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Jüdische Rundschau · 1932-05-03 · Heft 35 (3.5.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 35 (3.5.1932)
Date
1932-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35, 3. V. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 167 Die Jewish Agency-Finanzen 5691 Das offizielle ״Jewish Agency Bulletin" teilt mit: Das Jahr 56Q1 (1. Oktober 1930 bis 30. September 1931) war infolge der Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten und in den meisten anderen Ländern, aus denen die Fonds ihre Haupteinnahmen beziehen, ein sehr schweres Finanzjahr. Trotzdem betrugen die Ausgaben der Jewish Agency und der ihr affiliierten zionistischen Institutionen £P 797 000, die sich aus folgenden Quellen zusammensetzten: 5691 5690 Keren Haiessod .... £ 3180«) £ 422000 Jüdischer Nationalfond» . 151 000 192 000 Hadassah Medical Organ. 94000 115000 Wizo.. . 23 000_35 000 £ 586 000 £ 764 000 Dieser Summe sind noch die Ausgaben des Emergency-Fonds in Höhe von £ 166000 und die der Hebräischen Universität im Betrage von £ 45 000 hinzuzufügen. Die Ausgaben der Jewish Agency aus Oeldern des Keren Hajessod setzen sich folgendermaßen zusammen: Landwirtschaftliche Kolonisation einschl. Versuchsstation . . ... ... . .... £ 112 200 Erziehungswesen.. 84 700 Investitionen in Boden und Bauten . . 38 500 Einwanderung und öffentliche Arbeiten 25 200 Nationale Institutionen ... .....21800 Oesundheitswesen . , - •5800 ■•י Städtische Kolonisation.*.«...»״.2500 Religiöse Institutionen .1800 Administration und Verschiedenes ...... 25300 £ 318 000 Moslemischer Staatenblock? ״Times“ widmet dem Besuch des Königs F e i s a 1 von Irak in Teheran einen Leitartikel, worin darauf hinge- Wiesen wird, daß sich in Vorderasien ein neuer Staatenblock aus den unabhängigen Staaten Türkei, Persien, Irak und Afghanistan bildet, der politisch und wirtschaftlich von großer Bedeutung werden kann. Vom zionistischen Standpunkt ist, abgesehen von dem politischen Gesichtspunkt der Entstehung eines großen islamischen Machtgebildes, auch noch ein Hinweis der ״Times“ interessant, daß Persien gut täte, seine neue Eisenbahnlinie, die zum Kaspischen Meer führt, an die künftige Bahn Haifa-Bagdad anzuschließen, so daß eine direkte Eisenbahnverbindung vom Mitteimeer zum Kaspischen Meer entstehen würde. Aus diesem kurzen Hinweis ergeben sich Ausblicke für die verkehrspolitische Schlüsselstellung Palästinas im Vorderen Orient. Nebl Mosa Die Nebi Musa-Prozession begann am 20. April in Jerusalem. Aus allen Teilen des Landes kamen in der üblichen Weise moslemische Gruppen singend und tanzend in die Stadt und ließen sich auf dem Tempelplatz nieder. Der Anmarsch und die Zeremonien vollzogen sich in vollkommen er Ordnung. Zufällig herrschte am Tage des Festes Kälte und Regen in Jerusalem, was vielleicht auch dazu beitrug, die Lust zu Demonstrationen zu verkleinern. »-»bMach-dem;• Aaamwach ׳am Jerusalem-am׳.22 ׳•■April׳ kam; es־* auf dem ersten Lagerplatz Ras el Amud zu einem Streit zwischen den Pilgergruppen zweier Dörfer. Die beiden Gruppen bewarfen einander mit Steinen, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Die Polizei stellte jedoch die Ordnung schnell wieder her. Abgesehen von diesem Zwischenfall kam es zu keinerlei Ruhestörung. Der Sicherheitsdienst von Polizei und Militär war während dieser Tage der Massenansammlung in Jerusalem verstärkt worden. Auch hatte