Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1932)
- Date
- 1932-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9, 2. TT. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 43 Das neue Protokoll der Mandatskommission Die Frage der ZuUUsfgkelt hebräisch geschriebener Telegramme Anläßlich der Tagung des Völkerbundsrates ist soeben das Protokoll der 21. Session der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes (26. Oktober bis 13. November 1931) von der Publikationsabteilung des Völkerbundes herausgegeben worden (Preis 10 sh.). Das Protokoll enthält wie immer den Bericht der Kommission an den Rat, sowie diesmal auch den Spezialbericht über den Vorschlag der englischen Regierung, betreffend die Emanzipation von Irak. Die Berichte der Kommission sind vom Völkerbundsrat angenotnmen worden, insbesondere wurde die Aufhebung des Irak-Mandats am 28. Januar vom Rate genehmigt. Das vorliegende Protokoll enthält eine Reihe wichtiger und interessanter Diskussionen, die für die BeurteUung des Mandats- Systems als solchem wichtig sind. An erster Stelle ist hier die Debatte über die Aufhebung des Irak-Mandates zu erwähnen. Bekanntlich handelt es sich dabei um den ersten Fall der Aufhebung eines A-Mandates, also eine Frage, die für die anderen A-Mandatsländer (Syrien und Palästina) von größter Bedeutung ist. Wir haben bereits mitgeteilt, daß die Mandatskommission sich dem Vorschlag der britischen Regierung, das Mandat für beendet zu erklären, nicht widersetzt hat, doch sind im Laufe der Debatte zahlreiche Zweifel an der Richtigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Schrittes laut geworden. Die Mandatskommission legte auch besonderen Nachdruck auf die bei der Aufhebung des Mandates notwendigen Garantien. Palästina hat in dieser Session der Mandatskommission nur eine untergeordnete Rolle gespielt. In der Eröffnungsrede hat der Präsident, Martin Theodoh, die Stellungnahme der letzten Völkerbunds-Vollversammlung erwähnt, worin darauf hinfewiesen wird, daß seit den Unruhen von 1929 die Ruhe in alästina nicht gestört wurde und der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß die Anstrengungen der Mandatarmacht, d i e jüdische Einwanderung zu erleichtern, ohne die Rechte der arabischen Bevölkerung zu beeinträchtigen, von Erfolg gekrönt sein mögen. Weiter wurden im Verlaufe der Tagung verschiedene Petitionen behandelt, darunter eine Petition der Agudas Jisroel, deren Prüfung für die nächste Session verschoben wurde, eine Petition der Arabischen Exekutive, die die üblichen Einwendüngen gegen das Mandat erhebt und die daher von der Mandatskoramission als unvereinbar mit den Bestimmungen des Mandats zurückgewiesen wurde, sowie eine Rahe von kleineren Angelegenheiten. Ein besonderes Interesse verdient die Behandlung einer Beschwerde, die zwar auch nur eine Nebenfrage betrifft, aber zu charakteristischen Aeußerungen Anlaß gab. Es handelt sich um die Eingabe eines gewissen Israel Amikam vom 8. Juli 1931, der als palästinensischer Bürger darüber Beschwerde führt, daß in hebräischen Buchstaben abgefaßte Telegramme von den palästinensischen Telegraphenämtern nicht angenommen werden. Den Bericht über diese Petition erstattete im Plenum der Mandatskommission das deutsche Mitglied der Kommission Ministerialdirektor Dr. R u p p e 1. Amikam führte in seiner Petition aus, daß gemäß dem Mandat die hebräische Sprache eine der offiziellen Sprachen Palästinas sei und daß darum die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme eine eklatanteVerletzungdes Mandats bedeute. Die Palästina-Regierung, die diese Petition an die Mandatskommission übersandte, begleitete dieselbe mit