Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 30 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30, 15. IV. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 147 Die Makkabiah (Von unserem palästinensischen Korrespondenten) gl. Tel-Awiw, 2. April 1932. Für die Stadt Tel-Awiw und für einen großen Teil des Jischuw auch außerhalb Tel-Awiws war es wie eine Fortsetrung des Purim-Rausches, diese Tage der Makkabiade. Der Hafen voll Schiffe. Ein Strom von Besuchern. Die Straßen dicht gedrängt voll Menschen, alle erregt über die Zusammenkunft mit Verwandten und Freunden, die man seit Jahren nicht gesehen. Für die Hunderte der Ankömmlinge ist es eine nie gekannte Freude, diese erste Begegnung mit Palästina, mit der jüdischen Stadt Tel-Awiw, dieses Schauen dessen, wovon man Jahre lang nur gehört und gelesen hat. Das normale Alltagsleben verschwindet unter den Strom dieses festlichen Ereignisses. Für die große Masse der Palästinenser und auch für viele der Gäste aus dem Ausland ist die Makkabiah viel mehr ahl «in Sportfest. Das Sportliche wird verdrängt und überdeckt durch zionistische Empfindungen und Erlebnisse. Schließlich sind für den durchschnittlichen Tel-Awiwer die Wettkämpfe eigentlich nur eine Kuriosität. Nur die Mitglieder der Klubs und ihre Peripherie kennen sich in all den verschiedenen Sportzweigen aus, nur sie kennen die Teilnehmer aus den Berichten und nur für sie wird ein Wettkampf zu etwas wirklich Lebendigem. Für die große Masse handelt es sich um etwas ganz anderes. Hier sind es andere Dinge, die eine geradezu überwältigende und beglückende Wirkung ausüben: hier ist eine Zusammenkunft von Juden aus aller Welt, aus aller Herren Länder in Palästina. Im Hafen werden Tausende an einem einzigen Tage gelandet. Man erlebt den Traum einer Einwanderung, und wenn man auch weiß, daß diese Massen nur als Besucher kommen, daß sie wieder zurückkehren werden, daß es ja schließlich nur das Phantasiebild einer Massenalijah ist, so bleibt doch wenigstens der Traum dieser Tage. Und es ist allen bewußt, was es bedeutet, daß hier Hunderte von jungen Menschen die Möglichkeit bekommen, das Land mit eigenen Au8en m sehen, mit den Volksgenossen, die hier arbeiten, in enge Berührung zu kommen, die Luft zu atmen, die so anders ist als die in den Ländern des Galuth und die keine noch so lebendige Schilderung dem Abwesenden vergegenwärtigen kann. Durch alle Gespräche, durch alle Begegnungen zieht sich wie ein roter Faden die Freude über diese in ihrer Art einzigartige Zusammenkunft. In ihrem Zeichen stand die Makkabiah. Und hieraus erklärt sich auch die gewaltige Anteilnahme der großen Masse an den Veranstaltungen. Das große Stadion an der Jordanmündung war am Tage der Eröffnung gedrängt voll von Menschen, die sich wie ein dichter Gürtel um das Oval des Platzes stauten. Schon Stunden vorher waren die Straßen, die nach dem Stadion führten, überfüllt, geradezu blockiert und verstopft von Autos, Wagen, Gefährte jeder Art und Fußgängern, die keine Mühe scheuten, um ״dabei zu sein“. Es war ein Wunder, daß trotz aller Schwierigkeiten bei diesem geradezu ungeheuren Andrang alles ohne Unfall und in relativer Ordnung abging. Man schätzt die Menge, die sich an diesem ersten Tage im Stadion sammelte, auf fünfundzwanzigtausend Menschen. Und auch am Tage der Endkämpfe waren die endlosen Reihen der Holz- bänke, die den Platz säumen, zum größt«! -Teile••• gefüllte Auch in der Aufnahme der Veranstaltungen sah man, daß es hier nicht nur um Sport ging. Was anzog, was einen Eindruck machte und Zuschauer und Teilnehmer in einer gemeinsamen Freude verband, war die Zusammenkunft als solche. Am ersten Tage wurde der große Aufmarsch zu dem entscheidenden Erlebnis. Der Einzug der Gastmannschäften, der Mitglieder des Makkabi aus ganz Palästina und der Schulkinder, die sich an den Freiübungen beteiligten, bildeten den Mittelpunkt aller anderen Spiele. Dieser lange Zug von jungen Menschen, die mit Musik und fliegenden Fahnen in das