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Jüdische Rundschau · 1932-03-08 · Heft 19 (8.3.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 19 (8.3.1932)
Date
1932-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19, 8. TU. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 93 Asiimilation und Theologie Von Dr. Siegfried Ucko (Mannheim) Wir unterschätzen. keineswegs die Bedeutung der Tatsache., daß heute, speziell in jüngeren Rabbinerkreisen, grundsältliehe lieberlegungen über die Grundposilionen des religiösen Judentums vielfach unter dem Einfluß moderner theologischer Kategorien angestelll werden, um durchaus klärend und fruchtbar!ein kann. Aber die ״Jüd. Bundschau" kann, wie I)r. ticko selbst anerkennt, nicht der Ort für theologische Auseinandersetzungen sein. Wenn wir trotzdem dein nach folg enden Artikel Raum gehen, so geschieht es deshalb, uoeil die Veröffentlichung der ״C.-V .-Zeitung“ in das politische Gebiet hineinspielt. Richtet doch — keineswegs ein nettes und keineswegs ein erbauliches Schauspiel — der ,,jüdische Theologe“ an den anlisemitischen, das Judentum als ״Antichristen“ verfluchenden Theologen die Versicherung..Darum stehen wir beide — Christ und Jade — hier zusammen in der preußischen und deutschen Sache.“ Dieses Ergabnis hat sicherlich nichts mehr mit Rtligionsfrngen zu tun, und wir glauben, daß auch in der Auseinandersetzung mit gegnerischen nationalistischen Christen ein selbstbewußtes Judentum besser abschneiden wird. Red. Sich mit theologischen Auseinandersetzungen abzugeben, die noch ganz im geborgenen Tal der Theorie sich bewegen, wird füglich nicht von einem Blatt verlangt werden, das mitten im Kampf um die Fragen der Gegenwartsnot unserer Gemeinschaft steht. Fast überraschende Entwicklungen erst bringen es mit sich, daß auf Theologisches auch von dieser Stelle von Zeit zu Zeit hingewiesen werden muß. Die deutsche Judengegnerschaft findet neuerdings Stütze und besonderen Unter- Bau im Schrifttum der protestantischen Theologie. Wir meinen nicht hier und da auftretende antisemitische Positionen im Bereich der Theologie: aber der immer mehr dort sich ausprägende sozial-konservative Charakter läßt das Judenproblem in einer Starre erscheinen, die nichts mehr von einem lebendigen Bewältigen des Problems hat. Die Fremdheit des Jude- *eins wird zum Sanktuarium, die Frage nach dem jüdischen Menschen tritt zurück hinter der Feststellung der theologischexistentiellen Fremdheit des Judeseins gegenüber dem protestantischen Menschen. Es ist notwendig, dieser theologischen Entwicklung seine Aufmerksamkeit zuzuwenden: Die Theologie hat einen langen Atem. Mag die augenblickliche Form des Antisemitismus auch einmal abklingen, das geistige Reservoir der Theologie wird voraussichtlich länger halten und wird die geistige Haltung des protestantischen Menschen dem Juden gegenüber langehin bestimmen. Man sollte meinen, gerade der Zwang zur Auseinander- Setzung mit der Neufixierung, die das Erbgut des Protestantismus nun erfährt, sollte dem Judentum Gewinn bringen. Nicht etwa, daß man nun irgendwie geartete theologische Apologetik von neuem zu treiben beginne; aber das Judentum hat doch immer in der scharfen Konfontration mit den Grundkonzeptionen der Geistesgeschichte sich selbst wieder erkannt, sein Erbgut, aus dem es auch in weltlichsten, säkulariwertesten Bezügen seine Kräfte nehmen konnte, sich aufs neue zum Bewußtsein gebracht, ln unsern Tagen nun, da eine Krisensituation die protestantische Theologie zur Neu-Orientierung treibt, wäre nichts trauriger, als wenn das Judentum, statt zur Selbsterkenntnis seiner Grundhaltungen zu kommen, sich von ihm nicht genuinen Strömungen müde ins Schlepptau nehmen ließe. Mit gemischten Gefühlen muß man da die Kontroverse verfolgen, die ein junger jüdischer ״Theologe“, der sich als von ״preußischer Prä- Sung“ bezeichnet, mit Hans Blüher im Anschluß an dessen uch ״Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter“ in der ״C.