Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 23-24 (23.3.1932)
- Date
- 1932-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 116 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23/24, 23. IE 1932 (woh! zu unterscheiden) zur Zeit, da er mit dem heiligen Baalschem (sein Andenken zum Segen!) gefahren war; so hatte Alex! es zu der Zeit gemacht, da er mit dem Baal-schem fuhr; er saß aus Ehrerbietung vor dem Baal-schem (sein Andenken zum Segen!) den Rucken gegen die Pferde und das Antlitz dem Baal-schem zugewandt; nur daß die Pferde des Baal-schem (sein Artdenken zum Segen!) auf höheren Befehl gegangen waren und keines Lenkers bedurft hatten, während die Pferde Nutes, sobald er das Auge von ihnen wandte, die Chaussee verließen und krumme Pfade, d. i. den ,polnischen Weg* beschritten." Agnon hat in ״Hachnassath kalia" seinen zahlreichen Zitaten aus hebräischen Literaturwerken aller Epochen die genaue Stellenangabe hinzugefügt. Nicht nur der Laie wird ihm für diesen literarischen Quellennachweis überaus dankbar sein. Denn Agnons Naehbildungskunst historischer Stile und besonders seine Qabe freier Erfindung folkloristischer Gattungen ist so groß, daß selbst gute Kenner hebräischer Quellwerke an ihm niiht selten stutzig werden und über die Frage in Verjegenheit geraten, ob dies oder jenes Motiv, dieser oder jener Spruch teilweise oder ganz aus Quellen übernommen oder vollkommen frei erfunden ist. Ein späteres Philologengeschlecht wird es nicht leicht haben, all den assoziativen Elementen seiner wa-ke im einzelnen nachzugehen. Die auffallendste freie Erfindung in unserer Erzählung ist die bereits erwähnte ,,Brodyer S ängerschu!c“, der hier eine Menge volkstümlieber Verse und Sprüche zugeschrieben wird, die in Wahrheit alle die individuelle Leistung des Autors sind. Volkstümliche Dichtung dieser Art gibt uns Agnon in der großen Reihe von Hochzeitssprüchen und -carmina des traditionellen Lustigmachers, in dem erwähnten ״PurimspicI" vom Rabbi Jidei und seinen Töchtern und dem in genialischem Einfall am Schluß angefügten, sich über vierundvierzig Seiten ergießenden lustigrührenden ״Lied der Buchstaben“, der Legende eines jüdischen, frommen Ehepaars aus der Zeit der Verfolgungen mit ihren zweiundzwanzig braven Söhnen und Schwiegertöchtern. Von besonderem poetischen Reiz und den legendären Charakter des Ganzen steigernd sind die Reime, in die diese Prosa an maneben Stellen (in den Szenen mit Mutter und Töchtern) wie von selbst übergeht. Mit ״Hachnassath kalla“ hat Agnon die neuhebräische Literatur mit einem Werke beglückt, das wie wenige dazu angetan ist, dieser Literatur erst jene innere und höhere Lebensberechtigung zu geben, nach der sie so sehnlich strebt und die ihr, auch rein objektiv gesehen, so bitter nottut. Jerusalem. Max Mayer. Konzerte Madelaine Grey sang diesmal zugunsten des Jüdischen Schujvereins hebräische und jiddische Volks- und Kunstlieder- Originalkompositionen und hervorragende Bearbeitungen von Engel, Milhaud, Algazi, Bloch, Ravel sowie französische und Italienische Folklore. Frau Grey singt jüdische Lieder selbstredend auf ganz untraditionelle Art: ohne Sentimentalität, groß und klar im Aufbau, teilweise mit geradezu hinreißender Atem- Iosigkeit. Dabei überhört man fast, daß mit dem hebräischen und jiddischen Text nicht immer alles so genau stimmt ... aber das ist ja korrigierbar. Es ist eingewandt worden, daß der ״Kaddisch“ von Ravel — seit langem in den