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Jüdische Rundschau · 1932-05-06 · Heft 36 (6.5.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 36 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 170 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36, 6. V. 1932 Die folgenden Ziffern für den Verkauf de! Ueberschusses an Produkten durch die Verkaufsgenossenschaft ״T’nuvah“, die fast alle vom Keren Hajessod gegründeten Wirtschaften in sich vereinigt, erscheinen recht aufschlußreich: 1927/28 1mm 1mm »30/31 M.״r. *«״» M,.״1•6 ״f Mn(• «*״» M״c Mil* (UM 2 184 43S 53617 37885« 63737 3654640 »4SI 4381336 90114 Eier (Stack) 356206 1 740 886788 5 346 1650963 7394 3 313607 13252 ü*fl(j(el (Kilo) 27422 3031 «310 6306 75132!964 97037 8 310 Bennen (Tonn••) 41 1507 157 4113 753 17579 736 13155 D.verse (Gemüse u*w.) 10485 16810 22712 6868 Die landwirtschaftliche Bevölkerung im Lande ist bekanntlieh bisher noch nicht zu einer solchen Entwicklungsstufe gelangt, daß sie alle ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen kann, was sich an der Einfuhr aus dem Auslände erweist Aus der folgenden Liste geht die Höhe der Einfuhr auslindischer Produkte in den Jahren 1927/30 hervor: 1927 1923 1929 1930 UP. UP. L.P. UP. Milchprodukt• Gefsügcl Eier Kartoffeln 102792,- 92459.- 708.- 2 385.— 24175.- 14745.- 48804 - 49444.™ 118515.™ 113626.™ 443».- 1863 - 26494.™ 23089.- 5182a— 42350.™ Diese Liste weist in die Richtung einer Fortsetzung des Ansiedlungsprogramms, wie es die Zionistische Organisation begonnen hat; aus ihr geht hervor, daß es möglich ist, neue Wirtschaften zu gründen, die an der Lieferung des Inlandsbedarf es teilnehmen können. Auch die Möglichkeit der Erschließung neuer Märkte muß natürlich in Betracht gezogen werden. Es sind bereits einige erste Versuche unternommen worden, die Er- Zeugnisse der gemischten Wirtschaft ins Ausland zu schicken, und die Resultate haben bewiesen, daß gute Aussichten für den Absatz eines Teiles unserer Produktion in anderen Ländern bestehen. Zur Deckung dieses Bedarfes gründete die Zionistische Organisation (jetzt Jewish Agency) oder half bei der Gründung von 50 Siedlungen und Arbeitergenossenschaften (davon 28 in Emek Jesreel und im Jordantal) mit 1728 Familien oder 7376 Seelen (nach der statistischen Erhebung durch die Jewish Agency im Jahre 1930). Der Wert ihrer Produktion im Jahre 1930 (auf Grund der gleichen Erhebung) belief sich auf insgesamt £ 181000 (abgesehen von der Produktion und dem ״Arbeitswert“ von 270 jemenitischen Familien, die in dieser Erhebung nicht mitberücksichtigt wurden). In diesen Wirtschäften gab es zur Zeit der statistischen Erhebung 3677 Milchkühe (reinrassige und gemischtrassige) und über 160 000 Stück Geflügel. Dieser Bestand hat sich inzwischen noch vermehrt. In der letzten Zeit ist nun die Frage aufgetaueht, ob hiermit die Aufgabe der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Ansiedlung nicht bereits beendet ist. Es gibt Leute, welche behaupten, daß die Vorbereitungsarbeit abgeschlossen ist, nachdem eine gewisse Anzahl von jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungspunkten geschaffen wurde, die auf gemischter Wirtschaft beruhen und mehr oder weniger den Typ realisieren, von dem man vor zwölf Jahren sprach. Die Zionistische Organisation hat den Weg gewiesen und nun müssen andere kommen und ihn weiter beschreiten. Es ist klar, daß man sich mit dieser Antwort unmöglich begnügen kann, da man durchaus nicht sagen kann, daß die Aufgabe der Jewish Agency im einzelnen und im ganzen beendet ist. Im einzelnen ist sie es nicht, da durch die Zionistische Orfanlsation eine große Anzahl von Siedlungen