Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 27 (5.4.1932)
- Date
- 1932-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 130 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27, 5, IV. 1932 Arnold Zweigs Palästina-Eindrücke Der Dichter über Purim in Tel-Awiw Tel-Awiw, Ende März. Arnold Zweig, der eine längere Reise durch Palästina und Syrien hinter sich hat, gewährte vor seiner Abreise aus dem Lande unserem palästinensischen Korrespondeuten eine Unterredung, in der er seine Eindrücke zusammenfaßte. ״Dies ist mein erster Aufenthalt im südlichen Mirtelmeer“, äußerte sich Zweig, ,,und der Gesamteindruck dieser Fahrt ist außerordentlich stark und positiv. Allein die Landschaft, die Karsthügel Syriens, die Berge Galiläas, der Tiberias-See, Haifa, das judäische Gebirge, die Durchsichtigkeit und Klarheit der Atmosphäre sind von großem gestalterischem Reiz. Natürlich sieht man, wenn man heute Hierher kommt weniger mit politischen als mit wirtschaftlichen Augen auf dieses neue Gebilde Palästinas. Die wirtschaftliche Aufwärt sbevvegu!1 g rn acht sich überall g e 1 - tend, Es ist fast erschütternd zu sehen, wie die verschiedenen Städte, ob es nun Haifa ist oder Jerusalem oder Tel- Awiw, in einem Wettbewerb zu stehen scheinen in der Errichtung von Häusern, der Anlegung von Straften, der Bereitung von Baustoffen und Steinen. Ebenso macht der Typus der Menschen, besonders der jungen Menschen, der Arbeiter, der Chauffeure, alles was man auf der Straße sieht, den Eindruck des^ aufsteigenden Lebens. Man trifft alte Freunde, Studiengenossen, bekommt durch sie einen Einblick in das Land und lernt dabei, daß hier wohl andere Probleme vorliegen als in Europa, daß sie jedoct! hier ebenso zahlreich sind und ebenso auf den Nägeln brennen wie dort. Das Hebräische bildet einen Kitt zwischen den verschiedenen Teilen des neuen Judentums, wenn sich auch die volle Aus- Wirkung der sprachlichen Renaissance erst in den folgenden Generationen zeigen wird. Dennoch ist der Mangel eines Zusammenhanfes zwischen den einzelnen jüdischen Kreisen und Schichten efremdlich. Es erscheint notwendig, dieses gesellschaftliche Auseinanderleben durch gemeinschaftsbildende Einrichtungen gesellschaftlicher Art (Klubs) zu überbrücken, wie sie heute unter Künstlern in Europa üblich sind. Erstaunlich ist weiter das Nebeneinanderleben der verschiedenen nationalen Kreise (Juden, Araber, Engländer). Auch hier scheint die Anbahnung gesellschaftlicher Verbindungen dringend nötig. Merkwürdig in diesem Lande des Aufbaus ist der naive und unkritische Nationalismus beider Seiten. In Europa haben wir am eigenen Leibe erfahren, welche verheerende Wirkung ein in die Grundlagen der Gesellschaft eingebauter Nationalismus sprengstoffartig entwickeln muß. Es ergibt sich also die schwierige Aufgabe, hier in Palästina die Nationalismen in den nächsten Jahren zu kanalisieren. Eine besondere Schwierigkeit entsteht dadurch, daß beide Seiten immer eine Ausrede für ihr Verhalten in dem der Gegenseite und in den Engländern finden, die bei ihrem Muß, Palästina im Zusammenhang mit ihren anderen arabischen und moslemischen Interessen zu behandeln, den Landeseinwohnern keine Lösung für ihr Zusammenleben vorschlagen können. Der Palästinenser muß sie selbst finden. Es ist gut, daß zurzeit Palästina wirtschaftlich Juden aller Art anzieht und in einer Zahl aufnehmen kann wie kein anderes Gebiet. Nur muß man die Lektion lernen, daß es auf die Dauer hier keine rein jüdischen Wirtschafts-Probleme und - Lösungen geben kann. Schon rein geographisch sehe ich nur den einen palästinensischen Wirtschaftsorganismus, von dem die vorhandenen und die kommenden Juden einen wesentlichen Teil, eine befeuernde Kraftquelle