Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-03-23 · Heft 23-24 (23.3.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 23-24 (23.3.1932)
Date
1932-03-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653379--22892-2681179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 23/24, 23 ITT. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 115 Neue hebräische Dichtung Wir nehmen heute die in früheren Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau“ begonnene periodische Besprechung von Werken der modernen hebräischen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Neuerscheinungen Palästinas wieder auf. Die ״Jüdische Rundschau“ wird sich auch weiter bemühen, die Erzeugnisse unserer hebräischen Literatur durch sachkundige und ernste kritische Betrachtungen dem deutschlesenden jüdischen Publikum nahezubringen. Im vergangenen Jahre sind Veröffentlichungen dieser Art u. a. in Nr. 8. Nr. 25/26, Nr. 71 und Nr. 101/102 der ״Jüdischen Rundschau“ erschienen. S. J. Agnon: ״Hachnassath kalla" (Zum Erscheinen der Gesamtausgabe seiner Werke) Ein Ereignis besonderer Art auf dem Gebiet der modernen hebräischen Literatur bedeutet das Erscheinen der gesamten Erzählungen S. J. Agnons. Seit langem hat die hebräische Literatur schon rein ausstattungsmäßig kein so schönes Buch gesehen, wie diese vier vom Verlag Schocken herausgegebenen Bände. Das ist keine der schreienden Prachtausgaben in der herkömmlichen Weise, sondern ein in allen Einzelheiten seiner handwerklichen Herstellung gediegenes Buch. Agnon ist dem deutschlesenden Publikum kein Unbekannter. Seine Erzählung ״Und das Krumme wird gerade“ sowie eine Anzahl kleinerer Erzählungen sind, teils in selbständiger Buchform, teils in Zeitschriften1) und Sammelbüchern zerstreut, in deutscher Uebersetzung erschienen und haben auch in der Uebersetzung tiefen Eindruck gemacht. Jetzt liegt uns zum erstenmal die hebräische Ausgabe seiner gesamten Werke, vorläufig in vier Bänden, vor. Die beiden ersten enthalten eine neue große Erzählung: ״Hachnassath kalla“ (״Brautausstattung“), deren Kernfabei allerdings schon in den Kriegsjahren (im New Yorker ״Miklat“) erschienen war, und die als Rahmenerzählung jetzt eine größere Zahl früher selbständig erschienener Erzählungen in sich schließt. Der dritte Band mit dem Titel: ״Meas umeata“ (״Von einst und jetzt“) enthält den ״Verstoßenen“ in einer gründlichen Umarbeitung, ״Und das Krumme wird gerade“, den Sagenkreis ״Polen“ sowie eine Zahl kleinerer Erzählungen, unter anderem die in deutscher Uebersetzung erschienenen: ״Die Erzählung vom Thoraschreiber״ ,״Aufstieg und Abstieg“, ״Das Schass meines Großvaters“, ״Bund der Liebe״ ,(®״Agunoth“, ״Die Geschichte von Rabbi Gadiel dem Kinde“. Der vierte Band endlich enthält ״Liebesgeschichten“, so die stark überarbeitete palästinensische Erzählung ״Giwath hachol“ (״Der Sandhügel“) und Teile aus einer früheren Sammlung von Liebesgeschichten ״AI kappot hamanul“ (״An der Türklinke“). Wir wollen uns hier etwas eingehender mit dem neuen Werke Agnons befassen, das uns Gelegenheit gibt, die charakteristischen Merkmale seines Schaffens darzulegen. ״Hachnassath kalla“ ist, wie bereits erwähnt, eine große Rahmenerzählung, die in der ostgalizischen Grenzstadt Brody und den umliegenden Ortschaften spielt. Der Untertitel der Erzählung Tautet: ״Die wunderbaren Begebenheiten des frommen Rabbi Jidel von Brody und seiner drei züchtigen Töchter, sowie die große Herrlichkeit unserer Brüder, der im Lande des Kaisers ansässigen Söhne Israels“. Die Fabel der Erzählung ist einf»eb*s Rabbi jidely •«n» in vöIBger