Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-02-26 · Heft 16 (26.2.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 16 (26.2.1932)
Date
1932-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653372--22847-2681127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16, 26. II. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 77 Zu einerBrOnlnö-Biographie Brüning. Von Dr. Alphorn Nobel. Kart. 1,50 RM., R. Kittier Verlag, Leipzig. Die Gelegenheit, über die Persönlichkeit und das politische Vorleben des gegenwärtigen Reichskanzlers, der für viele überraschend in den Vordergrund der deutschen Politik getreten ist und sich in den zwei Jahren seiner Kanzlerschaft zu einer einzigartigen Position hinaufgeschwungen hat, nähere Einzelheiten zu erfahren, wird jeder gern begrüßen, der mit dem Interesse für deutsche und europäische Politik ein Empfinden für menschliche Größe verbindet. Dr. Nobel hat als Chef* redakteur der Zeitung ״,Der Deutsche“, zu deren Mitarbeitern Dr. Brüning seit dem Kriege gehörte, die Laufbahn dieses Mannes aus nächster Nähe beobachten können, und er vermag insofern neue Quellen zu erschließen, als zahlreiche Aufsätze Brünings im ״Deutsehen“ ohne Unterschrift erschienen sind, so daß man erst jetzt durch Nobel diese Artikel als Aeußerungen des Kanzlers identifiziert. Aus der knappen, nur 87 Seiten umfassenden Schilderung empfängt man den Eindruck eines starken, sittlich geschlossenen Charakters, der mit eiserner Energie und unverbrüchlichem Ernst an sich selbst arbeitet, an die eigenen Leistungen den strengsten Maßstab legt, die Sache vor die Person zu stellen weiß. Aus dem Buche, das sehr viele Brüning-Zitate enthält, erwähnen wir hier nur ein charakteristisches aus den! Jahre 1923, das über den engen Rahmen des ursprünglichen Anlasses hinaus allgemeine Bedeutung hat und sogar für unsere kleinen jüdischen Verhältnisse vielleicht gelten kann. Brüning schrieb damals: ״Politik ist die Zerstörerin des Lebensglückes derjenigen, die sie üben. Politik ist fast immer gepaart mit melancliolischetn Temperament und schweren, mühevoll überstandenen Lebenslind Jugendschicksalen. Politik erfordert von ihren Jüngern die Meisterung jeden Nerves und jeder Regung zu jeder Stunde und an jedem Orte. Politik erfordert ein sensitives Nervensystem, das kommende Dinge nach ihrer trübsten Seite hin voraussieht. Der wahre Politiker muß den sofortigen Zwang in sich fühlen, heilende Mittel, vorbeugende Maßnahmen durch intensivste Kenntnisse und umfassendste Lebens- und Welferfalirung zu erfinden. Der wahre Politiker muß darauf verachten, diese Mittel als Theorien von sich zu geben. Der wahre Politiker muß, wie es die Zeit erfordert, unter völliger Zurücksetzung seine» eigenen Ichs, den Sinn für diese Mittel unmerklich in die Hirne der Menschen einströmen lassen, oder sie einhämmern, mit hinreißender Energie und zähester Geduld. Der wahre Politiker muß iühleti, was an Stimmungen in der Luft liegt, er muß diese Stimmungen rechtzeitig einfangen und muß sie einlenken in das Bett des einen großen Stromes: des nationalen Fortschritts.1‘ Man könnte aus diesen achtunggebietenden Worten nia'nches über das Wesen, die Weltanschauung des Mannes ableiten, der sie schrieb. Wir können jedoch nicht dabei verweilen. Wir haben uns vor allem mit den Hinweisen über Brünings Stellung zum Jud e 111 u m, die in dem Buche enthalten sind, zu beschattigen. Brüning hat nicht zur Judenfrage aus freien Stiltkcn Stellung genommen. Er äußert sich zu dem Thema nur gelegentlich der Ermordung Rathenaus, und es wäre wohl unbillig, diese fragmentarischen Bemerkungen aus dem Jahre 1923 als eine volle