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Jüdische Rundschau · 1932-04-12 · Heft 29 (12.4.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 29 (12.4.1932)
Date
1932-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 142 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 12. IV.!932 Festfreude und Alltagssorgen Von Helene Hanna Thon (Jerusalem). Fraa Helene Hanna Thon schildert im ersten Teil ihre1 Artikels di» jätet in Palästina herrschende Hochstimmung, die sich in Verbindung mit dem großen Touristenstrom und Geldtufluß, sowie in den Festlichkeilen Tel-Aunws (Purim, Makkabiah, Levante-Ausstellung uew.) äußert. Da wir über diese Stimmung bereits wiederholt geschrieben haben und auch in Nr, 28 unser palästinensischer Korrespondent ein eindrucksvolles Bild davon gibt, haben wir den ersten Teil des vorliegenden Artikels weggelassen und beginnen unsere Veröffentlichung gleich mit dem zweiten Teil. fad, Niemand unternimmt es gern, mitten in einer lachenden Umgebung den ״Miesmacher“ zu spielen; wenn man aber im Laufe der Jahre mehrmals mitangesehen hat, wie auf einen allzu übertriebenen Jubel ein schwerer Katzenjammer folgte, dann fühlt man sich doch veranlaßt, mitten in diesem lauten Festgetön auf den Alltag in seiner wahrhaften Gestalt hinzuweisen. Zu diesem Alltag aber gehört es, daß zionistisehe Beamte und Lehrer seit Monaten Not leiden und viele von ihnen nichts von all dem Festtrubel gesehen haben, weil sie sich weder einen Fahrschein, noch ein Paar neue Stiefel für die Fahrt leisten konnten. Zu diesem Alltag gehört es, daß die Genossen in den Siedlungen ihre Lebensansprüche bis auf ein äußerstes Minimum herabschrauben mußten, daß sie weiter in Baracken und Lehmhütten verharren müssen, weil sie keinerlei Hoffnung auf die Auszahlung der ihnen zustehenden Budgets seitens der Jewish Agency haben und bei der drohenden Mißernte nicht wissen, wie sie ohne Zuschüsse das Jahr überstehen sollen. Zu diesem Alltag gehört es auch, daß die neu eingewanderten Arbeiter, die im Lande aufgewachsene prachtvolle junge Generation von Chaluzim sich mit Gelegenheits- und Lohnarbeit befnügen muß und ihr keinerlei Aussicht auf Ansiedlung winkt. um Alltag gehört — kurz gesagt —, daß zur gleichen Stunde, in der Palästina das Bild eines der glücklichsten Länder der Erde bietet, indem es zu einer Erholungsstätte für deprimierte Europäer geworden ist, die Zionistische Organisation einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz und um den Fortbestand der von ihr geschaffenen Werke: Er- Ziehung, Gesundheitswesen und vor allem Bodenenverb und Schaffung eines festgewurzelten Arbeiterstandes führt. Es ist schwer, mitten in einem allgemeinen Freudentaumel nicht die kritische U eberlegung zu verlieren. In Palästina versuchen jetzt viele Menschen, sich über diese bedrohliehen Tatsachen einfach hinwegzusetzen; die Zionistische Organisation geht unter? nun, dann ist offenbar ihre Zeit vorbei, an die Stelle des Spendenwesens tritt die Privatinitiative; eine starke kapitalkräftige Einwanderung bringt Geld und neue Kraft ins Land; sie wird gewiß auch Arbeit für Hunderte und Tausende von Arbeitsuchenden schaffen. Dürfen wir uns wirklich mit diesem Argument benihigen? Wir dürften es, wenn Zionismus wirklich nichts weiter wäre als Ansiedlung dieser und jener Juden in Palästina nach Ihren eigenen und zur Verteidigung ihres Kapitals vorgeschriebenen Gesetzen, Aber Zionismus bedeutet noch mehr: er bedeutet doch ein neues und anderes jüdisches Leben auf palästinensischer Erde, eine Eroberung des Bodens in schwerer körperlicher Arbeit, eine Wiedererrichtung der prophetischen Lehre von der sozialen Gerechtigkeit, ein Leben der Gleichheit und Brüderlichkeit und schließlich auch ein Kulturwerk, das