Arm«# *ünd Wehster Gott-״ ergebenheit lebender Frommer, besitzt drei Töchter im heiratsfähigen Alter. Seine in den Dingen des praktischen Lebens gewandtere Frau wendet sich wegen der Versorgung ihrer Töchter an den Aptaer Rabbi um Rat. Der Rabbi rät, bei den Wohlhabenden der Stadt für Rabbi Jidel Feiertagskleider zu leihen und ihn, damit angetan, in die umliegenden Städtchen und Dörfer zu senden, damit er für die Versorgung seiner Töchter Geld und Geschenke sammle. Gott werde ihm eine passende Partie begegnen lassen. Auf die Frage der Frau, wieviel ihr Mann für die Tochter als Mitgift festsetzen soll, antwortet der Rabbi: ״Soviel als der Vater des Bräutigams seinem Sohne festsetzt.“ So macht sich denn Rabbi Jidel, in die ungewohnten, vornehmen Kleider gehüllt, in einer vom Rabbi und seinen Freunden ihm gemieteten Kutsche und mit einem Empfehlungsschreiben des Rabbi ausgestattet, zusammen mit Nute, dem denkwürdigen Fuhrmann, und den beiden Wagenpferden mit den vielsagenden Namen aus dem Hohenlied: ״Moschcheni“ (״Zieh mich“) und ״Naruzah“ (״Laß uns eilen!“) auf die Wanderschaft. Auf ihrem Wege haben nun die beiden die merkwürdigsten Erlebnisse, hören die seltsamsten Geschichten, führen selbst unter sich im Anschluß an die Ereignisse dieser Reise die eigenartigsten Gespräche und erfüllen bei all dem getreulich ihren Auftrag: allenthalben erhalten sie für Hachnassath kalla Geschenke in Geld und Geldeswert. Nach fünfmonatiger ermüdender Wanderfahrt hält Rabbi Jidel seinen Auftrag für erfüllt. Eine unbezähmbare Sehnsucht nach Wiederaufnahme seiner frommen Studien veranlaßt ihn, nunmehr seinen Fuhrmann in die Heimat zü entlassen, selbst aber in der Stadt, die er zuletzt erreicht hat (Rohatvn), sein langentbehrtes ״Lerneu“ in völliger Abgeschiedenheit von der Welt wieder aufzunehmen. Dort nun wird ihm in der Herberge, in der er abgestiegen ist, von einem Heiratsvermittler eine Partie für seine älteste Tochter angetragen. Einer der reichsten Juden der Stadt, getäuscht durch die vornehmen Kleider und den Familiennamen Rabbi Jiddels — er hat in Brody einen reichen Namensvetter, mit dem er verwechselt wird — erklärt sich bereit, sich mit ihm zu verschwägern. Er setzt seinem Sohn eine Mitgift von zwölftausend Dukaten fest, worauf Rabbi Jidel, der auf seiner Wanderfahrt mühselig zweihundert Dukaten zusammengebracht hat (die er übrigens in der Herberge für sich selbst wieder gänzlich aufgebraucht hat) gemäß dem Worte des Aptaer Rabbi und im vollen Vertrauen auf dessen Kraft die gleiche Summe als Mitgift seiner Tochter verspricht. Rabbi Jidel verläßt dann im Bewußtsein seiner erfüllten Mission die Stadt und kehrt nach Brody zu seiner inzwischen noch tiefer verarmten Familie zurück. Durch eine merkwürdige Fügung der Umstände bleibt die Täuschung bis zum Tage vor der vom Rohatyner Schwiegervater festgesetzten Hochzeit unentdeckt. Das Leid der frommen Familie erreicht ihren Höhepunkt, als die Rohatyner Hoch- Zeitsgesellschaft vor Brodv hält, während auch nicht ein roter Heller zur Abhaltung der Hochzeit im Hause Rabbi Jidcls vorhanden ist. Nur ein Wunder kann die Lösung bringen: Mutter und Töchter werden* durch den letzten Halm, den sie zum Empfang des Schwiegervaters schlachten wollen und der auf dem Wege zum Schlächter entflieht, an eine geheimnisvolle Höhle geführt, in der jener Goldschatz bereit liegt, der hier allein die Rettung bringen kann. Jetzt gibt sich der getäuschte Schwiegervater zufrieden, denn die versprochene Mitgift wird auf Heller und Pfennig deponiert, jetzt sind vor allem die Worte des Aptaer Rabbi vollkommen