geschaffen wurde, je noch nicht ihrem Bedarf entsprechend basiert sind, und zwar nicht etwa, weil die natürlichen und sonstigen objektiven Bedingungen es verhindern, sondern weil der Keren Hajessod infolge seiner schwierigen finanziellen Lage bisher nicht die Summen zur Anschaffung aller Produktionsmittel für die von ihm angesiedelten Kolonisten aufbringen konnte. Die zur Konsolidierung der Moschawim (Individualsiedlungen) und Kwuzoth (Gemeinschaftssiedlungen) erforderliche Summe beträgt etwa £ 230 000. Solange diese Summe den Siedlern nicht zur Verfügung gestellt werden kann, können sie sich nicht im vollen Sinne des Wortes selbst erhalten. Die Auszahlung dieser Summe ist eine Ehrenschuld, welche die zionistische Bewegung diesen Siedlern gegenüber hat. Was aber geschieht nach der Erfüllung dieser Aufgabe? Werden private Initiative und privates Kapital die Aufgabe fortführen, welche die Zionistische Organisation begonnen hat? Es wird behauptet, daß das in bezug auf die Pflanzungszone der Fall sein wird. Aber diese Zone ist ja nur begrenzt. Wird das Privatvermögen auch in die gemischte Wirtschaft ein fließen? Es ist klar, daß das Privatvermögen nach denjenigen Orten tendiert, welche die größten Einnahmen ergeben lind den sonstigen Anforderungen der Besitzer in bezug auf Lebensbedingungen, möglichste Nähe der Kultur- und Er- Ziehungszentren, günstige klimatische Bedingungen und Gesundheitsverhältnisse, Sicherheit der Existenz und des Vcrmögens usw. entsprechen. Die Pflanzungszone erfüllt diese Bedingungen in ausreichendem Maße. Werden aber auch die anderen Gebiete des Landes diesen Bedingungen entsprechen können? Wir haben gesehen, daß sie es bisher nicht konnten. Die meisten privaten Siedler, welche ihr Geld in den Trockenpflanzungen des Emek und Galil anlegten, haben keinen Erfolg gehabt. Die Privatsiedler in Merchawiah, in den chassidischen Siedlungen und auch in den großen Unternehmungen von ״Kehillath Zion“ (American .Zion Commonwealth) und ,,Meschek“ mußten einer nach dem anderen die Hilfe der Zionistischen Organisation in Anspruch nehmen. Und auch heute erhebt sich die gleiche Frage: werden sich in Zukunft die Siedler mit Privatvermögen in den Gebieten von Emek, ״Hule“, Beisan und dem Jordantal niederlassen und Summen von £ 800 bis 1000 in die gemischte Wirtschaft hineinstecken? Werden sie sich mit bescheidenen Erträgen begnügen und unter schwierigen Lebensbedingungen, fern von der übrigen Bevölkerung und manchmal ohne ausreichende Sicherheit leben wollen? Wenn man aber nicht genügend derartige Siedler findet, die sich in diesen Gebieten niederlassen, soll man sich dann damit zufrieden geben, daß das Jüdische Nationalheim in Zukunft nicht über das Gebiet der Städte und der Pflanzungszone hinausreichen wird? Das darf natürlich nicht geschehen. Das Nationalheim wird nicht nur auf Orangen und Trauben erbaut, und der jüdische Jischuw kann ni:ht auf den Streifen zwischen Tel-Awiw und Haifa beschränkt bleiben. Noch haben Keren Hajessod und Keren Kajemeth eine große Aufgäbe vor sich. Der Gedanke der Schaffung einer gemischten Wirtschaft war ein gesunder Gedanke und muß auch in Zukunft die Grundlage für einen großen Teil unserer Arbeit im Lande bilden. Sowie wir neues Land außerhalb der Pflanzungszone erwerben, brauchen wir denselben Siedlertyp, der seinerzeit hinausging, die Sümpfe von Nuris und Nahalal auszutrocknen. Wenn es aber unmöglich ist, hierfür Leute mit eigenen Mitteln zu finden, so muß man wiederum nach Leuten Ausschau halten, die zwar nur begrenzte Mittel besitzen, dafür aber die landwirtschaftliche Arbeit von Grund aus verstehen, bescheiden in ihren Ansprüchen sind und dabei