-V.-Zeitung“ (Nr. 3 und 6) jüngst geführt hat. Die Redaktion der ״C.-V.-Zeitung״ selbst hat Bedenken gegen ־die Positionen des Verfassers geäußert. Im Rahmen dieses U n s e - res Hinweises soll nur auf einen Punkt der Diskussion eingegangen werden. In der Kritik des ״jungen jüdischen Theologen“, Hans Joachim Schoeps, an dem Buche Blühers findet sich nämlieh die erstaunliche Feststellung, daß vom gläubigen Juden ״die Schließung des neuen Bundes als unerforschliche Tat- Sache“ anerkannt wird. Vor dieser Haltung eines Juden bleibt selbst Hans Blüher der Atem weg! (Wirklich einnehmen könnte diese Position als Jude nur die Phantomgestalt eines Nationaljuden christlichen Bekenntnisses.) Erstaunt, mit Recht maßlos erstaunt, fragt Blüher dann in seiner Entgegnung: ״Wie kann ein jüdischer Theologe, echtes altes Israel, die Schließung des neuen Bundes — des Christentums — als eine ,unerforschliche Tatsache' anerkennen?“ Schoeps hilft sich aus dieser Verfänglichkeit mit einer Andeutung, das ״Anerkennen“ ja nicht ״Glauben“ sei. Wir nehmen die erstaunte Frage Blühers wieder auf (nur, daß wir nicht so ganz auf das echte alte Israel des theologischen Artikelschreibers bauen). Es geht nicht um die Akte des ״Glaubens“ oder ״Anerkennens“, es geht um die Frage der ״unerforschlichen Tatsache.“ Das Christentum im theologischen Sinne — nicht im Sinne der historischen Entstehungsfrage — als ״unerforschliehe Tatsache“ hinzunehmen, bedeutet die Aufgabe des geistigen Selbstseins des Judentums. Wollen wir dazu an dieser Stelle etwas sagen, so sind wir uns wohl bewußt, daß eine theologische Auseinandersetzung hier nicht folgen kann und darf. Schoeps, der so gewichtige Sätze in den Spalten einer Zeitung ausgesprochen hat, muß cs sich gefallen lassen, wenn man gleichfalls in journalistischer Kürze vor solch einer neuen Art jüdischer Theologie warnt. Mehr als um Aufmerksam keit bitten, wollen wir in diesen Zeilen nicht. Blüher hat u. a. seine Haltung gegen das Judentum von der Tatsache der Gegnerschaft der alten Juden gegen den Er loser Jesus bestimmt. Die Gegnerschaft der Juden dem pau linischen Christentum gegenüber beruhte bekanntlich im tiefsten Grunde auf der Ueberzeugung, daß der Mensch schlechthin der Erlösung durch einen Mittler nicht bedürfe. Er bedarf des Mittlers nicht, weil der Mensch nicht mit dem Verhängnis des Sdilechtseitis, der Erbsünde, belastet ist, von der er nur durch den Opfertod des Gottessohnes befreit werden könne. Judentum und Christentum sind voneinander geschieden durch eine grundsätzlich andere, die Geschichte durchziehende Auffassung vom Wesen des Menschen. Den Glauben an das Geheiligte im Können des Menschen aufgeben, heißt das geschichtliche Sein des jüdischen Menschen aufgeben. Wenn das Christentum — nach Schoeps — ein Heilsereignis sein soll, muß der Jude Schoeps die Notwendigkeit des Mittlertums anerkennen und also die jüdische Lehre vom Menschen verwischen. Dies nur, an Stelle von anderem mißfälligen, soll hier aus dem erwähnten Artikel hervorgehoben werden, weil es not■ wendig ist, auf eine Assimilationserschei nung hin■ zuweisen, die mit fremden Gedanken an den jüdischen Lebensnerv sich heranmacht. Was geht hier vor? Das sei nur ganz kurz angedeutet. Der bis zum *Aeußersten gespannten sozialen und politischen Problematik unserer Zeit stellt die protestantische Theologie (insbesondere in ihrer Ausprägung als ״dia׳ lektische Theologie“) kein reformierendes, die Wirklichkeit ver■ änderndes Programm entgegen. Sie stabiliert aufs neue die lutherische Position, daß soziale Veränderung ״nicht von dieser Welt“ ist. Der der Erlösung harrende Mensch kann sich nicht anmaßen, Umgestalter der ständischen