Bemerkungen, in denen dargelegt wird, daß die Annahme von da hebräischen Buchstaben geschriebenen Telegrammen mit großen technischen Schwierigkeiten und großen Kosten verbunden wäre; die Mehrkosten würden sich auf jährlich 4500 Pfund belaufen. Wohl müsse bei richtiger Interpretation der Mandatsbestimmungen die hebräische Sprache in gesetzgebenden Versammlungen, bei Gerichten, bei Eingaben an die Regierungen u. ä. m. zugelassen werden, dies bedeute jedoch noch nicht, daß die Regierung bei einer kotnmerziehen Unternehmung, wie es die Post ist, verpflichtet sei, den Gebrauch von allerlei Buchstaben ohne Rücksicht auf den fraanziellen Effekt zuzulassen. Das oberste palästinensische Gericht hatte bereits einmal entschieden, daß die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme dem Mandat nicht widerspricht. Telegramme ln arabischen Buchstaben werden zur Beförderung angenommen, weil die arabischen Buchstaben im internationalen Telegrammverkehr zwischen arabischen Ländern anerkannt sind. In seinem Bericht an die Kommission bezweifelt Dr. Ruppel die Richtigkeit der von der Palästina-Regierung angeführten Entscheidung des palästinensischen Obersten Gerichts; eine solche Entscheidung sei für die Mandatsinstanzen nicht maßgebend. Die Frage müsse vom Standpunkt der Gleich- Berechtigung aller offiziellen Landessprachen betrachtet werden. Ist es den Arabern erlaubt, in arabischen Buchstaben geschriebene Telegramme abzusenden, warum soll man den Juden verbieten, ihre Telegramme in hebräischen Buchstaben abzusenden? Die Tatsache, daß die arabischen Buchstaben im internationalen Verkehr zugelasseu sind, ist für die Frage an sich nicht von Belang. Mehr ins Gewicht fällt die Tatsache, daß Palästina als die nationale Heimstätte für das jüdischeVolk anerkannt ist und daß die Regierung gemäß dem Mandat verpflichtet ist, die Schaffung einer jüdischen Heimstätte zu erleichtern. Dr. Ruppel erinnert an die prinzipielle Konklusion, die sich die Mandatskommission in ihrer 17. Session hinsichtlich des Palästina-Mandats zu eigen gemacht hat, nämlich daß man zwischen dem Endziel des Mandats und dessen unmittelbarem Aufgaben unterscheiden müsse, wobei für die Erreichung des Endziels keine Frist festgesetzt werde, und behandelt dann die Sprachenfrage vom Gesichtspunkt dieser Konklusion. Die britische Regierung, führt er aus, weist aut praktische Schwierigkeifen hin. Es sei möglich, daß die Schwierigkeiten kleiner sind als man glaubt. Es sei nicht zu verstehen, wie die Regierung glauben könne, daß man bei Annahme hebräisch geschriebener Telegramme die Angestelltenzahl bei den Telegraphenämtera verdoppeln müßte; sind denn nicht auch jüdische Telegraphenbeamte in entsprechender Zahl vorhanden? Wohl leben wir heute in einer Zeit der Krise, in der Sparen oberstes Gesetz ist, aber der Beschwerde der jüdischen Bevölkerung liegt ein ernstes Motiv zugrunde. Gewiß wird die Frage mit der Zeit wieder auf der Plattform erscheinen, dann werde die Regierung die prinzipielle Seite der Frage nach dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller Elemente der Bevölkerung in Betracht ziehen. Zum Schluß stellte der Referent folgenden Antrag, der auch von der Kommission akzeptiert und in den Bericht an den Völkerbundsrat aufgenommen wurde: ״Nach Prüfung der Petition von Herrn Israel Amikam und den dazu gehörigen Bemerkungen der britischen Regierung hält die Mandatskommission es nicht für richtig, in dieser Sache eine Empfehlung an den Völkerbundsrat weiterzugeben, doch hofft die Mandatskommission, daß die Mandatarmacht von Zeit zu Zeit die Frage neu prüf e n wird, um festzustellen, ob die technischen und finanziellen Schwierigkeiten, die bisher die Annahme von Telegrammen in hebräischen Buchstaben verhindert haben, noch vorhanden sind. Die Kommission wird sich freuen, von der Mandatarmaeht informiert zu werden, sobald diese Frage endgültig geregelt ist.