bilden, in dem sie jedoch außerstände sind, ohne dauernden Blick auf die gesamte palästinensische Wirtschaftslage für die Dauer schöpferisch zu arbeiten. Man sicht überall Möglichkeiten und Lücken im Wirtschaftsleben, von den in Tel-Awiw fehlenden Strandkörben bis zu der ungenügenden Wasserversorgung Jerusalems. Das wichtigste ist, die schon vorhandenen jüdischen Positionsmöglichkciten zu realisieren, zum Beispiel auf die Anlage einer neuen Bodenreserve zu verzichten und zuerst für die Besiedlung der im Besitz der jüdisehen öffentlichen Hand befindlichen Böden zu sorgen. Damit ist natürlich nichts gegen eine weitschauende Arbeit gesagt, die, wie früher das Emek, jetzt z. B. auf die Einbeziehung der Hule-Sümpfe in das anbaufähige Land Palästinas hinzielt. Heber die Kwuzotli, die Maschawim und die Kolonien ist es nicht notig, eingehender zu sprechen. Jeder Tourist hat den Eindruck, daß trotz schwerer Sorgen vorbildliche Leistungen erzielt werden und daß die werbende Kraft der palästinensischen Produkte nichts Trügerisches über die {ortschreitende Sicherung unserer Bodenarbeit - auch was Rentabilität anlangt — vorspiegelt. Alle Bedenken, die aus der Sphäre der Ueberlegung stammen, werden zweitrangig vor dem grundsätzlichen Erlebnis der Einwirkung des Landes auf die Menschen. Purim in Tel-Awiw ist überwältigend, wie ja diese ganze frische und lichte Stadt unmittelbar am Sandstrand des Meeres etwas Ueberwältigendes und Beglückendes hat. Wir schoben uns zur Eröffnung des Purim-Festes durch das Gedränge in der Allenbv-Straße und vor der Oper. Auf der Festbühne tanzte eine Tanzschule zu Bläserchören im Scheinwerferlicht unterhalb einer Bühne mit riesengroßen Puppen. Buchstäblich Tausende von Kindern und Erwachsenen füllten den verfügbaren Raum. Aber müßig standen die Verkehrsschutzleute an den Ecken. Eine unbeschreiblich gesitfete Heiterkeit machte die Straßen und diese Massen zuin Volksfest. Im dichtesten Gedränge kein heftiges Wort. Strahlend staken Beduinen in der Mitte der Juden und freuten sich an den bunten Zetteln, die in der Luft flogen und am Feuenterk von den Dächern. Nirgendwo ein Hauch von Alkoholäunsf, Und genau dasselbe nachts auf den Festen der Schauspidertruppe ״Ohel“ in den drei riesigen Ausstellungshallen der ״Taaruchah“, zu denen eine wahre Völkerwanderung hinpilgerte. Alle Gesellschaftsschichten des ganzen Landes mischten sich. Universitätskreise und Arbeiterschaft, Schriftsteller, Kaufleute, zahllose Gäste von den Schiffen und eine Fülle von Masken und Kostümen wie im Münchener oder Berliner Fasching. Und diese Menge sprühte von Lebenslust, von harmloser, beinahe würdiger Faschingsfreude. Auch hier bis 2 Uhr nachts nicht ein Mensch zu bemerken, der in diesem Lande des Weines durch Alkohol seiner Stimmung hätte nachhelfen müssen. Im Gegenteil, man gab mitten im Tanzen ein Beispiel von Disziplin, das verdient mitgeteilt zu werden. In einem der drei Jiauptsäle — Ausstellung«- hallen wohlgemerkt — von leichter Bauart, begannen plötzlieh, wahrscheinlich durch ein geworfenes Feuerwerk, die von der Decke hängenden — übrigens sehr geschmackvollen — Dekorationen zu brennen. Ueber den Köpfen der Tanzenden auf einer Breitseite des Saales dehnte sich das Feuer aus, ergriff die breiten bunten Stoffbahnen unterhalb des Daches und flammte eine ziemliche Zeit an den Balken hin, die das Dach nach unten abschlossen. Man bemerkte es, aber man tanzte weiter. Man kontrollierte aufmerksam die Flammen hoch oben, die Musik, zu deren Häupten brennende Papiere und Stoffteile rieselten, spielte weiter. An den beiden großen Portalen machte sich eine kleine Bewegung geltend; das war alles. Kein Schrei, kein Ruf nach Rune und Ordnung, der bekanntlich so viel