nicht nur dem Jischuw, sondern auch den uns in Palästina umgebenden Völkern zugute kommen soll. Ist aber das der Sinn unseres Zionismus, so kann er auf lange Zeit hinaus durch den Fortbestand der Zioniitisch eh Organisation garantiert werden. Mit allem Respekt vor den bürgerlichen Elementen, die — besonders jetzt, nachdem ihre materiellen und politischen Grundlagen in den Wohnländern wanken — eine Anlage ihres Kapitals, eine Uebcrsiedlung nach Palästina erwägen, müssen wir doch auf Grund früherer schwerer Erfahrungen uns klarmachen: eine Garantie für den Fortgang unseres wahrhaft zionistischen Werkes, eines Werkes, das jüdische Arbeit heran zieht, auch wenn es Opfer erfordert, das eine Bodenreserve schafft und den Boden zu heilig hält, um ihn zu einem Spekulationsobjekt zu machen, das eine hebräische Kultur schafft, für Erziehung, Gesundheit und andere öffentliche Zwecke in einem Ausmaß sorgt, das auch den mittellosen Elementen alle Möglichkeiten zu ihrer Ausnutzung gibt — eine solche Garantie besitzen wir nur, wenn über dem privaten Unternehmertum die Zionistische Organisation steht und neben der politischen Sicherung unseres Werkes ihr ethisches Werk verteidigi: Erziehung der Juden zur produktiven Arbeit und Vorbereitung aller Stände und Kreise zur Teilnahme am kulturellen Aufbau. Wenn wir jetzt die Juden des Auslandes in hellen Scharen zu unseren Festen strömen sehen, heißen wir sie herzlich willkommen und hoffen, daß viele von ihnen inmitten der Festfreude den Entschluß fassen werden, ihr Leben und ihr Hab und Gut hierher zu übertragen. Wer aber den herrlichen Anblick mitgenoß, die Tausende von blühenden und schönen Kindern, Jünglingen und jungen Frauen aus Palästina und vielen fremden Ländern auf dem Stadion der Makkabiade aufmarschieren zu sehen, der hoffte noch inniger, daß diese wundervolle Jugend dem Lande e r h alt e n b 1 e i - ben, daß sie hier einwurzeln, mit ihrer körperlichen und moralischen Kraft das Land aufbauen und sich der Schar der Chaluzim einreihen möge, in welcher der zionistische Gedanke als ein Ideal lebt, für das man strebt und opfert. Hierzu aber genügt nicht das private Unternehmertum, hierzu brauchen wir das Siedlungs- und soziale Fürsorgewerk der Jewish Agency. . Wird das Interesse an ihr über dem großen Festrummel und über der Werbung um das private Unternehmertum, die jetzt in Palästina so sehr im Vordergründe steht, vernachlässigt, so ist die Sorge derer, die keine rechte Begründung für die große Jubelstimmung sehen und einen allzu jähen Absturz in den Alltag befürchten, wohl berechtigt. Aber vielleicht werden diese Festtage, wird vor allem der Anblick dieser hoffnungsvollen jüdischen Jugend in den Massen wieder den Wunsch erwecken, sich um so enger an die Zionistische Organisation anzuschließen, die allein diesen jungen Menschen die Einwurzelung in Erez Israel, die Aufnahme eines wahrhaft zionistischen Lebens: eines Lebens der produktiven Arbeit, der Jüdischmachung des Bodens, der sozialen Gerechtigkeit möglich machen kann. \Vird das durch die Festeswochen in Palästina erreicht, so wird sich der auf Vorschuß genommene Jubel als berechtigt erweisen. Lichtbild- und Lehrfilmstelle für Palästina. Besonderes Interesse werden die Besucher der Levante-Messe sicherlich den Vorführungen erzieherischer und kultureller Filme im Wizo-Pavillon durch Frau Dr. Nadja Stein entgegenbrinen. Frau Dr. Stein ist die Initiantin einer Lichtbild- und ehrfjlmstelle für Palästina, die dem stark empfundenen Mangel an Anschauungsmaterial in der jüdischen Jugend- und Volksbildungsarbeit Palästinas abhelfen und sowohl ihr wie den Arabern die außerpalästinensische Welt in ihrer geographischnaturwissenschaftlichen, technisch-landwirtschaftlichen und sozialen Eigenart