Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1932)
- Date
- 1932-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29, 12. IV. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 141 Vorschläge eingebracht, um endlich den in dieser Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher Bedrohung besonders notwend!• gen Frieden herzustellen und den Weg für sachliche Arbeit freizumachen. Die liberale Vorstandsmehrheit ist auf diese in versöhn• Heilstem Geiste gehaltenen Vermittlungsvorschläge nicht eingegangen. Die liberale Mehrheit der ReprMsentanten-Versammlung hat es ebenfalls nicht für erforderlich gehalten, diese Vermittlung*- Vorschläge zu beachten. Sie hat vielmehr durch brutale Majorisierung die Repräsentanten-Versammlung an jeder Aussprache gehindert. Die Mitglieder der Fraktion der Jüdischen Volkspartei haben daraufhin geschlossen die Sitzung verlassen, um durch diesen schärfsten Ausdruck ihres Protestes die Berliner Judenheit auf die ungeheure Gefahr einer Zerschlagung der Einheitsgemeinde hinzuweisen. Die Jüdische Volkspartei ruft alle verantwortungsbewußten Juden Berlins auf, gemeinsam mit ihr den Kampf für die Einheit der Gemeinde durch Gleichberechtigung aller Richtungen zu führen.“ * Die Liberale Mehrheit in der Repräsentanz tagte nach halbstündiger Unterbrechung weiter. Sie erledigte einige Punkte der Tagesordnung und beschloß dann eine Erklärung, in welcher behauptet wird, daß die volksparteilichen Mitglieder beim Verlassen des Sitzungssaales Beschimpfungen an die Adresse der Liberalen gerichtet hätten. Ferner stellt diese Erklärung eine ganze Reihe von Behauptungen auf, die den Tatsachen nicht entsprechen. Es fällt uns nicht ein, uns mit diesen Behauptungen zu beschäftigen, ebenso wie es uns fernliegt, ausführlich all die zynischen und taktlosen Zurufe wiederzugeben, die einzelne liberale Repräsentanten den aus dem Saale gehenden Volksparteilern nachschicktcn. Ungezogenheiten einzelner Scharfmacher und Heißsporne sind wir nicht gewillt den Liberalen aufs Konto zu setzen. Betrüblich bleibt die Feststellung, daß die liberale Mehrheit auch politisch unter dem Terror und dem Diktat dieser Heißsporne steht. Weizmanns Abschied von Südafrika Bisher 53000 Pfand für den Keren Haiessod Johannisburg, 8. April. (J. T. A.) Weit mehr als 1000 jüdische Bürger Johannisburgs wohnten dem Empfang bei, der Dr. Chaim W ei z mann und seiner Gattin Frau Vera Weizmann aus Anlaß ihres Scheidens aus Südafrika gegeben wurde. Der Vorsitzende der Exekutive der Zionistisehen Organisation Südafrikas, Braudo, der den Abend leitete, teilte mit, daß seit dem Eintreffen Dr. Weizmanns in Südafrika bis heute 53 000 Goldpfunde für den Keren Haiessod aufgebracht worden sind. Das sei gegenüber den bisherigen Keren Hajessod-Aktionen ein Rekord. Es wurden mehrere Ansprachen gehalten, worauf W e i z mann antwortete. Weizmann dankte zunächst der Regierung, den provinziellen, städtischen und Universitätsbehörden und den Führem aller jüdischen Gemeinden Südafrikas. Er rühmte die Treue der südafrikanischen Judenheit zur Palästina-Idee und wies demgegenüber auf Amerika hin, wo die Judenheit noch nicht ihre ganze Pflicht gegenüber dem Jüdischen Nationalheim erfüllt habe. Aber, fuhr Weizmann fort, in Amerika ist eine enorme Reserve von Palästina-Begeisterung aufgespeichert. Allein die jüdischen Massen dort sind infolge des unaufhörlichen Geschreis über Verrat durch die Man data!macht und andere hemmende Prop a g an d a irregeleitet und schwankend gemacht