Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 16 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653372--22848-2681128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Galați 1× ep/1002400
- Lod 1× ep/1045074
- Tiberias 1× ep/1048138
OCR text
Seite 78 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 16, 26.11 1932 schweren Bürden der Außen- und Innenpolitik überlastet ist, er wird eines Tages doch auch wieder vor die Notwendigkeit gestellt sein, die Judenfrage anzupacken. Und da wäre es zu wünschen, daß er die Möglichkeit hätte, in einer ruhigen Stunde die ganze Schwere dieses einzigartigen Problems zu durchdenken und die Schlüsse zu ziehen, zu denen er sich 1023 nicht durchringen konnte. Das Unterrichtswesen in Palästina Von Dr. Fritz Simon (Schluß aus voriger Nummer) III. Zukünftige Entwicklung Zweifel! os bildet heute die Erziehungsfrage eines der wichtigsten Probleme des Landes, und es ist kein Zufall, daß ihr z. B. in dem Simpson-Report ein verhältnismäßig breiter Raum gewidmet ist, obwohl es dem oberflächlichen Rcobachter scheinen möchte, daß die landwirtschaftliche und allgemeinwirtschaftliche Entwicklung Palästinas an sich nichts mit der Volksbildung zu tun habe. Wer der Anschauung ist, daß alles, was schlecht für die Araber ist, gut für die Juden sei, der mag allerdings mit dem jetzigen Zustand des AnalphabetiSmus zufrieden sein und seine Erhaltung für die Ewigkeit wünschen. Wer aber glaubt, und der Verfasser bc- Mnnt sich zu diesem Glauben, daß nur in der kulturellen und ökonomischen Entwicklung des ganzen Landes die Zukunft des Jüdischen Nationalheimes begründet liegt, daß es ethisch und realpolitisch eine Unmöglichkeit ist, eine Oase der Zivilisation in einer Wüste von Barbarei aufzubauen und zu erhalten, der wird an der Frage der arabischen Erziehung nicht achtlos Vorbeigehen dürfen, sondern ihr im Gegenteil sein theoretisches und praktisches Interesse zuwenden müssen. Es steht natürlich außerhalb jeder Diskussion, daß für diese unumgängliche Kulturarbeit in erster Linie die Regierung in Betracht kommt, in zweiter Reihe die Araber selbst und daß die jüdische Mithilfe im wesentlichen nur indirekt sein kann. Man kann der Regierung den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in den letzten Jahren, auch bei Würdigung der finanziellen Lage, nicht allzu viel getan hat, Um den arabischen Volksmassen eine einigermaßen entsprechende Schulerziehung zu bieten. Mit Recht weist Simpson aut den innigen Zusammenhang, der zwischen moderner Erziehung und moderner landwirtschaftlicher Entwicklung besteht, hin, und betont, daß, solange nichts für die erste getan wird, keine Besserung der Lage des Fellachen zu erhoffen sein kann. Das radikalste Mittel wäre natürlich, die allgemeine Schulpflicht einzuführen. Dem stehen aber, vorläufig wenigstens, unüberwindbare finanzielle Schwierigkeiten gegenüber. Bei gesetzlichem Schulzwang müßte die Regierung natürlich das jüdische und christliche Schulwesen auf ihre Kosten übernehmen. Nimmt man nun beim heutigen Stand der Bevölkerung (933 000) die Zahl der schulpflichtigen Kinder mit gering gerechnet 170 000 an (rund 18 0/0) so würden, bei nur £ 5 pro Schüler, nicht weniger als £ 933 000 jährlich für Schulzwecke in den Etat eingesetzt werden müssen, nicht zu reden von den Geldern für Schulbauten, die im Extraordinarium erscheinen würden. Daß eine plötzliche Steigerung von £ 144 000, die die Regierung im letzten Jahre für Erziehut)gs;wecke ausgeworfen hat, auf die obengenannte mehr als sechsmal größere Summe unmöglich ist, dürfte