Konzertprogrammen eingebürgert — nicht im Konzertsaal erklingen sollte. Darauf muß erwidertwerdenj daß man den ״Kaddisdi״ fälschlieh für ein Totengebet hält: es ist lediglich eine Lobpreisung Gottes, die bekanntlich ganz verschiedenartige Funktionen in der Liturgie Innehat. Besonders diese von Ravel bearbeitete Form übernimmt ja ganze Partien aus dem Tal-Kaddisch. — Das eigentliche Gebiet der Frau Grey ist und bleibt jedoch südliche Folklore: was sie da an phonetischer Vortrags- und Qfsangskultur leistet, ist absolut einzigartig. Sicherlich ist das eine wehr pariserische als jüdische, oder eine mehr westals ostiüdische Angelegenheit. Aber man darf ja nicht vergessen, daß das Judentum unendlich viele Aeußerungsformen hat, und es ist riskant und einseitig, die eine für jüdischer zu halten als die andere. Jedenfalls sind wir den Veranstaltern zu großem Dank verpflichtet, daß es ihnen gelungen ist, gerade diese Künstlerin für diesen Zweck zu gewinnen, und es ist kaum zu begreifen, daß das Berliner jüdische Publikum sein Interesse an fieser bedeutenden und originellen Veranstaltung nicht durch ein viel zahlreicheres Erscheinen bekundet hat. A. J.-L. Isaak Henin gab im Klub ״Achduth“ einen Lieder- und Arien-Abend. Der Sänger hat herrliches Material und berechtigt — bei weiterer Pflege seiner typisch russischen Naturstimme — zu den besten Hoffnungen. — Henin war noch vor anderthalb Jahren Hafenarbeiter in Tel-Awiw und Hermann Jadl owk er war es, der seinen prachtvollen Bariton entdeckte und ihm riet, sich unverzüglich nach Berlin zu begeben. — Henin sang hebräische und deutsche Lieder (Engel und Schubert) und russische und italienische Opcm-Arien und erntete begeisterten Applaus. — Mitwirkende waren noch zwei junge Palästinenser: Raja Chawiwi (Klavier) und der sehr talentierte Cellist M o s c h e C h a w i w i. — Auch derartige Abende — die gerade darum besonders sympathisch sind, weil sie nicht als ״Konzerte“ im eigentlichen Sinne gewertet werden wollen, hätten die Aufgabe einer besonders strengen und originellen Programmwahl: So waren die Cellostücke eine gelinde Geschmacksverirrung. Bei der großen und reichen klassisehen, vorklassischen, modernen und — jüdischen Celloliteratur, die vorhanden ist, hat man es nicht nötig, dem Publikum derartige Schmarren vorzusetzen: noch dazu, wenn es, wie in diesem Fall — zu einem großen Teil aus Musikern besteht. A. J.-L. Soeben erschien in Jerusalem das erste Heft einer neuen literarisch-künstlerischen Monatsschrift ״G a z i t“ herausgegeben von Gabriel Talphir. Die Zeitschrift behandelt alle Gebiete der Kunst, Dichtkunst, Malerei, Architektur, Theater, Musik usw. In ihr kommen die Anschauungen der jüngeren palästinensischen Generation zum Ausdruck. Wir sind überzeugt, daß diese Zeitschrift auch außerhalb Palästinas unter den hebräisch Lesenden zahlreiche Interessenten finden wird. Der Abonnementspreis beträgt jährlich 3 Dollar; Adresse: Gazit, Jerusalem, Nachlath Zadok. Im Verlag M. W. Kauffmann, Leipzig, erschien soeben das hebräische Lesebuch ״Sefer Ora Su Thora“ von Mandelbäum und Meyer, mit Bildern von Colonimus Rothschild. Den Hauptteil des!Buches bilden Paraphrasen der Josef- Geschichte, in einzelnen Kapiteln in leichten und Übersichtliehen hebräischen Texten, mit Anmerkungen und Vokabeln versehen, sowie dazu gehörigen Fragen und sonstigem Uebungsmaterial für Lernende. Im zweiten Teil finden wir verschiedene Texte zu jüdischen Festen, sowie schließlich