״ Jabolinsky an die ״Times“ Die Londoner ״Times“ veröffentlicht am 26. 1. einen Brief Jabotinskys, worin es heißt: ״Ich nehme den Wortlaut Ihres Telegramms besonders übel, weil er den Eindruck erweckt, als hätte ich ausgedrückt, daß ״Juden“ dem British Empire Schaden wünschten oder wünschen könnten. Ich habe bisher von keinem Juden gehört, der das täte. Es ist eine unserer nationalen Schwächen (aus der nur zu oft Vorteil gezogen wird), daß bei uns Unwille nicht unbedingt den Wunsch nach Rache in sich schließt. Und ״das Empire“ trägt wirklich keine Verantwortung für Englands Taten als Mandatar in Palästina. Andererseits aber ist der Zweck meiner jetzigen Richtig- Stellung keineswegs apologetisch. Nicht die Juden, sondern England klagte ich an, mit ״Dynamit“ zu spielen: mit einer Menge hochexplosiven Sprengstoffs, der sich aus rund 300 Mill. Einheiten zusammensetzt; und ich fügte hinzu, daß durch solche Praxis, mit Dynamit zu spielen, etwas weit Größeres und Bedeutenderes als sogar das British Empire — nämlich: die Stabilität der Welt — ״gesprengt“ werden könne. Ich erlaube mir, aus jenen beiden Abschnitten meiner Warschauer Rede, auf die offenbar Ihr Telegramm hinwies, das wesentliche zu zitieren; der eine Abschnitt befaßte sich mit ״Juden“, der andere mit ״Dynamit“. Der erste Abschnitt lautete: ״Unsere Erfahrung mit England als Mandatar für Palästina hatte das Ergebnis, daß 15 000 000 Menschen den Glauben an eine Nation verlieren, deren Name jedem Juden stets mit Rechtschaffenheit und moralischem Ernst gleichbedeutend war. Der Mandatar hat sich nachgerade zu einem ausgesprochenen Hindernis für jeden Fortschritt des Zionismus entwickelt. Diese Erfahrung droht die jüdischen Massen, besonders unsere Jugend, auf einen sehr gefährlichen Weg zu treiben. Die Jugend eines Volkes, das sich in einer so traurigen Lage befindet wie das unsere, kann nicht ohne einen Glauben leben: Glauben entweder an eine große Wiederaufrichtung oder an eine große Zerstörung. England handelt so, als ob es 15000000 Fackeln der Verzweiflung, die über alle Ecken der Welt zerstreut sind, entzünden wollte.“ Die zweite Stelle lautet: ״Aber dies ist nicht das einzige Spiel mit Weltbrandstiftung, mit dem sich jetzt einige englische Agenturen zu befassen scheinen; ein größeres Spiel geht vor sich: die systematische Galvanisierung des panislamitischen Fanatismus in seiner mittelalterlichsten und reaktionärsten Form. Jerusalem wird in ein Zentrum der Aufreizung umgewandelt, die mit den schlimmsten Bemühungen der Moskauer Komintern wetteifert, ein Zentrum, aus dem zahlreiche Handgranaten überall umhergestreut werden, die nicht nur unsere jüdischen Siedler in Palästina, sondem das gesamte Kolonialsystem Europas bedrohen. Nicht uns Juden, sondern einigen der mächtigsten Nationen Europas wird England bald Rechenschaft geben müssen für dieses kurzsichtige und gefährliche Spiel mit der Sicherheit der Welt, das unter seiner Aegide gespielt wird.“ Soweit geht der Brief in der ״Times“. Jabotinsky teilt jedoch der JTA. mit, daß die ״Times“ seinen Brief nicht vollständig abgedruckt hat. Der Schluß fehlt. Diesen nichtveröffentlichen Schluß hat nun der Schreiber der JTA. übergeben. Darin wird betont, daß gerade die Revisionisten stets die englische Orientierung verkündeten und daß es ihnen daher besonders schwer fällt, diese Doktrin jetzt aufzugeben. Arabische Beteiligung an Tote * Heer-Konzession? Uns wird geschrieben: Als seinerzeit die ״Palestine Potash Ltd.