ohne weiteres einleuchten. Doch selbst, wenn die Regierung auch nur den Versuch machen würde, für die 100 000 Kinder, die heute überhaupt keinen Unterricht empfangen, Schulen zu errichten, so würde das immer noch £ 500 000 im Jahr mehr kosten, eine Summe, die ebenfalls unerschwinglich ist. Von einer radikalen Lösung der Erziehungsfrage kann also nicht die Rede sein, es muß eine allmähliche Besserung versucht werden, ln diesem Sinne hat Simpson vorgeschlagen, den Schuletat jährlich sukzessive um £ 15 000 zu erhöhen, w׳ovon £ 1500 jeweils immer den Schulen der Jewish Agency zur Verfügung gestellt werden sollen. Zweifellos ist dieser Verteilungsschlüssel absolut ungerecht gegenüber den Juden, denen entsprechend ihrer Bevölkerungszahl £ 2500-3000 zukommen müßten. Der Vereinigung der drei bestehenden Schulsysteme in der Hand der Regierung — theoretisch sicherlich ein begrüßenswerter Wunsch — stehen aber außer finanziellen auch politische und kulturelle Hindernisse im Wege. Einerseits werden die Missionen nie auf ihre Autonomie verzichten, zumal man sie auch mandatsrechtlich nicht dazu zwingen kann. Die mohammedanische Bevölkerung ist weder wirtschaftskräftig noch kulturell entwickelt genug, um selbst etwas für die Erziehung ihrer Jugend unternehmen zu können und bleibt deshalb völlig auf die Regierung angewiesen, während man _ auf jüdischer Seite in den letzten Jahren wohl geneigter geworden ist, den Rat und die Hilfe der Regierung in Anspruch zu nehmen, sich aber aus begreiflichen Gründen gegen die Aufgabe der mit so vielen heroischen Opfern er- Kauften Selbständigkeit wehren wird. Das sind Tatsachen, mit denen man zu rechnen hat, wenn man in die Zukunft blickt. Trotzdem bleibt für den, der die Zukunft des Landes nicht in der Konservierung der bestehenden Gegensätze, sondern in ihrer Uebenvindung durch Zusammenarbeit auf allen Gebieten sieht, auch auf dem Feld der Erziehung noch genug zu tun übrig. Für eine solche Politik, die nichts als guten Villen auf allen Seiten zur Voraussetzung hat, scheidet die Miss! o 11 aus mehrfach angeführten Gründen aus. Die Regierung könnte, auch ohne weitere Mehrkosten, manches mehr leisten. Aut der letzten Sitzung der Mandatskommission wurde ihr mit Recht zum Vorwurf gemacht, daß sie zu wenig für die Zusammenarbeit auf dem pädagogischen Gebiete getan habe. Das ist zweifellos richtig. Außer der Rechtsschule in Jerusalem, die von Arabern und Juden gemeinsam besucht wird (und zwar in arabischen und hebräischen Parallelklassen, während englische Vorlesungen zusammen gehört werden), gibt es kein offizielles Erziehungsinstitut, das allen Teilen der Bevölkerung offen steht. Die schon vor Jahren von Kalvaryski gemachte Anregung, eine Art Verwaltungsakademie zu schaffen, verdient deshalb ernsthafteste Beachtung. Die Aufgabe einer solchen Akademie wäre es, einen Stab von Beamten heranzuziehen, die die drei Landessprachen gleich gut beherrschen und die sich in erster Linie als piener des palästinensischen Staates und nicht als Vertreter ihrer Nation oder Klasse fühlen. Es muß allerdings bei dieser Gelegenheit bemerkt werden, daß die Regierung ähnliches plante, als sie mit dem Geld des Kadoorie-Fonds eine gemeinsame jüdisch-arabische landwirtschaftliche Schule errichten wollte. Dieser wohlgemeinte Vorschlag wurde von den — Juden abgelehnt, die, als keine Möglichkeit bestand, das ganze Geld für ihre Zwecke zu bekommen, die Errichhing von zwei getrennten Schulen verlangten. Es ist also nicht immer die Regierung, die die jüdisch-arabische Zu- *amtnenarbeit hindert. Andererseits