Rätsel und kleine Gedichte. Das Ganze ist in sehr gefälliger Form aufgemacht, gut gedruckt, und auch die Zeichnungen sind recht ansprechend, so daß man hoffen kann, daß dieses hübsche Buch dazu beitragen wird, bei Kindern die Freude am Hebräischlernen zu erhöhen und ihre sprachlichen sowie sachlichen Kenntnisse in reizvoller und spielender Form zu vergrößern. Büdierschau Lfferatargeschlchie. Wäre Arthur Eloesser so wie sein Vetter Ludwig Lewisohn aus Berlin als Kind nach Amerika ausgewandert, hätte er dort jahrelang in gänzlich unjüdischer Umgebung gelebt und dann während des Weltkrieges die Entdeckung seines Fremdseins durchgemacht, dann würde er vielleicht heute auch wie sein Vetter zum jüdischen Volke stehen, wie Lewisohn, dessen Leid und Hoffnungen teilen, und neben der Weltliteratur sich auch mit der ״jüdischen Literatur“ beschäftigen. Das Schicksal hat es anders gewollt, und der in Berlin gebliebene Vetter findet sein Arbeitsgebiet in deutscher Literatur- und Theaterkritik. Er ist ein feinfühlender und kenntnisreicher Schriftsteller, ein Mann von Esprit und Eleganz des Stils, dem auch das Erbe jüdischer Geistesart Blick und Wort schärft. Ein Buch von ihm ist stets ernst und anregend, und wir haben schon bei Erscheinen des ersten Bandes seiner deutschen Literaturgeschichte die Vorzüge dieses Werkes hervorgehoben. Der neue Band (״Die Deutsche Literatur von der Romantik bis zur Gegenwart“, Verlag Bruno Cassirer, Berlin W 35, 25 RM.) deckt den Zeitraum des ganzen 19. Jahrhunderts und des ersten Viertels des zwanzigsten. Dies ist die erste Epoche deutscher Geistesgeschichte, die Juden bewußt miterlebt haben; von den jüdischen Salons der 19. Jahrhundertwende, deren merkwürdige Funktion als geistig-gesellschaftlicher Mittelpunkt gewürdigt wird, bis zu Eloesser selbst, der unser Zeitgenosse ist, treten Juden vor allem als Vermittler und Anreger auf, mit leidenschaftlicher Liebe für Geist, Bildung und Kunst, und mit der Gewandtheit und geistigen Beweglichkeit der geschulten Söhne des ״Volkes des Buches“. Eloesser spricht mit Wärme von der Pflicht, der heutigen widerstrebenden Jugend die Verbundenheit mit der geistigen Tradition des Volkes wiederzugeben, den ״unzerbrechlichen Zusammenhang in den wunderbaren Taten des Geistes, die auch die des Blutes sind“. Daß eine solche Leistung auch einem Mann fremden Blutes (der sich seltsamerweise kaum als solcher empfindet) gelingen kann, zeigt dieses Werk, dessen Kompetenz freilich von mancher deutschen Seite angezweifelt werden wird. Eloesser gibt nicht bloße Literaturgeschichte, sondern Geistesgeschichte, er zeigt auch die ״Wandlungen der Weltanschauung“, die das literarische Schaffen begleiten (dies der Titel des in Lieferungen bei J. C. B. Mohr, Tübingen, erscheinenden, hier auch bereits angezeigten großartigen geistesgeschichtlichen Werkes eines anderen Juden, Karl Joel, das inzwischen in der 11. Lieferung bis über die Romantik und Hegel-Zeit hinaus, also gleichfalls bis tiet ins 19. Jahrhundert hinein, gediehen ist). Die Judenfrage spielt natürlich eine Rolle, vor allem bei Heine und Börne; Eloesser bezeichnet sie als die Tragik der ״ewigen Selbstbefragung und Selbstprüfung, die Ungewißheit der eigenen Erscheinung, das Immer-Werden statt des instinktfrohen Seins und das Nie-zu-Ende-kommen“. Freilieh statuiert Eloesser, wie viele vor ihm, eine Affinität zwisehen deutschem und jüdischem Wesen. Von Berthold Auerbach sagt er an einer Stelle: ״Der alte Ahasver war an der Brust des schicksalverwandten deutschen Volkes . . . endlich zur Ruhe gekommen.