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Jüdische Rundschau · 1932-04-15 · Heft 30 (15.4.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 30 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 146 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30, 15, IV. 1932 dib Vorgänge in der Berliner eemeinde Worum geht der Kampf? Der Auszug der volksparteilichen Fraktion aus der Sitzung der Gemeinderepräsentanz am 7. d. M. hat in der jüdischen Öffentlichkeit Berlins, Deutschlands und weit über Deutschland hinaus Aufsehen erregt, obwohl dieser Schritt der jüdisch-nationalen Gemeinderepräsentanten keineswegs überraschend sein konnte, ln zahlreichen Erklärungen Volksparteilicher Wortführer ist die gegenwärtig hemmungslos herrsehende liberale Mehrheit in der Gemeinde und die jüdische Oeffentlichkeit aufmerksam gemacht worden, daß die unhaltbaren Zustände in der Berliner Gemeindeverwaltung es den volksparteilichen Vertretern unmöglich machen, durch resigniertes Sichfügen unter die Rücksichtslosigkeiten der Mehrheit sich mitschuldig zu machen an einer Verewigung eines Systems, das mit dem Sinn einer jüdischen Einheitsgemeinde nicht vereinbar ist. Der Zweck des Auszuges der volkspartelliehen Vertreter ist in der Erklärung der Fraktion nach dem Exodus klar zum Ausdruck gebracht worden. Es heißt darin, daß durch diesen schärfsten Ausdruck des Protestes die Berliner Judenheit auf die ungeheure Gefahr einer Zerschlag u n g der Einheitsgemeinde hingewiesen werden soll. Der Auszug war somit als eine weithin sichtbare Maßnahme gedacht, um die jüdische Oeffentlichkeit, die zwisehen den politischen Wahlschlachten ein verständlicherweise mir geringes Interesse an den Vorgängen in der Gemeinde- Stube nimmt, aufzurütteln und sie zu einer Stellungnahme zu den Vorgängen in der Gemeinde und zu dem in der Gemeinde- Verwaltung herrschenden System zu veranlassen. Dieser Zweck ist in vollem Maße erreicht worden, und sowohl die von der Volkspartei für die nächste Zeit einberufenen Massenkundgebungen, sowie auch Versammlungen anderer jüdischer Riehtungen werden in die Massen der jüdischen Gemeindewähler Berlins die Kenntnis von den Vorfällen in der Berliner Jüdischen Gemeinde tragen. Der Exodus der Jüdischen Volkspartei ist zunächst eine Demonstration und bedeutet, darauf ist mehrfach in Erklärungen der Volkspartei und in Aufsätzen der ״Jüdischen Rundschau“ hingewiesen worden, keinen Anfang einer von den national-jüdischen Vertretern ins Auge gefaßten dauernden Abstinenz oder gar Separierung von der Gemeinde. In der Erklärung, die Dr. Kollenscher dem Gemeindevorstand unterbreitet hatte, und die er in der Repräsentantensitzung vom 7. d. M. bekanntgab, sind die Grundsätze zum Ausdruck gebracht, deren Beobachtung von der Jüdischen Volkspartei verlangt werden, damit alle jüdischen Richtungen in der Gemeinde ihre Zusammenfassung und ihre jüdische Heimat erblicken können. Kollenschers Erklärung war als ein V ermlttlungsvorschlag gedacht, der, ohne Opfer der Gesinnung zu verlangen, den Liberalen die Möglichkeit zu einer friedlichen Beilegung der aktuellen Spannungen zwischen jetziger Mehrheit und Minderheit geben sollte. Sie bezweckt die Herstellung eines Friedens ״ohne Sieger und ohne Besiegte“, da ein gedeihliches Beieinanderleben weltanschaulich differenter Rithtuhgen in einer Einheifsgeroeinde nur durch gegen- «eitige Toleranz bewerkstelligt werden kann. Das Gefühl für die Schwere der politischen und wirtschaftlichen