Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1932)
- Date
- 1932-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29, 12. IV. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 143 Bemerkung zu einigen Berliner Kabaretts Von Max Brod. Wenn man als Jude aus dem nichfdeutschen Ausland kommt und die hemmungslose antisemitische Agitation in Deutschland, das man so liebt, blutenden Herzens mitansieht, dann möchte man unter all den befremdlichen, würgenden Eindrücken auch den einen zu registrieren nicht vergessen: einen Berliner Kabarettabend, bei dem einige typisch jüdisch aussehende Schauspielerinnen die deutsche Alt-Heidelberg-Kitsch- Poesie persiflierten. Sie erschienen als rheinische Jungfrauen, in weißen Kleidchen mit riesigen rosa Schleifen am Rücken, begleitet von Couleurstudenten mit Schmissen und rotblonden Umhängebärten. — Selten habe ich eine Darbietung gesehen, die so sehr allen Geschmacks und Taktes bar war. Die Verhöhnung deutscher Uebelstände ist gewiß eine gerade im deutsehen Sinn höchst notwendige und nützliche Sache; daher man im Kreise des ernsten deutschen Nationalismus längst die zu Aeußerlichkeiten erstarrten Formen des deutschen Burschenlebens heftig kritisiert, neue und wahrere Lebensform ausgebildet, dem falschen Zauber des Rhein-Filmklischees Krieg angesagt hat. Wenn sich aber Juden, jüdische Kabarettistinnen, zu derlei Satire exponieren, so wirkt sie peinlich und überdies so aufreizend, daß man sich entsetzt fragt, wie in diesen Wochen, da Lebensgefahr über der Judenheit Deutschlands schwebt, Juden und Jüdinnen sich leichtfertig zu solch einem unwürdigen Spiel hergeben können und wie ein zumeist aus Juden bestehendes Kurfürstendamm-Publikum dazu applaudieren kann. (Ich sah dann, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in Berlin, noch einige ähnliche Geschmacks-Exzesse auf jüdischer Seite; doch die jüdisch-rheinischen Jungfrauen waren entschieden das Schlimmste.) Es kann selbstverständlich den in deutschem Milieu lebenden Juden nicht benommen werden, sich politisch und kritisch mit deutschen Zuständen auseinanderzusetzen, die ihnen überwindenswert scheinen. Nie werde ich einer capitis deminutio das Wort reden, die Juden aus der politischen, sozialen, kulturpolitischen Diskussion des Wirtsvolkes ausschaltet. Aber es kommt ganz darauf an, wie man es macht. Das Distanzgefühl, daß es nicht unsere Eigenart ist, die wir in solchen Fällen kritisieren, sondern die eines andern, dem wir wohl Freund und sogar verehrungsvoll dankbarer und sogar vertrauter Freund, aber nicht identisch sind, dieses Distanzgefühl sollte uns nie verlassen. Schonungslos polemisieren darf man nur gegen sich selbst und seine eigene Art. Es soll nicht übersehen werden, daß eine prononciert jüdische Satire gegen deutsche Mißstände im deutschen Hörer oft jene echten Gefühlswerte anklingen läßt, die mit den Mißständen assoziiert sind. Das mag bedauerlich und sachlich unberechtigt sein; es ist aber so. Spricht nun jemand davon, daß es eben unsere Aufgabe ist, derartige falsche Gemütsreaktionen den deutschen Hörern abzugewöhnen, — so möchte ich doch in allererster Linie raten, diese unsere segensreiche pädagogische Funktion zunächst uns selbst angedeihen zu lassen. Es sind dies Taktfragen, sie können nur mit dem Instinkt, nicht rational entschieden werden. Rational faßbar bleibt: die Frivolität jüdischer Unternehmer und sogenannter ״Künstler“, die einfach um des Profits und