in Erfüllung gegangen und das Vertrauen in ihn gerechtfertigt. Die Hochzeit bildet den Schluß. Schon aus dieser flüchtigen Angabe des Hauptfadens der Erzählung ist ihr legendärer Charakter ersichtlich. Was uns Agnon hier gibt, ist nicht etwa bloß die realistische Dar- ג) Insbesondere im Jahrgang II, V und VIII der Zeitschrift ״Der Jude“. -) Erschienen im Sammelbuch zu Ehren Nathan Birnbaums 10S. Stellung des Schicksals eines Mannes und seiner Familie in einem zeitlich und räumlich gebundenen Lebensraume, sondern die ewige Legende des armen, frommen Juden schlechthin. Dieser Rabbi jidel lebt ein doppeltes Leben: das seiner Zeitepoche und ihres spezifischen Milieus und das eines viertausendjährigen, ununterbrochenen Kulturbewußtscins. Es gibt für ihn kein noch so unbedeutendes Erlebnis seines Daseins, das von ihm nicht in dem großen Kulturzusammenhang erlebt würde, der sich Judentum nennt. Um dies nur an einem drastischen, aber darum vielleicht besonders schlagenden Beispiel zu zeigen: hat dieser Rabbi Jidei auf seiner Wanderschaft durch den ungewohnten Genuß allzu reichlicher Speisen und Getränke sich den Magen verdorben, so erlebt er den Icidvollen Hergang seiner allmählichen Wiedergenesung nicht bloß im Realismus eines medizinischen Heilungsprozesses, auch nicht bloß in der seclischen Sphäre der demütigen Entgegennahme einer gerechten Strafe für übermäßigen leiblichen Genuß, sondern im Vollbewußtsein eines Einhundertfünfzig-Gencrationengcdächtnisscs, das anläßlich dieses Vorkommnisses jene klassischen Stellen des vieltausendjährigen Kulturschatzes auflcbcn läßt, die sich auf eine gleiche oder ähnliche Lebenssituation beziehen. Der horizontale Flächenschnitt der Gegenwart erscheint mit seinem dazugehörigen Tiefenschnitt. Das scheinbar willkürliche Ereignis entlarvt sich als folgerichtiges Resultat einer zwar unerforschbaren, aber in ihrer Existenz nicht leugbaren Vorsehung. Agnons Geheimnis ist das jedes großen Dichters: seine Werke sind zwar gewachsenes, reales Leben, erscheinen aber trotzdem in überzeitlicher Verklärung. Seine Gestalten führen unbewußt neben dem Leben ihrer Zeit noch ein z w e i t e s Leben, das jenseits aller realen Verstrickung mühseliger Lebensschicksale liegt, und das seine Schriften nicht altern lassen wird. ״Hachnassath kalla“ zeigt manche Parallelen zur Don- Quichote-Dichtung des Cervantes und damit auch zur ״Reise Binjamins des Dritten“ des Mendale M och er Sforim. Es wäre eine dankbare Aufgabe der vergleichenden Literaturgeschichte, diesen Parallelen im einzelnen nachzugehen. Hier sei nur gesagt, daß Agnons Don-Quichote-Dichtung in Geist und Form Cervantes nähersteht als Mendales ״Binjamin“. Man hat, wie uns scheint, mit Unrecht Agnon mit Mendale verglichen. Genügt hier wirklich die etwas mechanische Gegenüberstellung: Mendale, der Schilderer des Lebens der russischen Judenheit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und Agnon, der Dar- Steller des galizisch-jüdischen Milieus in der gleichen Zeitperiode? Liegt der Unterschied beider Dichter w irklich nur in der geographischen Verschiedenheit des Genres? Ist nicht vielmehr beider Blickpunkt grundverschieden? Mendale ist, obwohl am Ende der «igenBkhen Haskalai► Periode :stabend, 11ech:.