worden. Weizmann ging dann zur Besprechung der aktuellen Fragen des Zionismus über und äußerte die Befürchtung, daß der Bericht des Landentwicklungsdirektors French sich erweisen könnte als ein Versuch, die pseudowissenschaftlichen Prinzipien des Simpson-Berichtes wieder zur Geltung zu bringen. Aber, versicherte Weizmann, in den fundamentalen Fragen von Boden und Einwanderung gibt es kein Nach geben, die gesamte Judenheit ohne Unterschied der Partei werde allen Versuchen, unsere Arbeit zu hemmen oder das Nationalheim zu verkleinern, auf das energischste widerstehen. Die im Brief des Premierministers MacDonald an mich gegehenen Zusicherungen sind zwar bisher nicht verwirklient worden, aber jetzt eben kommt der Stichtag für ihre Erfüllung: Palästina ist heute wirtschaftlich gesünder als die meisten anderen Länder. Daher fühlte sich die Jewish Agency berechtigt, um die Ausfolgung von 4000 Ei nreisezertifikaten für Chaluzim zu ersuchen. Jch habe Vertrauen zu dem guten Willen des neuen Higli Commissioner und hoffe, daß — ob die ganzen 4000 Zertifikate bewilligt werden oder nicht — seine Einwanderungspolitik liberaler sein wird als die unter seinen Vorgängern. Weizmann hob die Bedeutung der Privatinitiative in Palästina hervor, warnte aber davor, sie als Schlagwort gegen das Werk des Keren Hajcssod zu benutzen. Privatunternehmungen können nur gegründet werden auf der Basis der Chaluz-Siedlung, deren Instrument der Keren Hajessod ist. Weizmann schloß: Großbritannien kann unsere Arbeit erleichtern oder erschweren, keine Macht der Welt aber kann unsere Bewegung zum Stillstand bringen. Die Grundlagen sind fest gefügt, und Freunde wie Feinde müssen verstehen, daß die Juden nach Palästina gehen auf Grund eines geheiligten und von der internationalen Welt anerkannten Rechtes, auf das sie nie verzichten werden. Die jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem erhielt von Herrn Karl J. Lüthi, dem Leiter des Schweizerischen Gutenberg-Museums in Bern, den tolgenden Brief: ״Sehr geehrter Herr Direktor! Heute lasse ich eine Kiste mit Büchern und Broschüren (zirka 300 Stücke) an Sie abgehen, mit der Bitte, Sic möchten die Schenkung auf meinen Namen lautend annehmen. Verschiedenes ■davon werden Sie wohl schon besitzen, aber ich hoffe doch, daß einiges für Ihre Bibliothek von Wert sein wird. Ich freue mich im Gedanken, in Jerusalem meine viele Jahre gehütete Judaica- Sammlung zu wissen, als ein zwar ganz bescheidener Zuwachs Ihrer Bibliothek, aber als ein Zeichen dauernder Freundschaft zum Judentum und seiner Heimat im Lande der Heiligen Väter der Bibel. Ich hoffte in meinem Leben immer, einmal das Heilige Land betreten zu dürfen; ich habe aber diesen sehnsüchtigen Gedanken beinahe begraben. Um so mehr freut es mich, daß wenigstens ein Teil meiner Bücher für immer in Israel Eingang finden wird. Dem Lande wünsche ich von Herzen ״Schalom al Jisrael“. Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung begrüßt Sie ein Freund der ewigen Heimat Israels, Karl J. Lüthi, Bibliothekar, Leiter des Gutenbergmuseums.“ Amerikanische luden Eindrücke von einer Rehe Von Hans Kohn. (Zweiter Artikel,) Wir bringen. nnehstehe.nd den >weilen. Artikel vön Dr. Ham Kohn über die. während einer Reise in den Vereinigten Staaten gewonnenen Eindrücke vorn, amerikanischen Judentum. In dein ersten Artikel, der in Nummer 27 erschienen ist, wurden die tonale Sichiehtuniן des amerikanischen Judentums, die zum Teil ihren Ursprung in den!