im Bild vermitteln soll. Bodenreserve und Regierungspolitik Von Dr. A. Orattovsky, Jerusalem. Der nachfolgende Artikel eine1 der leitenden Beamten des Haupt- Büros des Jüdischen Nationalfonds, der, bereits »eit einiger Zeit geseist, wegen Raummangel erst heute erscheinen kann, gewinnt durch die jüngsten Bodenkonfhkte in Palästina an neuer Aktualität. Red. 1. Einen Hauptpfeiler unserer Bodenpolitik bildet das Prinzip, daß die Bodenervverbungen sich nicht nach momentan geltenden Gesichtspunkten und nach jeweiligen Bedürfnissen zu richten haben, sondern daß dabei auch die weiteren Aspekte und die Erfordernisse der Zukunft berücksichtigt werden müssen. Aus dieser Erkenntnis entstand die Parole der Schaffung von Landreserven. Die zu schaffenden Bodenreserven sollten vor allem die für eine größere Kolonisation unbedingt nötigen Landflächen vorbereiten; denn nur solche ermöglichen großzügige Siedlungspläne und die damit verbundene Verringerung der Kolonisationskosten. Ferner werden dadurch, daß die Böden nicht gerade in dem Moment erworben werden, wo man ihrer bedarf, die Bodenpreise niedrig gehalten werden können. Und schließlich wird durch vorhandene Landreserven die Entwicklung der Siedlungspunkte wesentlieh gefördert, indem man das für ihre Erweiterung notwendige Areal bereithält und nicht erst, wenn es notwendig ist, zu teuren Preisen erwerben muß. Seit der Beendigung des Weltkrieges wurde unsere Bodenpolitik von der Tendenz zur Schaffung von Bodenreserven beherrscht. Auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Siedlung erwarb man größere Landflächen für bewässerbare Kulturen, wie den etwa 45 000 Dunam großen Wadi Chawarith-Komplex in der Scharon-Ebene. Denselben Zweck verfolgten auch die Bodenkäufe in der Nähe der neuentstandenen Pflanzungs- Siedlungen wie Tel Mond, Nathania usw., wo der Keren Kajemeth in den Jahren 1030/31 nicht unbeträchtliche Flächen gekauft hat. Auf dem Gebiet der städtischen Kolonisation sei der eminent bedeutungsvolle Landkauf in der Haifa-Bucht erwähnt, wo die etwa 43 000 Dunam eine für die weit angelegte Entwicklung der Stadt Haifa ausreichende Reserve darstellen. 2. Bei der Schaffung von Bodenreserven muß man vor allem die Sicherheit haben, daß die Ländereien im gegebenen Moment für die zukünftige Siedlungsarbeit zur Verfügung stehen werden. Dies war der Fall im Laufe der Jahre, in denen die Böden des Keren Kajemeth aus verschiedenen Ursachen brach lagen und auf ihre Besiedlung warteten. Es gab Grundstücke, die zu klein waren, um besiedelt zu werden, während ihre Arrondierung nicht sofort geschehen konnte, so daß sie längere Zeit unbenutzt bleiben mußten. Man erinnere sich an den Fall Chittim, die erste vom Keren Kajemeth im Jahre 1904 erworbene Fläche, die infolge der unzureichenden Größe über zwanzig Jahre brach gelegen hat, bis sie durch weitere Zukäufe zu einem für die Gründung einer landwirtschaftlichen Siedlung genügenden Ausmaß vergrößert werden konnte. Das Brachliegenlassen der Ländereien hat dem Keren Kajemeth, der PICA oder anderen jüdischen Grundbesitzern niemals Schwierigkeiten bereitet. Sobald die Böden in gesetzlicher Weise auf den Namen des Eigentümers übertragen waren, war man ihres Besitzes sicher. Ein Gesetz vom Jahre 1920 gestattete Bodentransaktionen für einzelne Personen und Gesellschaften von hochstens 300 Dunam oder 3000 Pfund und forderte außerdem, daß die erworbenen Böden unmittelbar in Bearbeitung genommen werden. Es wurde ausdrücklich vorgesehen, daß diese Be- Stimmungen auf Gesellschaften, deren Tätigkeit dem Öffeijtlieben Wöhle dient (wie Keren Kajemeth, PICA u«d ändere gemeinnützige institutionell) nicht angewandt werden sollen’). Leider wurde dieser Versuch, der den deutlichen Zweck hatte, Erscheinungen