Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 33-34 (26.4.1932)
- Date
- 1932-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 162 JffDfSCm״ RUND5CHÄÜ Nr, 33/34, 26. IV.!932 Der Historiker des Chassidismus Zu Dubnows ״Geichlchie des Chassidismus“ (,,Toi«10t ha’Chassidut“, Verlag ״Dewir“, Tel-Awlw, 1031. Deutsch: ״Geschichte des Chassidismus“ Jüdischer Verlag,. Berlin 1931.) Von Dr. Wolf Rabinowitsch, Berlin Die zünftige jüdische Geschichtschreibung des 19. Jahrhundert« hat für die große jüdische Volksbewegung, wie sie im Chassidismus zum Ausdruck kam, wenig Verständnis aufgebracht. Es zeugt von der Volkstümlichkeit Dubnows, daß ■seine vor 42 Jahren erschienene Erstlingsarbeit dem Chassidismus gewidmet war. Zugleich in einer Reihe geschiehtlieber und kulturgeschichtlicher Betrachtungen, speziell über die pseudomessianischen Bewegungen im 17. und 18. Jahrhundert, läßt Dubnow 5 Jahre hindurch (1888—1893) eine systematische Untersuchuni; über die Entstehung, Entwich- Jung und den geistigen Niedergang des Chassidismus erscheinen. Dubnow veröffentlichte damals seine Arbeiten über den Chassidismus in der russisch-jüdischen Zeitschrift ״Woss’chod“, zu deren ständigen und wichtigsten Mitarbeifern er zählte. Die Veröffentlichung 1n der schweren russisehen Sprache, die der jüdischen Volksmasse nicht im ge-!lügenden Maße zugänglich war, und überdies in einer Zeit- Schrift, die nur von einem Teil der jüdischen Intelligenz gelesen wurde, hat dazu beigetragen, daß diese Arbeiten Dubnows nicht die ihnen gebührende Popularität zu gewinnen vermochten. Außerdem blieben sie der jüdischen Leser- und Forseherwelt außerhalb der Grenzen Rußlands völlig urtzu- Sanglich. Ein desto freudigerer Anlaß ist es für uns, daß iese Arbeiten Dubnows, chassidisch gesprochen, ihren ״Tikkun“ erlebt haben, indem jetzt der Verfasser, unter Heranziehung neuer Quellen, die Geschichte des Chassidismus in hebräischer Sprache, als besonderes Werk erscheinen ließ. Vom Petersburger russischen ״Woss’chod“ zum Tel- Awiwer ״Dewir“ — ein Symptom der Entwicklung der letzten 50 Jahre. (Zugleich wird das Werk in deutscher Lieber־ Setzung durch die zweibändige Ausgabe des Jüdischen Verlags, die Dubnows daselbst erschienene zehnbändige ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ krönt, einem waten europäischen Leserkreis zugänglich.) Dubnows Werk bietet nicht allein eine Darstellung der Geschichte, Lehre und Entwicklung der chassidischen Rewegung in ihren wichtigsten Phasen und Richtungen, sondern es enthält auch eingehende Betrachtungen über die Stellung des Chassidismus innerhalb der Kulturgeschichte des Judentums, seinen Einfluß auf die verschiedenen Schichten der jüdisehen Gesellschaft, die Psychologie des Chassidismus und des Chassid, das Leben der chassidischen Gemeinschaft u. 3. Vor Dubnow gab es überhaupt keine Geschichte des Chassidismus. Sämtliche früheren Autoren hatten kein Verständnis für die Lehre des Beseht. Ihre zunächst von antichassidischer Tendenz getragenen Arbeiten sind überdies infolge unzulänglicher Quellenkenntnis äußerst lückenhaft und oberflächlich gehalten (Perl, Levinsohn, Zweifel u. a.). Bekanntlich pflegten die Chassidim die gegnerischen Aufrufe aufzukaufen und zu verbrennen. Dubnow war im Laufe von Jahrzehnten der unermüdliche Sammler der in verschiedenen privaten und öffentlichen Bibliotheken vorhandenen polemisehen Literatur dieser Art. Erst dank der von Dubnow aufgefundenen Quellenliteratur sind wir in der Lage, uns ein klares Bild von der Geschichte und von dem Sinn dieses erbitterten innerjüdischen Kampfes zu verschaffen. Eine Reihe dieser Quellen hat Dubnow, nach eingehender Nachprüfung ihrer Echtheit, mit Erklärungen versehen und in chrono• 10״isolier Reihenfolge unter dem Titel ״Chassidiana“ veröffentlicht (Im Sammelheft ״He’Awar“, Bd.!1, Petersburg, 