Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1932)
- Date
- 1932-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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N,r. 12, 12. 1932 .ח JÜDISCHE RÜND’SCHÄU Seite 57 Deutsch ״ jüdische Tragik Zur Vorbereitung der Reichipr&tldenienwahl Die letzten Vorgänge in der deutschen Politik sind so recht danach angetan, die Problematik des deutschen Juden- Problems empfinden zu lassen. Deutschland und mit ihm die ganze Welt macht schwere Tage durch. Wir leben in einem Jahre, das wahrscheinlich Entscheidungen von ungeheuerlichster Tragweite für die ganze abendländische Kultur bringen wird. Es ist selbstverständlich, daß jeder mit offenem Herzen und offenen Sinnen lebende Mensch in intensivster Weise an allen Vorgängen des öffentlichen Lebens teilninimt und das Bedürfnis hat, Stellung zu nehme n und ein zugreifen. Es ist sehr schwer, die Einsicht in die Zusammenhänge der Dinge, die man sich hei aufmerksamer Beobach* tungg und leidenschaftlichem Mitempfinden des geschichtlichen Rhythmus der Tage erworben zu haben glaubt, zu Unfruchtbarkeit zu verurteilen. Aber wir stehen in der paradoxen Situation, daß Worte und Programme, in bester Absicht und Gesinnung geäußert, häufig eine ganz andere Wirkung haben als durch ihren Inhalt vorgezeichnet scheint, weil die Menschen, die sie äußern, in einer Situation stehen, die von vornherein ihre Stellungnahme entwertet. Es ist daher auch im politischen Leben heute nichts so sehr erforderlich als Selbstkritik. In den großen internationalen Konflikten, in denen der einseitige Nationalismus triumphiert und die Anbahnung jeder Lösung verhindert, vermissen wir dieses Element der Selbst- Kritik bei den einzelnen Völkern. Aber wenn wir nun von dem Volk sprechen, das uns am unmittelbarsten angeht, von den Juden, so muß einmal in aller Offenheit gesagt werden, daß es auch bei Juden, die heute z. B. im öffentlichen Leben Deutschlands hervortreten, oft an der elementarsten Selbstkritik mangelt. Wir glauben, daß viele Juden und insbesondere Zionisten diesen Zustand auf das peinlichste empfinden, aber wegen der Not der Zeit, die das Judentum der schwersten Prüfung aussetzt, dazu schweigen. Auch uns liegt cs fern, eine Kampfstellung hier einzunehmen; aber wir halten es für erforderlich, einmal an einem Beispiel die Situation der deutschen Juden in der Politik offen zu besprechen. Im Mittelpunkt der deutschen Politik steht heute die Wahl des Reichspräsidenten. Die Vorgänge sind allgemein bekannt und brauchen hier nicht beleuchtet zu werden. Der Versuch, eine deutsche Einheitsfront für Herrn von Hindenburg zu schaffen, ist zunächst gescheitert. Alle, die eine schwere Erschütterung des staatlichen und damit auch des persönlichen Lebens nicht wünschen und bei halbwegs stabilen Zuständen einen allmählichen Uebergang zu der unvermeidlichen Neuordnung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse erstreben, erblicken in dem gegenwärtigen Reichspräsidenten die stärkste Stütze einer giinstigeren Entwicklung für Deutschland. Ebenso müssen wir aber auch verstehen, daß Elemente, die andere Programme und ein ganz andersgerichtetes politisches Ziel haben, nicht derselben Meinung sind, und es ist daher nicht so verwunderlieh, wie es von der liberalen Presse dargestellt wird, daß z. B. die Nationalsozialisten nicht ohne weiteres für eine solche Stabilisierung der Verhältnisse zu gewinnen waren, obwohl