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Jüdische Rundschau · 1932-02-12 · Heft 12 (12.2.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 12 (12.2.1932)
Date
1932-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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t Seite 56 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 12, 12. II. 1932 wenn ihm nicht die Mehrheit der Reprisent ante ח der betreffenden Gemeinschaft zustimmt. 14. Alle aus irgendeinem Interessen- oder Meinungskonflikt sich ergebenden Fälle werden einem besonderen von der Renierung Palästinas einzusetzenden richterlichen Triburtal unterbreitet; eine Berufung kann an den V ö I - k e r b u n d nur hinsichtlich der juristischen Seite geleitet werden. 15. Palästina wird Mitglied des Völkerbundes unter den gleichen Bestimmungen wie der Irak. 16. Die Verfassung des jüdischen Distriktes hat die gleiche bindende Kraft wie die Gesamtverfassung Palästinas und kann nicht abgeändert werden. 17. Die Palästina-Verfassung wird nach den Richtlinien der Selbstverwaltung entworfen, die Macht liegt in den Händen der gewählten Volksvertreter. 18. Die Araber und die Juden werden ihrer Bevölkerung gemäß vertreten sein, wobei durch gegenseitige Zustimmung hinreichend normierte Bürgschaften für jü• dische Interessen festgesetzt werden. 19. Sache der Round Table-Konferenz wird es sein, die provinziellen und die zentralen Angelegenheiten zur Erleichterung der Administration voneinander zu trennen. 20. Das Problem Jerusalem bleibt das schwierigste. Eines ist klar: Jerusalem muß die Hauptstadt Palästinas bleiben. Die Lösung ׳,ieses Problems muß Gegenstand einer besonderen Ueberlcgung sein. Aegypten senkt die Zölle Sidki Pascha in Jerusalem Jerusalem, 10. Februar 1932. (J. T. A.) Der ägyptische Ministerpräsident Sidki Pascha ist in Begleitung mehrerer führender Mitglieder seiner Partei zu einem kurzen Besuch in Jerusalem eingctroffen. Sidki Pascha wurde vom High Commissioner im Regierungshaus feierlich empfangen. In der Begrüßungsansprache knüpfte Wauchope an seine Gespräche mit Sidki Pascha bei seinem letzten Besuch in Kairo an und wies darauf hin, daß die notleidenden palästinensischen Landwirte durch die ägyptischen Zölle tun einen Teil des Ertrages ihrer Arbeit gebracht werden. Sidki Pascha feilte in seiner Antwortrede mit, daß die ägyptische Regierung die Zölle für palästinensisches Obst für die Zeit vom 1. April bis 31. Oktober 1932 um 50 senkt. Diese Mitteilung wurde in Palästina freundlich aufgenommen. Dem Empfang Sidki Paschas im Rcgicr1m״shaus wohnten Vcrtreter aller Religionsgemeinschaften Palästinas bei. (Daß Aegypten die für Palästina unerträglichen Prohibitivzölle herabgesetzt hat, ist sehr erfreulich, freilich ist zu bedauern, daß dies nur für die für den Orangenexport minder wichtigen Sommermonate geschah. Auf die Wichtigkeit dieser Frage für die palästinensischen Orangenpflanzer wurde in der ״Jüa. Rundschau“ wiederholt hingewiesen. — A. d. R. ״J.R.“) Weizmann in Südafrika Kapstadt, 10. Februar. (J.T. A.) Dr. Chaim Welzmann traf am 9. Februar in Kapstadt ein. Ehe Jüdische Gemeinde in Kapstadt bereitete ihm einen sehr warmen Empfang. Am 9. Februar besuchte Dr. Weizmann in Begleitung von Dr. Alexander Cloidstein den Premierminister General nertzog find de« früheren Premierminister General S m u t s. Beide erneuerten den Ausdruck ihrer Sympathie für die zionistische Sache und wünschten Dr. Weizmann und Dr. Goldstein besten Erfolg in ihrer Keren Hajessod-Kampagne, die jetzt beginnen soll. Der Lehrerstreik beendet