Panik auszulösen imstande ist Nichts von Gedränge, Stoßen, rücksichtsloser Hast. Das Ganze dauerte vielleicht vier Minuten, vielleicht sieben, dann brachten kostümierte Männer eine mächtige balkenartige Stange, schlugen die brennenden Fetzen herunter; ein Teil der schön gemalten Wandbespannung — Szenen aus der Purimlegende — ging mit in Fetzen, das war alles. Menschen, deren Nerven im Karneval eine derartige Belastungsprobe aushalten, haben sich gründlich regeneriert. Sie werden vernünftig reagieren, wenn man sie mit Vernunft anspricht, werden imstande sein, auch ihre Volksleidenschaften im Zaume zu halten, wenn es darauf ankommt und wenn man sie nicht zu sehr reizt, und sie werden hoffentlich im Falle auch einer größeren und größten Gefahr beweisen, daß volle Lebenskraft und Bändigung von Gruppenleidenschaften einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil einander bedingen und hervorbringen. Katholische Ablehnung von Müllers antizionistischer Tendenzschrift Di« ״Jüdisch« Rundschau“ hat in ihrer Nr. 4 vom 15. Januar unter der Uobertcbrift ״Eine antirioniitisch« Tendenzsebrift“ die vom katholischen ״Deutschen Verein vom Heiligen Lands" herausge^ebeno Schrift ״Judentum und Zionism u s “ von Dr. Lugen Müller ausführlich besprochen, wobei wir nur einige Hauptpunkte hervorhoben und auf die Aufzählung kleine rer Fehler verzichteten. Es wird nun für unsere Leser hesunders iiitiiressant sein, eine Besprechung kenncntulernen, die in dem bedeutendstcn katholischen Blatt Westdeutschlands, der ״Kölnischen V 0 1 k s z e i t u n g", erschienen ist. Der Verfpjser der Rezension, Hochschulprofessor Dr. E. Stummer, Freisiifjp unterzieht Müller» Buch einer geradezu vernichtenden Kritik. Da auch das Zcutrunuorgan ״Germania“, wie von uns bereits früher berichtet, da« Buch scharf ab gelehnt hat, kann man wohl sagen, daß dio maßgebend» katholische Presse Deutschlands von dieser unerfreuliehen Arbeit abgerückt ist. Diese Objektivität ist um so höher zu veranschlagen, als es sich hier um die Publikation eines katliolischen Verbandes handelt, dem auch namhafte Kirchenfürsten (die natürlich für die Publikationen des Vereins nicht verantwortlich gemacht werden können) nahestehen. Professor Stummer schreibt über Müllers Buch: Die Schrift erweckt im Vorwort den Eindruck, als sei sie eine aus langer Vertrautheit mit dem Gegenstand erwaehsene Studie; wie es damit in Wirklichkeit steht, zeigt schon bei Beginn der eigentlichen Ausführungen (S. 11) der Gebrauch der für Dilettanten charakteristischen, wissenschaftlich längst erledigten Unform ״Jehova“. Schlimmer ist, daß sicli auf derselben Seite — neben anderen Mißgriffen in biblischen Dingen! — die Behauptung findet, ״schon“ (!) Jakob sei ״wieder“ (!) mit seinen Herden und Sklaven“ (!!) nach Mesopotamien fezogen. Der Verfasser hat also die Biblische Geschichte seiner ugend ganz gründlich vergessen, geschweige denn, daß er die Genesis kennt, sonst hätte ihm eine derartige Entgleisung nicht passieren können. Wie ahnungslos der Verfasser auf biblischem Gebiet ist, zeigt sich hübsch auf S. 49, wo er von einer ״altjüdischen Tradition der Stämme“ redet, ohne zu merken, daß es sich um die Jubeljahrgesetzgebung im Lev. 25, 23 ff. handelt. Er kennt also das pentateiichische Gesetz nicht, das offensichtlich auf eine bäuerliche — und zwar vorwiegend kleinbäuerliche — Gesellschaft zugeschnitten ist, ebensowenig die Quellen der Geschichte der Einwanderung Israels in Kanaan. Sonst könnte er nicht behaupten (S. 13), schon damals hätten sich die Juden ״hauptsächlich in Städten ßzw. in besonders fruchtbaren Verkehrsgegenden“ angesiedelt, und daran die Bemerkung knüpfen: ״Diese Neigung der Juden, sich überwiegend an Verkehrsstraßen und -plätzen anzusiedeln, von den politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Einrichtungen eines Landes Gebrauch zu machen, und sich hauptsächlich der Güterverteilung zu widmen, ist der jüdischen Rasse als angeborene Eigenschaft bis heute geblieben.