Stadion einzogen und den großen Platz von einem Ende zum andern füllten, die großen Aufzüge durch die Straßen der Stadt mit ihren hellen Farben, ihrer Musik und ihren Liedern, das war es, was den großen Eindruck machte, die Stimmung und Begeisterung schuf. Für die Gäste war es das Palästina-Erlebnis, für die Einheimischen eine Erholung und Erfrischung ganz besonderer Art. Nachdem man Jahre lang unter dem Gefühl gelitten hatte, daß es nur langsam vorwärtsginge, daß sich Rückschläge häuften, daß die Verbindung mit dem Galuth nur schwach sei, ließ man es sich jetzt für einige Zeit gut sein. Bei der balancierten jüdischen Wirtschaftslage, bei der Hoffnung auf einen neuen ökonomischen Aufstieg, bei dem neuerwachenden Palästina-Interesse des Galuth, überließ man sich mit einer wahren Leidenschaft der Festesfreude dieser Tage. * Freilich gibt es nicht wenige, die mit einem gewissen Mißtrauen dieser Begeisterung gegenüberstehen, die sie sowohl nach innen als auch nach außen für eine Gefahr halten und die vor übertriebenen Schätzungen warnen, was die praktischen Resultate dieser letzten Wochen betrifft. Einen treffenden Ausdruck findet diese Stimmung in einer der letzten Nummern des ״Dawar“, dessen Betrachtungen wir deshalb auszugsweise hier wiedergeben. ״Wenn man die vielen und begeisterten Schilderungen liest“, so beginnt die Zeitung, ״die über die Makkabiah in der palästinensischen Presse erschienen sind und wenn man sich vorstellt, was noch alles in der ausländischen Presse darüber erscheinen wird, so kann man nur über unsere politische Naivität staunen. Wir verstehen doch anscheinend alle — oder müßten es zumindest verstehen —, daß die Makkabiade ein politischer Faktor ist. In einem Lande, in dem die gesamte Atmosphäre von Politik getränkt ist, wird man nur mit Mühe eine Erscheinung finden, die keine politische Färbung und keinen politischen Charakter trüge. Nehmen wir an, daß das Purimfest eine Sache der Tradition ist, ein Volksfest, das zur Gewohnheit geworden ist. Aber was die Makkabiah betrifft, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieses Ereignis politische Wellen schlagen muß. Glauben wir denn wirklich, daß die ,Gegenseite‘ keine Entschädigung fordern wird? Die Palästinaregierung hat noch immer die Lehre des ,Gleichgewichts‘ nicht aufgegeben. Etwas den Arabern — etwas den Juden. Auch dieses Mal müssen wir darauf gefaßt sein. Wenn man uns die Makkabiah gestattet hat, so wird man sicher auch den Arabern etwas geben. Und wenn uns allen das klar ist, so war es unsere Pflicht, die Kon- Sequenzen aus dieser Methode zu ziehen, solange wir nicht Imstande sind, sie zu ändern. Es bleibe also dabei: etwas deq Arabern, etwas den Juden. Aber warum den Juden Definitionen, Feste, Vergnügungen, und den Arabern praktische Dinge? Und warum erfinden die Juden — die doch ein vernünftiges Volk sind — selbst alle möglichen Seifenblasen, Dinge, die nach außen und demonstrativ wirken, die man ihnen als praktische Errungenschaften auf die Rechnung setzt und die den andern die Möglichkeiten geben, wirklich Praktisches zu erreichen? Man sagt: Eine Demonstrierung der Kraft. Aber mir scheint, daß man aus allen politischen, sozialen und nationalen Bewegungen, die eine Gegnerschaft zu überwinden hatten (und welche hätte das nicht) eine Regel lernen kann: Die Demonstration der eigenen Kräfte erhält einen Sinn unter zwei Bedingungen: wenn die Kräfte wirklich und in Wahrheit vorhanden sind und wenn man bereit ist, sie anzuwenden. Andernfalls hat diese Kraftentfaltung keinen Sinn und führt meist zu verzweifelten und düsteren Resultaten. Und nun bei unseren besonderen Verhältnissen. Wenn es möglich wäre, diese unsere Kraftentfaltung nur nach innen zu richten, könnte man auch der Makkabiah positiven Wert zusprechen: Ermunterung, Zusammenschluß usw. Auch dann könnte man fragen: Lohnt es sich uns wirklich, durch eine Entfaltung solcher Kräfte, die doch nicht unsere zentralen Kräfte sind, uns über unsere Schwäche in den entscheidenden Punkten hinwegzutäuschen? Aber es gibt ernstere Fragen, und sie fließen aus der Tatsache, daß es bei uns keine Kraftentfaltung nur nach innen gibt. Jeder unserer Schritte wird mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Und in vielen Fällen konnten wir lernen, daß diese ,Kraftentfaltung‘ uns nicht nützt. War doch auch die Gründungs-Konferenz der Agency ohne Zweifel ein Aufzeigen unserer Kräfte. Und haben wir danach viel Freude daran gehabt?