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Jüdische Rundschau · 1932-02-02 · Heft 9 (2.2.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 9 (2.2.1932)
Date
1932-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 42 JOD!SCHE RUNDSCHAU Nr.9, ZU 1932 Otto Heller suchte zu zeigen, daß es in Rußland in steigendcm Maße gelingt, Juden in Fabriken, Bergwerken, in die Schwerindustrie usw, unterzubringen. Daß es hier vorläufig noch zu antisemitischen Reibereien komme, gab Heller zu, erklärte dies aber mit der vorläufig noch vorhandenen psycho logischen und intellektuellen Verschiedenheit der jüdischen und russischen Arbeiter. An dieser Stelle beginnt das Judenproblem. Es entsteht nämlich die Frage: Wird es gelingen, die Juden so in der russischen Arbeiterschaft aufgehen zu lassen, daß sie nicht als andersgeartete Menschen empfunden werden? Bisher ist eine solche Assimilation bei höheren Prozentsätzen der Einzugliedernden nicht gelungen. Aber ■— wenn cs gelingt, wie soll das Judentum dieser aufgesogenen Juden erhalten bleiben? Es ist selbstverständlich, daß eine solche Assimilation wirklich mit dem Untergang des Judentums verbunden wäre — im echten Sinne dieses Wortes. Gelingt aber diese Assimilation nicht, und werden diese Juden versuchen, Juden zu bleiben, so ist es wieder keine Frage, daß nach hinlänglich bekannten soziologisehen Gesetzen Antisemitismus entstehen muß, so wie in allen übrigen Ländern und so wie es eben auch in der Sowjetunion bereits in den Anfängen zu sehen ist. Die Judenfrage lautet also: Wie kann man Juden und Judentum erhalten? Wie können Juden als Menschen unter Menschen leben und doch die Möglichkeit haben, jene Kultur zu schaffen, die aus ihrem Wesen und ihrer Vergangenheit organisch erwächst? Wie kann man die jüdischen generativen Kräfte so erhalten, daß sie in den diesen Vitalwerten entsprechenden geistigen Werte aus sich gebären können? Wie können wir das jüdische Volk politisch und sozial so stellen, daß die Juden freie, nicht verfolgte, nicht gepeinigte und doch aus jüdischen Vital- und Seelenfonden schaffende Menschen sein können? Kurz: wir wollen, daß unsere generativen Werte erhalten bleiben und aus ihnen die diesen entsprechenden geistlgen Werte sich entfalten können. Das ist für uns die Juden-!rage. Herr Heller kann natürlich die Gültigkeit der geistigen Werte leugnen; oder er kann leugnen, daß geistige Werte, weil sie auf materiellen beruhen, gar keinen eigenen Wert haben; oder er kahn den Sinn des Wertbegriffes überhaupt leugnen — man weiß nicht, wie weit die Metaphysik des Materialismus geht. Aber immerhin darf mm annehmen, daß ein Mensch, der mit Pathos und Begeisterung etwas verkündet, das er für die Wahrheit hält, daß ein Mensch, der etwas realisieren helfen will, das er für das ״Gute“ hält, die Geltung geistiger Werte nicht schlankweg leugnen wird. Das zweite Thema des Vortrages war die Darstellung der Hellerschen jüdischen Geschichtsphilosophie. Heller erklärt das ganze Wesen des jüdischen Volkes, seine Religion, seine geistigen Leistungen, seine Geschichte und seine Schicksale, seine Leiden und sein Martyrium, aus dem Warenhandel. Handel und Transport sind die Grundlage jüdisehen Wesens. Ungefähr sagen das die Antisemiten auch, und nicht einmal mit wesentlich anderen Worten. Dieser Waren* handel aber wird zurückgeführt auf die geographische Lage Palästinas. Das Land Palästina also hat die Juden zu einem Waren transportierenden Volke gemacht. Und so wirkt denn die geographische Beschaffenheit