1918 und im Sammelwerk ״Dewir“ Bd. I, 1923.) Von Dubnow wurden auch die von Hessen im Reichsarchiv des russischen Senats aufgefundenen wertvollen und sehr interessanten Akten über den antichassidischen Kampf in Petersburg, kritisch untersucht und publiziert. (״Jewrejskaja Starina“, Petersburg, 1910.) Daß Dubnow mit Recht als der erste Historiker des Chassidismus zu bezeichnen ist, ersehen wir aus der Tat- Sache, daß in seinem Werk außer der chassidischen und der antichassidischen Quellen literatur nur sehr selten von seinen Vorgängern stammende ״profane“ Werke angeführt werden. Die wenigen von ihm zitierten Autoren (Salomon Maimon, Calmanson) sind Augenzeugen aus dem 18. Jahrhundert, der Zeit der Entstehung des Chassidismus, deren Schriften Dubnow ebenfalls als Quellen verwertet. ״Ich durchforschte das ganze chassidische Schrifttum“, schreibt Dubnow in der Einleitung, ״und war bestrebt, mir durch diesen Wirrwarr einen Weg zu bahnen, aus dem Tohuwabohu der sicher unent• wirrbaren Lehren und nebelhaften Predigten ein wohlgefügtes System herauszuarbeiten. In der wüste.... mußte ich aus einzelnen Sandkörnern Lehm hersteilen, aus diesem — Bausteine formen, und aus den so gewonnenen Bausteinen einen, auf Grund eines wissenschaftlichen Planes konzipierten Bau errichten.“ Dubnows Beurteilung des Wesens und des Kultureinflusses des Chassidismus liegt eine mustergültige wissenschaftliche Objektivität zugrunde. In gleichem Maße ist ihm die einseitige negative Stellungnahme der ersten Maskilim (Mieses, Erter) und der neuzeitlichen Kritiker (Oraetz, Lilienblum, Hurwitz), wie die idealisierende Schilderung eines Horodezki oder Bubcr, fern. Dank seiner Objektivität ist es Dubnow gelungen, in treffender Weise sowohl aus der geschichtlichen Entwicklung wie aus dem geistigen Inhalt des Chassidismus zwei Elemente herauszuschälen: den e ige n tliehen Chassidismus und den Z a d d i k i s m u s. Diese von Dubnow zum ersten Male geprägte Unterscheidung verkörpert eine spezielle geistige Wertung, die für die spätere Forschung eine bleibende Bedeutung behalten wird. Bei An- Wendung der Dubnow’schen Differenzierung ergibt es sich, daß die von den Neochassidologen (Perez, Berditschewski, Buber, Horodezki, Zeitlin 11. a.) verherrlichten Seiten des Chassidismus die eigentlichen chassidischen Elemente darstellen, während die von den Gegnern verpönten Erscheinungsformen dieser Bewegung ein Ausfluß des Zaddikismus sind. Dubnow ist es gelungen, ״Licht und Schatten“ streng voneinander zu trennen und beide Elemente in ihrer historischen Kausalität zu bewerten. Entsprechend seiner soziologischen Geschichtsbetrachtung, schreibt Dubnow den außergewöhnlichen Erfolg und die große Verbreitung des Chassidismus nicht allein den geistigen Werten dieser Bewegung zu, sondern zeigt, daß auch die zeitgenössische ökonomische und sozialpolitische Lage der Juden für die Lehre des Beseht einen fruchtbaren Boden geschaffen hat. Zweifellos haben diese Umstände neben einer Reihe kultureller Faktoren dazu beigetragen, daß der Chassidismus in den Nordprovinzen, Litauen und Weißrußland, wo die soziale Lage der Juden eine viel günstigere als im Süden war, eine nur geringe Anhängerschaft fand. Dubnow verdanken wir die Chronologie der chassidischen Geschichtsereignisse: die genauen Angaben über das Auftreten und über die Wirkungszeit des Beseht, die Biographie von Schneur Salman und die Bestimmung der Zeit «eines Auftretens als Führer für das Jahr 1781, die Reihenfolge der gegen die Chassidim in Litauen, Weißrußland und Gallien gerichteten Exkommunikationen, den Ursprung der Bezeichnung ״Misnagditn“ usw. Dank der großen Verbreitung der chassidischen Bewegung. ist eine sehr reichhaltige chassidische Literatur dogmatisch«! und geschichtlichen Inhalts entstanden, ta seiner bewundernswerten Genauigkeit läßt