“ Der Autor bringt weiterhin eine Reihe anderer Beispiele aus der zionistsehen Geschichte der letzten Jahre, die seine Ansicht illustrieren sollen. Und fährt fort: ״Und jetzt wollen wir abwarten und sehen, was uns die Kraftentfaltung der Makkabiah bringen wird. Man fragt: also was tun? Können wir uns wirklich verbergen, selbst wenn wir es wollten? Unmöglich. Aber in jedem Einzelfalle muß man vorsichtig abwägen, ob sich die Sache lohnt. Und als Regel kann man, glaube ich, aufstellen: so weit wie möglich mit diesen Kraftdemonstrationen sparen, soweit wie möglich, neue Kräfte sammeln. Und viele fragen: und wird das ,Volk‘ diese Zurückhai־ tung verstehen? Das ist nur eine Geringschätzung des Verständnisses der jüdischen Massen. Aber gerade die letzten Tage sprechen gegen die Auffassung, daß man das Volk nicht auf die Beine bringen kann ohne Proklamationen und Demonstrationen, daß man es nicht zu einer Aktion für Palästina begeistern kann, ohne daß ein Mitglied der Exekutive, unser Londoner Gast (gemeint ist Prof. Brodetsky), in einer öffentliehen Versammlung über Transjordanien spricht usw־. usw. Die letzten zwei Jahre waren für uns eine Zeit politischer Niederlagen, Jahre von Demonstrationen und Drohungen gegen uns, Proklamationen gegen uns, Verbreitung der Verzweiflung, und dennoch gibt es Anzeichen, daß der Palästinawille der jüdischen Massen gerade in dieser Zeit stärker geworden ist. Es zeigt sich, daß dieser Wille aus anderen Quellen fließt als aus der leeren Deklamation unserer Politiker, es zeigt .$W1, daß wir zu andern Mittelu greifen rnüsseq als zu Straßendemonstrationen, um diesen Willen zu befriedigen und die Hoffnungen der jüdischen Massen nicht zu enttäuschen. Unter den naiven politischen Begriffen, die sich bei uns im Zusammenhang mit den Purimfesten und der Makkabiah verbreiten können, spielt Tel-Awiw eine große Rolle. Es ist natürlich lächerlich, den großen wirtschaftlichen, emotionellen und sozialen Wert zu schmälern, der dieser Stadt zukommt, die fast ein Vierte! des Jischuw beherbergt und in gewissem Sinne die nationalen und politischen Möglichkeiten eines konzentrierten, rein jüdischen Jischuw aufzeigt. Aber man muß nicht den Einfluß dieser Stadt vergessen, der Dinge verzerrt, sie vergessen läßt und uns gewissermaßen in Schlaf lullt. Wenn man sich in ihren Mauern befindet — besonders an einem Festtag, wo sich Tausende von Gästen zu ihren Einwohnern gesellen —, kann man sich leicht vorstellen, daß alle Fragen, die uns bedrücken, gelöst sind: das Volk, das im Auslande zugrunde geht, der Boden, dqn wir noch nicht erworben haben, der Boden, den wir noch nicht besiedelt haben, das Nachbarvolk, die Regierung — all das, was vor uns sich erhebt und Antwort heischt mit aller Schärfe, sobald man sich nur einen, einen einzigen Schritt von Tel-Awiw entfernt —, all das scheint es in Tel-Awiw nicht zu geben. All die Tausende, die sich an den Festtagen in den engen Straßen Tel-Awiws drängen, lassen uns auch die engen Grenzen vergessen, in denen wir noch Immer befangen sind. Es ist einfach eine ,opti|«he Täuschung*, die ihren Grand hat in den engen Straßen.