vielen von ihnen vielleicht mit Rücksicht auf die historische Person des Feldmarschalls diese Stellungnahme aus persönlichen Gründen erschwert wurde. Das Eintreten Hindenburg» für Stabilität ist eine gewaltige Stärkung des verfassungstreuen Teiles des deutschen Volkes. Aber zu Hohn und Ironie der Gegenseite gegenüber ist bei dieser ernsten politischen Frage kein Anlaß. Was nun die Jude n betrifft, so ist es selbstverständlich, daß bei der heutigen Sachlage, wo als Gegen- Kandidat gegen Hindenburg nur ein Nationalsozialist in Frage kommt und wo die Person Hindenburgs vielleicht die einzige Sicherung gegen eine nationalsozialistische Reichsleitung ist, die Juden für Hindenburg eintreten. Sie tun dies angesichts des rabiaten Antisemitismus und der unverhüllten Drohungen der Nationalsozialisten aus einem gesunden und berechtigten Gefühl der Selbstbehauptung. Niemand zweifelt daran, daß im Falle einer Reichspräsidenten-Wahl dieser Art die Juden geschlossen für Hindenburg stimmen werden. Aber sobald man von jüdischer Seite über diese Sache zu reden beginnt, verändert sich das Bild vollständig. Wenn nun gerade Juden es sind, die mit so großer Ueberschwenglichkeit Hindenburgs deutsche Vorzüge preisen, so entwerten sic nur die Bemiihungen, die auf die Wiederwahl des Reichspräsidenten gcrichtet sind. Angesichts der Lage werden viele Staatsbürger und darunter auch viele Juden bedauern, daß der von Oberbiii germeister Sahm nach so langen Bemühungen gebildete Ausschuß, als er an die Oeffcntlkhkeit trat, zunächst noch so wenig repräsentativ für weite Schichten des deutschen Volkes war. Man steht erschüttert vor dieser geschichtlichen Wendüng und vor der gewaltigen geistigen Umwälzung, die sich, getragen von der jüngeren Generation, in Deutschland heute vollzogen hat. Aber die Lage wird nicht verbessert, sondern beträchtlich verschlechtert, wenn mm gerade die als ״Judenpresse“ be/eichneteii Organe so tun, ah ob der einzig mögliche Patriotismus nur auf ihrer Seite wäre und als ob sie diejenigen Schichten repüisenfirrten, die Fleisch vom Fleische Hindenburgs sind. Wenn etwas geeignet ist, die Chancen Hindenburgs beträchtlich a b z u s c h w ä c 11 e n , dann ist es dieses jüdische I; i 111 r e t e 11 für ihn. Bei dem heutigen Geisteszustand des־ deutschen Volkes können Juden diesen Oesichtspunkt nicht außer acht lassen. Ebenso sind übrigens auch heute nicht Juden die berufenen Kritiker oder Gutachter für die Frage, ob Hitler die deutsche Staatsbiirgcrschaft zustcht oder nicht. Hier zeigt sich eben die Tragik der J u d e 11 f r a g e. Denn die Juden, die in der deutschen Politik bestimmte Anschauungen vertreten mul z. B. für Hindenburg eintreten, sind ehrlich überzeugt, zum echten Wohle des deutschen Volkes zu handeln. Wahrscheinlich ist dies auch objektiv richtig. Aber dadurch, daß sie diese ihre (richtige) Meinung vertreten, wird die Meinung falsch. Sie verwandelt sich in etwas anderes. Denn nicht nur abstrakte Argumente gelten in der Welt der Politik, sondern die großen Zusammenhänge von Kräften und Gruppen, das Aufdcnplantreten bestimmter so oder so abgestempelter Faktoren. Naturlieh ist cs läch’erlicher Unsinn, wenn nationalsozialistische Blätter heute zwischen den Zeilen über Hindenburg als den ״Kandidaten der Juden“ spotten. Aber an dieser Situation, die nicht erfreulich und nicht zum Heile des deutschen Volkes, auch nicht zur Stärkung der Position Hindenburgs beiträgt, sind