Amüsierbetriebs willen, also ohne die im vorigen supponierte wirklich ernsthaft-kritische Besserungsabsicht, derart gefährlichen Ulk in Szene setzen. Der Zionist hat sich gegen Verfallserscheinungen solcher Art immet abgegrenzt. Er darf jetzt nicht etwa schweigen, weil ihn drohende Pogromgefahr dem Vorwurf der Aengstlichkeit aussetzt. — Rational faßlich ist endlich: die künstlerische Unsinnigkeit solcher Satire, die daher (als Unform, auch in künstlerischem Sinne) rechtens völlig unwirksam bleibt. Wenn die rheinischen Jungfrauen jüdisch aussehen, dann sind es eben keine rheinischen Jungfrauen mehr — und was sie da oben auf der Bühne singen und treiben, ist schon seiner Belanglosigkeit wegen unerträglich! Es trifft nicht, es schlägt nicht, es ist nur blöd. So sah ich vor dem Krieg (vielleicht ist es jetzt nicht anders) auf einer Pariser Vorstadtbühne einen typischen Franzosen, lebhaft, klein, aufgeräumt, in rostblonder Perücke Unfug machen, mit dem Säbel rasseln, dicke rote Bäckchen blähen, eine Schüssel choucroute hinunterschlingen. Und das sollte einen Deutschen vorstellen. Es war aber nur das Jammerbild eines chauvinistisch verhochmütigten Franzosen. Der Beamten-Abbau der Agency Die Palästina-Exekutive der Jewish Agency veröffentlicht die folgende Tabelle, aus der die Verringerung in der Zahl der Beamten hervorgeht, welche die Exekutive aus Ersparnisgründen vornehmen mußte. In dieser Tabelle ist die Zahl der Beamten und die Aufstellung der monatlichen Gehälter der allgemeinen Verwaltung und derjenigen der einzelnen Abteilangen der Exekutive im April 1930 mit der Zahl und der Gehälteraufstellung im November 1931 verglichen; April 1930 November 1931 Allgemeine Verwaltung und Zahl Monat*. Zahl Monats- Verwaltung der einzelnen Abteilungen der fehalt der gchalt Beamten 1. Politische Abteilung und £P Beamten £P vereinigte Büros.!1 235.100 4 87.300 2. Landwirtschaftl. Ansiedlung 11 241.500 6 155.220 3. Technische Abteilung . . . 21 376.500 4 89.340 4. Erziehungs-Departement . 6 164.033 4 54.240 5. Immigrations-Departement 12 220.100 9 164.480 6. Arbeits-Departement . . 7. Kassen- und Rechnungs- , 4 105.600 1 31.500 Departement. 25 507.500 14 277.255 8. Biicherrevisions-Depart. . . 6 126.600 — — 9. Allgemeines Sekretariat . 1 5 137.000 4 79.020 10. Pressebüro. 1 30.000 — — 11. Stenotypisten.. , 9 119.200 6 79.230 12. Sekretariat f. Handel u. lnd. 1 40.000 1 34.100 13. Statistisches Büro .... 14. Material-Abtlg. (allg. und 2 52.000 1 31.200 für Erziehung). , 2 50.600 2 47.620 15. Gesundheits-Sekretariat . . 2 52.200 — ״־־ In Summa: 118 2457.933 56 1129.905 In der ersten Hälfte des Mal finden in Griechenland die Wahlen zur Kammer und Teiiwahlen zum Senat statt. Die Salonikier Juden werden wie bisher in einem separaten jüdischen Sektor wählen und zwei Vertreter in die Kammer and einen Vertreter in den Senat entsenden. Bei den Wahlen 1928/29 wurden zwei Zionisten in die Kammer und ein Zionist in den Senat gewählt Mängel unserer Veranstaltungen Von Hedwig Moeller, Hamburg. Die Zionisten heute, sowohl die eigentlichen Ortsgruppenmitglieder, wie auch die K. H.