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Jüdische Rundschau · 1932-02-16 · Heft 13 (16.2.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 13 (16.2.1932)
Date
1932-02-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 62 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr.!3, 16. D. 1932 die innere Leidenschaft der einzelnen Redner zu registrieren, um zu ermessen, um was eigentlich der Streit in der Berliner Jüdischen Gemeinde um! darüber hinaus in der jüdischen Ciemeinschaft in Deutschland geht. Auf der einen Seife, bei den Volkspartciiern, leidenschaftliche Besessenheit von dem Willen, das Judentum in seinen komplexen Erscheinungsformen zu erhalten, zu bewahren, es vor weiterem Substanzverlust zu behüten und die jüdische Gemeinschaft ihm dienstbar zu machen; auf der anderen Seite eine resignierte Hinnahme der Ciegebenheiten eines zum großen Teile denaturierten und verblaßten Judentums. Auf der einen Seite leidenschaftlieber erlaube, auf der anderen Skepsis, die sich in den Mantel des Konfessionalismus hüllt. Da kann es keinen Zweifel geben, auf welcher Seite lebendiges, schöpferisches, in die Zukunft weisendes Judentum steht. Der Satz Dr. Klees, daß die Bestrebungen der Zionisten vom Segen der vergangenert Geschlechter begleitet sind, das leidenschaftliche Bekenntnis Dr. Wolfsbergs, dessen Ausführungen jüdisch und menschlich erschütterten, die mit tiefster Ergriffenheit und in begründetem Zorne abgegebenen Erklärungen Alfred Bergers waren Aeußerungen eines so starken jüdischen Lebenswillens, daß man trotz der thiterdruckungsversuche der gegenwärtig in der Berliner Jüdischen Gemeinde herrschenden Mehrheit die Debcrzeugung bekam, daß auch im deutschen Judentum noch unerschöpfliche jüdische Lebcitsenergien wirksam sind. Her Verlauf der Debatte Wir haben über den Verlauf der Debatte bereits kurz, berichtet und lassen hier (an Hand der J.T. A.) noch einen ausführlieheren Bericht folgen: Zur Begründung des volkspartcilichcii Antrags führte Dr. Klee u. a, aus: Die Begründung der Ablehnung der Hechaluz- Subvention ist für unser Empfinden schlechthin entsetzlich. Ein Satz wie der: ״Die Trennungsorthodoxie steht uns näher“ birgt ungeheuere Gefahr für den Bestand der Gemeinde. Kein Widerspruch hat sich auf den Bänken der Liberalen erhoben, als dieser Satz gesprochen wurde. S i e (zu den Liberalen gewendet) spielen mit dem teuer! Die größte Aufgabe, die in dieser harten Zeit uns obliegt, ist: Erhöhung der Gemeinde-Freudigkeit. Die Ablehnung der Subvention geschah nicht aus Ersparungsrücksichten, sondern aus prinzipiellen Gründen und um uns in unserer Anschauung zu verletzen. Tausende spielen heute mit dein Austrittsgedanken, weil sie glauben, daß die Gemeinde sie belastet, ohne ihnen ein Aequivalent zu geben. Sagt man heute Leuten: ״Ihr gehört nicht zu uns, diejenigen, die sich von der Gemeinde getrennt haben, stellen uns näher“, so legt man die Axt an die Wurzel der Einheitsgemeinde. Warum soll die Förderung jüdischer Landwirtschaft in Groß-Gaglow, in Argentinien usw. eine ״religiöse“ Angelegenheit sein, und geraae die Förderung der Kolonisation Palästinas keine religiöse Angelegenheit? Jisehuw Erez Israel ist keine nur politische, sondern auch eine durchaus religiöse Angelegenheit, wenn er auch mit politischen Mitteln erstrebt werden muß. Schaltet man Erez Israel aus der Gemeinde aus, so schaltet man eine Grundläge der jüdischen Lehre aus. Führende liberale Menschen überall in der Welt sind im Palästina-Werk tätig. Seit geraumer Zeit wird in den Sitzungen der Repräsen־ tantenv er Sammlung der Kampf geführt