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Jüdische Rundschau · 1932-03-23 · Heft 23-24 (23.3.1932) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 23-24 (23.3.1932)
Date
1932-03-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23/24, 23. HI. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 117 Staat und Einzehnenidi Von Emil Bernhard Cohn. Im Rahmen seiner jüdischen Gegenwartsabende sprach Herr Rabbiner Emil Bernhard Cohn küre־ hch über das Thema: ״Staat und Einzelmensch“, wir geben das Resümee seiner Ausführungen in folgendem wieder, wobei zu beachten Ist, daß es sich hier nicht um politische, sondern um ideologisch-theotegische Darlegungen handelt. Wir leben in einer Zeit der Staatsmüdigkeit und des Staats־ Zweifels. Der Nationalismus will einen anderen Staat, der Bol־ schewismus überhaupt keinen und zudem Ist auch der Wert des Einzelmenschen und mit ihm des Individualismus fraglich geworden. Das vergangene Zeitalter, das mit der französischen Revolution seinen Anfang nahm und als Liberalismus und Demokratie die Oeister und Gemüter der vorigen Generationen geprägt und gestaltet hat, iM am treffendsten als das Zeitalter des Individualismus zu bezeichnen. Aller Liberalismus, gleich ob Im Handel oder in der Politik oder im Geistigen überhaupt, und alle Demokratie, bei der gezählt und nicht gewertet wird, hat als Wurzel und als Blüte die Vergötterung des ichs. Mit 1789 erfolgte tatsächlich die Lösung des Individuums aus den alten Gebundenheiten und damit begann die Haltung des Ein* *einen auf die Ichllebe, das heißt den Egoismus und den Indi* vidualismus. Welt und Nachkriegszeit, der Krieg selbst, die Inflation, die Wirtschaftskrise haben nicht nur den Kapitalismus erschüttert und hinter die Demokratie ein Fragezeichen gesetzt, sondern das Schreckliche unserer Gegenwart ist die Verlorenheit, die Selbst- Verlassenheit, mit einem Worte der Bankrott des Ichs innerhalb der wirtschaftlichen und seelischen Not, in der wir leben. Alle Selbstmorde, alles Eheunglück, alle Familienauflösung sind nichts als die letzten Zuckungen des untergehenden individualistischen Zeitalters. Innerhalb dieser historischen Erlebnisse bieten sich dem Menschen zwei Mächte an: der Nationalismus und der Bolschewismus. Der Nationalismus sagt: Weg mit diesem Staat der Demokratie! Wir wollen nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit, wir rufen nach dem Führer. Wir wollen den Ständestaat wieder hersteilen. In unserem dritten Reich sei das Individuum nichts, die Disziplin höchste Tugend. Den Juden lehnen wir ab, weil er uns als Träger des liberalistisch-demokratischen Individualis* mus erscheint. Er ist der ewige Nomade, sein seelisches No״ madentum ist uns unerträglich. Der Bolschewismus will nicht bloß einen anderen Staat, sondern sagt: Weg mit dem Staat überhaupt (Moiotows Rede auf dem letzten Parteikongreß). Auch ihm bedeutet das Individuum nichts, der neue Mensch in der neuen Welt ist ein Kollektivwesen, das durch Gewalt und Terror erzwungen wurde. Er ist kein Ich, sondern ein Es. Dort drüben hat die Gleich* heitsmaschine aus dem Menschen eine Schraube, eine Schiene, einen Schalter im Getriebe des Staatsganzen gemacht. Auch hier wurde proletarische Disziplin zur Tugend erhoben: Gliedere dich ein in den Produktionsprozeß! Uns Juden wird von beiden Seiten Humanitätsduseiei vorgeworfen, aber man muß sich klarmachen, daß Judentum und Humanismus nicht identisch sind. Der Humanismus will die Menschheit, das Judentum den Menschen. Damit hebt es auch den Individualismus auf, aber begründet als sein Wesentlich* stes die Sehnsucht des Menschen nach dem Menschen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Der