Dubnow keine geschichtlich bedeutsame Angabe dieser aus den Druckereien in Kopys, Slawufa und Petrikau hervorgegangenen Riesenliteratur unberücksichtigt, wobei ihm, trotz der oft in der chassidischen Literatur verkommenden Inneren Widersprüche, Ungenau!gkeiten und sogar Brieffalsifikationen, die Rekonstruierung des geschichtlichen Sachverhaltes gelingt. Dubnow versteht es, den geistigen Inhalt und die ge* schichtliche Bedeutung der chassidischen Lehre auf eine kurze Formel zu bringen und in meisterhafter Weise die dafür erforderlichen Definitionen zu finden. Zum Beispiel der Vergleich zwischen dem mystischen Pantheismus des Chassidismus und dem naturwissenschaftlichen Pantheismus eines Spinoza, ferner seine klassische Beleuchtung der im Werke ״Tanja“ dargestellten philosophischen Lehre Schneur Salmans, des Vaters des ״rationalen Chassidismus“, die Gegenüberstellung des ״Religionskampfes“ der Misnagdim und des ״Kulturkämpfe“ der Maskilim u. dgl. m. Die systematische Einteiiung des Stoffes, entsprechend der geographischen Ausbreitung des Chassidismus (Ukraine, Polen, Litauen) sowie die künstlerische Art der Darstellung ermöglicht es auch dem in diesem Stoff nicht eingeweihten Leser, ein klares Bild von der Geschichte und Lehre des Chassidismus zu gewinnen. Besonderer Dank gebührt dem Verfasser fü seine ausführliche, fast 20 Werke umfasseinde Bibliographie. Zusammen mit dem Verfasser freuen wir uns, daß er das Thema seiner Erstlingsarbeiten in einer neuen architektonisch so vollendeten Form behandelt hat Geschichte Palästinas Während die Geschichte des jüdischen Volkes öfter in zusammenfassender Weise geschrieben wurde, besitzen wir nur wenige Darstellungen der Geschichte Palästinas, und diese fast nur von Archäologen. Das Land Palästina hat durch das jüdische Volk eine Weltbedeutung erhalten, aber bei seiner historischen Betrachtung sind meist nur diejenigen Epochen, die für die Menschheit produktiv waren, ins volle Licht getreten, während das Schicksal des Landes ganze Jahrhunderte lang im Dunkel liegt. Und doch sind auch diese Höhepunkte in die Wellenlinie des Auf und Ab einzureihen. Um so mehr müssen wir es daher begrüßen, daß jetzt zwei Bücher vorliegen, die den Namen ״Geschichte Palästin a s“ führen. Es handelt sich um zwei Werke in englischer Sprache, die beide einen gewaltigen Zeitraum umfassen. Aber während das erste Buch, ״History of Pal esti ne and Syria“ von A. T. Olmstead (Charles Scribner’s Sons, London, W. C. 1, Preis 30 sh.) nur bis zur mazedonischen Eroberung reicht, also noch im Altertum endet, ist dßs Werk ״History of Palestine“ von Angela S. Rappoport (George Allen and Unwiti, London W. C. 1., 12/6 sh.) bis in unsere Tage fortgeführt. Auf der. ersten Blick könnte es also scheinen, daß Olmstead, der Professor der orientalischen Geschichte an der Universität Chicago ist, nur einen Bruchteil der Geschichte des Landes behandelt. Aber dennoch deckt sein Werk viele Jahrtausende. Denn es wird hier die Urzeit Palästinas bis in frühere geologische Perioden zurückverfolgt und der Vorgeschichte, der Kultur der ersten Einwohner und ihren Zusammenhängen mit späteren Einwohnerschichten und Kultur- Perioden größte Aufmerksamkeit zugewendet. Olmstead stellt mit Recht den Satz auf, daß die Geschichte des jüdischen Volkes und der jüdischen Leistungen in Palästina nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der ganzen orientalischen Welt begriffen werden kann. Ueber Palästina, das eine schmale Landbrücke zwischen Aegypten und dem Zweistromland bildet; sind schon in früherer Zeit verschiedene Völfterströttie hinweggegangen. Erst durch die zahlreichen Ausgrabungen und Funde der letzten Jahrzehnte ist es möglich geworden, sich über diese Frühzeit des Landes ein Bild zu machen. Bekanntlieh wurden auch aus den ausgegrabenen Denkmälern viele Bestätigungen