•erschiedeneri Stadien der Einwandcrungshewegung hat, und die Wirhung der Wirtschaftskrise auf die Juden durgelrgt. l)er heutige Artikel ist vor allem den Fragen des kulturellen Lebens gewidmet. Die amenkanische Judenheit ist seit dem Weltkriege fraglos die bedeutendste und wichtigste jüdische Gruppe, und nichts ist begreiflicher, als daß die Veränderungen, denen diese jüdische Gemeinschaft unter der Wirkung der Wirtschaftskrise und der damit zusammenhängenden geislig-kul- HireUen Erschütterungen unterworfen ist, auch von den europäischen Juden mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wird. Wir haben daher den Verfasser gebeten, uns seine Eindrücke über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Situation des amerikanischen Judentums mit möglichster Objektivität und ohne Eingehen auf die inneren Konflikte und die politisch-parteimäßige Differenzierung der atneriknniseh cu Juden zu schildern. Red. III. Geflügel Leben Der allgemeine Satz, daß das geistige Leben Amerikas eit! Bild großer Mannigfaltigkeit und dabei doch großer Uniformität bietet, läßt sich auch auf die amerikanischen Juden anwenden. Es gibt keine einheitliche Zusammenfassung der amerikanischen Juden in öffentlich-rechtlichen Körperschaften, es gibt auch keine jüdischen Gemeinden wie in Mittel- oder Osteuropa. Auf den ersten Blick bietet das zahlen- und raummäßig so große amerikanische Judentum den Anblick einer chaotischen Unorganisiertheit oder einer Ueberorganisiertheit mit einer vielfachen Uebcrschneidung der Tätigkeitsgebiete der einzelnen Organisationen und daher einer Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln. Aber wenn man näher zusieht, ordnet sich dieses Chaos zu einigen großen und leicht übersichtlichen Linien und die Uniformität des amerikanischen Lebens erweist sich hier als ein Gegengewicht für die Zwanglosigkeit der Organisationsformen. Das sterbende Jiddisch . In ihrem kulturellen Leben lassen sich die amerikanischcn Juden nach zwei Gesichtspunkten ordnen, nach dem sprachlichen und nach dem religiösen. Nach dem ersten haben wir die jiddisch sprechenden Juden mit einer reich entwickclten Literatur und Presse und die englisch sprechenden zu imtersebeiden, die sich selbstverständlich dem amerikanischen Milieu mehr angepaßt haben als die erste Gruppe. Sicher ist die jiddische Judenheit Amerikas kulturell und sozial ein außerordentlich bemerkenswerter Organismus, hier sind noch lebendige jüdische Kräfte in einem natürlichen Milieu, das durch Sprache und Sitte geformt wird, voll wirksam und die Umformung dieses aus Osteuropa in die neue Welt verpflanzten Lebensstils und sein Uebergang zur anglo-amerikanisch-jikiischen Lebensform erheischen ein Studium voll höchsten Interesses für die Soziologie des jüdischen Volkes. Bei dem Programm und der Dauer meiner Reise konnte ich leider dieser Frage nicht die Aufmerksamkeit zuwenden, die sie verdient, und muß mir daher versagen, auf sie einrugehen. Allgemein wurde mir versichert, daß durch die Sperrung der Einwanderung die jiddische Sprache in Amerika absterbe, daß die Zahl der Leser der jiddischen Literatur und Presse allmählich abnehme und daß die zweite Generation (und bald wird es nur noch ״zweite Generation“ geben) einem sehr schnellen Anglisierungsprozesse unterliege. Viele von ihnen, die noch aus jiddischem Elternhaus stammen, verstehen etwas jiddisch, können es aber kaum mehr sprechen, jedenfalls nicht lesen. Damit schwindet unter den amerikanischen Jaden auch jede Beziehung zur deutschen Sprache. Unter der jüngeren