Israelitische Staat Ist begründet auf dem Gottesbund Israels: Das Gottesvolk auf der Gotteserde bedeutet die Eingebundenheit des Volkes ins All. Diese. Eingefaundenheit hat schon Abraham gehabt, als er zum Himmel schaute und die Sterne zählte, der sinaitische Bund mit dem Sabbat als Bundes- Zeichen hat das nur weitergeführt und mit besonderer Kraft prägte Moses vor seinem Tode dem Volke mit aller sozialen und zeitlichen Weite noch einmal ein, daß die Grundlage seines Staatswesens die Eidgenossenschaft dieses Bundes sei: ״Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, Eurem Gotte, Eure Häupter, Eure Stämme, Eure Aeltesten, Eure Vorsteher, alle Männer von Israel, Eure Kinder, Eure Weiber und der Fremdling, der in deinem Lager ist, vom Holzhauer bis zum Wasserschöpfer, — daß du eingehest in den Bund des Ewigen Deines Gottes, den er heute mit Dir schließt, und in seine Vereidigung; damit er Dich heute zu seinem Volke annehme, wie er Dir und Deinen Vätern verheißen hat. Und nicht mit Euch allein stifte ich diesen Bund und diesen Eid, sondern mit denen, die heute hier mit uns sind und mit denen, die heute hier nicht mit uns sind!“ In der Zucht der 8abbatUchen Lehre und ln der vielleicht noch stärkeren Zucht einer langen geschichtlichen Not ist auf der Grundlage dieses eidgenossenschaftlichen Bundes die be ders aber aus der tiefsten religiösen Verantwortung gegen seifiger Bürgschaften heraus. Das Judentum will den Staat, der ihm eine Spiegelung der himmlischen und der irdischen Ordnung bedeutet. Das Judentum kann in der Disziplin — die immer nur ein Beziehungswert sein kann — keine Tugend sehen, da es nicht die Gewalt, sondern das Recht auf Erden will, und Disziplin kompakte Zusammenballung der Einzelmächte bedeutet. Es kann auch nicht den Kollektivmenschen wollen, weil das Kollektiv nicht nur den Wert des Menschenlebens leugnet, sondern auch und vor allem den Zugang vom Menschen zum Menschen ein für allemal versperrt. Dasselbe tut der neue Nationalismus, wenn auch nicht auf die gleiche radikale Weise. Unser Staat, der Staat der jüdischen Konzeption, will nichts als das Recht üben, den Schwachen schützen und den Menschen zum Menschen bringen. Seine Tugend ist und bleibt deshalb die Solidarität. Solange die Staatsform der Völker, in deren Mitte wir leben, über dieses jüdische und menschliche Grundprinzip hinwegschreitet, ist es unsere Pflicht, uns denen zuzugesellen, die Gleiches oder Aehnliches wollen wie wir: Oanz Israel ist Bürge einer für den andern. Und diese Bürgschaft ist es bereit, mit allen anderen Völkern und Menschen zu teilen, die in gleichem Geiste guten Willens sind. Einwanderung und Auswanderung im Januar 1932. Im Monat Januar 1932 kamen 135 neue Einwanderer nach Pa- Iäatina, davon 86 Juden und 49 Nichtjuden. Unter den jüdisehen Einwanderern waren hauptsächlich Kapitalisten mit einem Vermögen von £ 1000 und darüber, und zwar!7 Personen mit 19 Familienangehörigen, insgesamt 36 Personen. Nur 9 Personen kamen, mit einer festen Anstellung ins Land. — Unter 49 einwandernden Nichtjuden waren 14 Personen, die zur Ausübung einer bestimmten Tätigkeit kamen. Äußer diesen Einwanderern kamen im Laufe des Monats Januar 2618 Touristen und Pilger. Während dieser Zeit erhielten 93 Personen, 50 Juden und 43 Nichtjuden, die als Touristen oder ohne Enlaubnis gekommen waren, die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt. Unter den Juden waren 6 Kapitalisten mit ihren Familien, unter den Nichtjaden 15 Personen mit religiösem Beruf. Im Laufe desselben Monats verließen 70-Personen das Land, unter ihnen 33 Juden, 31 Christen und 6 Mohammedaner. 