Interpretation der heutigen Anschauungen des Reichskanzlers aufzufassen. Wir wissen nicht, ob Brüning eine feste Ansicht über die Judenfrage hat, denn ein Mann wie er wird abschließende Urteile nur bilden, nachdem er eine Frage gründlich studiert hat. Die Judenfrage zu studieren dürfte er aber keine Zeit und Gelegenheit gehabt haben. Was die Juden betrifft, so ist ihre Stellung zur Person des Reichskanzlers gegeben. Ein Mann von Brünings persönlichen und sittlichen Qualitäten ist eine Bürgschaft eines Regimes, unter dem die Rechte aller Staatsbürger geachtet und die Grundsätze der Humanität nicht geschändet werden können. Einem solchen Manne gegenüber hat das deutsche Judentum aufrichtigen Respekt und Vertrauen zu seiner Amtsführung. Brüning begreift, daß die peinliche Beobachtung der Bestimmungen der Verfassung und die Verhütung von Gewalttätigkeiten im Interesse des Gesamtstaates notwendig sind, ganz unabhängig davon, ob ihm diese oder jene Gruppe der deutschen Staatsbürger persönlich gefällt oder nicht gefällt. Die in dem Buch wieder* gegebenen Apercus Brünings über die Judenfrage, die er als Privatmann vor vielen Jahren getan hat, sind also keine aktuelle politische Angelegenheit für uns, sondern lediglich von Interesse als Beispiel dafür, wie die Judenfrage von einem solchen Mann aufgefaßt wird. Zunächst Brünings Aeußerungen zum Fall Rathenau. Rathenau, so sagt er, sei ein ״ganzer Jude“ gewesen und er bedauert, daß mit ihm eine Persönlichkeit dahingegangen ist, ״die bereit war, für Deutschland alles zu tun und gewisse Begabungen seiner Rasse restlos in den Dienst seines Vaterlandes zu stellen. Deshalb wäre er auch der Jude gewesen, der seinen Stammesgenossen den Weg zeigen und ein Vorbild hätte sein können, um das Judentum in der richtigen Weise in das Gesamtleben der deutschen Nation einzufügen und es erträglich und wertvoll zu machen“. Man muß hier feststellen, daß Brüning die wahre Tragik des Falles Rathenau nicht erkennt. Denn diese liegt eben darin, daß Rathenau, der 90 ganz Deutscher sein und nur Deutschland dienen wollte, dies doch nicht vermochte, weil das deutsche Volk ihn nicht als seinen Repräsentanten anerkannte. Das Schicksal ereilte ihn, nicht weil er zu wenig für Deutschland eintrat, sondern weil er »ich selbst, sich, den Juden, völlig in den Dienst des deutschen Volkes stellte, ohne die unsichtbare Schranke zu fühlen. .Wenn auch Rathenau Banken - Zusammenlegung Das wichtigste wirtschaftliche Ereignis der letzten Zeit ist die mit Reichshilfe vorgenommene Fusion und Umorganisation der großen Geldinstitute, die nicht nur in der Zeit vor dem Kriege, sondern auch einige Jahre nach der Int'tation die mächtigsten Pfeiler des Finanzkapitals in Deutschland darstdlten. Mit dem Begriff der D-Banken war im Vorkriegsdeutschland die Kapitals- und Wirtsehaftsmaeht des Deutschen Reiches innig verknüpft; wenn es auch nicht ganz zutrifft, daß die Politik im Sinne der Bankinteressen geführt wurde -- vielmehr haben oft, man erinnere sich an den Plan der Bagdad-Bahn, die Banken sich ins Schlepptau der Politik nehmen lassen —, so ist der Einfluß der Großbanken und ihrer Führer in der Epoche des liberalen Staates von außerordentlicher Bedeutung gewesen. Diese Bedeutung hat sich im Laufe der letzten Jahre stark zugunsten der Schwer- Industrie verschoben. Die Banken wurden allmählich aus ursprünglichcn Herren industrieller Unternehmungen deren Sklaven, um! nunmehr erlebt man im Gefolge der Wirtschaftskrise und als Begleiterscheinung des allgemein gesunkenen Vertrauens, nicht zuletzt von der politischen Seite her, eine Schrumpfung und noch weitere Konzentrierung des in den Banken