Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 30 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 148 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30, 15. TV. 1932 sehen jungen Leute au» den Ententeländern widmen, die durch die Dienstpficht vorläufig auf jeden Fall der friedlichen Aufbauarbeit entzogen sind. Treusorgend denkt der Verfasser an alle Lücken der wirtschaftlichen Struktur des jüdischen Palästina und seine konstruktiven Pläne umfassen schon die kleinsten Einzelheiten des Kreditwesens. Seine Hauptsorge aber gilt der Schaffung zentraler Verwaltimgsinstanzen für den Jischuw. Inzwischen kommt die Hilfe von außen, es beginnen die ersten Schritte des Aufbaus. Die ״Hadassa“ beginnt mit der Regelung des jüdischen Gesundheitswesens, freilieh, wie er klagt, ohne die nötige Fühlungnahme mit den eingesessenen Aerzten und Notabein und daher auch häufig mit unnötigem Aufwand. Der Waad ha-Zirim (Vorläufer der zion. Palästina-Exekutive — A. d. R.) bringt die ersten Hilfsgelder und beginnt mit der autorisierten Wahrnehmung der politischen Interessen. Freilich ergeben sich auch hier "Schwierigkeiten durch mangelnde Kenntnis der speziellen Verhältnisse Palästinas, durch mangelnde Fühlungnahme mit den heimischen Kräften. Aber der Verfasser, der ja selbst zu den vorzüglichsten Vertretern des jischuw gehörte, die jetzt durch die neuen Gewalten gleichsam abgelöst werden, reden unbedingter Unter- Ordnung das Wort. Weizmann selbst kommt und wartet monatelang auf die Befreiung des Nordens, aber vergeblich. Vor seiner Abreise legt er noch den Grundstein der Hebräischen Universitat,^ ein großes Volksfest für das abgetrennte südliche Palästina, an dem sich auch die arabische Bevölkerung durch ihre Vertreter beteiligt. (Einer der Grundsteine trägt den Namen des damaligen Mufti von Jerusalem und Emir Feisal schickt ein Glückwunschtelegramm.) Aber erst nach Weizmanns Abreise wird der Norden von den Engländern erobert. Jetzt steht das ganze Land der jüdischen Arbeit offen. Die Plane werden jetzt konkreter: Siedlung in den Städten, Siedlung auf dem Lande. Keine Vertreibung der Araber, auch für sie ist reichlich Plitz. Die Feindschaft, die jetzt überall spürbar zu werden beginnt, ist nur ein künstliches Produkt türkischer Verhetzung, ein Erbstück aus der Türkenzeit. Um Bestechungsgelder einheimsen zu können, hetzten die türkischen Beamten die Araber zu Prozessen gegen die jüdischen Bodenkäufer. Das entfällt jetzt unter dem neuen und unbestechlichen Regime völlig. Die Araber werden sehen, daß wir ihnen Nutzen bringen, stellen sie doch das Hauptkontingent der Arbeiter in unseren Kolonien. Wir werden sie nie von ihrem Boden vertreiben, haben wir doch auch bis jetzt fast nur brachliegenden oder fast ungenutzten Boden erworben. Sie sind ein Brudervolk, das uns nahesteht und wir werden in Frieden miteinander leben. Besonders über die Jerusalemer Lokalprobleme unterrichtet uns der Verfasser genau: Da sind zunächst die Jeschiwoth, in denen ungefähr 300 junge Menschen lernen, ohne ein anderes Ziel als eben dies Lernen selbst. Sie will er in Lehrer- und Rabbiner-Seminarien umwandeln, damit die zionistischen Gelder, die ihnen jetzt «!fließen, nicht länger unproduktiv ausgegeben werden. Ueberhaupt ist sein Ziel in diesen ersten Jahren, in denen die Einwanderung sehr schwach ist, Palästina möglichst schnell aus den vorhandenen Kräften mit wenigen Helfern (ohne mit allzu großem Zustrom aus der Diaspora zu rechnen) aufzubauen. So gründet er schon im Anfang der Okkupation den Ha-arez, der bald als zionistische Tageszeitung erscheinen soll. So macht er lange und ausführliche Pläne für den Aufbau der Hebräischen Universität, für die Organisation der Wissenschaft in Palästina aus palästinensischen Forschern. Aber auch seine optimistische