der High Commissioner persönlich die Arabische Exekutive ge* beten, bei Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit mitzuwirken. Zwischen Pilgern aus dem Dorfe En Karem und Polizei kam es zu einem Zusammenstoß, als die Dorfeinwohner entgegen dem Verbot der Regierung versuchten, in einer feschlossenen Prozession nach Jerusalem zu ziehen. Zwei olizisten und mehrere Dorfeinwohner erlitten bei dem Zusammenstoß Verletzungen, mehrere Prozessionsteilnehmer wurden verhaftet. Die palästinensischen Revisionisten Jerusalem, 29. April (J.T. A.). Die in Tel-Awiw abgehaltene Konferenz der Zionisten-Revisionisten Palästinas stimmte in einer Resolution den Beschlüssen der Exekutive des Weltverbandes der Zionisten-Revisionisten, die im September 1931 auf der Tagung in Calais gefaßt wurden, zu. Die Konferenz beschloß ferner mit einer Mehrheit gegen den starken Widerspruch der Minderheit, die Exekutive des Weltverbandes der Revisionisten aufzufordern, eine von der Zionistischen Welt- Organisation unabhängige zionistische Politik zu führen. Die gemäßigte Minderheit der Konferenz erklärte nach Annahme dieser Resolution, daß sie es ablehnen müsse, der neuen Exekutive der palästinensischen Revisionisten beizutreten. Es wurde nunmehr eine Exekutive gewählt, die ausschließlich aus Extremisten besteht. Zum Führer wurde A c 11 i - M e i r gewählt. Der Sitz der Exekutive wurde nach Jerusalem übertragen. London, 29. April (J. T. A ). Im Zusammenhang mit dem Brief Jabotinskys an die Konferenz der palästinensischen Revisionisten, in welchem die Notwendigkeit einer Aktion zur Ersetzung Englands als Mandatar Palästinas durch eine andere Macht angedeutet wird, wird in revisionistischen Kreisen betont, daß weder von der ExekutivedesWeltverbandes der Revisionisten, noch vom Parteirat, noch von irgendeiner revisionistischen Weitkonferenz ein Beschluß gefaßt worden ist, wonach Großbritannien als Mandatar Palästinas durch eine andere Macht ersetzt werden sollte. (Es scheint also noch immer innerhalb der revisionistischen Führung Meinungsverschiedenheiten über ziemlich wichtige Fragen zu geben. — A. d. R.) Amerikanischer Jewish-Agency-Dlstrikt New York, 28. April. (J.T. A.) Die amerikanischen Mitglieder und stellvertretenden Mitglieder des Council der Jewish Agency for Palestir.e haben sich zu einer Organisation zusammengeschlossen, die als der amerikanische ״Jewish Agency-Distrikt" fungieren wird. Die Leitung der neuen Orfanisatioa haben die Herren Felix M. Warburg und Richter ulian W. Mack inne. Zu Ehrenvorsitzenden wurden Dr. Cyrus Adler und Dr. Stephen S. Wise, zu Mitvorsitzenden Richter Horaee Stern und Robert Szold, zum Vorsitzenden des Administrative Committee der neuen Körperschaft Morris Rothenberg gewählt. Der Administrative gehören noch an James Becker, Meyer Brown, Rabbi Wolf Oold, Albert H. Liebermann, Louis Lipsky, Dr. Salomon Lewenstein, Dr. Samuel Schulmann, Abraham Tulin, Hugh Grant Straus und Frau Rose G. Jacobs, Jüdische Verbrcdicr und Judenfrage Audi ein Beitrag zur Judenfrage Als vor einiger Zeit in Berlin ein grauenhafter Mordprozeß verhandelt wurde, der mit gewissen Sexualverbrechen verbunden war, haben einige Leser der ״Jüdischen Rundschau“ uns verübelt, daß wir an dieser Stelle eine Betrachtung anstellten ״W e 11 n Lieschen Neu in a n n Jüdin wäre“. Wir haben damals darauf!angewiesen, daß aus tierischen Trieben in jedem menschlichen Milieu furchtbare Verbrechen