gegen alles, was wir erstreben, *!!gefangen vom Lehrstuhl für die hebräische Universität, bis zu unseren Schulforderungen und nun unserer Forderung für den Hechaluz. Für uns erhebt sich die sehr ernste Frage, ob eine Beteiligung an diesem Gremium noch einen Zweck hat. Mit einem Starrsinn, der sich allen Argumenten verschließt, wird *lies abgelehnt, was uns am Hemn liegt. Vielleicht sage ich es heute hier zum letzten Male noch: Begreifen Sie, daß 30 WM Menschen in Berlin, Wähler der Volks- Partei, keine quantitf ncgligcable sind! Wir sagen nicht, daß wir morgen schon austreten, aber wir sagen uns: Was ist uns noch diese GemeindeWas sollen wir noch hier, wenn uns letztes jüdisches Bedürfnis unerfüllt bleibt? Ich will, ich kann es nicht mehr hören, daß Hechaluz eine Sache sei, die man aus ״religiösen“ Gründen ablehnt. Die Demarkationslinie ist von den Liberalen gezogen worden. Der Vorstand muß uns sagen, daß wir als Mitglieder der Gemeinde gleichwertig sind. Die Einheit der Gemeinde, die Einheit Israels ist uns tiefstes und letztes Lebensbedürfnis. Dr. Seligsohn (lib.) erklärt, der Antrag Klee sei nicht geschäftsordnungsmäßig, er beantrage Uebergang zur Tages- Ordnung. Der Abgeordneten der Volkspartei bemächtigt sich eine starke Erregung, sie springen von ihren Sitzen auf und rufen, daß eine Annahme dieses Antrages schon jetzt das Ende einer Zusammenarbeit bedeuten würde. Der Vorsitzende der liberalen Fraktion Dr. Kurt Ficis c h e r erklärt, Dr. Klee habe zu dem Antrag bereits das Wort ergriffen und über die Rede Klees soll nicht zur Tages- Ordnung übergegangen werden, er wolle auf diese Rede eingehen, nicht auf einzelnes, sondern auf die Hauptgesichtspunkte. Auf die Frage Klees: ״Was sollen wir noch hier?“ erwidern wir Liberale: Wir achten jede Ueberzeugung, aber verlangen ebenso Achtung für unsere Ueberzeugung, die wir hier für die große Mehrheit der Berliner Judenheit repräsentieren. Die Einheitsgemeinde soll und muß erhalten bleiben. Und sie kann erhalten bleiben, wenn wir Neutralität wahren und jede Ueberzeugung achten. Wir achten auch die nationaljüdische Ueberzeugung, bevorzugen keine Riehtung, in dem Bewußtsein, daß wir in den letzten Zielen einig sind. Gegensätzlich sind wir nur auf dem Wege zum Ziel, und unser Weg führt nicht über nationales Judentumund Palästina. Die Mehrheit der Gemeindemitglieder sieht in der Unterstützung des Hechaluz eine Unterstützung einer P arteibestreb u 11 g, und Parteibestrebungen dürfen wir als religiöse Gemeinde nicht unterstützen. Wir verstehen und anerkennen die Bestrebungen dieser jungen Menschen, aber cs sind nicht unsere Bestrebungen. Ihren 30 000 Wählern setzen wir unsere 50 0O0 entgegen. Dr. Oskar W o I f s b e r g (Volksp.) antwortete aut die Ausführungen Dr. Fleischers: Wir, rief er, können es einfach nicht ertragen, hier hören zu müssen, daß Arbeit für den Hechaluz eine nicht religiöse Angelegenheit, ja eine Sünde wider die Religion sei. Unsere gesamte Arbeit für Palästina ist von religiöser Ueberzeugung getragen. Erhaltung des Volkskörpers ist Voraussetzung für Erhaltung der jüdischen Religion. Wir begreifen nicht, daß in dieser Gemeinde kein Mensch da ist, der euch vor einer solchen Kleingeistigkeit warnt Wenn Sie uns von jeder Arbeit ausschalten, unser religiöses Wollen als i 11 e - gal erklären, uns diffamieren, sö rauben Sie uns jede Freude an der Arbeit in der Gemeinde. Alfred Berger (Volksp.): Ich rede für den Teil der Zionisten, die Nationaljuden schlechthin, ohne religiöse Betonung des Nationalen, sind, die aber ein Recht haben, in der Gemeinde gehört und nicht ignoriert