Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 27 (5.4.1932)
- Date
- 1932-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27, 5. IV. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 131 Tel-Awiw bekommt ein Museum (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl Tel-Awiw, im März. ״Tel-Awiw bekommt ein Museum.“ Als die Nachricht vor einiger Zeit bekannt wurde, haben wir, zumindest viele von uns, die Sache nicht sehr ernst genommen, vielleicht auch die Köpfe geschüttelt. Museum — da denkt man an die Riesengebäude von Berlin, von Paris, Rom, Florenz. Was kann Tel- Awiw, diese neue und nicht reiche Stadt, dem an die Seite stellen? Wird das nicht wieder eines der mit viel Bombast begonnenen Unternehmen, das zuviel Publizität bekommt und dann enttäuscht? Und haben wir nicht eigentlich andere und größere Sorgen? Jetzt steht das Museum kurz vor seiner Eröffnung. Und wenn man, bevor noch der Vorhang aufgeht, Gelegenheit hat, einen Blick hinter die Kulissen zu tun, dann staunt man, freut sich, tut Buße für seine Ungläubigkeit. Es Ist natürlich nicht so, daß man hier plötzlich den Palazzo Vecchio aus dem Boden gestampft hätte. Aber was da Ist, präsentiert sich als ein vernünftiger, gut aussehender Anfang, dem man den Respekt nicht versagen kann. Die Initiatoren dieser Sache scheinen ihren Weg zu kennen. Und das ist nicht wenig. Als zentraler Mann steht hinter dem Unternehmen der langjährige Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff. Er stellte dem Museum sein Haus zur Verfügung, richtete es dementsprechend ein, installierte Werke aus seinem Privatbesitz. Eine Gesellschaft der Museumsfreunde wurde gegründet, Verbindüngen angeknüpft, mit den Sammlungen begonnen. Es soll hier ein Zentrum für jüdische Kunst entstehen, aber auch das weite Feld allgemeiner Plastik und Malerei, der Graphik und des Kunstgewerbes soll nicht zu kurz kommen, soweit es in dem gegebenen Rahmen möglich ist. Wenn man das Haus betritt, dessen Fenster auf die Baumreihen des Rothschild-Boulevards hinaussehen, tritt man in eine Atmosphäre besonderer Art. In diesen einfachen Räumen, mit ihrer stillen Belichtung, den vorsichtig abgetönten Leinenwänden, von denen sich die Bilder in langen Reihen abheben, fühlt man sich wie in einer guten Kunstausstellung kleineren Stils. Man entdeckt bei dem Vergnügen, das man empfindet, plötzlich wieder sein ״europäisches“ Herz, das man hier im Orient, den man Heben gelernt hat, manchmal vergißt. Was bisher hier zusammengekommen ist, macht einen erfreulichen Eindruck: neben Werken palästinensischer Künstler, Werke von Pasternack, Chagall, Struck, Kissling, Klaus Richter und anderen. Aus dem Besitz des holländischen Sammlers Levin in Antwerpen sind ein Vlaminck, ein Ensoor, ein Utrillo nach Tel- Awiw gewandert. In einer Ecke begrüßt man mit warmer Freude eine alte italienische Glasmalerei, in einer anderen eine• ute Kopie des David von Verrocchio aus dem Barghello in lorenz. In den Schranken werden die Mappen mit Graphiken aufbewahrt, die in wechselnden Ausstellungen erscheinen sollen. Und noch eine Befriedigung erwartet den, der vor der Eröffnung in das Haus dringen darf. In einem der Säle findet man die abgelehnten Bilder, Hier findet man — in einer Anhäufung von Schrecknissen — den Beweis, daß das leitende Komitee gründlich die Sendungen sortiert, die aus den verschiedenen Ländern einlaufen. Wenn diese Vorsicht weiter geübt wird, dann ist ein anständiges Niveau gesichert. Ist dieser Anfang nun in der Tat eine Rechtfertigung des Unternehmens? Vielleicht könnte man die Frage nur zweifelnd bejahen, wenn es sich um eine reine Kunstsammlung handelte. Denn sie wird in nächster Zeit sicher bescheiden