“ gegründet würde, hat män den Versuch dazu gemacht* einen kleinen Teil des Gründungskapitals durch arabische Kreise aufbringen zu lassen und diese so an dem Unternehmen zu interessieren. Es war jedoch seinerzeit nicht möglich, die Aktien in dem genannten Kreise unterzubringen. Es scheint jetzt, als ob eine neue Aktion in dieser Richtung im Gange ist Mr. Ernest T e n n a n t, Mitinhaber der an der Palestine Potash Ltd. und ihrer Gründung maßgebend beteiligten eng* lischen Firmen Charles Tennant & Sons und gleichzeitig auch Direktor der Palestine Potash Ltd. selbst, hat sich kürzlich sehr eingehend über diese Frage geäußert. Er erklärte zunächst, daß die Palestine Potash Ltd. in ihrer gegenwärtigen Form keine ausreichende Kapitalbasis für die Durchführung der Kalipläne besitze. Es handele sich ja zunächst mehr um eine Studiengesellschaft als um eine wirkliehe Betriebsgesellschaft, woran auch die Tatsache nichts ändere, daß man bereits jetzt Bromsalze gewinne und verkaufe. Käme aber die Kaliproduktion in den programmäßig vorgesehenen Gang, so werde man vor die Frage gestellt, ob aus der jetzigen Studiengesellschaft nicht schnellstens eine reguläre Betriebsgesellschaft mit breiter Kapitalbasis gemacht werden müsse, deren Aktien zum Börsenhandel zugelassen werden würden und deren Aufgabe vor allem auch in der Finanzierung einer Stichbahn vom Jordantal aus mit Anschluß nach Haifa bestände. (Das Projekt ist ja bekannt) In diesem Zusammenhang geht Herr Tennant auch auf die Frage einer etwaigen arabischen Kapitalbeteiligung ein und gibt an, daß die Finanzkommission der Palestine Potash Ltd. unter dem Vorsitz von Lord Glenconner zurzeit einen Plan ausarbeite, der der Gesellschaft die Unterbringung eines beträchtlichen Aktienpaketes in finanzkräftigen arabischen Kreisen ermöglichen soll. Diese Kreise sollen dann auch im Verwaltungsrat des Unternehmens entsprechend vertreten sein. Herr Tennant sagt dann wörtlich: ״Our Jewish colleagues are wartnly supportrag the project.“ (״Unsere jüdischen Kollegen unterstützen wärmstens dieses Projekt“) Wenn man eine arabische Beteiligung schon jetzt bei der Studiengesellschaft herbeiführen könnte, so würden die Araber dazu in die Lage versetzt werden, die späteren Finanzienmgspläne und die etwaige Umgründung in eine reguläre Betriebsgesellschaft durch eine entsprechende Propaganda in arabischen Kreisen zu unterstützen. Sobald der Zeitpunkt der Umgründung gekommen sei — Mr. Tennant läßt ihn allerdings unter Hinweis auf die gegenwärtige weltwirtschaftliche Lage zunächst noch völlig׳ offen —, werde man einen großen Teil der neu zu emittierenden Aktien sowohl der palästinensischen Regierung als auch der Bevölkerung von Palästina und Transjordanien zur Uebernahme anbieten. Bei dieser Gelegenheit erklärt Mr. Tennant, daß die Palestine Potash Ltd. in keinerlei direkter oder indirekter Verbindung mit der Zionistischen Organisation stände. Im übrigen sei das Verhältnis zwischen der jüdischen und der arabischen Arbeiterschaft der Gesellschaft ausgezeichnet und man käme sehr gut miteinander aus. (Der Vortrag Mr. Tennants ist im ״Near East and India“ vom 17. Dezember 1931 ausführifch wiedergegeben. — A. d. R.) m. In der Bilu-Kolonie G e d e r a in Palästina wurde vor einiger Zeit ein Sanatorium ״Bilu“ für Lungenkranke gegründet. Die klimatischen Vorzüge Gederas, das überaus günstig gelegen ist, die sonnige und meist regenlose Witterung und die Reinheit der Luft scheinen, wie uns mitgeteilt wird, alle Vorbedingungen für eine derartige Heilstätte zu bieten. Man erwartet, daß diese natürlichen Bedingungen ähnliche Heilwirkungen haben wie