bereit, sich ihre Arbeitsstätten aus eigener Kraft zu erobern. Eine der Hauptaufgaben des Keren Hajessod für die Zukunft besteht darin, diesen Chaluzim bei ihrem Unternehmen zu helfen. Private Initiative und kaufmännische Kredite können den Keren Hajessod hierbei nicht ersetzen, denn zu dieser Ansiedlung ist Kredit auf sehr lange Zeit notwendig (für ca. 90 Jahre), zu einem geringen Zinsfuß (etwa 2—3 0/0) und bei ungenügender Sicherung. Kein Finanzinstitut, das selbst Divldenden oder Zinsen auf sein Vermögen bezahlen muß, kann unter solchen Bedingungen Kredite gewähren, und nur ein Regierungs- oder ein nationales Institut, das seinerseits keine Zinsen für die von ihm aufgebrachten Fonds zu bezahlen braucht, kann es unternehmen, eine solche Ansiedlung zu unterstützen. Diese Aufgabe muß der Keren Hajessod erfüllen, wenn das jüdische Volk überhaupt sein landwirtschaftliches Siedlungswerk über die Pflanzungszone hinaus erweitern will. Der Keren Hajessod muß auch in Zukunft der Privatinitiative den Weg weisen, und jeder Zionist muß ihn bei der Erfüllung dies er Aufgabe unterstützen. Hiermit soll natürlich nicht gesagt werden, daß es für das Privatkapital bei der Besiedlung des Landes außer in der Küstenzone keinen Platz gibt. Auch in anderen Gegenden gibt ts durchaus Raum für die Angehörigen des Mittelstandes, und sie können dort die gleichen Erfolge erzielen wie irgend jemand sonst. Sie werden viel Anleitung und Hilfe seitens der nationalen Institute brauchen und werden bei solcher Anleitung ihre Wirtschaften gut fundieren können. Den Beweis hierfür liefern die chassidischen Siedlungen im Emek, denen es nach den ersten schweren Jahren, in denen eine Auslese der Leute vor sich ging, allmählich gelang, ihre Wirtschaften auf einer gesunden Grundlage aufzubauen und die jetzt von Jahr zu Jahr bessere Fortschritte machen. Andere werden ihrem Beispiel folgen, falls sie sich mit wenigem begnügen können. Wenn sie nicht vom ״Goldregen“ des Orangenbaumes träumen, werden sie in ihrer Arbeit und Schaffenskraft in der gemischten Wirtschaft viel Befriedigung und auch ein Auskommen für ihre Familien finden. Sie werden nicht mit Herzklopfen auf jedes Telegramm aus London und Liverpool zu warten brauchen, um zu wissen, ob sie reich oder arm sind. Wer den größten Teil seines eigenen Bedarfs selbst produziert, wird zwar keinen großen Reichtum einheimsen, aber auch keinen Hunger leiden. Hieraus darf man auch nicht den Schluß ziehen, daß die zionistische Bewegung keine anderen Aufgaben hat. Auch in der Küstenzone hat sie noch eine große Arbeit zu leisten. Der Keren Kajemeth hat hier das große Gebiet von Wadi Chawareth erworben, das in kurzer Zeit für die Ansiedlung von Leuten aus dem Mittelstände und auch für die Ansiedlung von Arbeitern bereit sein wird. Der Jüdische Nationalfonds wird auch in Zukunft seine Arbeit fortsetzen: den Kauf großer Landflächen, zu deren Erwerb Einzelpersonen nicht imstande sind, und ihre Aufteilung unter Landwirte, die den Bodenpreis nicht bezahlen können. Die Aufgabe der Jewish Agency wird es sein, diesen Siedlern zu helfen, ihnen den Weg zu weisen. landwirtschaftliche und technische Pläne für sie auszuarbeiten, ihnen durch Sachverständige Ratschläge zu erteilen und ihnen bei der Erlangung von Krediten auf kaufmännischer Grundlage behilflich zu sein. Die Ausarbeitung des Planes für die Erschließung von Wadi Chawareth nähert sich ihrer Vollendung, und seine Ausführung wird einer Reihe von Familien des Mittelstandes die Möglichkeit geben, sich zu günstigen Bedingungen in der Pflanzungszone anzusiedeln. Pressesdiau Die ״Rhelnlsch-Mainische Volkszeitung״, eines der wichtigsten Organe der