Generation Amerikas kann kaum jemand deutsch. Daran trägt auch der Weltkrieg die Schuld. Das ״Reformjudenhim“ Die zweite Gliederung teilt die amerikanischen Juden nach ihrer ״konfessionellen“ Zugehörigkeit in orthodoxe, konservative und Reformjuden. Ueber die orthodoxen Juden ist wenig zu sagen, da sie sich von den europäischen kaum unterscheiden, sie fallen vielfach, wenn auch nicht ausschließlich, mit der älteren jiddischen Einwandererschicht zusammen, ihre Rabbiner werden in Jeschiwoth ausgcbildet und stellen den aus Osteuropa bekannten Typus (nicht den der deutschen Orthodoxie) dar. Das ״konservative“ Judentum entspricht ungefähr dem, was wir in Deutschland ״liberales Judentum“ nennen, in den Synagogen sitzen Männer und Frauen zusammen, aber die Männer mit bedecktem Haupt, die Rabbiner halten die Sabbat- und Speisevorschriften ein, der Gottesdienst erfolgt vorwiegend in hebräischer Sprache. Das ״Refortnjudentum“ geht viel weiter als das ״liberale“ Judentum in Mitteleuropa, in der Synagoge wird die Kopfbedeckung abgenommen, die hebräische Sprache hat sich im Gottesdienst in nur sehr wenigen Ueberbleibseln erhalten und die Rabbiner, jedenfalls viele von ihnen, halten weder Sabbat noch Kaschruth. Das Reformjudentum erinnert sehr stark an einen liberalen und rationalistischen Protestantismus in einer radikalen Form, die sich in Amerika häufig findet. Der ״konfessionellen“ Gliederung entspricht auch, natürlich nur in rohen Umrissen, eine soziale: die reichen jüdischen Kreise gehören vorwiegend der Reformsynagoge an, die mittleren der konservativen, die ״unteren“ der orthodoxen. Die Reformsynagogen sind auch die äußerlich reichsten und prunkvollsten,’ aber auch die konservativen suchen ihnen nahezukommen. Infolge ihres Reichtums und ihrer Amerikanisierimg spielen die Reformsynagogen im amerikanisch-jüdischen Leben eine führende Rolle. Viele der Reform- (und konservativen) Rabbiner stammen noch aus orthodoxen Familien. Das Problem des geeigneten Rabbinernachwuchscs stellt große Schwierigkeiten dar. Die beiden führenden Rabbinerseminare, das Reformseminar in Cincinnati und das konservative in New York, sind nach Art der amerikanischen Universitäten Komplexe schöner Gebäude, in denen auch Sportplätze nicht fehlen. Die beiden Bibliotheksgebäude, in Cincinnati wie in New York, gehören zu den schönsten Beispielen zweckmäßiger Innenarchitektur. Die Professoren der beiden Seminare sind namhafte und zmn Teil berühmte Gelehrte. Die Studenten verbringen nach Erlangung eines akademischen Grades noch etwa fünf bis sechs Jahre in den Seminaren. Die Stellung des Reformrabbiners ist angesehen, die Gehaltsverhältnisse gut (es wurden mir Spitzengehälter von 20 000 Dollar jährlich genannt, freilich gibt cs auch kleine oder verschuldete Gemeinden, die bereits seit Monaten ihren Rabbinern das Gehalt schulden). So scheinen alle Voraussetzungen für das Heranwachsen einer religiösen und kulturellen Führerschaft des amerikanischen Judentums gegeben. Eine solche Führerschaft wäre natürlich für die geistige Zukunft der bedeutendsten jüdischen dtuppe der Gegenwart von entscheidender ׳Wichtigkeit. Doch hat das Reformrabbinat in Amerika vier wichtigen Problemen ins Auge zu sehen, deren Lösung seinen Weg und seine Bedeutung für die Weltjudenheit bestimmen wird. Das erste Problem bietet die Eigenart des allgemeinen amenkanisehen Milieus, das vielleicht mit Ausnahme gewisser Kreise New Yorks und anderer Großstädte eine kulturell sehr geringe Intensität aufzeigt, die der