Gegebenheiten zu sein. Er steht nur im Glauben. Die Welt bleibt nicht im ganzen Umfange Wirkungsbereich des menschlichen Zugreifens, sie bleibt geteilt in die Bereiche der Gnade und des Gnadenlosen. Uns scheint aber eine ״Heilstatsache“ unserer jüdischen Situation, daß sogar über das so assimilierte neunzehnte Jahrhun dert hin bis zu Cohen und Buber in unserer Zeit kein über das jüdische Erbgut nachdenkender Mensch, der gewirkt hat, verkannte, daß das Wesentliche jüdischen Seins im Kampf gegen jedes müde Anerkennen des ״Nun-einmal-so-seins“ sozialer und im gewissen Sinne auch nationaler Gegebenheiten liegt. Es ist die große Aufgabe des jüdischen Menschen in unserer Zeit, in der man allzusehr statischen Begriffen sich hingibt, diese Dynamik des Handelns sich zu bewahren. Sollte es einer protestantisch beeinflußten Theologie überlassen sein, diese Lebendigkeit und Kraft jüdischer Lebensauffassung, die sich fruchtbar bis in die säkularisiertesten Zweige des Lebens auswirkt, zum Erschlaffen zu bringen? Das ist wahrhaftig keine theologische Gedankcnkrämerei, wenn man bedenkt, wie solche Standpunkte sich auswirken müssen, wenn sie an den jungen Menschen herangetragen werden, der dann so vieles, was da ist, einfach als gottgewollt stehen lassen kann. Fs ist eine Aufgabe einer wirklich jüdischen Theologie, in Auseinandersetzung mit der Umwelt die Grundlagen jüdischer Lebenshaltung herauszustellen. Diese war und ist bestimmt durch das Wissen der Verbundenheit von Weltlichem und Religiösem, oder besser von dem Wissen, daß durch solche Begriffsgegensätze (Religiös-Weltlich) das jüdische Sein nicht bestimmt werden kann. Herr Schoeps aber wieder stellt dem Christentum die ״Svnagoge“ entgegen. Das Judentum wird synagogalisiert. Es ist eine allzu große Vereinfachung, wenn man der Kirche statt des ganzen jüdischen Lebens- und Weltenraums die Heilsgegebenheit der Synagoge entgegenstellt. Dann freilich verbindet man dem Juden die Augen vor sich selbst. Ungewisses Deutschland Ungewisses Deutschland. Zur Krisis seiner bürgerlichen Kultur. Von Pierre Vienot. Aus dem Französischen von Eva Mertens. RM. 3. . Societäts-Verlag, Frankf. a. M. 1931. Nationalismus und Evangelium. Von Heinz-Dietrich Wendland. ״Die Furche“, Erstes Heft 1932. RM. 2,40. Furche Verlag Berlin. Deutsche allein. Schnitt durch die Zeit. Von Franz Schau- Wecker. RM. 6.50. Frundsberg-Verlag Berlin 1931. Der Nationalsozialismus. Quellenkritische Studie seiner Staats- und Wirtschaftsauffassung. Von Dr. Walther Scheunemann. RM. 3.—. Der Neue Geist Verlag Berlin NW 87. Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus. Von Theodor H e u s s. RM. 2.80. Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1932. Hitler. Eine Biographie in 134 Bildern von Hans Diebow und Kurt Goeltzer. (Bilddokumente der Zeit Bd. I.) Verlag Tradition Wilhelm Kolk Berlin 1931. Bücherei des Ständestaates. Herausg. Dr. W. L o n g e r t. 1. Heft: Irrungen des Marxismus. Von Othmar Spann. Erneuerungs-Verlag, Berlin-Wilmersdorf. — ״Ständisches Lebe n“. Blätter für organische Geseüschafts- und Wirtschaftsichre. Ebendort. Die Erschütterungen, die Deutschland heute durchmacht, sind vielleicht nur aus geistiger Distanz richtig zu erkennen und zu bewerten. Ist doch mit der ״antiliberalen“ und antirationalistischen Welle, die vor allem die jüngere Generation erfaßt hat, die ganze Grundlage einer verstandesmäßigen Argumentation ins Wanken geraten, so daß Wort und Gedanke nicht mehr der adäquate Ausdruck des inneren Vorgangs zu sein scheinen. Der Glaube an die bürgerliche Kultur ist geschwunden, der Zustand trägt alle Merkmale des ״Provisori- ' WUftl״, der Unäfcherhtlt,"Und so nennt auch dHjunge Fränzöse Pierre Vienot seine Studie mit Recht ״Ungewisses Deutschland“. Gerade aus dem Vergleich mit der Stabilität des konservativen französischen