8 der jüdisehen Auswanderer waren Palästinenser und 25 hatten eine andere Staatsangehörigkeit. — 8 Personen wanderten nach den Vereinigten Staaten, 7 nach Südafrika, 2 nach Polen «sw, aus, Zur Lage der Juden In Jemen Von Dr. Fritz Ooitein, Jerusalem. iEir glauben, daß der nachstehende Auf*alr, der auf die oft behandelte und recht ungeklärte Frage des jemenitischenJudehturnt eingeht, für untere Leser um jo interessanter s»in wird, als er von einem der besten Kenner dieser Probleme, dem (am Deutschland stammenden) Dotenlen für arabische Wissenschaften an der liebräliehen Universität Jerusalem herrührt, der sich vielfach mit der Stetlang der Juden in arabischen Ländern befaßt hat, (Vgl. auch seine Wiedergabe einer jemenitischen Erzählung in Nr, 38/39 1931 der Jüd. Rundschau".) R*d. Da das Schicksal der jemenitischen Juden in der letzten Zeit die jüdische Oeffentlichkeit mehrfach beschäftigt hat, scheint es angemessen zu sein, einiges Grundsätzliche über die allgemeinen Faktoren, die dieses Schicksal bestimmen, an dieser Stelle zu sagen. Der Verfasser ist niemals in Jemen gewesen, hat aber seine Kenntnisse über dieses Land durch zahllose, meist sehr intensive Gespräche mit eben nach Palästina fekommenen Jemeniten aller Berufs- und Altersklassen sowie urch die Lektüre zahlreicher Privatbriefe aus Jrfnen zu erweitern die Gelegenheit gehabt. Mit ״Jemen“ sind hier nur die Teile des Landes gemeint, die tatsächlich unter der Oberherrschaft des Imams von Sanaa stehen. Bis vor kurzer Zeit war dies nämlich für weite Gebiete, darunter auch solche, die der Reichs- Hauptstadt sehr nahe liegen, durchaus nicht der Fall, und erst der Klugheit des Imams und der eisernen Faust des (voraussichtlichen) Thronerben Ahmad Saif al-Islam, und vielleicht noch mehr den russischen Geld- und sonstigen Unterstützungen ist' es zu danken, daß Jemen heute auf weite Strecken hin einen Einheitsstaat darstellt, wie er seit undenklichen Zeiten nicht bestanden hat und überhaupt in der langen Geschichte des alten Kulturlattdes nur selten vorhanden gewesen ist. Diese Schaffung einer starken Zentralgewalt ist natürlich für die Juden von allergrößter Bedeutung, schon in bezug auf die rechtliche Stellung, vornehmlich der ländlichen Juden, Bislang beruhte die Rechtssicherheit eines Judendorfes (—- in Jemen wohnen die Juden meist in selbständigen geschlossenen Siedlungen —) darauf, daß es zu dem nächstliegenden mos• iemischen Dorf bzw. Stamm oder Einzelfamilie im Verhältnis der Schutzgenossenschaft stand. Wer die ara* bischen Ehrbegriffe kennt, wird wohl den zahlreichen Berichten glauben, die erzählen, wie selbst bei geringfügigen Kränkun* fen, die dem Schutzgenossen widerfahren sind, die Schutzerren ihr Leben einzusetzen bereit gewesen sind. Aber das Prekäre eines solchen Verhältnisses liegt auf der Hand; wurden doch dadurch die Juden in die häufigen kriegerischen Wechselfälle gezogen, die imvermeidlich sind bei einem Volk wie die Jemen er, die zwar von alters her Bodenwirtschaft treiben, aber wie Beduinen in kampfbereiten Stimmen und Sippen organisiert sind. Die entscheidende Neuerung der letzten Jahre ist nun, daß der Imam das Institut der Schutzgenossenschaft aufgehoben und als ungesetzlich erklärt hat. Er, d. h. der Staat (eine solche Gleichung ist für orientalische Verhältnisse freilich oft problematiscn!) übernehme die Verantwortung für das Leben und die Sicherheit aller Untertanen. Und in der Tat sind sich alle Jemeniten, die ich darüber zu sprechen die Gelegenheit hatte, einig im Lob über die (natürlich nur verhältnismäßig) große Sicherheit der Wege und des Rechts unter dem starken Regime des Imams, besonders auch im Gegensatz zur verfluchten