“ Einen breiten Raum nehmen Juden dann wieder in der österreichischen Dekadenz des Endes des 19. Jahrhunderts ein (Schnitzier, Altenberg, Beer Hofmann) und schließlich in der Gegenwart, wo aber der Verfasser sich häufig mit kurzen Hinweisen begnügen muß und daher den Individualitäten (von bewußtjüdischen Dichtern• z. B. Max Brod, Arnold Zweig) nicht ganz gerecht wird. Auf Seite 622 ist ein kleiner Irrtum, indem Eloesser das Sterbealter von Kafka und Ungar vertauscht. Martin Bubers Werk tat mit merklicher Bemühung der Erfassung seiner jüdischen Position Umrissen. Neben Buber stellt Eloesser dann als Gegensatz den Juden Sigmund Freud, dessen Wirkung auf die moderne Literatur groß genug war. Das Buch Eloessers wird in seiner Spann ungsweite und seiner ansprechenden Diktion jeden Leser, auch den gelegentlich anders urteilenden, im Bann halten. Daß sein (auch von uns bezweifelter) Anspruch, als maßgebender Interpret deutschen Volkstums und ״Blut“-Erbes aufzutreten, nicht schlechthin bejaht werden kann, ergibt sich schon aus dem Vergleich mit anderen Werken, die denselben Stoft mit ganz anderer Wertung und Gewichtsverteilung behandeln. Ein solches Buch liegt z. B. vor in der Literaturgeschichte des Katholiken Johannes Mumbauer ,,Die deutsche Dichtung der neuesten Zeit“ (Erster Band, Verlag Herder & Co., Freiburg i. Br.). Hier treten manche katholische Dichter hervor, die bei Eloesser kaum eine Rolle spielen, aber auch die nationalen Momente sind anders erfühlt. Es ist für einen Juden, der das wirkliche Denken eines beträchtlichen deutschen Volksteiles verstehen will, sehr aufschlußreich, ein derartiges Buch zu lesen. Mit dem üblichen Abtun als ״reak* tionär“ kommt man dabei nicht aus. Denn wenn z. B. der Verfasser die Ablehnung des Naturalismus der neunziger Jahre durch die Katholiken begründet, dabei auch gegen die ״Neue Rundschau“ und z. B. gegen Alfred Kerr als Repräsentanten des ״Asphaltjudentums“ Stellung nimmt, so wird man heute darüber anders denken als noch vor einigen Jahren, wo die naturalistische Hybris unerschüttert war. Demgemäß ist auch Mumbauers Stellung zu den jüdischen Dichtern dieser Epoche meist ablehnend. In diesem Band sind von Juden am ausführlichsten Schnitzler und Stefan Zweig behandelt, beide Skeptiker, Relativsten, wenn auch große Talente. Am besten ist wohl das Gefühl des Verfassers ausgedrückt, wenn er über Zweig sagt: ״So rauschend, so erhitzt er schreiben kann, das was wir als den Muttergrund unseres erdverbundenen Daseins empfinden, bleibt kalt dabei.“ Nach Erscheinen des zweiten Bandes wird vielleicht zu diesem Gegenstand noch etwas zu sagen sein. Die gleiche Periode deutscher Literatur erscheint wieder in anderer Beleuchtung bei Werner Mahr holz, dem leider zu früh verstorbenen Literatur- und Kulturhistoriker, (,.Die Deutsche Literatur der Gegenwart 1890—1930“, Sieben Stäbe-Verlag Berlin), der in gedrängter Form einen gut gegliederten Ueberblick bietet. Die jüdische Problematik wird von diesem christlichen Autor an manchen Stellen erwähnt, so z. B. bei Jacob Wassermann oder bei Arnold Zweig, von dem gesagt wird: ״Er hat, Zionist und rassebewußter Jude, der er ist, Ethos, nicht nur Artistik.