und nimmermüde Haltung erliegt dem furchtbaren Druck dieser ersten Jahre vor Einsetzen einer größeren Einwanderung, vor Bestätigung des Mandats und vor Ernennung der Zivilregierung. Ei ist schlechterdings nicht der geringste Fortschritt zu erkennen, im Gegenteil, der Elan erlahmt, die Menschen ermüden und verderben auch zum Teil durch das Fehlen schöpferischen Lebens durch die Gewöhnung an Subvention von zionistischen Stellen. In einer langen und ausführlichen Studie behandelt der Verfasser den Hauptort dieser Entartung, die Stadt Jerusalem, die seiner Meinung nach zu Unrecht die Zentrale der zionistisehen Behörden geworden ist. Er geißelt den historisch begründeten und auch verständlichen Hang zum Cliquenwesen, den fehlenden Gemeinsinn. Jedes in Jerusalem begonnene Werk ist verurteilt, auseinanderzufallen, in die Hände einer oder der anderen Interessengruppe zu geraten und damit in Gegensatz zu allen anderen Gruppen. In Tei-Awiw hätten seiner Meinung nach die zionistischen Behörden unendlich viel mehr leisten können, dort wäre die Universität nicht jahrelang nach der Grundsteinlegung unverwlrklicht geblieben; dort wäre die Bautätigkelt sofort organisiert worden. Noch sieht der Verfasser die Macht des alten Jischuw und der Organisationsformen seines öffentlichen Lebens für unüberwindlich an, er kennt das moderne Jerusalem noch nicht und kann sich kein Jerusalem vorstellen, In dem der neue Jischuw den Ton an gibt. Aber so sehr er hier die Macht des Alten überschätzt haben mag, so wenig scheint doch seine Diagnose von der Unorganisierbarkeit des öffentlichen Lebens in Jerusalem übertrieben. Bis zum heutigen Tage gibt es in Jerusalem keine Behörde, in der die Angelegenheften einer Kultusgemeinde, Gottesdienst, Philanthropie, Er- Ziehung, Beerdigungswesen usw. Vereinigt sind und wo sie in moderner Weise verwaltet werden. Das letzte Kapitel des Buches ist der bittere Widerhall der Ausschreitungen gegen die Juden im Frühj a h r 1920 in der Altstadt Jerusalems. Seine Bitterkeit aber richtet sich in erster Linie, ja eigentlich allein gegen England: Ein Jahr nach der Balfour-Dekfaration, als man ihren ersten Jahrestag feiern wollte, befahl die Polizei durch einen arabischen Polizeioffizier, die jüdische Fahne von der Tribüne zu holen. Das öffentliche Singen der Hatikwah war verboten, die hebrä- Ische Sprache nicht anerkannt. Die Einwanderung fast unmöglieh. Als die Anglo-Palestine Cy eine Zweigstelle in Nablus einrichten wollte, erklärte die Regierung, für die Sicherheit der Beamten nicht garantieren zu können. All dieses zeigt, daß die Engländer versuchten, die Juden zur Verzweiflung zu treiben, sie zu unüberlegten Schritten zu provozieren, die Araber aber zu Uebergriffen gegen sie zu ermutigen. Und schließlich befünstigten sie noch den Pogrom in Jerusalem, zernierten die tadt, ließen die jüdische Legion nicht zur Hilfe zu und verfolgten die jüdische Selbstwehr. Gerade damals aber wurde die Balfour-Deklaration in San Remo bestätigt und Sir Herbert Samuel zum High Commissioner ernannt. Schon erhoben sich Im Lande Stimmen, die diesen frohen Botschaften keinen Glauben mehr zu schenken bereit waren, die zum Boykott gegen die Gewalthaber im Lande und gegen die Leitung der zionisti* sehen Bewegung aufforderten. Aber der Glaube des Verfassers ist noch nicht zerstört. Er sieht neue Hilfe im englischen Parlament, in der internationalen Kontrolle, in dem palästinensischen Souverän aus jüdischem Stamm. Jahre von Schrecknissen und Aengsten waren über den Verfasser hinweggegangen, dann eine kurze Zeit jäher Freude und hoher Hoffnungen. Dann Jahre bitterer Enttäuschung. Aber diese letzten bitteren Jahre konnten ihm noch keine Klarheit darüber geben, was unabänderbar an den Schwierigkeiten, was an der Lage unüberwindbar ist. Sie konnten ihn