Entwicklung kultureller Werte und der jüdischen Geistigkeit nicht günstig ist. Die Hast des amerikanischen Erwerbslebens gibt keine Muße für Be- Sinnlichkeit und Vertiefung. Mit die■:־׳«! Problem hängt das zweite zusammen, das der Stellung des Rabbiners innerhalb seiner Gemeinde. Unablässige Beschäftigung mit religiösen oder geistigen Fragen schafft in Europa eine Distanz zwischen dem Rabbiner und der Gemeinde. Dadurch erst kann der Rabbiner geistlicher und geistiger Führer werden. Die amerikanische Atmosphäre ist vielmehr danach angetan, ein Aufgehen des Rabbiners in der allgemeinen L.ebensatmosphärc der Gemeinde zu fördern, sein Untertauehen in ihren Gewohnheiten und Beschäftigungen, nicht aber ein Sic-zu-sich-Emporheben. Der Rabbiner wird leicht zum ״good fellow“, zum guten Kameraden, auch für ihn wird der Lebensstil und der Interessenkreis seiner Gemeindemitglieder zum Lebensinhalt. Das gilt natürlich bei weitem nicht allgemein, aber die Gefahr ist da. Und dies führt uns zum dritten Problem, zu dem des jüdischen Inhalts. Die Reformsynagoge hat das Judentum sehr verdünnt, aber die größte Gefahr scheint mir darin zu liegen, daß sie es vollständig säkularisiert. Die Predigten der Rabbiner handeln selten von Gott und selten vom Judentum, dafür bieten sie um so mehr Besprechungen der neuesten Bücher und Theaterstücke, zeitgeschichtliche Betrachtungen, rationale Le• bensregein im Geschäftslcben, Darin liegt das Bestreben, modern und zeitgemäß zu sein, das Interesse der Gemeinde zu fesseln, ihr überhaupt einen geistigen Inhalt zu geben, aber auch die Gefahr, sich vollständig von der Zeit und ihrer Oberfläche mittragen im lassen, Vertiefung und ernste Gedankenarbeit zu missen und nicht nur vom eigentlichen Jüdischen, sondern auch vom Religiösen wegzuführen. Und das Religiöse, die Verpflichtung des Glaubens an Gott, stellt das vierte Problem dar, das viele Reformrabbincr und auch die Studenten des Theologischen Seminars bewegt. Aber gerade diese Problematik des Reformjudentums und seiner geistigen Führerschicht kann in sich ein auflockerndes und zur Besinnttng erschütterndes Moment tragen, das den heute im amerikani'schen fudentum noch latenten großen Reichtum an geistigcr Kraft "zur vollen Entfaltung bringen wird. Die Synagoge Die Synagoge erfüllt im amerikanisch-jüdischen Leben eine viel weitere Funktion als die Synagoge in Europa. In Amerika ist sie Mittelpunkt aller kulturellen und sozialen Tätigkeit der Gemeinde, Da es in Amerika überhaupt keinen Religionsunterricht gibt, fällt dieser für alle Konfessionen in den Rahmen der sogenannten ״Sunday Schools“, d. h. der Unterweisung in der Religion der betreffenden Kinder an dem schulfreien Tag. Die Synagoge ist daher in Amerika auch Ort des Schulunterrichtes. In dem Synagogengebäude befinden sich stets eine Anzahl oft sehr schön und modern aus• gestatteter Klassenräume. Viele der jüngeren Reformrabbiner sind Zionisten, und da der Religionsunterricht in der Reformsvnagoge nur wenig mit den traditionellen religiösen Ueberiieferungen des Judentums sich befassen kann, wird er mit den Inhalten des modernen säkularisierten Judentums erfüllt, mit jüdischer Gegenwartskunde, Palästina und mit der Anwendung moderner Methoden und neuer Lehrhilfsmittel bei der Eilernung gewisser Grundlagen der hebräischen Sprache. Die Synagoge ist nicht nur der Mittelpunkt der Jugend, sondern auch Erwachsenen in ihrem jüdischen In• teressenkreis. Den Synagogen sind Männerklubs und Frauenklubs angegliedert, die wöchentlich