- und N. F. - Zahler, teilen sich in deutlich zwei voneinander getrennte Gruppen, in die jetzt 40—55jährigen, die vor dem Krieg schon Zionisten waren, und In die junge Generation, die aus den Jugendbünden her zum Zionismus gekommen ist. Was braucht die erste Kategorie, was braucht die zweite Kategorie? Wobei wir immer als das Erfordernis des Zionismus im Galuth: I. Die Durchdringung der Menschen mit zionistischen Ideen; II. Die Aufbringung von Mitteln für Palästina, ansehen. Die erste Kategorie, d. h. diejenigen früheren Zionisten und Mitläufer, die durch den großen Enthusiasmus der Vorkriegsjahre in ihrer Jugend oder durch das K. I. V. oder Blauweiß zu uns gekommen sind, brauchen, um immer neu in ihrer Ideologie gestärkt zu werden, gute Arbeitsgemeinschäften von beträchtlichem Niveau, gute Diskussionen in kleinem Kreis, der sie zur Mitarbeit anregt. Keineswegs aber sind große zionistische Feste, die leider an der Tages- Ordnung sind, geeignet, solche Menschen beim Zionismus zu halten. Sie sehen höchstens einen Betrieb, der viel Geld kostet, wobei sie ganz genau wissen, daß ein großer Teil des Geldes, das sie da für Eintritt, Lose oder Vorführungen bezahlen, nie nach Palästina fließt. Wenn man bei diesen Menschen, statt große Feste zu machen, ebensoviel Mühe, Zeit und Kraft opfern würde, um ihnen klar zu machen, was ihre zionistische Pflicht ist, dann bekäme man bestimmt dieselben Summen, die sie auf einem Fest ausgeben, und _ es ginge nicht, wie es in so und soviel Fällen der Fall ist, soviel zionistisches Geld an Saalvermieter, Restaurateure, Dekorateure und andere unvermeidliche Nebenausgaben eines Festes. Dazu kommt ein zweites, was mich meinen läßt — und das betrifft vor allem auch die Jugend und diejenigen der zweiten Kategorie —, daß es nicht nur unrationell, sondern auch unserer nicht würdig ist, unsere ideelle Bewegung immer wieder in Verbindung mit Festen an die breite Oeffentlichkeit treten zu lassen. Wo hört die breite Masse der Indifferenten denn hier in Deutschland von uns? In den Gemeindestuben als Volkspartei, aber nicht als Zionisten, d. h. nicht werbend für die zionistische Idee, hin und wieder in nichtjüdischen Zeitungen, in Berichten über Palästina, und im übrigen spricht man von unseren Festen, oder wir sammeln für ein Chaluzheim, für eine Schule oder dergleichen, wie Irgendein Verein, und machen Feste zum Zwecke der Geldaufbringung, zu denen Menschen kommen, die keine Ahnung von unseren Bestrebungen haben, wie sie zu jedem anderen Verein auch gehen. Und diese Menschen verlassen unsere Feste, die doch alle nur in sehr losem Zusammenhang mit Palästina stehen und in denen nie zionistische Propaganda getrieben werden kann und wird, genau so viel oder so wenig aufgeklärt über Zionismus, wie sie gekommen sind. Sind die Feste gut, so haben wir bestenfalls einen Ueberschuß von 1000 Mark, diese Summe haben 30 Menschen — etwa das notwendige Festkomitee — in einmonatlicher harter Arbeit geschafft. Eine Summe, die bei gleicher intensiver persönficher Arbeitsleistung von Mensch zu Mensch besser und mit nachhaltigerem Erfolg aufgebracht werden kann. Seht Ihr denn gar nicht, wie sehr wir unsere Idee degradieren, wenn wir das Geld durch Tanzen, Revuen, die alles, nur nicht jüdisch sind, usw., von Menschen, die keine Ahnung haben, was hinter dem Fest steht, nehmen? Ernste, feste Zionisten brauchen keine Feste, um ihre Pflicht zu tun, und durch ein noch so gutes Fest wirbt man niemanden für unsere Idee, man schadet ihr eher. Durch intensive Arbeit erhält man auf richtigere und auf lange Sicht hin und auf würdigere Art die gleichen Beträge. Man verstehe mich nicht falsch: Ich spreche nicht gegen eine zionistische Geselligkeit, wie_ sie sich etwa in akademisch-zionistischen Klubs oder in einigen zionistischen geselligen