entgegenzuwirken, die der Erschließung und Be- Siedlung des Landes im Wege stehen (wie z. B. die Boden- Spekulation), zu bald aufgegeben. Seit dem Sommer 1929 ist in bezug auf alle Ländereien ein Zustand vollständiger Unsicherheit eingetreten. Trotz der heftigsten Proteste der Eigentümer w׳erden Ländereien nicht selten in gewaltsamer Weise besetzt, gepflügt und besät. Das Resultat sind häufige und äußerst unangenehme Konflikte. Es handelt sich hierbei nicht um Streitigkeiten, wie sie beim Erwerb der Böden hin und wieder Vorkommen, sondern um Ländereien, deren Erwerb längst vollzogen ist, wo die Eigentumsurkunden vorhanden und die Rechtsansprüche verschiedener Natur bei der Uebertragung bereits aus der Welt geschafft worden sind. Auffallend ist die völlig passive Haltung, die die Regierung bei allen diesen Differenzen einnahm. Anstatt die Pflicht einer jeden Regierung zu erfüllen, gesetzlich erworbenes Eigentum gegen unrechtmäßige Uebergriffe zu schützen, duldete sie dieselben und ließ schließlich einen Zustand einreißen, bei dem niemand mehr seines Rechtes auf Boden sicher ist. Die Erklärung für diese Situation ist in erster Reihe in der Stimmung, die seit den Ereignissen vom August 1929 bei der arabischen Bevölkerung herrscht, zu suchen. Sie wurde zunächst stark von der Shaw-Kommission beeinflußt, welche das Märchen in Umlauf setzte, daß die jüdische Kolonisation ein arabisches landloses Proletariat geschaffen habe. Seither wurde eine heftige Kampagne betrieben unter der Parole: Besetzt die Böden, die die Juden Euch geraubt haben! Und man fügte hinzu: Es wird Euch seitens der Behörden nichts geschehen. Die Resultate ließen nicht lange auf sich w׳arten. Der Bericht von Sir John Hope Simpson mit den unrichtigen Angaben über das Ausmaß der jüdischen Landreserve und der Beibehaltung des von der Shaw-Kommission geprägten Begriffes ״landlose Araber“ — ein Begriff, der übrigens vor der jüdischen Kritik nicht lange standhalten konnte — lieferte dieser Bewegung weitere Nahrung. Das inzwischen in Kraft getretene Gesetz über den Pächterschutz erschwerte die Lage noch mehr, indem es die Definition des ״Pächters“ in einer Weise ausdehnte, daß jede im Laufe einer gewissen Zeit ausgeübte Handlung, die an sicli mit der Bodenbearbeitung in gar keinem oder in einem ganz losen Zusammenhänge steht, wie 7. B. Tränken von Vieh oder Abhauen von Bäumen, Pächterrechte auf das betreffende Land einräumte. Es ist so weit gekommen, daß gegenwärtig jeder unbesiedeltc oder unbearbeitete Landbesitz, unsicher geworden ist, selbst wenn es sich um Boden handelt, der seit dreißig oder vierzig Jahren in jüdischen Händen ist. Noch nie waren die wichtigsten Interessen so schwer bedroht und noch nie ist die Zahl der Prozesse in Verbindung mit Landbesitz so groß gewesen, wie in den letzten Jahren. Wie wenig die Regierung auch auf diejenigen Interessen, die in hervorragender Weise das gesamte Land betreffen, Rücksicht nimmt, wenn es sich um jüdisches Land handelt, beweisen die Vorgänge auf den Haifa- Bay-Ländereien. Die Prognose, die in bezug auf den Wert und die Bedeutung dieser Böden seinerzeit gestellt wurde, hat sich bereits durch die Entwicklung der wenigen Jahre, die seit ihrem Erwerb verstrichen sind, bewahrheitet. Die Rohölleitung mit dem Ausgang in der Haifa-Bay, die Bagdad—Haifa-Eisenbahn, das Aerodrom der Luftlinie London—Indien auf diesem Boden, die sich alle schon im Stadium der Verwirklichung befinden, sind die ersten Beweise der hohen Bedeutung, welche diesen Ländereien bei der Entwicklung Palästinas beschieden ist. Wäre es nicht Aufgabe der Regierung, diese Landreserve mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu schützen? Statt dessen verhindert sie in keiner Weise die Uebergriffe der