Situation, in der die Juden leben, ist in den Kreisen der Volkspartei gewiß nicht minder stark als bei anderen jüdischen Richtungen. Darum hat sich die Volkspartei, die Erklärung der Fraktion formuliert dies in klaren Worten, ״in tiefer Besorgnis um die Aufrechterhaltung der Einheitsgemeinde“ bemüht, durch Mäßigung und Zurückdrängung ihrer berechtlgten Empörung über die zahlreichen gegen jede zionistische Forderung gerichteten Maßnahmen der liberalen Mehrheit in letzter Stunde diese Mehrheit auf den Weg zu bringen, der allein dem Gedanken der Einheitsgemeinde entspricht. All diese Versuche haben fehlgeschlagen. Wochenlang hat man im Gemeindevorstande um eine Einigungsformel gerungen. Die einsichtsvolleren liberalen Vertreter schwankten zwischen besserer Ueberzeugung und dem Druck der radikalen Heißsporne ihrer Fraktion. Schließlich siegte die Richtung, die in jüdisch-nationaler Gesinnung dasselbe erblickt wie traditionstreue Juden im Trefe-Essen, wie es eines der jüngeren Mitglleder der liberalen Fraktion ausgedrückt hat. Wenn auch die Liberalen sich in ihrer Gesamtheit diese Formulierung nicht zu eigen gemacht haben mögen, so haben sie doch zweifellos durch alle Ihre Beschlüsse die Konsequenzen aus einer derartigen Anschauung gezogen. Die Einsichts- und Rücksichtslosigkeit der liberalen Mehrheit wirkte auf der Tagung des Preußenverbandes fort. Und auch nach dem Exodus der Jüdischen Volkspartei vertreten liberale Wortführer den Standpunkt, daß die Zionisten es seien, die zu Spaltung und zum Zusammenbruch der Jüdischen Gemeinde treiben. Einer derartigen Auffassung muß Nachstehendes entgegengehalten werden. Die Jüdische Volkspartei, welche Mitglieder verschiedener religiöser Schattierungen umfaßt, hat in bezug auf den religiösen Liberalismus keine einheitliche, weder hejahende noch abweisende, Einstellung. Sie ist somit in Wahrheit weit mehr liberal im eigentlichen Sinne Zum Verbot der SA Das Verbot der nationalsozialistischen Privatarmee durch die Reichsregicrung hat in manchen jüdischen Kreisen die irrige Vorstellung erzeugt, als ob nun die von dieser Truppe drohende Gefährdung der öffentlichen Ordnung und die Gefahr gewaltsamer Ausschreitungen der Nationalsozialisten beseitigt wären. Man wird jedoch gut tun, diesen Schritt, der zweifellos vom Standpunkt des Staates notwendig und im Interesse seiner Autorität unausweislich war, von allen Seiten und in allen seinen Wirkungen zu betrachten. Hitler selbst hat bereits erklärt, daß die nationalsozialistische Partei nunmehr für Ausschreitungen der einzelnen, aus dem disziplinierten Verband losgelösten Trupps, die wahrscheinlich auch weiterhin ein wenn auch illegales Dasein führen werden, nichtmehrverantwortlich gemacht werden kann. Die Auflösung der S, A. und S. S. enthebt ferner die nationalsozialistische Partei von schweren finanziellen Sorgen, die ihr die Erhaltung ihrer Privatarmee bereitet hat. Ferner ist durch die Unterdrückung der S. A. und S. S. der wichtigste Einwand aus dem Wege geräumt, den man bisher gegen die ״Legalität“ ' der nationalsozialistischen Partei mit Recht gemacht hat, in 1 diese* Wortes als diejenigen, die sich liberal nennen. Die Jüdische Volkspartci lehnt es aber entschieden ab, in einer jüdisch-politischen Gruppe, deren Grundtendenz sich in einer Verwässerung jüdischer Inhalte und restlosen Angleichung an Lebensform und Lebensstil der Umwelt äußert und die sich religiös drapiert, die einzig legitime Vertretung des Judentums