Jerusalem, 10. Februar. (J. T. A.) Der Verband der hebräischen Lehrer Palästinas hat beschlossen, die vom Waad Leunu gemachten Vorschläge, betreffend die Beilegung der Differenzen zwischen den hebräischen Lehrern und der Exekutive der Jewish Agency, anzunehmen und den Lehrern zu empfehlen, den Unterricht in den Schulen sofort wieder aufzunehmen. Nachdem infolge des Lehrerstreiks die Schulen mehr als vier Wochen lang geschlossen waren, wurde am Mittwoch. dem 10. Februar, der Unterricht an allen Schulen wieder aufgenommen. Von den Streitfragen blieb eine einzige noch unbereinigt, nämlich die Frage, ob auch für die Streikperiode die Lehrergehälter zu zahlen sind. Die Entscheidüng hierüber blieb einem späteren Termin Vorbehalten. Halbe Maßnahmen? Zur Frage der Steuerreform (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl, Tel-Awiw, Anfang Februar. Eine Reform der landwirtschaftlichen Steuern in Palästina steht auf der Tagesordnung. Die Notwendigkeit einer Reform liegt seit langer Zeit auf der Hand. Es ist oft als ein Zeichen für die Langsamkeit der Mandatsregierung angeführt worden, daß sic die alten türkischen Steuergesetze mit relativ geringen Aenderungen in Kraft ließ, während sie in der neuen Türkei bereits längst abgeschafft bzw. modernisiert waren. Gegenwärtig, wo im Zusammenhang mit dem Landentwicklungsplan die gesamte Agrarfrage diskutiert wird, ist auch das Steuerproblem von neuem akut geworden. Die Regierung ernannte eine Kommission, um Vorschläge zu machen. Ihr Vorsitzender war anfänglich French, der jedoch später zurücktrat und durch Abratnson, den Chef des Bodendepartements, ersetzt wurde. Das Gutachten der Kommission ist dann arabischen und jüdischen Landwirten zur Aeußcrung vorgelegt worden, und es werden zurzeit Verhandlungen über eventuelle Abänderungen der Kommissionsvorschläge geführt. Was bisher im Laufe von mehr als einem Jahrzehnt auf dem Gebiet der Steuerreform geschehen ist, kann nur als ungenügendes Fliclcwerk betrachtet werden. Die Steuergeschichte nach dem Kriege läßt sich in wenigen Sätzen wiedergeben. Zur Türkenzeit wurde der größte Teil des Budgets durch eine Ertrags- und eine Bodensteuer (Oscher und Werko) aufgebracht. Der .Oscher umfaßte den zehnten Teil des Bruttoertrages und wurde in natura eingezogen. Der erste Schritt der Engländer bestand in einer Umwandlung dieser Abgabe in eine Geld- Zahlung. Damit wurde auch — ein großes Verdienst der Administration, das vielleicht nicht nach Gebühr gewürdigt worden ist —- der willkürlichen Ausbeutung des Fellachen durch den Steuereinnehmer und Dorfältesten ein Riegel vorgeschoben. Ein weiterer Schritt war die Festlegung einer Durchschnittssummc für mehrere Jahre, die die jährliehe Einschätzung ersparte. Es sollte damit eine immer wiederkehrende willkürliche Schätzung der Ernte vermieden und der Regierung eine Berechnung der Einnahmen für eine längere Zeit ermöglicht werden. Die Engländer mußten aber sehr bald einsehen, daß es nicht genügte und daß gerade die Festsetzung der Steuer auf mehrere Jahre die Situation noch verschlechterte. Denn unterdessen hatte sich die Lage des palästinensischen Weizenbauers, die ohnedies niemals glänzend gewesen war, katastrophal verschlechtert. Bereits in normalen Zeiten auf ein niedriges Lebensniveau, de facto fast auf das Existenzminimum heruntergedrückt, traf er jetzt auf die unüberwindliehe Konkurrenz der großen, mit modernsten Maschinen produzierenden Weizenländer und war unfähig, dagegen autzukommen. Durch den Sturz der Getreidepreise wurde der Oscher völlig untragbar. Er war nach