des antiken Palästina auf dem Wege des Warentransportes auf die Schicksale des jüdischen Volkes bis auf den heutigen Tag. So ist alles zu erklären, was wir geschaffen und was wir erlitten haben; so ist wohl auch das Aufrieten Karl Marx’ zu erklären und die letzte Propaganda für den Untergang des Judentums. Auch die jüdische Religion hat ihren Ursprung im jüdischen Warenhandel und unsere Märtyrer haben sich wohl für das ״positive Privilegium“ des Warenhandeis, das in der jüdischen Religion festgelegt war, auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrennen lassen. Heller führt Parallelfälle der Geschichte an; auch die Griechen und die Armenier waren Handelsvölker wie die Juden. Nun, da hat aber das allmächtige Gesetz des Warenhandels wirklich etwas Verschiedenartiges geschaffen. Denn der strenge Monotheismus der Juden ist mit der hellen Religion der Griechen wohl nur schwer in Analogie zu bringen, und die kulturschöpferische Leistung der Armenier ist zu wenig bekannt, um überhaupt verglichen werden zu können. Und wieviele Völker haben sich nicht erhalten, obwohl sie auch Handelsvölker waren, Karthager, Phönizier usw. Freilich, wird Heller sagen, sie haben sich eben nicht rechtzeitig in eine Diaspora begeben, wie die Juden. Warum aber haben das die andern handelstreibenden Völker nicht getan, wenn doch das ökonomische Leben der Vater aller Dinge und Schicksale ist, und wenn hier also gleichsam derselbe Vater gewirkt hat? Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß das organische Leben einer der wichtigsten geschichtsbildenden Faktoren ist; daß es der einzige geschichtsbildende Faktor ist, behauptet die materialistische Geschichtsauffassung, Selten aber wurde sie so ad absurdum geführt wie durch die Geschichtsklitterung Otto Heiiers, der eine so komplexe Erscheinung wie das Judentum und sein Schicksal einzig auf die zum Handel anregenden territorialen Voraussetzungen Palästinas zuriiekführen will. Es scheint fast: Wenn schon ein Feuilleton-Titel für den Vortrag Hellers notwendig war, so wäre etwa ״Die Mystik des Warenhandeis“ eher am Platze gewesen als ״Der Untergang des Judentums“. Nun kommen wir zum dritten Thema des Hellerschen Vortrages. Er ist — dynamisch gesprochen, um ein Lieblingsw׳ort Hellers zu gebrauchen — der wahre Kern seiner Ausführungen: Propaganda gegen den Zionismus. Wir wollen hier nicht von Palästina sprechen. Es ist wirklich zu leicht, darauf hinzuweisen, daß Palästina keine momentane Lösung der Judenfrage ist. Man braucht ja nur, wie Heller es getan hat, ein paar Stellen aus Kongreßreden von Robert Stricker zu zitieren, um des kommunistischen Beifalls sicher zu sein. Immerhin hat man da manches Neue erfahren. Allem Anschein nach hat sich die Judenpolitik der Sowjets in weitem Maße die zionistische Ideologie zu eigen gemacht. Während man zuerst auf grobe, einfache Assimilation hinarbeitete, erkennt man jetzt die jüdische Nation an, baut ein jüdisches Schul- und Kulturleben auf, ja, man erkennt auch, daß ein Ort der Konzentration da sein muß, und so präsentiert sich in der letzten Phase Biro Bidschan als eine Art Achad Haamsches Zentrum, ins Materialistische übersetzt. Doch dies nur nebenbei. Wesentlieh ist der Kampf gegen den Zionismus in dem Sinne eines Kampfes gegen den Lebenswillen des jüdisehen Volkes. Dieser Kampf ist gewiß nicht originell. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts ist voll von dieser nationalen Todessehnsucht und von diesen Aposteln des Untergangs, und es mag Herrn Heller überlassen bleiben, diese Eigenart des jüdischen Volkes auf den Warenhandel zurückzuführen. Der Elan, mit dem die kommunistische Welle die Juden vom Judentum befreien will, gleicht fast auf ein Haar dem bourgeoisen gleichgerichteten Elan des Liberalismus unserer Großeltern. Und es werden wohl noch manche traurige Erfahrungen zu machen sein, bis auch dieser Untergangsrauseh verflogen sein wird. Vorläufig ist er noch in der aufstrebenden Phase und ergreift unsere osteuropäische Jugend. Auf uns Zionisten, die wir eine tiefere geschichtliche Erfahrung in uns fühlen und die mit unendlicher Anstrengung das Judentum zu gesundem und ehrlichem Leben führen wollen, wirkt diese Propaganda im höchsten Grade traurig. Was wollen Herr Heller und seineFreunde mit dieser Propaganda des Untergangs? Nach seiner ״wissenschaftlichen“ Ansicht ist das Judentum nach dem Gesetze der organischen Produktion zum Tode verurteilt. Was bedeutet dann seine Propaganda? Sie kann nicht mehr sein als eine Beschleunigung eines Prozesses, der doch von seinem Standpunkt aus unabwendbar ist. Wozu also noch diesen überflüssigen Gnadenstoß dem Sterbenden, seinem sterbenden Volk, wozu mit so großer Begeisterung die Konturen einer Bewegung nachziehen, die nach festen Gesetzen ihren Verlauf nimmt? Wozu der Elan dieser Propaganda? Für uns Zionisten hat Propaganda einen andern Sinn. Wir glauben an die Kraft des menschliehen Willens, an die schaffende Kraft des Willens zum Leben und daher auch an die wirkliche verändernde Kraft der Propaganda. Darum ist unser Kampf sehr ungleich. Wir haben den positiven Lebenswillen des jüdischen Volkes, das wirklich in Gefahr ist und das gewiß sogar auch erlöschen kann, zu verteidigen. Herr Heller hat kraft seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung nichts zu verteidigen und im Grunde nicht viel anzugreifen. Das jüdische Volk stirbt von selbst. Und so hat er doch im tiefsten Grunde nur eine belanglose Grabrede zu halten. Aber — — es hat vielleicht doch einen Sinn, der freilich über die Mystik der materialistischen Geschichtsauffassung hinausgeht —: Wer totgesagt wird, lebt lange. Der Widerstand, den man einem Willen in den Weg legt, kann eine schöpferische Funktion haben. Und auch Grabreden können Müde und Erschöpfte zu neuer Kraft erwecken. iBdlsdi• arabische Zusammenarbeit Eine Delegation der Jerusalemer Handelskam־ m e r wurde bei dem High Commissioner Wauehope vorstellig und legte ihm verschiedene Wünsche vor, die sich auf den Ausbau des Hafens in Jaffa, sowie auf die Wasserversorgung Jerusalems beziehen. Im Verlaufe des Gespräches wurde darauf hingewiesen, daß die Jerusalemer Handelskammer jüdische und arabische Mitglieder in harmonischer Gemeinschaff umfaßt. Auch die Delegation bestand aus Juden und Arabern. Das Zentralkomitee der Gewerkschaft der Eisenbahn- und Postangestellten Palästinas, das bekanntlieh aus Juden und Arabern besteht, wendet sich in einer an die Presse gerichteten Zuschrift gegen den Versuch der arabischen Zeitung ״Felestin“, den arabischen Mitgliedern der Gewerkschaft, die einer gemischten Delegation bei der Regierung angehörten, die Berechtigung zur Vertretung arabischer Arbeiterinteressen abmsprechen. Die Organisation erklärt, daß in ihren Reihen keinerlei nationale Unterschiede bestehen und daß auch die arabischen Mitglieder des Komitees von den arabischen Angehörigen der Gewerk- Schaft ordnungsgemäß gewählt worden sind. Professor David Bsumgardt. Unser Gesinnungsgenosse Dr. David Baum gardt ist zum Professor an