zu erblicken, obwohl diese Gruppe gegenwärtig über eine Mehrheit in der Gemeindeverwaltung verfügt und durch brutalste Ausnutzung dieser Macht die Gemeindeverwaltung verantwortungslos politisiert. Aber die Bekämpfung der liberalen Anschauungen wird von der Jüdischen Volkspartei bei ihrer Mitarbeit in der Gemeinde nicht als eine wesentliche Aufgäbe betrachtet Dieser Kampf vollzieht sich außerhalb der Gemeinde. In der Gemeindestube Jedoch verlangt die Jüdische Volkspartei Durchführung der Gleichberechtig u n g für alle Richtungen, die durch ihre Zahl und durch ihre Geschichte die Gewähr einer Dauer geben. Sie verlangt es um so mehr, als die Forderung nach Gleichberechtigung von der jüdischen Gesamtheit gegenüber der Umwelt dauernd erhoben wird und sie nicht zulassen will, daß die autonomen jüdischen Institutionen der Welt ein Beispiel vorführen, wie das Prinzip des gleichen Rechtes von Juden dort, wo sie es selbst zu praktizieren haben, mit Füßen getreten wird. Die liberale Mehrheit versagt in blinder Einsichtslosigkeit konsequent die Gleichberechtigung einer so großen Minderheit wie der Jüdischen Volkspartei, und zwar nicht nur dieser Minderheit als solcher, sondern auch individuell allen jenen Personen, die sich zu den Ansichten der Jüdischen Volkspartei bekennen. Beweis hierfür ist die Ablehnung aller Forderungen für Zwecke, die der Volkspartei besonders am Herzen liegen, wie Universität Jerusalem, Subvention des Hechaluz, der Schulabbau usw., sowie die von der liberalen Mehrheit getriebene Personalpolitik. Das ist ein Zustand, der nicht nur für die Volkspartei unerträglich ist, sondern in seiner Auswirkung dazu führen muß, daß die Gemeindeverwaltung bei wechselnden Mehrheiten die Bahn der Kontinuität verlassen wird, die allein eine Bewältigung der Aufgaben einer jüdischen Einheitsgemeinde zu garantieren vermag. Beizeiten muß dieser verderbliche Kurs eingestellt werden. Die Jüdische Gemeinde soll allen Juden heilig sein und nicht ein Spielball von Zufallsergebnissen einzelner Wahlen. Die liberalen Wortführer berufen sich dauernd darauf, daß sie im Sinne des Mehrheitswillens der jüdischen Gemeindewähler Berlins handeln. Schon dieser rein formale Standpunkt beweist, wie irrig die Auffassung der Liberalen vom Sinn der Einheitsgemeinde ist. Wissen denn die Liberalen nicht, daß die überwiegende Mehrheit der geistigen jüdischen Führer der zionistischen Ideenwelt angehören, ihr nahestehen oder von ihr in ihrem Wirken auf das stärkste beeinflußt .werden? Ist den liberalen Gemeindepolitikern nicht bekannt, daß sogar die Mehrheit der liberalen Gemeinderabbiner in Berlin (Aeußerungen nach dieser Richtung liegen aus den letzten Tagen vor) sich zionistischen Gedankenkreisen verbunden fühlen? Und läßt sich die Bedeutung dieser die gesamte Judenheit in der Welt bewegenden Gedankengänge nach der Tatsache messen, daß 11ן Berlin unter dem Eindruck des Nazi-Sieges bei den Reichstags» wählen eine liberale Mehrheit;,gegen Zionisten und Osfjucfen‘1 zustandegekommen ist? Der Jüdischen Volkspartei ist die Gemeinde heilig, die jüdische Gemeinschaft eine Heimat, der man schicksalsverbunden ist, und die man nicht verläßt. Die Jüdische Volkspartei beabsichtigt nicht, grollend und untätig beiseite zu stehen. Sie will den Kampf fortsetzen in der Gemeindestube und in der jüdischen Oeffentlichkeit. Die Fraktion macht ihre Wiederkehr in die Gemeindestube nicht davon abhängig, bis unbelehrbare liberale Extremisten sich bereit