das Hochgebirge. Es «rare zu wünschen, daß ärztliche Krejse der Prüfung dieser Möglichkdtea ein erhöhtes Interesse zuwenden. Büdimdiau Vom Christentum *um Zionismus. Dr. Friedrich K o r n e r hat ein Buch veröffentlicht, das den aufsehenerregenden Titel führt ״Ein Weg vom Christentum zum jüdischen Volk“ (Vienna-Verlag, Wien). Es ist eine Bekenntnisschrift, die niemand ohne tiefe innere Anteilnahme lesen wird. Der Autor ist ein Suchender, ein Mensch mit starkem inneren Leben, von großer Religiosität und einem echten Drang nach Wahrheit, und sein Buch ist in erster Linie als Ausdruck einer eigenartigen Persönlichkeit, die hier ihr inneres Geistesschicksal enthüllt, zu werten. Fälle wie der vorliegende haben stets nur individuelle Geltung und wollen ganz und gar aus den besonderen Umständen heraus gewürdigt sein, keineswegs als eine auch für andere Menschen, die nicht dieselben Erschütterungen durchgemacht haben, maßgebende Norm. Der Autor ist ein Jude, der, von der Jesus- Gestalt überwältigt, zum Christentum übergetreten ist, von da aber den Weg zurück zum Judentum fand, da er zur Einsicht gelangte, daß die jüdische Gemeinschaft nicht primär eine Religionsgemeinschaft, sondern ein Volk ist; aus einer Volksgemeinschaft aber kann inan durch einen Religion*- Wechsel nicht ausscheiden. Aber noch mehr: durch Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte, durch Versenkung in die Eigenart des Wirkens Jesu und seine geschichtliche Bedingtheit, sowie durch ein waches Auge für die Erscheinungen der Gegenwart, ist Dr. Korner zu der Ueberzeugung gelangt, daß auch Jesus in die jüdische Geschichte hineingehört und nur vom Judentum aus zu begreifen ist. Diese Einsicht hat ihm die Rückkehr zum Judentum erleichtert, weil er sich zum jüdischen Volk bekennen kann, ohne seine innige Beziehung zur Jesus-Gestalt aufzugeben. Gewiß ist diese Position des Autors sehr eigenartig; aber da man das Gefühl hat, daß sie einer echten Ueberzeugung entspringt, muß man sie respektieren. Wesentlich ist gerade für die Leser dieses Blattes die Feststellung, daß Dr. Korner, ursprünglich seinem Volk ganz und gar entfremdet, durch den Zionismus wieder zum Judentum zurückgeführt wurde. Er hat sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß nur der Zionismus eine Lösung der Judenfrage ermöglicht und daß dies eine Vorbedingung auch jedes echten religiösen Gemeinschaftslebens ist. Die Stellung Jesu in der jüdischen Geschichte ist umstritten. Gerade in letzter Zeit hat man sich von jüdischer Seite mehrfach mit dem Jesus-Problem und der Jesus-Gestalt beschäftigt, und dieses Kapitel jüdischer Geschichte, das früher aus Gründen, die auf der Hand liegen, im Bewußtsein zurückgedrängt worden war, wird mehr und mehr einer Klärung nähergeführt. Es handelt sich aber dabet um so delikate Probleme, daß eine Erörterung in Form einer Zeitungsnotiz deplaciert erscheint. Wir müssen es uns versagen, auf diesen Teil der Kornerschen Schrift im einzelnen einzugehen. Zweck dieser Zeilen ist es nur, auf das Buch als ein menschliches Dokument hohen Ranges und vor allem als eine Quelle echter zionistischer Erkenntnisse, die hier auf einem ganz eigenartigen Wege, aber mit tiefer Schau der wirklichen Verhältnisse errungen werden, hinzuweisen. t. Die ״Teflllin" und die Psychoanalyse. Die moderne Psychoanalayse betrachtet bekanntlich als eines ihrer wissenschaftlichen Hauptgebiete die Aufklärung alter Volksbrluche, die sich einer Deutung mit Mitteln der Vernunft entziehen und in dunkle, mythische und primitive Zeiten zurückweisen. Nach den Grundthesen der Psychoanalyse sind solche Bräuche meist aus magischen Abwehrhandlungen oder Beschwörungen