Türkenzeit. Freilich hatte nun aber die Wiederaufrichtung der Herr- Schaft des Imams (des Oberhaupts der ZaidMen,-•**- Sehnten wie die Perser, aber von einer von diesen sehr abweichenden Sekte —) zur Folge, daß die Juden nun im Gegensatz zur sehr weltlichen Türkenherrschaft wieder hineingezwängt wurden in das System eines rein mittelalterlichen, streng religiösen Staates mit all seinen Nachteilen (und nicht zu verkennenden Vorzügen). Die Juden (wie die Christen) sind nicht Bürger des moslemischen Staates, sondern eine geduldete Fremdgruppe, der zwar Leben und Eigentum verbürgt wird, die aber sehr niederdrückenden und entehrenden Sonderbestimmungen ausgesetzt ist. Das schlimmste ist aber, daß das kanonische Recht keineswegs unverändert feststeht Längstvergessenes und außer Brauch Gekommenes kann vom Herrscher, wenn er es für gut findet (und die Theologen stimmen natürlich immer zu), wieder in Kraft gesetzt werden; neue Deutungen und rein Theoretisches können zur Praxis gemacht werden. Dies ist der Fall mit der furchtbaren, in den letzten zehn Jahren in zahllosen Fällen angewendeten Be- Stimmung, daß Waisen, deren Vater verstorben ist, ehe sie die Mannbarkeit erlangt haben, zum Religionswechsel gezwungen werden können, sogar wenn sie inzwischen herangewachsen und verheiratet sind. Selbstverständlich ist die Anwendung dieser ungeheuerlichen Bcstimmung durchaus der Willkür der Lokalherrscher überlassen — in letzter Zeit soll es etwas besser geworden sein, doch von vor 1V* Jahren kenne ich selbst mir persönlich bekannte Fälle —, sie ist auch wirtschaftlich katastrophal, da die Nichtausführung durch hohe Bestechungsgelder erkauft werden muß. Alle Dementi von seiten des Oberrabbiners von Sanaa und anderer Persönlichkeiten in Jemen gegenüber Europäern sind null und nichtig und nur durch die Vorsicht gegenüber der Regierung eingegeben. Und das Grausige ist eben, wie gesagt, daß die Bestimmung jederzeit, wenn es für gut berunden wird, angewendet werden kann und so bei den Jemeniten ein ewiges Oefühl der Unsicherheit hervarrufen muß — sicher ein wesentlicher Antrieb zur Auswanderung. Nur noch dies: das erwähnte Gesetz schlägt nicht nur jeder Menschlichkeit, sondern auch jedem orthodoxen Islam ins Gesicht; aber die Zaiditen sind — wie die Almohaden zur Zeit des Malmonides — Sektierer und machen sich ihren eigenen Schulchan Aruch. Da es ein ״religiöses“ ist, wird man gegen dieses Gesetz kaum etwas von außen machen können; das einzige, was gehofft werden kann, ist, daß mit der allgemeinen Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Herrschaft auch dieses, wie so vieles andere (z. B. daß Juden nicht einmal auf Eseln reiten dürfen, noch vor nicht langer Zeit gültig, heute in vielen Teilen Jemens vergessen) außer Brauch kommen wird. (Nur bitte keine Protestresolutionen!) Eine zweite Neuerung (im obenerwähnten Sinne) ist, daß den Juden, wie seinerzeit den kaiserlichen Kammerknechten, das Verlassen des Reichsgebietes nur mit Erlaubnis des Imams gestattet, d. h. also de facto verboten ist. Dies hat zur Folge, daß die Auswanderung in der Regel nur in der Form der heimlichen Flucht unter Zurücklassung alles liegenden und des meisten fahrenden Outes möglich ist, so daß die Auswanderer, besonders, wenn sie durch Zertifikatsschwierigkeiten in der Hölle von Aden Monate und eventuell Jahre festgehalten werden, von allen Mitteln entblößt und oft tief verschuldet in Palästina anlangen. Uebrigens wendet sich heute der Strom der Aus- Wanderung neben Aegypten vor allem nach der Jemen gegenüberliegenden italienischen Kolonie Eritrea, wo die Jemeniten gerne gesehen werden und bereits eine sehr große Gemeinde bilden. Im übrigen hat aber die staatsrechtliche Sonderstellung der Juden in Jemen — abgesehen natürlich von den vielen entehrenden kanonischen Bestimmungen — augenblicklich auch ihr« Verteil«. 