“ Dies steht im ״Dawar“, freilich unterm Strich, und gewiß läßt sich gegen diese Kritik Gewichtiges sagen. Aber gerade weil in einer politischen ״Plauderei“ dieser Art solche Gedanken geäußert werden, kann man annehmen, daß manche beachtliche Kreise des Jischuw so denken. Und darum schien uns dieser Beitrag zur Makkabiah-Bewertung berichtenswert. * Anmerkung der Redaktion: Die in dem oben zitierten Artikel des ״Dawar“ erwähnte Aeußerang von Prof. Brod e t s k y ist in seiner Rede am Eröffnungsabend der Makkabiah enthalten. Nach den Berichten der palästinensischen Zeitungen hat Brodetsky in dieser (übrigens vorwiegend in humoristischem Tone gehaltenen) Ansprache u. a. folgendes gesagt: ״Als ich ein Kind war, konnte ich nicht verstehen, wieso Jakob den Jordan mit einem Stock in der Hand überschritten hat. Jetzt, wenn ich Euch sehe, beginne ich zu verstehen. Vielleicht werdet auch Ihr uns zeigen können, daß, wer auf der einen Seite des Jordan steht, mit einem Stock in der Hand, auch auf die andere Seite des Jordan hinüberschreiten kann.“ Jizchak Grünbaum war auf der Durchreise von Polen nach Paris einen Tag lang in Berlin und seine Berliner Freunde versammelten sich zu seiner Begrüßung im Hause von Herrn und Frau Glücksohn. Nachdem Herr Glücksohn den Gast herzlich willkommen geheißen hatte, gab Dr. S 0 low eitschik dem Bedauern Ausdruck, daß für einen aufrechten Kämpfer wie Grünbaum, der eine konsequente jüdisch-nationale Politik verfolgt, in Polen heute kein Platz sei; aber, fügte Dr. Soloweitschik hinzu, das Feld Grünbaums ist die gesamte jüdische Welt. Gewiß werde er auch in seinen neuen Wirkungskreisen, in Frankreich und in Palästina, nicht rasten und Arbeit für das gesamte nationale Judentum tun. Massenkundgebung der Jüdischen Volkspartei Montag, den 18. April, abends 8 Uhr im Lehrervereinehaus, Alexanderstr. 41 Wer zerstört unsere Jüdische Gemeinde? Referenten: Klee, KaresKi, Loeuie, Berger. Goldmann, Weidmann Ein Kapitel Palästinageschidite Memoiren aus den entscheidenden Jahren 1917—1020 אתהלתא (Ein Beginn) von Mordechaj ben Hiliel Hakohen, Jerusalem 1931; 218 Seiten. Den vier Bänden seiner Kriegserinnerungen, von denen der erste hier ausführlich besprochen worden ist (Palästina im Kriege, Rdsch. 1929, Nr. 57—58) läßt Mordechaj ben Hillei Hakohen die Herausgabe von Aufzeichnungen aus der Nachkriegszeit folgen. Der erste jetzt vorliegende Band beginnt noch im Krieg mit der Eroberung Palästinas durch die Engländer im Spätherbst 1917 und endet mit dem Ende der englischen Militärverwaltung 1920. Der Verfasser hat leider in dieser Veröffentlichung die Tagebuchform verlassen. Vielleicht hat er seine Auf ־Zeichnungen nicht bis in diese Epoche hinein in der Form des Tagebuchs fortgesetzt. Vielleicht hielt er auch die systematische Form der Darstellung hier für angemessener, wo er die Zeit des heginnenden Aufbaus der Nationalen Heimstätte schildert, die Zeit beginnender Normalisierung, die schon im Keime alle Problemc der heutigen Zeit aufwies und die den Verfasser deshalb mehr dazu reizt, seine eigenen Anschauungen darzulegen als Chronistenpflichten zu erfüllen. Wie dem auch sei, es ist schade darum. Denn gerade seine unbefangene Aufzeichnung aller Details seines privaten Lebens, das mit den öffentlichen Angelegenheiten des Jischuw in bedeutsamer Weise verknüpft war, macht die Bände über den Weltkrieg zu einer so wertvollen Geschichtsquelle. In dem vorliegenden Bande aber steht ein Plus an Betrachtungen einem Minus an überlieferten Tatsachen gegenüber. Aber auch diese Betrachtungen sind abgesehen von ihrem Richtigkeitsgehalt wertvoll. Sie sind eben in jener Zeit entstanden, die sic zum Gegenstände haben, und sie zeigen den seelischen Zustand des jischuw in jenen Jahren mit größter Klarheit auf. Die Tragödie dieses Jischuw, der wohl stärker als irgendeine Judengemeinschaft unter dem. Weltkrieg gelitten hatte und frenetischer als jede andere die große Wandlung begrüßen mußte, und der dann von Enttäuschung zu Enttäuschung geht, wird hier offenbar. Man muß sich jene Zeit vor Augen halten, die der Eroberung durch die Engländer vorausging. Zuerst am Anfang des Krieges die Entrechtung aller ausländischen Staatsangehörigen unter den Juden durch die Aufhebung der Kapitulationen in der Türkei. Dann viele Ausweisungen und Annahme der türkischen Staatsangehörigkeit durch die Zurückgebliebenen. Diese