zu werden. Wir wollen, daß ein Zustand geschaffen werde, bei dem nicht euer (zu den Liberalen gewendet) Parteibuch als Richtschnur der Gemeinde dienen soll. Wären wir auch die Majorität, wir würden die Liberalen nie hindern in einer Sache die für sie jüdische Sache Ist Uns aber schaltet man aus der Mitarbeit an den Angelegenheiten der Gemeinde vollkommen aus. Wir bekommen das Bewußtsein, daß unsere Anwesenheit hier sinnlos ist. Beim Hechaluz handelt es sich um jüdische Jugend der Gemeinde. ich sage dem Vorstand: Wenn Sie die Einheit*- gemeinde erhalten wollen, dann sorgen Sic dafür, daß die uns diffamierenden Worte zurückgezogen werden! Bruno Woyda (lib.): Wir erkennen die Berechtigung jeder Anschauung an, hier aber geht es um die Grundaufgaben der Grmeinde. Haben wir außer Hechaluz und Palästina keine ge-!!!einsamen Aufgaben? Halten wir — und gerade heute! ~ in religiöser und sozialer Arbeit zusammen! Eines muß klar sein: Der verflossene Wahlkampf galt eben der Begrenzung des Aufgabenkreises der Gemeinde, der nicht nach dem Willen der Minderheit gezogen werden kann. Es ist nicht Aufgabe einer Einheitsgemeinde, die Grundsätze der Minderheit an zunehmen. Wenn ihr (zur Volkspartei gewendet) jüdisch-national seid, so bin ich deutsch-national. Kammergerichtsrat Wolff (Vorst.) erklärt, der Vorstand werde über den Antrag der Volkspartei beraten und dann zu ihm Stellung nehmen. Prof. Heinrich L o e \v e (Volksp.): Der Gedanke der Einheitsgemeindc wurde schon früher einmal durch die Herrschaft der Liberalen gestört, die durch Nichtbewilligung für die Konsm׳ativen notwendiger Einrichtungen ihre konservativen Gegner zur Gründung der Austrittsgemeinde voranlaßten. Dr. Meyer, der sich der Orthodoxie näher fühlt, als den nationalen Juden, weiß nicht, daß die Orthodoxie durchaus jüdisch-national iT und sein muß. Es gibt kein altüberliefertes Judentum ohne Nation. Wir verlangen vom Vorstand, daß er seine ganze Autorität einsetzt, damit jede Vergewaltigung aufhört. Dr. Max Meyer (lib.): In der Einheitsgemeinde finden die religiösen und sozialen Bestrebungen weitestgehende Beriicksichtigung, während alle anderen Bestrebungen, vom liberalen Standpunkt aus gesehen, existenzberechtigt sein mögen, aber Förderung durch die Gemeinde nicht finden k ö 11!1 e ח . * ln den Bericht der vorigen Nummer, der in der Nacht nach der Sitzung zum Druck befördert wurde, hat sich leider ein Druckfehler eingeschlichen. Der Name unseres Freundes Berger ist zweimal irrtümlich in ,,B eye r“ verdruckt worden. Bedrohung ausländischer Juden ln der Sitzung stellte Moses Goldmann (Volkspartei) die folgende Anfrage an den Vorstand: ״In Verfolg ihrer Sparmaßnahmen hat die Stadt Berlin einer Anzahl!lichtdeutscher jüdischer Familien mitgeteiit, daß ihnen die bisher gezahlten Wohlfahrtszuwendungen in Zukunft nicht mehr gezahlt werden und daß diese Familien bei weiterer Inanspruchnahme des städtischen Wohlfahrtswesens mit sofortiger Ausweisung bedroht seien. Wir fragen an, ob diese Tatsache im Gemeinde- Vorstand bekannt ist und welche Schritte er zu unternehmen gedenkt, um diese Familien zu unterstützen.