finden, die Volksparteiler einztiladen. Die Jüdische Volkspartei ist stark genug, Einberufung von Sitzungen durchzusetzen und durch unaufhörliehe Einbringung von Anträgen die Repräsentantenversammlung zu einer Stellungnahme in allen Fragen zu zwingen, die, weit über ein Parteiinteresse hinausgehend, das Wohl der Gesamtheit betreffen. Sie wird sich in diesem Streben nicht dadurch beirren lassen, daß die liberale Fraktion, übrigens nach altem Brauch, sich in der Oeffentlichkeit über das ״schlechte Benehmen“ der volksparteilichen Vertreter beklagt. Der Kampf geht nicht um Anstandsregeln, sondern um lebenswichtige Grundsätze der Berliner Jüdischen Gemeinde. Die Jüdische Volkspartei wird auch nicht verzagt, wenn der C. V. Im gegenwärtigen Augenblick den liberalen Gemeindepolitikern durch heftige Angriffe gegen die Zionisten zu Hilfe zu kommen für nötig erachtet. Viel Feind, viel Ehr! Ein altes Wort sagt: Ein Mann und die Wahrheit sind stets die Mehrheit. Die Ent- Wicklung des jüdischen Lebens in den letzten Jahrzehnten hat den Beweis erbracht, wie richtig die zionistische Diagnose und die zionistischen Prognosen gewesen sind. Wir haben das Bewußtsein, uns im Einklang mit den Tatsachen der Entwlcklung zu befinden. Mit uns sind alle aufbauenden, lebendigen, nach innerer und äußerer Befreiung ringenden Kräfte des Judentums. Auf unserer Seite steht eine begeisterte Jugend, stehen die fdeen von menschlicher und jüdischer Würde. Wir haben die Ueberzeugung, daß wir aus all diesen Kämpfen zum Wohle der jüdischen Gesamtheit als Sieger hervorgehen werden. Zukunft wird die Legalität der Nationalsozialisten nicht mehr mit der gleichen Entschiedenheit bezweifelt werden können wie bisher. Es Ist durchaus denkbar, daß das Verbot der S. A. und S. S. unter Umständen die Bedeutung der Wegräumung eines Hindernisses für die Beteiligung der Nationalsozialisten an den Regierungen in größten Ländern und vielleicht auch im Reiche erlangen kann. Es ist ferner ein öffentliches Geheimnis, daß die nationalsozialistische Partei mit dem Verbote ihrer Privatarmee gerechnet und wahrscheinlich rechtzeitig alle Vorsorge getroffen hat, um diese Armee zur gegebenen Zeit wieder auf die Beine zu stellen. Aus all diesen Gründen vermag das Verbot von Hitlers Prätorianergarde bei Kennern aller Zusammenhänge nicht ein Gefühl restloser Befriedigung zu erzeugen. Tafsache bleibt, daß die Verhältnisse nach dem Verbot der S. A. ebenso ungeklärt sind wie vorher. Erhöhte Wachsamkeit und dauernde Bereitschaft in allen Kreisen, die politische Abenteuer und Gewalttaten ablehnen und eine ruhige Entwicklung wünschen, ist daher jetzt noch mehr am Platze als früher. Besonders die jüdische Gemeinschaft hat allen Anlaß, sich keinen trügerischen Hoffnungen hinzugeben, als ob für sie die von nationalsozialistischer Seite drohende; Gefahr durch das Verbot der Nazi-Armee nunmehr gebannt sei, GSfzettdäminerung Zum Falle Kreuger Es sind böse Zeiten für ״Wirtschaftsführer", Der Reihe nach brechen die Throne von Männern zusammen, deren Namen von der beneidenden und bewundernden Mitmenschheit nur mit Ehrfurcht genannt wurden. Das letzte Beispiel eines die gesamte Welt in Bestürzung versetzenden Zusammenbruchs ist der Fall I va r Kreuger. Gerade er galt in den Augen einer nationalökonomischen Pseudowissenschaft als Prototyp des ״schaffenden“ im Gegensatz zu dem von jüdischem Geiste bestimmten ״raffenden“ Kapitals. Abgesehen davon, daß diese Unterscheidung theoretisch und