*tid* in der Anschauungswelt des Aufklärungszeitalters befangen, von deren charakteristischen Vorurteilen und Verzerrungen er sich selbst in seiner reifsten Periode nicht gänzlich befreien konnte. In der durch die heillose Brille der Haskalah gesehenen Welt Mendales gibt es zwar nicht mehr die übertreibende Satire eines Jizchak Erter und die helle Verzweiflung eines Perez Stnolenskin, aber noch aufklärerisch-moralisierendc Gesellschaftskritlk genug, um die reine Freude zu verderben. Ganz anders Agnon: er ist völlig frei von jener dünkelhaften Ueberlegenheit des besserwisserischen Aufklärertums. Ein glücklicher Zufall hat ihn in seiner Jugend vor derunmittelbaren Berührung mit der Haskalah und ihrer Literatur bewahrt und so braucht er nicht erst, wie die meisten anderen, sich ihrem Erbfluch zu entziehen. Der große Konflikt, der die Dichter und Schriftsteller der Haskalah bis tief in unsere Gegenwart hinein zermürbt und zerfressen hat, ist Agnon erspart geblieben. Demgemäß ist sein Bild dieser jüdischen Welt des Ostens nicht von jener ätzenden Negierung der Haskalahdichter. ln Agnons Erzählung vergessen wir fast gänzlich, daß es einen Verfasser gibt, der uns all dies Geschehen vermittelt. Das Leben bietet sich hier unmittelbar dar. Sein Interpret bleibt so unsichtbar, daß die Illusion entsteht, als ob diese Vorkommnisse irgendwo in einer Zeitchronik, einem Gemeindebuch oder sonstwo verzeichnet standen und hier nur gesammelt sind. Während in Mendales Don-Quichote-Dichtung das satyrisch-groteske Element vorherrscht und der Dichter an seinem erbarmnungslosen, kritischsarkastischen Verhältnis zu seinem Helden festnält, seine Weltfremdheit, Unbildung und wesenlose Phantasterei als Folgen eines völlig verkehrten Erziehungssystems darzustellen versucht, liegt über Agnons Dichtung die tiefe und ruhige Abgeklärtheit jenes großen, überlegenen Geistes, dem es zwar keineswegs an volkstümlichem Humor fehlt — es gibt bei ihm tieferen und feineren Humor als bei all den bekannten Dichtern der hebräisch-jiddischen Literatur, die von einem banalen Geschmack humorvoll gehalten werden —, der aber nicht gewißt ist, um der Augenblickswirkung einer humorvollen Situation willen die strenge Linie seines Erzählungsstils auch nur um Haaresbreite zu verlassen. Agnon kennt nicht einmal großmütiges Verzeihen aus tiefem Verstehen, denn er weiß nichts von einer Anklage. Er wirft sich nicht zum Richter seiner Gestalten auf. Agnon betrachtet die Weit der Großvätergeneration nicht mit den Augen des abtrünnigen Enkels. Er ist weit entfernt davon, seine Stoffe zu modernisieren, in sie zeitgemäße, aber ihrem Wesen völlig fremde ״Ideen“ einzuführen. Im Gegensatz zu den meisten Bearbeitern historischer Stoffe hält er sich von jeder billigen Modernisierung und Aktualisierung seines Stoffes zurück. Wie leicht wäre es ihm geworden, den wahrhaft großen Schwierigkeiten seiner ״Hachnassath-kaIIa“-Dicl1tung aus dem Wege zu gehen! Wie leicht hätte er, um nur ein Beispiel zu erwähnen, die Lösung der Verwicklung auf einem anderen, modernem Empfinden näherliegenden Wege bevverkstelligen können. Wie leicht hätte er den reichen Schwiegervater, von der Größe dieses chassidischen Glaubens überwältigt, auf die Mitgift der Schwiegertochter mit der Geste überlegener Menschlichkeit verzichten lassen können! Wie mundgerecht wäre unser Roman ohne den deus ex machina, ohne die Lösung durch das Wunder geworden? Und wie viele solcher erzählerischer ״Rückständigkeiten“ enthält dieses Epos! Darin bestellt aber eben Agnons Größe: in der Unbeirrtheit und iiberliefcrungstreuen Geradheit seiner Linienführung. Dem billigen Erfolg bei seinen Zeitgenossen zieht er die Wahrheit und Strenge jener manchmal etwas spröden Stilgerechtigkeit vor, die seinen Werken das antike Charaktervolle aufprägen, das zeitgenössischem Geschmack vielleicht als das gerade Gegenteil von charaktcrvoll erscheinen mag. An ihm prallt der Modegeschmack eines