den Preisen von 24 —28 kontingentiert worden und konnte von dem Einkommen von 30—31 unmöglich erhoben werden. So erließ die Regierung 1930 30 «/» der Steuer und mußte 1931 auf weitere 20»/* * verzichten. Trotz alledem stellte eine Regierungskommission fest, daßderFellache noch nach der Reduktion 19 °/0 seines Einkommens abgeben muß. Schließlich versuchte man es noch mit einem anderen Palliativ, das sofort von verschiedensten Seiten heftig kritisiert wurde und sich auch in der Tat als nutzlos erwies — man griff zu dem heute so sehr beliebten Mittel des Schutzzolls und belegte das Importgetreide mit Zoll. Da jedoch die Grenze nach Syrien und Transjordanien offen blieb und von dort große Mengen eingeführt werden konnten (Hauran!), blieb dieses Mittel unwirksam und erhöhte nur die Lebenskosten, die ohnedies hoch genug waren. Die Verhältnisse lagen also trotz Umwandlung des Oscher, trotz seiner temporären Reduktion um 5 «/״ und trotz Zollschutz so verzweifelt wie nur je, und man fing wieder von neuem an. Es war nun schon durch die verschiedenen Berichte — Hope Simpson, Johnson-Crosbie — klar geworden, daß hier ein Grundproblem der palästinensischen Wirtschaft vorlag, das einen sehr hohen Prozentsatz der Bevölkerung berührte und daß es nicht durch gelegentliche legislative Maßnahmen, sondern nur durch umfassende ökonomische Tätigkeit zu beheben sei. Schließlich war ja aus dieser Erkenntnis der Gedanke der Landentwicklungs-Anleihe entstanden und es war auch bereits in großen Umrissen klargelegt worden, was zu tun sei: nämlich Kreditbcschaffung, Gründung von Kooperativen, Einführung neuer Kulturen, Instruktion usw. Die Frage einer umfassenden Agrarreform freilich hatte man auch in diesen Plänen nicht einmal angedeutet. Heute liegen die Vorschläge der Regierungskommission in großen Umrissen bereits vor. Sie zielen hin auf eine Be- Steuerung des Bruttoertrages nach Abzug der Produktionskosten, wobei der so gegebene Reinertrag auf mehrere Jahre berechnet werden soll. Um die Berechnung zu ermöglichen, soll das Land in Blocks von möglichst gleichartigen Bodensorten eingeteilt werden, die je nach ihrer Güte besteuert werden. Innerhalb der Blocks werden die Steuer anteile auf alle Wirtschaften verteilt. Ueber den Prozentsatz, der abzuführen ist, besteht noch keine Klarheit. Auch sind noch viele Einzelfragen offen, z. B. Höhe der Besteuerung. Fest- Setzung der Produktionskosten, Besteuerung der unkultivierten und unkultivierbaren Böden, der Wohnhäuser in den Dörfern usw׳. Die Art, wie die Regierung an die Frage herangeht, he- ■ weist jedoch, daß sie sich wieder nur mit Reformen und Rc- I formellen begnügt. Die Verhältnisse in Palästina haben sich gegenüber 1914 entscheidend geändert. Den größten Posten der Regierungseinnahmen bilden jetzt die Zölle. Die Wirtschaft des Landes zeigt zwei entscheidende neue Züge: die Steigerung städtischer Aktivität mit ihren Folgeerscheinungen (Industrialisierung) und die Einführung bzw׳. Ausbreitung intensiver Kulturen (Zifrusfruchte und Gemüse). Cs ergibt sich daraus, daß heute auch die nichtlandwirtschaftlichen Elemente in erhöhtem Maße zur Leistung für den Fiskus herangezogen werden müssen und daß in der Landwirtschaft ein Unterschied zu machen ist zwischen der Wirtschaft des Fellachen und der des Orangenpflanzers, dessen Betrieb ja de facto sich mehr einem industriellen nähert. Jede Steuerreform muß also danach beurteilt werden, ob sie geeignet ist, die Last der Abgaben anders zu verteilen. In den Vorschlägen der Regierungskommission ist unter anderem eine Alternative