materiell anfechtbar ist, haben die Verkünder dieser Pseudolehre auch niemals anzugeben oder abzugrenzen vermocht, wo in unserer Zeit ״schaffendes“ Kapital aufhört und ״raffendes“ beginnt. Immerhin war der rein nordische Typus des vornehmen, verschlössenen, in seiner Lebensführung äußerst bescheidenen Ivar Kreuger für alle Antisemiten in der ganzen Welt noch weit mehr als Henry Ford das Ideal produktiven Ariertums, welches wie Siegfried den Kampf mit dem wucherischen, händlerischen, kriecherischen, jüdischen Drachen führt. Nun ist auch diese Legende zerstört und es stellt sich heraus, daß lvar Kreuger nicht das Urbild eines großen Wirtschaftlers und Organisators, sondern ein Abenteurer,— um ein mildes Wort zu gebrauchen — des Spätkapitalismus war. Verglichen mit ihm sind die Katzenellenbogen, Michael und wie alle anderen kleineren jüdischen ״Wirtschaftsführer“, die in der letzten Zeit von sich reden machten, armselige Figuren, von denen cs sich angesichts der MilHarden-Schiebungen Kreugers ar nicht verlohnt, auch nur ein Wort zu verlieren. Diese eststellung erfolgt etwa nicht zu dem Zwecke, um die falliten, mit den Stratparagraphen in Konflikt geratenen jiidisehen ״W'irtschaftsführer“ zu exkulpieren, oder um darzutun, daß nichtjüdische Spekulanten noch schlimmer sind als jüdische, sondern um an diesem Beispiel zu zeigen, daß all diese Fäulniserscheinungen der Spekulation ein Ergebnis der gegenwärtig in der Welt herrschenden Verhältnisse sind. Wenn auf der letzten Tagung des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden der Sprecher der Liberalen symbolisch an seine Brust schlug und ein Sündenbekenntnis als Jude ablegte, daß so viele Juden in der letzten Zeit in üble Wirtsenaftsprozesse verwickelt waren, wodurch die Juden am wachsenden Antisemitismus sich mitschuldig gemacht hätten, so war diese rein phraseologische Deklaration völlig unangebracht. Denn wenn in der Oeitentlichkeit im Zusammenhang mit derartigen Erscheinungen Juden verhältnismäßig oft genannt werden, so liegt das daran, daß infolge der eigentümlichen Situation der Juden diese auf das Gebiet des Handels und Geldwesens stärker gedrängt wurden als andere Bcvölkerungsteile. Nicht die jüdische Spekulation und der jüdische Handel beruhen aut unsoliden Grundlagen, sondern die gesamte kapitalistische Wirtschaft scheint in ein krisenhaftes Stadium gelangt zu sein, das vergebens nach Beruhigung und Stabilisierung sucht. Die Juden sind in den allgemeinen Strom mithineingerissen, und da hilft kein platonisches Bedauern, sondern nur der Versuch, das ganze jüdische Leben auf prinzipiell neue Grundlagen _ zu stellen, es aus der abnormalen ökonomischen und sozialen Struktur, die das Galuth mit sich bringt, zu befreien. Denn auch für das Judentum gilt der Grundsatz, daß der bewußte Wille zu Veränderung und Aufbau am Anfang der befreienden Tat stehen muß. Nicht durch einfaches Gehenlassen und begleitende Worte moralisierenden Bedauerns kann man der Sache gerecht werden. Es entspricht der oberflächliehen, unhistorischen, atomi*tischen Auffassung des jüdischen "LfbewlMBias, *•ס»־ nirgend*־ d*n. Dinge» a,-ua. <Le « zu sehen vermag, oder aber die wahre Lage auch nicht sehen will, weil er eben vor der Konsequenz, die Judenfrage aufzurollen, zurückschreckt. Trotz Kreuger und anderer arischer Spekulanten wird die Demagogie fortfahren, besonders diejenigen Wirtschaftsdelinquenten, die Juden sind, als charakteristische Figuren des Uebels der Zeit