Beduinen auf *) Land Transfer Ordinance, September 1920, art 6 and 8, die jüdischen Ländereien in der Haifa-Bay. Es müssen seitens der Juden langwierige und kostspielige Prozesse geführt «׳erden, um ihre unanfechtbaren Eigentumsrechte zu wahren. Unter solchen Bedingungen bestand eine große Gefahr für alle unbesetzten oder unbebauten Ländereien der Juden. Für den Keren Kajemeth war sie um so größer, als der Erwerb von Ländereien für die zukünftige Entwicklung gerade seine wichtigste Aufgabe gewesen ist. Die Böden mußten längere Zeit unbesiedelt bleiben, da die Mittel der Jewish Agency nicht ausreichten, um eine neue Kolonisation in Angriff zu nehmen. Die Fläche der unbesetzten Ländereien des Keren Kajemeth belief sich Anfang 5692 (1. Oktober 1931) auf 84 942 Dunam. Zum Schutze seines Eigentums war er gezwungen, die Bearbeitung der Böden in einer Weise vorzunehmen, die ihnen den Charakter von bestellten Aeckern gibt: man pflügt und besät sie, die Grenzen werden mit Bäumen bepflanzt uSw. Es handelt sich um Arbeiten provisorischer Natur, die keine bleibenden Werte schaffen. An sich sind es unproduktive Ausgaben, die der eigentlichen Ansiedlung kaum zugute kommen und ihre Kosten nicht verringern. Die mit den unbestellten Böden verbundenen! Auslagen stellen sich noch höher, wenn man berücksichtigt, daß der Keren Kajemeth außerdem noch die beiden Bodensteuern — Werko und zum Teil auch Osch er — zu leisten hat. Soweit es sich um besiedelte Ländereien handelt, ist die Abwälzung dieser Steuern auf die Siedler, die dieselbe doch zu tragen׳ haben, bisher noch bloße Theorie, denn trotz aller Bemühungen des Keren Kajemeth war er als Grundeigentümer gezwungen, auch diese Steuern zu zahlen. s Als Sir John Hope Simpson seinen Landentwicklungsplan ausarbeitete, war eine der ersten von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen, den für die Siedlungszwecke nötigen Boden zu sichern, um einer Situation vorzubeugen, in der die Grund- Besitzer den Erwerb der für die spätere Entwicklung unentbehrlichen Ländereien verhindern könnten. Sagt doch Simpson, daß das Gelingen jedes Entwicklungsplanes davon abhängig ist, ob die mit seiner Durchführung betraute Behörde das dafür nötige Land bekommen kann, und ferner, daß übermäßig hohe Bodenpreise den gesamten Plan zum Scheitern bringen können. Wird man nicht rechtzeitig ausreichende Bodenreserven bilden, so wird eine planmäßige, ja, überhaupt jede Siedlungsarbeit aus Mangel an Boden unmöglich. Man würde gerade in dem Augenblick, wo man sie braucht, genügend große Flächen vereinigen können; dagegen werden die kleineren oder vereinzelt gelegenen und voneinander getrennten Parzellen die Anlage von Siedlungen ungemein erschweren. Die Preise werden in die Höhe gehen, denn die Grundbesitzer werden die allein entscheidenden Faktoren bei der Festsetzung der Preise sein. Und der unvermeidliche Begleiter der Preissteigerung, die Bodenspekulation, wird ungehemmt auftreten können. Man denke nur an den so krassen Fall der Haifa-Bay-Ländereien, wo schon jetzt für die dem Keren Kajemeth-Land benachbarten Böden der ungeheuere Preis von 100 Pfund pro Dunam gezahlt wird. Welche Preise hätten die Böden in der Haifa-Bay erreicht, w׳enn sie in anderen Händen geblieben wären, und wäre überhaupt die Ausführung großzügiger Pläne möglich gewesen? Die Politik der Regierung sollte, wenn sie schon das jüdische Siedlungswerk nicht fördert, wenigstens nicht hemmend wirken. Dies liegt iin besonderen Interesse einer Regierung, die im Sinne des Mandates die Pflicht übernommen hat, den Aufbau der Jüdischen Heimstätte zu fördern. Man muß sich aber immer wieder vergegenwärtigen, daß ohne eine systematische Bodenpolitik jede Siedlungsarbeit und damit auch das Zustandekommen des