aufgezeigt: entweder die Gesamtsumme, die von der Landwirtschaft eingetrieben w׳erden soll, beizubehalten und nur in anderer Form zu erheben oder sie auf Kosten anderer Einkommensposten zu verringern. Dieser letztere Weg erscheint unter den gegebenen Umständen als der einzig mögliche. Die Regierung hat sich jedoch über ihre Absichten noch nicht eindeutig geäußert. Man wird wohl die Hoffnung aufgeben müssen, daß cs dieses Mal zu einer durchgreifenden Steuerreform kommt. Diese wäre auch nur innerhalb eines großzügigen Planes einer neuen Agrarpolitik zu erwarten. Es Können sich jedoch Gelegenheiten bieten, gewisse Erleichterungen zu erreichen und Uebelstände abzuschaffen. Auch das wäre der Mühe wert. Und die Verhandlungen, die gegenwärtig die Regierung mit Landwirten aus allen Landesgegenden führt, um ihre Ansichten zu hören, geben die Möglichkeit, auf die neue Gesetzgebung einzu wirsen. In aller Kürze Am 7. Februar setzte in Jerusalem nach starkem Regen ein heftiger Schneesturm ein. Der Schnee liegt in der Stadt zwei Zoll hoch. Seit 1927 fiel in Jerusalem kein Schnee. Die Niederschläge haben die Aussichten der Wasserversorgung Jerusalems sehr verbessert. Chaim Nachman Bialik ist nach achtmonatigem Aufenthalt im Ausland am 8. Februar wieder in Palästina eingetroffen. Die palästinensische Frauen-Petition an die Abrüstungskonferenz trag! Unterschriften von 8345 Frauen. In einer in Paris abgehaltenen Sitzun׳» der revisionistischen Exekutive, der auch die Londoner und Wiener Mitglieder beiwohnten, wurde beschlossen, den 5. Weltkongreß der Union für Juli 1932 einzuberufen. Die Mitglieder der Exekutive, Dr. S. Temkin und Dr. Schechtmann, erklärten wegen politischer Meinungsverschiedenheiten ihren Austritt aus der Union. In der Budgetdebatte im polnischen Sejm gaben die Vertreter der jüdischen Gruppen Erklärungen ab, die 11»־WWersprach zueinander stehe*״ Abg. Dr. Thon erklärte im Namen des jüdischen Parlamentsklubs, daß sich dieser bei der Ab- Stimmung der Stimme enthalten wird, Abg. Grünbaum erklärte in seinem wie im Namen des Abg. Dr. Rosenblatt, daß sie egen das Budget stimmen werden, der Führer der Agudah bg. Rabb. Lewin erklärte, daß er und seine Gruppe für das Budget stimmen werden. Wie die JTA. erfährt, hat ein südafrikanischer Jude rin Vermögen von etwa 60- bis 70 000 Pfund Sterling zur Unterstützung ״palästinensischer Arme r“ hinterlassen, ohne ausdrücklich festzusetzen, ob jüdische Arme gemeint seien. Aus dem ganzen Inhalt des Testaments soll aber hervorgehen, daß er jüdische Arme gemeint hat. Dennoch will die Regierung die Beträge des Legats gleichmäßig unter die notdürftige Gesamtbevölkerung verteilen, so daß auf die Juden 20 ®/o entfallen werden. Die Achusa I New York, die bereits di״ Kolonie Raanana in Palästina gegründet hat, begann dieser Tage die Vorbereitung für die Gründung einer neuen Pflanzungskolon i e im Süden Palästinas zwischen Gederah und Beer Tuwiah, die den Namen ״Gan Jiwneh“ tragen soll. , ״Die Hugenotten" und der ״Fall Meyerbeer" Zur Neu - Einstudierung In der Siaaisoper Ich weiß nicht, ob heute noch vielen die Anekdote bekannt ist, die ich einst von meinem Vater hörte: Ein alter Jude aus der Provinz kommt nach Wien, will natürlich das berühmte Hoftheater besuchen und fragt an der Theaterkasse, was denn heute abend gegeben wird. Es wird ihm gesagt ״Was ihr wollt“; worauf die prompte Antwort ertönt: ״Frischer die Hugenotfen?