Privatzirkeln darstellt, diese ist überaus fruchtbar zur Vertiefung und Ausbreitung unserer Idee, macht im übrigen so gut wie keine Kosten; wogegen ich Front mache, sind die großen Feste und Bälle mit ihrem ungeheuren Spesen- und Kräfteverbrauch, die wir mitmachen, weil es die anderen auch machen. Zionismus ist aber keine Wohltätigkeitssache, sondern eine geistige Bewegung, deren Manifestation im Ballsaal unangebracht und schädlich ist. Sagt doch nicht: auf andere Art bekommen wir kein Geld für unsere Zwecke, dann ist entweder unsere Idee falsch, das glauben wir nicht und sehen es täglich durch den Zustrom der Jugend bestätigt, oder unsere Propaganda ist falsch. Und da möchte ich nochmals mit aller Schärfe betonen, daß die Jugend unsere Feste nicht braucht. Die Jugendbünde haben ihre eigenen Feste und die Jugend ihre eigene Propaganda. Was uns und unserer Idee not tut, ist eine Propaganda, die der Größe und der Art unseres Zieles würdig und adäquat ist. Kleine Nachrichten Der Dramatiker David P i n s k y begab sich am 5. April von New York nach Palästina. In diesen Tagen fand in Rom die feierliche Einweihung der neuen spaniolischen Synagoge statt, zu deren Bau Ruinen alter spaniolischer Synagogen Roms, die aus dem 14. Jahrhundert stammen, verwendet worden sind. Die Synagoge ist ein Werk des jüdischen Architekten Del Monte. In Addis Abbeba, der Hauptstadt Abessiniens, wurde die erste Talmud-Thora-Schule für Kinder der Falaschas (schwarze Juden von Abessinien) eröffnet. Die Lehrerschaff setzt sich ausschließlich aus Falaschas zusammen, die in jüdischen Zentren des Auslandes studiert haben. Die ״Neue Freie Presse“ (Wien) brachte einen Artikel zum dreißigjährigen Jubiläum des Keren Kajemeth von Adolf Böhm. Am 3. April wurde in der Universitätsbibliothek A m st erdam eine Wolf Heidenheim - Ausstellung aus Anlaß des 100. Todestages des großen Exegeten und Grammatikers eröffnet. Der Frankfurter Verlag J. Kauffmann ft Co., der als Verlag für jüdische Literatur und als Antiquariatsbuchliandlung größtes Ansehen genießt, blickt in diesem Monat auf ein hundertjähriges Bestehen zurück. Die Exekutive des Internationa! Student Service hat in ihrer letzten Sitzung in Paris beschlossen, ihr Mitglied James Parkes mit einer Materialsammlung über die Lage der Juden an den europäischen Hochschulen zu betrauen, über die fn der nächsten Ende Juli in Brünn stattfindenden Sitzung referiert werden soll. Der Pariser Sitzung wohnte als Vertreter des Völkerbundssekretariats der deutsche Sekretär Dufours-Ference bei. Die Preise für Mazzoth in Rußland sind in diesem Jahre phantastisch hoch. Ein Pfund Mehl für Mazzoth kostet etwa 1 Rubel 50 Kopeken. Ein Pfund fertige Mazzoth kostet 5 Rubel und mehr. Das agudistisch e Wochenblatt ״Kol Jisrael“ in Jerusalem soll ab Peßach in ein Tageblatt umgewandelt werden. Weiter wurden in der letzten Zeit in Palästina eine Monatsschrift ״Völkerbund“, eine Wochenschrift ״Sport“ und eine Wochenschrift ״Kino“ begründet, ״Das Werturteil im Geschichtsunterricht״ (Von Ernst Simon. Verlag Teubner, Leipzig 1931.) Das Buch von Emst Simon verdient nicht nur aus persönlichen Gründen, da der Autor Lehrer in Haifa ist, Interesse in unseren Kreisen, sondern auch wegen des Gegen- Standes; denn eine Gruppe wie die Juden, die infolge ihrer Minderheitsstellung überall von der Mehrheit abweichende Werturteile m bilden riskiert und selbst Gegenstand höchst willkürlicher Werturteile ist, hat allen Anlaß, das