Jüdischen Nationalheims ein Ding der Unmöglichkeit wird. Der Salonikier Pogrom vor Gericht Saloniki, im April. (I. T. A.) ln dem in Verria hei Saloniki stattfindenden Prozeß gegen die Anstifter zu dem Judenpogrom in Saloniki im Juli 1931 wurde am 4. April mit dem Zeugen verhör begonnen. Zwei Salonikier jüdische Bürger, die als Zeugen vernommen wurden, erkannten in den Angeklagten Boussolidis und Nicolaidis diejenigen, die sie wahrend des Pogroms überfielen und ihnen schwere Verletzungen beibrachten. Der Salonikier jüdische Deputierte des griechischen Parlaments, Bessanchi, erklärte als Zeuge vor Gericht, die Ursache der gefährlichen antijüdischen Unruhen vom Juli v. J., die in der Niederbrennung des jüdischen Wohnviertels Campbell gipfelten, sei in der systematisch geführten Haßpropaganda und in dep ausgestreuten Verleumdungen über angebliehe staatliche Untreue der Juden zu suchen. Das von der antisemitischen Presse und den Agitatoren in Saloniki verbreitete Gerücht, daß ein Vertreter der Salonikier jüdischen Sportorganisation Makkabi einem in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, stattgefundenen Kongreß der Mazedonischen Organisation beigewohnt und dort erklärt hätte, die Juden Salonikis stünden auf der Seite der mazedonischen Bulgaren, deren Ziel es sei, Saloniki von Griechenland zu trennen und es Bulgarien einzuverleiben, sei von Anfang bis zu Ende er• f u n d e n. Deputierter Bessanchi erhob gegen die Hellenistische Nationale Union, deren Präsident Cosmidid und deren Sekretär Haritipoulas auf der Anklagebank sitzen, die Beschuldigung, einen nicht nur von nationalen, sondern auch von den Gesichtspunkten der wirtschaftlichen Konkurrenz diktierten Krieg gegen die Juden Salonikis nach einem genau vorgefaßten Plan inauguriert und zur Durchführung gebracht zu haben. Ziel dieser Kampagne ist, die Juden, die seit unvordenklichen Zeiten in Saloniki wohnen und Wirtschaft und Kultur Salonikis einst zur Blüte gebracht haben, durch Gewaltmittel und durch wirtschaftliche Konkurrenzmittel zu zwingen, aus dem Lande auszuwandern. Nach Bessanchi wurde der jüdische Deputierte Isaac Schaki, der der antivenizelistischen Opposition angehört, als Zeuge vernommen. Deputierter Schaki erklärte, der Pressechef der Regierung Venizelos sei verantwortlich für die antisemitische Presse-Kampagne, die den Angriff gegen die Juden einleitete. Am 8. April wurden Juden, die direkte Opfer des Pogroms waren, als Zeugen vernommen, ihre Aussagen machten aut das Gericht einen so erschütternden Eindruck, daß der Gerichtspräsident tiefbewegt ausrief, nur Wilde konnten solche unmenschlichen Taten vollbringen. Joseph Romano, ein jüdischer Beamter des Presse-Büros von Saloniki, gab eine eingehende Schilderung des Pogromverlaufs und der Niederbrennung des von Juden bewohnten Salonikier Wohnviertels Campbell. Die Synagoge von Campbell wurde von den Huligans angezündet, nachdem sie vorher die Thora-Rollen aus der Gesetzeslade herausgenommen und zerrissen hatten. Den Flammen fiel neben den zahlreichen Wohnhäusern auch die neuerbaute jüdische Schule zum Opfer. Ein Offizier der Luftstreitkräfte, der Zeuge des Pogroms war, schilderte, wie alles vorbereitet worden war, um die jüdisclieu Einwohner in den Flammen umkommen zu lassen, und wie er, der Zeuge, einen jüdischen Apotheker aus seinem ganz von den Flammen eingeschlossenen Hause unter eigener Lebensgefahr herausholte und so vor dem sicheren Feuertode rettete. Als der Zeuge geendet hatte, wandten sich der Gerichtspräsident und der Staatsanwalt mit empörten Worten gegen die Pogromanstifter und riefen, was in Campbell im Juli 1931 geschoben war, erinnere an die schlimmsten Zeiten des Byzantmisehen Reiches.

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