“ Bei Brod aber wird weder ״Reubeni“ noch ״Heidentum, Judentum, Christentum“ erwähnt, bei Schnitzler, Beer Hofmann u. a. nicht ihre jüdische Wesens- Problematik. Neben diesem verdienstlichen Buch des zu früh verstorbenen Autors sind noch die im selben Verlag erschienenen Bände ״Weltliteratur der Gegenwart 1890 bis 1931“ zu nennen, die als Ergänzung zu Mahrholz’ deutscher Literatur ein systematisches Bild der heutigen Lage in anderen Literaturen in einzelnen Abhandlungen verschiedener sachkundiger Autoren bieten. Der erste Band umfaßt England, Nordamerika, Skandinavien und Holland, der zweite Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Rußland, Polen, Tschecho- Slowakei, Südosteuropa. Daß auch hier Juden Vorkommen, ist ja bekannt. Man braucht nur in England an Zangwill zu erinnern, in Frankreich an Edin. Fleg, Spire (der ein ,Haß-Genie“ genannt wird!), Maurois, J. R. Bloch u. a. In Amerika z. B. Nathan Asch, Lester Cohen, Ludwig Lewisohn, Edna Ferber. Schade, daß die jiddische und hebräische Literatur vollständig fehlen. Ein Supplementband enthält in einer ״Büchertafel“ ein gegliedertes Verzeichnis der Bücher dieser Epoche. Wie alle Bücher des Sieben Stabe-Verlags, sind auch diese erfreulicherweise bei guter Ausstattung sehr billig (2,85 bzw. 3,75 RM. pro Band). Und wieder sah Ich euch mit ohnmflchUgen Händen Von Chafm Nachmann Bialik. Aus dem Hebräischen übersetzt von Hermann Maas. Wir haben hereilt mehrmals das Gedicht Binlikt erwähnt, dm er in Basel unter dem Eindruck des letzten Kongresses geschrieben hat. Dieses Gedicht hat in der jüdischen Oeffmlliehkeit großes Aufsehen hervorgerufen, Besonders die Revisionisten haben sich getroffen gefühlt, obwohl Bialik ausdrücklich erklärt hat, daß er keine Partei charakterisieren wollte, sondern einen Geisteszustand, den er für ver• dfrbUek hält. Trotzdem, ist auch Jabotinsky sehr scharf wegen, dieses Gedichtes gegen Bialik aufgetreten und hat sich in aller Form von ihm losgesagt. IVir haben über diese Stellungnahme Jabotinsky«, die in hebräischen Schriftstellerkreisen Palästinas entschieden abgewehrl wurde, in Nr. 14 der ״Jüdischen Rundschau' berichtet. Bialikt Dichtung ist gewiß kenne politische Tagespolemik, sondern lehnt sich in Form und Inhalt an die Reden der hebräischen Propheten an. Niemand kann von dem gewaltigen Pathos und der Ausdruckskraft dimer Dichtung unberührt bleiben. Nun sendet uns ein christlicher Hebraist und Zionsfreund, Herr Pfarrer Maas in Heidelberg, eine von ihm geschaffene deutsche Ueberselzung des B'mlik'schen Gedichtes, Pfarrer Maas war als Zuschauer bereits auf dem ersten Zionistenkongreß und wurde dort von llerzls Persönlichkeit tief beeindruckt. Er nimmt seitdem innigen Anteil an der zionistischen Bewegung und den geistigen Entwicklungen im Judentum, ist auch ein Kenner der neuhebräischen Literatur und Verehrer Bialiks. Der Text des Gedichtes ist in der folgenden Ueberselzung etwas gekürzt. Red. Und wieder sah ich euch mit ohnmächtigen Händen, und mein Herz ist ein Tränansee. Wie seid ihr plötzlich so arm, so aller Hilfe bar! Wie seid ihr so verlassen, so ohne Rat und Pfad! Und keiner ist euch gut und erquickt eure Seele und lenkt eure Schritte! Wer hat den Freudenglanz der Erlösung euren Augen geraubt, Wer hat verlöscht den Funken ihres Feuers? Warum ist heute eure Stimme so leise, Warum ist eure Sprache so welk? Gestern noch waren unsre Ohren erfüllt von euren Liedern, Und die Säulen erbebten von eurem Jubel . . . Wer hat verführt eure Knaben Und sie abgelenkt von den Pfaden der Jugend? So daß ihre Kraft versank in Nichts, Und sie hingegeben sind den Schaulustigen und dem