“ Das ist aber ein Gemeinplatz des vulgären Antisemitisnius, der auch durch die Berufung auf W. Sombart (S. 28 f.) und die Verfügungen des Verfassers auf S. 29 und S. 72 nicht zum Rang einer wissenschaftlich erhärteten Wahrheit erhoben wird. Auch wo der Verfasser auf das nachbiblische und das moderne Judentum zu sprechen kommt, finden sich falsche und schiefe Behauptungen genug. Wie unklar im Grunde ihm die Dinge geblieben sind, ersieht man z. B. an dem Gallimathias, den er S. 61 über die zionistische Partei der Misrachisten zu schreiben imstande ist: sie ״nehmen fegen die abgeschlossene, thorafremde Kulturwelt, das Ueberbfeibsel des früheren Ghettolebens, scharf Stellung“. Was soll das heißen? Nicht sehr sattelfest ist der Verfasser auch in der Kenntnis Palästinas selber. So verlegt er (S. 68) die Technische Hochschule nach Jaffa statt nach Haifa und redet S. 74, Anm. 1 von einer Templerkolonie Bethlau (!) hei Nazareth: Daß schon Jos. 19, 15 ein Bethlehem in Galiläa erwähnt wird, weiß er offenbar nicht. Um so erstaunlicher ist die Kühnheit, mit der er S. 91 von der jetzigen arabische!! ßevölkerung behauptet: ״Die Araber sind Nachkommen der Ureinwohner Palästinas, die bereits 3090 v. Chr., also 1200 Jahre vor Abrahams Geburt, das Land bewohnten und bebauten.“ Man greift sich an den Kopf, wenn man eine derartige ethnologische Ungeheuerlichkeit liest. Es ist zwar dem Verfasser selber nicht recht wohl dabei und er versucht im nächsten Satz eine lahme Einschränkung, aber wenige Zeilen weiter operiert er mit seiner These unbekümmert weiter. Hier rächt es sich bitter, daß ihn sein Mangel an Quellenkenntnis die oben charakterisierte Auffassung von der Ansiedlung Israels in Kanaan nicht in ihrer Unhaltbarkeit durchschauen ließ, so daß er, wie sich aus S. 71 ergibt, sogar der Meinung ist, der Jude sei nie im Lande eigentlich eingewurzelt, sondern als nichtarbeitende Herrenschicht der einheimischen Bevölkerung nur oberflächlich übergelagert gewesen. Es ist klar, daß das keine geeignete Plattform zur B«1!rteilung des Zionismus ist. Tatsächlich wird auch die Schrift dem Arbeitsethos des Zionismus nicht gerecht. Es ist sicher richtig -r - wird auch wohl von keinem einsichtigen Zionisten bestritten —, daß es nicht gelungen ist, die Bewegung an dem Gefahrenpunkt vorbeizusteuern, der immer droht, wenn die politischen und wirtschaftlichen Chancen einer Idee wachsen. Dann drängen sich allerhand unerwünschte Elemente heran: Profitjäger, Maulhelden und Faulpelze. So ist es auch dem Zionismus ergangen; daher erfolgte der Einzug in Palästina nach der Balfour-Deklaration auf unnötig breiter Front und mit überflüssigem Getöse. Auch scheint sich die Leitung nicht genügend klar gewesen zu sein, wie unendlich hart die Wirklichkeit ist, mit der der Zionismus in Palästina zusammenstieß. Aber man darf nicht vergessen, daß unter den zahlreichen Rückwanderern zwar viele Enttäuschte aus den oben erwähnten Kategorien sind, aber doch auch eine — naturgemäß statistisch nie erfaßbare — Anzahl solcher, die für ihr Ideal bis zur Erschöpfung ihrer geistigen und körperliehen Kräfte gearbeitet haben. Man kann ferner gewiß an den positiven Leistungen der Bewegung berechtigte Kritik üben und mag feststellen, daß, gemessen an Überschwangliehen Hoffnungen gewisser Kreist der Erfolg hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist Aber mit der Statistik allein erfaßt man die tatsächlichen Leistungen nicht. Daß zum