bleiben und immer nur sehr kleine Ausschnitte aus dem unübersehbaren Gebiet der Künste umfassen. Aber es kommen wichtige andere Momente hinzu. Schon heute sind die Aussichten für eine Be- Schickung dieses Museums viel besser als in irgendeiner anderer Stadt von der Größe und Bedeutung Tel-Awhvs. Er׳־ kündigt man sich über die Fi?rkunft_der einzelnen Stücke, so erhält man einen handgreiflichen Beweis von der Interterritorialität der Judenheit. und man empfindet von neuem, wie sich unsichtbare Fäden spinnen zwischen diesem kleinen Städtchen am Mittelmeer und den verschiedensten Ecken der Welt, von wo schon heute, kurz nach der Gründung des Museums, Künstler und Sammler ihre Beiträge senden. Und weiter: man beschränkt sich bei dieser Sammlung nicht auf Originale. Dieser weise Beschluß des Kuratoriums öffnet weite gut gangbare Wege. Wenn es wirklich gelingt, eine große Anzahl guter Reproduktionen hier zusammenzubringen — und die Güte der Drucke läßt ja heute kaum mehr etwas zu wünschen übrig — so ist etwas Bedeutendes hier für die Jugend getan. Für unsere Generation genügt es, wieder einmal die Luft einer Ausstellung zu atmen, ein paar Bilder zu sehen, um die Säle des Vatikan, des Dogenpalastes, des Louvre, der Sammlungen halb Europas wieder im Geiste vor sich zu sehen. Hier aber wächst eine Generation heran, denen nicht nur die Paläste und Kirchen von Florenz, Venedig und Rom, die Tempel von Pästum und die Säulen der Akropolis kein klarer Begriff sind, sondern die niemals Meisterwerke der Kunst in einem Museum gesehen haben. Nur die dünne Oberschicht, die im Auslande studiert oder Erholungsreiset! macht, kennt auch Kunstwerke. Sie braucht uns aber nicht zu interessieren; worauf es ankommt, sind die Tausende, denen diese Welt verschlossen bleibt, wenn sie nicht in Palästina selbst etwas sehen können. Da könnte eine solche Sammlung, besonders wenn sie noch mit einer Kunstbibliothek verbunden ist, sehr erzieherisch wirken. Jüdische und allgemeine Kunst, diese Begriffe enthalten für den Durchschnittseuropäer meist eine Begrenzung auf Europa, vielleicht noch — seit einigen Jahrzehnten — mit Aegypten. Was ״östlich von Suez“ liegt, ist ein Gebiet für Spezialisten. Für Palästina geht das nicht an. Hier treten als Kunstwerke neben die Kirchen Roms die Moscheen von Damaskus und Jerusalem, neben die Reliefs der Griechen die Fayencen der Perser. Auch in diese, auch für viele Erwachsene Palästinas noch unbekannte Welt, die Jugend einzuführen, Abbildüngen zu sammeln, entsprechende Vorträge und Führungen zu veranstalten — das wäre eine lohnende Aufgabe. Vielleicht erscheinen solche Ausblicke überheblich und verfriiht. Schließlich — so wird vielleicht mancher sagen — es sind ja nicht mehr da als ein paar Zimmer mit ein paar Bildern. Aber vor kurzem war auch das nicht da. Und gerade diese Idee, die sich jetzt in ihrem ersten Kern in dem Museum verwirklicht, dürfte in weiten Kreisen auf Verständnis und Interesse stoßen. Von Joint Distribntlon Committee New York, 29. März. (J.T.A) Am 28. März wurde im Hotel Pennsylvania zu New York die Delegierten-Tagung des American Joint Distribution Committee bei Anwesenheit von etwa 300 Persönlichkeiten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten abgehalten. Es wurde ein Bericht des europäischen Direktors des Joint Distribution Committee, Herrn Dr. Bernhard Kahn, Berlin, zur Verlesung gebracht. Die Tagung beschloß, das Joint Distribution Committee neu zu organisieren; es wurde ein Nätionalrat aus 47» Persönlichkeiten, ferner ein 48gliedriger Vorstand und eine lägliedrige Exekutive gewählt. Vorsitzender bleibt Dr. Paul B a e r w a Id , der nach dem vor einigen Monaten erfolgten Rücktritt Felix M. Warburgs vom Präsidentenamt zum Vorsitzenden des 1. D. C. gewählt worden war. Zum Vizevorsitzenden wurde James Rosenberg, zum Schatzmeister J. W. Naumberg und zum Generalsekretär Joseph C. Hyman wiedergewählt. Jewish Agency-Abend in Stuttgart Von unserem Stuttgarter Berichterstatter. Der württembergischc Ausschuß für den jüdischen Aufbau Palästinas veranstaltete am 10. März einen Vortragsabend, an dem Univ.