müßte man auch von ihr verlangen, daß sie z. B. in den städtischen Schulen mit Mittelschulaufbau einige Wochenstunden dem Hebräischen widmet, genau wie in den zionistischen höheren Schulen arabisch gelernt wird. Die Zahl der jungen Araber, die aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen heute hebräisch lernen ist stetig im Wachsen, so daß seiner Einführung als Fremdsprache in den Stundenplan der arabischen Regierungsschulen nichts im Wege steht. Jüdische Geschichte wird dort zwar im Zusammenhang mit Palästinakunde gelernt, doch kommt natürlich alles auf den Geist an, in dem dieser Unterricht gegeben wird. Daß dieser Geist aber bei einer immerhin nicht unbeträchtlichen Zahl von Lehrern stark antijüdisch (nebenbei auch antienglisch) ist, beweisen ia die ab und zu vorkommenden politischen Schulstreiks. Die Aenderung der Gesinnung kann natürlich nicht auf dem Verordnungswege erreicht werden, hier wird sich ein Wandel erst mit der grundsätzlichen Besserung der arabisch-jüdischen Bc- Ziehungen zeigen können. Was hier von den Regierungsschulen gesagt wurde, gilt — mit umgekehrtem Vorzeichen — in vielen Fällen auch von den jüdischen Schulen. Arabisch wird zwar in den Mittelschulen gelernt, bis jetzt jedoch in höchst unbefriedigender Weise. Unsere Abiturienten können meist nicht einmal fine arabische Zeitung glatt lesen. Fs fehlen noch die jüdischen Lehrkräfte, die pädagogisch und arabistisch auf einem Niveau stehen, das einen einwandfreien Unterricht in der arabischen Sprache gcwährleistct. Die jüngst von A. Yellin (Regierungs-Inspektor für jüdische Schulen) und Dr. L. Billig (Dozent an der Hebräisehen Universität) herausgegebene Sammlung von arabischen Texten für den Gebrauch in hebräischen Schulen wird Lehrern und Schülern gleich gute Dienste leisten. Erwägenswert wäre ferner, ob nicht in den zionistischen Volksschulen neben den vier Wochenstunden, die in den vier oberen Klassen dem Englischen gewidmet werden, auch eine gewisse Stundenzahl für den arabischen Unterricht gefunden werden könnte. Auf dem Gebiet der Erwachsenenerziehung ist die Einrichtung von arabischen Abendkursen für Juden und vice versa ein unbedingtes Erfordernis, dem übrigens heute schon durch die Arbeiter-Organisation und andere Gruppen Rechnung getragen wird. Zweifellos wäre es wünschenswert, _ für die orientaüstische Abteilung der Hebräischen Univcrsitat arabische Lehrkräfte m gewinnen, die sich eventuell verpflichten müßten (wie ähnliches etwa an japanischen Universitäten in bezug auf japanisch üblich ist) innerhalb einer gewissen Zeit hebräisch zu dozieren. Man kann auch an die Bestellung von arabischen Lektoren an den jüdischen Mittelschulen denken (für englisch und französisch gab es solche z. B. vor dem Krieg an deutschen Gymnasien) und umgekehrt natürlich von jüdischen Lehrern an arabischen Schufen,_ in denen hebräisch gelernt werden soll. Daß dies praktisch möglich ist, zeigt das Beisniel des Jugenddorfes in Ben-Schemen, wo der arabische Unterricht in den Oberklassen von dem Lehrer der Regierungsschule i:1 Lydda, einem Araber, gegeben wird. Vielumstritten ist die Frage, ob und wie weit wir unsere Erziehungsanstalten arabischen Schülern öffnen sollen. Die Zahl der arabischen Bewerber ist größer als man denkt und der gute Wille auf jüdischer Seite ist geringer als man zuibt. Selbstverständlich kann es sich nicht darum handeln, chulen für Araber zu machen, obwohl natürlich Einzelfälle, wie z. B. die von Kalvaryski als damaligem Leiter der Pica, in Dschauna (bei Rosch Pina) und Tiberias gegründeten