der Berliner Universität ernannt worden. Dr. Baumgardt. dessen philosophische Werke in Fachkreisen und dessen großes Buch über Baader auch in einer weiteren Oeffentliehkeit große Aufmerksamkeit gefunden haben, hat sich in der kurzen Zeit seiner Dozentur eine angesehene Stellung innerhalb der maßgebenden Universitätskreise geschaffen. Die wissenschaftlichen Qualitäten des iungen Gelehrten berechtigen zu großen Hoffnungen. Dr. Baumgardt hat sich auch mit Problemen der jüdischen Philosophie beschäftigt und aus diesem Gebiete mehrere Arbeiten publiziert. Kisch und Brodetsky zum French-Bericht. Vergangene Woche sprach in London in einer Versammlung der English Zionist Federation Col. Kisch, der sich diese Woche wieder nach Palästina begibt. Im Verlaufe seines Vorträges kam Kisch auf die Veröffentlichungen des ״Jewish Chronicle" über den angeblichen Inhalt des French-ßierichtes zu sprechen, über die wir in der vorigen Nummer berichtet haben. Er betonte, der Bericht werde jedenfalls mit der Jewish Agency besprochen werden und man dürfe sich durch vorzeitige Gerüchte nicht irremachen lassen. Redner sei überzeugt, daß auf alle Fälle auch zur Unterstützung der jüdischen Kolonisation ein Teil des Geldes des Entwicklungsplans verwendet werden wird. Im weiteren Verlauf seiner Rede wandte sich Kisch gegen die generalisierende Ablehnung der britischen Beamtenschaft in Palästina. Kein Engländer werde sich einer Kritik entziehen wollen, aber die Art der in manchen zionistischen Kreisen vorhandenen beamtenfeindlichen Stimmung ist nicht geeignet, die Unterstützung der Mandatarmacht für die jüdische Sache zu verstärken. Auch Dr. Brodetsky, der nach Kisch sprach, versicherte, daß die Jewish Agency dem French-Bericht nicht zustimmen wird, falls er irgendein zionistisches Grundprinzip verletzt. Die Ziehmutter Moses’. ״Daily Mail" bringt eine Mitteilung von Sir Charles Marston, unter dessen Aegide die Marston Archeological Expedition unter der Leitung von Prof. John Garstang gegenwärtig in Palästina Grabungen vornimmt, wonach Funde in den Königsgrlbern von Jericho es möglich machten, mit ziemlicher Sicherheit jene ä g y p - tische Prinzessin festzustellen, die vor mehr als 3300 Jahren das Kind Moses im Schilfe des Nil aufgefunden hat. Es handelt sich bei den Funden um Töpferwaren und Skarabäen, deren Aufschriften den Auszug der Juden aus Aegypt e n auf das Jahr 1440 v. Chr. datieren. Dieses Datum stimmt mit dem in der Bibel angegebenen überein. Der Auszug fand kurz nach dem Tode von Thotmes III., dem Nachfolger von Thotmes ü., statt. Während der 13jahrigen Regierungsdauer von Thotmes II. und den ersten 14 Jahren der 53jährigen Regierungsdauer von Thotmes UI. war die eigentliche Herrscherin des Landes Hatasu, die mächtigste Prinzessin der ägyptischen Geschichte. Sie war die Schwester von Thotmes II. Aus den Jericho-Funden geht hervor, daß Prinzessin Hatasu diejenige war, die Moses im Schilf fand. Sie verhalf ihrem Schützling zu Macht upd Einfluß, aber als sie starb, mußte Moses nach Midian fliehen, wo er die letzten 40 Jahre der Regierung von Thotmes III. verbrachte. Bei den in der Nähe von Nablus (Sichern) betriebenen Ausgrabungen stieß man auf eine von den Juden errichtete mächtige Mauer, an die die Römer zur Zeit des Herodes das Forum gebaut hatten, ferner auf Gräber mit zahlreichen Gold- und Silbergegenständen, sowie Glasgefäßen, auf einen ausgezeichnet erhaltenen, aus Stein gebauten Wasserleitungskanal und auf ein römisches Mausoleum mit steinernen Särgen! Palästina and polnisches Judentum (Von unserem Korrespondenten.) g. Warschau, 29. Januar 1932. Der Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ vom S. Januar über ״Zionistische Aufgaben“, worin beanstandet wird, daß die Londoner Exekutive bisher sehr wenig oder gar keine Aktivität in bezug auf die Mittelstandseinwanderung und -kolonisation bekundete, hat hier ein gtarkes Echo gefunden. Was dort mit Recht ausgeführt wurde, gilt in noch höherem Maße für Polen. Der Vorwurf und der Appell der ״J. R.