Spott? Wer hat ihren Mund so weit aufgerissen Und ihren Leib gefüllt mit Wind, Und hat ihre Herzen verleitet, zu lehren und zu predigen, Anstatt zu lernen und zu lauschen? Wer hat aufgelöst eure Gemeinschaft Und sie geteilt unter Jünglinge und Toren? Wohin sind zerstreut eure Versammelten Und warum zögert der, der sie wieder sammeln soll? Wo hat sich verborgen die Stimme dessen, der gebietet, Und warum erreicht er nicht euer Ohr? Kam wieder und spottete Gott über euch, Oder haben seine Propheten euch irre gemacht? Um euch morgen wieder als Beschämte und verhüllten Hauptes auf den Weg der Mühsal zurückzuführen, Um euch .m mrmehett bis zum Tode, ja bis zu dem, das grausamer ist als der Tod: Zu kriechen auf dem Bauch — ein Scheusal den Geschlechtern der Erde, ein Wurm unter dem Fuß des Stolzes ־— hin. zu der Verachtung und dem Abscheu, bis ihr euch geschleppt habt zu dem Tisch der Völker der Erlösten Gottes und der zum Fest Gerufenen, der Teilhaber am Bund des ewigen Friedens, der um eurer Opfer willen geworden ist, . . . daß ihr unter ihm die abgehauenen Daumen und Zehen [auf läset? Oder ist euren verschlungenen Händen die Macht entsunken, euch selbst zu erretten? Ist kein einziger Mann in Juda, ist keiner in all euren Reihen, kein Einziger, ein Mann voll Tapferkeit, ein Herrscher voller Stärke, ein Geistesgewaltiger, ein Fürst des Volkes, mächtigen und reines Herzens, dem eine eiserne Rute und kluger Rat zu eigen, der euch ergreift bei den Locken eurer Häupter und euch schüttelt mit starker Hand, daß zurückkehre zu euch euer Geist und eure Kraft, und daß ihr euch auf richtet? , . . Wie seid ihr plötzlich so arm, so aller Hilfe bar! Wie seid ihr so verlassen, so ohne Rat und ohne Pfad! Ich sah euch wieder mit ohnmächtiger Hand — Und mein Herz ist ein Tränensee . . . Die ״Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ tritt soeben in den 76. Jahrgang ein. In dem neuen Heft findet der Laie ein warm und anschaulich geschriebenes Lebensbild Wolt Heidenheims, des vor 100 Jahren aus dem Leben geschiedenen Sprachforschers und Begründers der weitbekannten Rödelheimer Druckereien; auch die Uebersicht des bekannten Folkloristen Rabbiner Dt. Grunwald über jüdische Sagenkunde darf weitestes Interesse beanspruchen. Der Forscher findet eine Reihe von Untersuchungen und Besprechungen, teils von führenden jüdischen Gelehrten, teils von hervorragenden Vertretern nichtjüdischer Wissenschaft, wie Jirku und Brockelmann. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird. (Mindestbeitrag M. 10,—, Postscheckkonto Berlin 7030.) Im Verlag der hebräischen Lehrerorganisation Palästinas erschien die ״Einleitung in die Psychoanalyse“ von Anna Freud, der Tochter Sigmund Freuds, in hebräischer Ueber- Setzung von Arje Ilan. Im Verlag des Bundes Jüdischer Akademiker, Berlin NW 87, erschien eine Broschüre von Dr. Samuel Grünberg, ״Vom Biblisch-Hebräischen bis zum Neuhebräischen“, die einen anziehenden Ueberblick über die Entwicklung der hebräischen Sprache von den Anfängen bis zur Gegenwart gibt. In einem Gespräch mit dem Amsterdamer JTA.-Vertreter sagte Jabotinsky, der unter dem Schriftstellernamen ״Atalena“ schreibt, er vollende jetzt ein Jacob-Drama, dem ein David-Drama folgen wird. Der Lyrikpreis der ״K 01 o n n e“, Zeitschrift für Dichtung, ist von der Jury Peter H u c h e I in Berlin zu erteilt worden. Näheres in dem soeben erschienenen Heft 1 des III. Jahrganges der -Kolonne“ (Wolfgang Jeß Verlag, Dresden),