“ Alfred Berger (Volksp.) berichtete auch über Uebergriffe nachgeordneter Beamter, die Ausländern, die schon lange in Berlin wohnen, die Pässe abfordern und sie so der Gefahr aussetzen, als Paßlose verhaftet zu werden. Er sei überzeugt, daß die Vorgesetzten Instanzen diese Angelegenheiten mit Verständnis behandeln werden. Dr. Oskar Cohn meinte, es seien nicht Polizeiorgane, sondern andere Organe, die eine solche Praxis üben. Kleemann (Vorsitzender des Vorstandes) erklärte, das Wohlfahrt,־- amt der Jüdischen Gemeinde habe bereits in diesen Angelegenheiten Schritte unternommen und werde auf eine günstige Frkdigunp hinarbeiten. - Stinkbomben wich ־ ׳ י Ein »Fall Dehn" fn lerasalen Jerusalem, 11. Februar. (J.T. A.) Die am 10. Februar nachmittags an der Hebräischen Universität Jerusalem abgehaltene Antrittsvorlesung des früheren Oberstaatsanwalts Paläsfinas, Norman Bentwich , der zum Inhaber des Weizmann- Lehrstuhls für internationales Recht und Frieden an der Universität ernannt wurde, ist durch Revisionisten erheblich gestört worden. Die Revisionisten brachen bei Erscheinen von Bentwich in feindliche Rufe gegen ihn aus, warfen Stinkbomben, riefen: ״Nieder mit Bentwich, er möge dem Mufti Frieden predigen 1" usw. Die Störung war von einigen Führern der revisionistischen Jagend, unter ihnen Achi-Mayer, arrangiert worden. Die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency Dr. Arlosoroff, Dr. Hexter und Dr. Berkson, die der Vorlesung beiwohnten, bemühten sich, die wie wild sich gebärdenden jungen Leute zum Schweigen zu bringen. Nachdem der Tumult etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, erschien britische Polizei. Die Revisionisten riefen: ״Entfernt die Polizei aus dem Saale!“ Der Kanzler der Universität, Dr. J. Magncs, versprach, die Polizei zum Verlassen des Saales zu bewegen, wenn die Führer der Tumultuanten sich verpflichten, für Wiedereinkehr der Ruhe zu sorgen. Da aber keine Ruhe eintrat, verhaftete die Polizei schließlich zwölf der Ruhestörer. Bentwich, der diesen Vorgängen ruhig zuschaute, nahm nun die Vorlesung auf und sprach eine Stunde lang über die Aufgabe seines Lehrstuhls. Als er mit dem Vorschlag endete, Jerusalem zum Zentrum der Weltfriedensbewegung zu machen, spendeten ihm die mehr als 600 Zuhörer enthusiastisehen Beifall. Der Kanzler der Universität, Dr. J. Magnes, veröffentlichte nach Beendigung der Vorlesung von Bentwich die folgende Erklärung: ״Ich bedauere mehr als ich sagen kann die Vorlälle, die sich heute Nachmittag aus Anlaß der Antrittsvorlesung des Herrn Bentwich über ,Jerusalem, die Stadt des Friedens‘, ereignet haben- Ich habe sofort eine Untersuchung über Ursache und Urheber der Störung angestellt und kann auf Grund derselben feststellen, daß es sich bei den Störenfrieden nicht um Studenten der Universität handelt, ich erachte es von Wichtigkeit, daß dies der Oeffentlichkeit in Palästina und im Auslande zur Kenntnis gebracht wird.“ Nur mit Widerstreben erfüllt man die Chronisten-Pflicht, einen derartigen Vorfall zur Kenntnis der Oeffentlichkeit zu bringen. Gewiß darf man die Pöbeleien einer ungebildeten Horde verhetzter junger Menschen, die nicht wissen, was sie tun, nicht allzu ernst nehmen. Es ist diesen Demonstranten natürlich auch nicht bewußt, wie schweren politischen Schaden sie dem in hartem politischen Kampf stehenden Zionismus durch derartige Skandalszenen zufügen. Aber was an diesen Vorgängen am meisten verletzt, ist die Assimilation, der Nachahmungstrieb, dieser Wunsch, es den Nationalisten polnischer oder deutscher Hochschulen, die das Wort ״Frieden“ für eine Beleidigung halten, gleichzutun. Man steht hier vor dem Produkt einer politisch-moralischen Ideologie, und man muß als Zionist die Frage stellen, wer für solche Jugender Ziehung verantwortlich ist. Vielleicht werden derartige Vorfälle doch manchen zur Nachdenklichkeit bringen. Es wird Sturm gesät Der altbekannte Spruch, daß man Sturm erntet, wenn man Wind sät, findet gegenwärtig eine unheimliche Steigerung in der maßlosen Hetze, die gerade in den letzten Wochen von den