Bewußtseins ergibt sich für Viönot ein fruchtbarer Ausgangspunkt, und so ist sein kleines Büchlein ein wirklich bemerkenswerter Beitrag zur Charakteristik der heutigen europäischen Gcistesiage. Er hat lange in Deutschland gelebt und gut beobachtet, und seine Schilderung der Atmosphäre, aus der vor allem der Nationalsozialismus emporgewuchert ist, vermag bei aller Vorsicht des Urteils, deren der Autor sich befleißigt, die Sachlage klarer zu machen. Obwohl Vitfnot die Judenfrage nicht berührt, ist doch auch für das Verständnis dieses Punktes aus seinem Buch manches zu gewinnen. Mitten in die weltanschauliche Problematik, die sich aus dem Aufstieg des neuen Nationalismus ergibt, führt der Aufsatz von W e n d 1 a n d in dem letzten Heft der ״F urch e“ (in dem auch Günther Dehns Nachwort zum Hallerschen Universitätskonflikt abgedruckt ist). Wendland kritisiert den neuen Nationalismus und Nationalsozialismus vom Gesichtsunkt der Barthschen Theologie und gelangt bei aller Anerennung der positiven nationalen Momente doch zu einer scharfen Ablehnung des Nationalsozialismus. Der vom Evangelium her denkende Mensch habe zwar mit dem Liberalismus und mit der aufklärerischen Ethik nichts zu tun, aber er verwirft auch das Diesseitsideal der heroischen Ethik und verurteilt den politischen Utopismus (denn ohne Realismus gibt es keinen ernsten politischen Willen), er wendet sich ab vom naturalistisehen Rassenwahn und lehnt die Vergottung des Staates ab. Interessant ist die Charakteristik des Nationalsozialismus als pseudomessianischer Bewegung; und es sei auch noch bemerkt, daß dieser Aufsatz, ganz abgesehen von seiner tiefen Analyse des deutschen Problems, für jede nationale Bewegung Nachdenkliches zu sagen hat. Unter den nationalen Schriftstellern, die von der Rassenideologie frei sind, nennt Wendland auch Franz Schau Wecker, Dessen Buch ,,D e u t s c 11 e allein“ ist eine Spiegelung des rasend hereinbrechenden N'achkriegsgeschehens in der Seele eines jungen Menschen. Dies ist auch eine Erklärung dessen, was heute in Deutschland vorgeht und das viele nur nach seinen abstoßenden Seiten beurteilen. Man muß so ein Buch lesen, 11m zu begreifen, was diesen jungen Menschen geschehen ist, die in ihren entscheidenden Lebensjahren, mit aller Sehnsucht nach Größe im Herzen, in die Hölle einer zerrütteten Welt gestoßen wurden. Der Abscheu vor der in Schmutz und Elend zerfallenden, von Zynismus und Unglauben infizierten Zivilisation drängt diese jungen Menschen zu einer Erneuerungsleidenschaft, deren Feld der neue Nationalismus ist, der eben wegen dieses stark gefühlsmäßigen Ur- Sprungs so verschwommen romantisch ist. Der Antrieb zum Nationalsozialismus und seine Abwehr liegen auf zwei verschiedenen Ebenen, denn die Affekte, die für die Bewegung ausschlaggebend sind, lassen sich mit Logik kaum beseitigen. Aber da der Nationalsozialismus heute doch nicht mehr bloße Romantik, sondern auch Politik sein will, wird er sich auch der strengen theoretischen Prüfung stellen müssen. Einen Versuch der sozusagen ״wissenschaftlichen“ Untersuchung dieser Bewegung macht Dr. Scheunemann in seiner gründlichen Arbeit, die die nationalsozialistischen Quellen unter die Lupe nimmt und sie vom Standpunkt marxistischer Wissenschaft beleuchtet. Es fällt nicht schwer, die Wider- Sprüche im ökonomischen Programm der Nationalsozialisten, insbesondere ihres ״Sozialismus“ aufzudecken, wobei Scheunemann auch den Gegensatz ״schaffendes“ und ״raffendes“ (״jüdisches“) Kapital entlarvt. Das Kapitel über Antisemitismus ist bei Scheunemann kurz; er betont vor allem die Undurchführbarkeit des Judenprogramms der NSDAP, und seiner Sozialist!