noch nicht dahin bringen, seine konstruktiven Gaben in den Dienst einer neuen Situation zu stellen, denn diese Situation selbst sieht er noch nicht klar. Noch einmal bringen San Remo und Herbert Samuel den Juden Palästinas das Bewußtsein einer neuen Morgenröte, und wie bei der Eroberung durch die Engländer, zeigen sich ihnen die Möglichkeiten eines neuen Beginns. Auch auf diese Epoche der palästinensischen Geschichte wird der Verfasser sicher sein Weck ausdehnen, Diese zweite Epoche der Hoffnung aber, die sowohl im Anstieg wie im Abstieg die erste Epoche, gleichsam vergrößert, wiederholt, sie ist noch heute nicht beendet. Aber bei dieser Wiederholung der Ereignisse schließen sich Fehldiagnose und Irrtum mehr und mehr au». Jetzt muß der Jude sein Schicksal in Palästina eindeutig erkennen. Jetzt muß sich zeigen, wie er es meistert, E8cha Scholem. Die ״Encyciopaedia Judaica", dieses gewaltigste jüdieeh-wissenschaftliche Unternehmen der Oegenwart, herausgegeben unter der Chefredaktion von Dr. Jakob Klatzkin und Prof. Ismar El bogen im Eschkol-Verfag, Berlin, ist nun, allen Schwierigkeiten der Wirtschaftskrise zum Trotz, bereits bis zum 8. Bande gediehen. Damit ist ungefähr die Hälfte samtlieber vorgesehener Bände erschienen. Die beiden letzten Bände (7 und 8) zeigen wieder alle Vorzüge der Anlage des Werkes, über deren System hier bereits berichtet wurde. Da es im Wesen eines enzyklopädischen Werkes liegt, daß seine Artikel der äußeren Ordnung der Buchstabenfolge des Alphabets entsprechen, kann jeder Leser selbst ermessen, welche Artikel in den Bänden zu finden sind, die von dem Anfang des Buchstaben G bis zur Mitte von J reichen. Der 7. Band beginnt mit t|Gabirol“, der 8. endet mit ״Jerusalem“. Außer der großen Fülle biographischer Einzelartikel, in denen man die wichtigsten Angaben über Leben und Wirken bedeutender Juden der Vergangenheit und der Gegenwart findet, außer den Artikeln über verschiedene biblische und talmudische Begriffe, einzelne biblische Bücher (z, B. Hiob, Hohelied), verschiedene Länder und Städte, deren Beziehungen zu Juden lind Judentum dargelegt werden, usw., findet man in diesen zwei Bänden wieder eine Reihe von Abhandlungen, die ein umfassendes Bild eines jüdischen Geschichtsabschnittes oder eines bestimmten Wissensgebietes geben. Diese besonders sorgfältig aufgebauten größeren Abhandlungen bilden einen der Hauptretze der Encyclopaedia Judaica. In einer Besprechung kann man natürlich nicht sich mit Einzelheiten einzelner Artikel befassen, zumal da ja die Verschiedenartigkeit des Inhaltes eine zusammenhängende Behandlung gar nicht zuläßt. Wir müssen uns daher damit begnügen, eine Anzahl von Artikeln einfach hervorzuheben und es dem Leser, der ernste Belehrung sucht, überlassen, die betreffenden Schlagwörter nachzuschlagen, wo auch durch (freilich häufig nicht ausreichende) Literaturangaben eine weitere Beschäftigung mit dem Gegenstand erleichtert wird. Der 7. Band enthält z. fl. einen Artikel ״HebräischeSprach e“, der allein 60 Spalten umfaßt und neben einer Charakteristik des hebräischen Sprachaufbaus auch einen Abriß der Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft und Grammatik gibt, Weitere Artikel, die genannt zu werden verdienen, sind: Halacha, Hagada, Handschriften, Gebet, Gematria, Geonim und ein ziemlieh umfassender Artikel ״Geographische Literatur“. Der Artikel ״G r a b“ gibt eine Uebersicht über die verschiedenen Arten jüdischer Gräber, sowie Grabsteine und zum Schluß eine ausführliche Bibliographie über wichtige jüdische Friedhöfe. Der Artikel .,Gemeind e“ (SOSpalten) gibt eine Geschichte der jüdischen Gemeinde und ihrer Verfassung, sowie eine Uebersicht über die Situation in der Gegenwart, wo die einzelnen Länder einzeln behandelt werden. Dabei vermissen wir freilieh eine Darlegung