Nationalsozialisten gegen alles Jüdische getrieben wird. Wie die Nationalsozialisten das Entstehen des S a h m - A u s - Schusses begrüßt haben, ging bereits aus den Titel-Ueber- Schriften der betreffenden Artikel in der nationalsozialistischen Presse hervor. Der Berliner ״A n g r i f f“ gab das Stichwort. Fr schrieb: ״Volkswahl von G r ii n f e 1 d bis Salomonsohn“, und der große Chor der nationalsozialistischen Provinzpresse heulte noch kräftiger im gleichen Tonfall mit. Fs scheint, daß die Nationalsozialisten die kommende Reiehsnräsidentenwahl hauptsächlich mit judenhctzerischer Prop a g a n d a bestreiten wollen. Wer Gelegenheit hat, öfter in der deutschen Provinz ״zu hören und zu sehen“, der ist entsetzt von der Stimmung weiter Volkskreise, in welchen sicli im Laufe der Jahre die judenfeindliche Agitation der Nationalsozialisten aosgewirkt hat. Ob man nun an einem Stammtisch von Klein• bürgern in einer kleinstädtischen Gaststube zuhört, oder Ohrenzeuge der Unterhaltung in Bummelzügen ist, oder in besseren Lokalen des Bürgertums Gelegenheit hat, Aeußerungen des Publikums kennenzulernen — immer wieder macht man die gleiche Feststellung, daß eine der wenigen Fragen, in denen die Haltung der großen Masse klar ist, die Judenfeindschaft ist. Die Nationalsozialisten haben nicht nur Wind, sie haben Sturm gesät. Das ist cs, was die deutschen Juden wissen müssen, um sich nicht durch vorübergehende psychologische Erleichtcrungen in Gleichmut wiegen zu lassen. In den Straßen wird jetzt die hundertsoundsovieltc Aufläge des nationalsozialistischen Programms verkauft. Ein Punkt dieses Programms besagt, daß der Grundbesitz enteignet werden soll. Dieser Punkt hat in den agrarischen Anhängerkreisen der Nationalsozialisten Mißfallen erregt, also erfolgte durch Hitler eine ״authentische Interpretation“. Er schreibt: Natürlich versteht man unter ״Enteignung des Grundbesitzes“ nicht die Enteignung der im Sinne des Volkswohls wirtschaftenden deutschen Grundbesitzer, sondern man meint damit die jüdischen Grundstücksspekulationsgesell• schatten. Wo Begriffe und stichhaltige Erklärungen fehlen, da stellt sich der nie versagende Appell an die antisemitischen Instinkte ein, und die Sache ist bereinigt. Leider sind viele Ereignisse in Deutschland, die nicht geradc von der nationalsozialistischen Parteileitung ausgehen, dazu angetan, die Situation der jüdischen Gemeinschaft zu beeinträchtigen. Ein Glied in dieser langen Kette ist das Urteil im Berliner Kurfürstendamm-Prozcß. Seit dem 12. September, dem Tage der antisemitischen Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm, bis zum Urteil des Landgerichtsdirektors Ohnesorge in der vorigen Woche, hat diese Angelegenheit die Entwicklung einer Tragikomödie genommen. Eine Komödie war sic für die Nationalsozialisten, die Führer der Sturmabteilungen und die Exzedenten auf dem Kurfürstendamm, eine Tragödie für die jüdische Gemeinschaft und leider auch für den Geist des Rechtes und den klaren Wortlaut der Gesetze. Wehmütig-ironisch muß man sich sagen, daß cs ein Glück ist, daß dieser Prozeß nicht noch durch weitere fünf Instanzen gehen kann, weil es so viele Instanzen nicht gibt. W'ärc das möglich, so würden schließlich die überfallenen und grundlos mißhandelten jüdischen Passanten des Kurfürstendamms als die Schuldigen verurteilt werden. Es geht nicht so sehr um die zuletzt verhängten Strafen und Freisprüche, als vielmehr um die Art, wie dieser Prozeß In der letzten Instanz geführt und wie schließlich das erflofsene Urteil begründet wurde. Mit ״ "Z" "V'' Verhandlung betont, daß von deutschen Gerichtsstellen