westdeutschen?entrymspartei, veröffentlicht eine ausführliche' Kritik des von uns! schon wiederholt erwähnten Buches ״Judentum und Zion ii s fn u s“ von Dr. Eugen Müller, das in der Schriftenreihe des katholischen ״Vereins vom Heiligen Lande“ erschienen ist. Ebenso wie die ״Germania“ und Prof. Stummer in der ״Kölnischen Volkszeitung“, gelangt auch der Verfasser dieser Kritik, Winfried Martini, zu einem geradezu vernichtenden Urteil über das Buch. Martini geht davon aus, daß die Katholiken dem jüdischen Volk zumindest ebenso objektiv wie jedem anderen Volk gegenüberstehen müssen und daher auch alle Erscheinungen innerhalb des jüdischen Lebens als Teiierscheinungen eines universalen Volkslebens begreifen müssen, statt falsch zu verallgemeinern. Martini widerlegt dann ausführlich die Müllerschen Angriffe gegen den Zlonismus und zeigt, daß Müller weder von der palästinensischen Kolonisation und Arbeiterbewegung, noch vom wahren Wesen der judenfrage eine Ahnung hat. Interessant ist besonders der Hinweis, daß mit demselben Recht, wie Müller die Chaluzim in Palästina als ״Sowjet-Jünglinge“ bezeichnet, auch katholische Mönchs-Orden, die gleichfalls ״kommunistisch“ leben, mit dem Sowjet-System in Verbindung gebracht werden könnten. Zum Schluß zeigt Martini, daß der Zionismus vor allem eine jüdische Frage ist und nur im Zusammenhang mit der Juden frage beurteilt werden könne. Hier versage Müller vollständig, indem er keinerlei Andeutung mache, wie die Judenfrage gelöst werden soll. Der Zionismus sei der Versuch der Wiedereingliederung der Juden in ihre historische Kontinuität, und von den Zionisten, die diese Anstrengung der Rückkehr zu ihrer volklichen und religiösen Tradition machen, sagt Martini: ״Man muß ehrlicherweise aus der Erfahrung zugeben, daß diese Juden durch die Einfügung in die Geschichte ihres Volkes eine sichere Plattform gewannen, von der aus sie mit einer weitaus größeren Ruhe und Sicherheit an die Lösung der allgemein menschlichen Probleme herangehen können als der Jude der vergangenen Emanzipationsepoche. Denn dieser war in dem Bestreben, seiner eigenen Geschichte zu entrinnen und sein eigentliches Wesen zu verstecken, um dadurch den gewünschten Habitus der nichtjüdischen Umgebung zu gewinnen, innerlich brüchig und unsicher geworden, was in nicht wenigen Fällen zu einem pathologisch gesteigerten und oft genug tragisch endenden ,jüdisehen Selbsthaß‘ führte.“ * Die Zeitung ״Industrie und Handel“, Berlin, veröffentlieht einen langen Artikel ihres palästinensischen Korreapondenten über ״Neue Kapitalanlagen ln Palästina“, worin darauf hingewiesen wird, daß die Möglichkeiten für Ansiedlung und für Unterbringung von Kapital in Palästina sich vergrößern. Die Konjunktur-Aussichten für Orangen und die Rentabilität des städtischen Grundbesitzes beurteilt der Verfasser vorsichtig, weil hierbei unbekannte künftige Faktoren mitspielen. Dagegen äußert er sich sehr optimistisch über die Möglichkeiten der Industrie, besonders wenn gelernte Fachleute die Unternehmungen begründen. Hierbei wird auf die Untersuchung hingewiesen, die der Einwanderungskommissär Hyamson auf Anregung von Farbstein in Tel-Awiw unternommen hat. Der naturgemäß vorwiegend für deutsche Interessenten bestimmte Artikel schließt mit folgendem Hinweis: ״Nach der Ansicht von Industriellen, die das Land in den letzten Monaten bereist haben, bietet Palästina Raum für eine Reihe von mittleren und kleinen Industrien. Wenn sich die Kapitalsinitiative in dieser Richtung hin bewegen wird, dann werden sich für Deutschland, nicht zu unterschätzende Aussichten für die Lieferung von Maschinen, von Halbfertigtabrikaten und für die Beschäftigung von Fachleuten für die Einrichtung der Betriebe und für die Heranbiklung des Arbeitermaterials zeigen.