“ In der Tat, ״Die Hugenotten“ waren in jener Generation wenn nicht geradezu die jüdische ״Nationaloper“, so doch ein heimatlich anmutendes Gefilde. Es war sicher nicht nur das Schwelgen im Wohlklang der unsterblichen Melodien und die Freude am theatralischen Effekt, auch nicht die besondere jüdische Affinität dieser Musik und nicht ein Hang zur (hier gleichfalls häufigen) Banalität, sondern man kann ruhig annehmen, daß die eigentümliche naive Solidarität, die der kleinbürgerliche Jude gegenüber dem Werk und Ruhm eines Juden empfindet, dabei eine große Rolle spielt. Erleben wir doch in unserer Zeit das fast komische Phänomen, daß Juden, die keinen einzigen Lehrsatz der theoretischen Physik kennen, im wissenschädlichen Streit eifrig für Einstein Partei nehmen. Nun liegt das Werk und die Sphäre Meyerbeers zweifellos dem Durch- Schnittsverständnis weit näher, aber auch hier vermischen sich allgemeine Sentimente mit der sachlichen, d. h. musikalischen Beurteilung zu einer Einheit. Das Werk des Juden als Glanzstück der Hoföper schien für jeden Juden ein wenig Ehre abzuwerfen, die besondere Schärfe der Ablehnung dieses Werkes wurde — mit Recht — als ein Stück ״Judenfeindschaft“ angesehen. So wurde der ״Fall Meyerbeer“ ein charakteristisches Stück des Judenproblems des 19. Jahrhunderts, weit über die musikalische Sphäre hinaus. Und darum sei auch eine kleine Abschweifung gestattet. Kein bewußter Jude, dessen jüdische Anschauungen durch die zionistische Schule durchgegangen sind, wird heute in .Meyerbeer eine jüdische Idealgestalt sehen. Dieser Komponist ist eine typische Figur jener Art Judentum, das wir ablehnen und das zu überwinden der Zionismus entstanden ist. Wir sagen das heute nicht als Vorwurf gegen den Mann, denn wir wissen, er war ein Produkt seiner Zeit und seiner Gesellschaft. Wenn wir das judenproblem in seinem ganzen geschichtlichen und prinzipiellen Gehalt verstehen, vermögen wir einer solchen Gestalt gerecht zu werden, indem wir sie aus ihrer historischen und soziologischen Bedingtheit heraus begreifen. Es ist überaus dankenswert, daß Julius Kapp in seiner Meyerbecr- Biographie (völlige Neuausgabe 1932, Max Hesscs Verlag, Berun-Schöneberg, 10 M.) diese jüdische Problematik freimütig erörtert. Kapp weist darauf hin, daß Meyerbeer trotz seiner ungewöhnlichen Veranlagung und fleißigsten Strebens ״den heiligen Kern seines Innern nicht zu erschließen vermochte“ und sich statt dessen auf den Abweg des Strebens nach äußerer Wirkling drängen lassen mußte. Und hier fügt Kapp hinzu: ״In diesem Einzelschicksal Meyerbeers wiederholt sich nur die Tragödie seines Volkes, das Ringen des jüdischen Genies mit der inneren Zerbrochenheit, die eine Folge der jahrtausendelangen Kämpferstellung ist, die der Jude als Abkömmling einer in verschwindender Minderheit unter die europäischen Nationen verstreuten Rasse einnehmen mußte. Durch die Geschichte seines Volkes wurde der Jude gezwungen, sich zu verstellen, sein eigenes Innere zu verheimlichen . . . Innerlich losgelöst von seiner Kultur, ward er im Grunde heimatlos, dafür aber befähigt, fremde Kulturen in sich aufzunehmen, sich in erstaunlichem Maße in das Wesen anderer Völker und Menschen einzufühlen.