organisierten Finanzkapitals. Charakteristisch ist, daß dieser Prozeß durch staatliches Eingreifen und mit Staatlicher Hilfe durchgeführt wurde. Und wenn auch bei den letzten Transaktionen, sowohl staatlicherseits wie auch von den Banken selbst, die Hoffnung zum Ausdruck gebracht wurde, daß inan bei Eintritt günstiger Bedingungen wieder frei von Staatseinflüssen den Banken die ehemaligen Wirkungs- und Wirtschaftsmethoden einräumen werde, so kann man dazu nur sagen, daß diese Absichten vorläufig nur fromme Wünsche sind, welche erfahrungsgemäß sehr oft nicht erfüllt werden. Jedenfalls haben wir jetzt den Zustand eines gemischt-wirtschaftlichen Provisoriums, und ein Provisorium ist nach einem geistreichen französischen Ausspruch dauerhafter als alles andere. Das Problem der Großbanken wird irrtümlicherweise sehr häufig mit der jüdischen Gemeinschaft in Verbindüng gebracht. Natürlich werden auch jetzt von der nationalsozialistischen Presse die ״jüdischen Bankdircktoren“ für die Inanspruchnahme von Steuergeldern für Bankenstiitzungen verantwortlich gemacht. Diese Angriffe sind demagogisch. Richtig ist, daß bei der Gründung vieler europäischer Großbanken und bei dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung jüdischc Menschen hervorragenden Anteil nahmen, richtig ist, daß in der Vergangenheit einzelne jüdische Bankiers, was sich geschichtlich aus der Wirtschaftsrolle der Juden im Mittelalter erklären läßt, auf dem Geldmärkte bedeutenden Einfluß hatten. Dieser Zustand ist aber längst dahin. Die bedeutendsfen Weltbanken in Amerika, England, Deutschland, Italien und anderwärts sind von jüdischem Einfluß frei. Ein weithin sichtbares Beispiel in dieser Hinsicht ist der amerikanische Morgan-Konzern. Einzelne jüdische Großbankiers haben noch heute an manchen Kapitals- und Börsenplätzen der Welt Bedeutung, aber dieser Einfluß ist verschwindend; die Zeit scheint für immer dahin zu sein, da eine Baronin Rothschild naiv, aber völlig zutreffend sagen konnte: ״Es wird zu keinem Kriege kommen, mein Mann gibt kein Geld dazu.“ Die Zurückdrängung der Juden zeigte sich ganz deutlich auch bei der Wiener Kredit-Anstalt, die bis vor kurzem von Rothschild beherrscht wurde und wo jetzt mir arische Direktoren zugclasscn werden. Vielmehr ist in der Entwicklung, die das Bankwesen in der letzten Zeit genommen hat, eine fortschreitende Tendenz zur Vertrustung des Finanzkapitals zu sehen. Ob diese Entwicklung zu einem Monopolzustand in der Kapitaisbewirtschaftung führen wird, wie etwa in der Petroleum-Weltproduktion, oder zu einer allmählichen Verstaatlichung der Finanzinstitute, kann, wie die Dinge heute Hegen, kein Mensch vorausscheii, Jedenfalls schreitet ein Prozeß weiter, der das Bestehen kleinerer, individuell, unter den Bedingungen freier Konkurrenz wirtschaftender Einzelpersonen erschwert und allmählich unmöglich macht. Insofern ist diese Entwicklung bedeutsam für die jüdische Gemeinschaft, die sich hauptsächlich aus kleineren und mittlcren selbständigen Existenzen zusammensetzt. Wenn die Wirtschaft allzu stark vom Staate kontrolliert wird, ohne selbst Staat zu sein, dann ist leicht die Verlockung denkbar, daß je nach politischen Gesichtspunkten die Wirtschaft zugunsten oder zum Schaden bestimmter Gruppen beeinflußt wird. Bei der durchgreifenden Bürokratisierung wird die mißliebige Minderheit ausgcschaltet. Ein Beispiel hierfür bildet der aus Polen bekannte, die jüdischen Wirtschaftspositionen vernicblende ״Etatismus“, der nur ein anderes Wort für Staats- Kapitalismus ist. Für die Juden der Gegenwart ist die Frage der U in ־ Schichtung eine der wichtigsten, ln früheren Jahrhuoderten hatten die