arabischen Schulen, in denen hebräisch als Fremdsprache gelernt wurde, durchaus zu begrüßen sind. (Die Schulen bcstehen übrigens nicht mehr.) Möglich sollte es aber sein, arabische Kinder, die um Aufnahme in unsere Schulen nachsuchen, auch wirklich aufzunchrncn, und, bei genügend großer Zahl, eventuell hebräische Vorbereittingskursc für sie einzurichten. Das gilt besonders von der Universität, die ja ihren Naipen nicht verdienen würde, wenn sie anders handelte, aber auch vom Technikum und den landwirtschaftlichen Schulen, die der praktischen Arbeit dienen. Abschließend läßt sich also sagen, daß es trotz der Drei- Gliederung des palästinensischen Erziehungswesens Wege der Zusammenarbeit und Annäherung gibt — man muß sie nur beschreiten. Auf jüdischer Seite wäre erst einmal zu fordern, daß man nicht alles, was an Reform- Vorschlägen von der Regierung kommt, a priori als ״antisemitisch“ ablehnt. Es gibt vieles, was wir auch von den Engländern lernen können, sowie sie die Bibel von uns gelernt haben. Noch wichtiger ist, daß wir uns unserer Autgäbe gegenüber den Arabern bewußt werden. Es handelt sich, ganz einfach gesprochen, darum, Sympathien zu erwerben. Man sage nicht, das vertrüge sich nicht mit unserer nationalen Ehre. Alle Völker der Welt, auch die Großmächte, tun dasselbe. Man denke an die Anstrengungen Italiens, seine Universitäten ausländischen Studenten zugänglich zu machen, um sich so in der ganzen Welt Freunde und Verbreiter seiner Kultur und seiner — Waren zu verschaffen. Auch wir haben die Möglichkeit, unter den palästinensischen Arabern — ich scheue mich nicht, in diesem Zusammenhang den Ausdruck zu gebrauchen — ״Mission“ zu treiben. Das heißt nicht: gewaltsame Bekehrung mit unlauteren Mitteln, kein Aufdrängen des eigenen Volkstums; das kann heißen: gemeinsamer Aufbau einer großen semitischen Kultur, wie sie schon einmal in Spanien zur höchsten Blüte entfaltet war. Zum Schluß ein Beispiel aus dem Leben: Vor der Internationalen Klagemauer-Kommission erschien, von arabischer Seite als Saclrverständiger geladen, ein türkischer Gelehrter, der in seiner Jugend die Schule der Alliance Israelite in Adrianopel absolviert hatte, und der heute Bibliothekar des Emirs Abdallah von Transjordanien ist. Ueberraschend und gegen den Wunsch seiner Auftraggeber setzte er sich mit Begeisterung für die Aussöhnung zwischen Juden und Arabern ein. Beiden Völkern, so sagte er, die so nahe verwandt seien, verdanke er alles im Leben: den Arabern seine Kultur, den Juden seine Erziehung. — Sollte es nicht möglich sein, solche Freunde nicht nur in Adrianopel zu erwerben, sondern auch dort, wo wir sie so dringend brauchen — in Palästina? Rabb. Dr. Unna 60 Jabre Am 27. Februar feiert Herr Rabbiner Dr. Unna seinen 60. Geburtstag. Wenn wir an dieser Stelle seiner gedenken, so geschieht das nicht nur, weil wir in ihm den jüdischen Gelehrten verehren, der — nach Art echter Weisen — in Bescheidenheit sein Leben lebt, sondern auch, weil wir als Zionisten uns ihm besonders verbunden fühlen. Herr Dr. Unna war seinerzeit einer der Schöpfer der ״Achduth“, jener Organisation, die — im bewußten Gegensatz zur Trennungsorthodoxie — für die Einheit des Judentums, für Kooperation mit allen Riehtungen, auch im Aufbau Palästinas, eintrat. In dieser Eigenschaft wurde er als einer der sechs deutschen Mitglieder in den Council der Jevvish Agency gewählt, der er seit ihrer Gründung angehört. Das Haus Dr. Unnas atmet nicht nur echte jüdische Främmigkeit, sondern auch warme Palästinaliebe. Drei seiner Kinder haben aus dieser Atmosphäre