Juden mitschuldig; oder vielmehr nicht Einzelne sind schuldig, sondern die ganze Situation bringt zwangsläufig dies Ergebnis zutage. Denn man muß anerkennen, daß Juden, dort wo sie auf exponiertem Posten im deutschen Leben stehen, gar nicht anders handeln können; und das Ergebnis ist, daß ihr Auftreten die von ihnen vertretene Sache diskreditiert. Aber nicht nur aus diesem Grunde wäre eine Zurück- Haltung von Juden zumindest dort am Platze, wo keine Nötigung zu Deklarationen besteht, wie 1. B. in jüdischen Organisationen; auch aus Gründen des Geschmackes und der Würde müßten sie sich eine gewisse Reserve auferlegen. Wie schon erwähnt, zweifelt niemand, daß bei einer Wahl die Juden für Hindenburg stimmen würden. Aber der Kampf um natiotiale Symbole, der zwischen Hindenburg und den anderen rechts und ganz rechts stehenden Kreisen heute in unterirdischem Ringen ausgetragen wird, ist derart, daß die jüdische Stimme dabei schweigen muß. Es steht außerhalb der Macht der Juden, durch öffentliche Diskussionen hier Entscheidungen mitzuformen. Dieser Zustand mag für viele Juden, die wissen, daß es um schwerwiegende Dinge, auch um ihr eigenes Schicksal, aber auch um Weltprobleme geht, schwer zu ertragen sein. Aber in dieser Problematik offenbart sich eben das Wesen der Judenfrage. Unter I gn-orie- «r»n g d er Juden frage mit ahnungsloser Naivitat heute als Jude in der Politik agieren zu wollen, ist eine Selbsttäuschung, die kaum begreiflich ist und jedenfalls zu andersgeartetenErgeb11issenfü!1rt,alsdcrAbsichtderhetreffenden Personen oder Gruppen entspricht. So schwer es fällt, für uns Juden bleibt nichts anderes übrig, als auch in solchen Momenten aus einer ehrlichen Besinnung auf unsere eigene Lage von neuem Erkenntnisse in die Tiefe der Judenfrage zu gewinnen. Dieser Gewinn ist der einzige, den uns die Betrachtung der heutigen Verhältnisse bringen kann, und die Einsicht, die wir — nach dem Irrtum eines Jahrhunderts — in diesen bitteren Tagen erwerben, kann uns befähigen, unsere Kräfte zu einem großen positiven W e r k zu sammeln, das allein die unerträgliche und tragische Situation des Galuth überwinden kann. Martin Buber sjWolk wund [Lamäl66 Bachsaal, 27. II. Das Helldorf-Urteil Das Urteil in dem Prozeß gegen die wegen des Ueberfailes arn Rosch Haschanali angeklagten Nationalsozialisten ist so ausgefallen, wie man nach dem schleppenden Verlaut des Prozesses erwarten konnte. In dieser bewegten Zeit, wo taglieh neue Eindrücke und neue Probleme auf die Menschen einstürmen, liegt es nahe, daß eine Angelegenheit, die fünf Monate zurückliegt, allmählich das Interesse verliert und der unmittelbare Eindruck verblaßt. Auch liegt es nahe, daß bei einer Massenaktion, bei der viele Hunderte uniformierter Personen beteiligt waren, es im Laufe der Zeit immer schwerer wird, die einzelnen Täter zu agnoszieren und juristisch vollgültig nachzuweisen, daß gerade diese Person sich ganz bestimmter Taten schuldig gemacht hat. Für die jüdische Öffentlichkeit Ist auch die Strafe, die dieser oder jener jugendliche Dernonstrant zugemessen bekommt, von sekundärem Interesse. Worauf es ankommt, ist die G e s a m t b e u r t e i f ti n g dieser Vorfälle und die Art und Weise, wie man damit ins Gerieht geht. Vor allem ist natürlich die Frage der Organ is i e r 11 n g und Leitung des Ueberfalles auf J u - den von Bedeutung. Niemand kann doch ernstlich glauben, daß Hunderte vor! Nationalsozialisten rein ,.zufällig“ am 12. September auf den Kurfürstendamm kamen und dort spontan die aus der Synagoge kommenden Juden attackierten. Irgend jemand muß doch diese Aktion organisiert haben. In diesen entscheidenden Punkten hat das Gericht versagt. Es kam zu dem Ergebnis, daß den Führern der beteiligten S.A., Grafen Helldorf und seinen Adjutanten, die Leitung der Aktion nicht nadigevvieseu werden kann. Wer aber hat den Ucbcrfall organisiert? Wir haben hier nicht in juristische Argumente einzutreten, zumal da uns der Wortlaut des ganzen Urteils noch nicht vorliegt. Wir haben nur die politische Wirkung abzuschätzen. Und da muß leider gesagt werden, daß das Urteil in hohem Maße das Verhalten jener Nationalsozialisten rechtfertigt, die sich während der ganzen Verhandlung über das Gericht und den Prozeßgegenstand offen lustig gemacht und diese Art der Ahndung schwerer Roheitsakte verspottet haben. Das Gcrieht findet zwar, was freilich das mindeste war, was in einem noch geordneten Rechtsstaate von ihm erwartet werden müßte, Worte der Mißbilligung für die L/eberfälle de-12 ־. September, aber es kleidet diesen Tadel in verhältnismäßig milde Worte und läßt es auch an Entsclmldigungsgründen für die jungen Leute nicht fehlen, ohne der Kernfrage, wessen Werkzeug diese Jugendlichen waren, ernstlich zu Leibe zu gehen. Wenn wir uns die Frage vorlegen, ob dieses Urteil eine nachhaltige A b s c 11 r e c k u 1! g s w i r k u n g gegen die Wiederholung ahn- Iichcr Exzesse besitzt, so muß man leider etwas skeptisch sein. Da in dem Prozeß Revision eingelegt wurde, so wird sich die endgültige Erledigung der Angelegenheit wohl noch einige Zeit hinziehen. Kapltalisten-Visen für Palästina. Das Berliner Palästina- Amt teilt mit; Ab 8. Februar hat das englische Konsulat in Berlin dicht mehr die Möglichkeit, Visen für Kamitalistep, die den Einwanderungsbestimmungen entsprechen, an Ort und Stelle zu genehmigen. Jeder Antrag auf Kapitalistenvisum muß daher mit den nötigen Unterlagen versehen nach Jerusalem zur Erledigung geschickt werden. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, daß eine generelle Herabsetzung des notwendigen Kapitals von £ 1000 bisher noch nicht erfolgt ist. Zum Antrag für ein Kapitalistenvisum ist nach wie vor der Nachweis von £ 1000 frei disponibel in Palästina notwendig, nur in Ausnah metallen kann eine geringere Summe als ausreichend erklärt werden. Der Senat der Universität Wilna hat nach Ab- Schluß der Untersuchung über die antisemitischen Universitätskrawallc im November v. J. zwei christliche Studenten aus der Universität dauernd verwiesen, einen dritien für zwei Semester ausgeschlossen und einer Reihe anderer Studenten, unter ihnen einem Juden, den Tadel ausgesprochen. um die Protektion des auf dem Gipfel des Ruhmes stehenden Meyerbeer beworben, diese Protektion wurde ihm auch reichlieh zuteil; als Dank für eine Empfehlung, die Meyerbeer ihm an den Leiter der Berliner Oper mitgab, schreibt Wagner z. B.: ״Gott mache Ihnen jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auge nie mit Kummer, dies das aufrichtige Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schülers und Dieners R. W.