entstehen können, die man aber im allgemeinen als menschliche Verirrungen und individuelle Tragödien befrachtet, ohne daß es jemandem einfallt, die Gemein- Schaft, der der Verbrecher angehört, dafür verantwortlich zu machen. Nur wenn es sich 11m Juden handelt, wird jeder Außenseiter der menschlichen Gesellschaft sofort als ein Repräsentant jüdischen Wesens erklärt. Die tragische Lage der Juden im Galuth zeigt sich, so führten wir damals aus, darin, daß wir Juden bei derartigen Verbrechen eine gewisse Erleichterung empfinden müssen, wenn die Täter keine Juden sind. An diese Betrachtungen wurde man erinnert, als jüngst die Nachricht von einem Verbrechen durch die Presse ging, das in Paderborn von einem Juden an einem christlichen Dienstmädchen begangen wurde. Man hat in diesem Falle nicht den Täter gebrandmarkt, sondern versucht, die ganze j ü - d i s c h e Gemeinschaft zu treffen. Die Untat wurde zu einem Agitationsstoff für Volksversammlungen, wurde mit Ritualmord in Verbindung gebracht und in den politischen Kampf hineingezerrt. Einem Bericht der ״Frankfurter Ztg.“ über diese Angelegenheit entnehmen wir folgendes: ״Am Sonntag vor Ostern wurden in der Umgebung von Paderborn Teile eines weiblichen Körpers gefunden. Da kurz zuvor die bei dem jüdischen Viehhändler Moritz Meyer beschäftigt gewesene Hausangestellte Martha Kasper unter verdächtigen Umständen verschwunden war, wurden Moritz Meyer und sein Sohn Kurt verhaftet. Kurt gestand, das Mädchen sei an den Folgen eines verunglückten Abtreibungs- Versuchs verblutet und gestorben; um die Spuren des Geschehnisses zu verwischen, habe er die Leiche zerstückelt und die Leichenteile beiseite geschafft. Die Untersuchungsbehörde neigt zu der Annahme, daß das Mädchen einem Roheits- oder einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist. Meyer Vater und Sohn, die bekanntermaßen mit der Israelitischen Gemeinde von Paderborn noch nie in irgendwelcher Verbindung gestanden und sich am religiösen Leben nie beteiligt haben, erfreuten sich in Paderborn keines guten Rufes. Da das Verbrechen kurz vor dem christlichen Osterfeste geschehen ist, bemächtigten sich die Nationalsozialisten des Falls, um einen ״R i t ua 1 m ord“ zu konstruieren. Vor der zweiten Reicnspräsidentenwahl wurden die Verhafteten als ״Hindenburg-Wähler“ ausgeschrien, die Hindenburg-Parteien wurden als ״Mörder“- oder ״Ritualmord-Parteien“ plakatiert. Der Stimmen- Zuwachs der Nationalsozialisten bei der zweiten Hindenburg- Wahl wurde auf den ״Abscheu der Bevölkerung vor den Ritualmord-Bestien“ zurückgeführt.... Das Verbrechen wird 90 hingestellt, als ob es zur gewohnten Beschäftigung jüdischer Mitbürger gehöre.“ Soweit die ״Frankfurter Zeitung“. Als Kriminalfall in- ,{pressiert uns diese bestialische Tat nicht mehr als andere derartige Verbrechen. Aber als ein Symptom der Judenfrage läßt sich kaum ein bedriiekenderes und furchtbareres Faktum ausdenken als diese Beleidigung, die die jüdische Gemeinschaft über sich ergehen lassen muß, wenn zufällig sei keine'andere als die eines ״deutschen Stammes“ unter andern deutschen Stämmen. Nein, so einfach liegen die Dinge nicht, und wenn die Juden fortfahren, sich so blind zu stellen, so werden nur sie selbst es zu büßen haben. Die Wahlen in Oesterreich. Gleichzeitig mit den Landtagswählen in Deutschland fanden auch in Wien, Niederösterreich und Salzburg Landtagswahlen statt. Das Kennzeichen der osterreichischen Wahlen war