“ decken sich vollkommen mit dem, was hier darüber gesprochen und gedacht wird. Der polnische Jude, der hier keine Existenz für sich und seine Kinder sieht, denkt an Palästina, und wäre ihm ein tüchtiger Ratgeber zur Seite, könnten diejenigen, die noch über ein gewisses Kapital verfügen, ihre Zukunft mit Erez Israel verbinden. Aber in dieser Hinsicht wird hier sehr, sehr wenig getan. Die ״J a c h i ^‘-Genossenschaft der Histadruth sandte •einen Delegierten, ebenso einige private Gesellschaften, die Kreise des Verbandes der polnischen Juden in Palästina und der polnisch - palästinensischen Handelskammer werben in dieser Richtung. Es sind aber vereinzelte Aktionen, denen es an Schwung und Ueberzeugungskraft mangelt. Daher sind die bisherigen Resultate minimal. Wir übersehen keinesfalls die kolossalen Schwierigkeiten, die mit der Organisierung des Mittelstandes für Palästina verbunden sind, aber wir zweifeln auch nicht daran, daß eine einheitlich und energisch von autoritativer Seite geleitete Aktion, hier Früchte tragen könnte. Die Exekutive hat hier eine schwere, aber dringende Aufgabe, sowohl für Palästina als auch für die der Vernichtung preisgegebenen weiten Teile des Diasporajudentums, das polnische vielleicht in erster Linie, zu erfüllen, und man fragt erstaunt, wo ihre Initiative bleibt. Die jüdische Jugend in Polen ist verzagt und verzweifelt. Tausende junge jüdische Menschen sind zur chafuzischen Alijah bereit und müssen infolge der faktischen Einwanderungssperre hierbleiben. Es bedeutet nicht nur eine Kata- Strophe für jeden Einzelnen von ihnen, es ist vielmehr eine moralische und geistige Katastrophe, die unserer fdee und Bewegung droht. Trotz größtem Idealismus und stärkster Verbindung mit dem Palästinaideal wirkt eine solche Situation, wenn sie länger andauert, deprimierend und demoralisierend, zumal Einflüsse sich geltend machen, die nicht zu unterschätzen sind. Und nicht zuletzt wirkt sich der Mangel von Arbeiterzertifikaten und die noch immer geltenden Beschränkungen der Einwanderung der Kapitalbesitzer ungünstig auf die Samm- Iungen für unsere nationalen Fonds aus. Die diesjährige Keren Ha iessod-Kampagne wurde in Kongreßpolen durch Dr. Hantke und in Westgalizien bzw. Krakau durch Leib Jaffe eingeleitet. Beide Direktoren des K. H. sind ausgezeichnet mit den polnischen Verhältnissen vertraut und machen die größten Anstrengungen, um trotz der schweren Ökonomischen Krise die Sammlungen erfolgreich durchzuführen. Dr. Hantke weilte hier noch im Dezember, hat in Warschau und in Lodz in großen Veranstaltungen ausführlich und überzeugend über die Lage gesprochen und er hat, glauben wir, nach seinen vielen Konferenzen und Beratungen mit verschiedenen zionistischen und nichtzionistischen Kreisen den Eindruck gewinnen müssen, daß es in Wirklichkeit keiner allzugroßen Ueberredung bedarf, um von polnischen Juden für den K.H. Spenden zu erlangen. Es gibt eigentlich nur zwei Hindernisse: die schlechte materielle Lage und Mängel in der Organisation der Arbeit und leider Unzulanglichkeiten, gelinde ausgedrückt, in der zionistischen Orgamsation. . . Dieser letzte Umstand entfällt fast vollständig m Westgalizien, wo Leib J a f f e erst seit einigen Tagen weilt. Es ist schon der zweite Besuch Jaffes in Krakau und, wie vor zwei Jahren, wurde er auch jetzt herzlich empfangen. Es ist zu hoffen, daß es dem bekannten unermüdlichen Eifer Jaffes gelingen wird, gute Resultate zu erzielen. In Kongreßpolen trägt die Hauptlast der diesjährigen K. H.