Betspiel der Eukalvptusbaum von den Arabern der ״Judenbäum“ genannt wird und wohl immer so genannt werden wird, ist allein schon ein Zeichen, daß die zionistische Bewegung nicht umsonst arbeitet. Jedenfalls hat man ihr zum mindesten den ernsthaften Versuch zu danken, Böden, die Jahrhundertelang brach lagen, wieder anbaufähig zu machen.' Ein anderer Punkt! Natürlich hat der Verfasser recht, wenn er — es ist das übrigens kein neuer Gesichtspunkt, den er bringt — die eingerissene Verweltlichung der Bewegung beklagt. Sikularismus ist aber keine dem Zionismus eigentümliche Erscheinung, sondern eine Zeitkrankheit. Aber man wird meines Erachtens der Situation nicht gerecht, wenn man sich auf die Anerkennung beschränkt, daß die Misrachisten sich eifrig bemühen, den Zionismus religiös zu fundamentieren usw. (S. 65). Soweit ich zu beobachten Oelegenheit hatte, ist die religiöse Welle im langsamen, aber stetigen Ansteigen begriffen. Das zeigt sich schon darin, daß die zionistischen Verlage und Sortiments in steigendem Maße religiöse Literatur Führen. Freilich wird sich diese religiöse Renaissance nicht nach dem Sinn des strengen Talmudismus vollziehen. Es wäre sehr verdienstlich gewesen, wenn der Verfasser, statt S. 14 f. die alten Geschichten von dem zum Judentum zurückwollenden Beduinenstamm und den Marranos aufzuwärmen, uns lieber etwas darüber gesagt hätte, inwieweit etwa ein Buch wie Aim6 Palliferes ״Le Sanctuaire Inconnu“ und sein Gegenstück, W. Friedemanns ״Kreuz und Davidstern“, für die geistige Situation des Zionismus typisch sind. Aber davon erfahren wir nichts. Außer diesen sachlichen Mängeln gibt es auch solche de» Form. Abgesehen davon, daß der Stil sehr salopp ist, finden sich Ungeschicklichkeiten, die dem Buch nur schaden können. Ausdrücke wie der, daß die britische Regierung die Zionisten ״hereingelegt“ hätte ($. 84), und Kraftausdrücke wie ״russische Sowjetjünglinge“ (S. 97), sind deplaciert. Sehr unsympathisch wirkt, daß auf S. 11 viermal (!) betont wird, daß schon die Erzväter mit ihren Herden und Sklaven ge* wandert seien, was übrigens zum Teil nicht einmal biblisch fundiert ist. Wenn die ״Jüdische Rundschau“ in Nr. 4 vom 15. Januar d. J. das Buch als antizionistische Tendenzschrift bezeichnet hat, so trägt der Verfasser durch die Mängel inhaltlicher und formaler Art einen erheblichen Teil der Schuld. Trotzdem müßte es als schweres Unrecht bezeichnet werden, wenn man dem Verfasser unterstellen würde, er habe mit bewußter Absicht eine ״Tendenzschrift“ geschrieben. Seine Ablehnung des Antisemitismus aus religiösen Gründen (S. 97) ist ohne jeden Zweifel ehrlich gemeint. Aber er war seiner Aufgabe nicht gewachsen, weil ihm ganz offensichtlich die wissenschaftlichen Voraussetzungen fehlen, welche zu einer selbständigen Behandlung der außerordentlich komplizierten Judenfrage nötig sind. Aber unbegreiflich ist, daß niemand im Deutschen Verein vom Heiligen Lande, Weder der Vorsitzende des Diözesanverbandes Berlin, der dem Buch ein Geleitwort mitgegeben hat, noch der Generalsekretär, dem der Verfasser im Vorwort für Anregungen dankt, den Verfasser auf die zum Teil groben Schnitzer, besonders in biblisehen Dingen, aufmerksam gemacht hat. Man wundert sich freilich über nichts mehr, wenn man im Geleitwort des ersteren den Ausdruck liest: ״die lateinische Christenheit, besonders (!) die römisch-katholische Kirche“ (S. 10). Gibt es denn außer der römisch-katholischen Kirche eine ״lateinische Christenheit“? Das sind sehr, sehr betrübliche Dinge, die nicht zuletzt auch im Interesse des Deutschen Vereins von! Heiligen Lande lebhaft zu beklagen sind. War schon das erste Heft der von ihm herausgegebenen Schriftenreihe eine ungenügende Arbeit, so bedeutet die vorliegende, durchaus dilettantische Schrift eine weitere schwere Belastung eines in 75jähriger Arbeit wohlerworbenen guten Rufes. ö •!