aber stehen unter der schrecklichen Drohung des Militärdienstes Im Kriege, der fast den sicheren Tod bedeutet, nicht so sehr den Tod vor dem Feind als den Tod durch Hunger, Durst und Seuchen. Nur durch Zahlung von Unsummen kann man sich loskaufen. Die meisten bringen es nicht auf, immer mehr fliehen in die Kolonien, in einsame Gegenden. Die höheren Schulklassen des Jaffaer Gymnasiums, in gleicher Weise wie ihre Lehrer bedroht, verbergen sich in der Nähe von Sichron Jakob, das ganze Land Ist auf der Flucht. Immer heftiger werden die Verfolgungen gegen die Zionisten, immer größer die Willkür gegen sie. Spüren die Türken den Abfall der Juden und ihre Neigung zur Gegenpartei des Krieges? Oder ist diese Willkür eben der Grund des Abfalls? Tatsache ist, daß in den jüdischen Kolonien Samarias Spionage, zugunsten der Engländer getrieben wird. An der Küste erscheinen nachts britische Kriegsschiffe aus Aegypten und nehmen Nachrichten von den Juden entgegen. Im Frühjahr 1917 antworten die Türken auf die verdächtige Haltung der Juden mit ihrer Aus- Weisung aus Jaffa-Tel-Awiw und den umliegenden Ortschaften. Es beginnt eine Zeit furchtbarster Panik. Die Schicksale der Armenier sind bekannt und die zwangsweise Exilierung scheint nur das Vorspiel für ein ähnliches Schicksal zu sein, das man den Juden bereiten will. Noch gelingt es, die völlige Desorganisation und Preisgabe der Juden aufzuhalten. Sie setzen sich zum Teil in der Nähe von Tel-Awiw wieder fest und die Regierung kann sie nicht gänzlich vertreiben und in unkoritrollierbare Gebiete bringen. Jedoch das Elend und die Unsicherheit sind größer als je. Im Spätsommer 1917 aber folgt der letzte Schlag. Der Verdacht gegen die Juden ist zur Gewißheit geworden. Die spionierenden Juden sind entdeckt und für ihre Taten müssen jetzt alle einstehen. Die Türken schreiten za Strafexeditionen. Ueberall werden Verdächtige gefoltert und verschleppt, in den Dörfern, wo man Mitschuldige vermutet, die geflohen sind, werden die angesehensten Einwohner ausgepeitscht und gemartert, es gibt keinen Ausweg mehr. In diesen Tagen sahen die Juden Palästinas ihrem völligen Untergang ins Auge. In diesen Tagen begann aber der britische Vormarsch und der größte Teil Palästinas wurde von der türkischen Herrschaft befreit und der Jischuw war gerettet. Es hätte nicht der Balfour-Deklaration bedurft, um unter diesen Juden Gefühle schwärmerischer Sympathie für die Engländer zu erwecken. So aber sah der neue zionistische Jischuw in ihnen nicht allein die Retter, sondern auch die Erlöser und die Bahnbrecher einer großen Zukunft. Abgesehen aber von der objektiven Uebcrtriebenheit der in sie gesetzten Hoffnungen war kein Volk ungeeigneter als die Engländer, einer solchen Haltung sentimentaler Verehrung auch nur durch eine Geste zu entsprechen, sich diese leidenschaftliche Sympathie zu erhalten oder die Schwärmenden doch zum mindesten nicht zu brüskieren. Die ersten Kapitel des Buches drücken noch eine erregte Hoffnung aus. Die Probleme des Aufbaus., der Inbesitznähme des Landes beschäftigen den Autor: Wie erwirbt man schnell genug das Land, wie besiedelt man es in möglichst kurzer Frist? Die vermögenden Juden der ganzen Welt (die Zerstörung des russischen bürgerlichen Judentums war damals noch nicht vollzogen) sollen sich hier Grundbesitz kaufen, um ihren Lebensabend in Palästina zu verbringen. Junge Leute hierher zu bringen, dürfte schwieriger sein. Denn die Beschränkungen, die die Juden in Rußland bedrückten, sind gefallen, es hat sich ihnen ein weites Gebiet für fruchtbare und befriedigende Arbeit geöffnet, aber sicher werden sie bereit sein, einige PfHchtjahre der Aufbauarbeit in Palästina zu verbringen und auch dem jüdischen Volk von ihren Kräften zu leihen. Dieser fruchtbaren Aufbauarbeit muß alles Interesse zugewandt werden. Der freiwillige Dienst in der jüdischen Legion, die die Befreiung des nördlichen Palästina von den Türken proklamierte, muß dahinter zurücktreten. Ihm sollen sich die jüdi-