zweierlei Einstellungen gegenüber Ausschreitungen betätigt werden. Handelt es sich nicht um Nationalsozialisten, so werden Faustschlage vom Gerichte versetzt. Handelt es sich aber um Nationalsozialisten, zumal in sogenannten Judenprozessen, dann begniigt sich das Gericht mit einem Backenstreich. (Man darf nicht vergessen, daß das Wort streicheln etymologisch von Streich stammt.) Der Kurfürstendammprozeß wird, wenn das Reichsgericht dem Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft stattgeben sollte, noch einmal zur Verhandlung gelangen. Kein Mensch kann voraussagen, in welcher politischen Atmosphäre und unter welchen politischen Gegebenheiten das vor sich gehen wird. Der bisnerige Verlauf dieser Affäre hat jedenfalls antisemitische Unternchmungslust nicht nachhaltig zu zähmen vermocht. s. n. Der Sohar In deutscher Sprache Dr. Ernst Müller, der bereits seit mehreren Jahren als Lfebersetzer verschiedener Abschnitte des Sohar in die deutsche Sprache bekannt geworden ist, hat soeben einen starken Band gesammelter Sohar-Uebersetzungen erscheinen lassen. Die Bedeutung eines solchen Werkes kann gar nicht genügend hoch eingeschätzt werden. Ist doch das Wort ״Kabbala“ in aller Munde, ja es wird sogar häufig durch allerhand Tagespolemik und Zeitungsschreiberei geschleift, aber man kann wohl ruhig sagen, daß es wenige Dinge gibt, bei denen die Menschen, die das Wort gebrauchen, von dessen wahren Sinn so wenig ahnen, wie dieses. Müller hat bereits vor Jahren ein aufschlußreiches Buch über Wesen, Komposition und Gedankenwelt des Sohar (im Verlag R. Löwit, Wien) erscheinen lassen. Nunmehr wird durch seine Uebersetzung zum erstenmal einem weiteren deutschlesenden Publikum Gelegenheit geboten, in das merkwürdige Werk selbst, das auf die Entwicklung des Judentums einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hat, Einblick zu nehmen. Dieses Buch hat seinen festen Platz und einzigartigen Rang in der jüdischen Geistesgeschichte. Es hat auch außerhalb des Judentums schon vor Jahrhunderten die Geister auf das tiefste erregt. Die Kabbala hat bekanntlich führende Geister der Renaissance inspiriert und auf mystisch-philosophische Lehren auch außerhalb des Judentums starken Einfluß gehabt. Später, beim Vordringen der Aufklärung, wurde sie außerhalb des Judentums ebenso wie innerhalb des Judentums heftig umkämpft. Aber nicht nur wegen seiner historischen Bedeutung ist das Buch Sohar für uns wichtig, nicht nur als ein Quellenwerk zum Verständnis der jüdischen Geistesgeschichte, sondern es wird durch seine Gedankentiefe und seine politische Schönheit vielen Lesern auch heute unmittelbare Erleuchtung und Er- Hebung gewähren. Die Uebertragung ist ein Meisterwerk der llebersetzungskunst. Die grundlegenden Soharstellen sind stoftlieh in sieben Abschnitte gruppiert, alle vorkommenden Bibelstellen sind am Rande nachgewiesen. Die Ausgabe ist mit Anmerkungen versehen, in denen unter anderem die Buchstaben- und Zahlenmystik sowie Beziehungen zur modernen Geheim- Wissenschaft behandelt sind. Zwei genaue Indices ermöglichen die ,inhaltliche und textliche Uebersicht und Benützung. Die Zeichnungen für den Buchschmuck hat der bekannte Graphiker Uriel Birnbaum entworfen. Das Werk, das 40S Seiten umfaßt und 20,— M. kostet, ist im Verlag Dr. Heinrich Glanz, Wien Vlll, erschienen. Wir werden uns noch eingehender damit zu befassen haben. Jerusalem, 10. Februar. (J. T. A.) 111 Tel-Awiw verstarb im Alter von 78 Jahren der jiddische und hebräische Schriftsteller Ben Ami (Mordechai Rabinowitz),

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