der erstmalige große Erfolg der Nationalsozialisten. In Wien erhielten die Nationalsozialisten 15 0/0 aller Stimmen und Mandate. Der Wiener Gemeinderat setzt sich nunmehr aus 66 Sozialdemokraten, 19 Christlich-Sozialen und 15 Nationalsozialisten zusammen. Der nationalsozialistische Erfolg in Wien ist, wie übereinstimmend von allen Zeitungen festgestellt wird, auf die hemtnungslose antisemitische Propaganda dieser Partei zurückzuführen. Angeblich sollen 75 °/0 der Polizei und 40 0/0 der in Oesterreich stimmberechtigten Angehörigen des Bundesheeres für die Nationalsozialisten gestimmt haben. Der Erfolg der Nationalsozialisten hat zur Folge, daß die ehemals radikal-antisemitische christlich-soziale Partei nunmehr wieder stärker ihr antisemitisches Programm betont. Der Ueberfall auf den Brlth Haolim. Aus Kassel wird uns berichtet: Die große Kasseler Strafkammer verhandelte in zweitägigem Landfriedensbruchprozesse gegen die Nationalsozialisten des Kreises Witzenhausen (zumeist Kolonialschüler), die (wie seinerzeit berichtet), unter der AnfühJ rung ihres S. A.-Führers Krummhübel einen organisierten nachtliehen Ueberfall auf die in einer Scheune schlafenden jugendliehen Mitglieder des ״Brüh Haolim“ verübt hatten. Die Angeklagten wurden von dem aus dem Kurfürstendamm-Prozesse und aus dem letzten Staatsgerichtshof-Verfahren der NSDAP, gegen Preußen bekannten nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten, dem Kasseler Rechtsanwalt Dr. Roland Freisler, vertreten. Der Prozeß, der unter der umsichtigen Leitung des Landgerichtsrats Koch höchst spannend verlief, kann hier leider nicht im einzelnen geschildert werden, ln erster Instanz waren 5 Angeklagte mit Gefängnisstrafen von 4 Monaten, einer zu 2 Monaten, zwei zu je 50 M. Geldstrafe verurteilt, alle übrigen freigesprochen worden. Soweit Verurteilung erfolgt war, hatten die Angeklagten, soweit Freispruch erfolgt war, hatte der Staatsanwalt Berufung eingelegt. Nach hervorragenden Plaidoyers des Ersten Staatsanwalts Ludwig und besonders unseres Gesinnungsgenossen, des Rechtsanwalts Dr. Gidion (Köln) als Vertreter der Nebenkläger verkündete das Gericht das Urteil: Die Berufungen der in erster Instanz Verurteilten wurden kostenpflichtig verworfen, darüber hinaus wurden von den erstinstanzlich rreigesprochenen drei weitere Angeklagte zu 4 Monaten und einer zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Zwei Angeklagte wurden, wie in erster Instanz, freigesprochen. Das Urteil bedeutet zwar eine wesentliche Verschärfung gegenüber dem früheren Urteil, muß aber angesichts der Roheit und Heimtücke der Tat (der Christliehe Chauffeur des Kölner ״Brith Haolim“ bleibt wahrscheinlieh lebenslänglich erwerbsbeschränkt!) immer noch als milde angesprochen werden. Das Gericht, das auch einen Augenscheinstermin in Wendershausen vornahm, hat sehr geschickt die Aufklärung des Tatbestandes betrieben und das Urteil juristisch gut begründet. Da bis zum 29. April׳ eine Revision gegen das am 20. April verkündete Urteil bei der großen Strafkammer nicht vorlag, ist das Urteil gegen samtfiche Angeklagten rechtskräftig geworden. Zur ״M i s s R u m a n i a“ für 1932 wurde mit großer Mehrheit Frl. Alice Engel, die Tochter eines jüdischen Gerichts- Offizials in Czemowitz, gewählt. Das Elementare Die Pflicht der Golah für Erez Iirael Von Mosche Brachmann (Oiwath Brenner). Die Juden der ganzen Welt sind in die Lage einer ״geschlagenen Armee“ gekommen. Aus ihren Positionen verdrängt, müssen sie neue suchen. Diesen Rückzug planmäßig und vernünftig vorzubereiten, ist die direkte Aufgabe der zionistischen Bewegung von heute. Fs besteht kein Zweifel darüber, daß die Bewegung selbst öfter über die eigenen Beine stolpert, und es läßt sich nicht verhehlen, daß wir Zionisten teilweise daran׳ schuld haben. Wenn man all das, was in der letzten Zeit über Palästina gesagt und geschrieben worden ist, in Erinnerung bringt, so kommt man zum Ergebnis, daß die Ueberbetonung der ״Schwierigkeiten“ Leitfaden alles Gesagten ist. Es genügt, die Presse der zionistischen Bewegung im Osten und Westen Europas sowohl auch Amerikas zu lesen, um diese Tatsache belegt nt finden. Die Juden neigen ihrem Wesen nach zur Uebertreibung, und das Unstetige, Luftmäßige ihres Daseins hat in der Diaspora keinen eisernen Willen, wenig Konzentrationsfähigkeit und keine Wirtschaftstradition geschmiedet, wie es bei anderen Völkern der Fall ist. Die Fanfare, welche zu Beginn unseres Werkes große Töne über unsere Erfolge und heute über ״Schwierigkeiten“ dauernd bläst, verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie übertönt die Schlaga des Hammers und Ambosses des palästinensischen Arbeiters, und die tagtägliche Arbeit des Säers und Pflanzers, des Lehrers und Arztes wird in der ״hohen Politik“ übergangen. Das Auge des palästinensischen Einwohners merkt alles. Alles Neue, was geschaffen wird, und mag es noch so klein sein, hat für den palästinensischen Einwohner eine Bedeutung. Es bedeutet immer ein ״Vorwärts", eine Errungenschaft, welche im Oesamtprozeß des Aufbaues summiert, prak« tische Folgen hat. Die Juden in Europa haben aus ihrer Umweit gelernt, mit großen Zahlen zu operieren. Die Wirtschaftliehen Zahlen Palästinas erscheinen ihnen klein. Und ׳ wie Juden einmal sind, verschieben sie auch hier׳ die Frage ihrer persönlichen Leistung für das konkrete Palästina auf das Gleis des Irrationalen. Ist es nicht charakteristisch, daß die Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas diskutiert wird und׳ die Stellungnahme hierzu die persönliche Haltung eines Zionisten zur Frage seiner Uebersiediung und Ansiedlung in Palästina bedingt? Glaubt denn wirklich ein vernünftiger Mensch, daß die Frage danach, ob Palästina 5, 4 oder 3 Millionen aufnehmen kann, in der Zeit, wo hier erst 180 000 Juden sind, diskutabel ist? Vielleicht ist es nicht ohne Wert, einen Gedanken von Blumenfeld zu zitieren, den er anläßlich einer Besprechung von Chaluzim geäußert hat. Es war im Jahre 1929. Die Gruppe Cheruth“ bereitete ihre Alijah nach Erez Israel vor. Den meisten dieser jungen Menschen war es damals noch nicht klar, wo sie sich int Lande eingliedern würden und natürlicherweise schwebten ihnen verschiedenerlei Vorstellungen und Wünsche vor, die eifrig diskutiert wurden. Kurt Blumenfeld beglückwünschte die Gruppe und sagte 11. a.: bei allem, was sie auch in Erez Israel vorhätten, sollte ein jeder darauf bedacht sein,׳ das elementare Empfinden für das Werk und die zionistische Bewegung nicht zu verlieren. Nach einigen Jahren der Existenz von Giwath Brenner, in denen hartnäckig und mühevoll d e Grundlage einer Siedlung von den gleichen Menschen geschaffen wurde, versteht man -erst 4en. Snn dieses-Rates. . ...» Der Sinn für das Einfache, für das Eiementare unserer Bewegung ist aber vielen Zionisten abhanden gekommen. Hier ist die Krisis des gesellschaftlichen