“ Zwei Fünfzigjährige Jakob Klaftzkfn Vor einigen Tagen hat Dr. Jakob Klatzkin seinen 50. Geburtstag gefeiert. Der Jubilar hat sich der Huldigung seiner Berliner Freunde entzogen; dafür wurde ihm die Genugtuung zuteil, diesen Festtag auf dem Boden Erez Israels be- .. Wirkens als hebräischer Schriftsteller und als Philosoph hat Dr. Abraham Schlesinger vor einigen Jahren in der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht (״Jüd, Rundschau“ Nr. 91 vom Jahre 1926). Klatzkin nimmt sowohl in der hebräischen Philo- Sophie als auch in der zionistischen Bewegung eine eigenartige, oft umstrittene, aber stets respektierte Stellung ein. Er ist philosophisch ein Schüler Hermann Cohens, dem er eine Monographie in hebräischer und in deutscher Sprache gewidmet hat, hat sich aber später von Cohen, dessen jüdische An- Behauungen er natürlich niemals teilte, auch philosophisch entfernt. In der zionistischen Bewegung hat Klatzkin bereits vor dem Kriege eine führende Rolle gespielt. Er war zwei Jahre Redakteur des damaligen zionistischen Zentralorgans ״Die Welt“, später Leiter des Hauptbüros des Keren Kajemeth in Köln. Während des Krieges redigierte er in der Schweiz ein jüdisches Bulletin und gab verschiedene Schriften heraus, und unmittelbar nach dem Krieg erschien sein berühmtes Buch ״Probleme des modernen Judentums“, dessen zweite Auflage den Titel führt ״Krisis und Entscheidung“. Dieses Buch ist Klatzkins zionistisch-theoretisches Hauptwerk. Er begründet darin seine Auffassung eines rein formalen jüdischen Nationalismus, der seine Grundstützen ausschließlich in den Elementen Land und Sprache, nicht aber in bestimmten geistigen Inhalten haben soll. Demgemäß kommt Klatzkin im Interesse einer Erhaltung der jüdischen Nation zu einer entschiedenen und kompromißlosen Negation der öaluth. Alle Versuche, das Judentum in der Galuth, gestützt auf verschiedene kulturelle Eigentümlichkeiten, zu erhalten, müssen nach seiner Meinung scheitern, da auf die Dauer die Elemente Land und Sprache sich als die mächtigeren erweisen müssen. Aus diesem Gedankengang heraus kommt Klatzkin zu einem radikalen palästino-zcntrischen Standpunkt, und für die Uebergangszeit, solange die Juden noch in der Galuth existieren, zu radikalen Absonderungsforderungen. Diese Anschauungen, die nach der Meinung vieler, vielleicht der meisten Zionisten allzu abstrakt erdacht sind und mit der Realität des Lebens nicht übereinstimmen, wurden auch im zionistischen Lager scharf bekämpft; dennoch haben auch Andersdenkende nicht bestritten, daß er durch seine klaren und grundsätzlichen Untersuchungen das theoretische Denken des Zionismus stark befruchtet hat. Klatzkin ist, insbesondere von der nichtjüdischen Welt, häufig mißverstanden worden, da man Ihn als engstirnigen Nationalisten bezeichnete, während in Wahrheit nach seiner Theorie seine Forderung eines vollen nationalen Daseins für die Juden die Voraussetzung für eine Ueberwindung des National»- mus durch die internationale Gemeinschaft der Völker verwirklichen soll. Klatzkin hat sich um die Entwicklung eines modernen philosophischen Schrifttums in hebräischer Sprache eiix besonderes Verdienst erworben, nicht nur durch seine eigenen philosophischen Bücher, worunter auch ein Buch über Spinoza und eine hebräische Uebersetzung von Spinozas ״Ethik“ sind, sondern vor allem auch durch eine Anthologie der hebräischen Philosophie des Mittelalters und das deutsch-hebräische Lexikon der philosophischen Literatur, das einen wertvollen Beitrag zu der schwierigen Frage der modernen philosophischen