“ Zahlreiche Dokumente, die auf diesen überschwenglichen Fon gestimmt sind, befinden sich in Meyerbeers Besitz, und als einige Jahre später Wagner, der ganz zu unrecht Meyerbeer als seinen Rivalen zu betrachten beginnt, ihn auf das heftigste persönlich verunglimpft, schweigt Meverbeer, läßt allerlei leicht widerlegbare Verleumdungen auf sich sitzen, und macht niemals von diesen Briefen, durch die er Wagner hätte lächerlich machen können, Gebrauch. An einer Stelle zitiert Kapp aus einem Brief Meyerbeers, den dieser am 20. Oktober!837 unter Bezugnahme auf die damals gegen die ״Hugenotten“ gerichteten Angriffe geschrieben hatte, folgenden Satz: ״Ich habe es mir seit Jahren zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht, nie persönlich auf Angriffe gegen meine Arbeiten zu antworten und persönliche Polemik unter keiner Bedingung weder zu veranlassen, noch zu erwidern.“!oder־ Vorurteilslose wird daher zu: timnien müssen, wenn Kapp folgendermaßen resümiert; ״In ihrem gegenseitigen rein menschlichen Verhalten stehen Recht und Vornehmheit unbestreitbar auf seiten Meyerb e e r s , während Wagner sich ihm gegenüber von Anfang an ziemlich taktlos und wenig anständig benommen fiat.“ Dieses Urteil ist bemerkenswert; es ist eine Art Rehabilitierung in einem der berühmtesten Fälle antijüdischer Irreführung der öffentlichen Meinung. # Kapp ist keineswegs blind gegen Meyerbeers künstlerische Schwächen, die er in seinem Buch rückhaltlos enthüllt. Daß er aber trotzdem die Persönlichkeit und ihr Werk bejaht, geht schon daraus hervor, daß er nicht nur dem Mann eine liebevolle, ins einzelne gehende Monographie widmet, sondern auch sein Werk für die heutige Zeit zu erneuern versucht. Wir haben hier am 22. Januar vorausgesagt, daß die Neu-Einstudierung der ״Hugenotten“ einer der größten Theatererfolge des Jahres sein wird, und diese :;! Wartung wurde bestätigt. Julius Kapp hat das Werk durch starke Eingriffe umgebaut, er hat die Uebersetzung an vielen Stellen erneuert, die Handlung straffer zusammengelaßt und an zwei Stellen Stücke aus anderen Kompositionen Meyerbeers eingefügt. Diese große und unzweifelhalt für die Aufführung vorteilhafte Arbeit hat zu dem Erfolg sicherlich wesentlich beigetnigen. Es ist liier natürlieh nicht der Ort, über Einzelheiten zu rechten, z. B. ob alle Striche notwendig waren oder ob das fünfte Bild den Aufwand lohnt, dagegen ist das sechste Bild, die R.irtho'omänsnacht, unzweifelhaft ein Gewinn. Für das zynische Zeitalter des europatschen Vormärz waren auch diese Schrecken nur Theater, Kapp erwähnt in seinem Buche das Bonmot Friedrich Wilheim IV. über die ״Hugenotten“: ,.Kadiai'kvi und Protestanten schneiden sich die Hälse ab und der Jud macht die Musik dazu.“ Wir heute sehen diese Dinge wieder etwas ernster an, und vielleicht begreifen wir, warum gerade dieser Stoff den Juden unheimlich anzog. So ist denn auch der vierte Akt mit der faiiatisierenden Schwerterweihe und d1י •׳ fo'gcnden Duett (Zwiespalt zwischen Liehe und Pflicht) nicht mir der musikalische Höhepunkt, sondern auch von seltsam!•!■ Lebensnahe. Die Staatsoper hatte einen ״großen Tag“ und hat atisverkaufte Häuser. Wie stark das Werk in der Kappsehen!11szeniertuig wirkt, zeigt sich daran, daß selbst ohne überragende Sänger der Erfolg sich einstellte, obwohl Kapp schreibt, es bedürfe unbedingt der Stars und der Ritter vom hohen C. (Wandel der Zeiten, daß Slezak, vor 20 Jahren der unvergleichlichste Raoul, in Berlin auf einer Operettenbühne singt, während die ״Hugenotten“ aufgeführt werden!) In den Herr n Wittrich und List und den Damen Konetzni (bzw. de Strozzi) und Per ras hat übrigens das StaaKtlieatcr unter Blechs (Zweigs) Führung ein durchaus verläßliches u׳D stimm