- sehen Grundeinstellung gemäß scheint er auch zu meinen, daß die Nazis sich auch mit jüdischen Kapitalisten gegen die Arbeiter verbinden werden. Wenn er dabei freilich auf die Freundschaft Hitlers «mit Lord Rothermere alias Stern“ hinwejstj sa ist ihm ein arger Schnitzer passiert, der beweist, daß auch sein Material nicht durchaus einwandfrei ist. ־Sheodor Heuß gelangt bei dem Versuch, die geistigen Väter der Ideologie des Nationalsozialismus zu finden, aut die drei Namen H. St. Chamberlain, Spengler und Othmar Spann. Die drei Grundelemente des Nationalsozialismus wären demnach Rassegedanke, Diktaturglaube, berufsständische Ideelogie. Was zunächst den letzten Punkt anlangt, der vielleicht am wenigsten allgemein bekannt ist, so sei auf die Schriften von Othmar Spann verwiesen, die im Erneuerungs-Verlag Berlin-Wilmersdorf erscheinen, insbesondere seine Zeitschrift ״Ständisches Leben“, worin der Gedanke einer ständischen Gliederung auf allen Gebieten systematisch entwickelt wird. Dieser auf romantische und vielfach mittelalterliche Vorbilder zurückgreifende Gedanke wird als die Erlösung von Kapitalismus, Demokratie und Marxismus hingestellt. Demgemäß gilt auch das erste Heft der populären Schriftenreihe Spanns einer Polemik gegen den Marxismus. Die Forderung einer organischeren Gestaltung des Volkslebens, wie sie Spann vertritt, kann gewiß nicht einfach mit dem Nationalsozialismus identifiziert werden, aber ihr AntilibcraUsraus, gelegentlich verknüpft mit Ausfällen gegen den als ״jüdisch“ geltenden traditionszerstörenden Geist, schafft eine Brücke. Was nun den Rassegedanken betrifft, so beschäftigt sich Heuß damit in einem Kapitel, das nicht nur wegen seiner Ablehnung des Antisemitismus, sondern auch wegen seiner Kritik an den üblichen jüdischen Abwehrmethoden lesenswert ist. Die Juden, so sagt Heuß, lassen sich manchmal ohne Not das Niveau des Kampfes von dem Gegner aufzwingen, da Kühle oder Schweigen wirksamer wäre als gegenbeweisende Empfindlichkeit. Mit einer Freimütigkeit, die vielen Juden die Augen öffnen könnte, stellt Theodor Heuß fest, daß die Abwehr des Antisemitismus durch Aufzählung jüdischer Kulturleistungen und sonstige ״glanzvolle Statistiken“ völlig unwirksam bleiben m u ß. Die groteske Gegenüberstellung eines arisehen Idealtvps und eines jüdischen Untermenschentyps wird von Heuß 'gebührend charakterisiert. Trotzdem muß man sagen, daß sein der Judenfrage gewidmetes Kapitel keineswegs die Tiefe oder das wahre Wesen dieses Problems erschöpft, was offensichtlich auch nicht seine Absicht ist, da er diesen Punkt nur als einen von vielen kurz behandelt und sich im wesentlichen der Kritik der politischen und wirtschaftlichcn Programmteile des Nationalsozialismus widmet. Diese Art Literatur trifft aber den Nationalsozialismus offenbar gar nicht auf seiner Ebene. Er bekennt sich bewußt zu den primitivsten Methoden der Agitation, er fordert von seinen Anhängern nicht Denken, sondern Unterordnung, er ist nicht primär ideologisch, sondern gefühlsmäßig und militaristisch aufgebaut. Das Bilderbuch ״Hitler“ zeigt deut- (ich, auf welche Weise Anhänger geworben werden sollen. Durch prächtige Schau, durch Massenwirkung, durch Ab- Bildung des Führers in allen möglichen Positionen, die freilieh auf den Nichtgläubigen oder Außenstehenden nicht immer überzeugend und anziehend wirken, durch die Bildung einer Legende, die durch sinnliche Wahrnehmung eingeprägt wird. Es muß sich nun zeigen, ob in einem Stadium, wo der Nationalsozialismus bereits gebildete und intellektuelle Kreise in seine Reihen gezogen hat, diese Art unproblematischer, von jeder Verpflichtung zum Denken befreiender Agitation sich lange fortsetzen läßt. Bei allem Verständnis für die in dieser Zeit stürmischer Umwälzungen entstandene, als ״Ungewißheit“ in Erscheinung tretende seelische Erkrankung kann man nicht glauben, daß dies das endgültige Stadium des nationalen Erneuerungswillens eines im Kern gesunden Volkes sein soll.!. Die konservative Wochenschrift ״Der Ring“, deren