-J Judengeseiz und Ausländer Von Harry Epstein. Nach dem Entwurf des preußischen Judengesetzes ist künftig die jüdische Gemeinde befugt, vöm allgemeinen Wahlrecht abzuweichen, vor allem auch die ausländischen Juden zu entrechten. Es gibt keine Möglichkeit, eine solche Entrechtung zu verhindern, sie bedarf nicht der staatlichen Genehmigung. Darauf hat bereits Kollenscher auf Seite 96 dieses Blattes hingewiesen. Der Entwurf weicht also von der Regelung des Judengesetzes von 1847 ab, das eine Unterscheidung zwischen Juden und Juden in der jüdischen Gemeinde picht duldet und den Ausländern das aktive und passive Wahlrecht gewahrt (Ent- Scheidung des Ministers des Innern vom 4. Mai 1914). Nach Ansicht des Ministers, der die alte Verwaltungspraxis bestätigte, ״fehlt es an einem inneren Grunde, Personen, welche seit jahren an die Synagogengemeinde Abgaben zahlen, die Rechte aus der Mitgliedschaft bezüglich der Wahl vorzuenthalten, sofern sie im übrigen den Erfordernissen der Wahlberechtigung geiiügen“. Der ״Israelit“ vom 3. März 1932 hält die Regelung des Entwurfs für einen vernünftigen Mittelweg. Er billigt der Regierung das Recht zu, den Weg des geringsten Widerstandes zu beschreifen, wenn die liberalen Gemeinden sich dagegen wehren, ״zur unbeschränkten Erteilung des aktiven und passiven Wahlrechts an Ausländer, die vielleicht eben erst nach Deutschland gezogen sind, von Staats wegen gezwungen zu sein“. Damit gibt der ״Israelit“ die ausländischen Juden der von ihm mißbilligten Willkür der liberalen Gemeinden preis. Noch am 12. November 1931 war er der Ansicht, Satzungsvorschriften, die das Wahlrecht von einer bestimmten Staatsangehörigkeit abhängig machen, müßten ungültig sein. Eine solche Bestiipmung sei in dem neuen Gesetz unentbehrlich. Das ist also das Gegenteil der jetzigen Haltung des ״Israelit“. Früher schrieb er: ״In den liberalen Gemeinden bildet sich aber die Entrechtung nach und nach zu einem System heraus, das der deutschen Judenheit nicht nur zur Schande gereicht, sondern direkt als ein Verbrechen an der Rechtsstellung und Ehre der ausländischen jüdischen Brüder bezeichnet werden muß.“ Ein anderesmal gab er der Ansicht Ausdruck, ״daß überall die ausländischen Juden Mitglieder der Gemeinde sein müssen, und daß ihnen das aktive und passive Wahlrecht in den Gemeinden von Gesetzes wegen zusteht und daher auch durch Statuten und Qemeindebeschltisse nicht genommen werden kann“. Weiter: ״Nach jüdischer Lehre besteht kein Zweifel darüber, daß jeder Jude ohne weiteres Mitglied der jüdischen Retigiojisgemeinde seines Wohnorts ist, gleichgültig, ob er einem fremden Staatswesen angehört oder dem Staat, in welchem sein jetziger Wohnort liegt. Aufschlaggebend ist nur seine Religionsangehörigkeit. Es ist ganz ausgeschlossen, daß einem Juden die Zugehörigkeit zur Religion«- gemeinde deswegen bestritten würde, weil er politisch ein Fremder ist. Dies ist auch ein durchaus verständlicher Standpunkt, da Religions- und Staatsangehörigkeit im Grunde nichts miteinander zu tun haben, und die Juden der ganzen Welt seit ihrer Zerstreuung durch das Band des gleichen Glaubens sich miteinander vereint fühlen." ״Sind sie aber Mitglieder der israeiitischen religiösen Gemeinde, dann besitzen sie auch das aktive und passive Wahlrecht.“ Während früher der ״Israelit“ im Wege Rechtens gegen die ״liberale Entartung“, wie er sich ausdrückte, anging, hat er jetzt Verständnis dafür, daß liberale Gemeinden nicht gezwungen sein sollen, den ausländischen Juden Gleichberechtigung zu gewähren. Er überläßt den Kampf ums Recht den Zionisten.