liinzustellen. Dies ist nicht nur bequem, es scheint auch für weite Kreise der Vo'ker eine plausible Erklärung zu sein, weil diese eine starke Beteiligung der Juden in Handel und Geldgeschäft sehen. Es handelt sich aber um viel Komplizierteres, auch wenn die Menschen sich leichte Ausflüchte suchen. Die Weltlage nach dem Krieg ist durch die politischen Folgen des allgemeinen Mißtrauens aufs äußerste gefährdet. Man ist häufig unter dem Einfluß der sogenannten materialistischen Ge- Schichtsauffassung geneigt, uneingeschränkt den Primat der Wirtschaft als bewegenden Faktors der Geschichte anzuerkennen. Heute zeigt sich, daß ohne weitsichtige, vernünftige Politik auch die Wirtschaft nicht gedeihen kann. Letzten Endes sind die schweren Störungen im Wirtschaftsleben der Völker die Folgen einer Gesinnung, die dies Heil von Gewalt und Machtanwendung abhängig macht und in dem Verhältnis von Volk zu Volk auf Grundsätze der Zivilisation verzichtet, die sie in der Beziehung von Mensch zu Mensch als selbstverständlich zu bezeichnen pflegt. Solange einseitiger Macchiavellismus die Beziehungen zwischen den Nationen bestimmt, wird der Weg zu einem friedlichen Ausgleich, zu einer Wiederherstellung des Vertrauens und zu einer Besserung auch der wirtschaftlichen Zustände nicht gegeben sein. Und in dieser Weltlage, wo man nie wissen kann, von welcher Seite plötzliche Ueberraschungen drohen, wird es auch immer wieder Wirtschaftsdelikte geben, mittels derer wankende Säulen des Wirtschaftslebens ihre Fundamente künstlich sichern wollen, bis sie schließlich doch der Zusammenbruch trifft. Das alles sind Dinge von weit größerer Reichweite als jüdischer, sie haben mit dem Judentum nichts zu tun, aber daß man auch bei diesem Anlaß gerade auf Personen jüdischer Herkunft mit Fingern deutet, mag uns ein Memento sein. Zeitspiegel. Ein Leser übersendet uns ein Blatt der Zeitung ״Das Bötzowviertel“, worin als Inserat eine Bekanntmachung erschienen ist, die ein charakteristisches Licht auf die Lage der Juden in Deutschland wirft. In diesem Inserat teilt der Inhaber eines Konfektionsgeschäftes, Franz Droßmann, mit, daß er ,,oft, sogar von alter Kundschaft, als Jude angesehen wird, weil er und seine Frau von dunkler Haarfarbe sind. Im Jahre 1923, so heißt es in dem Inserat weiter, bei der Judenverfoigung wurde auch bei ihm geplündert. Droßmann und seine Frau sind geborene Christen. Zum Beweise wird er in den nächsten 14 Tagen seine Geburtsurkunde in seinem Schaufenster, Bötzowstr. 9, aushängen.“ — Es ist wirklich höchst bezeichnend für den Kulturzustand, in dem wir in Berlin im Jahre 1932 leben, daß ein Mann sich vorsorglich jetzt schon egen drohende Pogrome, die ihn als Nichtjuden mittreffen önnten, zu schützen sucht. Dieses kleine Inserat besagt über die Lage der Juden mehr als Hunderte Seiten mit jüdischen Beteuerungen deutscher Gesinnung bedruckten Zeitungspapiers. Insassen des Jüdischen Krankenhauses wählten Hitler. Zur Erleichterung der Stimmabgabe von Krankenhauspatienten besuchte am Tage der Reichspräsidentenwahl ein fliegender Wahl- Vorstand die Krankenhäuser und nahm von Bett zu Bett von den Patienten die Stimmscheine in verschlossenen Umschlägen entgegen. Im Krankenhaus der JüdischenGemeinde in der Exerzierstraße, in Welchem auch eine Anzahl nichtjüdischer Patienten untergebracht ist, war das Ergebnis das folgende: Hindenburg 238, Hitler 8, Thälmann 22 Stimmen. Hin........

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