-Prof. Dr. Täubler aus Heidelberg über ״Das deutsche Judentum und das jüdische Palästina“ sprach. Der zweite, für den gleichen Abend vorgesehene Vortrag von S a 1 - m anSchocken über ״Das jüdische Palästina als Wirtschaftsfrage“ mußte leider wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Schocken ausfalien, doch konnte Dr. Martin R o s e n b 1 ft 111 für ihn cinspringen. Der Abend war gut besucht, wenn auch‘ freilich nicht aus den Kreisen, für die er in erster Linie bestimmt war. Dr. Täubler hatte sich die Aufgabe gestellt, die Bedeutung des jüdischen Aufbaus in Palästina für das deutsche Judentum, wie für die Diaspora überhaupt, an einem kurzen Geschichtsabriß der geistigen Strömungen aufzuzeigen: Zu allen Zeiten war Palästina der Mittelpunkt, dem sie zustrebten und um den sie kreisten. Uralt die seelische Verknüpfung durch Verheißung, Sehnsucht und Erinnerung, die das Land zugleich als Stammesheimat und als Wesensursprung erfuhr. Die bedcutsamste religiöse Idee des Judentums, die messianische, aus der sich die immer neue Tatbereitschaft des Volkes, seine nie versagende Aktivität entwickelt, ist aufs engste an den geheiligten Boden gebunden. In wechselnden Formen mischen sich im Lauf der Jahrhunderte Palästinasehnsucht und messianische Hoffnungen. Sie steigern sich zu höchster Hingabe in der Gestalt eines Jehuda Halcvi und versinken in Betrug und Schmutz im dunklen Treiben pseudomessianischer Betrüger vom Schlage eines Jakob Frank. Erst der sich ausbreitenden zionistischen Bewegung konnte es gelingen, sie aus diesen Niederungen wieder freizumachen, aber ihre jüngste Verflechtung in das Getriebe der britisch-arabischen Weltpolitik bedeutet eine neue Gefahr. Es fehlt dem Judentum an einer Zusammenfassung, die geeignet wäre, solchen Gefahren zu beegnen, so wie die katholische Kirche sie als Einrichtung im apsttum besitzt, aber auch der minder straff organisierte Islam und neuerdings die protestantischen Kirchen sie sich zu schaffen beginnen. Daß uns aber ein solcher Mittelpunkt heute dringender nottut als je zuvor, bedarf kaum näherer Begründüng. Für diese ״wirkende Mitte unserer seelisehen Erneuerung“ gibt es keinen anderen Ort als das uralte Sammelbecken jüdischer Sehnsucht und Erinnerung, und wenn wir die Einheit des Judentums und damit seine Erhaltung wollen, so müssen wir auch den Mittelpunkt wollen und schaffen helfen, der allein diese Einheit zu tragen imstande ist: das jüdisch besiedelte Palästina als ״ideelle Mitte unserer universalen Existenz“. Die in Form und Inhalt gleich wertvollen Ausführungen Dr. Täublers ergänzte der zweite Redner Dr. Rosenblüth durch Darlegungen mehr wirtschaftlicher und zeitgeschichtlicher Natur. Die Weltkrise, die alle Sicherungen fragwürdig macht, lehre manchen umzudenken, auch in seiner Einstellung zu Palästina. Schwierigkeiten gäbe es auch dort wie überall, aber alle Schwierigkeiten seien überwindbar, wenn sie von außen kommen. Um ihnen wirksam zu begegnen, tut nur eines not — der ln uns selbst liegenden Schwierigkeiten Herr zu werden, unserer Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit — der Trägheit des Herzens. An solche äußeren Schwierigkeiten wurde in der kurzen Aussprache gerührt, darunter an die ernsteste von allen, die Araberfrage, deren Lösung — es