schon die Konsequenzen gezogen und sind nach Erez Israel übergesiedelt. Wenn wir heute Herrn Dr. Unna unsere Glückwünsche darbringen, so können wir es nicht tun, ohne daran zu denken, daß in seinem Hause auch Ida Goitein, die jüngst Verstorbene, ihr Heim gefunden hatte. Und was er kürzlich in seinem schönen Nachruf auf diese herrliche Frau, deren Schwiegersohn er ist, von ihr besonders rühmte, das gilt auch von ihm; Die Bescheidenheit ist es, die der Persönlichkeit erst ihren Adel verleiht. Arnold Hildesheimer (Mannheim). Hindenburg und die Juden Wir haben schon darauf Itiiigewiesen, daß die Nationalso/ialisten die Rcirhspräsidentcnwahl offenbar zu einer verstärkten Juden hetze benutzen wollen. Das erprobteste Mittel im politischen Kampfe, besonders in aufgeregten und entscheidenden Zeiten, ist in Deutschland im Laufe aer letzten zehn Jahre durch eine konsequente Erziehung des Volkes, durch unbehinderte Ausstreuung der phantastischesten Märchen, durch die Kultivierung der unritterlichsten, gegen eine kleine Minderheit gerichteten Gewaltinstinkte die antisemitische Schlagwort-Propaganda geworden. Stehen nun die Nationalsozialisten bei dieser Reitmspräsidentenwähl in einer besonders delikaten und vielen ihrer Anhänger sicherlich überraschenden Situation, da sie gegen Herrn von Hindenburg zu kämpfen haben, so suchen sie diese Peinlichkeit durch eine um so maßlosere Judenhetze zu umnebeln. Der ״Angriff“ vom 23. d. M., der die Proklamicrung des Präsidentschafts-Kandidaten Hitler enthält, zeigt in einem abscheulichen Bild jüdische Karikaturen-Gestalten als Bannerträger Hindenburgs und als Wortführer der deutschen Tradition und nationaler Belange. Wir haben zu den mit der Reichspräsidentenwahl zusammenhängenden Problemen in der ״Jüdischen Rundschau“ mehrfach Stellung genommen und dabei die Position der Juden klargeiegt. Es liegt auf der Hand, daß es weder der Sache Hindenburgs nützt, noch eine erfinderische pohtische Originalität beweist, wenn von jüdischer Seite pathetische Hymnen auf die Person des Reichspräsidenten gesungen werden und mit patriotischer Emphase für ihn eingetreten wird. Dies ist nach unserer Meinung und nach unserem Gefühl weder notwendig noch besonders geschmackvoll. Leider aber erhält sich in großen Teilen des deutschen Judentums noch eine Mentalität, die es offenbar für eine Prestige-Angelegenheit eines Vereins hält, keine Gelegenheit ohne dekorative Deklarationen vorübergehen zu lassen. Wir sind auf Grund zahlreicher Informationen aus dem ganzen Reich darüber unterrichtet, daß eine solche jüdische Haltung heute in weiten jüdischen Kreisen weit über die Grenzen des zionistischen Lagers hinaus als deplaciert und peinlich etnpfunden wird. Man begreift, daß heute jüdische Politik nicht mehr mit Methoden von 1880 gemacht werden kann, als ob sich nichts in der Welt geändert hätte. Die Stellungnähme der ״Jüdischen Rundschau“ zu den mit der Reichs- Präsidentenwahl zusammenhängenden Fragen hat spontane Zu- Stimmung selbst in Kreisen gefunden, die uns parteimäßig sonst ganz fernstehen. Dieser eklatante Fall hat eben doch vermocht, zahlreichen Juden die Augen zu öffnen über die Stellung des Judentums in seiner Umwelt und über das wahre Wesen der Juden frage, die auf die Dauer nicht verschleiert werden kann. Unsere Stellungnahme erfolgte ohne Rücksicht auf nationalsozialistische Aeußer ungen und ehe noch die nationalsozialistische Presse sich auf diesen fetten Bissen geworfen hatte. Nun liegt aber auch bereits die Antwort der Nationalsozialisten vor. Wir geben sie hier ohne weiteren Kommentar wieder: Der ״Völkische Beobachter“ bringt an der Spitze seiner Sonntags/Montags-Nummer die Balken-Ueberschrift ״Die C.