e!:b1:es Hugenotten-Ensemblc, wenn auch ohne ,,hohes C“ beim Fenster- Sprung. Mi. Wa. lieber zwei indische Dichter in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sprach Julius Ba.b über ״Arthur Schnitzler und Georg Hermann". Den goethefesteu Redner schreckte diesmal Goethes Warnung.vor Vergleichen zweier Dichter nicht; anstatt sich zu freuen, ,.daß wir zwei solcher Kerle haben“, unternahm er es mit kühnem Mut, zwei Brüder aus ihnen zu schaffen, ohne freilieh ihre Unterschiede zu verkennen. Beide sind ihm Vertreter der Generation um die Jahrhundertwende, die, unsicher in sieh ״leichtsinnig und melancholisch“ die Vorboten neuer Zeit spürt; aber Arthur Schnitzler ist der Vertreter der alten, todesnahen Barockkultur Wiens — Georg Hermann dagegen der Sprecher Berlins mit ab seinem Tumult und Zukunftswillen. —־ Der Vortrag Julius Babs, dessen Wortkunst wir schon manchmal höher werteten als aa diesem Abend, endete da, wo er — zumal in diesem Kreise und an dieser Stätte — hätte beginnen müssen; bei dem Judentum der beiden Dichter. Gewiß, auch Bab leugnet nicht, daß bei beiden .,das Judentum“ — richtiger wohl: das Jude-Sein, die jüdische Eigenart -־ bestimmenden Einfluß auf ihr Werk hatte. Erst dadurch gewinnen sie die Distanz zu dem Stoft, der sie beide befähigt, ״Spiegel und die abgekürzte Chronik“ einer Stadt, einer Zeit, einer Kultur zu werden. Aber es muß den unbefangenen Hörer stutzig machen, daß so bezeichnende Werke in Schnitzlers Entwicklung wie ״Professor Bernhardi“ und ״Fräulein Else“ — das eine zeigt den Juden im Kampfe mit der Umwelt, das andere schildert meisterhalt (viei gegenwartsnaher als der verblaßte Leutnant Gustl) die Brüchigkeit einer modernen jüdischen Familie — überhaupt nicht erwähnt werden. Gewiß, Bab erkennt die besondere Tragik in Schnitzlers Leben, die aus diesem Leben und Tode fast em Schnitzlersches Gedicht macht. Aber er verschweigt die bittere Pointe dieses Gedichtes: daß — worauf an dieser Stelle gleich nach seinem Tode mit Recht hingewiesen wurde — ahe Tragödien dieses Lebens dort beginnen, wo der Held den jüdischen Mutterboden verläßt — in seiner Ehe, im ״sinnlos schrecklichen“ Ende der mit einem Christen vermählten Tochter: wie der Antäus der griechischen Sage, der den feindlichen Mächten erliegt, sobald er der Berührung mit der Mutter Erde verlustig geht. . . . Erst ein Blick hierauf enthüllt die ganze Tragik dieses Wiener Judenlebens. Eher noch wird Bab Georg Hermann gerecht — als ein Berliner Jude dem anderen; dem Schilderer der Alt-Berliner Kultur, die doch eigentlich Kultur der Berliner Juden ist, Jet♦- chen Geberts und aller der Ihren. Aber auch hier vermißt man mit Befremden jenes sehr bezeichnende Selbstbekenntnis Georg Hermanns, er wisse selbst nicht, wie es gekommen sei, dab er eigentlich immer nur Juden gezeichnet habe, obwohl er von jüdischen Dingen der Vergangenheit wie der Gegenwart blutwenig oder nichts gewußt habe. . . . Und am wenigsten gerecht wird er der — Berlinischen oder jüdischen? — Erneuerungsfähigkeit dieses Dichters, der da selbst unter den Zuhörern sitzt, sich schmunzelnd als Vertreter der absterbenden Generation kennzeichnen hört; und dabei doch mitten in einem neuen großen Werk steckt, das hott entlieh bald zeigen wird, wie er Juden und Christen der Nachkriegszeit noch ebenso scharf sieht und ebenso packend zu gestalten weiß wie einst die Berliner jüdische Kultur ״aus abgelebten Zeiten“, ... B. B.-S. :Ä