für historische Angaben der Bibel, die man früher als rein mythisch deuten wollte, gewonnen. Auch nach der Einwanderung der israelitischen Stämme ist die Einwirkung der ursprünglichen Kultur der Landesbevölkerung unverkennbar, ebenso wie eine Rassenvermischung zweifellos stattgefunden hat. Es ist daher nur folgerichtig, wenn alle diese einzelnen Elemente, die schließlich in Palästina wirksam wurden, auf ihre Ursprünge und ihre wesentlichen Leistungen zurückverfolgt werden. Für das Buch von Olmstead Ist es charakteristisch, daß von den 637 Seiten seines Inhaltes fast 200 Seiten, also fast ein Drittel, der vorisraelitischen Geschichte des Landes gewidmet sind. Die jüdischen Königreiche, die später auf diesem Boden entstehen, waren, wie Olmstead hervorhebt, Kleinstaaten und durchaus abhängig von den benachbarten § roßen Reichen. Es ist daher schlechthin unsinnig, wenn man is vor kurzem die alte jüdische Geschichte unter rein religionsgeschichtlichen Gesichtspunkten ganz Isoliert behandelt hat, ohne sich um die großen politischen Zusammenhänge der alten Welt zu kümmern. Der Hinweis auf die politische Bedeutungslosigkeit der jüdischen Reiche ist, so betont Olmstead, keine Verkleinerung, im Gegenteil die unvergängliche Leistung des jüdischen Genius wird dadurch geradezu zu einem Wunder gesteigert. Olmstead, der ein genauer Kenner der orientalischen Geschichte ist, versteht es, den Hintergrund, auf dem sich das Bild der palästinensischen Geschichte abspielt, eindrucksvoll zu zeichnen. Die verschiedenen Kulturen und ihre Einflüsse werden eingehend dargestellt, in der Geschichte selbst folgt dann der Verfasser im großen ganzen der biblischen Erzählung, wobei er aber auch außerbiblische Quellen zur Ergänzung heranzieht. Die anziehende Art der Erzählung macht das Buch zu einer fesselnden und überaus instruktiven Lektüre auch für den, dem die Grundtatsachen des Berichtes bereits bekannt sind, was naturgemäß bei Bibelkennern der Fall ist. Besonders zu erwähnen sind die 187 sorgfältig ausgewählten Abbildungen, df§ zum Verständnis der Materie sehr beitragen, so daß man bei aufmerksamer Lektüre dieses Werkes wirklich eine Gesamtanschauung der altpalästinensischen Geschichte lind der mit ihr verbundenen Periode der jüdischen Größe erhält. Rappoport ist nicht bloß von wissenschaftlichen Motiven getrieben. Vielmehr schreibt er a 1 s J ud e die Geschichte des jüdische!! Landes im Bewußtsein der inneren Verbundenheit. Er erklärt: ״Ein Jude, dessen Herz nicht schneller schlägt und dessen Pulse sich nicht beschleunigen bei der Erwähnung von Zion, hat kein Gefühl und kein Verständnis für die historische Vergangenheit des Judentums.“ Trotzdem aber schreibt er nicht etwa ein tendenziöses Werk, sondern eine objektive wissenschaftliche Darstellung, gestützt auf das ganze wissenschaftliche Material der Quellen und der Archäologie. Nur in einem Punkte fürchtet der Autor selbst den Vorwurf der Parteilichkeit: er meint, daß man ihn bezichtigen könnte, in der Beurteilung des Antagonismus religiöser und weitlicher Parteien im Altertum sowie in seinen Zukunftsaspekten zu stark den religiösen Standpunkt zu vertreten. Es ist klar, daß diese Apologie für einen noch vor kurzem!mangefochtenen Standpunkt als Polemik gegen den modernen, nurnationalen Zionismus, der auch in der Geschichtsbetrachtung das nationale Moment wieder zu Ehren brachte, gemeint ist. Demgegenüber betont Rappoport, es sei seine Ueberzeugung, daß eine nationale Wiedergeburt der Juden in ihrer alten Heimat ohne das Fundament der Religion keine Daseinsberechtigung hat. ״Ein Zionist, der keines der grundlegenden Gesetze der jüdischen Religion beobachtet, beweist eine noch größere Unkenntnis sowohl des Judentums als auch des Zionismus, Der Zionismus eines Atheisten ,wäre ein Widerspruch in sich, eine unverständliche Absurdität.