zufälligen und altjüdischem Geiste fremden Gegenwarts- Zeitalters wie an einer Mauer ab. Hier gibt cs keine künstlich geschlagenen Gedanken- und Gefühlsbrücken. Daher kommt der gewöhnliche Romanleser bei Agnon kaum auf seine Kosten. Seine Werke wollen demütig gelernt, nicht respektlos gelesen sein. Jenes zweite Leben seiner Gestalten erschließt sich nur dem, der die Fähigkeit und den Willen besitzt, die Totalitat des jüdischen Kulturerbes auf sich zu nehmen! Wem diese Fähigkeit und dieser Wille abgeht, wird zwar noch immer in Agnons Werken die große Erzähiungskunst, die ungewöhnliche Gestaltungskraft, die Macht dieses Sprachstiles schätzen, das intimste Erleben dieses Schaffens aber bleibt ihm verschlossen. Agnons spezifische Erzähiungskunst kommt in seinem neuen Werke zu gesteigertem Ausdruck. Seine epische Darstellung ist im strengsten Sinne des Wortes und ausschließlieh direkt. Indirekte Charakterisierung seiner Gestalten, ihres Tuns und Denkens gibt es schlechterdings nicht. Alles ist hier unmittelbar tuende oder denkende Handlung. Daher die hohe Dynamik dieser Epik, die parasitenlose Oekonomie der Sprache, die nicht mir in Kapiteln und Absätzen, sondern in Seiten und Zeilen geschlossene Bilder echten Lebens zeichnet. Wie bei jeder großen Prosa genügt auch hier die Lektüre einer beliebigen Halbseite, um sofort den Epiker großen Stiles zu erkennen. Auch der einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Baustein behält bei Agnon noch die hohe Wertigkeit des Gan* zen. Jakob Steinberg hat in einem seiner stilkritischer! Essays einen liier ausgezeichnet anwendbaren Vergleich gebraucht. Dort heißt es: ״Vergleichen wir Literarisches mit dem Erdboden, der Mutter alles Lebens. Worauf richtet der Bauer am Tag der Ernte sein prüfendes Auge? Nicht auf das Ausmaß der Felder: das ist ihm ja seit je gegeben und unabänderlich; auch die Höhe der Halme ist kein entscheidendes Zeichen zum Outen, der niedrige Wuchs der Getreidehalme ist kein Beweis für mageren Stand. Erst wenn der Bauer seine Hand ausstreckt und bebenden Herzens eine Aehrc vom Halme bricht: erst in diesem Augenblicke, der einzelnen Aehrc von Angesicht zu Angesicht gegenüber, weiß der Bauer, wie es um die Ernte steht. Mit bebender Hand sucht er die Körner zu enthülsen, und wenn er sie findet, leuchtet sein Antlitz: da sind sie, die kleinen Körner, die Väter allen Segens, die Frucht aller erfolgreichen Arbeit!...“ So steht es um Agnons Prosa: nicht das Ausmaß seines Feldes, nicht die Höhe des Halmwuchses ist entscheidend; aber seine Körner stehen saftig und stark, und wer eine Aehre zwischen den Fingern zerreibt, fühlt, welches Brot ihm hier winkt! Aber wir würden Agnon unrecht tun, wollten wir nicht auch die kompositorische Kraft, die er in seiner neuen Erzählung bewährt, würdigen. Er hat hier alles getan, um dies etwas auseinanderstrebende Riesenbukett von ineinandergcscHo- benen Ef/SMüngert*zu'einet•*Einheit zu gÄtalten. Wirrnis»»; uns vor Augen halten, daß dieser Geschichtenrahmen eine fast unübersehbare Zahl von (früher selbständigen und ohne Vorbedacht auf spätere Komposition entstandenen) Einzelerzählungen in sich schließt, die zwar fast alle eine zum Hauptthema der Kernfabel gehörige innere Beziehung haben, aber doch häufig durch ihren unverhältnismäßigen Umfang, sowie durch mannigfache »!!lenkende Nebenmotive und vor allem durch ihre große Zahl diesen Rahmen zu sprengen drohen. Mit welchen Mitteln begegnet Agnon dieser Gefahr? Zunächst verfällt er auf die originelle Idee, die Hauptfiguren der Nebener/ähiungen als lebende und handelnde Personen in die