wäre über den Rahmen des Vortragsabends hinausgegangen, sich in später Stunde noch darüber zu verbreiten — zweifellos mehr noch durch innere Schwierigkeiten auf beiden Seiten hintangehalten wird, als durch äußere. Aber der Leiter der Versammlung, Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, konnte in einem alle Hörer stark anrührenden Schlußwort mit Recht darauf hinweisen, daß Schwierigkeiten dazu da sind, daß man ihrer Herr werde, daß Geldmangel in Palästina zwar eine Folge der Weltkrise, aber auch der ungenügenden Teilnahme der Weltjudenheit an diesem auch für ihre Zukunft so bedeutsamen Werk sei, keineswegs jedoch und niemals ein Beweis gegen das Werk. — Da über das jüdische Leben in Stuttgart schon länger nicht mehr berichtet wurde, sei bei dieser Gelegenheit nachgeholt, was für die Leser der ״J. R.“ von Bedeutung ist. Dr. ßiram aus Haifa hielt einen aufschlußreichen Vortrag über das ihm aus vieljähriger Tätigkeit vertraute jüdische Schulwesen in Palästina und über die pädagogischen Probleme unserer Zeit. Ehud Ben jehuda aus Jerusalem berichtete über das fast romanhafte Leben und das gewaltige Lebenswerk seines Vaters Elieser, des Wiedererweckers der hebräischen Sprache. Mart i n B u b e r sprach an zwei Abenden, die, wie die beiden vorher erwähnten, das jüdische Lehrhaus veranstaltete, über J e r e m i a , den Künder zeitloser Wahrheit, von dessen Wort, wenn wir uns ihm aufschließen, wir nicht minder unmittelbar zur Umkehr und zum rechten Tun aufgerufen werden, als die Menschen seiner Zeit. Festzuhalten aus der Fülle des Wichtigen und Bedeutenden, was an diesen zwei Abenden gesagt wurde, ist ein entscheidendes Wort: ״Die eigentliche und einzige Versündigung gegen Gott im Sinne der Propheten ist nie die kultische Verfehlung, sondern immer das soziale U n - rech t.“ — Dies ist, umgeprägt in die Denkformen unserer Zeit, die berühmte Zusammenfassung des Judentums, die einst Hillel einem vorlauten Frager gegeben, und sie müßte gar nicht oft genug wiederholt, aber freilich auch im Tun bewährt werden. L. M. Kleine Nachridiien Ende März ist in Palästina an manchen Orten Spätregen niedergegangen, jedocli in ungenügendem Ausmaß. Die Gefahr einer Mißernte durch Dürre ist sehr groß und allenthalben wartet man sehnsüchtig auf weiteren Regen vor Eintritt der regenlosen Sommerzeit. Im Aprjl wird sich der Privy Council in London, das höchste Gericht des British Empire, mit der Berufung des Jüdischen Nationalfonds gegen das Urteil des Appellationsgerichts zu befassen haben, wonach der Jüdische Nationalfonds als ein ״Geschäftsunternehmen“, nicht als ״Wohlfahrts- Institution“, zu betrachten sei und somit einkommensteuernichtig ist. Norman B e n t w i c h wird den J. N.-F. vor dem taatsrat vertreten. Am 28. März feierte der Führer der jugoslawischen Juden, Dr. David A1 k a 1 a y, Advokat in Belgrad, seinen 70. öeburtstag. Aus diesem Anlaß war der von Juden und Nichtjuden allgemein geachtete Jubilar Gegenstand herzlichster Ovationen. Von seinen Verehrern im ganzen Lande wurde er in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eingetragen, ln der zionistisehen Bewegung ist Dr. Alkalay seit deren Anfängen führend tätig und gehörte zum Mitarbeiterkreis Herzls. Seit 1924 ist er Präsident der Jugoslawischen Zionistenföderation. Vor der Abreise der rumänischen Teilnehmer an der Levante-Messe und der Makkabiade hielt der Vizepräsident der rumänischen Zionistischen Organisation, Dr. A. Mibashan, im Bukarests r Rundfunk einen Vortrag über die gegenwärtigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rumänien und Palästina und ihre Aussichten für die Zukunft. Wie das Zionistische Zentralbüro in London mitteilt, ist soeben