1. Die Juden sind vollkommen vom Militärdienst befreit und genießen, da sie, wenigstens im zentralen Jemen, keine Waffen fragen dürfen, nach arabischen Ehrbegriffen immunltät (jedenfalls empfinden die Jemeniten dies als Vorzug). 2. Die Juden sind, dem kanonischen Recht entsprechend, nur mit der Kopfsteuer (in drei Klassen zu 1,2 und 4 Real; Real: vor D/ä Jahren 2, heute etwa 1 Mark) belastet, die — augenblicklich — vielerorts niedriger, zum Teil sogar weit niedriger ist als die Steuerabgaben der Moslems. 3. Der Imam, der, nebenbei gesagt, zwei Jüdinnen in seinem Harem hat, scheint tatsächlich auf eine einigermaßen menschliche Behandlung der Juden, dieser ebenso wertvollen, wie politisch ungefährlichen, dem Staat, d. h. ihm anvertrauten Sonaergruppe, Wert zu legen. Böswillige Moslems und dumme Juden nennen ihn deshalb geradezu Imam ai Jahud, Juden-Imam. Der (voraussichtliche) Thronerbe dagegen soll gerade in der Walsenfrage, wie überhaupt in religiösen Dingen äußerst fana* tisch sein, dafür aber einen starken Rechtssinn haben. Jedenfalls muß die Lage immer als schwankend betrachtet werden. Aeußerst schwankend, und augenblicklich geradezu mlserahel ist aber vor allem die wirtschaftliche Lage; genauer gesagt: Die feste geradezu kastenmäßig genau begrenzte Steilung der Juden Im Wirtschaftsleben Jemens ist in den vergangenen Jahrzehnten latent und im letzten Jahrzehnt katastrophal erschüttert worden. Der Jude ist vor allem Handwerker, und als solcher wird er einerseits durch den riesigen Import der billigen ausländischen Fertigprodukte überflüssig, andererseits dringen, infolge des Schwindens sozialer Vorurteile, Moslems in früher rein jüdische Handwerke ein. Dann leiden auch die Juden besonders unter den vielen Plagen (Regenmangel, Heuschrecken), die gerade in den letzten Jahren die südarabische Landwirtschaft helmgesucht haben. Denn, wie ein neuangekommener, sehr simpler lernenite, der nur ein paar Wochen in Petach Tikwah gearbeitet hatte, mir sagte: in Palästina leben die Araber von den Juden, in Jemen aber die luden von den Arabern, d. h. der jemenitische Jude ist in doppelt labiler Weise den Schwankungen der in den letzten Jahren besonders elenden jemenitischen Wirtschaftslage unterworfen. Der Jude als Handwerker, als Kleinhändler, als Kunsthandwerker ist so richtig der Beisasse des jemenitischen Bauern; hat dieser wenig, so hat der Jude gar nichts. Dazu kommt augenblicklich noch der Kurssturz des Silbers und damit der Landeswährung, sowie das schlimme russische Dumping. Es besteht die Gefahr, daß die Juden in Jemen, wie anderswo, aus dem Wirtschaftsprozeß herausgeschleudert werden, und hier, weit eher als in politischen Dingen, scheint mir mit vielleicht nicht allzu großen Mitteln eine Hilfe möglich und notwendig. Der Wichtigkeit der Sache halber sei ein allerdings sehr zentrales Beispiel gegeben. Die jemenitische Landwirtschaft beruht auf Bewässerung, diese erfolgt durch Ziehbrunnen mit Ledereimem. Sowohl beim Bau, als auch bei der In* Standhaltung dieser Brunnen arbeiten Juden; echt patriarchalisch erhalten sie ihren Lohn meist in Naturalien zu festen Jahreszeiten (und nicht bei bestimmten Dienstleistungen); aber in der Gegend der Reichshaupstadt sind die Juden aus diesen wichtigen Berufen bereits großenteils verdrängt, und wenn jetzt Motorpumpen die Ziehbrunnen ersetzen werden, werden auch die Juden überflüssig, — wenn sie näm* lieh nicht der wirtschaftlichen Entwicklung, unterstützt von ihren amerikanischen und