Haupthandlung einzuflechten und so nicht nur die Personen der Kernfabel mit denen der Nebenerzählungen in einen gemeinsamen Handlungsraum zu stellen, sondern auch die Gestalten der Nebcnerzählungen untereinander organischer zu verknüpfen. Agnon lebt mit seinen Gestalten so intensiv, daß ihm das Recht selbstverständlich erscheint, in einer neuen Erzählung die Helden seiner früheren Werke nicht etwa In literarischer Reminiszenz, sondern als lebende, fast geschichtsgewordene Personen einzuführen, ein an sich gewagtes Unternehmen. Kühnheiten solcher Art finden wir auch in ״Hachnassath kalla“. Dazu kommt, daß Agnon die beinahe verwirrende Fülle und Vielartigkeit von Menschenkreisen und -Schicksalen, von erlebten und erzählten Ereignissen und Episoden dieser Reise Rabbi Jidels auf eine ganz besondere Art dem Gedächtnis einprägt. All diese Gastmahlc seiner Wanderfahrt mit ihren verschiedenartigsten Teilnehmern, Gesprächen, Erzählungen werden im Laufe des Romans mehrfach und auf sehr natürliche Weise bündig zusammengefaßt, sei es dadurch, daß Rabbi Jidei sich von Zeit zu Zeit über seine großen Reiseerlebnisse innere Rechenschaft ablegt oder mit seinem Begleiter darüber gelehrte Gespräche führt, sei es, daß all diese auf seiner Reise erworbenen Freunde und Bekannten in langem Zuge bei der Hochzeit seiner Tochter in letzter kurzer Zusammenfassung an uns vorbeidefilieren, jeder seine Wünsche und Geschenke überreichend. Der großartigste erzählerische Einfall Agnons ist es aber, daß er die Geschichte Rabbi Jidcls und seiner drei Töchter noch vor dessen Rückkehr in seine Heimatstadt dort bereits in volkstümlicher Purimspielweise von der ״Brodver Sängerschule“ in Verse bringen und bei Rabbi Jidels Rückkehr zu seinem höchsten Erstaunen in! Hause eines Reichen in Bänke!- sängerart aufführen läßt. Plötzlich sieht sich der wirkliche Rabbi Jidel, der in das Haus dieses Reichen (übrigens jenes Namensvetters, mit dem er in Rohatvn verwechselt worden war) zu Purim-Almosen empfang gekommen war, dem Purimspieler in der Rolle Rabbi Jidels gegenüber, und was Wunder, daß in dem Augenblick der Aimosenentgegennahine sich die Hände dieser beiden Rabbi Jidcls zur allgemeinen Verwirrung des Gcbers wie der beiden Nehmer kreuzen.!11 diesem mysteriösen Händekreuzen der beiden liegt vermutlich die symbolische Andeutung des tieferen Sinnes dieser Legende vom armen Manne. Das poetisch-theatralische Ewigkeitsbild Rabbi Jidels ist dem wirklichen Rabbi Jidel gleichsam vorausgeeilt und empfängt ihn bei seiner Rückkehr im Hause des Reichen, der atemlos dieser herzzerreißenden Legende sein Ohr leiht. Bei Abschluß seiner mühevollen Wanderfahrt findet Rabbi Jidel bereits die literarische Apotheose seiner Erlebnisse in saftigen Volksversen vor. Trotz des legendären Grundcharakters der Erzählung haben wir hier einen streng historisch determinierten Stoft vor uns. Die geschichtliche Zeitfixierung geschieht außer durch historische Persönlichkeiten, die im Roman handelnd auftreten, auch durch die interessante Einführung der beiden großväterliehen Häuser des Verfassers selbst, durch die Einflechtung bestimmter Nachkommen bekannter altjüdischer Familiengeschlechter (z. B. die Nachkommenschaft Jakobs von Emden), sowie durch sonstige Anknüpfung an historische Momente jenes Zeitalters. Ein entzückendes Beispiel solcher historischer Diffcrenzicrung möge hier wörtlich wiedergegeben werden: bei Antritt der Reise Rabbi Jidels heißt cs über Nute, den Fuhrmann: 1 ״Nute saß während seines Sprechens (mit Rabbi Jidel) wie Alexi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.