Denkens so mancher zionistischer Kreise zu suchen. Wir in Palästina spüren das Fehlen eines zionistischen Schwunges sehr gut und sind traurig darüber, daß in den Kreisen derjenigen Menschen, welche den Rückzug aus den Galuth-Positionen vorbercitcn müssen, vielfach Panik und Hysterie herrscht. Die Entwicklung des elementarischen Verständnisses für unsere Bewegung, die Pflege des Sinnes für jeden Hammerschlag in Palästina wird uns allen wohltun. Wir werden dann eine gemeinsame Sprache führen. Denn abgesehen von allen poli« tischen Schwierigkeiten, welche wir nicht unterschätzen, bleibt uns die Erkenntnis klar, daß in der Schaffung einer jüdischen Wirtschaft, mit unserer eigenen Kraft, ohne auf Hilfe einer ״Macht“ dauernd angewiesen zu sein, unsere Kraft liegt. Haus für Haus, Straße für Straße, Pardes für Pardes, Siedlung für Siedlung, und Zertifikat für Zertifikat, wollen wir unsere Sache machen. Wir wären in Palästina nicht soweit gekommen, wenn wir uns selber nicht zur stillen Arbeit erzogen hätten. In der Kraft des Jischuw, die Aufbauarbeit zu leisten, ohne Illusionen bei sich zu erzeugen, liegt das Geheimnis für das Wachsen des Jischuw. 40 Jahre chaluzischer Arbeit und größter Hingabe der überwiegenden Mehrheit des jüdischen Jischuw in Palästina haben die Voraussetzung für die Verwirklichung geschaffen. Sie verwandelten Palästina in ein Einwanderungsland für viele Juden. Sie schufen die Grundlage für eine erträgliche Wirtschaft in Palästina. Heute noch können von vielen Juden Bodenkomplexe gekauft werden. Heute können Juden die Anfänge der Industrie und des Handels weite,■ entwickeln, heute gibt es ein großes jüdisches Vermögen in Palästina und eine Erfahrung, welche den Einwanderern zugute kommt. Von den Juden selbst hängt es ab, ob das Werk erweitert wird oder nicht. Diese eiementare Erkenntnis kann nicht genügend betont werden. Viele Kräfte aufbauender Natur ruhen im Volke. Viele Juden und nicht wenige Zionisten sind faktisch in der Lage, eine Existenz in Palästina zu bauen. Nichts steht ihnen von Palästina aus formell im Wege, diesen Beginn zu machen. Heute kann nicht mehr die Frage danach gestellt werden, was aus dem ״wüsten Lande“ Palästina wird, wenn die Juden es nicht bauen, sondern heute lautet die Frage: Wie groß wird der Anteil der Juden an dem wirtschaftlichen Aufbau dieses Landes sein? Es wirken in Palästina auch Kräfte des internationalen Kapitals und der verschiedensten Völker der Welt, welche den Wert des Landes für die Entfaltung und Erhaltung ihrer Existenz erkannt haben. Das, was wir heute von unserer Gefolgschaft verlangen,!st eine zweckmäßige Organisierung dieser materiellen Kräfte der Juden um ihrer selbst willen. Und dafür brauchen wir Ruhe, Ordnung und System. Gelingt es uns, die heute in der Judenheit herrschende Panik zu überwinden und der. Sinn für das ״Elementare“ zu entwickeln, dann wird unsere Rückkehr von Erfolg gekrönt sein. Dann wird auch der Jischuw größer und die Möglichkeit für neue Einwanderung geschaffen werden. Nicht glauben soll man, daß wir in Palästina uns mit dem begnügen, was wir haben, und mit Gleichgültigkeit uns den Wirrwarr der Bewegung in der Golah mitansehen werden. Wir sind zwar an Zahl klein, aber unsere Kraft ist größer als man denkt, wir werden nicht auf eine Erweiterung verzichten und die Vergeudung der Kräfte für nichts und wieder nichts einfach hinnehmen.

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