-V.-Juden für Hindenburg“ und darunter einen ״Die Blutprobe“ überschriebcnen Leitartikel, in dem u. a. ausgeführt wird: ״Mit der Novemberrevolte und der nationalsozialistischen Aufklärung hat das deutsche Volk endlich den Juden erkannt. Als den unbedingten, blutnotwendigen Feind jeder deutschen Idee und deutschen Tat. Auch wie noch nicht Millionen auf die Kämpfer des Nationalsozialismus hörten, war die instinktmäßige Ablehnung alles J ü d i s c 11 e a in den gesunden Volksschichten Selbstverständlichkeit. Das Blut spürte den Feind, auch ohne ihn mit unbedingter Klarheit gesehen zu haben. Diese brachte erst der nationalsozialistische Kampf, der damit auch den politischen Auseinandersetzungen den Maßstab lieferte. Seitdem heißt die Sonde, die an alle Ereignisse angelegt wird: In weichem Lager steht der Jude — denn dort steht nicht Deutschland. Das ist die entscheidende Blutprobe, die heute auch die breiten Massen in ihrem persönlichen Dasein und im politischen Leben verlangen und selbst vornehmen. Auch an dem Reichspräsidenten von Hindenburg wurde diese Blutprobe vorgenommen. Dank der Entscheidung Hindenburgs für das System mit dem Ergebnis, daß in dem Heerführer des Weltkrieges die Rassegenossen der Mosse, Ullstein und Singer ihre Zuflucht sehen und ״Hingabe an das Vaterland“ schreien, weil sie wissen, daß hier ihre ״!deale“ auch weiter blühen können.... Die C.-V.-Juden haben jetzt für die letzte Klarheit gesorgt: Auf Hindenbürg hofft das Judentum. Damit wird die Entscheidung für oder gegen Hindenburg auch zur Blutprobe des Volkes. Und die Stimme des Blutes wird nicht versagen — Herr von Hindenburg ist schon heute geschlagen, wo ihn der ״C.-V.“ als ״Befreier“ und ״Schützer“ preist.“ Soweit der ״Völkische Beobachter“. Herr von Hindenburg ist freilich keineswegs ״schon geschlagen“. Aber in welcher Welt leben wir, wenn das Eintreten der Juden für jemand von seinen Gegnern begrüßt wird, weil man sich davon seine Stigmatisierung in den Augen der Wähler verspricht! Sterbefälie. Am 21. Februar starb in Jassy Heinrich Schein aus Galatz, einer der Gründer der Chowewe Zion-Organisation in Rumänien und einer der ersten Vorsitzenden der Zionistischen Föderation Rumäniens, im Alter von 76 Jahren. Er war auch außerhalb Rumäniens in zionistischen Kreisen ein bekannter und beliebter Mitkämpfer. In Lemberg starb Dr. Philipp Schleicher. Mitglied des Councils der Jewish Agency für Ostgalizien und ehemaliger Vizebürgermeister der Stadt Lemberg, Er war früher ein prominenter Führer der assimilatorischen Richtung. Dieser Tage erschien ein ״Illustrierter jüdisch er Almanach für Rumänien“, redigiert von Dr. A. Mibashan. Der Almanach enthält zahlreiche interessante Beiträge historischen, literarischen und kulturellen Inhalts, insbesondere wertvolles Material über die jüdische Bevölkerung in Rumänien. Zahlreiche Illustrationen bereichern das Buch, zu dessen Mitarbeitern eine Reihe prominenter jüdischer Schriftsteiler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Rumäniens zählen. Das Buch dürfte für diejenigen unserer Leser, die der rumänischen Sprache mächtig sind, vor allem für die rumlnischeu Juden in Deutschland, von Interesse sein. Einige Aufsätze sind in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Preis des Almanachs beträgt Lei 120,— (fürs Ausland zuzügl. Lei 10,— Portospesen). Bestellungen sind zu richten an: ״Almanachul evreesco“, Bucarest V., €01. Papazoglu 10.