- Aktion Dr. Michael T r a u b. Es war seitens des Direktoriums des K. H. ein kluger Schritt, daß es gerade nach Polen und in diesem Jahre einen solchen Mann sandte. Wurde doch oft ausgesprochen, daß das polnische Judentum keiner ״sentimentalen" Palästinapropaganda mehr bedarf. Was nottat, war eine sachkundige, nüchterne, von einer starken Ueberzeugung und großen Erfahrung getragene Propaganda, die die sozialwirtschaftlichen Momente in den Vordergrund schiebt und die die besondere Lage der polnischen und osteuropäischen Judenheit richtig in den Rahmen der allgemeinen Judenfrage einfaßt. Dr. Traub nun hat durch seine Schilderungen der sozialökonomischen Verhältnisse der Juden in Deutschland und in Sowjetrußland, durch seine fachkundigen und scharf umrissenen Betrachtungen über das Wandeningsproblem und durch seine überzeugende Analyse der ökonomischen und politischen Situation des polnischen Judentums erst richtig und für viele seiner zionistischen und nichtzionistischen Zuhörer in Polen zum erstenmal die zionistische Idee und die Palästinalösung in ein neues, helles Licht gerückt und dadurch nicht nur unmittelbar dem Keren Hajessod, sondern auch der Propaganda für den Gedanken des Nationalheims gedient. Das Warschauer Zentralbüro des K.H. fand in Dr. Traub einen energischen Helfer, nachdem Dr. Hantke während seines mehrtägigen Besuches in Warschau auch auf organisatorischem Gebiete wichtige Arbeit geleistet hatte. Das Direktorium des K. H. in Polen hat Prof. Dr. S c h o r r zum Vorsitzenden gewählt und es ist zu erwarten, daß es dem neuen, allseits geachteten Vorsitzenden und der eifrigen Tätigkeit Dr. Traubs gelingt, für den K.H. im laufenden Jahre das möglichste zu erreichen. Der Jüdische Nationalfonds hat seine diesjährige Kampagne mit dem 50jährigen Jubiläum der Chibbath- Zion-Bewegung verbunden und delegierte nach Polen A. D r u i a n o w, welcher an der Wiege dieser Bewegung stand und seit vielen Jahren in Palästina lebt. Druianow ist der Ge- Schichtsschreiber der Chowewe-Zton und ist der noch in Polen lebenden alten zionistischen Generation von der vorherzischen Periode gut bekannt. Er fand hier einen sehr guten Boden für seine Propaganda, insbesondere unter der Jugend, und seine Leistung — auch rein physisch bei diesem hochbetagten Manne eine enorme — ist vom zionistischen Standpunkt nicht hoch genug einzuschätzen. Die KKL-Aktion wurde mit einer imposanten Kundgebung in Bialystok, der Wiege der Chowewe-Zion-ßewegung (dort war lange Zeit der Wirkungsort Rabbi Mohilewers) eingeleitet, wo sich die ältesten zionistischen Veteranen zusammengefunden haben. Bei dieser Gelegenheit wurde viel neues, unbekanntes Material zur Geschichte des Vorkongreß- Zionismus an den Tag gebracht und Druianow zur Bearbeitung übergeben. Seitdem bereist Druianow größere und kleinere Orte Kongreßpolens und spinnt überall den goldenen Faden, der die ersten zionistischen Vorkämpfer roi* den Chaluzim des neuen Palästina verbindet.

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