europäischen Brüdern, vorauseilen, und selbst die Errichtung und Instandhaltung der Wotorpumpe« 183״-L«>-Hand nehme«, •wa«■ ihrer großartigen handwerklichen Geschicklichkeit wohl geeignet wären. Freilich muß man sich darüber klar sein, daß, so nützlich und notwendig die Hilfe für die Jemeniten in Jemen selbst ist, es nach dem bekannten Wort eines Jemeniten nur eine Lösung der dortigen Judenfrage gibt: ״ein Visum für alle 40 000 Juden dort“ (die Zahl ist vielleicht etwas zu niedrig). Man mag das jetzige Regiment in Jemen noch so wohlwollend beurteilen, nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß in einem» Staate, in dem der Andersgläubige nach kanonischem Recht ״in Erniedrigung gehalten werden muß“, und bei einer fanatisehen, ewig unruhigen, nur mit ausländischer Hilfe mit Mühe augenblicklich niedergezwungenen Bevölkerung die Lage der Juden stets eine prekäre, um nicht zu sagen höchst gefährdete sein muß. Man sagt uns: Jemen ist reich und Palästina ist arm. Demgegenüber ist erstens darauf hinzuweisen, daß heute wohl jede dritte jemenitische Familie in Palästina ihre Verwandten in Jemen unterstützen muß, und zweitens, daß die schwersten Verfolgungen häufig gerade zur Zeit einer wirtschaftlichen Blüte der Judenschaft stattgefunden haben, also auch eine Verbesserung der Wirtschaftslage keine festen Oarantien bieten kann. Für eine Welt, die die Umpatriierung von über einer Million Griechen erlebt hat, wäre die Verpflanzung des Häufleins Jemeniten eine Lappalie, wenn sie nämlich genügend Gerechtigkeitssinn und die jüdischen Großen genug Weitblick hätten. Aber auch in den engen Grenzen, die uns heute gesetzt sind, müßte viel mehr für die jemenitische Emigration und vor allem für die Einordnung der Neuangekommenen in Palästina getan werden, als dies tatsächlich geschiebt. Viel wurde hier bereits versäumt. Doch könnte mit verhältnismäßig geringen Mitteln vieles wieder gutgemacht werden! Bedrohte Altertümer. Vor einiger Zeit sind aus dem Jemen verschiedene Nachrichten zu uns gedrungen, die zu Beunruhigung über die Gefährdung der dortigen jüdischen Altertümer Anlaß geben. Einem deutschen Forscher Dr. C. Rath- Jens soll es gelungen sein, die Grundmauern einer befestigten Siedlung und außerdem das Grab des hlmjarischen Königs As'as Kamil, des Tubba, der als erster himjarischer König das Judentum angenommen hat, zu entdecken. Das Judentum, das von den Himjaren im Kampf gegen die Römer und das vordringende Christentum angenommen wurde, war dann hundert Jahre lang Staatsreligion im Jemen, bis im fünften Jahrhundert die Abbessinier das Land eroberten. Wie nun gemeldet wird, hat der Imam, sobald er von der Entdeckung des Grabes des Tubba erfuhr, dieses erbrechen und daran Grabungen vornehmen lassen, so daß zu befürchten steht, daß die wichtigen Altertümer zerstört worden sind, noch ehe eine kundige Hand sich mit ihnen beschäftigen konnte. Wahrscheinlich hofft man in dem Grabe Schätze zu finden. Wie wir hören, hat der Chacham Bischi, der Oberrabbiner der jemenitischen Juden, sofort beim Imam Protest eingelegt, der aber vergeblich schien. Die Juden empfinden die Verletzung des Grabes des Tubba, der in der jemenitisch-jüdischen Tradition fortlebt, als eine große Beleidigung. Es ist zu hoffen, daß von zuständiger Seite etwas unternommen wird, um die bedrohten Altertümer zu retten. Soziale Fürsorge in Palästina. Die Abteilung für soziale Fürsorge des Waaa Leumi teilt mit, daß sie über alle sozialen Fürsorge-Institutionen Palästinas Auskünfte erteilt. Anfragen sind zu richten an: Department für soziale Fürsorge, Waad Leumi, Jerusalem, P.O. B, 471,

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