Juden immerhin in vielen Fällen die Möglichkeit, wenn ihre wirtschaftliche Funktion in irgendeinem Lande entweder überflüssig geworden war oder als solche betrachtet wurde, in andere Gebiete der Diaspora zu ziehen, wo man den Juden, wenn auch nicht mit Sympathie entgegenkam, sie doch als einen für das Wirtschaftsleben des betreffenden Landes willkommenen und notwendigen Faktor schätzte. In der Gegenwart sind die Wirtschaftstendenzen nicht an Landesgrenzen gebunden. Die ehemalige Wanderung der Juden von einem Lande in das andere muß jetzt in der Diaspora ersetzt werden durch eine Abwanderung von einer Wirtschafts- und Gesellschaftsform in eine sich durchsetzende, neue. Diese Erkenntnis, altes zionistisches Gedankengut, wird heute von den verschiedensten Richtungen - wenn auch nicht immer mit aller Konsequenz — akzeptiert. Das Mittel, den kommenden Entwicklungen gewachsen zu sein und ihre menschlich und jüdisch auf unsere Gemeinschaft destruktiv wirkenden Folgen abzubiegen, ist der Entschluß, im Wege der Selbsthilfe eine Normalisierung der j w ־ dis dien Gemeinschaft anzubahnen. Es ist auffallend, daß der russische Bolschewismus und der Zionismus in dieser Hinsicht die gleiche Stellung einnehmen, indem sie das Juden- Problem durch Normalisierung und geschlossene Siedlung auf einem Territorium zu lösen versuchen. Hierbei ist für'^ic Frage, auf welchem Territorium und auf Grund welcher jüdisch-kulturellen Gegebenheiten dies geschehen soll, der Ausgangspunkt entscheidend. Daß wir als Träger des histörischen Judentums im Bestreben, dieses historische Judentum zu erhalten und zu verjüngen, den Primat Palästinas aufgestellt haben, ist natürlich. Daß in der Sowjetunion angesichts des dort geltenden Primats der Verwirklichung des Kommunismus andere Wege gegangen werden, ist vom Standpunkte der Sowjetleute begreiflich. Wir glauben, daß ganz abgesehen von allen nationalen Geftihlsgrimden ■■■- aus zwingender! Gründen der Wirtschaftsentwieklung heute der Aufbau eines wirtschaftlich normal strukturierten jüdischen Gemeinwesens in Palästina, und auch in der Diaspora, eine Um- Schichtung erforderlich sind, um die Erhaltung des jüdischen Volkes unter allen Wirtschafts- und Gesellschaftsbedingungen zu sichern. rn. w. lllllllll!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII[lll:lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll1n1ll[;llllllllllllllllllllllllll1lll|l|||IIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIillllllllllllllllllllllllllll!lllllllllll1n1HI1nlln1lll|l||[|IIIIHII1ml1n1llll1;1lllll1m1|lnTi eine besondere Individualität war, dessen Fall sich gewiß nicht verallgemeinern läßt, so wird jedenfalls die Anschauung, daß gerade er den Antisemitismus zu überwinden geeignet war, durch seinen tragischen Tod widerlegt. Wir können gut verstehen, daß hier bei Brüning aus edelsten Motiven heraus der Wunsch der Vater des Gedankens wird. Es ist aber eine unzulässige Vereinfachung der Judenfrage und eine Ignorierung der entscheidenden Tatsachen. Brüning verurteilt den Antisemitismus, von dem er sagt, er sei ״eine plumpe Keule, deren Schlägen ein geschmeidiger Gegner auszuweichen weiß“. Aber er findet die Rechtfertigung des Antisemitismus im Verhalten der Juden selbst. Die Juden passen sich den Wirtsvölkern an. In Deutschland aber, so fährt Brüning fort, sieht es so aus, ״als wollte das Judentum gerade die Eigenschaften des Deutschen nachahmen, die Deutschland mit fast tragischer Präzision nach zwei, drei Generationen wieder in das Nichts zurücksinken lassen“. Als derartige schlechte Eigenschaften werden angeführt: ״Rechthaberei, Unfähigkeit das eigene Feh freiwillig