Problem, der Entstehung von Werturteilen kritisch m betrachten. Dem eigentlichen Zweck des bemerkenswerten Buches, praktisches Hilfsmittel für die Lehrerausbildung zu . sein, suchte der Verfasser durch eine große Zahl von Literaturzitaten zu dienen. Dabei offenbart sich eine bewundernswerte Belesmheit und — bedeutsamer — eine besondere Fähigkeit, knapp und klar zu charakterisieren. Aber für die Lehrerbiidung wäre eine strengere Auswahl der Literaturangaben, vor allem eine eingehendere Behandlung des Wichtigen wertvoller gewesen als eine annähernde bibliographische Vollständigkeit. Für den gesetzten Zweck praktisch höchst wertvoll sind die Unterrichtsbeispiele, die das Buch abschließen. Neben guter Fachkenntnis zeigt sich hier das beste pädagogisehe Verständnis. Von dieser Seite her wird das Buch auch für den Laien sehr interessant, denn die Beispiele behandeln alle unsere nächste Vergangenheit und unsere zcitgeschichtliehen Probleme. Sie reichen vorn ״Kulturkampf‘‘ Bismarcks bis zur augenblicklichen Lage der ״Völker der Welt“. Daher rühren sie an die brennenden Fragen der kulturellen und politischen Gegenwart. Vor dem Weltkrieg war es den Ge- Schichtslehrern in Deutschland untersagt, politische Gegenwartsfragen im Unterricht zu behandeln; heute wird es in den modernen Schultypen geradezu verlangt. Beneidenswerte Prima, die einen Ge’schichtslehrer hat, der das in der von Simon an Beispielen gezeigten Art wirklich versteht 1 Der neue und persönliche Geist des Buches zeigt sich auch darin, daß die jüdischen Beispiele einen sonst ganz ungewohnten breiten Raunt einnehmen. In der älteren Zeit pflegte man die jüdischen Probleme noch mehr zu verstecken als die politischen. Es sind hier zu nennen die Beispiele: ״Die Berliner Bewegung — oder das rassenpolitisclie Werturteil“ — ״Der Prozeß Dreyfus — oder das rechtspolitische Werturteil.“ In dieser Beschränkung der Lehrproben auf die nächste Vergangenheit und die politischen Bedürfnisse der Gegenwart verrät sich aber neben der Stärke unserer Gegenwartsposition zugleich deren Schwäche. Muß Geschichtsunterricht wirklieh werturteilend oder politisch zugespitzt sein, um Befriedigung zu erwecken? Heute gewiß, weil die Schuljugend es verlangt. Aber das wirklich überzeugende Werturteil ist und bleibt das, das sich ohne formuliert zu sein aus einen sachlich und künstlerisch hochstehenden Geschichtsdarstellung von selbst ergibt. Der Lehrer, der wirklich darzustellen versteht, bedarf keines Räsonnements über den ״Wert“, und der, der über den Wert räsonieren muß, wird keine wirkliche historische Bildung — aber vielleicht ethische oder politische Bildung — verbreiten. Wer nun genauer hinsieht, wird mit Vergnügen wahrnehmen, wie Simons sicherer pädagogischer Instinkt mit diesem Dilemma fertig wird. Alle seine Lehrproben zeigen ein ״Werturteil“ nur in der Ueberschrift; in Wirklichkeit aber will er gar nicht ״gewertet“, sondern mit Sachkenntnis und gesunder Einsicht die Begebenheit in ihrem Verlauf und ihren Motiven analysiert sehen. So kommt man schließlich zu dem Ergebnis: viel zu viel philosophisches bruit für ein historisches Omelette. Damit ist bereits angedeutet, daß der erste philosophische Teil des Simonschen Buches an den zweiten Teil nicht recht anschließt. Das ist aber nicht des Verfassers: Schuld, sondern die Folge der unscharfen Problemstellung, für die er nicht einzustehen hat. Man kann jeden Gegenstand philosophisch erhöhen oder überhöhen. Das