das stenographische Protokoll des XVII. Zionistenkongresses und der zweiten Tagung des Councils der Jewisn Agency erschienen. Brief aus Düsseldorf Das zionistische Leben Düsseldorfs war in den letzten Wochen wesentlich durch die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bestimmt. Am 13. Februar 1932 sprach hier in öffentlicher Ver- Sammlung Herr Kllnow (Berlin) über ״Kommunismus und jüdische Wirklichkeit“. Kllnow, der ausgezeichnet über russisehe Verhältnisse unterrichtet ist, versuchte durch Schilderung der Wirklichkeit Rußlands darzutun, daß die Sowjetunion keine Lösung der Judenfrage bedeuten könne. Er erkannte an, daß die russische Regierung von besten Absichten beseelt sei. Die anormale wirtschaftliche Stellung der Juden habe sich aber nur wenig geändert und sei durch die Siedlungsversuche nur in ganz geringem Maße behoben. Durch ein reichhaltiges und klares Zahlenmaterial versuchte Klinow diese Tatsachen zu veranschaulichen. A m 27. F e b r u a r 1932 fand eine öffentliche Versammhing des ״G e s e r d“ statt, die zur Gründung einer Ortsgruppe führen sollte. Die Versammlung war gut besucht (200 Personen). An Stelle des angekündigten Redners ״Studienrat Dr.“ Holländer sprach Fräulein Dr. Lotte Kahn (Dortmund) über die Ziele des ״Geserd“. Sie hielt ein recht anspruchsloses Referat über die Situation der kapitalistischen Welt und der Stellung der Juden in ihr. Demgegenüber legte sie dann den Aufstieg Sowjetrußlaiids dar, in dein auch die Judenfrage döst würde. Anschließend sprach ein Herr Hirsch aus armen, Vorsitzender oder Geschäftsführer des westdeutschen Gruppenverbandes des ״Geserd“. Er berichtete in maßloser Ucbertreibung, die russischen Juden seien bereits alle produktiviert und Biro-Bidjan beginne jetzt durch Ansiedlung nicht* russischer Juden die Weltjudenfrage zu lösen. Zuletzt appellierte er an die Solidarität der ״Glaubensgenossen“ zwecks Unterstützung dieser ״neutraler!“ Sache. Bereits während dieser Ausführungen machte sich durch Zwischenrufe eine ziemliche Erregung in der Versammlung breit, ln der Diskussion sprach als erster Harry Bein, der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe. Er verwahrte sich gegen die unsachliche und unwahre Darstellung Hirschs, wies auf die merkwürdige Tatsache hin, daß Menschen, die sich bisher nie für jüdische Angelegenheiten interessiert hätten, plötzlieh ihr jüdisches Herz entdecken. Er kennzeichnete den wahren Charakter des ״Geserd“ und wies vor allem darauf hin, daß durch die an sich wünschenswerte Produktivierung der Juden in Sowjetrußland allein die Judenfrage nicht gelöst werden könne. Die Ausführungen Beins wurden von dem großten Teil der Versammlung mit stärkstem Beifall auf genommen. Anschließend sprach Rabbiner Dr. Esehelbacher, der darauf hinwies, daß in einem Land, in dem die jüdische Kultur derart gefährdet sei, wie in Rußland, keine Lösung der Judenfrage efunden werden könne. Die russischen Juden hätten äußere reiheit, aber innere Knechtschaft. Weiter sprachen noch Max Schupler (Köln) als Vertreter des Brith-Haolim, Rechtsanwalt Herbert Felsenthal als Vertreter der neutralen jüdischen Jugendvereine und Dr. Josef Neuberger (Poale-Zionist). Alle wandten sich gegen den ״Geserd“ und vor allem gegen die getarnte kommunistische Propaganda. Der Gesamteindruck der Versammlung war jedenfalls, daß der ״Gescrd“ nicht ailzuviele Anhänger in Düsseldorf gefun* den hat. Am 3. März 1932 sprach unser Gesinnungsgenosse Dr. Hans Pomeranz (Frankfurt a. M.) in einer Mitgliederver- Sammlung über: ״Zionismus im Spiegel der Kritik“. Er setzte sich zuerst mit Brunners Theorie von der Selbstaufgabe des Judentums auseinander. Wenn Brunner die Gleichberechtigung