der heutigen Gemeindeverfassung Paiästinas, die unbedingt in diesen Zusammenhang gehört hätte. Eine Sonderstellung nimmt begreiflicherweise der Artikel ״G 01 tf ein, der auf nahezu 50 Spalten eine religions-philosonhische Uebersicht gibt, wobei, was in diesem Falle unvermeidlich ist, teilweise subjektive Anschauungen der Verfasser der einzelnen Abschnitte zum Ausdruck kommen, die nicht jeder Leser teilen wird. Von bedeutenden hebräischen Dichtern des Mittelalters sind in diesen Bänden Gabirol, Ibn Esra und Jehuda Halevy behandelt. Auch wirtschaftsgeschichtliche Themen werden nach der statistischen und kultur-historischen Seite ausgiebig erörtert, so z. B. In den Artikeln ״H a n d e 1“, ״Handwer k“, ״Industrl e“, die für die soziale und ökonomische Struktur der verschiedenen jüdischen Gemeinschaften wichtiges Material liefern. Von historischen Artikeln erwähnen wir ״Hellenismus“ und 1״ n qui8iti0n“, wichtige Kapitei jüdischer Kultur- und Leidensgeschichte. Die Geschichts- Schreibung des jüdischen Volkes selbst wird in einem umfassenden Artikel ״Historiographie“ behandelt. Von biographischen Beiträgen werden gerade die Leser unserer Zeitung vielleicht besonders die Artikel TheodorHerz! (von Adolf Böhm) und MosesHeß (von Theodor Zlocisty) interessieren. Der Artikel ״isla m“, der eine gute Uebersicht über die ideellen und religiösen Beziehungen von Judentum und Islam bietet, ist noch von dem verstorbenen Prof. H 0 r o v i t z verfaßt. Leider fehlt ein Hinweis auf die Beziehungen von Judentum und Islam in der Gegenwart, die z. B. in Palästina in dem Streit um die Klagemauer aktuell geworden sind. Einen besonderen Rang nimmt der Artikel ״Jerusalem“ ein. Hier wird auf 80 SpaL ten eine Geschichte der *Stadt, ihre gegenwärtige Struktur, sowie die Rolle Jerusalems in der talmudischen und mystischen Literatur behandelt. Man wird auch hier nicht allen Einzelhelten zusammen können, z. B. wenn gesagt wird, im Ausbau sei gegenwärtig ״die King George-Street mit mehreren modernen Prachtbauten“. Allgemein muß man sagen, daß nach unserem Eindruck die historischen Teile der Encyciopaedia Judaica besser geraten sind als die auf die Gegenwart bezüglichen, wo sich manche Irrtümer finden. Der Artikel ״H i t a c h d u t h“ z. B, ist voll von Tatsachenfehlern. Ueber Leib Jaffe (hier ״LÖb“ genannt) wird gesagt, er sei Mitglied des•״Waad Hazeirim“ gewesen, was bedeuten würde des ״Komitees der Jugendlichen“, während er in Wahrheit Mitglied des ״Waad Hazirlm“ (Deleglerten-Komitee) war. Auch Druckfehler finden sich, z. B. leider auf der schönen Bildwiedergabe ais Vorsatzblatt des 8. Bandes, wo es heißen muß ״Mischneh-Thora“, nicht aber ״Mischna-Thora“. Solche störenden Fehler ließen sich gewiß leicht vermeiden. Es wäre schließlich noch hinzuzufügen, daß auch die Ausstattung der beiden Bände in Druck und Bildbeigaben durchaus auf der Höhe der vorangegangenen Bände steht. Man kann nur den Wunsch aussprechen, daß es den Veranstaltern der Encyciopaedia Judaica möglich bleibt, das begonnene Werk fortzusetzen. Die große Mendelssohn-Ausgabe. Von der Jubiläumsaus* gäbe der gesammelten Schriften Moses Mendelssohns liegt jetzt der interessante XL Band vor, der die von Bruno Strauß herausgegebene Reihe der deutschen Brief-Bände eröffnet. Er umfaßt den Briefwechsel des 25- bis 33jährigen Mendelssohn der Jahre 1754 bis 1762. Im Vordergrund steht der Gedankenaustausch mit L e s s i n g und einigen außerhalb Ber* lins lebenden Mitgliedern des Lessing-Kreises, dann mit Abbt, Hamann u. a. Kulturhistorisch besonders bedeutsam Und persönlich aufschlußreich sind die Briefe Mendelssohns an seine Braut und deren Familie, die hier zum ersten Male in deutscher Bearbeitung und Schrift (in hebräischer Schrift enthält sie Band XVI) erscheinen. Die druckmäßige Ausstattung