erstere ist eine Notwendigkeit. Das letztere kann beim Geschichtsunterricht nur vermieden werden, wenn eine befriedigende Geschichtsschreibung das Interesse in einer natürlichen Stromrichtung verlaufen läßt. Dr. Raphael Straus. Lebendiges Väter -Judentum In dem Buch ״Von den Vätern“ (Paul Zsolnay Verlag) veröffentlicht Schalom Asch im Anhang an mehrere Erzählungen unter der Ueberschrift ״Rückblick“ eine kurze Selbstbiographie anläßlich seines 50. Geburtstages. Wese Schilderung des Wchters gibt mit der ihm eigenen Eindringlichkeit und elastischen Darstellungsgabe eine'Einführung in die Lebensfundamente und inneren Kräfte des Ostjudentums, dem er entstammt. Es ist das fromme, in festen Traditionen wurzelnde Landjudentum der großen osteuropäischen Ebenen, das auch — aus einem anderen Teil des alten Rußland — Schmarja Levin in seiner Selbstbiographie schildert. Eine unlösliche Vermischung von Eindrücken des Landlebens, von realen Wngen des Alltags, mit dem Traum und der Phantasie einer aus Büchern stammenden Legenden- (und Sagenwelt, die sich im Geiste des Frommen und des Kindes zu wundersamen Gebilden mischen. Ueber diese Jugend- Schilderungen hinaus erfahren wir über das Leben und den Entwicklungsgang des Dichters Schalom Asch viele Einzelheiten. Er berichtet über seine ersten Versuche, hebräisch zu schreiben, als er, von den ersten Stürmen des Zionismus erschüttert, begeisterter Zionist wurde. Später erkannte er, daß die hebräische Sprache, die er nicht einmal vollständig beherrschte, für ihn nicht die geeignete Ausdrucksform ist, und als er dann durch Perez mit der jiddischen Literatur bekannt wurde, wandte er sich vollständig dieser zu. Nun — es war um die Wende des 19. Jahrhunderts — begann Aschs enge Verbindung mit der jiddischen Literatur, aus deren Werden er charakteristische Einzelheiten erzählt. Schließlich kommt Asch nach Berlin und findet hier die Hilfe von Max Reinhardt und S c h i 1 d k r a u t, für die er dann den ״Gott der Rache“ schreibt. Nach dem Erfolg des ״Gott der Rache“ macht er eine Reise nacli Palästina. Nun folgt der große literarische Aufstieg. Asch wird zur ersten Figur der jiddischen Literatur, — in Amerika und in allen Zentren jiddischen Lebens. In Deutschland meint er freilich seit dem Kriege ״in Vergessenheit geraten“ zt! sein, was wir nicht bestätigen können. Den Weg zum großen Erfolg in Deutschland ebnete ihm erst Franz Werfel, mit dem er sich — wie er schreibt — eng anfreundete. Werfel brachte ihn zusammen mit dem Verleger Zsolnay, der seitdem die deutsche Ausgabe seiner Werke besorgt. Äscli, der auch mit besonderer Betonung seine soziale Tätigkeit und seine Teilnahme an der Jewish Agency erwähnt, ist sich bewußt, daß der Rückblick, den er niederschreibt, nur eine lose Skizze ist. Der Leser wird darin sicher manches mehr als bloß biographisch Interessante finden. Denn es ist, wie Asch selbst zum Schluß schreibt, in ihm eine Mischung von Kräften. Kräfte des Volkstums, der Umgebung, des Bluts und der Landschaft und nicht zuletzt das Gottvertrauen, das so tief in dem einfachen Durchschnittsjuden wurzelt. ״Diese 11räprungliche Kraft ist ein B 1 u t e r b e von unseren V ä - fern her. Sie schaffen den Typus der menschlich schwachen, doch in Gott starken Juden, wie es unsere Ahnen waren.“ Das Werk Schalom Aschs, des Poeten des — freilich inzwischen fast versunkenen — ״Städtels“, kündet von diesen Juden, die er so tief versteht, weil er selbst einer der ihren ist.