Terminologle HefarC KlaMd* i*rt geMtawr ■.Vater«na Leit« ein« der gewaltigsten wissenschaftlichen Unternehmungen der jüdisehen Gegenwart, der ״Encyclopaedia Judaica“, die im Verlag Eschkol erscheint und in der deutschen Ausgabe bereits bis zum achten Band gediehen ist, während die hebräische Ausgäbe, ein Klatzkin besonders am Herzen liegender Plan, über den ersten Band nicht hinauskam, und wohl von den Wirkungen der Wirtschaftskrise erdrosselt werden wird. Klatzkin aber steht heute auf der Höhe seines Lebens in voller Schaffenskraft, und wir wünschen ihm zu seinem 50. Geburtstag, daß es ihm vergönnt sein möge, seine großen jüdisch-wissenschaftlichen und literarischen Pläne zu verwirkliehen. Mark Wiichnitzer Dr. Mark Wischnitzer, der bekannte jüdische Historiker und Publizist, Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden, wird am 10. Mai 50 Jahre alt. Anfang Juni d. J. werden es 25 Jahre seit Beginn seiner wissenschaftlich-literarischen Tätigkeit. Wischnitzer hat sich frühzeitig mit historischer Wissenschaft beschäftigt, er studierte in Westeuropa und in Rußland und veröffentlichte eine Reihe von Publikationen zur russischen Geschichte, ln Petersburg nahm Wischnitzep nach der Revolution im Jahre 1907 an den Arbeiten der Jüdischen Historisch-Ethnographischen Gesellschaft teil und bearbeitete Archivmaterial zur Rechtsgeschichte der Juden im Großherzogtum Warschau und in Kongreßpolen. Er war Redakteur für die Geschichte der Juden in Europa 1m Mittelalter und Neuzeit in der löbändigen russisch-jüdischen Enzyklopädie (1908 bis 1912), für die er auch eine Reihe Artikel, hauptsächlich auf dem Gebiet der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, schrieb, und war Dozent für mittelalterliche jüdische Geschichte an den von Baron David Günzburg gegründeten Hochschulkursen für Jüdische Wissenschaft in Petersburg. 1913 unternahm er im Verein mit anderen Historikern die Herausgabe einer Geschichte der luden. W. redigierte den 11. Band des Werks, das die Geschichte der Juden in Polen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts behandelte. In den Schriften der ehemaligen Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. in Petersburg erschien 1914 seine Abhandlung ״Das Sendschreiben der Frankisten“. Nach dem Weltkrieg hat Dr. Wischnitzer seine jüdisch-historischen Studien fortgesetzt und eine Reihe wichtiger Monographien und Abhandlungen veröffentlicht. Er ist auch Mitarbeiter der ״Encvclopaedia Judaica“ und des ״Jüdischen Lexikons“. Zugleich hat Wischnitzer sich der praktischen iüdischen Arbeit zugewandt. Er wurde 1921 als Nachfolger Dr. Bernhard Kahns Generalsekretär des Hilfsvereins und hat in dieser Funktion Rußland und andere Teile Osteuropas mehrfach bereist. Zu seinem 50. Geburtstag wenden sich dem Jubilar die Glückwünsche seiner zahlreichen Freunde und der jüdisch-wissenschaftlichen Welt zu. Allgemeine Enzyklopädie In jiddischer Sprache. Der Dubnovv-Fonds, der sich die Herausgabe einer zehnbändigen allgemeinen Enzyklopädie in jiddischer Sprache zur Aufgabe gemacht hat, hat jetzt ein reich ausgestattetes Probeheft des Werkes erscheinen lassen. Am 30. April fand in Berlin im Scholem Alediem-Klub aus diesem Anlaß eine Zusammenkunft von jiddischen Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern und Journalisten statt. Nach einer Begrüßungsansprache von Jakob Lestsch ins ky referierte der frühere Führer der russischen Sozialdemokratie und des ״Bund“, R. Abramowitsch, über die Bedeutung einer Enzyklopädie in jiddischer Sprache. Außerdem beglück« u eine Reihe von Anwesenden die Herausgeber zu ihrem Unternehmen.

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