Schriftleitung kürzlich, wie hier berichtet, mit erfreulicher Energie gegen die antisemitische Hetze Stellung genommen hat, veröffentlicht eine Aufsatzreihe von Dr. Hans Prinzhorn über den Nationalsozialismus, die im allgemeinen sicherlich Ernst und geistiges Niveau besitzt. Leider nimmt der Verfasser darin zur Judenfrage eine durchaus unbefriedigende Stellung ein. Im letzten Aufsatz, der sich mit den moralischen Verpflichtungen des Nationalsozialismus befaßt, empfiehlt Prinzhorn diesem vor allem mehr ״intellektuelle Redlichkeit“ im Sinne Nietzsches und mehr Gerechtigkeit gegen Leistungen des Gegners, um dann auf ״eine Fehlstelle im Gesinnungskodex“ der Nationalsozialisten, nämlich auf die übliche Beurteilung von Persönlichkeiten auf Grund ihrer körperlichen oder statistischen Eigenschaften statt nach ihren seelischen und charakterlichen Qualitäten, zu sprechen zu kommen. ״Rassenfragen sind in der Tat wichtig und müssen offen behandelt werden. Aber man darf sich ein paar indiskrete Wahrheiten nicht verhehlen: statistisch dürfte nach meinen Erfahrungen ein nicht unerheblicher (offenbar ein Druckfehler statt: ״nur unerheblicher“ A. P.) Teil unserer stidtisehen Mitmenschen weiter als drei Generationen rückwärts frei von semitischem Einschlag sein. Daß d i e m i t 25 b i s 12 v. H. angemischten 1 n d i v iduen die heftigsten Reinheitsdoktrinäre sind, ist oft behauptet worden — meine Erfahrungen bestätigen es.“ Prinzhorn empfiehlt auch hier mehr intellektuelle Redlichkeit und fordert, man solle ״sich selbst oder die nahen Freunde, in deren Ahnentafel oder Antlitz ein noch so diskreter Schimmer des Orients erscheint“, nach dem inneren Wert und nicht nach der statistischen Blutinisclnmg schätzen. ״Wer darin versagt — schlimmer noch, wer unredlich mit sich und anderen umgeht, gehört unter Aufsicht, damit er nicht aus Borniertheit, Bosheit und Lüge Unheil im Geist der Werte anrichte und für die Dummen arbeite. Ritterlichkeit gegen fremde Art, also bewußte Duldung, wo Leistung oder Person von Rang sich erweisen, gehört zum Fhrenkodex jeglicher starken Volkheit.“ Leider kommt aber Prinz.horn nach diesen gewiß nicht übten Mahnungen zu folgendem Schluß: ״Wegen des Ueberhandnehmens der antiarischen (! — Red. ״J. R.“) Bewegung seit Kriegsende“ sei eine offene Regelung der lud enf rage notwendig; ״aber abgesehen von den soeben gestreiften Gesichtspunkten, die den meisten nicht grob und schematisch genug sind, scheiden sich die nationalistischen Wortführer des Antisemitismus danach, ob sie die Judenfrage innerhalb eines als christlich weiterzuführenden Staatswesens zu ordnen gedenken oder nicht. Im ersten Fall erledigt bekanntlich die Taufe das Proble m.“ — Natürlich ist über diese ״Lösung“ des Problems hier kein Wort zu verlieren. Wohl aber sind derartige Auslassungen geeignet zu zeigen, wie wichtig es sein wird, dem fairen Teil der deutschen Nationalisten klarzumachen, daß gerade auf dem Boden eines stolzen Judentums am ehesten ״Leistungen und Personen von Rang“ erwachsen müssen, die auch dem anständigen Gegner Hochachtung abzwingen. A. P. Leonid Pasternak 70 Jahre. Am 4. April 1932 vollendet der in Odessa geborene, jetzt in Berlin lebendejüdische Maler und Graphiker Leonid Pasternak sein 70. Lebensjahr. Pasternak porträtierte u. a. Bialik, Sokoiow, Tschernichowski, Einstein, Harnack, Lovis Corinth u. a. m. 1927 wurde in Berlin eine Ausstellung seiner Aquarelle und Zeichnungen aus Palästina veranstaltet. Ein Werk über Rembrandt erschien von ihm in hebräischer und jiddischer Sprache. Zum 70. Geburtstag des Künstlers zeigt die Galerie Victor Hartberg (Berlin, Schöneberger Ufer 41, an der Bendlerbrücke) neue Werke des Künstlers. Die Ausstellung wurde Sonntag, den 6. März, eröffnet und dauert bis &, April. i r

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