größeren Zielen tinterzuordnen, Nichtgeltenlassen eines andeTert Standpunktes, der Glaube, mit Theorien die Welt sehematisch gestalten zu können, Engherzigkeit, Unduldsamkeit, geistige Erstarrung, Intrigen, die, weil sie nicht schweigend, sondern mit Ruhrarederei durchgeführt werden, sofort zu durchschauen sind, der Wille, den Gegner nicht nur als Politiker kaltzustellen, sondern ihn mit allen Mitteln auch moralisch zu vernichten. . . . Alle diese furchtbaren Eigenschaften, die das deutsche Volk neben seinen einzig in der Weltgeschichte dastehenden Vorzügen besitzt, scheint das deutsche Judentum allein sich anzueignen.“ Brüning wendet sich zum Schluß an die deutschen Juden mit dem Appell: ״Wollt Ihr es gestatten, daß Eure Stammesgenossen alles niederreißen und mitHohn und Ironie die große geistige Erbschaft eines Volkes zersetzen dürfen?“ Diese Worte Brünings sind besonders interessant, weil sie zeigen, daß er auf der richtigen Fährte zur Erkenntnis der wahren Judenfrage war. Es ist richtig, daß ein Teil der Juden im 19. und 20. Jahrhundert bis auf unsere Tage in seiner schrankenlosen Assimilisationssucht jedes Maß verliert und demgemäß auch charakterliche und moralische Defekte aufweist. Ist es doch eine natürliche Folge des Druckes, unter dem die Juden in der deutschen Gesellschaft stehen, daß sic versuchen, sich mit allen Mitteln in ihren sozialen und wirtschaftlichen Positionen zu erhalten, weil sie sich besonders bedroht fühlen. Wenn man diese Menschen zwingt, sich von ihrer eigenen Tradition zu trennen, ihre eigene Herkunft als einen Makel zu empfinden, dann darf man sich nicht wundern, daß diese assimi[ationsfreudige Schicht auch die tieferen Bindungen der anderen bagatellisiert und mißachtet; kann doch eine Assimilation dieser Art in der Regel nur dann gelingen, wenn das Trennende beseitigt wird, und das sind auf beiden Seiten die Werte der Tradition, das Erbe von Jahrhunderten, das verpflichtende Geschichtsbewußtscin und die Verantwortung gegenüber den tieferen Kräften der Blutgemeinschaft. Brüning kennt wahrscheinlich nur diejenigen jüdischen Typen, die im Vordergründe ־ positiv oder negativ — agieren: Den vornehmen, kultivierten, das Erbe des liberalen Humanismus tragenden Assimilanten (Einzelfall Rathenau) und den von ihm geschilderten, die schlechten Eigenschaften der Deutsehen nachahmenden minderwertigen Assimilanten. Daß es daneben noch eine große, schwer arbeitende und um ihre Existenz ringende, auf Geistiges gerichtete, sich selbst und ihrem Volks-Ursprung treue jüdische Masse gibt, daß es eine neue jüdische Bewegung voll tiefen persönlichen und sozialen Verantwortungsgefühls gibt, dies ist ihm offenbar unbekannt. Ein Mann wie Brüning, der sich selbst national fest verwurzelt weiß und geistig einer jahrtausendealten, geistige und sittliche Ordnungen bewahrenden Welt angehört, muß eben verstehen, daß auch andere Menschen nur dann einen unverrückbaren sittlichen Halt haben, wenn sie nicht ihrer alten Gemcinschaft die Treue zu brechen gezwungen werden. Die Aeußerungen Brünings aus dem Jahre 1923, die leider erst durch das Buch von Nobel bekannt werden, sind ein Beweis dafür, wie unvollkommen das Verstandnis für die weitreichenden Zusammenhänge der Judenfrage auch bei Persönlichkeiten ist, die an diese Frage sicherlich mit reinem Willen und ohne vorgefaßtes lirteil Herangehen. Der Reichskanzler Brüning von 1932 steht —- in! Gegensatz zu dem Privatmann Brüning von 1923 — einer politischen Aufgabe gegenüber, innerhalb derer die Judenfrage leider einen überragenden Platz einnimmt. So sehr der Mann heute auch durch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.