der Juden von einer bestimmten Gesinnung abhängig mache, so akzeptiere er damit eine völkische Staatsauffassung, gegen die er sich sonst immer wehre. Der Sozialismus sei für viele Juden ein« neue Betätigung ihres Asslmilationsdranges geworden• Jedes Volk mache aber seinen Sozialismus durch sein Volk. Seine tiefgründigen Ausführungen wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen. *׳• Von iS Preisträgern — 14 Juden . . . Vor einigen Tagen fand in Warschau der zweite internationale Wettbewerb der Chopin-Spieler statt, an dem 68 Pianisten aus verschiedenen Ländern Europas (Polen, Rußland, Ungarn, Deutschland, Oesterreich, Belgien usw.) teilgenommen haben. Die Prüfungen dauerten zirka 3 Wochen. An allen Tagen des Wettbewerbs war der große Saal der Warschauer Philharmonie bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle Zeitungen widmeten dem Verlauf des Wettbewerbs lange Artikel und Abhandlangen. Von den 68 Bewerbern sind 15 preisgekrönt und 8 sind mit Diplomen ausgezeichnet worden. Insgesamt wurden also 23 Auszeichnungen verteilt. Mit Ausnahme des 9. Platzes sind alle ersten neunzehn Preise Juden zu gefallen. Den ersten Preis von 5000 ZI. im Namen des Polnischen Staatspräsidenten erhielt der Sohn eines in Paris wohnenden russischen Emigranten Alexander Uninsky. Den zweiten ein blinder jüdischer Künstler aus Budapest, Imre Ungar, von dem der greise polnische Pianist, Prof. Michalowski, behauptet, daß er seit Anton Rubinstein keinem solchen Künstler des Klaviers begegnete. Die Namen der anderen Juden, die Preise bekommen haben, sind: Boleslaw Kohn (Polen), Abraham Lufer (Rußland), Ludwig Kenntner (Ungarn), Leonid Sagalow (Rußland), Leon Borunski (Polen), Fiodor Guttmann (Rußland), Kurt Engel (Oesterreich), Emanuel Großmann (Rußland), Josef Wagner (Deutschland), Marila Jonas (Polen), Lili Herz (Ungarn), Sussane de Meyer (Belgien). Unter den diplomierten Pianisten befinden sich die Juden H. Kahan (Polen), Iso Elison (Rußland), Maria Nowik (Lettland) und M. Marie Donska (Polen). Der ungewöhnliche Ausgang des Wettbewerbs machte auf die Polnische Gesellschaft einen sehr starken Eindruck. Der Musikkritiker der antisemitischen ״Gazeta Warschawska“ schrieb 11. a.: ״Die traditionelle Ueberzeugung, daß bloß Polen Chopin am besten verstehen und spielen können, ist hier endgültig zerstört worden. Nach dem Urteil der Wettbewerbs-Jurv sind als die besten Pianisten und vorzüglichsten Chopin-Spiefer hauptsächlich Repräsentanten der jüdischen Rasse anerkannt worden. Das unterstreichen wir mit unserer ganzen Loyalität, wie unangenehm uns auch diese Wahrheit sein mag....“ __ Die polnische Judenpolitik. Die Warschauer jiddische Tageszeitung ״Moment“ glaubt, aus zuverlässiger Quelle mitteilen zu Können, daß man sich in den der Regierung nahestehenden politisch-parlamentarischen Kreisen in den letzten Tagen sehr eingehend mit der Judenpolitik der polnischen Regierung befaßt hat und daß in diesen Besprechungen der Revidierung dieser Politik das Wort geredet wurde. Es kam zum Ausdruck, daß die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung Polens einen solchen Tiefpunkt erreicht hat, daß die Regierung־ unhedihgt etwas zur Besserung dieser Lage tun müßte. Man glaubt, daß die Regierung nach den Ostertagen die jüdischen Probleme ernstlich anfassen werde. Gemeinderabbiner Dr Hugo Fuchs in Chemnitz. feierte dieser Tage sein 25jäl1riges Arntsjubiläum, Dr. Fuchs veröffentlichte 11. a. die Broschüren ״Religionsjudentum“ und ״Gyges — die Judenheit“ (1921). ln der letzteren tritt er — als liberaler Niehtzionist — für Einigung aller jüdischen Parteien auf dem Boden des Primats der Religion und der Förderung des Palästina-Aufbaus ein.