ihm und seinen Assistenten behandelten Kinder an ausgesprochenen H ungerkrank 11 eiten leiden. Die Tuberkulose, bei jüdischen Kindern früher wenig bekannt, ist heute weit verbreitet. Fast die Hälfte aller Kinder ist infolge quantitativer und qualitativer Unterernährung gegenüber Krankheiten nicht mehr resistenzfäbig, leidet an Rachitis und nervösen Störungen, die sich u. a. in Stottern äußern. Charakteristisch ist, daß.ungefahr 70 °0׳ der notleidenden Kinder Reichsdeutsche sind, ein Beweis dafür, daß sich die wirtschaftliche Situation auch der alteingesessenen Juden in Berlin außerordentlich verschlechtert hat. Unter den unterstützungsbedürftigen Kindern finden sich sehr viele, deren Väter akademische Berufe ausüben oder noch vor kurzer Zeit selbständige, wohlhabende Kaufleute waren, welche zur Kategorie der Geber und nicht der Nehmer gehörten. An die Ausführungen von Direktor Stahl und Dr. Stahl schloß sich eine kürzere Aussprache, in der die bevölkerungspolitischen Gefahren hervorgehoben wurden, die sich aus der gegenwärtigen Situation der jüdischen Gemeinschaft m Berlin ergeben. WohllahrtsnnlerstatzDiig für Ansländer In der Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde haben Mitglieder der Jüdischen Volkspartei die Aufmerksamkeit der Gemeindeverwaltung auf einige Fälle gelenkt, in denen ausländische Juden, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, wegen Inanspruchnahme der städtischen Wohlfahrts- InsüMiaaea. Qefjihr ,,laufen, ,,ausgrwiese« , m diesem Thema äußert sich der ״Vorwärts“ in einer $e!nef letzten Nummern in ausführlicher Weise, weil die ״Rote Fahne“ den Sozialdemokraten vorgeworfen hatte, diese hätten der Ausweisungspraxis der Berliner Stadtverwaltung gegenüber Ausländern zugestimmt. Die Wohlfahrtsausgaben der Stadt Berlin für Ausländer belaufen sich im Jahre auf ungefähr eine Million Mark. Unter diesen Ausländern befinden sich hauptsächlich polnische, österreichische und tschechoslowakische Staatsbürger, überdies eine große Anzahl von Staatenlosen. Oberbürgermeister Sa hm hat die Bezirksämter angewiesen, bei der Behandlung dieser unterstützungsbedürftigen Ausländer die größte Loyalität walten zu lassen, jeder einzelne Fall wird individuell geprüft, und die Heimatsländer der Unterstützungsbedürftigen werden aufgefordert, für ihre notleidenden Staatsangehörigen Sorge zu tragen. Auch wenn dies nicht geschieht, wird keinesfalls zum Mittel der Ausweisung gegriffen. Von den mehreren hundert Ausländern, die von der Stadt Berlin unterstützt werden, sind bisher nur 25 ausgewiesen worden. Aber auch in diesen Fällen wird jede Härte vermieden und auf die individuelle Lagerung des betreffenden Falles größte Rücksicht genommen. Es geht aus den Veröffent- Iichungen des ״Vorwärts“ nicht hervor, daß es rieh bei den Ausgewiesenen um Juden handelt. Doch ist bekannt, daß unter den mit Ausweisung bedrohten ausländischen Unter- Stützungsempfängern sich Juden befinden. Veranstaltungen ln Tel-Awiw Im Rahmen der Tel-Awiwer Levante-Ausstellung fand eine große Zusammenkunft des ״Arbeitenden Palästina“ statt, die so überfüllt war, daß nach den Zeitungsberichten Tausende keinen Einlaß mehr finden konnten. Nach einer Begrüßungsrede von Ben Gurion sprachen mehrere amerikanische Gäste, darunter der Dichter David Pinski. Sämtliche Redner drückten ihre Bewunderung für das Aufbauwerk in Palästina und insbesondere für die Errungenschäften der jüdischen Arbeiterschaft aus. David Pinsld betonte, daß der gefährlichste Feind der jüdischen Erneuerung im Judentum selbst sitze, nämlich die Trägheit und die Assimilation. ln New York mit seinen zwei Millionen Juden spüre man keinen jüdischen Willen, nur in Erez Israel wird man sofort beim Betreten des Landes von diesem ungestümen Lebenswillen erfaßt. Am 24. April wurde im Rahmen der Levante-Messe die Weltkonferenz für die Verbreitung palästinensischer Landesprodukte (״Tozereth Haarez“) eröffnet. Das Präsidium bildeten die Herren Berlin, Dizengoff, Hoofien, Tolkowsky, Remez und Schenkar. Nach einer Reihe von Begrüßungen wurden folgende Referate gehalten: Der Vorsitzende des Industriellen-Verbandes, Schenkar, sprach über die Exportmöglichkeiten der palästinensischen Industrie; T olkowsky über die Märkte für landwirtschaftliche Produkte; Elieser Joffe über die Produkte der Arbeitersiedhingen; Frau Persitz über die Verbreitung des hebräischen Buches im Galuth; der Sekretär der Gesellschaft Mischar w'Taasia, Idelsohn, über die Verbreitung palästinensischer Produkte. Außerdem sprachen Vertreter von Polen, Rumänien und Amerika über die in ihren Ländern für Palästina-Produkte bestehenden Aussichten. Es wurden dann eine Reihe von Kommissionen eingesetzt. Im Pavillon des Hebräischen Schriftstellerverbandes auf der Levante-Messe wurde eine Ausstellung der Presse Palästinas eröffnet, die einen Ueberblick über die gesamte Presse des Landes geben soll. Im ganzen sind 803 Stücke ausgestellt, angefangen von der ersten hebräischen Zeitung, die vor 70 Jahren im Lande erschienen ist.

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