“ Der Autor hatte[ offenbar das Bedürfnis, in dem Vorwort, das das Datum trägt | ״am ersten Tage des Licliterfestcs“ dieses Bekenntnis abzulegen. Es soll als persönliches Bekenntnis auch dann respektiert! werden, wenn man der Meinung ist, daß hier ein Prinzip inl einer, übertriebenen und die Tatsachen zu sehr vereinfachenden I Ueberspitzung formuliert wird. Durch den Text des Buches selbst wird freilich die Besorgnis des Verfassers, man könne ihn in diesem Punkte einer Einseitigkeit zeihen, kaum gerechtfertigt. Wenn auch seine Sympathien auf Seiten der Pharisäer sind und wenn er auch die Erhaltung der jüdischen Religion für wichtiger halt als die des jüdischen Staates, 80 wird doch der Gang der Ereignisse durchaus sachlich berichtet, und auch seine Bemerkungen über die Zukunft des Zionismus und über die kulturellen Funktionen Palästinas in der Zukunft werden kaum irgendwo Widerspruch finden. ״So wie Palästina niemals eine eigene Kultur gehabt hat, sondern immer kulturellen Einflüssen des Auslandes unterlag, so bringen auch in unseren | Tagen die Zionisten in ihr Heimatland eine westeuropäisch gefärbte Kultur, gemischt mit gewissen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit.“ Die Zukunft lasse sich schwer voraussagen. Aber ״ebenso wie der Auszug aus Aegypten das Vorstadium der Offenbarung am Sinai war und ebenso wie die Eroberung des Gelobten Landes das Vorspiel zur Periode der Propheten und des Christentums war, so mag es sich dereinst erweisen, daß auch der Zionismus das Vorspiel zu einer wirklich palästinensischen Kultur gewesen ist.“ Auch Rappoport beginnt seine Darstellung Palästinas mit der vorisraelitiscnen Zeit, schildert die Einflüsse von Babylon und Aegypten her, schließlich die Eroberung des Landes durch die Juden, gibt einen Abriß der Geschichte der jüdisehen Reiche, der Assyrer-, Babylonier- und Perserherrschaft über Palästina, des Makkabäer-Reiches und der römischen Provinz, der arabischen Herrschaft, der Kreuzfahrer-Reiche und schließlich der vier Jahrhunderte währenden Türkenherrschaft 1517—1917, die dann im Weltkrieg durch die Eroberung seitens der Engländer beendet wurde. Das Kapitel ״Palästina als britisches Mandatsland“, das auch einen Abschnitt über Entstehung und Entwicklung des Zionismus einschaltet, begnügt sich naturgemäß mit ganz großen Umrissen, ohne in Einzelheiten der Gegenwartsgeschichte einzugehen. Alles in allem gibt dieses Buch von 350 Seiten einen vorzüglichen Ueberblick über die politische und Kulturgeschichte des Landes. Für Zionisten ist es sicherlich von größter Wichtigkeit, das Land Palästina als eine Einheit in dieser Weise im Lichte der Geschichte zu sehen und daraus auch die Möglichkeiten und Grenzen einer künftigen Entwicklung zu begreifen. Denn was in Palästina jetzt geschaffen wird und mit der nationalen Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in so enger Verbindung stellt, kann ebenso wie die jüdische Entwicklung im Palästina der Vorzeit nicht isoliert betrachtet werden, sondern nur in den Zusammenhängen, die durch Raum und Zeit: durch die Eigenart des Ortes und die Eigenart des geschichtlichen Augenblickes, bedingt sind. W. Eine englisch - jüdische Sensation (Louis Golding, Magnolfa-Street, London, Gollancz 1932.) Wenn ich kein Gewissen hätte, dafür aber eine Leihbiblio*׳ thek: solche Bücher würde ich anschaffen. ... Da ist alles vorhanden, was eines Lesers Herz begehren kann. ״MagnoHa• Street“ ist in England die Literatur-Sensation dieser Saison geworden, der anerkannte ״best seller“, dessen Neuauflagen sich überstürzen — ein interessantes Symptom, wie ein ״luden-! buch“ heute drüben Anschlägen kann. Der junge Goldine — dessen frühere Bücher ,;Forward front Babylon“ und ,/The Day of Atonemant“ gerühmt werden — wählt sich zum Helden seines Buches keinen einzelnen Menschen, sondern — in unserer Zeit des Strebens nach Gemeinschaft besonders bezeichnend — eine Gemeinschaft von Menschen, wie sie Zufall oder Schicksal in einer bestimmten Straße im Arbeiterviertel einer englischen Mittelstadt zusammenführt. Diese Straße in Doomington (oder Manchester) ist dadurch besonders merkwürdig, daß auf einer Seite dort nur Juden, auf der anderen nur Christen wohnen. Und nun werden die Schicksale aller dieser Familien, wie sie sich im Laufe eines Menschenalters — des weltumwälzenden Menschenalters von 1910 bis 1930 — entwickeln, mit raschem Griff und in bunten, manchmal etwas grellen und marktmäßigen Farben erzählt. Das erste Buch, das im Jahre 1910 spielt, zeigt nur von fern am Horizont die drohende Kriegswolke und es ist ♦oh! das lebendigste Bild der verschiedenen Einzelschicksale, wie sie vor unseren Augen anheben und sich erweitern. Das zweite Buch, das im Jahre 1916 spielt, zeigt in einer für uns hier in Deutschland gerade nach manch ähnlichem Versuch äußerst bedeutsamen Spiegelung das Kriegserlebnis der Daheimgebliebenen, das Juden wie Christen mit gleicher Härte trifft. Und im Schlußteil, der bis ins Jahr 1930 hinausreicht, schauen wir eine etwas gewaltsame, aber gutgemeinte Vereinigung aller Gegensätze in der berühmten ״Magnolia-Street-Gesellschaft“ die von den beiden erfolgreichsten Kindern der Straße, die einander zufällig auf dem Ozeandampfer begegnet sind, dem Leichtgewicht-Weltmeister und Rabbinersohn Mick Schulmann und der DollarmilHonarin Bella Winberg, veranstaltet wird. Vereinigung der Gegensätze: das ist das eigentliche Thema des Buches — und vielleicht eine, und nicht die schlechteste — seiner Erfolgsvorbedingungen. Da kommt keiner zu kurz: auf jeden schlimmen Christen kommen anderthalb schlimme Juden, auf jede bestrickende Jüdin kommen anderthalb reizende Nellies oder Sallies. Mischehen werden nach demselben Rezept erledigt. Rose Berman — eine der Mittelfiguren des Buches — heiratet trotz des Widerstandes der Gasse den Matrosen John Cooper: das läuft ‘ , Eiend und Fluch sind die Folgen. Für den kühleren Leser besteht der Reiz des Buches nicht in seinem Versöhnungs-Programm: das hätte viel tiefer unterbaut werden müssen und hätte auch künstlerische Unwahrheiten, wie die Gestalt, der frommen alten Mutter Berman, die ihre Tochter ,,mit listigem Lächeln“ zur Liebesstunde mit dem Goj ziehen läßt, vermeiden müssen. . . . Golding hat sich’s hier wohl allznleicht gemacht . . und die Schlußszene mit dem neuen juden-christlichen Liebespaar, das Blumen auf den Weg der Menschen streuen will . . . die ist, man verzeihe das harte Wort: nichts Besseres als Kitsch. Kompert und Franzos nannten das vor fünfzig Jahren, als unsere Mütter sich für sie begeisterten, ״Christian und Lea“ . . , und haben, w׳ie es scheint, mehr davon verstanden. Aber ein paar Bilder bleiben von diesem dicken Buche doch scharf im Gedächtnis: etwa die alte Frau Seipel mit dem reichen Bruder in New York, der nur eben gerade kein Kleingeld hat, um ihr die Schiffskarte zu schicken; der unpraktische Prophet der Liebe, Herr Emanuel, der immer zu kurz kommt: und vor allem das prächtig gesehene Geschlecht der ״Schabbes-Goitcs“ (Fire-Goyas), die von ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit in den Häusern der luden her selbst eine Art von Halbjuden geworden sind und sich entsetzen, wenn die nichtsnutzigen Kinder am Peßach Kuchen knabbern. . . , (Daß Golding den Einzigen, der in Erez-Israel schließlich eine neue jüdische Heimat findet, gerade in dem verachteten Moischeh, der sich nur auf Pferde versteht, gesehen hat, das... wollen wir ihm nicht weiter ankreklen.) Um nochmals auf den Anfang zurückzukommen und ihn steigernd zu vollenden: Wenn ich gar kein Gewissen hätte, dafür aber ein Verleger wäre — solche Bücher ließe ich übersetzen.,,, Bertha Badt-Strauß. J