oder in anderen Ab• ständen Vorträge und gesellige Abende veranstalten. Die Synagogen enthalten für diesen Zweck auch größere und kleinere Versammlungsräume, und modern ausgestattete Küchen ermöglichen cs, daß diese Zusammenkünfte mit Abendessen oder Tee verbunden werden können. Hebräische Sprachbewegung Besonders überrascht hat mich die Ausdehnung und der Aufschwung des hebräischen S p r a c 11 u n te r r i c h t s. Auch dies hängt mit den ״Sundav Schools“ zusammen, hat sich aber über die Synagoge hinaus zu wohlgegliedcrten Höheren Lehranstalten entwickelt, in denen nicht nur die hebräische Sprache, sondern auch Bibel, Talmud und die neuhebräisehe Literatur zum Besitz eines Teiles der jüdisehen Jugend gemacht werden. Die Talmud Thora, die unter Leitung von Dr. George Gordon in Minneapolis gegründet worden ist, kann für viele europäische Gemeinden als Vorbild gelten. In Chicago ist das hebräische Unterrichtswesen be• sonders gut organisiert und gipfelt in einer modern talmodischen Akademie, dem College of Jewish Studics. Die Fragen moderner hebräischer Pädagogik und die Probleme des Lehrinhalts werden in eigenen pädagogischen Zeitschriften erörtert, neue Lehrbücher nach den fortgeschrittensten Me* thoden Amerikas werden veröffentlicht, Konferenzen der Lehrer sorgen für einen Austausch der Erfahrungen, denn Chicago und Minneapolis sind nur Beispiele für eine jüdische Erziehungsarbeit, die auch in anderen Städten Amerikas geleistet wird. Da die Zionisten auch in Amerika den Teil der Judenheit darstellen, der sich am aktivsten mit jüdischen Problemen befaßt und sich der Tätigkeit in jüdischem Kreise zuwendet, so steht dieses Schulsystem zum größten Teil unter zionistischem Einfluß. Die Kritik, die ich von manchen Seiten gehört habe, daß der Unterricht an der Oberfläche bleibe, daß mit Ausnahme einer ganz kleinen Elite die meisten Kinder schnell wieder das Gelernte im Strom des amerikanischen Alltagslebens vergessen, mag vielleicht richtig sein. Aber auf jeden Fall bereitet auch dieses verzweigte und gut organisierte Schulwesen die Möglichkeit der Auslösung der jüdischen geistigen Energien des amerikanischen Juden• tu ms vor. Was man über die geistige Gestalt Amerikas und der amerikanischen Juden heute sagen kann, hat in einem viel stärkeren Sinn nur einen provisorischen Charakter, als es vor wenigen Jahren der Fall gewesen ist. Denn die Krise, in der sich heute Amerika befindet, geht so tief, daß sie weit über den wirtschaftlichen Rahmen hinausgeht und daß sich in ihrem Gefolge eine kulturelle und soziale Umformung Amerikas anbahnen wird. Gerade die kritischen amerikanischen Intellektuellen beginnen zu hoffen, daß aus dieser Krise ein neues Amerika hervorgehen wird. Die Härte des Pionieilebens vorerst, die atemlose Erwerbsjagd und die bunte Zusammenwürfelung der Bevölkerung nachher, das anscheinend unerschütterbar gesicherte Wohlleben mit Hilfe teclinischer Vervollkommnung hatten keine Zeit zur Besinnung gegeben. Dies beginnt sich zu ändern. Das amerikanische liKknfum befindet sich in einer ähnlichen Situation wie das übrige Amerika. Wie die Juden jedes anderen Landes der Diaspora erliegen auch die amerikanischen Juden der allgemeinen geistigen Atmosphäre ihrer Umgebung. Eine Neugebürt des amerikanischen Wesens aus der amerikanischen Krise heraus, ein Prozeß, der zweifellos viele Jahre in Ansprucl! nehmen wird, wird auch das amerikanische Judentum zu erhöhter Selbstbesinnung und zu einer Erweckung seiner reichen Möglichkeiten führen.