hervorgegangen, die sich aus der seelischen Grundhaltung des Menschen, für die die Analyse bestimmte allgemdngultige Formeln und Beziehungen (im Anschluß an den sogenannten Qediptis-Komplex) gefunden m haben glaubt, ergeben. Von diesem Ausgangspunkt kommt die psychoanalytische Forschung in vielen Emzelfragen zu Erkenntnissen, die vielleicht nur der ’ .. ' "י"’ ״ . aus fesselnde und interessante Anregungen Bieten. Kürzlich sind nun zwei Arbeiten aus dem Gebiete der jüdischen Folklore erschienen, die beide das Problem der Gebetriemen (״Tefillin״) zum Gegenstand haben: Theodor Reik ״Gebetmantel und Gebetriemen der Juden“ undGeorg Langer ״Die jüdischen Gebetriemen“ (beide im Internatio* nalen Psychoanalytischen Verlag Wien, je 2 M.). Beide Autoren sehen in den ״Tefillin“ einen Rest des Felles des Totem-Tieres, in das man sich in prähistorischer Zeit beim Gebet einhüllte und das auch nach Uebergang zum Monotheismus als alte Kultform, als ״der Gottheit lebendiges Kleid“ erhalten blieb. Diese Ansichten werden mit sehr großem Material und durch Verwertung früherer Deutungen und Hypothesen, die aber nicht bis zu ihren eigenen Kon- Sequenzen gelangten, belegt. ״Die Psychoanalyse“, schreibt Relk, ״vermag uns tiefere Aufschlüsse über jenes anscheinend unwichtige Detail der Tefillin zu geben als die Religion«- Wissenschaft“. Sie kommt dem Geheimnis näher als die Scheinsachlichkeit einer Wissenschaft, die dem Unbewußten ahnungslos gegenübersteht. Georg Langer, ein genauer Kenner des talmudischen und kabbalistischen Schrifttums, der auch als origineller hebräischer Lyriker hervorgetreten ist, erweitert diese Gedanken noch durch ein großes aus dem Talmud und den jüdischen Volksbräuchen geschöpftes Material, das er mit den von anderen Ethnologen bei anderen Völkern gefundenen Resultaten konfrontiert Die TefUlin sind nach Langer in ihrem ursprünglichen Wesen ganz konkrete erotische Symbole, eine These, die ihm die Erklärung von einer ganzen Reihe bisher unverständlicher Einzelheiten ermöglicht. Wenn der Leser sich dagegen sträubt, diese Ergebnisse einfach hinzunehmen, so mag der Psychoanalytiker auch d a für eine Erklärung bereit haben. Aber wie immer dem sei, man muß anerkennen, daß die Psychoanalyse in Regionen vorstößt, die vorher gewiß ganz verschlossen waren; und so wird man zumindest angerührt von einem Gefühl für die geheimnisvollen Wege des Menschengeistes, auch wenn man glaubt, daß die allzu einseitige, allen Dingen ein Motiv zugrunde legende Betrachtungsweise häufig m ihren Kombinationen übers Ziel hinausschießt. r. ״Corona“. Das Januar-Heft dieser Elite-Zeitschrift (Verlag R. Oldenbourg, München, jährlich 18 M.) bringt ein sehr schönes Gedicht ״Der einsame Weg“ (An Arthur Schnitzler 1905) von Richard Beer-Hofmann, das mit den Worten beginnt: ,»Alle Wege, die wir treten, münden in die Einsamkeit —׳ein erhabener Ausdruck des Weltgefühls eines resignierten und stolzen Individualismus, das diese Hochblüte einer ästhetischen Kultur charakterisiert. Da wir von diesem jüdischen Dichter nur wenige Gedichte bisher besitzen, ist jede Veröffentlichung aus seinem wohlverwahrten Reichtum ein Gewinn, an dem man nicht vorübergehen darf. Die Wiedergabe erfolgt hier in faksimilierter Handschrift — Wie stets, mingt die ״Corona“ auch diesmal kostbare Gaben, so Aufzeichnungen Hugo von Hofmannsthals, Beiträge von Voßler, James, Valgry. Ricarda Huch, Andersen, sowie mehrere Handschrift-Wiedergaben. Martin Bubers Vortrag in Berlin, der am 27. Februar anläßlieh der dreißigjährigen Jubiläums des Keren Kajemeth stattfindet, wird das Thema ״V o 1 k u n d L a n d“ behandeln. Dem Vortrag wird mit großem Interesse entgegengesehen*