des Buches, dem die Reproduktion eines Mendelssohn-Bildnisses beigegeben ist, ist wieder vorzüglich. — Die Mendelssohn* Ausgabe erscheint im Akademie-Verlag Berlin. Veranstalter sind die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums unter Mitwirkung des Bankhauses Mendelssohn & Co. und der Mendelssohn-Stiftung ln Dessau. Die Hebräische Universität Jerusalem hat in Form einer Broschüre die beiden Reden des Kanzlers der Universität, Dr. Magnes, zur Eröffnung des Studienjahres 1931/32 und an* läßlich der Verleihung 3er ersten akademischen Grade, in deutsche( Sprache herausgegebca, Der SalmUtl-Pogrom vor Gericht Saloniki, 12. April. (J.T.A.) Am 9. April wurde vor dem Gericht in Verria, vor dem die Anklage gegen die An- Stifter des Pogroms in Saloniki vom Juli 1931 verhandelt wird, der jüdische Senator für Saloniki, Ascher M a 11• h , Präsident der Zionistischen Organisation Griechenlands, vernommen. Er schilderte, wie er Tage vor dem Pogrom den Generalgouverneur von Saloniki, Gonatas, und den Premierminister Vcnizelos aufsuchte und sie auf die Oefahr antisemitischer Ausbrüche hinwies. Venizelot richtete eine Rückfrage an Gouverneur Gonatas, und Gonatas versicherte, es würden in Saloniki gewiß keine Unruhen stattfinden. Am Tage darauf brach ein Pogrom aus, wie er in der Geschichte der Salonikier Juden kaum zu verzeichnen war. Am 11. April wurde der Po I izei kom mandant von Saloniki, Payadikis, vernommen, der sich bemühte, die Pogromanstifter zu entlasten. Nach Beendigung des Verhörs sprach der Gerichtspräsident dem Polizeikommandanten den scharfen Tadel des Gerichtes dafür aus, daß er als hoher Polizeibeamter so unprägnant und so widerspruchsvoll aussagte. Ans den Gemeinden Harburg-Wfihelmsburg. Bereits in Nr. 23/24 unseres Blattes vom 23. März 1932 konnten wir darauf hinweisen, welche ertreuliche Arbeit von der Zionistischen Ortsgruppe Harburg- Wilhelmsburg geleistet wird. Wir erhalten jetzt vom Ortsausschuß der Jüdischen Volkspartei aus der Gemeinde Harburg- Wilhelmsburg die erfreuliche Nachricht, daß nach einer Reihe glänzend verlaufener Veranstaltungen es endlich gelungen ist, in der Jüdischen Gemeinde Harburg-Wilhelmsburg, die bisher unter rein liberaler Leitung stand, die Abschaffung des völlig veralteten Oemeindestatuts aus dem Jahre 1887 bzw. 1844 (!) durchzusetzen. Durch geschlossenes Eintreten der Jüdischen Volkspartei für unsere Arbeit in der Gemeindeversammlung vom 3. 4. 1932 ist in Harburg-Wilhelmsburg das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht aller in Harburg-Wil* nelmsburg wohnenden Juden und Jüdinnen unabhängig von jeder Steuerleistung und Wohnsitzdauer beschlossen worden. Gleichzeitig ist eine siebenköpfige Statuten-Kommission errichtet worden, die binnen kürzester Zeit dem Gemeindevorstand die abgeänderten Statutenentwürfe zur Beschlußfassung und Herbetführung der behördlichen Genehmigung vorzulegen hat. Wir empfehlen vielen anderen preußischen Svnagogen-Gemeinden beschleunigte Nachahmung dieses vorzüglichen Beispiels. Der Etat der Hamburger Gemeinde, ln zwei Sitzungen des Repräsentanten-Kollegiums wurde der Etat für das laufende Geschäftsjahr der Gemeinde beraten. Er beruht auf dem neu angenommenen Steuersatz von 13 °/0 der Reichseinkommen- Steuer und schließt mit einem Defizit von ca. 105 000 M. ab. Einnahmen von 725 500 M. stehen Ausgaben von 829 MO M. gegenüber. An Steuereinnahmen sind 480 000 gegen 600 000 M. im Vorjahr vorgesehen. Aus der Prager Jüdischen Gemeinde, in der letzten Sitzung der Repräsentanz der Prager Jüdischen Gemeinde wurde das Budget für das Jahr 1932 in der Höhe von Kc. 2 353 000 angenommen. Das Budget ist mit Kc. 800000 gedeckt. Der Rest wird durch Steuern aufgebracht. Es wurde festgestellt, daß der Steuerrückgang Im Verwaltungsjahr 193t Kc. 82000 betragen