“ In diesem Sinne sucht Kapp dann Meyerbeer als j ii d i - sehen Musiker zu würdigen. Man darf ihn, ebenso wie den Künstler eines anderen Volkes, nicht mit fremd^i, sondern nur mit seinen eigenen Maßstäben messen. Vieles, was zuvor stillos erscheint, wird Verständnis finden können, ״wenn man sich die Mühe nimmt, den Schöpfer als Sohn seines Volkes, der mit der Tragik seiner Abstammung zu ringen hat, anzusprechen“. Man dürfe, so betont Kapp, bei einem in deutscher Zunge oder Totispraehe sich äußernden Juden niemals wesensfremde, also etwa rein deutsche Werturteile anlegen, sonst muß das Urteil naturgemäß schief ausfallen. Macht man sich von deplacierten Vergleichen frei, dann wird man die Schöpfungen des Meisters in ihrer Art bejahen und das übernational Wertvolle daran genießen können. Es ist als ein großer Fortschritt zu betrachten, daß Kapp einen jüdischen Künstler aus seiner jüdischen Bedingtheit heraus analysiert und sich dabei von landläufigen Affekten freihäjt. Dennoch wird man der allgemeinen Charakteristik, die er von jüdischer Eigenart gibt, nur mit Vorbehalt zustimmen können. Kapp macht hier den Fehler, daß er die jüdische Eigenart einer bestimmten Epoche, eben jener Assimilations-Epoche des 19. Jahrhunderts, mit Judentum schlechthin identifiziert. Dieses Zeitalter, in dem gerade die Juden emanzi- £iert Wurden und zum ersten Male Betätigungsfreiheit erielten, war ja überhaupt kein großes Zeitalter; es ist gekennzeichnet durch den Aufstieg des Bürgertums und den beginnenden Kapitalismus, durch bourgeoise Selbstzufriedenheit und Großmannssucht auch außerhalb des Judentums. Für das jüdische Bürgertum jener Zeit war natürlich die Verlockung der äußeren Welt besonders stark, da es durch äußere Erfolge sich sozial befestigen konnte. Aber das sind Zeiterscheinungen. Gerade die Erkenntnis der Unfruchtbarkeit und des Unwertes eines solchen rein äußerlichen Erfolgsstrebens, dein in seiner Art aucli Meyerbeer verfallen war, hat eine spätere jüdische Generation dazu geführt, wieder die Verwurzelung im jüdischen Mutterboden zu suchen, in der Ueberzeugung, daß ein Judentum, das schöpferisch werden will, zu seinen eigenen Quellen zurückfinden und nach Erlösung aus der seelischen Zerrissenheit und Haltlosigkeit der Assimi'ction streben muß. * Der ״Fall Meyerbecr“ als Judenschicksal hat aber auch eine persönliche Seite, und über diese finden wir in Kapp* Buch sehr interessante Aufschlüsse. Bekanntlich ist der Anstoß zur Geringschätzung Meyerbeers vor allem von Richard Wagner ausgegangen, der in seiner Schrift ״Das Judentum in der Musik“ einen leidenschaftlichen Kampf gegen Meyerbeer eröffnete. Wagner hat geradezu das Stichwort ausgegeben, mit dem nicht nur Meyerbeer und andere jüdische Komponisten bekämpft wurden, sondern das ein fruchtbarer Keim der antisemitischen Ideologie geblieben ist. Das Verhältnis Meyerbeers zu Wagner ist von der Wagnerianischen Publizistik und Literatur gewöhnlich in ganz falschem Lichte dargestellt worden Kapp enthüllt nun den wahren Sachverhalt. Er weist nach, daß das ״bequeme Schlagwort von Meyerbeers unehrlichem Spiel und doppeltem Gesicht“ völlig grundlos ist. Zwar handelte es sich um einen Streit zweier Kunstwelten, aber Meyerbeer persönlich ״hat sich dabei, wie stets, zurückhaltend und vornehm erwiesen“. ״Es wäre ihm ein leichtes gewesen, Wagner durch Veröffentlichung der in seinen Händen befindlichen Fuildigungsbriefe aufs schutnmste bloßzustellen und dem Streit eine weit schärfere gehässige Note zu geben. Doch er folgte diesem taktlosen Beispiel, das ihm Wagner mit seinen beleidigenden Anwürfen selbst gegeben, nicht. Diese belastenden Dokumente sind erst in jüngster Zeit aus Meyerbeers Nachlaß ans Tageslicht gekommen.“ wie immer man den künstlerischen Streit zwischen Wagner und Meyerbecr beurteilen mag — und gewiß werden viele Juden objektiv stärker den Ansichten Wagners zuneigen — hier zeigt sich eine persönliche Haltung, die wohl einzig dastellt. 1 Man bedenke: Wagner, hat sich in Paris geradezu kriecherisch

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