habe. Um diese Summe mußte das neue Budget verkürzt werden. Als Beitrag für den Keren Hajessod sind Kc. 5000 budgetiert. — Das von der Jüdischen Gemeinde Brünn be- *cMostene Budget beträgt 1»/* Millionen. Der Steuerrückgang im Jahre 1931 betrug 5 ״/o der vorgeschriebenen Beträge. Leon Blum, der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion der französischen Kammer, begeht dieser Tage seinen 60. Geburtstag. Blum, der sich stolz zu seinem Judentum bekennt, hat seit Jahren weitgehendes Interesse für jüdische Angelegenheiten bekundet, er ist Mitglied des französischen Pro Palästina- Komitees und wurde als Vertreter der französischen Juden in den Council der Jewish Agency gewählt. Wiederholt ist er für den Keren Hajessod aktiv eingetreten und steht mit einer Reihe zionistischer Führer in guten Beziehungen. Unvergessen ist seine zündende Ansprache bei der Gründungsfeier der Jewish Agency in Zürich 1929. Dr. Emst Simon aus Haifa sprach auf Einladung der ״Jüdischen Waisenhilfe“ am 11. d. M. in Berlin über ״Das jüdische Jugenddorf Ben Sehe m e n“. Der Vorsitzende, Wilfried Israel, betonte in seiner Einleitung, daß es für das Berliner Publikum besonders anziehend ist, einen im palästinensischen Leben stehenden Mann über Ben Schemen sprechen zu hören. Emst Simon schilderte zunächst die Entstehung und den Aufbau der von Dr. Siegfried Lehmann begründeten Jugendsiedlung und legte dar, warum gerade diese Siedlung geeignet sei, ein Zentrum der palästinensischen Jugend zu werden und darüber hinaus auch ein überaus wichtiges Problem Palästinas, nämlich die Envachsenen-Bildung, um die sich in Ben Schemen besonders Moses Calvary bemüht hat, zu fördern. Ben Schemen komme freilich nicht für die gesamte palästinensische Jugend in Betracht. So z. B. wird die ganze orthodoxe Jugend kaum eine Beziehung zu Ben Schemen finden können. Viel näher stehe es der Gedankenwelt der Arbeiterjugend und hier wieder insbesondere jenem Teil, den wir als spezifische und zwar den ״Noar Owed“, dann die ״Gordonia“, die nach dem verehrten Arbeiterführer A. D. Gordon benannt ist, und schließlich die in diesem Zusammenhang wichtigste Gruppe, den ״Haschomer Hazair“. Im Mittelpunkt des Vortrages stand ein Bericht über das Jugendtreffen in Ben Schemen, das entsprechend den Jugendkundgebungen anderer Völker gegen den Krieg im August geplant war, aber erst zu Simchat Thora stattfinden konnte. Ueber dieses Ereignis hat Dr• Simon selbst die Leser der ״Jüdischen Rundschau“ m Nr. 1 d. J. unterrichtet, aber er wußte seinem gesprochenen Bericht noch eine ganze Fülle von anziehenden und fesselnden Details hinzuzufügen, so daß man aus diesem einzelnen Ereignis, das von einem großen Teil der palästinensischen Bevölkerung kaum als besonaers wichtig bemerkt wurde, ein Bild der geistigen und weitanschaulichen Bewegtheit der palästinensischen lugend, insbesondere in ihrer Stellung zur Friedensidee, entnehmen konnte. Dr. Simon betonte, daß lür palästinensische junge Juden die Friedensfrage kein rein abstraktes Problem sein kann, sondern ihren Prüfstein in der Bewältigung des Problems der Bezfehungen zu den Arabern findet, Dennnier steht vor uns ein Spezialfall des allgemeinen Problems des ״Mitmenschen", mit dem sich das Judentum schon in den Zeiten des Gaiuth immer wieder auseinandersetzen mußte und in dem Augenblick seiner Wiederkehr auf den historischen Boden seiner Väter wieder auseinandersetzen muß. Mit der Veranstaltung dieses Jugendtreffens habe sich die Siedlung Ben Schemen als ein Zentrum des geistigen Lebens Palästinas erwiesen. Das vorwiegend jugendliche Publikum, das den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, folgte den Ausführungen Dr. Simons mit großer Anteilnahme. Der Abend hat sicherlich auch der ״Jüdischen Waisenhilfe“ neue Freunde gewonnen.